Eine Alpensinfonie – von Richard Strauss vertonte Künstlertragödie, IOCO erinnert, 18.03.2020

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Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Semperoper im tiefen Winter © IOCO

Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Eine Alpensinfonie  –  Ein Werk mit Fragezeichen

– oder die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer –

von Thomas Thielemann

Das etwas unfreiwillige Sozialexperiment der „Corona-Krise“ gibt uns Gelegenheit, Liegengebliebenes aufzuarbeiten, aus Zeitgründen wenig gehörte Musik-Konserven herauszukramen und auch ältere Konzerterlebnisse noch einmal zu überdenken.

Eine Alpensinfonie – Richard Strauss – Sächsische Staatskapelle
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Zu Letzterem gehört für mich die Konzerte der Staatskapelle Dresden zum 100. Jahrestag der Uraufführung von Eine Alpensinfonie von Richard Strauss  unter der Leitung Giuseppe Sinopoli im Dezember 2015 und Christian Thielemann im Oktober 2015 in der Semperoper von Dresden.

Ein Zitat, aus einem Beitrag „Alpenidylle oder Antichrist“ einer Orchester-Flötistin , die unter „emmelygreen“ zur Entstehung der Komposition schrieb: “Doch jetzt mal realistisch: als vielgefragter und –beschäftigter Komponist verschwendet man doch nicht vier Jahre seines Lebens, um einen Ausflug in die Alpen zu beschreiben – Da steckt doch mehr dahinter“, hatte mich nachdenklich gemacht.

Richard Strauss in Walhalla- Donaustauf © IOCO / HGallee

Richard Strauss in Walhalla – Donaustauf © IOCO / HGallee

Da ich das Unbehagen teilte, ergab sich damals im inzwischen liquidierten „Forum Festspiele“ ein Gedankenaustausch mit dem Professor Gerhard Widmann, ohne dass wir zu einer gemeinsamen Meinung gekommen wären. Auch ein nunmehriges Anhören der hervorragenden Einspielung Christian Thielemanns der Alpensinfonie von 2001 mit den Wiener Philharmonikern bringt mich nicht weiter. Ist doch bekannt geworden, dass Strauss die Künstlertragödie des Porträtmalers Karl Stauffer (1857-1891) offenbar beschäftigt hatte und er bereits  um 1900 zum Gegenstand einer Komposition machen wollte. Zwischen 1909 und 1911 waren bereits vier Skizzen entstanden, die aber zunächst die Begeisterung Stauffers für das Bergwandern thematisierten.

Der aus der Schweiz stammende Karl Stauffer, genannt Stauffer-Bern, machte sich in einem Berliner Atelier einen Namen als erfolgreicher Porträtmaler, Radierer und Kupferstecher. Dabei war er sich aber bewusst, dass er nicht wirklich ein großer Maler war und begann sich 1886 mit der Bildhauerei zu beschäftigen.

Auch unterstützte er seinen Schulfreund Friedrich Emil Welti (1825-1899) und dessen Frau Lydia Welti-Escher (1858-1891) beim Aufbau einer Sammlung moderner Kunstwerke. Lydia war nämlich die Alleinerbin des einflussreichen Schweizer Politikers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher und damit zu dieser Zeit die reichste Frau des Landes.

Eine Alpensinfonie Auf dem Gipfel – Wiener Philharmoniker
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Dank der finanziellen Unterstützung durch das Ehepaar Welti-Escher konnte Stauffer 1887 nach Florenz und Rom gehen, um unter anderem auch bei Paul Klinger die Bildhauerei zu erlernen. Im Oktober 1889 übersiedelten auch die Welti-Eschers nach Florenz. Das kunstsinnige Paar wirkte als Mäzen des Malers und wollte ihm eine breite künstlerische Arbeit in Italien ermöglichen. Aus geschäftlichen Gründen reiste Emil Welti bereits nach kurzer Zeit in die Schweiz zurück und ließ seine ohnehin etwas vernachlässigte Gattin in der Obhut Stauffers zurück.

Karl Stauffer war damals 32 Jahre alt, während Lydia das 31 Lebensjahr erreicht hatte. Die Begeisterung für Stauffer und seine künstlerischen Projekte rissen Lydia regelrecht aus dem tristen Ehealltag. Beide wurden ein Paar. Frau Welti-Escher wollte sich scheiden lassen und Stauffer heiraten. Das Paar floh nach Rom. Nun ließ der mächtige Bundesrat Emil Welti und Vater des noch Ehemanns seine Beziehungen zugunsten des Sohnes spielen und sicherte sich die Hilfe der Schweizer Gesandtschaft in Rom.

