Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2021 – Beginn der Festspiele, IOCO Aktuell, 25.07.2021

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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

25. Juli 2021 –  Eröffnung Bayreuther Festspiele 

Der fliegende Holländer, Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal – konzertant, Tannhäuser, Walküre, Kinderoper Tristan und Isolde

25. Juli: An diesem Tag beginnen jedes Jahr auf dem Grünen Hügel von Bayreuth die Bayreuther Festspiele. Den Hauptwerken Richard Wagners gewidmet. In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen 1797 – 1888) wurde am 13.8.1876 die erste Festspielsaison in Bayreuth mit Rheingold und prominenten Gästen, so auch König Karl von Württemberg, Friedrich Nietzsche, Anton Bruckner, Franz Liszt, Leo Tolstoi, Camille Saint-Saents eröffnet. Der menschenscheue König Ludwig II. (1845 – 1886), Finanzier der Festspiele und Wagnerverehrer, fehlte zu dieser Eröffnung; doch hatte er Tage zuvor den Generalproben und später einem Ring-Zyklus beigewohnt. 58.000 Besucher, verschworene Wagnerianer, „pilgern“ seither in normalen Jahren zu den Bayreuther Festspielen. Die Festspiele zählen zu den bekanntesten, den meist besprochenen Festspielen der Welt. IOCO wird auch 2021 alle Bayreuther Produktionen besuchen und besprechen.

Spielplan 2021    – Hintergründe –   Spielplan

Richard Wagner Büste © IOCO

Richard Wagner Büste © IOCO

Die Bayreuther Festspiele finden auch 2021 wieder statt. Letzte Entscheidungen der Bayerischen Staatsregierung zur Regelung der Abläufe fielen erst in Juni 2021. Für den 1937 Plätze umfassernden Besucherraum werden pro Vorstellung max. 900 Besucher eingelassen werden. So auch am 25. Juli 2021, traditionelles Eröffnungsdatum der Festspiele: wenn mit Der fliegende Holländer, in der Neuinszenierung von Dmitri Tcherniakov, John Lundgren ist der Holländer, Asmik Grigorian ist Senta, Georg Zeppenfeld ist Daland, die Bayreuther Festspiele 2021  eröffnet werden.

Eine weitere Auffälligkeit der Festspiele 2021: Erstmals in der 145jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele steht mit Oksana Lyniv, *1978 in der Ukraine,  link HIER, eine Frau am Dirigentenpult. Oksana Lyniv wird zur Eröffnung am 25.7.2021 den Fliegenden Holländer dirigieren.

Der fliegende Holländer –  am 25.7.2021  –  ab 17.00 Uhr auf BR Klassik im Videostream live erleben! link HIER!

Bayreuther Festspiele  2021  – Der Spielplan 

• 25.7. Sonntag, 25. Juli 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 26.7. Montag, 26. Juli 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 27.7. Dienstag, 27. Juli 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 29.7. Donnerstag, 29. Juli 2021, 16:00 Uhr
Die Walküre

• 31.7. Samstag, 31. Juli 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 1.8. Sonntag, 01. August 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 2.8. Montag, 02. August 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 3.8. Dienstag, 03. August 2021, 16:00 Uhr
Die Walküre

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

• 4.8. Mittwoch, 04. August 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 5.8. Donnerstag, 05. August 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 7.8. Samstag, 07. August 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 8.8. Sonntag, 08. August 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 10.8. Dienstag, 10. August 2021, 16:00 Uhr
Konzert Parsifal

• 11.8. Mittwoch, 11. August 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 12.8. Donnerstag, 12. August 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 13.8. Freitag, 13. August 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 14.8. Samstag, 14. August 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 16.8. Montag, 16. August 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 17.8. Dienstag, 17. August 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 19.8. Donnerstag, 19. August 2021, 16:00 Uhr
Die Walküre

• 20.8. Freitag, 20. August 2021, 18:00 Uhr
Der fliegende Holländer

• 22.8. Sonntag, 22. August 2021, 18:00 Uhr
Konzert unter der musikalischen Leitung von Andris Nelsons

• 23.8. Montag, 23. August 2021, 16:00 Uhr
Tannhäuser

• 24.8. Dienstag, 24. August 2021, 16:00 Uhr
Die Meistersinger von Nürnberg

• 25.8. Mittwoch, 25. August 2021, 18:00 Uhr
Konzert unter der musikalischen Leitung von Andris Nelsons

—| IOCO Aktuell Bayreuther Festspiele |—


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Hoffmanns Erzählungen für Kinder – Opernwerkstatt, IOCO CD-Rezension, 27.05.2021

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CD - Hoffmanns Erzählungen - für Kinder © OPERNWERKSTATT / von Donat

CD – Hoffmanns Erzählungen – für Kinder © OPERNWERKSTATT / Sascha von Donat

Hoffmanns Erzählungen für Kinder – CD – Jacques Offenbach

Ein Kinderhörspiel – CD – Opernwerkstatt am Rhein e.V.

von Marcus Haimerl

Der künstlerische Leiter der Opernwerkstatt am Rhein, Sascha von Donat, erfüllte sich einen lang gehegten Wunsch und produzierte eine CD, welche eine Kinderfassung, empfohlen für Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren, von Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen (Les contes d’Hoffmann) ist.

CD – Hoffmanns Erzählungen für Kinder
Ein Kinderhörspiel – zu bestellen auch  HIER! 

Offenbachs vielleicht nicht immer für Kinder geeignete Oper Hoffmanns Erzählungen wurde in vorliegendem Fall jedoch auf hervorragende Weise kindgerecht aufbereitet.

