Boris Papandopulo – Rijeka – zwischen Tradition und Moderne, IOCO Portrait, 18.07.2020

Boris Papandopulo CD @ cpo - das exklusive Klassiklabel

Boris Papandopulo CD @ cpo – das exklusive Klassiklabel

Boris Papandopulo – Komponist zwischen Tradition und Moderne

Rijeka – Kulturhaupstadt  2020, ein Theaterjuwel, ein großer Komponist

von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Vieles in diesem eigenartigen Jahr 2020 kann man getrost auf die Corona-Pandemie zurückzuführen: So auch, daß die beiden Kulturhauptstädte Europas, Galway in Irland und Rijeka in Kroatien, ihre Festivals absagen mussten. Beide Städte liegen am Wasser: Galway im Westen Irlands an der Galway Bay, Rijeka im nördlichen Teil der kroatischen Adria. Beide Städte haben eine wechselvolle Geschichte und hatten ein ambitioniertes Programm am Jahresanfang 2020 vorgestellt – doch dann kam eine andere „Welle“, die nicht nur dort zum Stillstand führte. Übrigens steht die neue Kulturhauptstadt für das Jahr 2021 bereits fest: Parma; angesichts des gebeutelten Nordens Italiens keine schlechte Wahl. Nach Galway muss man fliegen, nach Rijeka ist eine Autofahrt möglich. Und nach Rijeka – im Italienischen heißt die Stadt Fiume, was ebenso wie im Kroatischen einfach „Fluss“ bedeutet – haben sich Oliver Triendl und Dan Zhu 2016 aufgemacht. Dort im Theater HNK Ivan pl. Zajc (dem Kroatischen Nationaltheater) nahm cpo das Klavierkonzert Nr. 3 und das Violinkonzert op. 125 von Boris Papandopulo auf.

cpo  CD 5892046  –  Papandopulo – Klavierkonzert Nr 3 – Violin Konzert

Boris Papandopulo © Boris Papandopulo

Boris Papandopulo © Boris Papandopulo

Das Musik-Label cpo hat sich einen Namen mit „Neu- oder Wieder-Entdeckungen“ gemacht – dazu gehört auch die Veröffentlichungen von CDs mit Werken des kroatischen Komponisten Boris Papandopulo. „Wer bitte soll das sein, Papandopulo?„, mag sich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort: Papandopulo war der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts in Kroatien – und vor der Staatsgründung 1991/92 war er das auch im damaligen Jugoslawien. Dies markiert gleichsam auch seine Epoche. Das Leben von Boris Papandopulo (*1906 Bad Honnef – 1991 Zagreb) umfasst nicht nur historisch nicht mehr bestehende Staaten und Kaiserreiche, es bildet zugleich eine ungewöhnliche europäische Biographie ab.

Boris Papandopulo – ein stilistisches Chamäleon

An einem Ort, Zagreb, in dem der Komponist als Intendant und Dirigent noch 1959 engagiert war, in diese Zeit fiel wohl auch die Komposition des Klavierkonzerts. Seine Uraufführung erlebte es allerdings erst 1961 bei der ersten Zagreber Biennale (Music Biennale Zagreb), einem bis heute wichtigen Festival für zeitgenössische Musik. Papandopulos Wirkungsstätte in der Hafenstadt statten Giacomo Puccini und Pietro Mascagni, der seine Oper Il piccolo Marat sogar selbst dirigierte, einen Besuch ab. 1898 hatte der damals noch nicht in aller Welt gefeierte Tenor Enrico Caruso einen Gastauftritt, 1941 auch der nicht minder berühmte Beniamino Gigli. Das Theater kann mit architektonischen und künstlerischen Kostbarkeiten aufwarten: Konzipiert wurde es als Nachfolgebau von den Wiener Theater-Architekten Hermann Helmer und Ferdinand Fellner, das Decken- sowie die Wandgemälde (Foto unten) stammen von Ernst und Gustav Klimt und ihrem Künstlerfreund Franz Matsch – übrigens eine der ersten Arbeiten, die Gustav Klimt nach seinem Studium an der Kunstakademie schuf.

Kroatisches Nationaltheater Rijeka @ Matsch _ Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Kroatisches Nationaltheater Rijeka @ Matsch _ Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Auf der Suche nach der Partitur

Stellen diese Gemälde einen künstlerischen Aufbruch in die Moderne dar, so lässt sich Boris  Papandopulos Musik als ein Brückenschlag zwischen der herbeigesehnten neuen Epoche Ende des 19. Jahrhunderts und den musikalischen Strömungen nach dem 2. Weltkrieg verorten. Die Freude am Spiel mit den Stilen und Möglichkeiten zeichnen seine Musik aus. Und noch etwas ist für ihn „typisch“: Sein Humor war sprichwörtlich, im Leben wie in der Musik, und er war ein großzügiger Mensch; seine autographischen Arbeiten verteilte er oftmals, ohne sie jemals zurückzufordern, so dass sich nicht eindeutig bestimmen lässt, welchen Umfang sein Werk tatsächlich umfasst. Für das Klavierkonzert Nr. 3 erforderte das eine Rekonstruktion, denn bis heute bleibt die autographe Partitur unauffindbar; der Solist der Uraufführung, Stjepan Radic, besaß aber die Klavierstimme und zusammen mit dem Orchestermaterial gelang vor mehr als einem Jahrzehnt die Wiedereinrichtung der Partitur. Dank dieser Arbeit ist es möglich geworden, das Klavierkonzert wieder auf die Konzertbühnen zu bringen, und auch der Pianist dieser Aufnahme, Oliver Triendl sowie das ihn begleitende Orchester des Staatstheaters Rijeka konnten darauf zurückgreifen.

