ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 6, 05.06.2021

Juni 7, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO-Essay

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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg – erschienen am 01.05.2021 

Teil 2 – Orpheus und seine Legende – erschienen am 8.5.2021 

Teil 3 – Die Fabel des Ange Politien – 15.05.2021 

Teil 4 – Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck

 Teil 5  –  Orpheus –  Ein erstaunlicher Erfolg

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Teil 6  –  Offenbach oder die Provokation des Lachens

Das Lachen bei Jacques Offenbach ist ein „ernsthafter Witz“, der sich auf andere musikalische Formen bezieht. Sein Werk Orphée aux Enfers (Orpheus in der Unterwelt) befasst sich ohne Umwege mit dem Mythos der Oper und spielt auf aktuelle Ereignisse und eine subtile Manipulation der bildenden Künste und vor allem der Mythologie an.

Das Lachen bei Offenbach ist ein Gericht, das kalt gegessen werden muss! Es ist die Rache eines Musikers an der Großen Musik seiner Zeit, die von Giacomo Meyerbeer (1791-1864) und anderen Gaetano Donizetti(s) (1797-1848), die Rache eines echten Musikers. Einem Vollblutkünstler, der mit seinen volkstümlichen Vorstadtliedern ein ganzes operettenhaftes Second Empire als Sohn eines Deutschland mit wahren Kaisern, die bürgerliche (oder humanistische) Kultur mit großer Frechheit als ein offizieller Hofnarr verspottete…

Es genügt zu sagen, dass Offenbachs Lachen zu seiner Linken wie zu seiner Rechten durch ein Gewirr von Wiedersprüchen entsteht, eine Quelle unaufhörlicher Missverständnisse, die den Drang zum Scherzen schnell beseitigen…

Missverständnisse über den Stil…!

Weder Operette noch komische Oper, nicht wirklich burleske Oper, die Offenbachiade (um Siegfried Kracauers (1889-1966) Terminologie zu verwenden) entwickelt sich in einem kulturellen Minenfeld und bereits die Neufassung von 1874 trägt den pompösen Titel Märchenoper (Opéra-Féérie). Jedoch Offenbach nutzt niemals das versteckte Schmunzeln beim Vorübergehen… (wie auf dem Boulevard), die Lächerlichkeit eines Abenteuers… (wie in der Opéra Comique), die Leichtigkeit eines Tanzrhythmus… (wie in der Operette), das Feierliche der großen Form… (wie in der französischen romantischen Oper). Nein, nur durch Provokation, aber sofort als Unverschämtheit entschärft und sobald sie ins Leben gerufen wurde, von ihrem Ziel als unentgeltliche Parodie abgelenkt…

Die Parodie ist daher der geometrische Ort dieser Einflüsse, um den übermäßig bombastischen Musiker, den offiziellen überzogenen Dichter oder den maßlosen empörten Bürger zu provozieren… Aber wenn Offenbach auch hart zuschlägt, ist es immer zum Spaß: das Lachen eines Rigoletto / 1851 (Giuseppe Verdi / 1813-1901), der sich über Paillasse / 1892 (Ruggero Leoncavallo / 1857-1919) lustig macht, oder aber auch von einem Pagageno, der sich die Arien von Figaro ausleiht.

Jacques Offenbach von Édouard Riou und Nadar © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach von Édouard Riou und Nadar © Wikimedia Commons

Missverständnisse im komischen Bereich

Unabhängig davon, ob es sich um musikalisches Schreiben oder um die Behandlung des Librettos handelt, funktioniert die Offenbachiade in erster Linie in Bezug auf die Referenz, deren Vorkenntnisse durch das Publikum oder ihre direkte Nutzung auf der Bühne für das Gewissen eines Jeden und damit für das Lachen von wesentlicher Bedeutung ist. Musikalisch entwickelt sich das Komponieren von Offenbach in der Karikatur, entweder von der Grand Opéra, die man in dieser Situation zitieren kann (der Chor in La Favorite / 1840 (Donizetti), wiederholt sich in La Périchole / 1868), oder die sentimentalen Lieder der Café-Concerts (La Chanson de Fortunio / 1861), oder sogar der tänzerische Galopp (Can-Can / 1868). Wir könnten also schematisiert sagen, dass immer alles auf eine dieser drei musikalischen Figuren reduziert wird und ihr dann die Form geben. Die Musik von Offenbach erscheint daher nur selbst durch die Werke  anderer  Komponisten und das bis einschließlich Les Contes d’Hoffmann (1881). In Orphée aux Enfers ist die Parodie jedoch streng genommen demonstrativ, da es darum geht, den Mythos der Oper, den des Orpheus, anzugreifen. Bei der Interpretation, die nach Definition für die Übermittlung der Bedeutung des Werks zuständig ist, ist es Sache der Bühne, der Öffentlichkeit und nicht dem Programm, über das Werk zu sprechen. Wir werden uns daher hier damit begnügen, kurz auf die Komplexität des gestellten Problems hinzuweisen, ohne zu entwickeln, wie wir es gewählt haben – oder abgelehnt haben! – um es zu lösen…

Leseprobleme in Offenbachs Werk

  Eindeutige Sicht: Die Anspielung auf aktuelle Ereignisse

Es wird manchmal ins Absurde gedrängt. Wenn z.B. Eurydike im ersten Akt des Orphée aux Enfers ihre Anrufung an den Tode singt: „Der lächelnde Tod erscheint mir… ich werde wiedergeboren statt zu sterben…“, ist es vielleicht für die Eingeweihten weniger eine Anspielung auf La Traviata (1853), denn auf einen Stadtklatsch einer aktuellen Nachricht: Eine skandalöse Statue von Auguste Clésinger (1814-1883), die 1847 nach dem nackten Körper von Apollonie Sabatier (1822-1890), einer koketten mondänen Salondame unter den Künstlern, modelliert wurde. Diese Frauengestalt war offensichtlich in einem vollen Orgasmus und trug den folgenden Titel: Femme piquée par un serpent (1847). Wenn wir gut suchen, finden wir tatsächlich die Schlange! Und wenn wir uns den Text von Eurydikes Arie genauso gut ansehen wie ihre Statue, finden wir genauso zweideutige Resonanzen…

Ein kleiner Seitenhieb des Tages: Wir wissen, dass die Arie in Prosa für Pluto geschrieben wurde, um den Kritiker Jules Janin zu verspotten, von dem er eine hochtrabende Beschreibung des Olymp entlehnte, die Crémieux der Presse enthüllte, sobald der giftige Artikel von Janin nach der Premiere erschien. Eine Arie in Prosa und nicht in Versen, wie es die Gattung gerne wollte: Pluto nimmt den Olymp mit beißendem Spott auf die Schippe und findet ihn „prosaisch…“

OFFENBACH – Gala Finale – Jacques Offenbach
Youtube musicca75 – Les Musiciens du Louvre Grenoble
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Zweideutige Sicht: Die manipulierte Parodie gilt in den schönen Künsten

Ein einziges Beispiel aus dem Kapitel Mythologie: Jupiter, d.h. natürlich Napoléon III. selbst (der Adler, der Geschmack für außereheliche Eskapaden, usw.) verwandelt sich im 3.Akt in eine Fliege und nicht in eine Biene, wie man es erwarten könnte mit dem Symbol des Premier und Second Empire. Wenn das Finale des dritten Aktes mit einem Ballet des Mouches endet, dann deshalb, weil es in Saint-Cloud ein Ballet des Abeilles gegeben hatte, das für großes Aufsehen sorgte… Hier ist die Biene eine Fliege geworden (es ist natürlich bei Pluto im Reich der Toten!). In ähnlicher Weise verkleidet sich Pluto im ersten Akt als Imker (Aristaios), um sich Eurydike zu nähern. Der Kaiser war berühmt für seinen Geschmack der Verkleidung und seine nächtlichen Ausflüge waren manchmal sehr gefährlich. Hier kann man den Kaiser durch zwei antithetische Personen erkennen…

Auch ist die mythologische Episode von Aristaios zu uns gekommen, hauptsächlich durch Virgils Georgica, das zu dieser Zeit viel gelesen wurde. Darin wird erzählt wie Aristaios die Bienen erfunden hat, indem er sie in den Kadavern von Stieren zur Welt gebracht hatte.

Bienen werden also aus Fäulnis geboren… was Fliegen anzieht… Aber genau Aristaios hat in der Legende den Tod von Eurydike verursacht, weil er sie durch die Weizenfelder in der Nähe von Tempé verfolgt hat, um sie zu vergewaltigen. Die Mehrheit des Publikums der Epoche kannte genug aus der Mythologie, um über die Art und Weise zu lächeln, in der Crémieux und Halévy zwei verschiedene Episoden kombiniert hatten: Die von Aristaios/Eurydike und die von Pluto/Perséphone, der Tochter von Demeter (Cérès), der Göttin der Ernte, entführt von Hadès (Pluto), als sie Blumen auf einer Wiese pflückte (an die sich Eurydike in ihrer ersten Arie erinnert).

Für spezialisierte Mythologen ist das alles kompliziert, denn wir wissen dass Aristaios in der Tat der Vater von Actéon ist (erfreut über Diane im zweiten Akt) und dass er aus diesem Grund Boeotia hasste (in dem Styx, Erfindung von Offenbach, König ist d.h. König der Dummköpfe und auch aus diesem Grunde nannten die alten Griechen die Boeotiaer desgleichen.). Wir müssen ein wenig Mythologie kennen um Offenbach zu folgen, aber nicht zu viel! Außerdem ist die Unverschämtheit, mit der Offenbach die griechischen und römischen Namen der Götter vermischte, provokativ und wurde als solche empfunden. Nicht zu verwechseln mit den Karikaturen von Daumier, der sich über klassische Tragödien und Schauspieler lustig machte, aber nicht über klassische Kultur.