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Erzählt wird die Handlung aus Sicht der Muse Nicola, die auf ihre Erlebnisse mit dem Dichter E.T.A. Hoffmann zurückblickt, den sie im Alter von 23 Jahren auf seinen Abenteuern begleitet hat. Heute ist sie 293 Jahre alt und bildet die Verbindung in die Gegenwart und kann die Kinder durch Verwendung der Alltagssprache in ihren Bann ziehen. Aber auch sonst ist die Sprache der Handlung Mitte des 19. Jahrhunderts sehr nahe an der Gegenwart und durchaus aktuell, wenn Coppelius beispielsweise beteuert kein Meister zu sein, der Meister sei nämlich im Homeoffice in Kurzarbeit. Auch sonst ist die Gestaltung der Handlung humorvoll und kurzweilig, spannend und fantastisch. Nach einer kurzen Einführung erzählt Hoffmann die Geschichte der todkranken Antonia, die nicht singen soll, um nicht sterben zu müssen, von Dr. Miracle aber zum Singen verführt wird. Im Olympia-Akt erzählt Hoffmann wie es dazu kam, dass er sich in eine mechanische Puppe verliebt und am Ende landet er bei der Kurtisane Giulietta, die ihm das Spiegelbild, und damit seine Persönlichkeit raubt. Schließlich endet alles gut, Hoffmann und die Muse erfinden ein Ende, das so gut ist, dass es schließlich von anderen Künstlern aufgegriffen wird.

Besonders positiv an dieser CD ist, dass hier nicht die Handlung zu Ausschnitten vorhandener Opernaufnahmen vorgetragen wird, sondern auch die wichtigsten Melodien der Oper für Klavier, Harfe und acht Sänger neu arrangiert wurden. Damit ergibt sich eine harmonische Ganzheit, die das Hörspiel zu einem besonderen Erlebnis macht.

Musikalisch finden sich im Hörspiel (alles in deutscher Sprache) unter anderem das Lied von Klein-Zack, der Arie der Antonia, das Terzett des Dr. Miracle mit Antonia und ihrer Mutter, die Arie des Coppelius, der Olympia und die Barkarole.

CD Hoffmanns Erzählungen für Kinder / im Studio hier Anette Hörle als Muse und Elena Puszta als Giuletta © Opernwerkstatt am Rhein

CD Hoffmanns Erzählungen für Kinder / im Studio hier Anette Hörle als Muse Nicola und Elena Puszta als Giuletta © Opernwerkstatt am Rhein

Aber auch die künstlerischen Leistungen sind auf höchstem Niveau. Hermann Bedke ist nicht nur ein sehr sympathischer Hoffmann mit angenehmem hellem Tenor, sondern auch mit ebenso schöner Sprechstimme. Anette Hörle überzeugt als junge Muse Nicola und berührt mit ihrem warmen Mezzosopran in der Barkarole, in der sie mit dem intensiven, kräftigen Sopran von Elena Puszta als Giulietta wunderbar harmoniert. Auf ebenfalls sehr hohem Niveau Diana Petrova, die mit ihren Koloraturen keine Wünsche offenließ. Benjamin Hewat-Craw, mit schönem tiefem, fast dämonischem Bariton ist ein optimaler Dr. Miracle. Frederik Schauhoff ist mit seinem helleren, aber ebenso kräftigen Bariton als Coppelius auch ideal besetzt.  Nicht zu vergessen der schöne Mezzosopran von Solgerd Isalv als Antonias Mutter, welcher das „Todesterzett“ wunderbar ergänzt.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Yuhao Guo, der den Sängern nicht nur ein exzellenter Begleiter ist, sondern auch als Solist den Zuhörer in seinen Bann zu ziehen vermag.  Hervorragend auch die Harfenbegleitung von Marie Junke.

 CD Hoffmanns Erzählunen für Kinder / hier Yuhao Guo, Musikalischer Leiter © OPernwerkstatt am Rhein

CD Hoffmanns Erzählunen für Kinder / hier Yuhao Guo, Musikalischer Leiter © OPernwerkstatt am Rhein

Doch sollte bei der Bewertung eines Kinderhörspiels nicht auf die Meinung der eigentlichen Zielgruppe, also Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, vergessen werden. Zum Testhören bereit erklärt haben sich Anna (8 Jahre) und Daniel (10 Jahre), damit genau innerhalb des empfohlenen Alters. Beide Kinder haben die CD (Dauer ca. 75 Minuten) gleich beim ersten Mal vollständig angehört und beiden hat es ohne Nachfrage (Anna, 8 Jahre) und mit Nachfrage (Daniel 10 Jahre) gut gefallen. Beide Kinder waren besonders in die Musik vertieft und hat in ihnen etwas angesprochen, was herkömmliche Hörspiele nicht vermögen. Annas Lieblingslied war das Lied von Klein-Zack, bei der Barkarole kam es zu einer spontanen Tanzeinlage. Einige Stellen mögen vielleicht für Kinder zwischen 8 – 10 Jahren ohne Erklärungen nicht ganz verständlich sein, aber zum mechanischen Spielzeug, der Puppe Olympia, wurde sofort eine Beziehung hergestellt. Und wenn das gesamte Ensemble die Barkarole am Ende der CD wiederholt, ist dann doch die ganze Familie berührt.

Insgesamt kann man sagen, dass die vorliegende CD durchaus für die empfohlene Altersgruppe geeignet ist und den Kindern auch die klassische Musik und Gesang auf angenehme Weise näherbringen kann.

Am Schönsten hört man die CD gemeinsam mit Kindern; auch um gegebenenfalls Fragen zu beantworten. In jedem Fall aber empfiehlt IOCO diese CD, Hoffmanns Erzählungen für Kinder,  zum Kauf, zum Hören, zum Schenken!