Vom dekadenten Produkt zur wirklichen Musik

In seinem Roman Der Lärm der Zeit beschreibt Julian Barnes wie Dmitri Schostakowitsch seine Musik immer wieder Vorwürfen von Stalin und der Partei ausgesetzt sah: „Er sei vom wahren Weg eines sowjetischen Komponisten abgewichen, von den großen Themen und zeitgemäßen Bildern. Er habe den Kontakt zu den Massen verloren und nur einer dünnen Schicht von überfeinerten Musikern gefallen wollen.“ Spiegelbildlich verhielt es sich mit Papandopulo und seinem dritten Klavierkonzert, das als nicht „zeitgemäß“ bewertet wurde: Jazz galt im damaligen Kroatien und ganz Jugoslawien eher als eine für die Massen bestimmte „Unterhaltungsmusik“, die nichts in der „ernsten“ Musik verloren hatte. Zudem symbolisierte sie ein „westliches dekadentes Produkt“, das erst nach Titos Bruch mit Stalin 1948 nur langsam Eingang in die Konzertsäle fand. Papandopulo hat sich selbst nicht für Weltanschauungen oder akademische Gepflogenheiten besonders interessiert, nahm dagegen jede musikalische Richtung und Entwicklung mit „offenen Ohren“ auf und hielt beharrlich an seinen kompositorischen Vorstellungen fest. „Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins –, die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird.“ So jedenfalls lässt Barnes seinen Protagonisten Schostakowitsch es sagen – Papandopulo hätte ihm ohne Zweifel beigepflichtet, hat sich aber im Gegensatz zu diesem seinen Optimismus immer bewahrt.

Zwischen allen Stühlen

Kroatisches Nationakltheater Rijeka @ Matsch - Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Kroatisches Nationakltheater Rijeka @ Matsch – Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Der vielgeschmähte Jazz, den Papandopulo ungeachtet aller Kritik einsetzte, erinnert (vielleicht nicht ohne Hintersinn) stellenweise an amerikanische Zeichentrickfilme, die genauso in die Kategorie verpönter westlich, dekadent-überkommener Lebensart fielen. Übrigens: Kein geringerer als Leopold Stokowski hat mit dem Philadelphia Orchestra für Walt Disneys 1940 entstandenen Zeichentrickfilm Fantasia die Musik eingespielt – von Bach und Beethoven bis hin zu Mussorgski und Strawinsky wird die klassische Musik geradezu zelebriert. Vielleicht schwebte Papandopulo ein ähnliches Feuerwerk an Stil- und Musikrichtungen für sein Klavierkonzert vor. Neben der jazzigen Grundstimmung lassen sich Anspielungen auf Folklore – Franz Liszts’ Fantasie über ungarische Volkslieder könnte Pate gestanden haben –, den Impressionismus und sogar eine Zwölftonreihe ausmachen. Kernmerkmal bleibt aber trotz lyrischer Momente im Mittelteil der Jazz, den Papandopulo damals intensiv und ausgiebig im Radio hörte, was das Konzert mit seinem großartigen und meisterhaften Klavierpart in die Nähe von George Gershwins und Leonard Bernsteins Werke rückt.

Oliver Triendl, Dirigent Rijeka Opera Symphony Orchestra © Christine Tröger

Oliver Triendl, Dirigent Rijeka Opera Symphony Orchestra © Christine Tröger

Oliver Triendl beschreibt Papandopulo als „stilistisches Chamäleon“ und führt weiter aus: „Seine Musik befindet sich ein wenig zwischen allen Stühlen, scheint von vielen Komponisten beeinflusst, findet aber trotzdem eine ganz eigene Sprache, die auch Elemente des Jazz oder Pop nicht meidet. Die Stücke sind sehr effektvoll geschrieben – durchaus anspruchsvoll, aber nicht ‚gegen‘ das Instrument.“ Und Triendl macht es sichtlich Vergnügen diese Musik zum Klingen zu bringen, ihre Entstehungszeit mitschwingen und sie jung und frisch wirken zu lassen. Seine gelungene Darbietung, die große Vertrautheit mit Papandopulos Klavierwerk (das zweite Klavierkonzert hat er ebenfalls eingespielt), zeichnen seine erstrangigen Interpretationen aus: schnörkellos, „mit“ dem Instrument, brillant-klar, einnehmend und „effektvoll“ jedoch ohne Effekthascherei.

Mit Schwung

Auch das Konzert für Violine und Orchester op. 125 weist eine Verbindung zur Küstenstadt Rijeka auf. Papandopulo dirigierte das Opernorchester, als 1969 erst zum zweiten Mal und ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung in Zagreb – die Partitur war in Berlin verlegt worden und verblieb dort – das Violinkonzert gegeben wurde. Papandopulo orientierte sich an Vorbildern aus der spätromantischen Zeit, worauf die Sonatenform des ersten Satzes verweist. Doch nicht nur die Romantik wird beschworen, auch Bach, dem er später eine kompositorische Hommage widmen wird, steht am Anfang des Satzes mit einem choralartigen Prolog die Johannes-Passion evozierend; es folgen, wiederum charakteristisch für den Komponisten, Volksmusik und ein rhythmisch (fast wie ein Militärmarsch) geprägter Teil. Der zweite Satz ist elegischer, das Zusammenspiel von Orchester und Geige überaus erhaben und spannungsreich gestaltet, wobei dem Solisten die Gelegenheit geboten wird, die „subtile melodische Substanz optimal auszugestalten“; Dan Zhu zeigt dabei sein ganzes technisches Können, seine Feinfühligkeit und Virtuosität. Zu Recht zählt er heute zu den international wichtigsten Musikern aus China. Rondoartig mit Schwung und Energie lässt Papandopulo den dritten Satz ausklingen – erneut dringt sein ansteckender Optimismus musikalisch durch. Unter der Leitung des finnischen Dirigenten Ville Matvejeff  spielte das Opernorchester die beiden Konzerte für diese Aufnahme ein. Mittlerweile gehört der international erfolgreiche Dirigent, Pianist und Komponist zum Main Guest Conductor des HNK Ivan pl. Zajc Rijeka und wird dort mit der Auftaktveranstaltung – Ville Matvejeff and Friends – ein eigenes Kammermusik-Festival ins Leben rufen. Zu hoffen bleibt, dass es im September 2020  tatsächlich stattfinden kann.

Reisen bedeutet nicht unbedingt nur, sich von A nach B zu fortzubewegen, es kann gleichwohl ein zeitliches Aufmachen bedeuten, und wer diese Form der – zugeben – eher geistigen Positionsänderung schätzt, dem sei die CD empfohlen – sie ist eine Reise in die unerschöpfliche Welt der Musik, die immer wieder von Neuem gestartet werden kann.