Lydia Welti-Escher wurde mit der Diagnose des „systematisierten Wahnsinns“ in einem römischen Irrenhaus interniert. Karl Stauffer wurde verhaftet, zunächst der Entführung und des Diebstahls, später noch der Vergewaltigung einer Irrsinnigen beschuldigt. Nach Entlassung auf Kaution, wieder Einkerkerung und Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt, unternahm Stauffer im Juni 1890 einen Selbstmordversuch.

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Eine Alpensinfonie _ ein Stimmungsbild © IOCO

Lydia Welti-Escher wurde nach einem viermonatigen Aufenthalt im Irrenhaus vom „Ehegatten“ nach Zürich gebracht, wo sie als Preis einer Scheidung der Entschädigungszahlung an Welti in Höhe von1, 2 Mio. Franken zustimmte. Von der Züricher Gesellschaft geächtet, bezog Lydia in die Nähe von Genf ein Haus und nutzte ihr noch immer beträchtliches Vermögen dem Aufbau  der „Gottfried-Keller-Stiftung“, die „des Selbstständigmachens des weiblichen Geschlechts-wenigstens auf dem Gebiet des Kunstgewerbes, dienen sollte“.

Am 28. Januar 1891 gelang dann Karl Stauffer der Suizid. Er starb an einer Schlafmittel-Überdosis. Lydia Escher beendete am 12. Dezember 1891 ihr Leben durch einen Gasvergiftungs-Suizid. Über die Gründe, warum die Beiden vorher nicht wieder zueinandergefunden hatten und stattdessen den Freitod wählten, gibt es nur Vermutungen.

Bereits im Jahre 1900, dem Todesjahr Nietzsches plante Richard Strauss eine sinfonische Dichtung über das Schicksal Karl Stauffers. Nun wäre es doch unwahrscheinlich gewesen, wenn der Komponist die tragische Liebe Stauffers zu Lydia Escher dabei unbeachtet gelassen hätte. Möglicherweise hatte er auch in der Zeit um 1902 bereits Aspekte des Beziehungsdramas skizziert.

Eine Alpensinfonie – Nacht – Wiener Philharmoniker
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Ich könnte ich mir vorstellen, dass Strauss aber zu der Erkenntnis kam, dass die Tragödie Lydia – Karl wohl eher ein Opernstoff wäre, und dann mehr für Komponisten vom Schlage Puccinis oder dAlberts, um einige zu nennen.

Folglich wurde nur noch von „Einer Künstlertragödie“ gesprochen und die Komposition an der Bergwanderbegeisterung von Karl Stauffer festgemacht. Aber lassen nicht zahlreiche Motive selbst unter der Bezeichnung „einer Alpensinfonie“ Assoziationen einer leidenschaftlichen Beziehung zu. Vor allem in „Gewitter und Sturm“ erkenne ich doch die römischen Ereignisse der Katastrophe des Paares.

Gerhard Widmann hatte zu Recht ausgeführt, dass Strauss den Tod kaum jemals eindrucksvoller dargestellt hat, wie im letzten Teil der Alpensinfonie. Das aber passt wohl kaum zu einer glücklichen, wenn auch erschöpften, Rückkehr aus den Bergen. Es ist doch auch überliefert, dass Strauss mit dem mehrfach unterbrochenen Fortgang der Kompositionsarbeit die Figur Karl Stauffers mit der Person Nietzsches und dessen Philosophie zunehmend verquickt hat, was auch letztlich zum Arbeitstitel? „Antichrist und dann zu Der Antichrist- eine Alpensinfonie geführt hatte.

Der Königlich Preußische Generalmusikdirektor Richard Strauss  konnte schon aus religiösen Gründen diesen Titel nicht aufrecht halten und so ist die Musikwelt in der Partitur-Reinschrift mit Eine Alpensinfonie beglückt worden.

Das Werk, beginnend mit dem Aufstieg und endend mit dem Abstieg, sollte als ein Leben mit allen seinen Freuden und Strapazen interpretiert werden.

—| IOCO Besprechung |—

El Inmortal – CD von Coviello Classics, IOCO CD-Rezension, 06.12.2019

El Inmortal - CD von Coviello Classics © Coviello Classics

El Inmortal – CD von Coviello Classics © Coviello Classics

 El Inmortal –  CD von Coviello Classics – COV92003

Eine Weltreise der Musik – Siegfried + Johanna Jung, Yasuko Kagen

von Michael Stange

Siegfried + Johanna Jung sowie Yasuko Kagen laden zu beschwingter Welt-Reise mit Tuba, Harfe und Flügel ein. Das CD-Album El Inmortal (Der Unsterbliche) ist eine Hommage an die unsterbliche Entstehung der Musik und eine mitreißende, poetische musikalische Weltreise.