—| IOCO CD-Rezension |—


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Kleopatra – Oper von August Enna, IOCO CD-Rezension, 09.03.2021

März 9, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Oper

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Kleopatra Oper von August Enna _ CD PRESTO CLASSICAL © PRESTO CLASSICAL

Kleopatra Oper von August Enna _ CD  DACAPO RECORDS © PRESTO CLASSICAL

Kleopatra –  von August Enna – ein dänisches Opern-Juwel

 Danish National Opera Chorus –  Odense Symphony Orchestra

 PRESTO CLASSICAL CD –  Dacapo   8.226708-09

von  Julian Führer

Dänische Opern? Es stimmt schon, man spricht von der italienischen Oper, vom ‚deutschen Fach‘, von der tschechischen und russischen Opernliteratur, aber was den skandinavischen Nachbarn im Norden angeht, denkt man bei klassischer Musik vielleicht noch am ehesten an Carl Nielsen, der aber nur wenig als Opernkomponist in Erscheinung getreten ist. Allerdings ist da noch da Nielsens Zeitgenosse August Enna (1859-1939). Der Sohn eines italienischstämmigen Schuhmachers hatte schon 1880 als gerade Zwanzigjähriger seine ersten Dirigate absolviert und 1884 seine erste Oper Agleia geschrieben. In Bibliotheken studierte er die Partituren von Richard Wagner und Léo Delibes. Niels Gade, damals der Doyen der dänischen Musik, wurde auf ihn aufmerksam und verschaffte ihm ein Stipendium zum Studium in Leipzig. Enna konnte 1894 mit Kleopatra einen Erfolg feiern, der ihn überregional bekannt machte. Weitere Opern und Operetten folgten, unter anderem Aucassin og Nicolette nach einer französischen Liebesgeschichte des 13. Jahrhunderts, Die Nachtigall und Die Prinzessin auf der Erbse nach Andersen und Komedianter nach Victor Hugos L’homme qui rit, ein Stück also nach dem Stoff, zu dem Giuseppe Verdi seinen Rigoletto komponierte. Kleopatra liegt nun in einer neuen CD aus Odense vor, der ersten Einspielung überhaupt, und zwar als erstes Stück einer neuen Reihe „Den Danske Serie“, die vergessene Stücke dänischer Komponisten in neuen Aufnahmen zugänglich machen will.

Joachim Gustafsson stellt or Kleopatra, Den Jyske Opera / Danish National Opera
youtube Trailer Den Jyske Opera Aarhus
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Die Uraufführung der 1893 fertiggestellten Kleopatra verzögerte sich aufgrund von Urheberrechtsstreitigkeiten mit dem Verlag und dem Librettisten Einar Christiansen. Die Premiere in Kopenhagen stieß bei der Presse auf ein geteiltes Echo; das Orchester, so hieß es, sei zu üppig instrumentiert und decke die Solisten zu. Für die Titelrolle war die erprobte Brünnhilde Ellen Gulbranson vorgesehen gewesen, doch wurde die Premiere von einer nicht ganz so durchschlagenden Kollegin gesungen; auch andere Rollen konnten nicht ganz zufriedenstellend besetzt werden. Für die Wiederaufnahme 1895 brachte Enna Korrekturen an der Orchestrierung an, und nun sang auch Ellen Gulbranson. Der Erfolg war groß, das Stück wurde etliche Male gespielt, unter anderem auch in Berlin, Köln, Riga und Zürich. Dennoch wurde August Enna sein spätromantischer Kompositionsstil letztlich zum Verhängnis; schon bei seinem Tod waren seine Werke so gut wie vergessen. In Kopenhagen sollte es bis 2019 dauern, bis die Kleopatra wieder gegeben wurde.

Die vom Volk gehasste Kleopatra herrrscht über Ägypten ….
Elsebeth Dreisig  ist  Kleopatra

Die Oper besteht aus einem Prolog und drei Akten. Der Prolog beginnt mit einem kurzen Orchestervorspiel von anderthalb Minuten. Kleopatra herrscht über Ägypten, wird aber vom Volk gehasst, weil sie romfreundlich ist und die Ausschweifung liebt. In einem unterirdischen Gemach soll der Hohepriester Sepa den Harmaki weihen, der als Attentäter auf die Königin ausersehen ist. Harmaki ist Nachkomme der Pharaonen, die Hohepriester ermutigen ihn, und er schwört bei Isis, dass er zur Rache bereit sei. Sepas Tochter Charmion soll ihn im Palast einschleusen, zu dem sie als Kleopatras Vertraute Zutritt hat.

Ein Vorhang in dem unterirdischen Gemach wird aufgezogen, und auf der Bühne sieht man nun (jedenfalls im Prinzip) viele Menschen inmitten einer Masse ägyptischen Inventars. Zunächst zurückhaltend gibt der Chor seiner Hoffnung Ausdruck, dass, wie Sepa es verkündet, der Tag nun gekommen sei, an dem Ägypten nun wieder vom Dunkel ins Licht geführt werde. Lars Møller verleiht dem Sepa eine kernige Baritonstimme mit einer gewissen Brüchigkeit, die möglicherweise absichtlich in die Stimme gelegt ist, denn Sepa ist im Stück schon alt und nicht mehr in der Lage, selbst zur Tat zu schreiten. Mit Bläserakkorden und zahlreichem Einsatz des Schlagwerks wird der geplante Mord an Kleopatra als Befreiung von Tyrannei und Fremdherrschaft in Musik gesetzt; die Szene erinnert in unterschiedlicher Weise an Wagners Rienzi, Verdis Aida (als Enna dieses Stück schrieb, eine auch in Kopenhagen gerade erfolgreiche Oper) und Puccinis gleichwohl spätere Turandot. Nach der Feststellung der Eignung des Harmaki durch Sepa und den ägyptischen Fürsten Schafra wird er vor großem Publikum durch Sepa auf den Thron gesetzt und mit der ägyptischen Doppelkrone gekrönt, der kniende Chor huldigt dem künftigen Mörder der Kleopatra.

Nach knapp 20 Minuten wird der erste Akt mit einer kurzen Ouvertüre eingeleitet; wir befinden uns im Garten vor Kleopatras Palast. Die üppige Szenerie wird mit reichlich Harfenbegleitung beschrieben. Wir sehen und hören Charmion, die in zunächst elegischer und dann zunehmend erregter Stimmung (die in Intonation und Instrumentierung dem zweiten und dritten Aufzug von Wagners Walküre angelehnt scheint) auf eine Änderung der herrschenden Zustände hofft. Kleopatra hat geträumt und Charmion als ihre Vertraute geschickt, um einen fähigen Traumdeuter zu holen. Den Traum soll Harmaki deuten, den Charmion gleich als künftigen Herrscher begrüßt („Hil dig, vor farao!“ – feierlicher Bläserakkord), als er von Sepa hereingeführt wird. Sie sieht ihn und verliebt sich auf der Stelle in ihn („Hvor skøn du er! Og stærk og kongelig!“), während Harmaki vor allem von ihrer Entschlossenheit beeindruckt ist.