Kroatisches Nationaltheater Ivan pl Zajc in Rijeka @ Theatre of Ivan pl. Zajc, Rijeka / Djoko

Das malerische Kroatische Nationaltheater Ivan pl Zajc in Rijeka @ Theatre of Ivan pl. Zajc, Rijeka / Djoko

Ivan pl. Zajc –   Kroatisches Nationaltheater in Rijeka / Fiume

ein Theaterjuwel – mitgestaltet von Gustav und Ernst Klimt, Franz Matsch

Rijeka, Fiume – zwei Namen und doch dieselbe Stadt, die an der Flussmündung Rijecina liegt und den Stadtnamen begründet. Eine Hafenstadt, von vielen Herrschern begehrt – die Geschichte bezeugt es nachdrücklich. Aber es gibt auch die schönen Seiten der Historie, so z.B. das Theater Ivan pl. Zajc. Der etwas ungewöhnlich anmutende Name geht auf den Komponisten Ivan pl. Zajc (pl. steht für „adelig“) – auch Giovanni von Zaytz genannt – zurück. Er wurde 1832 in der Stadt geboren und gilt als prägende Gestalt des dortigen Musiktheaters. Zajc fühlte sich zeitlebens seiner Heimatstadt verbunden und dirigierte – im wahrhaftigsten Wortsinn schließlich erwarb er sich als Dirigent große Meriten – das Musikleben nicht nur in Rijeka, sondern über vierzig Jahre in ganz Kroatien. Er war zudem ein „echtes“ k.u.k.-Gemisch: Sein Vater, Jan Nepomuk kam aus Bratislava, war jedoch Tscheche, seine Mutter, Anna Bodensteiner, Deutsche. Zajc studierte in Italien und begeisterte sich nach seiner Rückkehr (1855) für die illyrische Bewegung, die im 19. Jahrhundert mehr Mitbestimmung oder vielmehr die Befreiung der südslawischen Bevölkerung forderte. Nichtsdestotrotz feierte er gerade in Wien, wo er von 1862 bis 1870 lebte, mit seinem unverwechselbaren musikalischen Stil – insbesondere mit den beiden Operetten Der Junge auf dem Boot  (1863) und Die Hexe von Boisy (1886) – außerordentliche Erfolge; eine internationale Karriere schien vorprogrammiert. Doch er verzichtete darauf und ließ sich in Zagreb dauerhaft nieder. Das Ende des 1. Weltkriegs und damit den Zerfall des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn erlebte er allerdings nicht mehr. Zajc starb im Dezember 1914, Kaiser Franz Joseph I. im November 1916 und zwei Jahre später war die vielgeschmähte Doppelmonarchie tatsächlich Geschichte. (Als es sie nicht mehr gab, stellte sich für nicht wenige Wehmut ein, ein Phantomschmerz über das zerbrochene k.u.k. Kulturkonglomerat wurde künstlerisch überhöht und verarbeitet, doch letztendlich bildet es bis heute eine gemeinsame kulturelle Klammer für die Nachfolgestaaten.)

In Sankt Veit am Flaum – so hieß die Stadt auf Deutsch – wurde 1765 das erste Theater errichtet, dieses aber bald von einem erweiterten Bau 1805 abgelöst, das der Kaufmann und prominenter Bürger der Stadt Andrija Ljudevit Adamic finanzierte und seinen Namen lieh: das Theater Adamic. Nachdem es in den1880er Jahren europaweit mehrere Theaterbrände gegeben hatte, beschlossen die Stadtoberen unter der Federführung von Bürgermeister Giovanni Clotto, Adamics Enkel, einen Neubau, der den modernen Anforderungen und Ansprüchen des innovativen 19. Jahrhunderts entsprechen sollte. Dafür verpflichteten sie das renommierte Wiener Architektenduo Hermann Helmer und Ferdinand Fellner, die als Theaterarchitekten weit über die k.u.k.-Grenzen enormes Ansehen genossen. In Wiesbaden kann eines ihrer Theater-Bauwerke besichtigt werden: das heute als Staatstheater der hessischen Landeshauptstadt firmierende Dreispartenhaus. Doch zurück nach Rijeka, wo das neue Theatergebäude (außen Neorenaissance, innen Neobarock) 1885 als „Teatro comunale“ eingeweiht wurde. Zur Eröffnung wurden Giuseppe Verdis Oper Aida und Amilcare Ponchiellis La Gioconda gegeben – zwei Werke, die bis dahin noch nicht in Rijeka zu erleben waren. 1913 wurde das Haus in Teatro comunale Giuseppe Verdi umbenannt. 1953 folgte die letzte Namensänderung – das nach Zajc benannte Staatstheater. Er fungierte nicht einfach nur als Verdi-Ersatz, die Namensänderung durfte, neben der zentralen politischen Dimension der Entscheidung aufgrund der verheerenden Kriegszeit, gleichwohl als Reverenz an den großen Sohn der Stadt verstanden werden. Und zudem hatte sich kein geringerer als Zajc um das Opernwerk seine Komponistenkollegen besondere Verdienste erworben.1857 dirigierte er dort Verdis Nabucco, weitere Verdi-Opern sollten folgen. Mit seinen 700 Plätzen zählt „sein“ Theater bis heute zu einem der schönsten Häuser in Europa.

Kroatisches Nationakltheater Rijeka @ Matsch - Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Kroatisches Nationakltheater Rijeka @ Matsch – Klimt Medaillons in der Deckenkuppel @ HNK IVAN pl ZAJC

Das neue, aufsehenerregende Gebäude glänzte mit künstlerischen Kostbarkeiten: Die figürlichen und ornamentalen Arbeiten erschuf der venezianische Bildhauer Augusto Benvenuti, die Decken- und Seitengemälde (auf dem Proszenium) stammen von Franz Matsch in Zusammenarbeit mit Gustav und Ernst Klimt. Unter dem Namen Künstler-Compagnie bildeten die drei etwa ab 1879 eine Arbeitsgemeinschaft, die gemeinsam Decken- und Wandbilder ausführte – neben denen bereits erwähnten in Rijeka auch in den Theatern von Karlovy Vary (Karlsbad) und Liberec (Reichenberg). Der Tod von Ernst Klimt 1892 setzte der Künstlergemeinschaft ein Ende, acht Jahre später kam es zum endgültigen Bruch zwischen Gustav Klimt und Franz Matsch. Ihre gemeinsamen Werke sind aber bis heute in Rijeka zu bewundern. Die Decke über dem Zuschauerraum zeigt sechs Medaillons-Gemälde, deren Bezeichnungen die Geschichte der Musik und des Theaters versinnbildlichen: Von der „Konzert- und Kriegsmusik“, der „religiösen Musik“ bis hin zur „Operette“, dem „Tanz“, und natürlich der „Liebe“ sind alle Themen abgedeckt, die in einem Theater präsentiert werden; nicht nur Poetisches und Schönes, Wahres und Gutes, sondern auch Feindschaft und Gewalt, Intrige und Verrat – kurzum Komödie und Dramatik. Und Drama wird neben Oper, Ballett und Schauspiel in einer weiteren Sparte geboten: dem Sprechtheater auf Italienisch. Die italienische Bevölkerungsgruppe umfasst etwa zwei Prozent der 130.000 Menschen zählenden Stadt Rijeka, doch sehr viel mehr beherrschen die italienische Sprache – Italien liegt ja schließlich auf der anderen Adriaseite und Venedig ist nur 167 km Luftlinie entfernt. Das Theater in Rijeka erweist sich als ein Ort, in dem sich Geschichte und Kultur bündelt, als Bewahrer des Alten und Schöpfer von neuen Geschichten ist es bis heute ein kreativer Mittelpunkt der Stadt geblieben.