Jacques Offenbach von Robida © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach von Robida © Wikimedia Commons

Eine dreideutige Sicht: Opernparodie, mit Opern-Schlüsseln frei nach Offenbach, Opernkritik des Politischen und des Sozialen

Aber die Wertschätzung der Bedeutung von Referenzen wird für den heutigen Betrachter sehr heikel, da sich unsere Lesart dieser Parodie oder Kritik in einem Jahrhundert geändert hat… Die Verspottung der Götter der Antike (der Olymp hatte nichts Besseres zu tun als zu schlafen!) kann einen progressiven Charakter annehmen. Damals war es umgekehrt: Die romantische Schule von 1830 ( Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) malte L’Apothéose d’Homère / 1826/27), nicht mehr als die realistische Schule von 1870, brach nie mit der Antike als Vorbild und mit der Entdeckung der Ruinen von Pompeji, desgleichen die darauf folgende neoromantische Mode. Diese zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, fällt sogar mit – den wissenschaftlichen Entdeckungen – der wahren griechischen Poesie, mit den Tiefen der Mythen zusammen. Daher die Gewalt mit der Orphée aux Enfers von Offenbach bei der Oppositionspresse und den Studenten begrüßt wurde. Woran sich Émile Zola (1840-1902) in Nana (1880) erinnert: „Eine ganze Poesie, eine ganze Zivilisation, die in den dreckigen Schlamm gezogen wurde…„Frei nach Offenbach: Einer ganzen Gesellschaft von Emporkömmlingen, von Neureichen und Börsenspekulanten, die in ihrer Dummheit zusammen mit der kaiserlichen Hofgesellschaft im Namen von Bacchus (Dionysos) in ihrem eigenen Dreck ertranken.  Aber Dionysos ist auch Priester der Freiheit, Inspirator der großen Tragödien und nicht nur Priester des Weins und des Champagners..!

Jacques Offenbach Karikatur und die Tänzerin Emmy Livry © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach Karikatur und die Tänzerin Emmy Livry © Wikimedia Commons

So erschien der Orphée aux Enfers einigen seiner Zeitgenossen wirklich. Kein „crime de lèse-majesté“, sondern ein Sakrileg, eine Umkehrung von allem, was die Antike von Schönheit brachte. Denn nichts ist weiter vom Theater Offenbachs entfernt als ein sogenannter Moralrichter der Bühne („Castigat ridendo mores“) zu sein: Für Offenbach, Meilhac, Halévy, Crémieux ging es darum, „eine Versicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit gegen Langeweile zu gründen“, um ihren eigenen Ausdruck zu benutzen! Wenn die Götter die Revolution machen, dann ist es für den Erhalt der gleichen Nahrung, wie die der Schatten in Plutos Reich und es genügt für Jupiter sie dazu zu bringen, Spaß in der Unterwelt zu haben und nicht mehr wie zuvor zurückzukehren. Die Marseillaise (1795 / Rouget de Lisle / 1760-1836) erklingt in der Küche, nicht auf der Straße…!

Wir sind daher ziemlich weit entfernt von dem einzigen Wortspiel, kleine scharfe Punktierungen  gegen den kaiserlichen Hof zu schießen, indem wir normalerweise die Trübungen des Librettos zurückbringen. Denn alle Umschreibungen und Aktualisierungen sind gewissermaßen gerechtfertigt und hervorrufen streng genommen Missverständnisse  gegen die Bedeutung des Werkes, das gleichzeitig in eine enge Passage führt und  als obligatorisch erachtet wird für den Inhalt selbst… Die Situation wird noch komplizierter durch die Tatsache, dass die Version von 1874 das Material von 1858 in eine andere Richtung als das Original entwickelt: Orphée aux Enfers, die komische Oper wird zur Märchenoper. Die Parodie des Kaiserreiches ist mit einer Parodie der Republik verdoppelt (verlogener Gemeinderat, stehlende Polizei, korrupte Gerichte, die Ballette als großes Spektakel, usw.). Pluto nimmt eine republikanische Farbe an, die er 1858 nicht hatte, das parodistische Menuett vom 18. Jahrhundert im ersten Akt (die Kaiserin Eugénie /  1826-1920) spielte gern den  Schäfer und die Schäferinnen im kleinen Trianon wie die verstorbene Reine Marie-Antoinette d’Autriche / 1755-1793) verliert an Kraft, desgleichen der Hinweis auf Gluck ist verbraucht. Sowie die Parodie des Rezitativs, begleitet von der spätklassischen opéra seria auf den großen Bühnen mit Chören von Meyerbeer und Gounod. Auch der große Ballettstil z.B. La Fille mal gardée (1828 / Louis-Joseph-Ferdinand-Hérold / 1791-1833) ou La Danse des Heures (1876 / Amilcare Ponchielli / 1834-1886) wird in den Opern dieser Zeit immer mehr hinein getrüffelt. Im 4. Akt ist der Sieg des Wein, der Prosa und dem Can-Can mit Götterspeise, Poesie und Menuett. Was in 1858 verspottet wurde (der 4. Akt ist 1874 unverändert), wird 1874 zu einer Niederlage und ist daher von der Parodie befreit…

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Die Opposition (Pluto) wird zum Staat, der sich, wie 1858 angekündigt: In gutem Essen, Tanz und Wein auflöst. Aber gestern wie heute protestiert die Marseillaise des Olymp nur gegen den „Blauen Himmel und der Götterspeise“. Die Wolken der Kommune sind seitdem vergangen, ohne das Offenbach dazu zu bringen ist, einige Passagen neu zu schreiben, denn wie immer  meint er, eine Tour in die Hölle, in die beliebten populären Bälle, wo es immer Spaß und Freude gibt, denn dort ist auch alle Welt mit ihm einverstanden… Es gibt also wie man sagen kann, viele Schwierigkeiten und Geheimnisse für die Werke, die als einfach und leicht erachtet werden. Aber gerade Offenbach ist niemals einfach oder naiv und der Geschmack an Bezug, der bis zur Perversion gedrängt wird, wird zum Kennzeichen einer Gesellschaft in völliger Dekadenz. Einer Gesellschaft, die wusste, dass sie nicht wie in La Belle Hélène (1864) „so lange weiter dauern könnte!“ Mit dem Zynismus des Emporkömmlings, der er war, sagte der Kaiser selbst: „Die Leute beschweren sich, dass die Dinge in meiner Regierung nicht sehr gerade laufen. Wie könnte es anders sein? Die Kaiserin ist eine Legitimistin, Charles Auguste Louis Morny (1811-1865) ist ein Orleanist, ich bin ein Republikaner. Es gibt nur einen Bonapartisten, es ist Victor de Persigny (1808-1872) und er ist verrückt!“

Offenbachs burleske Oper ist daher das ideale Genre, um die politische Funktion zu übernehmen, echte Probleme zu entwaffnen (der Kaiser kam 1860 persönlich um das Werk zu applaudieren) und eine Utopie des Genusses einzuleiten „Evohé, Bacchus ist König!“. Die Zweideutigkeit von Offenbach liegt in seiner ideologischen Position, die ihn dazu bringt, die blutige Diktatur Napoléons III zu unterstützen, jedoch in gleicher Zeit verhöhnt er diese Regierung und zeigt sie in ihrer ganzen absurden Lächerlichkeit. Das bewundernswerte Rennen auf das Endziel bei Offenbach ist sein Mangel an Zynismus, an eigenem Bewusstsein (er wird nichts von der Entwicklung der Operette in der III. Republik verstehen). Aber das ist einer der Gründe, die seine Werke für die Öffentlichkeit sympathisch macht, obwohl jedoch jedes von ihnen dies tut, erscheinen sie uns als ein schlecht identifizierbares Objekt des Planet Paris in der Zeit von 1851-1870. Offenbachs Lachen, das in seiner Offenheit kaum zugänglich ist und doch gleichzeitig mehrdeutig erscheint. Ein Lachen, das so sehr darum bittet, ein schlechtes Gewissen zu haben! Ein Lachen, das die Öffentlichkeit einfängt, ein Lachen mit großen Holzschuhen im subtilen Bereich der Mythologie, ein Lachen auf leichten Füssen im brutalen politischen und sozialen Bereich. Das Lachen balancierte auf dem dünnen Faden, der sich durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht. Das Pendel ist ein sperriges Objekt, das nicht leicht zu halten ist…          PMP-15/03/21-6/6

—| IOCO Essay |—


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ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 5, 29.05.2021

Mai 29, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO-Essay

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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg – erschienen am 01.05.2021 – link HIER

Teil 2 – Orpheus und seine Legende – erschienen am 8.5.2021 – link HIER!

Teil 3 – Die Fabel des Ange Politien – 15.05.2021 – link HIER!

Teil 4 – Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck

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 Teil 5  –  Orpheus –  Ein erstaunlicher Erfolg

Fast ein Jahrhundert nach Gluck ist hier der Mythos von Orpheus in den respektlosen Händen von Offenbach, Crémieux und Ludovic Halévy (1834-1908). Die Begeisterung des Publikums am Abend der Premiere, dem 21. Oktober 1858, war eher lauwarm! Anstelle von vier Stücken in einem Akt hat das Plakat vom Théâtre des Bouffes Parisiens nur einen Titel. Die Aufführung hat eine Dauer von vier Stunden. Die Zuschauer sind desorientiert und das Gefühl der Kritik des renommierten Blattes L’Illustration wird zweifellos von vielen geteilt:

„Hier hat Herr Offenbach, der seinerseits Orpheus den Krieg erklärte, ihn in einen Geigenlehrer verwandelt und den Olymp in eine Karikatur verwandelt (…). Es füllt vier Akte und dauert einen Abend. Man fragt sich überrascht, woher die Idee einer solchen Parodie kommen könnte. (…). In der Mariage aux Lanternes (1857) oder Ba-Ta-Clan (1855) gibt es mehr Erfindungen und originelle Ideen als in den vier Akten des Orphée aux Enfers.“

Noch vor der zweiten Aufführung verkürzte Offenbach sein Werk. Die Rolle von Caron, Cerbère und Morphée werden kurz und bündig gestrichen. Léonce (1823-1900) und Désiré (1823-1873) verfeinern ihre Improvisationen. Anfang November kündigt Le Ménestrel die „…Ergänzungen an, die Herr Offenbach zum dritten Bild hinzugefügt hat, indem er das Duett der Mouche (Fliege) von Lise Tautin (1834-1874) und Désiré eingefügt hat und besonders das „Summen“ von beiden Künstlern wurde außergewöhnlich  gelobt. Auch das Couplet von Bache wurde wiederholt in einer trunksüchtigen Szene voller Komik gelobt.“ Das Publikum gewöhnt sich allmählich daran, ein so langes Stück auf der kleinen Bühne des Théâtre des Bouffes Parisiens zu hören. Es lässt sich von den ausgefallenen Kostümen von Gustave Doré (1832-1883) und Charles-Albert Bertall (1820-1882) und von der Schönheit der Bühnendekoration von Charles-Antoine Cambon (1802-1875) und Jean-Louis Chéret (1820-1882) (besonders das letzte Bild war sehr beeindruckend, indem sich ein großes Tor öffnet auf ein Meer von flammender Lava sichtbar wird…) begeistern. Ende Dezember 1858 besuchte Prinz Jérôme Napoléon (1822-1891) die Vorstellung, gefolgt vom Großherzog Konstantin Nikolajewitsch von Russland (1827-1892). Gleichzeitig wurde beim ersten Ball der Pariser Oper die von Isaac Strauss (1806-1888) arrangierte Quadrille des Orpheus in Anwesenheit von Offenbach mit unvergesslichen Ovationen belohnt.

Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons

Jacques Offenbach / Karikatur von André Gill © Wikimedia Commons

Das Stück ist lanciert! Der Erfolg – der sich in der Höhe der Einnahmen seit der Kreation zeigt – wird von der 80. bis 180. Aufführung mit einem durchschnittlichen Umsatz von 2.300 Franken noch größere Ausmaße annehmen. Der Rekord war am 8. März 1859, am Fastnachtstag, erreicht. Am 28. Januar wurde die hundertste Vorstellung mit einem Abendessen von Café Very gefeiert. Auf dem Einladungs-Gutschein stand: „Nach Öffnung des Vorhanges garantieren wir keine Speiseplatten mehr!“ Das Abendessen für die zweihundertste Vorstellung fand am 12. Mai statt. Die komische Oper entwickelte sich weiter: Die Rolle des Amphitrite wird hinzugefügt und Offenbach denkt an einen Bellone und eine Hébé. Die Anzahl der Chorsänger wird von zwölf auf vierundzwanzig erhöht. Es versteht sich von selbst, dass die Fähigkeiten des Direktors vom Théâtre des Bouffes Parisiens, die Aufmerksamkeit auf sein Theater zu lenken, sehr wichtig war für den enormen Erfolg von Orphée aux Enfers. Offenbach ist in Bezug auf die öffentliche Meinung im Leben ebenso geschickt wie auf der Bühne: Die berühmte Kontroverse mit Jules Janin (1804-1874) ist ein Beispiel dafür. Worum geht es? In seiner Serie im Journal des Débats vom 6. Dezember 1858 griff der Kritiker auf dem Höhepunkt seines Ruhms den Orpheus in wenigen Sätzen an „und vertrat die Seite der heiligen und ruhmreichen Antike indem er die Parodie äußerst streng verurteilte.“ Janin verschluckt seine Worte nicht („Ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand“) aber bewilligt doch einen reduzierten Platz für das neue Werk. Offenbach verstand dennoch, dass dort eine enorme Werbemöglichkeit für ihn bestand. Ab Mitte November reagierte er in Le Figaro auf einen ersten Angriff von Janin gegen den Théâtre des Bouffes Parisiens. Diesmal bringt er Crémieux dazu, einen zweiten offenen Brief zu schreiben, indem dieser enthüllt dass die von Pluto bei seiner Ankunft im Olymp rezitierte bombastische Tirade aus einem Artikel von Janin vom vergangenen Mai herausgeschnitten wurde… Der Effekt ist garantiert! Offenbach hält die Kontroverse mit einem Brief, der ebenfalls am 16. Januar 1859 in Le Figaro veröffentlicht wurde und in dem er auf komische Weise Deutsch und Französisch vermischt: „Die neidische Behauptung, dass Sie (Janin) Ihr Latein (votre latin) nicht immer verstehen, dachte ich es wäre Ihnen gleichgültig (indifférent), mein Deutsch (mon allemand) nicht besser zu verstehen.“ Der letzte Schlag wird durch einen dritten Artikel am 24. Februar in derselben Zeitung behandelt, indem der Komponist Janin dankt („Danke Janin, guter Janin, ausgezeichneter Janin. Janin, der beste Freund, Janin, der größte Kritiker!) für die große hilfreiche Werbung seines neuen Stück und er fühlt sich auch sehr geschmeichelt in der Gesellschaft von Eugène Scribe (1791-1861), Rachel Félix (1821-1858) und Alexandre Dumas (1802-1870) zu sein, eben unter denen, deren Werke ihn „sehr erschöpfen und ermüden“.

Wenn Orphée aux Enfers für manche ein Sakrileg gewesen sein mag, müssen wir jedoch den Skandal, der es gewesen sein könnte, relativieren. Ohne auf Platée (1745) von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) zurückzukommen, können wir Actéon et le centaure Chiron zitieren, eine mythologische Farce von Félix-August Duvert (1795-1876), Emmanuel Théaulon (1787-1841)  und Adolphe de Leuven (1802-1884) (Théâtre du Palais-Royal, 1835), Les Dieux de l’Olympe à Paris, Komedie-Singspiel von Achille Tenaille de Vaulabelle (1799-1879) und Louis Clairville (1811-1879) (Théâtre du Vaudeville, 1846) oder sogar Les Sept Merveilles du monde, Märchenspiel von Eugène Grangé (1810-1887) (Théâtre de la Porte Saint-Martin, 1853), wo in einem Bild ein lächerlicher Olymp darstellt wurde, für den sogar der große Honoré Daumier (1808-1879) die Kostüme entwarf. Viel beunruhigender war in der Tat die Beförderung des Théâtre des Bouffes Parisiens zu einem wahren Opern-Theater. Für manche war das der wahre Skandal!

Die 227. und letzte Aufführung der Orphée aux Enfers – Saison fand am 5. Juni 1859 in der Passage Choiseul statt. Das Theater zog dann in den Carré Marigny um. Im November 1859 präsentierte Offenbach sein neues großes Stück für die Wintersaison: Geneviève de Brabant. Der Erfolg entsprach nicht den Erwartungen und das Werk wurde Anfang 1860 zurückgezogen. Man muss in aller Eile improvisieren und das mit Le Carnaval des Revues! In einem der Bühnenbilder sieht man das Paradies, >Côté de la musique< mit Gluck, André Grétry (1741-1813), Mozart und Carl Maria von Weber (1786-1826), die rasend und wild einen  >Komponisten der Zukunft< verjagen, der offensichtlich viel Ähnlichkeit mit einem gewissen Richard Wagner (1813-1883) hat… Während dieser Saison hatte Orphée aux Enfers eine prestigeträchtige 228. Aufführung, denn diese wurde im berühmten lyrischen Théâtre-Italien am 27. April 1860 gespielt. Diese Darstellung zugunsten von Offenbach ist jedoch nicht die Apotheose, die viele Biographen darin sehen wollten. Es ist viel zweckmäßiger zu sehen, das er ein stark verschuldeter Direktor war, der sein Theater nach Amiens und dann Brüssel bringen musste, wo die Truppe im Théâtre des Galeries Saint-Hubert zog um insbesondere Orphée aux Enfers  weiter zu spielen. Mit diesem Stück wird der Salle Choiseul Anfang September wiedereröffnet, nicht ohne dass Offenbach zuvor – leider zu wenig – in seiner brandneuen > Villa Orphée < in Étretat sich ein wenig Ruhe gönnt.

  Orphée aux Enfers – Jacques Offenbach – Salzburg Festival
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 Orpheus –  ein finanzielles Mittel

Wie wir sehen können, kann Offenbach seine neue Saison nur durch die Übernahme von Orphée aux Enfers starten. Dies wird der Reflex schwieriger Zeiten sein! Diese neue Reihe von Aufführungen wird sehr gut aufgenommen und findet parallel zur Wiederaufnahme von Glucks Orphée et Eurydice im Théâtre-Lyrique statt. Die Beständigkeit dieses Erfolgs steht im Gegensatz zu dem Schicksal, das den Versuchen des Komponisten auf den offiziellen Bühnen vorbehalten ist: Das Ballett Le Papillon (1860) wird in der Oper sicherlich mit großer Gunst aufgenommen, aber Barkouf (1860) im Salle Favart ist das Opfer einer hasserfüllten Kabale. Anfang 1861 gab Orphée aux Enfers den Platz an La Chanson de Fortunio, einer der geistreichsten komischen Opern, in dem wir einige Künstler (Sänger/Rolle) wieder finden: Léonce/Pluto wurde Maître Fortunio, Bache/John Styx der kleine Angestellte Friquet und Frau Chabert/Diana wird Laurette. Mit diesem Werk triumphieren das Theâtre des Bouffes-Parisiens in einem weniger exzentrischen Genre. Die folgenden Stücke in mehreren Akten haben jedoch keinen vergleichbaren Erfolg wie Orphée aux Enfers, auch wenn Le Pont des Soupirs (März 1861) mehr geschätzt wird als Le Roman comique (Dezember 1861, mit einer Parodie der Tragödie zu einem antiken Thema) und Le Voyage de MM. Dunanan père et fils (März 1862).

Offenbach verließ im Januar 1862 die Leitung des Théâtre des Bouffes-Parisiens, eines Theater, zu dem er sehr komplizierte Beziehungen unterhalten wird. Am 17. Oktober 1862 zeigt das Theater erneut Orphée aux Enfers mit Delphine Ugalde (1828-1910) in der Rolle der Eurydike. Das Engagement dieser berühmten Sängerin, die an der Opéra-Comique triumphierte, verleiht dieser Wiederaufführung eine besondere Anziehungskraft. Delphine Ugalde überlässt jedoch – anders als Lise Tautin – einer Künstlerin aus der Oper, um an ihrer Stelle den letzten Galopp zu tanzen… Die Kritik ist sehr geteilter Meinung über den unerwarteten Wechsel der Sängerin  an die Passage Choiseul. „Für die Bouffes war es ein unerwartetes Glück, aber wer möchte Frau Ugalde nicht anderswo  besser hören?“, klagt der Eine, während der Andere bekräftigt: „Es ist daher nicht zu verachten, dass sie [Ugalde] sich der Rolle der Eurydike ermächtigt im Meisterwerk von Jacques Offenbach“. In jedem Fall retten die Vorstellungen das Theater vor dem Bankrott. Die 400. wurde im Dezember erreicht, während die Edition Heugel eine neue Ausgabe der Partitur veröffentlichen, die mit neun Sängerporträts illustriert war. Das Werk wurde vier Monate lang gespielt, danach folgten Les Bavards (1862), immer noch mit Frau Ugalde.