Kleopatra von August Enna hier Den Jyske Opera und Odense Symfoniorkester
youtube Trailer DACAPO Records
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Da hört man von hinten Kleopatra (ähnlich wie ElsasEuch Lüften, die mein Klagen“ aus Wagners Lohengrin, allerdings mit reichlich Harfenbegleitung). Kleopatra kommt mit Gefolge, und Harmaki deutet wie befohlen ihr den Traum. Kleopatra ist beeindruckt von Harmakis Fähigkeiten, seinem Äußeren und seiner Persönlichkeit und will ihn an sich binden. Charmion ist sofort klar, dass Kleopatra ihn so vom beschworenen Vorhaben abbringen wird. Harmaki geht auf die Avancen zwar nicht ein, ist von der Königin aber durchaus beeindruckt… Er wird von der Königin mit einem Kranz aus Blumen gekrönt und zum Hohepriester ernannt, der dazu einsetzende Chor lässt zunächst süßliche Blumenmädchenstimmung aufkommen, aber wird dann immer breiter und mächtiger.

Zu Beginn des zweiten Aktes sehen und hören wir Harmaki nachts allein; zwar ist er schwer beeindruckt von Kleopatra, doch hält er an seinem Plan fest und bittet die Göttin Isis um Beistand. Charmion tritt auf und versichert ihn der Unterstützung der restlichen Verschwörer; den tödlichen Streich wider Kleopatra aber könne nur er ausführen. Am nächsten Abend sei ein Fest geplant, an dessen Ende sie es arrangieren wolle, dass Kleopatra mit Harmaki allein sei und sie sich von Harmaki die Zukunft weissagen lasse – dann müsse er nur noch den Dolch zücken. Mitten in diese Beratung platzt Kleopatra persönlich, und Charmion muss sich irgendwie verstecken; Kleopatra allerdings ist nicht entgangen, dass Harmaki den von ihr überreichten Blumenkranz abgelegt hat und dass der Schleier einer Frau (nämlich Charmions) am Boden liegt. Hingerissen von Kleopatra tritt Harmaki mit ihr auf den Balkon, sie singen im Duett, während die doch auch in ihn verliebte und nach Rache an Kleopatra dürstende Charmion bestürzt hinter dem Vorhang hervortritt… Manches in der Phrasierung der Gesangsstimmen ist den ruhigeren Passagen des zweiten Aktes von Tristan und Isolde verwandt.

Kleopatra zieht nun alle Register ihrer Verführungskunst, auch das Libretto offenbart hier Qualitäten – in jedem Satz ist ein dramaturgischer Fortschritt. Elsebeth Dreisig in der Titelrolle verfügt über einen dramatischen Sopran, den sie hier aber auch verführerisch leuchten lassen kann. Allzu lyrisch wird ihre Stimme nie, doch verfügt sie über den langen Atem, den Ennas Phrasen dieser Rolle abverlangen. Als Harmaki ihr zusichert, am Abend nach dem Fest ganz allein zu ihr zu kommen, ist ihm der Gedanke an ein Attentat – das Orchester ist sehr deutlich – mehr als fern. Als Kleopatra sich empfiehlt und Charmion, aus dem Versteck getreten, Harmaki zur Rede stellt, passt ihm das hörbar überhaupt nicht. Als Unglückliche, als Schamlose bezeichnet er die Frau, die ihm seine nicht zu übersehende Leidenschaft für die Königin vorwirft, die er doch eigentlich töten soll. Ruslana Koval ist vermutlich die Idealbesetzung für Charmion – eine Sieglindenstimme, die auch die etwas zu vernünftigen, brangänenhaften Ermahnungen mit viel Spannung artikuliert, und doch selbst über viel Charakter und Leidenschaft verfügt. Am Ende verlässt Charmion – nun garantiere sie für nichts mehr! – aufgebracht die Bühne, während Harmaki auf der Bühne zusammenbricht. Nicht nur Wagner hatte eine Vorliebe für starke Frauen auf der Bühne!

Der dritte und letzte Akt beginnt mit einer Ballettmusik, die das Fest im Palast der Kleopatra begleitet. Es ist Abend geworden, die Ausführung des Attentates steht unmittelbar bevor – wenn Harmaki es denn vermag. Charmion, von Harmakis Zurückweisung gekränkt, verrät Kleopatra, was geplant hat – da kommt Harmaki herein und hat auch die Sternkarte dabei, über die Kleopatra sich beugen soll, wenn er den Dolch zieht. Doch zunächst spielen beide das Spiel mit: Harmaki erklärt die Sterne, während er nervös an seinem Gewand herumnestelt, in welchem er den Dolch verborgen hält, während Kleopatra ihm Fragen nach den Sternen stellt, ihn dabei aber nie aus den Augen lässt. Harmaki ist von seinem Mut verlassen, Kleopatra singt ihm ein Lied zur Leier (aus dem Orchester unter anderem mit Harfe begleitet), in der sie Harmaki in glühenden Farben eine Liebesnacht ausmalt – er wiederum merkt gerade noch, dass sie ihn becirct, ist ihr gegenüber aber längst machtlos. Kleopatra: ‚Lass mich dir die wunderbare Macht der Liebe zeigen… Liebe brennt in deinen Adern, empfange Leben aus meinem Mund… Sag mir, dass du mich liebst‘ – eine der heißesten Liebesszenen seit Tristan und Isolde mit einem Paar, das so unterschiedlich raffiniert und erfahren in Liebes- und Verführungskünsten ist wie vorher allenfalls noch Kundry und Parsifal. Das Orchester glüht und wogt.