—| IOCO CD-Rezension |—

KALEIDOSCOPE – Works by Willi März – Coviello Classics, CD – Rezension, 31.05.2020

Mai 31, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension

CD Kaleidoscope - Works by Willy März - Coviello Classics © Coviello Classics

CD Kaleidoscope – Works by Willi März – Coviello Classics © Coviello Classics

KALEIDOSCOPE  – Werke für Tuba von Willi März

CD – COV92008 –  Coviello Classics

Siegfried Jung – Tuba, Johanna Jung – Harfe, Yasuko Kagen – Klavier, Nationaltheate -Orchester Mannheim, Walter Hilgers – Dirigent, Willi März – Komponist

von Albrecht Schneider

Es erfreut des passiven Musikfreundes Herz, wenn er sich nicht mit der dreiundachtzigsten und diesmal authentischsten Aufnahme von Beethovens c-moll Sinfonie zu befassen hat, Beethovengedenkjahr 2020!, sondern mit einer Sammlung bislang unbekannter Musik, die einem zwar geachteten, indessen nicht immer beachteten Mitglied der Instrumentenfamilie gewidmet ist.

CD Kaleidoscope / hier Siegfried Jung, Tuba, Yasuko Kagen, Klavier, Willi März, Komponist © Willi März

CD Kaleidoscope / hier Siegfried Jung, Tuba, Yasuko Kagen, Klavier, Willi März, Komponist © Willi März

Die Rede ist von der Tuba, exakt der Basstuba, einer bereits vom Äußeren her glänzenden, mit ihren wohlgerundeten Formen nahezu sinnlichen Erscheinung. Als Solistin aufzufallen ist ihr bloß sehr eingeschränkt möglich, eine geringe Zahl der großen (?) Komponisten hat sie mit Literatur bedacht: Ralph Vaughan Williams hat ihr ein Konzert geschrieben wie auch sein Namensvetter, der Filmmusikkomponist John Williams, und von Paul Hindemith existiert eine Sonate für Klavier und Tuba.

Deren runder sonorer und, synästhetisch gedacht, schier bronzefarbener Klang gerät auch im Forte niemals scharf oder aggressiv, Eigenschaften, über die eine Mehrzahl ihrer Kolleginnen und Kollegen aus der Holz- wie Blechbläsergruppe durchaus verfügen. Unter letzteren hat sie als ein noch junges Instrument – Geburtsjahr 1835 – die Nachfolge der ebenfalls dem Geschlecht der großen Bügelhörner angehörenden Ophi-kleide angetreten, die Berlioz für seine Symphonie fantastique verpflichtet hatte, und war hernach im spätromantischen Großorchester eines Mahler, Bruckner, Strauß, Strawinsky anzutreffen, in dem sie bis heute gleich unentbehrlich ist wie in Militär- und zivilen Blaskapellen. Auch in Jazzbands war sie zu finden, bis der Kontrabass sie weitgehend verdrängte. Im Sinfonieorchester wirkt die Basstuba in der Fraktion der „Blechbläser“ als ein grundierendes Element, bloß selten dürfte sich ihre Stimme dort heraushören lassen. Als Solistin freilich kann sie gleichermaßen sonor, ein bisschen geheimnisvoll und so balsamisch tönen, wie die Kritik bisweilen von Sängern mit tiefem schwarzen Bass zu schwärmen liebt, aber sie ist nicht minder imstande, sich mit einer Salve von Staccatonoten in den musikalischen Diskurs einzumischen. Letztlich freilich scheint das Instrument friedlichen wie sanften Charakters zu sein.

  CD Kaleidoscope – AUBADE – Tuba und Klavier
youtube Video Willi März
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Mit ihm umfassend bekannt zu werden, diese Chance bietet die vorliegenden CD, erfährt sie die gebotene Aufmerksamkeit. Belohnt werden dürften diejenigen allemal, und das leistet in erster Linie die Musik. Die hat der Komponist und Arrangeur Willi März seinem Freund, dem Tubavirtuosen – im flachen Musikreporterjargon würde es wohl „Startubist“ heißen – Siegfried Jung geradezu auf den Leib, besser: auf seine Bass-tuba geschrieben. Bereits mit dem ersten Titel, einem Divertimento, offenbaren Komponist und Instrumentalist ihre Absicht, nämlich auf hohem Niveau- und auf unterhaltsamste Weise ihre Könnerschaft dem Zuhörer vorzuführen.

Dammdadadamm, das von der Tuba hingetupfte winzige Viertonmotiv, das den ersten Satz des Divertimento für Tuba, Harfe und Orchester eröffnet, bürgt, sich verändernd und wiederholend, für dessen putzmunteren Gestus. Wie ein kecker Springinsfeld hüpft diese „Toccatina giocosa in knapp drei Minuten vorüber, indessen ihr die Harfe als Partnerin quasi auf die Sprünge hilft und das Orchester beiden allzeit den Vortritt lässt.