Tubist Siegfried Jung hat sieben Komponisten gebeten, eigene Kompositionen unter Ver-wendung der Volksmusik ihrer Heimat zu schreiben. So sind auf dem Album El Inmortal acht Komposi-tionen aus Argentinien, Deutschland (2 x), Japan, Rumänien, Ungarn, England und den USA versammelt.

Tubist Siegfried Jungstellt sich vor
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Siegfried Jung – in Temeschburg (Rumänien) geboren – ist Mitglied des Orchesters des Nationaltheater Mannheim und als internationaler Tuba-Solist weltweit gefragt. Siegfried Jung, Johanna Jung an der Harfe und Yasuko Kagen am Flügel haben mit El Inmortal ein mitreißendes Album vorgelegt.

Beginnend mit dem Stück El Inmortal von Gerardo Gardelin aus Argentinien wird die Welt des Tangos erkundet, mit modernen Elementen verknüpft aber immer wieder zum Tango zurückgefunden. Das Werk vereint Elegie und rhythmischen Schwung. Willi März, der zweimal vertreten ist, greift in Grotesker Landler die bayrischen Tanzmelodien auf und rei-chert sie mit überraschenden Wendungen und Brüchen an.

Corazón de la fiesta (Herz des Festes) von Yojiro Minami ist ein Tanz, der mit japani-schen Klängen und mit Elementen der Weltmusik verwoben ist. Die Melodie pendelt zwischen dunklen Tönen und Jazzrythmen und auftrumpfenden Klängen. Sabin Pautzas setzt in Joc de doi din Banat (Spiel zu zweit im Banat) setzt ganz auf Tanzrhythmen. Er beginnt mit einer schwungvoll, fröhlichen Klaviereinleitung, die an einen spaßig ironischen Dorftanz erinnert und sich furios ausgelassen steigert. Andrea Csollánys Ungarische Fantasie besticht durch die Mischung von Csardas-Melodien mit hell klingenden Folklore-Elementen, die die Tuba spielerisch begleitet und schwerfällig beendet. John Friths My Bonny Lad (Mein hübscher Junge) kommt zunächst düster, drohend daher um in leicht beschwingte und zärtliche Melodien überzugehen, in denen sich Tuba und Harfe sanft umkosen, um dann in einem poetischen gemeinsamen Ausklang zu enden. Michael Schneiders American Fantasy – A Tribute to Stephen Foster- bietet freudig aufjauchzende Pastellfarben, die an Elemente von Filmmusiken und Jazzsequenzen erinnern. Der Ausklang ist Willi März gewidmet, der in Danse agile eine Mischung aus leiser Salonmusik mit feurigen Passagen kombiniert und damit gleichsam einen Schlusspunkt in der Bandbreite der Stilrichtungen aller Kompositionen setzt.

Yasuko Kagen am Flügel © Yasuko Kagen

Yasuko Kagen am Flügel © Yasuko Kagen

Nur in El Inmortal sind alle drei Instrumente gemeinsam zu hören. Die übrigen Stücke sind Duette zwischen Tuba und Klavier oder Harfe. So können die an sich dunkle Tuba und Harfe oder Klavier im Duett jeweils ihre Agilität beweisen und in Kontrasten und Harmonien und sinnlichen Klängen schwelgen.

Siegfried Jung demonstriert eindrucksvoll, dass die Tuba nicht nur ein düsteres Wagner Instrument ist sondern zu jauchenzendem, fröhlichem Ton fähig ist. Mit einer immense Farb- und Ausdruckspalette und präsentiert er eindrucksvoll die Vielfalt und Pracht seines Instru-ments. Die der Tuba gemeinhin zugeordnete dunkle Klangfarbe nimmt er als Ausgangspunk, um mit technischer Meisterschaft und mitreißender Glut eine beeindruckende Bandbreite an Tönen, Melodien und Farben zu präsentieren. Schillernde, glänzende, zarte und frohlockende Töne gesellen sich zu erdenschweren, dunklen Passagen.