Kleopatra von August Enna hier Op. 6, Prologue: Hathor, hellige Hathor
youtube Trailer NAXOS of America
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In dem Augenblick der höchsten Leidenschaft zieht Kleopatra auf einmal Harmakis Dolch aus dessen Gewand hervor: Ihre Leidenschaft war nur vorgetäuscht, und Harmaki kann kaum den Mordplan leugnen. Im Hintergrund sieht man, wie Sepa und die anderen Verschwörer abgeführt werden. Auf ein kurzes Ensemble aller Beteiligten folgt Kleopatras von gestopften Hörnern begleitetes galliges Verdikt: Harmaki könne seinen Dolch ja behalten, während er im Verlies auf sein Urteil warte… Charmion erkennt, dass sie durch ihren Verrat ihren Geliebten und ihren Vater ins Verderben getrieben hat. Harmaki verdammt Charmion, Sepa verdammt Harmaki, der das Attentat nicht ausgeführt hat. Harmaki stößt sich den Dolch nun selbst in die Brust. Magnus Vigilius ist in dieser Tenorrolle den beiden Damen nicht gewachsen – doch das ist im Stück auch so angelegt. Stimmlich muss er die höheren Töne pressen (oder er presst mit Absicht); wahrlich kein Heldentenor, eher ein Erik oder Max, von den starken Frauen in seiner Umgebung und den Ansprüchen der Gesellschaft an ihn überfordert. Die Gefangenen werden abgeführt, und am Ende singt Charmion über Harmakis Leiche (wie bei Isoldes Liebestod von der Bassklarinette eingeleitet) die letzten Zeilen der Oper über die zerstörerische Kraft der Leidenschaft.

Diese knapp zwei Stunden Musik sind ein Dokument des Wagnerismus, doch auch die französische Spätromantik mit Anklängen an die Klangwelten von Delibes und Massenet sind hörbar. Die Wahl eines antiken, etwas schwülen Sujets entspricht der Zeitstimmung (die wenige Jahre später entstandene Salome von Richard Strauss ist der beste Beleg dafür). Die Solopartien (auch die kleinen Rollen, die Jens Bové und Kirsten Grønfeldt übernommen haben) und der Chor der Dänischen Nationaloper sind zuverlässig besetzt. Es wäre reizvoll, diese Oper auch in einer anderen Besetzung zu hören, doch ist diese Leistung unter dem Dirigenten Joachim Gustafsson aus einem Guss und in sich stimmig. Die ästhetisch sehr ansprechende Box und das gelungene Booklet runden den positiven Gesamteindruck ab. Bis 2019 war Kleopatra 124 Jahre von der Kopenhagener Bühne verschwunden und auch sonst sehr lange nicht zu hören. Es wäre wirklich schade, vor allem für uns, wenn sie erst nach weiteren 124 Jahren (das wäre im Jahr 2143), wieder zu erleben wäre.

—| IOCO CD-Rezension |—


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Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Harnoncourt, IOCO CD-Rezension, Februar 2021

Februar 22, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension

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ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Franz Schubert: The Symphonies

Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt

ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

von Julian Führer

1988 – erster Schubert-Zyklus von Harnoncourt –  Jetzt auf CD 

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Nikolaus Harnoncourt hat das symphonische Gesamtwerk von Franz Schubert (1797 – 1828)  mehrmals eingespielt – derzeit erhältlich sind Aufnahmen mit dem Concertgebouw Orchestra aus dem Jahr 1993 und mit den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 2003-2006. Bislang nie auf CD veröffentlicht wurde hingegen eine Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe von 1988, die nicht nur eine frühere, sondern tatsächlich die erste öffentliche zyklische Auseinandersetzung des 2016 verstorbenen Dirigenten mit dem Komponisten dokumentiert. Die hier auf 4 CDs vorliegende Gesamtaufnahme entstand innerhalb von nur acht Tagen auf dem Styriarte-Festival in Graz und ist das Produkt von Konzerten vor Publikum, also keine Studioaufnahme.

Ziel der Konzerte von 1988 war es, eher das Neue an Schuberts Symphonik zu zeigen als die interpretatorische Tradition, die Schubert allzu oft neben Beethoven stellte und diesen durchaus mit gewissen Gründen revolutionärer, kompromissloser und insgesamt aufregender fand. Von Schubert ließ man oft nur die letzten beiden Symphonien überhaupt gelten, die „Unvollendete“ und die große C-Dur-Symphonie D 944. Schubert hatte nicht nur, was die Rezeption angeht, erhebliche Nachteile, nicht zuletzt starb er mit nur 31 Jahren und damit ziemlich genau ein Vierteljahrhundert jünger als sein Zeitgenosse Beethoven – wäre Beethoven so früh gestorben wie Schubert, hätten wir von ihm nur die erste Symphonie, 15 von 32 Klaviersonaten, 6 von 16 Streichquartetten und keine Oper. Schubert seinerseits begann früh mit dem Komponieren, eine Ouvertüre zum Lustspiel Der Teufel als Hydraulicus schrieb er beispielsweise mit etwa 15 Jahren. Doch große Publikumserfolge waren ihm erst in seinem Todesjahr 1828 vergönnt.

Für einen so bekannten Komponisten ist es erstaunlich, wie spät die Symphonien uraufgeführt wurden (eine einzige zu Lebzeiten Schuberts, die anderen zwischen 1828 und 1881), so dass auch das unser Musikverständnis so sehr prägende 19. Jahrhundert lange Zeit nur ein unvollständiges Bild von Schuberts symphonischem Schaffen hatte. Und selbst die Zählung ist nicht einheitlich: In manchen Werkkatalogen und auf manchen Platten- und CD-Titeln wird die h-Moll-Symphonie („Unvollendete“) als „achte“ Symphonie geführt – als siebte Symphonie wird dann entweder die große C-Dur-Symphonie gezählt (die man unter den Nummern 7, 8 und 9 findet), in anderen Katalogen steht die „Unvollendete“ unter 7, die große C-Dur-Symphonie unter 8 (so auch hier). Wenn man von neun Symphonien ausgeht, muss man von der Existenz einer heute verlorenen E-Dur-Symphonie von 1821 ausgehen, deren Partitur Schuberts Bruder Ferdinand an Felix Mendelssohn verschenkt haben soll und für die sich Skizzen erhalten haben (D 729). Die manchmal durch die Quellen spukende ‚Gasteiner Symphonie‘ ist identisch mit der großen C-Dur-Symphonie.