CD Kaleidoscope / hier vl Siegfried Jung, Tuba, Willi März - Komponist, Johanna Jung - Harfe © Willi März

CD Kaleidoscope / hier vl Siegfried Jung, Tuba, Willi März – Komponist, Johanna Jung – Harfe © Willi März

Den zweiten Satz Paesaggio durchziehen der Tuba melodische Seufzer, die im dritten ein Zwiefacher, ein betont rhythmischer bayrischer Volkstanz, fortbläst. Hier besinnt sich das Instrument auf seinen zweiten Standort, die heimische Blaskapelle, und das gilt desgleichen für die folgenden, lediglich für Tuba und Harfe gesetzte Suite Bavaroise. In der wirkt sie als Stimme und Metrum derart vital, dass man sogleich das Bild eines tanzenden Völkchens vor Augen hat. Dazwischen schiebt sich ein retardierendes Moment, eine Serenade, die Tuba und Harfe gleich ähnlich wie zwei Verliebte dazu nutzen, um mal sanft mal temperamentvoll miteinander zu unterhalten, bis sie hernach in einem Launigen Tanz neuerlich zusammenfinden.

Zunächst dürfte einem die Partnerschaft von Tuba und Harfe schon sonderlich anmuten, allein es verbindet sich, pointiert formuliert, das männliche Gedröhne des Bläsers durchaus mit den zartweiblichen Tongirlanden der Harfe und ihrer akkordischen Bestimmtheit. Die Skepsis weicht der Einsicht, zu welchem munteren Konzertieren die scheinbar kuriose Liaison fähig ist.

Tuba und Klavier vereinen sich ebenso in dem Capriccio Energico zu einem, wie es der Titel andeutet, rigoros das Blasinstrument durch seine Register jagenden und des Klaviers Dynamik fordernden Musizieren, bisweilen beruhigt von kurzen, besinnlichen, in Klangvaleurs der Tuba changierenden Phasen. Ähnliches geschieht im Mittelteil der Aubade, nachdem sie mit auftrumpfender Gebärde begonnen hat und nicht weniger emphatisch endet.

Der Tanz Agile als eingängige melodische Piece bietet dem Solisten die Chance zur Demonstration der eigenen Virtuosität und mithin der Ausdrucksmöglichkeiten und Klangfärbungen seines doch letztlich nicht unbedingt im hellsten Rampenlicht stehenden Instruments.

Aus welcher allerbesten Laune heraus Tuba und Harfe den Hörer in allerbeste Laune versetzen können, erweist sich im Siebz’ger Boarischer, einem Tanz, der zu schmissig daherkommt, um still auf seinem Stuhl hocken bleiben zu können.

Zum Kehraus verbünden sich noch einmal Tuba und Orchester zu des Komponisten Ionel Dumitru Rumänischen Tanz, den Willi März entsprechend arrangiert hat, und der als ein furioses Stück Volksmusik die Aufnahme beschließt

Indem die CD mit einem Divertimento beginnt, ist ihre Absicht exakt formuliert: eine Unterhaltungsmusik traditioneller Art, jedoch in zeitgemäßer Sprache zu schaffen, worin ein mit solistischen Aufgaben sonst wenig bedachtes Instrument gleichsam den Ton angibt. Vor allem die Harfe muss dessen Dominanz respektieren, aber sie behauptet sich bravourös, wie eben auch beider anfänglich befremdendes Zusammenspiel sehr rasch als ganz und gar gelungen empfunden wird.

Kurzum, wer immer eine Spielmusik zu schätzen weiß, die abseits allen Mainstreams und ohne Anspruch auf einen Platz  im Olymp, pulsierend, fröhlich, aber auch bisweilen eine Spur versonnen, mit den Protagonisten Tuba und Harfe wie mit Unterstützung von Klavier und Orchester annähernd eine Stunde lang offenen Ohren reines Vergnügen bereitet, ist mit dieser singulären CD vortrefflichst bedient.

—| IOCO CD-Rezension |—

Boris Papandopulo – Komponist zwischen Tradition und Moderne, IOCO Portrait, 14.04.2020

cpo Boris Papandopulo - Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

cpo Boris Papandopulo – Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

Boris Papandopulo – ein Komponist zwischen Tradition und Moderne

cpo CD 3097679  – Klavierkonzert Nr. 2 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Das Musik-Label cpo hat sich einen Namen mit „Neu- oder Wieder-Entdeckungen“ gemacht – dazu gehört auch die Veröffentlichungen von CDs mit Werken des kroatischen Komponisten Boris Papandopulo.Wer bitte soll das sein, Papandopulo ?„, mag sich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort: Papandopulo war der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts in Kroatien – und vor der Staatsgründung 1991/92 war er das auch im damaligen Jugoslawien. Dies markiert gleichsam auch seine Epoche. Geboren wurde Boris Papandopulo am 25. Februar 1906 allerdings in dem Rheinstädtchen Honnef, das sich ab 1960 Bad Honnef nennen darf. Sein Leben – er starb 1991 in Zagreb – umfasst nicht nur historisch nicht mehr bestehende Staaten und Kaiserreiche, es bildet zugleich eine ungewöhnliche europäische Biographie ab.

Maja de Strozzi, die Mutter von Boris Papandopulo, war Sopranistin, sein Vater ein russischer Baron mit griechisch-jüdischen Wurzeln aus Stawropol im Nordkaukasus, der Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen  Kaiserreich weilte. In Wiesbaden erhielt Maja de Strozzi ihr erstes Fest-Engagement und gab in Daniel-François-Esprit Aubers Oper Fra Diavolo als Zerline ihr Debüt. Sie entstammte einer angesehen Künstlerfamilie aus Zagreb, welche wiederum Verbindungen zu der alten Florentiner Patrizierfamilie Strozzi aufweist. Zu dieser Zeit gehörte Zagreb, wie auch die restlichen Landesteile, zuu Österreichisch-Ungarischen Monarchie; Kaiser Franz Josef I. herrschte noch über den Vielvölkerstaat. Auch Konstantin Papandopulo lebte in einer Monarchie – dem Zarenreich unter Nikolaus II. Die Verwerfungen, die später fast alle herrschenden Monarchien in Europa hinwegfegen sollten, kündigten sich noch nicht an. Unter diesen scheinbar gegeben anmutenden Umständen lernten sich Maja de Strozzi und Konstantin Papandopulo in Honnef kennen; sie war zur Kur dort, er lebenslang ein kränklicher Mann, benötigte intensivere medizinische Betreuung. Schon bald wurde geheiratet, Boris kam zur Welt und die Familie kehrte nach Stawropol zurück. Doch Konstantin starb, der Sohn war mit zwei Jahren Halbwaise, so dass seine Mutter nur einen Ausweg sah: zurück nach Kroatien. Dort erhielt Boris Papandopulo seine erste musikalische Ausbildung – auch in Komposition –, später ließ er sich dem Ratschlag des Familienfreundes Igor Strawinsky folgend in der Meisterklasse von Dirk Fock am Neuen Wiener Konservatorium zum Dirigenten ausbilden.