Wir müssen dann bis Januar 1866 warten, um Orphée aux Enfers im Théâtre des Bouffes Parisiens wieder auf den Plakaten zu finden. Eine lange Schließung des Theaters von Mai 1863 bis Januar 1864, der halbe Erfolg von den Géorgiennes im März 1864 und ein Problem zwischen der Theaterleitung und Offenbach erklären diese Situation. Plötzlich ließ der Maestro im Théâtre des Variétés ab Dezember 1864 La Belle Hélène aufführen, indem er seine neue Theaterfreiheit ausnutzte. Trotzdem kündigt die Musikpresse im Mai 1865 die Versöhnung des Komponisten mit seinem Theater – dessen künstlerische Leitung er wieder fand. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes wurde mit der Aufführung von Refrains des Bouffes im September 1865 formalisiert, einem Potpourri, indem Orpheus, Aristaios, John Styx und Eurydike insbesondere im Final dem Publikum erschienen. Drei Monate später werden Les Bergers mit einem ersten Akt, der eine antike Pastorale zeigt, mit großem Pomp inszeniert. Aber das Stück gefiel nicht und dauerte nur einen Monat im Spielplan an: Eine Wiederaufführung von Orphée aux Enfers fand im Januar 1866 statt. Das Scheitern von Les Bergers war für Offenbach umso schmerzhafter, als seine führende Rolle in den Théâtre des Bouffes Parisiens zu einem Streit mit der Gesellschaft der Komponisten und dramatischen Autoren führte und  ihn zwang, sehr schnell von seinem Posten zurückzutreten.

Orpheus in der Unterwelt – Jacques Offenbach
Youtube Gerardo Daniel Valencia Martínez
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In diesem Zusammenhang ist der Erfolg der Wiederaufnahme sehr zu begrüßen. Es ist das Meisterwerk mit triumphalen Reserven für schwierige Tage und dazu am Ort der Premiere. „OrpheusMusik ist immer noch so lebhaft, so elegant wie am ersten Tag“,  schreibt die Presse. Tautin, Tayau, Léonce und Désiré stürmen regelrecht mit ihrem großen Elan und ihrer Fantasie die Bühne bis Ende April. Die 500. Aufführung wird im März gefeiert! Die Übernahme der Theaterdirektion von François-Constantin Varcollier (1823-1893), Ehemann von Frau Ugalde, im September 1866 führt jedoch zu einem neuen Streit mit Offenbach, der sein Repertoire zurückzieht. Dieses jedoch verschwindet nicht ganz, weil der neue Theaterleiter es geschickt schafft, einige Librettisten auf seine Seite zu bekommen. Crémieux z.B. ist voll und ganz bereit, eine Wiederaufnahme von Orpheus zu genehmigen. Offenbach, der den Triumph von La Vie Parisienne genießt, lässt es gehen und das Stück wird ab 26. Januar 1867 gespielt. Frau Ugalde ist wieder in die Rolle der Eurydike geschlüpft, aber es ist nicht für sie, dass die mondäne Welt, die Pariser Halbwelt, die Künstler und Poeten sich an diesem Abend drängen. Nein, sie alle kommen, um die Kurtisane Cora Pearl (1835-1886) zu sehen, die mit Diamanten geschmückt die Rolle des Amour spielt. Die Zeitungen prangerten die Vermarktung dieses Sexsymbols stark an! Cora Pearl, geschützt von Prince Charles Joseph Napoléon Murat (1834-1901), spielte die Rolle nur zwölf  Mal, während die Wiederaufnahme bis Ende März 1867 dauerte. Zu der Zeit, als La Grande-Duchesse de Gérolstein im Théâtre des Variétés den Höhepunkt von Offenbachs Karriere markierte, verließ Orphée aux Enfers die Theater und tauchte nicht wieder im Second Empire auf.

Der Olymp –  im Reich der Märchen

 Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons

Jacques Offembald gezeichnet von Nadar © Wikimedia Commons

Bereits 1858 wurde die Verwandtschaft mit dem Genre Märchenspiel bemerkt: „Orphée aux Enfers ist ein fantastisches Spektakel, das die ganze Vielfalt und Überraschungen einer Märchenoper bietet.“ Die Veränderungen die nach der Premiere stattfanden zeigten, dass das Werk leicht neue Szenen und neue Charaktere aufnehmen konnte. Offenbach, der Direktor des Théâtre de la Gaîté geworden war, wollte mit der großen Pariser Oper durch die Pracht ihrer Inszenierungen konkurrieren. Nachdem er Jeanne d’Arc (1873) von Charles Gounod (1818-1893), Libretto von  Jules Barbier (1825-1901) kreiert hatte – ein Spektakel, das die Kritiker als „Gegenmittel gegen die Invasion der Operette begrüssten..“ – produzierte er eine  neue Version von Orphée aux Enfers, die vom 4. Februar 1874 an triumphierte. „Diese schillernden zwölf Szenenbilder“ sind nichts weniger als eines der wahnsinnig luxuriösesten Spektakel des gesamten 19. Jahrhunderts. Offenbach, die himmlische Uhr und ihre farbenfrohen Träume, die Hölle mit ihren rotgoldenen Kobolden und ihrem goldenen Fluss, die fabelhafte Parade des zweiten Aktes, hat alles mit einem sicheren Geschmack geregelt, einem künstlerischen Sinn, der von allen gepriesen wurde. Die Parade in der Tradition der großen Oper ist ein wahres Wunder: Das Thebener Konservatorium mit seinem Orchester, die Meinungsorgane (die Phigaros, die Débatès!), die Suite von Pluto, der Hof des Jupiters, die himmlischen Dienste, die Menagerie, die burgundische Ernte (Bacchus auf seinem Fass), die Götter und Göttinnen, der Omnibus für müde Gottheiten… Das Erscheinen von Phoebus‚ Streitwagen krönt dieses schillernde Fest.

Orpheus _ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons

Orpheus _ eine Vision gemalt von Nadar © Wikimedia Commons

Die Einnahmen erreichen 10.000 Franken pro Abend, was angesichts der gigantischen Kosten nicht allzu viel ist. „Ende März erscheint die neue Partitur in einer Luxus-Edition, die  auf die großartige Inszenierung dieser Märchenoper reagiert.“ Anfang Mai macht sich die ganze Truppe aus Anlass des Saint-Jacques-Tag auf den Weg zu Offenbach, um mit ihm den großen Erfolg zu feiern. Die Rue Laffitte wird von allen Künstlern besetzt, die singen: „Ruhm, Ehre für Offenbach! Ehre sei dem  fröhlichsten der Maestro!“ Der Musiker ist in der Tat krank und das hundertste Abendessen wird kurz darauf verschoben. Mit der Annäherung des Sommers erweckt Offenbach als weiser Direktor das Interesse seines Spektakel, indem er neue Szenen aufstellt, die nach dem höllischen Urteil eingefügt werden. Dieses aus zehn Bildern bestehende Reich von Neptun wurde am 14. August das erste Mal gespielt. „Diese neuen Bilder beginnen mit einem gewaltigen Sturm und dann plötzlich sieht das Publikum mit großer Überraschung in die Tiefe des Ozean. Dort erkennt man rosa Garnelen, die lustig und froh Polkas tanzen um den ganzen Unterwasser-Olymp von Neptun gut gelaunt zu erhalten. Auf jeden Fall muss man das gesehen haben, wie diese Welt der Meere sich im Frohsinn ergibt! Die Dekoration von Eugène Fromont (1801-1890), die Kostüme von Alfred Grévin (1827-1892), die neue Bühnen- und Ballettmusik setzten den Erfolg des Werkes fort, das erst im November mit dem 185. Aufführungstag abgesetzt wurde.

Offenbach bereitet sich dann auf eine neue Schlacht vor und stellt die enormen Mittel des Théâtre de la Gaîté in den Dienst von La Haine (1874), dem neuen Drama von Victorien Sardou (1831-1908), an das er durch eine solide Freundschaft gebunden ist, die aus gegenseitiger Bewunderung besteht. Entgegen allen Erwartungen ist das sehr dunkle Stück des jungen Dramatikers in Mode ein Misserfolg, und Sardou zieht es nicht ohne eine gewisse Undankbarkeit schon nach achtundzwanzig Vorstellungen zurück. Offenbach war ruiniert und musste einige Monate später die Direktion seines Theater niederlegen. Sobald La Haine verschwunden war, wird Orphée aux Enfers hastig am 31. Dezember 1874 wieder aufgeführt. Während Charles Garnier (1825-1898) an diesem letzten Tag des Jahres dem Direktor der Pariser Oper feierlich die Schlüssel für das neue Palais Garnier übergibt und das der Président Mac-Mahon (1808-1893) einweiht, übernimmt Marie Blanche Peschard (1845-1887) die Rolle der Eurydike und die liebenswürdige Louise Théo (1850-1922) spielt die Rolle des Amour. Zu den Versen des Kuss-Duett fügt man auch der Umstände halber einige bittere Verse hinzu: „In einem Moment beginnt das neue Jahr / Jung und Alt werden sich küssen…“ Welcher Zuschauer ist an diesem Abend nicht schlau genug, um zu erkennen das in der großen Parade der Omnibus für müde Götter überfüllt mit Leichen war! La Haine ist tot!

Orpheus in der Unterwelt – Can Can – Der infernale Galopp – Offenbach
Youtube medici.tv
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Orphée aux Enfers teilt sich mit Jeanne d’Arc den Spielplan vor der Uraufführung von Geneviève de Brabant im Februar 1875, die wiederum in eine Märchenoper verwandelt wurde – aber auf weniger überzeugende Weise. Erst drei Jahre später ertönte wieder auf der Bühne des Théâtre du Square des Arts-et-Métiers der höllische Galopp. In der Zwischenzeit übergab Offenbach die Direktion an Albert Vizentini (1841-1906), seinem Dirigenten, der das Theater durch die Namensänderung in Opéra-National-Lyrique wiederbeleben wollte. Obwohl von der Idee sehr verdienstvoll, war das Unternehmen im Voraus zum Scheitern verurteilt und endete im Januar 1878. Das Theater erhielt seinen alten Namen  zurück und die Gaîté wurde mit Orphée aux Enfers wiedereröffnet. In dieser Wiederaufnahme erbrachte Pierre Grivot (1834-1912) eine einmalige Interpretation in der Rolle des John Styx sowie als Merkur. Wenn die Insolvenz von Vizentini dieses Abendteuer beendete, sagte Orpheus im Jahre 1878 jedoch nicht sein letztes Wort. Die Weltausstellung wurde im Mai eröffnet! Offenbach hatte 1855 wie auch 1867 immer das Beste für sich aus solchen Ereignissen machen können und so  war es ihm auch diesmal unmöglich abwesend zu sein. Camille Weinschenk (?-?), der neue Direktor des Gaîté, hatte das Verständnis und die nötigen Fähigkeiten, dem Komponisten diesen Wunsch zu erfüllen: Anfang August wird eine neue Produktion von Orpheus erscheinen. Er hatte sogar die pikante Idee, Hervé, dem Autor des Petit Faust, die Rolle des Jupiter anzuvertrauen. Léonce gewinnt auch wieder die Rolle des Pluto zurück.  Es ist die gesamte Geschichte des Genre > komischen Oper <  der letzten zwanzig Jahre,  die das kosmopolitische Publikum der Ausstellung gewissermaßen zurückzuverfolgen konnte. Am ersten Abend leitete Offenbach – auf Veranlassung von Hervé – das Orchester selbst im zweiten Akt. Die Produktion wird bis November gespielt und geht einer Wiederaufnahme von Les Brigands voraus (zu diesem Anlass wird auch der Rahmen der Gaîté erweitert). Mitte Oktober hat der Orpheus die 1000. Vorstellung erreicht!