In der auf 84 Bände angelegten neuen Schubert-Ausgabe (https://schubert-ausgabe.de/) waren zum Zeitpunkt des Erscheinens nur die ersten drei Symphonien greifbar. Der Herausgeber der Vorgängerausgabe von 1884 war Johannes Brahms gewesen, der den Verlag noch davon abbringen wollte, diese Frühwerke zu drucken: Man solle sie abschreiben und so sichern, für Künstler zugänglich machen, aber einer Publikation seien sie nicht würdig.

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Die Symphonien durchzieht vieles, was man auch aus anderen Werken Schuberts kennt. Eine Vorliebe für ‚schöne‘ Melodien, einen Volksliedton, Ländler, gepaart mit Schmerzlichem, was seiner Musik etwas Zerbrechliches verleiht. Schubert selbst formulierte es in seiner Erzählung Mein Traum von 1822 so: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz.“ Dieser Schmerz war seelisch, oft war er unglücklich verliebt, aber es kamen auch andere Gebrechen dazu, und so starb er an fortschreitender Syphilis, zu der unter Umständen noch eine Typhusinfektion gekommen war.

Die ersten sechs Symphonien entstanden innerhalb von nur sechs Jahren (1813-1818), Schubert war also zwischen 16 und 21 Jahre alt. 1812-1816(?) hatte Schubert Unterricht bei Antonio Salieri, der Christoph Willibald Gluck verehrte und Schubert immer wieder zum Komponieren von Opern animierte. Die erste Symphonie in D-Dur D 82 nun, im Herbst 1813 entstanden, ist erst 1881 öffentlich uraufgeführt worden. Der Orchesterapparat ist schmal (nur eine Flöte). Wie auch bei anderen Komponisten der Zeit ertönt zunächst eine langsame Einleitung, die in einen Allegrosatz mündet. Deutliche Betonungsmarkierungen (beispielsweise Takt 53-59: in jedem Takt bei jedem Instrument ein sforzato-Zeichen) lassen Kenntnisse von Beethovens Partituren durchscheinen (die auch sonst belegt sind). Das Stück wird hier ohne Wiederholung der Exposition gespielt. Die Instrumentierung ist bemerkenswert, vor der Reprise der Introduktion spielen über 20 Takte lang nur Holzblasinstrumente. Der zweite Satz, ein Andante im 6/8-Takt, klingt manchmal schon sehr nach Schubert, ebenso das schnelle Menuett und das daneben gemütlich wirkende Trio. Carl Maria von Weber komponierte ähnlich, doch hört es sich ganz anders an. Das abschließende Allegro vivace beginnt wie ein schneller Satz von Joseph Haydn, enthält aber auch Anklänge an Wolfgang Amadeus Mozart, beispielsweise in den Mittelstimmen (Bratschen, Celli, später auch Violine II), die an die g-Moll-Symphonie KV 550 denken lassen. Nikolaus Harnoncourt betont diese Figuren, die sonst leicht als Begleitung untergehen. Trompetenstöße und eine Trübung nach Moll sind in der damaligen Symphonik und speziell bei Franz Schubert nichts Ungewöhnliches. Die Symphonie umfasst 100 Partiturseiten – eine ganz erstaunliche Leistung für einen Sechzehnjährigen!

Franz Schuberts zweite Symphonie (B-Dur D 125) entstand 1814/1815, der Komponist war 17 Jahre alt. Öffentlich uraufgeführt wurde sie erst 1877. Der erste Satz beeindruckt durch seine Länge – nicht weniger als 614 Takte (mehr haben bei Beethoven nur die Kopfsätze der ‚Eroica‘ und der Neunten). Das musikalische Material wird oft rekapituliert; wahrscheinlich wird aus diesem Grund in dieser Einspielung die Exposition nicht wiederholt. Abermals gibt es eine langsame Introduktion, einen folgenden Allegrosatz, an zu betonenden Stellen eine Häufung von fz- und sf-Markierungen. Das folgende Andante lässt stellenweise an Beethovens Rondo für Klavier op. 51,1 denken und besteht aus fünf Variationen des Kopfthemas, die mehr und mehr Bewegung bringen. Das folgende Menuett ist schnell (Allegro vivace) mit scharfen Akzenten von Hörnern und Trompeten, alles andere als ein Tanzstück – das hätte auch Beethoven so komponieren können, nicht hingegen das Trio, das wieder ganz Schubert ist. Das Finale hat ebenfalls einige Merkmale, wie sie Beethoven anzuwenden pflegte, einen fast stampfenden Rhythmus, eine (Takt 364-372) mächtige Basslinie, aber auch eine Zuspitzung zu einer dissonanten Klangzusammenballung (Takt 510), wie sie Schubert auch in späteren Werken immer wieder komponierte. Ein wildes Stück Musik.

Die dritte Symphonie (D-Dur, D 200), 1815 mit achtzehn Jahren in nur neun Tagen komponiert, wurde 1881 uraufgeführt. Im Kopfsatz spielen Klarinette und Oboe eine bedeutende Rolle, und Nikolaus Harnoncourt wiederholt diesmal die Exposition. Die Klarinette ist auch im Mittelteil des folgenden Allegretto das führende Melodieinstrument. Die rhythmische Faktur des Satzes wird vom Chamber Orchestra of Europe so kunstvoll umgesetzt, dass es sich auf höchst exakte Weise so anhört, als wäre eine Dorfkapelle ein kleines Bisschen aus dem Takt geraten – ein typischer Schubert, der eine gewisse musikalische Gemütlichkeit aufkommen lässt, allerdings nur beim Zuhörer und sicher nicht beim Orchester. Menuett und Trio stehen in einem Schubert gut liegenden Volksliedton. Das abschließende Presto vivace verlangt ein irrwitziges Tempo, dem dieses Orchester selbstverständlich gewachsen ist. Und auch wenn einmal ein Ton abrutscht, fällt das überhaupt nicht ins Gewicht. Dass die Musiker aufs Ganze gehen, ist zu hören, und das ist auch, was Harnoncourt immer forderte.

Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt  –  ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

Der Beiname „Tragische“ für die vierte Symphonie in c-Moll D 417 von 1816 (Schubert ist immer noch erst 19 Jahre alt) stammt vom Komponisten selbst. Das Orchester ist mit vier Hörnern etwas breiter besetzt als in den bisherigen Werken. Uraufgeführt wurde die Symphonie 1849. Nach bewährtem Muster folgt der Allegroteil des ersten Satzes einer langsamen Einleitung. In diesem Satz fällt noch mehr als bislang Schuberts Neigung zu vielen, vielen Wiederholungen auf. Der Jubelschluss in C-Dur kommt etwas unvermittelt. Nach dem Andante lässt das Menuett aufhorchen mit betont rauen Streichern, bevor der Ton etwas lieblicher wird. Das Finale zeigt Schubert dann auf dem Entwicklungsweg hin zum großen Symphoniker. Bereits Robert Schumann vermisste die angesichts des Titels zu erwartende existenzielle Tragik, doch ist bemerkenswert, dass neben dieser Symphonie nur noch die „Unvollendete“ in einer Molltonart steht. „Leichter Sinn, leichtes Herz. Zu leichter Sinn birgt meistens ein zu schweres Herz.“ (Franz Schubert, Tagebuch, 8. September 1816)

ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Die fünfte Symphonie in B-Dur D 485 schrieb Schubert ebenfalls im Alter von 19 Jahren. Vermutlich hatte er einen Dilettantenverein im Sinn (das Wort „Dilettant“ bezeichnet zunächst einen „Liebhaber“ und ist positiv gemeint), und so wird in der Partitur auf Trompeten, Pauken und Klarinetten verzichtet. Die Partitur lässt an zahlreichen Stellen an Haydn und noch mehr an Mozart denken, erstmalig verzichtet Schubert auf eine langsame Einleitung zum Kopfsatz. Das Andante (wie bei Beethoven allerdings con moto bezeichnet) dauert mit fast zehn Minuten in etwa so lang wie Menuett und Finale zusammen.

Die erste Symphonie Schuberts, die das Publikum in einer öffentlichen Aufführung überhaupt zu hören bekam, ist die sechste Symphonie, die „kleine C-Dur-Symphonie“ D 589, die er mit 21 Jahren vollendete. Aufgeführt wurde sie im Dezember 1828, Schubert war da bereits seit einem Monat tot. Einiges ist hier neu im Vergleich zu den vorangegangenen Werken: Auf die hier wieder eingesetzte langsame Einleitung folgt ein Allegro, das im Laufe des Satzes (più moto) schon kurz vor Schluss noch wilder wird – eine neue Facette im Bild der Schubertschen Symphonik. Der zweite Satz beginnt volksliedhaft, doch mischen sich dann schnelle Figuren im Holz hinein, die an italienische Oper und ganz besonders an Rossini denken lassen, der zur Entstehungszeit dieser Sätze gerade seine ersten Erfolge in Wien feierte. Der dritte Satz ist nicht mehr als Menuett, sondern als Scherzo bezeichnet, doch wahrt Schubert die klassische Struktur, indem er den ersten Teil wiederholt, ein Trio folgen lässt und am Ende den ersten Teil ohne Wiederholungen da capo spielen lässt. Der Finalsatz ist nicht Allegro, sondern Allegro moderato überschrieben, und dieses moderato ist in der Interpretation von Nikolaus Harnoncourt auch deutlich zu hören. Volksliedhaftes, fast an eine Spieluhr erinnernd, wechselt mit neuen Anklängen an Rossini – vielleicht sollte man besser von einer ausgewachsenen Parodie sprechen. Erstaunlich ist dann, wie Schubert aus einer rossinihaften Passage heraus (ab Takt 130) eine dramatische Kulmination sucht (ab Takt 160), bevor er zum Ausgangsthema zurückkehrt. Einzelheiten der Instrumentierung, etwa die Parallelführung von Klarinette und Fagott, verweisen schon auf die große C-Dur-Symphonie, bevor das Stück in einem Jubelschluss endet.

Ist die „Unvollendete“ nun vollendet oder nicht? Sie ist es, meint Nikolaus Harnoncourt. Auch wenn man Entwürfe zu einem Scherzo gefunden hat, das nicht ausgeführt wurde, sei das Werk für Schubert doch in der Form, wie wir es heute kennen, so abgeschlossen gewesen; Schubert habe sich hier schon auf den Weg zu einer neuen Art Symphonik befunden und sich von der klassischen Form gelöst, wie er das auch in der ebenfalls 1822 entstandenen Wandererfantasie am Klavier getan habe. Die Partitur blieb lange unbekannt, 1865 erst sorgte Johann Herbeck, der sich auch um das Werk Anton Bruckners große Verdienste erworben hat, für die Uraufführung. Sechs Jahre lang hatte Schubert keine Symphonie vorangebracht, seit 1821 wuchs seine Bewunderung für Beethoven, bei dem er aber auch ‚Bizarres‘ entdeckte.

Die h-Moll-Symphonie, ob nun vollendet oder nicht, verlangt drei Posaunen. Eine von tiefen Streichern unisono vorgetragene langsame Einleitung mündet in ein Allegro moderato. Oboe und Klarinette wechseln sich mit einer klagenden Melodie ab, zu der düstere Hornstöße kommen. Ein zweites, ländlerartiges Motiv bringen dann die Celli. Die Wiederholung der Exposition ist bei Nikolaus Harnoncourt noch etwas zurückhaltender, das Ländlermotiv wirkt in den Violinen sehr zerbrechlich. Immer wieder kommt es zur Zusammenballung von Dissonanzen, hier noch durch die verstärkten Bläser zusätzlich aufgeladen, ein gänzlich anderer Schubert. Den Satz durchzieht gerade in dieser Interpretation eine besonders düstere, fahle, lastende Atmosphäre. Der Satz wird nach mehr als 15 Minuten abrupt und wie mit Gewalt zu Ende gebracht. Im Andante con moto setzen die Violinen äußerst zart im Pianissimo ein, während die Celli eine interessante Begleitfigur spielen (später übernimmt die Flöte den Violin- und das Fagott den Cellopart) – es ist kein einfacher Gesang, der hier angestimmt wird. Kurz scheint es, als würden Flöte und Oboe eine pastorale Stimmung aufkommen lassen, doch wird dies durch einen Fortissimo-Akkord des gesamten Orchesters unterbunden. Der Satz verklingt in zartem E-Dur, viel Schmerz und Dramatik steckt darin.