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo 

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo

Eine musikalische Nähe zu seinem „väterlichen Freund“ Strawinsky ist musikalisch nicht eindeutig auszumachen, doch hat Papandopulo immer wieder alle künstlerischen Strömungen verfolgt und aufgegriffen. So wurde er schon 1947 als bedeutendster Komponist Jugoslawiens nach Darmstadt zu den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik eingeladen. Papandopulo ist aber stets seinen eigenen Weg gegangen, der von der Dodekaphonie, über neoklassizistische Ansätze, dem Aufgreifen von Jazz- oder Tango-Elementen bis hin zur regionalen Volksmusik reicht – mit regional ist nicht nur das damalige Jugoslawien gemeint. Diese Bereitschaft für Musik jeglicher Ausprägung offen zu sein und Liebe zu den traditionellen Volksmusikformen haben viele Kritiker im Westen, salopp formuliert, als irgendwie nicht so richtig„salonfähig“ bewertet, weil es ja keine hohe Kunst sein könne. Doch auch ein Komponist wie Béla Bartók, der tatsächlich einen Einfluss auf das kompositorische Schaffen Papandopulos’ ausübte, war sich nicht zu „fein“, Volksmusiktraditionen aufzunehmen – im Gegenteil. Dass sich Bartók immer wieder für die bulgarische Volksmusik interessierte und sie einsetzte, bezeugt ein Blick in sein Werk; seine Leidenschaft für Melodien der Region, d.h. auch der slawischen  Bevölkerung in der alten k.u.k. Doppelmonarchie, belegen die 14.000 von ihm akribisch gesammelten und transkribierten Melodien. Diese beinahe schon wissenschaftliche Sammelleidenschaft entfalte Papandopulo nicht, aber er schätze gleichfalls die Volksmusiktradition – seine Neigung besaß zudem eine persönlich Note und das im wörtlichen Sinn: die Opernsängerin Jana Puleva, seine damalige Frau, stammte aus Bulgarien. Den Beweis für seine Kenntnisse, wie auch Affinität zum jahrhundertealten Liedgut, liefert diese in jeder Hinsicht geglückte CD-Einspielung.

papandopulijana - logo © papandopulijana

papandopulijana – logo © papandopulijana

Der Pianist Oliver Triendl hat eine beachtliche – mehr als 100 Einspielungen – Diskographie vorzuweisen, ist Gründer und bis 2018 Leiter des Internationalen Kammermusikfestivals Classix Kempten in Kempten im Allgäu gewesen – nicht nur dort hat er sein ausgesprochen feinfühliges Händchen für Ausgrabungen und Neuentdeckungen unter Beweis stellen können. Zusammen mit den Zagreber Solisten (Zagreb Soloists) hat er das Konzert für Klavier und Streichorchester Nr. 2 eingespielt. Dieses Werk entstand 1947, ist technisch anspruchsvoll und verknüpft das bereits erwähnte Liedgut Bulgariens mit der klassischen dreisätzigen Gestaltung eines Klavierkonzerts. Überhaupt verlangen Papandopulos Stücke viel Virtuosität und Können ab, und Oliver Triendl ist – nicht nur in Bezug auf Papandopulos Klavierkonzert – ein ausgezeichneter Interpret. Der erste Satz beginnt mit einer Prelude, con brio und Triendles ausdrucksstarkes Spiel kontrastiert und hält zugleich Zwiesprache mit den Streicherpassagen, und endet in immer kürzen werdenden Abständen zwischen Solist und Ensemble. Der Concerto grosso Charakter am Anfang, die Abwechslung zwischen dem Soloinstrument und den Tutti wie in einem barocken Musikstück, zeugen von Papandopulos’ Kenntnis der klassischen Musikliteratur und doch schlägt er eine andere Richtung an, insbesondere im zweiten und dritten Satz.

Der mittlere Satz (Andantino con moto) beginnt mit einer kreisenden, intensiver werdenden Streichersequenz, die dunkle Farben enthält ohne jedoch düster zu wirken, mit dem Klavierpart setzt auch die Volksmusik, auf dem Lied Bogdane, bog da te ubije (Bogdan, Gott töte dich) basierend, ein. Auch hier ist der Dialog zwischen Solist und Ensemble vom Komponisten beeindruckend gelöst worden; fungiert das Klavier beim Lied als Begleiter, wird es hier zum vorrangigen Ausdruckmittel, während die Liedmelodie den einzelnen Stimmen der Streicher überantwortet wird, um am Ende zusammenzuströmen und in einer überbordenden Aufwallung der Gefühle zu enden. Im dritten Satz (Allegretto vivace) dienen sogar zwei Volkslieder (Zalibil e mlad gidija, deutsch: Ein Jüngling verliebte sich, aus Bulgarien und Dafino vino crveno, deutsch: Dafina, Rotwein, aus Mazedonien bzw. heute Nordmazedonien) als musikalische Bausteine, die miteinander verschränkt werden und ein einzigartiges Strukturgeflecht erzeugen. Nicht nur im Hinblick des Verfahrens, im Textbuch wird dafür der Begriff „Filmmontagetechnik“ verwendet, sondern auch wegen der unterschiedlichen Rhythmen – 5/8 der bulgarische, 3/8 der mazedonische Takt – beider Lieder eine Herausforderung. Der bulgarische Takt gehört zu den sogenannten „unsymmetrischen“ oder wie Bartók sie einfach nannte „bulgarische Taktarten“, was für manche europäische Ohren etwas ungewohnt klingen mag. Papandopulo verknüpft beide nahtlos zu einem musikalisch runden und einheitlichen Ganzen.