Das letzte Wort könnte an Monsieur le Compositeur gehen. Was er 1874 schrieb, war 1878 noch gültig und gilt heute noch mehr: „Orphée aux Enfers ist in der ganzen Welt bekannt, (…) wir haben ihn in allen möglichen Tönen transponiert, Regierungen sind gefallen, Throne sind verschwunden und Orpheus‚ Regierungszeit dauert immer noch an…“         PMP-15/03/21-5/6

Teil 6 –  Offenbach oder die Provocation des Lachens – HIER ! am 5.6.2021

—| IOCO Essay |—


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ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 4, 23.05.2021

Mai 22, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO-Essay

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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg – erschienen am 01.05.2021 – link HIER

Teil 2 – Orpheus und seine Legende – erschienen am 8.5.2021 – link HIER!

Teil 3 – Die Fabel des Ange Politien – 15.05.2021 – link HIER!

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Teil 4  –  Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck

Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787)  und sein Orfeo ed Euridice, Libretto: Raniero de’Calzabigi (1714-1795), 1762 in Wien und 1774, in einer neuen französischen Version Orphée et Eurydice / Libretto: Pierre-Louis Moline (1739-1820) in Paris uraufgeführt, beleben die mit Jacopo Peri begonnene Evolution des Orpheus-Mythos. Sehen wir uns das vollkommen künstliche Ende dieses Orpheus an, der wahrscheinlich aufgrund einer royalistischen Feierlichkeit an der Académie Royale aufgeführt wurde: Orpheus verliert Eurydike ein zweites Mal und bereitet sich verzweifelt darauf vor, sich ihr im Tod anzuschließen, als Amour, berührt über so viel Treue, ihm die Gattin noch einmal wiedergibt! Hauptmodifikation von Gluck und seinem Librettisten Calzabigi ist die Beseitigung der ersten Abenteuer des Mythos: Die Oper beginnt mit dem was in der französischen Tradition als Tombeau (Grab) bezeichnet wird. Die Hirten, die Nymphen und Orpheus klagen um das Grab von Eurydike.

Orfeo ed Euridice – Chr. W. Gluck – Dance of the Blessed Spirits
Youtube Bachner TRPT
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Die Unterdrückung der hymenealen Feierlichkeiten ist nicht ohne Konsequenzen für den Geist des Werkes, zumal der Hörer sofort von der Schwere des anfänglichen Chor beeindruckt ist, der durch die schmerzhaften Ausrufe des Orpheus: Eurydike, Eurydike! unterbrochen wird: Es gibt eine bemerkenswerte Einheit des Tones zum Werk, indem man ihm eine schmerzhafte Spannung verleiht, die nicht einmal die Freude an der Wiedervereinigung unterbricht. Kaum hat Eurydike den Chor der Schatten verlassen, ist sie verstört über die Zurückhaltung ihres Gatten. Somit fügt sie unwissend Orpheus weitere Qualen zu! Calzabigi-Glucks Entdeckung ist kurz gesagt, diese Abwechslung von Anwesenheits- und Abwesenheitsschmerz, die der traditionellen Eurydike zu eigen ist, unterdrückt und in eine fortwährende Abwesenheit oder Distanz zurückgeworfen zu haben und die sie zu einer sogenannten Schattenbeute macht, einem Objekt, das unmöglich zu erfassen ist. Dieses dominante Merkmal ist so gut etabliert, dass das glückliche Ergebnis, das zu schlecht in den Kontext integriert ist, eindeutig als Ergebnis einer Ordnung wahrgenommen wird.

Christoph Willibald Gluck Statue in Wien © IOCO

Christoph Willibald Gluck Statue in Wien © IOCO

In dieser Hinsicht ist die Szene bemerkenswert, in der Orpheus und Eurydike aus der Unterwelt kommen, eine Episode, die oft zu schnell von anderen Musikern behandelt wird und der jedoch Gluck eine sehr große Bedeutung beimisst: Ebenso klar und durchsichtig ist sie bei Monteverdi (Orpheus dreht sich um, besiegt von der Begeisterung seiner Liebe). Bei Gluck jedoch wird ein etwas schweres beunruhigendes Gefühl und eine unbefriedigende diffuse Erotik erahnt. Ein fundamentales Missverständnis einer unmöglichen Verständigung und das wahrscheinlich, weil Calzabigi die traditionellen Beziehungen umkehrt. Kanonisch ist es Orpheus, der der Versuchung nicht widerstehen kann, Eurydike zu sehen. Die monteverdianische Eurydike versteht es perfekt: Du verlierst mich also, weil Du mich zu sehr geliebt hast. Bei Gluck ist es Eurydike, die durch ihr falsches Beharren und dummen eifersüchtigen Andeutungen den Sänger zwingt, sich umzudrehen: Das Ergebnis ist das Gleiche, aber die dorthin führenden Wege  sind vollkommen gegensätzlich. So wurde mit Gluck, der Weltenordner Orpheus im Wesentlichen nur ein Liebhaber, der seine Beschwörungskraft in den Dienst einer liebevollen Trägheit gestellt hat, die sowohl intensiv als auch erschöpft war – jener Trägheit, die Julie de Lespinasse (1732-1776) verrückt machte – in den hohen Sphären, in denen man über die Beziehungen debattierte zwischen Kultur, Leben und Tod, versinkt der Mythos in der heiklen Frage nach den Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern.

Gemälde Orfeo ed Euridice von Federigo Cervelli © Wikimedia Commons

Gemälde Orfeo ed Euridice von Federigo Cervelli © Wikimedia Commons

Orphée aux Enfers / Orpheus in der Unterwelt – Jacques Offenbach

Orphée aux Enfers repräsentiert in Paris im Jahr 1858, ist alles andere als eine leichte und harmlose Parodie, denn der unwiderstehliche Schwung dieses Werkes verbirgt sowohl eine Lesart des klassischen Mythos als auch eine Entmystifizierung der Interpretation, die in den vorangegangenen Jahrhunderte üblich war. Hector Crémieux (1828-1892) und Offenbach kippen mit ihrer gewohnten Technik die traditionellen Daten und Fakten der Geschichte um, als ob die Komische Oper die Wahrheit eines Mythos enthüllen würde, dessen ernsthafte Opern der Vergangenheit nur eine pompöse Verkleidung darstellten.

Erste Umkehrung: Eurydike und nicht mehr Orpheus wird zur Hauptfigur! Rache oder Gerechtigkeit? Bei klassischen Dichtern wie auch in den von uns ausgewählten Opern ist Eurydike eine fast stille Präsenz: Ein Stichwort am Anfang, ein oder zwei am Ende, sie verschwindet völlig um Orpheus sprechen zu lassen und ist zufrieden damit, seine Trugbild-Liebhaberin zu sein. Nur mit Gluck gewinnt sie an Bedeutung, aber nur unter den Bedingungen, dass sie durch ihre vorzeitige Ungeduld die Alleinschuldige an der verpassten Rückkehr aus der Unterwelt ist. Offenbach rächt Eurydike für die vielen ungerechten Beleidigungen und Unhöflichkeiten, indem er ihr den ersten Platz vor Orpheus verleiht und das alles unter dem Deckmantel einer charmanten koketten Pariserin. Weit davon entfernt, nur der Schatten von Orpheus zu sein, ist sie eine sehr virulente Partnerin und sobald sie in der Hölle ankommt, sät sie viel Zwietracht zwischen Pluto und Jupiter, die beide erbittert um ihre Gunst kämpfen.

Landschaft mit Orpheus und Euridice von Nicolas Poussin © Wikimedia Commons

Landschaft mit Orpheus und Euridice von Nicolas Poussin © Wikimedia Commons

Logische Gegenreaktion auf die Entthronung von Orpheus: Er wurde auf den Rang eines engbrüstigen schnaufenden Geigers dritter Klasse degradiert, …Orphée, Directeur de l’Orphéon de Thèbes, leçons au mois et au cachet!, einem bedürftigen Künstler, dessen schlimmste Rache an seiner flatterhaften Frau war, sie zum Anhören  seines miserablen anderthalbstündigen Konzerts zu zwingen. Diese Entmystifizierung des Orpheus, die perfekt mit der komischen Behandlung der großen tragischen Themen übereinstimmt, ist die Wahrheit des Künstlers im 19. Jahrhundert, ein spöttischer Charakter am Rande einer Gesellschaft des Geldes und des Vergnügens. Aber es ist auch die Wahrheit über unseren früheren Orpheus, über unsere höfischen Musiker und Dichter im Dienste der Gonzaga und der Medici, deren poetische Kraft den Zustand der von liberalen Fürsten festgelegten Dichter schlecht verbarg und so sehr wir wollen oder aber auch besorgt darüber sind, eine Kulturpolitik durchzusetzen. Unsere Schöpfer hatten nicht immer die Mittel, sich zu verteidigen (als Beweis für ihre Verpflichtung, ihren patronymischen Mythos in die Soßen fürstlicher oder kaiserlicher Hochzeitsfeste unterzubringen).