Berühmt ist Robert Schumanns begeisterte Kritik in der Neuen Zeitschrift für Musik, als er von der Uraufführung der 7./8./9. Symphonie (zur Zählung siehe oben) D 944 in C-Dur berichtete, die Felix Mendelssohn 1839 dirigierte. Schumann hatte die Partitur bei Schuberts Bruder Ferdinand entdeckt. In der Reihenfolge der Schubert-Symphonien ist dies die zweite, die die Öffentlichkeit überhaupt zu hören bekam. Je nachdem, wie das Tempo aufgefasst wird und ob alle notierten Wiederholungen auch gespielt werden (auf dieser CD wird die Exposition wiederholt), beträgt die Aufführungsdauer in etwa eine Stunde, Dimensionen, die im symphonischen Repertoire damals nur Beethovens neunte Symphonie erreichte. Die Einleitung (zwei Hörner unisono) wird in dieser Einspielung markant phrasiert (es wird mehrmals neu angesetzt). Als das Holz übernimmt, wird das Tempo von Nikolaus Harnoncourt gleich etwas angezogen, beim folgenden Streichersatz wird der Dialog von Celli und Bratschen hervorgehoben. Die Bläser ab Takt 29 werden dann im Tempo wieder etwas zurückgenommen. Im Allegro ma non troppo ab Takt 78 ist erstaunlich viel Piano zu hören, gerade in den Violinen – andere Dirigenten lassen es hier dröhnen. Die Triller der Oboen und Flöten werden auffallend weich ausgeführt. In der Durchführung machen sich um Takt 280 herum lange Töne von Hörnern und Posaunen bemerkbar, die sonst eher im Gesamtbild etwas untergehen, hier jedoch eigene Akzente setzen. Ab Takt 569 wird mit Più moto das Tempo beschleunigt; der Satzschluss erfolgt wie auch in anderen Symphonien etwas unvermittelt, erzwungen, ohne Ritardando (das andere Dirigenten hier manchmal setzen).

Das folgende Andante con moto des zweiten Satzes ist bei Harnoncourt durchaus kein Trauerkondukt, es wird wahrlich con moto gegeben. Ein marschartiges Liedthema (hier eben nicht als Marsch vorgetragen, sondern nur marschartig) wird wieder und wieder repetiert, wobei die Orchesterfarben aber durch Instrumentierung und rhythmische Begleitfiguren wechseln. In Takt 248 mündet diese sich letztlich im Kreis drehende Situation in einer musikalischen Katastrophe – das gesamte Orchester spielt auf fff einen dissonanten Akkord (verminderter Septakkkord), auf den zunächst einmal (Takt 250) nur Stille folgt. Danach ist mehr Fluss in der Musik. Nicht allein durch die Tonart a-Moll sind gewisse Parallelen zum Allegretto, dem zweiten Satz von Beethovens 7. Symphonie, erkennbar.

Im dritten Satz (Scherzo. Allegro vivace) wird energisch eine andere Stimmung hergestellt. Fast schwelgerisch jauchzen die Violinen, das Holz scheint freche Scherze zu treiben. Wie in der sechsten Symphonie enthält dieser Satz ein Trio, das als Ruhepol süßliche, aber durch zahlreiche Wendungen nach Moll auch leicht melancholische Klangfarben ausmalt. Das Finale (Allegro vivace) beginnt sofort auf Höchstgeschwindigkeit. Reichlich zehn Minuten dieser Musik erfordern 100 Partiturseiten, der Antrieb dafür erfolgt vor allem durch die sehr schnellen Achteltriolen der Streicher. Als es einmal bedrohlich scheint, wird einfach mit großem C-Dur-Akkord Schluss gemacht.

Schuberts Ruhm basierte zu Lebzeiten auf den Messen und den Liedern, weniger auf seinem Opernschaffen. Sein symphonisches Werk war zu Lebzeiten größtenteils unbekannt. Es zeigt Franz Schubert als einen Meister der Melodieführung und der im Notenbild wenig oder gar nicht modifizierenden Wiederholung. Bei der Interpretation ist das tückisch: eine zu flächige Wiedergabe lässt die repetitive Anlage möglicherweise langweilig erscheinen; es ist wohl ratsam, mit einer eher kleinen, gut durchhörbaren Formation zu spielen und genau auf Phrasierung und Stimmungswandel zu achten, wie es Nikolaus Harnoncourt hier insgesamt wohl tatsächlich besser als bei den späteren Gesamtaufnahmen gelungen ist. Manches klingt roh und rau, doch weckt dies bei heutigen Ohren vielleicht ein Gespür dafür, dass nicht nur Beethoven revolutionär war – auch Schubert brachte etliche Neuerungen in die Musik und war für damalige Orchestermusiker schwer zu spielen. Das Chamber Orchestra of Europe klingt ungemein frisch und bringt einen schlanken Orchesterklang. Nikolaus Harnoncourt feuert (manchmal hörbar) die Musiker an; immer wieder werden die Mittellagen der Streicher herausgearbeitet. Der Liveaufnahme sind kleinere Unebenheiten geschuldet, die aber nur zeigen, dass die Musik und ihr Dirigent hier für eine gelungene Umsetzung auch ein Risiko eingegangen sind. Eine Gesamtaufnahme, die beim konzentrierten Hören etliches an Neuem zu Franz Schuberts Symphonien beiträgt, auch wenn die Konzerte vor über 30 Jahren stattfanden. Sie ist uneingeschränkt zu empfehlen.

—| IOCO CD-Rezension |—


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