Gerade wenn das Blech schwebt gelingen betörende Dialoge mit Harfe und Flügel. Maßgeblichen Anteil an diesen bestrickenden Ensembleleistungen hat die Harfenistin Johanna Jung. Ihr gelingt es, aus der Harfe einen breiten Bogen an Klangfarben hervorzuzaubern und mit ihrem intensiven gefühlvollen Spiel Klänge zu präsentieren, die die Eigenständigkeit des Instruments betonen aber im Zusammenspiel mit der Tuba einen gemeinsamen Ton zu treffen, der die Hörer in die Stücke eintauchen lässt. Die Pianistin Yasuko Kagen gelingen virtuose Momente, die in den Duetten mit der Tuba mit innigem Spiel und emphatischer Leidenschaft gepaart werden. Beeindruckend, wie ihr in Csollanys Stück die Nachbildung des Klangs des Cimballons gelingt und mit welch lichten Tönen sie hier agiert.

 Harfenistin Johanna Jung © Johanna Jung

Harfenistin Johanna Jung © Johanna Jung

Alle Kompositionen schwingen, reißen mit. Das Blech schwebt in behendem, erdigem, saftigem Ton, die Harfe jubiliert, der Flügel glänzt. So wird in jedem Stück ein prägnantes musikalisches Feuer entfacht.

Ein beglückendes, großartiges Album, in dem Komponisten und Solisten die Bandbreite ihres Könnens darstellen. Poesie, Farben, Gefühl Reichtum der Kompositionen, die Virtuosität der Ensemblemitglieder und die audiophile Qualität machen die CD zu einem Juwel. Bravo.

—| IOCO CD-Rezension |—

Le maçon, Oper von Daniel-François Esprit Auber, IOCO CD-Rezension, 22.11.2019

November 21, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension

ORFEO CD - Le Maçon / Oper von Daniel-François Esprit Auber © ORFEO

ORFEO CD – Le Maçon / Oper von Daniel-François Esprit Auber © ORFEO

Le Maçon (Maurer und Schlosser) – Oper von Daniel-François Esprit Auber

CD Besprechung:  ORFEO C 985 191, 2019   —  Walter Anton Dotzer, Franz Fuchs, Maria Salten u. a., Niederösterreichischer Tonkünstlerchor, Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Kurt Tenner. 

von Julian Führer

Auber – dem Parisreisenden bekannt als weitläufiger Umsteigebahnhof zwischen diversen Metrolinien und der Vorortbahn RER A. Der Opernkenner verbindet mit Daniel-François Esprit Auber den Komponisten von La muette de Portici, der Kenner der Geschichte des 19. Jahrhunderts eine legendäre Aufführung in Brüssel 1830, als ein Freiheitslied in dieser Oper bei einer Aufführung zu Unruhen im Publikum und anschließend auf den Straßen führte mit der Folge der Unabhängigkeit Belgiens – alles wegen einer Oper! Doch es gibt von Auber auch eine Oper Le maçon (Maurer und Schlosser) eine echte Rarität, aus der vom österreichischen Rundfunk im Jahr 1950 größere Auszüge im Studio aufgenommen wurden. Diese Auszüge liegen nun bei ORFEO in einer technisch aufbereiteten Form vor.

Aubers Kompositionen gehören zum Repertoire der französischen Romantik, von dem sich nur wenige Stücke bis heute auf dem Spielplan erhalten haben. Le maçon nach einem Libretto von Eugène Scribe wurde 1825 uraufgeführt. François Adrien Boieldieu brachte nur wenige Monate später La dame blanche heraus, gewisse Parallelen sind unüberhörbar (auch dieses Stück setzt mit einer Familienszene ein: hier eine Hochzeit, dort eine Taufe, bevor es zu Komplikationen kommt). Manche Bauernszenen aus der Ballettmusik Giselle von Adolphe Adam von 1841 scheinen von Aubers Ouvertüre inspiriert.

Die Ouvertüre zu Le maçon findet sich im 19. Jahrhundert wiederholt in Sammlungen wie zum Beispiel dem „Ouverturen-Album. Sammlung der beliebtesten Ouverturen für Pianoforte solo“ (ca. 1885); auch Heinrich Marschner nahm Teile in ein von ihm herausgegebenes Opernalbum auf. Eine gewisse Popularität war also gegeben, auch wenn das Werk inzwischen von den Spielplänen gänzlich verschwunden ist.

Im vorliegenden Zusammenschnitt werden die gekürzten Nummern der ohnehin schon eher kurzen Oper von einer Sprecherin verbunden. Mehrstrophige Lieder werden auf eine Strophe reduziert, Überleitungen gestrichen. Die dreiaktige Oper wird so auf eine Spieldauer von 52 Minuten reduziert, mithin passend für eine einstündige Radiosendung (abzüglich der Nachrichten und Programmhinweise) oder auch eine Langspielplatte.