Die dritte Umkehrung, die aus der Sicht des Mythos am wichtigsten ist: Die Geschichte von Orpheus, die traditionell die Kraft der Liebe eines Mannes zu einer Frau symbolisiert, wird bei Offenbach zum Mythos des Krieges der Geschlechter. Die Veröffentlichung von Eva Kushner (1929-) bietet eine gute Exegese zur Orpheus-Interpretation: Der verborgene Inhalt des Mythos könnte das unbewusste Verlangen nach dem Tod sein. Eurydike zieht Orpheus in die Hölle um ihn in das Nichts zuwerfen, aber Orpheus bricht das Gesetz von Pluto und sieht seine Frau an. So folgt sie ihm aus Ungeduld, wie die alten antiken Dichter sagen oder vielleicht aus dem unbewussten Wunsch heraus lässt Orpheus seine Frau endgültig für immer verschwinden. Primäre Feindseligkeit zwischen den Geschlechtern? Diese Interpretation, die sich auf viele Elemente des Mythos stützt (eine Hochzeitsreise fällt ins Wasser, ein gescheitertes Wiedersehen, die Entscheidung nicht mehr den weiblichen Reizen zu folgen, die Versuchung der Homosexualität oder die Rache der Bacchanten) und natürlich  zusätzlich der Humor von Offenbach.

Zuallererst hassen sich Orpheus und Eurydike: Orpheus‘ künstlerischer Narzissmus ärgert Eurydike sehr und darüber hinaus hat ihr Ehemann keinen beruflichen Erfolg, was 1858 und auch heute noch unverzeihlich ist. Sie macht es sich auch nicht sehr schwer Aristaios, von dem Crémieux geschickt eine Inkarnation von Pluto gemacht hat, ihre Gunst zu gewähren (es gibt keinen Grund sich zu wundern, dass Crémieux zur vergilianischen Version zurückkehrt: Könnte er die Gelegenheit verpassen, das Ehebruchdreieck zu rekonstruieren?). Vor allem aber provoziert Orpheus den Tod von Eurydike, indem er eine Falle stellt, die er für den Liebhaber seiner Frau bestimmt hatte: Eine gescheiterte Handlung, die dank der diskreten Komplizenschaft von Pluto zu einem perfekten Erfolg wird! Schließlich macht er keine großen Schwierigkeiten sich umzudrehen und sieht mit Vergnügen, dass Eurydike ihm endgültig entkommt: „Ce dénouement m’enchante“! Warum sucht er dann nach seiner Frau in der Hölle? Dies liegt daran, dass das Gesetz, die Pflicht, hier verächtlich im Rang sozialer Konventionen, die vom Chor der öffentlichen Meinung heftig verteidigt wird, es zur Verpflichtung macht: „Pour l’édification de la postérité, il nous faut au moins l’exemple d’un mari qui ait voulu ravoir sa femme“. Einfache Frage der Fassade, wie Jupiter sagt: „Sauvons les apparences! Tout est là!“ So taucht bei Offenbach der Gegensatz zwischen einer moralischen und kulturellen Welt wieder auf, die jedoch ihrer Substanz beraubt ist – der Welt von Orpheus, Juno, der öffentlichen Meinung – und einer bacchanalen Welt, die aber wertlos ist und nur mit leichten Freuden befriedigt. Eine Opposition, die wir in der antiken humanistischen Fabel bemerkt haben (natürlich mit anderer Bedeutung) und die dann radikal verschwindet zugunsten einer höfischen Orpheus-Interpretation.

Eurydike ist entschlossen auf der Seite des Vergnügens zu leben und durch das sehr geschickte Ergebnis des Librettos von Crémieux vergrößert sich die Kluft noch mehr zwischen den beiden Eheleuten, die  bereits seit längerer Zeit getrennt leben: Wenn sie unwiderruflich tot ist, kann die Nymphe endgültig ohne Orpheus ihr Dasein genießen. Pluto und Jupiter versuchen vergeblich  die Gunst von Eurydike zu gewinnen und so entscheidet der König der Götter, dass sie eine Bacchantin sein wird, (Lassen Sie uns übersetzen: Eine Tänzerin an der Pariser Oper, die für die Freuden und dem Vergnügen der Großbürger von Napoleon III zur Verfügung steht!). Eine jener Bacchanten, denen die antike Tradition den Tod von Orpheus zuschreibt! Orpheus wird zu seinen langweiligen Konzerten zurückgeschickt, zu seinen fadenscheinigen Rezepten für eheliche Liebe, genauso wie nach ihrem gemeinsamen Seitensprung in die Unterwelt und ihren jubelnden ausschweifenden Zechgelagen mit den Göttern. Diese kehren wieder auf ihren langweiligen Olymp zurück, um ihren geschmacklosen Nektar und ihren eklichen Ambrosia zu probieren. Die Krise des antiken Mythos ist auch eine direkte Widerspiegelung einer (unserer!) Gesellschaft in Krise: Diese strahlende Kultur, diese Kunst wie wir denken – sagt uns Offenbach  – ist nur der scheinheilige Schleier mit dem unsere Mächtigen ihren kleinen und großen Dreck verbergen, ist nur eine einfache Erscheinung, denn die Wahrheit ist dort, in dieser Hölle voller Schund und wertloser Ausschussware, doch jedoch jeder träumt davon.

So bitter die Moral der Fabel auch sein mag, so spöttisch die traditionelle Opposition zwischen Apollo und Dionysos bei Offenbach wird, mit Orphée aux Enfers schließt diese lange Reise zu Recht ab: Wir gingen von einem Gleichgewicht aus, der durch die humanistische Fabel repräsentiert wird, die der klassischen Tradition noch sehr nahe steht. Wir haben gesehen wie Orpheus einige seiner kosmischen Resonanzen verloren hat, aber dennoch lautstark die Kraft der Kultur behauptet. Wir haben ihn verliebt gesehen, gequält, verfolgt von Gespenstern der Abwesenheit, um am Ende nichts weiter als ein  Vorwand zu sein, wie der Orpheus von Offenbach. Aber wie in der Vergangenheit als auch im 21. Jahrhundert wird Orpheus seine Lieder weiter singen und dadurch Dichter, Musiker und viele Menschen auch zukünftig inspirieren.

Orpheus und Eurydike –  Gluck – Theatre du Chatelet in Paris
Youtube Nikos Ketenoglou
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Die endgültige Desakralisierung des Mythos

Der Mythos des Orpheus begleitet die Geschichte der Oper, ein Genre mit dessen Geburt er eng verbunden ist. Von Peris Euridice im Jahre 1600 bis zu Harrison Birtwistles (1934-) Mask of Orpheus im Jahr 1986 gibt es mindestens sechzig Opern, die diesem Mythos gewidmet sind, ganz zu schweigen die Parodien. Ebenso ist Offenbachs Karriere von den Kreationen der beiden Versionen von Orphée aux Enfers geprägt, die dieses Werk in den Vordergrund seines Repertoires stellen.

Es geht nicht darum, hier das außergewöhnliche Schicksal des Mythos von Orpheus in der westlichen Kunst seit der Antike nachzuvollziehen. Man muss sich nur an das Ausmaß erinnern, um zu verstehen, wie ehrgeizig Offenbach und seine Librettisten bei der Auswahl eines solchen Themas waren. Die von Vergil (Lied IV der Georgica) und Ovid (Buch X der Metamorphosen) übermittelte Geschichte von Orpheus wurde Ende des 15. Jahrhunderts durch das in Mantua gespielte Drama Fabula di Orfeo von Poliziano populär gemacht. Orpheus, ein Jahrhundert später, ist durch drei von Poliziano inspirierten Werken direkt mit der Geburt der Oper verbunden: Euridice von Peri und die Euridice (1602) von Giulio Caccini (1551-1618) nach demselben Libretto von Rinuccini und Orfeo von Monteverdi nach einem Libretto von Striggio. Lassen Sie uns nur nebenbei bemerken, dass dieses erste Meisterwerk der lyrischen Kunst noch in den Kinderschuhen steckend, aber hatte jedoch schon ein stammelndes überglückliches  Ende. Orpheus ist auch mit der Einführung der Oper in Frankreich verbunden, denn mit  Luigi Rossi (1597-1653) La Finta Pazza, wurde eine der ersten Opern in Paris gespielt: Die Aufführung im März 1647 im Palais-Royal auf Initiative von Cardinal Jules Mazarin (1602-1661) fesselte das Pariser Publikum mit ihrer prachtvollen Ausstattung. Mit seiner sechsstündigen Dauer, seiner Barockmaschinerie, den zahlreichen Episoden – tragisch oder komisch –, die der Librettist Francesco Buti (1604-1682) hinzugefügt hat, konnte dieser von der Legende weit abweichende Orpheus nicht so sehr weit  von dem Orphée aux Enfers von 1874 entfernt sein …

Orpheus in der Unterwelt – Can Can – Der infernale Galopp – Offenbach
Youtube regulargonzalez
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Ab dem 17. Jahrhundert zeigt Rossis Oper eine Entwicklung, deren Höhepunkt bei Offenbach sein wird: Die Desakralisierung des Mythos! Ein wenig wie Faust später auf seine Liebesbeziehungen mit Margarete reduziert wurde, behalten wir aus dem Orpheus-Mythos gerne nur das Liebesdrama zwischen Orpheus und Eurydike, das auf rein menschlicher Ebene behandelt wird. Glucks Meisterwerk steht voll und ganz im Einklang mit dieser Entwicklung und der Substitution des Amour – ein allegorischer Charakter, der allzu oft in den menschlichen Konditionen verwickelt ist… Im Gegensatz zum traditionellen Pluto, symbolisiert dies die  Humanisierung des Orpheus. Wir sollten einen Moment bei Glucks Orfeo ed Euridice innehalten, weil es die einzige Oper ist, auf die sich Offenbach und seine Librettisten beziehen: Und zwar mit der Arie Che farò senza Euridice, indem sie – ein genialer Wurf – den Charakter der öffentlichen Meinung aus der  Gestalt des Amour erschaffen.