Die Sinfonietta für Streichorchester, op. 79, bei Schott Mainz verlegt, entstand 1938 in einer Zeit, in der eine Pluralität der Stile charakteristisch für die Zwischenkriegszeit war. Es gab den rhythmisch akzentuierten Neoklassizismus, die Neue Sachlichkeit, die um Schönberg etablierte Wiener Schule oder auch die Synthese verschiedenster Stile und Richtungen, um nur einige zu nennen. Papandopulo – durchaus mittendrin in den künstlerischen Strömungen – bediente sich der vielfältigen Neuerungen und Ausdrucksmöglichkeiten. So wird der erste Satz, Intrada, von einem Marsch „mediterraner Prägung“ bestimmt, während der zweite, Elegie, Anlehnung an die barocke Da-Capo-Arie, vor allem in der neapolitanischen Barockoper, findet – was die „mediterrane“ Stimmung beibehält und unterstreicht. Diese erfährt eine weitere Öffnung über das Folklorehafte hinaus, in der die orientalische Musik als Hintergrundquelle aufzuleuchten scheint. Der dritte Satz, eine „Toccata furiosa“, unablässig pulsierende Sechzehntel – nicht zufällig ist der Satz mit Perpetuum mobile überschrieben –, greift zwar im Schlussteil die Intrada vom Anfang kurz auf, um dann doch schwungvoll und heiter zu enden.

Die Pintarichiana für Streichorchester, 1974 entstanden, widmete der Komponist den Zagreber Solisten. Gegründet wurde das bis heute existierende Ensemble 1953 von Antonio Janigro; dieser war ein aus Italien stammender geschätzter Cellist und Dirigent, der die Streicherformation zu internationaler Größe und Bekanntheit führte. Berühmt ist ihre Aufnahme mit Alfred Brendel, der übrigens selbst seinen ersten Musikunterricht in Zagreb erhalten hatte. Sreten Krstic, Konzertmeister des Ensembles und seit 1982 Erster Konzertmeister der Münchener Philharmoniker, hat mit vielen namhaften Dirigenten gearbeitet – stellvertretend soll hier nur Sergiu Celibidache genannt werden, der das Münchner Orchester entscheidend geprägt hatte.

Der Namensgeber des Stückes Fortunat Pintaric (1798-1867), ein Franziskanermönch, schrieb neben liturgischer Musikliteratur auch Miniaturen für Tasteninstrumente. Auf diese Werke greift Papandopulo zurück, wobei seine Bearbeitung und Neuschöpfung als eine Hommage an beide – Pintaric wie die Zagreber Solisten – verstanden werden kann; zugleich ist es auch eine Verbeugung vor der Wiener Klassik. Leichtigkeit und Freude vermittelt dieses 10minütige Stück – eine Einstellung, die dem Werk Papandopulos inhärent ist – rundet diese Einspielung ab.

Bewundern konnte man dieses Werk im vergangenen Jahr – im August 2019 – bei dem zwar kleinen, künstlerisch aber anspruchsvollen Festival – der Papandopulijana in Tribunj – mit den Zagreber Solisten. Dieser kleine Ort in der Nähe von Šibenik, in Mitteldalmatien, war fast siebzehn Jahre lang das Zuhause von Boris Papandopulo, und nur wenige Meter von seinem damaligen Wohnhaus entfernt erklang auf der Freilichtbühne diese musikalische Miniature – seine Witwe, Zdenka Papandopulo, saß als Ehrengast wie schon die Jahre zuvor im Publikum. Hier komponierte er sein Alterswerk, schrieb für Musikzeitschriften und hörte den Klapa-Gesängen (ursprünglich männliche A-Cappella-Formationen in Dalmatien) mit großen Vergnügen zu. Bei der Papandopulijana erklingt nicht nur Musik des Namensgebers, vielmehr ist seine Musik ein Ausgangspunkt, der vergangene und zeitgenössische Musik verbindet, und dabei u.a. auch jungen angehenden Profimusiker/innen Gelegenheit gibt, ihr Können unter Beweis zu stellen. Papandopulo hat seinen Humor nie verloren, seine Musik strahlt(e) immer Lebensfreude und Zuversicht aus und ist (nicht nur in dieser pandemiewütigen Zeit) ein guter musikalischer Begleiter. Er sagte von sich selbst: „Es ist meine Aufgabe Musik zu schreiben und nicht über einen eigenen Stil nachzudenken. Ich setze mich hin und schreibe und philosophiere nicht, das erscheint mir am charakteristischsten. (…) Musik muss für sich selbst sprechen.“ Sie soll wirken.

Lassen wir uns deshalb von Boris Papandopulo, von seiner Begeisterungsfähigkeit mittels dieser wunderbaren CD 3097679  und dem Klavierkonzert Nr. 2  anstecken.

—| IOCO CD-Rezension |—

Eine Alpensinfonie – von Richard Strauss vertonte Künstlertragödie, IOCO erinnert, 18.03.2020

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Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Eine Alpensinfonie  –  Ein Werk mit Fragezeichen

– oder die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer –

von Thomas Thielemann

Das etwas unfreiwillige Sozialexperiment der „Corona-Krise“ gibt uns Gelegenheit, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, aus Zeitgründen wenig gehörte Musik-Konserven herauszukramen und auch ältere Konzerterlebnisse noch einmal zu überdenken.

Eine Alpensinfonie – Richard Strauss – Sächsische Staatskapelle
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Zu Letzterem gehört für mich die Konzerte der Staatskapelle Dresden zum 100. Jahrestag der Uraufführung von Eine Alpensinfonie von Richard Strauss  unter der Leitung Giuseppe Sinopoli im Dezember 2015 und Christian Thielemann im Oktober 2015 in der Semperoper von Dresden.

Ein Zitat, aus einem Beitrag „Alpenidylle oder Antichrist“ einer Orchester-Flötistin , die unter „emmelygreen“ zur Entstehung der Komposition schrieb: “Doch jetzt mal realistisch: als vielgefragter und –beschäftigter Komponist verschwendet man doch nicht vier Jahre seines Lebens, um einen Ausflug in die Alpen zu beschreiben – Da steckt doch mehr dahinter“, hatte mich nachdenklich gemacht.

Richard Strauss in Walhalla- Donaustauf © IOCO / HGallee

Richard Strauss in Walhalla – Donaustauf © IOCO / HGallee

Da ich das Unbehagen teilte, ergab sich damals im inzwischen liquidierten „Forum Festspiele“ ein Gedankenaustausch mit dem Professor Gerhard Widmann, ohne dass wir zu einer gemeinsamen Meinung gekommen wären. Auch ein nunmehriges Anhören der hervorragenden Einspielung Christian Thielemanns der Alpensinfonie von 2001 mit den Wiener Philharmonikern bringt mich nicht weiter. Ist doch bekannt geworden, dass Strauss die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer (1857-1891) offenbar beschäftigt hatte und er bereits  um 1900 zum Gegenstand einer Komposition machen wollte. Zwischen 1909 und 1911 waren bereits vier Skizzen entstanden, die aber zunächst die Begeisterung Stauffers für das Bergwandern thematisierten.