Darüber hinaus kündigt der Orfeo von Gluck eine Evolution an, indem durch die von ihm verursachten Parodien mit Offenbach ihren Höhepunkt erreichen. Es gibt also einen Petit Orphée (1785) von Prosper-Didier Deshayes (1750-1815) nach dem Libretto von J. Rouhier-Deschamps (?-?), wie es später auch eine Petites Danaïdes (1846) von Michel-Joseph Gentil de Chavagnac (1770-1846) und einen Petit Faust (1869) von Hervé (1825-1892) geben wird. Dieses Singspiel (vaudeville) Petit Orphée wurde im Juni 1792 in Paris am Théâtre de la Cité-Varietés wieder aufgenommen. Die Parodie ist besonders sichtbar an der kleinen Schnabelflöte, die der Librettist anstelle der traditionellen Leier in die Hände von Orpheus legt. In dieser Hinsicht ist die Geige, mit der Offenbach seinen Helden schmückt, vielleicht nicht so sehr sakrilegisch wie gewöhnlich angenommen wird. Sehen wir an den Wänden des Palazzo Reale in Neapel nicht noch zwei Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, auf denen Orpheus Geige spielt? Die zweite Parodie auf Glucks Oper, die wahrscheinlich neben vielen anderen Stücken zitiert werden kann, ist Socrate immaginario, Commedia per Musica von Giambattista Lorenzi (1719-1805) und Ferdinando Galiani (1728-1787). Giovanni Paisiello (1740-1816) komponierte die Partitur für dieses Werk, das 1775 in Neapel nach den neapolitanischen Aufführungen von Orfeo ed Euridice uraufgeführt wurde. Die Autoren konzentrieren sich auf die Szene der Furien, deren Text und Musik meisterhaft parodiert ist. Paisiello ist vor Offenbach der berühmteste Musiker, der Orpheus aus dem komischen Blickwinkel betrachtet, aber seine Satire existiert nur in Beziehung zu Gluck und betrifft eine einzige Szene.     PMP-15/03/21-4/6

Teil 5 – ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT   –  erscheint am 29.5.2021

—| IOCO Essay |—


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ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT, IOCO Essay – Teil 3, 15.05.2021

Mai 15, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO-Essay

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Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons - ArchaiOptix

Der Tod des Orpheus © Wikimedia Commons – ArchaiOptix

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT

IOCO Serie – von Peter M. Peters

Teil 1 – Der orphische Weg –  erschienen am  01.05.2021 – link HIER

Teil 2 – Orpheus und seine Legende –  erschienen am 8.5.2021 – link HIER!

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Teil  3  –  Die Fabel des Ange Politien

Die erste theatralische Darstellung des Mythos von Orpheus ist die Favola di Orfeo (1480, YouTube Video hier nachfolgend) von Angelo Poliziano, auch Ange Politien, 1454-1494, Dichter, Professor für Griechisch und Latein, Übersetzer, Philologe, kurz einer der wichtigsten italienischen Humanisten des 15. Jahrhunderts. Er war Schüler von Marsilio Ficino (1433-1499), Freund von Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) und verbunden mit allen wichtigen kulturellen Persönlichkeiten seiner Zeit. Diese Fabel, die Kardinal Francesco Gonzaga (1444-1483) an Politien in Auftrag gegeben hatte, wurde wahrscheinlich in Mantua aufgeführt und enthielt musikalische Teile (Zwischenspiele, einige Solo, einen Chor). Die Fabel des Politien ist nicht nur das erste vom Mythos inspirierte Stück, sondern auch in mehr als einer Hinsicht interessant: Sie erinnert uns zunächst an die sehr große Bedeutung des thrakischen Dichters im humanistischen Denken der Renaissance. Orpheus ist eine obligatorische Referenz in der humanistischen Rhetorik, für die er die schöpferische Kraft der Menschheit symbolisiert. Aber Politien misst ihm eine ganz besondere Bedeutung bei, weil sein Denken sich auf die Gründungsrolle der Sprache konzentriert, die den Menschen ausmacht: Sprachausdruck und damit Poesie und Sprachkommunikation dank der die Gesellschaft gegründet  und die Geschichte des Menschen gemacht wurde. Alle diese Überzeugungen sind in seiner Liebe zur Poesie bezeugt und auch in seinem gewissenhaften Werk der Philologie begründet.

Viel mystischer erscheint dagegen der Orpheus seines Lehrers Ficino, der die platonischen Studien in Italien entwickelt hat: Für ihn ist Orpheus Theologe und Dichter, der legendäre Begründer der orphischen Mysterien, besonders ist er auch durch die vier platonischen Furien (die Prophetische, die Verliebte, die Dionysische, die Poetische) inspiriert. So wird Ficino in seiner Philosophie Platonismus und Christentum integrieren und im Zeichen des Orpheus wird die Bedeutung der Musik von ihm so hoch eingeschätzt, das sie uns nach der Reinigung unseres Körpers und unserer Seele näher zu Gott bringt. Wir wissen auch, dass die Musik eine wichtige Rolle in den Sitzungen der Platonischen Akademie spielte, die 1462 von Cosimo di Giovanni degli Medici (1389-1464) in der Nähe von Florenz eingerichtet wurde. Dort richtete Ficino seine Hymnen an die Sonne, indem er sich auf seiner lira orphica begleitete, Weihrauch verbrannte und sich Trankopfern hingab, die empörte Zungen für krankhaft hielten. Diese beiden Beispiele beweisen deutlich, dass es zu dieser Zeit der philosophische oder sogar religiöse Wert von Orpheus ist, der sich gegen eine humanisiertere, psychologischere Vision durchsetzt, die sich auch im Stück des Politien wiederspiegelt.

Die Fabel des Orpheus von Angelo Poliziano 1454-1494
Youtube  Goût des musique ancienne
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Man kann nicht sagen, dass diese Fabel ein Meisterwerk ist: Politien gibt zu dass er sie nicht nur in zwei Tagen geschrieben hat, sondern auch inmitten unaufhörlicher Tumulte (die des Karnevals). Dramatisch ist sie unausgeglichen, weil die Aufmerksamkeit zu Beginn auf Aristaios gerichtet ist, der über seine hoffnungslose Liebe zur Nymphe Eurydike singt und dann vollständig verschwindet. Dies ist zweifellos einer der Gründe, die die Librettisten von Peri und Monteverdi dazu bringen, die linearere Ovid-Version zu wählen. Ganz zu schweigen, der schäbige Tod der Nymphe und ihre gefährliche Verfolgung durch den verliebten Aristaios! Psychologisch gesehen hat es keine große Konsistenz, weil bestimmte wesentliche Momente nicht genug motiviert sind (wir wissen nicht, warum Orpheus sich umdreht) und warum es zu schnell über die Episoden hinweggeht, die die Musik im Gegenteil mit  Pathos oder mit  Lyrik ( der Tod von Eurydike) hervorhebt. Andererseits ist der Mythos dort bis zum Tod von Orpheus, der von den Bacchanten zerrissen wurde, praktisch vollständig. Kurz gesagt, wir haben den Eindruck, dass Politien damit zufrieden war, den Mythos so dazu stellen, indem er dem klassischen Text genau folgte. Es war ein wenig wie eine heilige Darstellung eines Mysteriums, deren wesentlicher Zweck war, dem Betrachter an eine beispielhafte und einmalige Geschichte zu erinnern.

La Camerata di Bari © WIKIMEDIA COMMONS / Maya viacava

La Camerata di Bari © WIKIMEDIA COMMONS / Maya viacava

Ein weiterer Grund für das Interesse dieser Fabel ist, dass sie Teil der Vorgeschichte der Oper ist,  die  Romain Rolland (1866-1944) „eine Oper ohne Oper“ genannt hat, nicht nur weil die Aufführung von Musik begleitet wurde, sondern vor allem weil es das erste pastorale Drama war: Die Aufführung war eine Darstellung mit Hirten, Hirtinnen, Gottheiten der Natur und konzentrierte sich auf Liebesgeschichten, die schließlich dramatische Episoden beinhalteten, aber im Allgemeinen endete alles gut. Diese Idyllen riefen mit Hilfe einer Lyrik, die gleichzeitig natürlich, raffiniert und üppig war, eine Art goldenes Zeitalter hervor. Nun, dieses aus der Ekloge abgeleitete Genre hatte im folgenden Jahrhundert außerordentlichen Erfolg, fast bis zur Verdrängung  aller anderen Theaterformen und erhielt seine höchstmögliche Vollkommenheit mit Giovanni Battista Guarini (1538-1612) und Torquato Tasso (1544-1595).

Claudio Monteverdi Grabplatte in Venedig © IOCO

Claudio Monteverdi Grabplatte in Venedig © IOCO

Die Schöpfer der späteren Opern haben aus offensichtlichen Gründen zu diesem Genre wie z.B. die Euridice (1600) von Peri und L’Orfeo von Monteverdi (die pastorale Lebensweise, die aus Liedern und Tänzen besteht und die natürlicherweise von Musik begleitet wurde) zurück gegriffen. Außerdem müssen wir feststellen, das Ottavio Rinuccini (1562-1621) und Striggio, die Librettisten von Peri und Monteverdi, Schüler von Tasso waren, dessen Aminta (1573) das berühmteste Pastoraldrama in der italienischen Literatur ist. Es muss jedoch gesagt werden, dass die Pastoral des Politien weit davon entfernt ist, die Homogenität des Tons zu haben, die jene Werke des 16. Jahrhunderts später haben werden: Sie erreichen ein Gleichgewicht zwischen ernsten und komischen, gelehrten und populären Elementen, sowohl auf der Ebene der Situation als auch in der Sprache – ein Merkmal an das die früheren sakralen Darstellungen erinnern –, das später zugunsten eines einheitlichen höfischen und edlen Ton verschwinden wird. Mit Politien gibt es immer noch eine Brücke zwischen der humanistischen Welt der Hirten und der populären Welt der Bacchanten (das letzte Bacchanal ist mit der Tradition der Karnevalslieder verbunden), zwischen der gelehrten Idylle und der populären Farce, diese pastorale Art wird sehr bald aus der Musikgeschichte entfernt. Wir werden daher eine Verengung des Ausdrucksregister erleben, ebenso wie wir eine Vereinfachung des Mythos Orpheus bemerken, die zu einer zu extremen Verdichtung führen wird, wie z.B. der Librettist von Gluck der den Mythos auf das Äußerste kondensiert. Ebenso werden wir eine Schrumpfung des Publikums für diese Darstellungen erleben: Alles geschieht so als ob die Übernahme der Verantwortung für die Geschichte des Orpheus nur noch durch eine aristokratische und exklusive Kultur zu einer Schwächung des Mythos geführt hatte, der seinen Reichtum und seine Zweideutigkeit nur in der possenhaften aber kritischen Vision von Jacques Offenbach wieder erlangen wird.