Der aus der Schweiz stammende Karl Stauffer, genannt Stauffer-Bern, machte sich in einem Berliner Atelier einen Namen als erfolgreicher Porträtmaler, Radierer und Kupferstecher. Dabei war er sich aber bewusst, dass er nicht wirklich ein großer Maler war und begann sich 1886 mit der Bildhauerei zu beschäftigen.

Auch unterstützte er seinen Schulfreund Friedrich Emil Welti (1825-1899) und dessen Frau Lydia Welti-Escher (1858-1891) beim Aufbau einer Sammlung moderner Kunstwerke. Lydia war nämlich die Alleinerbin des einflussreichen Schweizer Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher und damit zu dieser Zeit die reichste Frau des Landes.

Eine Alpensinfonie Auf dem Gipfel – Wiener Philharmoniker
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Dank der finanziellen Unterstützung durch das Ehepaar Welti-Escher konnte Stauffer 1887 nach Florenz und Rom gehen, um unter anderem auch bei Paul Klinger die Bildhauerei zu erlernen. Im Oktober 1889 übersiedelten auch die Welti-Eschers nach Florenz. Das kunstsinnige Paar wirkte als Mäzen des Malers und wollte ihm eine breite künstlerische Arbeit in Italien ermöglichen. Aus geschäftlichen Gründen reiste Emil Welti bereits nach kurzer Zeit in die Schweiz zurück und ließ seine ohnehin etwas vernachlässigte Gattin in der Obhut Stauffers zurück.

Karl Stauffer war damals 32 Jahre alt, während Lydia das 31 Lebensjahr erreicht hatte. Die Begeisterung für Stauffer und seine künstlerischen Projekte rissen Lydia regelrecht aus dem tristen Ehealltag. Beide wurden ein Paar. Frau Welti-Escher wollte sich scheiden lassen und Stauffer heiraten. Das Paar floh nach Rom. Nun ließ der mächtige Bundesrat Emil Welti und Vater des noch Ehemanns seine Beziehungen zugunsten des Sohnes spielen und sicherte sich die Hilfe der Schweizer Gesandtschaft in Rom.

Lydia Welti-Escher wurde mit der Diagnose des „systematisierten Wahnsinns“ in einem römischen Irrenhaus interniert. Karl Stauffer wurde verhaftet, zunächst der Entführung und des Diebstahls, später noch der Vergewaltigung einer Irrsinnigen beschuldigt. Nach Entlassung auf Kaution, wieder Einkerkerung und Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt, unternahm Stauffer im Juni 1890 einen Selbstmordversuch.

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Lydia Welti-Escher wurde nach einem viermonatigen Aufenthalt im Irrenhaus vom „Ehegatten“ nach Zürich gebracht, wo sie als Preis einer Scheidung der Entschädigungszahlung an Welti in Höhe von1, 2 Mio. Franken zustimmte. Von der Züricher Gesellschaft geächtet, bezog Lydia in die Nähe von Genf ein Haus und nutzte ihr noch immer beträchtliches Vermögen dem Aufbau  der „Gottfried-Keller-Stiftung“, die „des Selbstständigmachens des weiblichen Geschlechts-wenigstens auf dem Gebiet des Kunstgewerbes, dienen sollte“.

Am 28. Januar 1891 gelang dann Karl Stauffer der Suizid. Er starb an einer Schlafmittel-Überdosis. Lydia Escher beendete am 12. Dezember 1891 ihr Leben durch einen Gasvergiftungs-Suizid. Über die Gründe, warum die Beiden vorher nicht wieder zueinandergefunden hatten und stattdessen den Freitod wählten, gibt es nur Vermutungen.

Bereits im Jahre 1900, dem Todesjahr Nietzsches plante Richard Strauss eine sinfonische Dichtung über das Schicksal Karl Stauffers. Nun wäre es doch unwahrscheinlich gewesen, wenn der Komponist die tragische Liebe Stauffers zu Lydia Escher dabei unbeachtet gelassen hätte. Möglicherweise hatte er auch in der Zeit um 1902 bereits Aspekte des Beziehungsdramas skizziert.

Eine Alpensinfonie – Nacht – Wiener Philharmoniker
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Ich könnte ich mir vorstellen, dass Strauss aber zu der Erkenntnis kam, dass die Tragödie Lydia – Karl wohl eher ein Opernstoff wäre, und dann mehr für Komponisten vom Schlage Puccinis oder dAlberts, um einige zu nennen.

Folglich wurde nur noch von „Einer Künstlertragödie“ gesprochen und die Komposition an der Bergwanderbegeisterung von Karl Stauffer festgemacht. Aber lassen nicht zahlreiche Motive selbst unter der Bezeichnung „einer Alpensinfonie“ Assoziationen einer leidenschaftlichen Beziehung zu. Vor allem in „Gewitter und Sturm“ erkenne ich doch die römischen Ereignisse der Katastrophe des Paares.

Gerhard Widmann hatte zu Recht ausgeführt, dass Strauss den Tod kaum jemals eindrucksvoller dargestellt hat, wie im letzten Teil der Alpensinfonie. Das aber passt wohl kaum zu einer glücklichen, wenn auch erschöpften, Rückkehr aus den Bergen. Es ist doch auch überliefert, dass Strauss mit dem mehrfach unterbrochenen Fortgang der Kompositionsarbeit die Figur Karl Stauffers mit der Person Nietzsches und dessen Philosophie zunehmend verquickt hat, was auch letztlich zum Arbeitstitel? „Antichrist und dann zu Der Antichrist- eine Alpensinfonie geführt hatte.

Der Königlich Preußische Generalmusikdirektor Richard Strauss  konnte schon aus religiösen Gründen diesen Titel nicht aufrecht halten und so ist die Musikwelt in der Partitur-Reinschrift mit Eine Alpensinfonie beglückt worden.

Das Werk, beginnend mit dem Aufstieg und endend mit dem Abstieg, sollte als ein Leben mit allen seinen Freuden und Strapazen interpretiert werden.

—| IOCO Besprechung |—

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