Dieser Prozess macht sich bereits in einer wissenschaftlichen Restauration der Favola di Orfeo bemerkbar, die Orphei Tragedia, deren Autor vielleicht nicht Politien ist, die jedoch in Rinuccinis Libretto vollendet wird und die Peri und Giulio Caccini (1551-1618) für ihre Opern verwenden. Der unerwünschte Aristaios wird eliminiert und die erste Szene (Akt 1 bei Monteverdi) ist eine Feier in der die Hymnen für den Dichter Orpheus und für seine Gattin Eurydike zelebriert werden. Die großen Momente des Pathos oder der Lyrik finden statt: Die ersten Freuden von Orpheus, die Geschichte vom Tode der Eurydike, der Schmerz des Dichters, sein Abstieg in die Hölle und seine Anrufung vor Pluto. Aber warum? Weil die Regeln der pastoralen Fabel ein Happy End verlangten oder weil die Euridice von Peri anlässlich der Hochzeit (1600) von Marie de Medicis (1575-1642) mit Henri IV (1553-1610), dem König von Frankreich aufgeführt wurde. Oder vielleicht dachte Rinuccini es wäre ein schlechter Geschmack, am Tage dieser wichtigen Feier die Nymphe für die Ewigkeit in die Unterwelt zu verdammen. Obwohl er nicht mit Skrupeln belastet war, denn er erdichtete eine bedingungslose  Rückkehr der Eurydike. Wir können uns denken, dass diese Version der Geschmack der großen Prinzen und auch der Zeit war! In diesem Stadium bedeutet der Mythos nichts mehr und der Abstieg in die Hölle lässt nur einen leichten Schauer der Angst aufkommen, der seitdem ungerechtfertigt ist. Hochzeitsfeiern können ohne Zwischenfälle wieder aufgenommen werden und doch bleibt in der Anrufung von Orpheus an Pluto – die Ovid genau folgen – etwas von einer demiurgischen Kraft, die im Begriff ist für immer zu verschwinden.

Euridice von Peri
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Die Euridice von Peri

Die Euridice von Peri ist der Höhepunkt eines langen Prozesses, der auf verschiedenen Wegen (Maskeraden, Zwischenspiele, Pastorale) die Integration von Drama und Musik in ein neues Genre führt: Die Oper! Historiker haben viel über diese neue Musikform meditiert und sahen nur die praktische Anwendung der Thesen des musikalischen Humanismus und nicht die mühsame Anwendung der Werke durch die berühmte Camerata Fiorentina des Grafen Giovanni de‘ Bardi (1534-1612). Sie wollte ein Genre schaffen in dem die Beziehungen zwischen Poesie und Musik analog zu denen waren, von denen angenommen wurde, dass sie die Darstellungen griechischer Tragödien beherrschten und sie hatte folglich bestimmte Prinzipien zu vertreten: Ersetzung des polyphonen Stils, der zu dieser Zeit in Italien bereits stark begonnen hatte, durch einen neuen monodischen Stil. Den stile rappresentativo,  d.H. die Notwendigkeit eines klaren Verständnis des Textes und eine einfache und natürliche Deklamation, das recitar cantando, eine sogenannte Unterwerfung der Musik zugunsten eines starken Ausdruckswert der Poesie. Auch die Unterdrückung jeglicher Virtuosität, die nur in sich selbst enden würde, kurz eine strikte Unterordnung der Musik unter die Poesie. In letzter Zeit versuchte man dieses wichtige Werk zu rehabilitieren, indem man auch seinen musikalischen Wert verteidigte, sowohl auch die Praxis dieser humanistischen Musiker der Spätrenaissance. Auch waren diese Camerata-Musiker weit entfernt davon eine trockene theoretische schulmeisterhafte Entwicklung zu fördern.

Das Publikum kann sich jetzt selbst ein Urteil fällen, da seit einiger Zeit eine Tonaufnahme der Euridice von Peri zur Verfügung steht. Wir entdecken eine Form des Rezitativs von solcher Flexibilität und Vielfalt, dass wir es bedauern, dass dem allgemeinen Musikliebhaber das Rezitativ so schnell überdrüssig wird  und er es trocken und langweilig findet. Die Erzählung von Eurydikes Tod durch Daphne ist von großer Schönheit: Der Rhythmus, die Phrasierung, die Modulation folgen bewundernswert dem Text, Eurydikes Promenade, ihre Tanzschritte auf dem Rasen movea danzando il piè und plötzlich die Katastrophe mit den fürchterlichen Qualen, der Todesangst und dem langsamen Sterben, Orpheus‘ Reaktion, Non piango e non sospiro… folgt mit einem arioso von unbestreitbarer lyrischer Schönheit. Die Euridice leidet jedoch unweigerlich in der Nähe des Orfeo von Monteverdi, dessen bewundernswerte musikalische Organisation nicht vorhanden ist: Es würde ausreichen die beiden pastoralen Akte zu vergleichen um den Unterschied zu erkennen. Bei Peri ist es eine Reihe von Rezitativen ohne viel Abwechslung, die mit einem Chor, Al canto, al ballo… enden, dessen Thema und rhythmischer Wechsel an den Chor von Monteverdi, Lasciate i monti erinnern. Jedoch Monteverdi arrangiert im ersten Akt des Orfeo mit bemerkenswerter Symmetrie seine verschiedenen musikalischen Elemente sodass sie den zentralen Mittelpunkt finden und dort in der Arie des Orpheus Rosa del Ciel verankert werden. Wir haben das Gefühl dass der Unterschied zwischen Peri und Monteverdi weniger die Qualität des Rezitativs ist als die Bedeutung einer gesamten musikalischen Konstruktion, indem sie dem Text dient und ihre eigene Autonomie hat. Was auch immer ihr Talent ist: Peri illustriert das Drama und Monteverdi stellt es mit richtigen musikalischen Mitteln dar! Darüber hinaus ist der Prolog ein wichtiges Detail der Tragödie bei Peri und der Musik bei Monteverdi. Einfache Vorrangsfrage?

L’Orfeo – Claudio Monteverdi – Prolog zum 1. Akt „Dal mi permesso“
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Striggio – Rinuccini  –  Ein Vergleich zwischen den Universen

Striggios Fabel, die Monteverdi als Libretto dient, kommt der von Rinuccini logischerweise ziemlich nahe: Wir befinden uns im selben kulturellen Universum! Es gibt jedoch einige signifikante Unterschiede: Das Ende zuerst, weniger flach als das von Rinuccini (Orpheus verliert Eurydike ein zweites Mal und er gibt sich der Verzweiflung hin, als Apollo eingreift und ihn einlädt, ihm in den Himmel zu folgen, wo er die Nymphe für immer finden wird). Dieses Ziel steht nicht wirklich im Widerspruch zu dem Kanon der Pastoral, da es uns die Apotheose des griechischen Sängers und das Werk musikalisch mit einem freudigen Tanz, der moresca endet. Gleichzeitig ist es näher am Mythos! Es sollte tatsächlich gesagt werden, dass Monteverdi Striggios Libretto nicht genau respektiert und dieser Unterschied sagt viel über die Entwicklung des Mythos aus: Bei Striggio erscheinen die Bacchanten um den Dichter zu ergreifen, aber Orpheus entgeht ihnen knapp. Wegen ihrer nicht vollzogenen Rache singen sie wütend eine Hymne an Bacchus (ein blasses Abbild des Bacchanals von Politien). Jetzt ist es ziemlich offensichtlich, da Monteverdi nicht der Tradition folgt, so stirbt Orpheus nicht durch die Hände der Bacchanten und das vorgesehene Bacchanal am Ende hat keine Bedeutung mehr. Monteverdi streicht schlicht und einfach diese Szene!

Florentine Camerata
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Ein weiteres hervorstechendes Merkmal: Wir bewegen uns mit Monteverdi auf einen Orpheus zu, der im Wesentlichen verliebt und elegisch ist. Peri wie Monteverdi fügen bereits ein Detail hinzu, das nicht im Mythos vorkommt, sich aber andererseits sehr gut an die gequälte und gleichzeitig kostbare Atmosphäre des pastoralen Gedichts anpasst: Orpheus weinte und seufzte lange bevor er das Herz seiner schönen Nymphe erobert hatte, aber leider erfreuten sie sich nur für kurze Zeit an ihrem Glück. Vor allem aber beseitigt die Anrufung von Charon bestimmte klassische Passagen, die eine Art Reflexion über den Tod darstellten und betont hier hauptsächlich den Pathos des Liebhabers, dem das Objekt seines Verlangens entzogen ist: Erster Schritt in Richtung einer sehnsuchtserfüllten und schmachtenden Vision, die bei Gluck triumphieren wird.

Schließlich erscheint bei Striggio deutlicher als bei Rinuccini eine sehr starke konter-reformistische Moral, die vom Gefühl der Veralterung und Zerbrechlichkeit des Guten in dieser Welt dominiert wird. Die Verteilung der höllischen Abenteuer in vier Akten gehorcht einer Sorge um dramatische Effizienz, bringt aber auch die Klarheit der moralischen Lehre zum Ausdruck, die in zwei Chören artikuliert ist: Orpheus hat die Unterwelt besiegt (letzter Chor im 3.Akt), aber auch er wurde überwältigt von seinen Leidenschaften (letzter Chor im 4.Akt). Die Ersetzung der Bacchanten durch Apollo verändert die Bedeutung des Todes des Sängers grundlegend: Mit Ovid stirbt Orpheus an einer Ablehnung, die der Dichter mit klarer Zweideutigkeit unserem Denken überlässt (Orpheus hatte sich allen weiblichen Verführungen entzogen, entweder weil ihre Liebe tödlich für ihn war, oder weil es ihm an einem neuen religiösen Glauben verlangte). Bei Claudio Monteverdi ist es die dieselbe Ablehnung, wenn er die Versuchung der Verzweiflung vermeidet, eine Etappe für den Verzicht auf eine Welt des Schmerzes und der Sorgen. Die Einladung von Apollo bestätigt des Sängers Qual: Weißt Du noch nicht, dass sich hier unten nichts freut oder tut? Und der Chor bestätigt: Wer die Hölle hier unten kennt, wird Gnade im Himmel finden! Orpheus entfernt sich von der klassischen Lehre, um eine Zivilisation auszudrücken, die den Glauben und die Begeisterung der Renaissance verloren hat (wenn auch durch das Bewusstsein menschlicher Grenzen gemildert, was im Mythos des Orpheus sehr offensichtlich ist) und an der die Bedeutung des Todes tiefgreifend arbeitet.   PMP-15/03/21-3/6

ORPHEUS – MYTHOS oder WAHRHEIT – Teil 4 – Der Orpheus des Christoph Willibald Gluck –  folgt bei IOCO am 22.05.2021

 

—| IOCO Essay |—


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