Der erste und letzte Akt spielen im Pariser Vorort Saint-Antoine, also östlich der Bastille, heute mitten im Stadtgebiet, vor 200 Jahren eine eher ländlich geprägte Vorstadt. Nach der munteren Ouvertüre beginnt die Oper mit einer Hochzeitsszenerie. Der allgemeine Frohsinn wird mit Schellen untermalt, die beispielsweise Richard Wagner auch in der Buffo-Oper Das Liebesverbot nur wenige Jahre später verwendete. Der Bräutigam, der Maurer Roger (Walter Anton Dotzer), singt ein Lied, das im Refrain „Nur Courage, nicht verzaget, treue Freunde sind dir nah“ gipfelt, der vom Chor aufgenommen wird und gleichsam das Motto der Oper bildet. Die musikalische Faktur ist sehr nahe an Boieldieus Prenez garde, prenez garde, la dame blanche vous regarde“.

Die etwas garstige Nachbarin Madame Bertrand (Hildegard Rössel-Majdan) fragt sich, woher ein Maurer eigentlich das viele Geld für die Hochzeit nimmt – doch Roger hat einem Offizier einmal das Leben gerettet. Der Offizier Léon de Mérinville wird von Herakles Politis mit (leicht französisch klingendem) Akzent gegeben. Auf dem Rückweg von der Arbeit und sein „Nur Courage, nicht verzaget, treue Freunde sind dir nah“ singend, konnte Roger den Offizier aus der Hand von Mördern befreien. Seinen Namen wollte er nicht nennen, aber Léon konnte ihm doch aus Dankbarkeit heimlich sein gesamtes Gold zustecken. Wie es sich so trifft, kommt Léon bei den Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei, und der eingangs vorgetragene Lobpreis der Freundschaft und Treue wird mehrmals wiederholt.

Es ist spät geworden; die Braut Henriette will sich ihrem neuen Gatten sanft entziehen, der in einem Duett etwas ungeduldig einen ersten Kuss fordert: „Will dir Weibchen seufzend klagen, wie lang ich einen Kuss schon entbehren muss“. In diesem Zusammenhang: Henriette (Maria Salten) ist gemäß Booklet „a young Parisienne“, aber sicher nicht „ein junger Pariser“ (ebendort).

Einiges ist aufgrund der starken Kürzungen im Handlungsablauf nicht ganz klar – und im musikalischen Geschehen erwartet man gemäß den Noten in den Ensembles stellenweise Einwürfe der Madame Bertrand, diese werden jedoch von einer Männerstimme gegeben. Eine männliche Solostimme scheint also in der Aufstellung des Booklets zu fehlen. Roger begegnet jedenfalls den Türken Usbeck und Rica, die einen Maurer und einen Schlosser suchen. Sie bieten Gold, verlangen aber sofortige Aufnahme der Arbeit. Roger will natürlich lieber seine Hochzeit feiern, da nötigen ihn die Türken zum Mitkommen.

Der zweite Akt spielt in einem von den Türken gemieteten Schloss. Irma (Hilde Rychling) singt mit den Haremsdamen ein Lied von der Freiheit; sie erwartet ihre Befreiung durch den Offizier Léon, der uns bereits im ersten Akt begegnet ist.

Roger und Baptiste gehen als Maurer und Schlosser „ohne Ruh‘, ohne Rast“ (hat sich Wagner in der Waltrautenszene der Götterdämmerung vom damals bekannten deutschen Libretto inspirieren lassen?) ans Werk an dem Schloss, auch wenn die Auftraggeber Usbeck und Rica ihnen schon sehr zwielichtig vorkommen. Die Namen der beiden sind ein Anklang an die Persischen Briefe (Lettres persanes) Montesquieus aus dem frühen 18. Jahrhundert. Roger und Baptiste sollen den Zugang zum Garten vermauern und mit Ketten sichern, so dass niemand aus dem Schloss entkommen kann…

Léon de Mérinville kommt wie jeden Abend vorbei, um heimlich seine geliebte Irma zu treffen. Irma hat vor der Flucht Bedenken, die Léon mit einem Eheversprechen zu zerstreuen sucht. Der Türkenstoff verweist noch ins Ancien Régime, die hier verhandelten Moralvorstellungen des deutschen Librettos atmen hingegen tief den Geist von Restauration und Biedermeier.

Rica, ein türkischer Sklave (sehr klar von Erich Kuchar gegeben) verrät den Liebenden aus Mitleid einen Ausweg. An dieser Stelle ist ein Schnitt hörbar – eine Korrektur während der Arbeit im Studio, oder wurde diese Szene in einer vollständigeren Fassung aufgenommen und erst später gekürzt? Usbeck (Peter Lagger) aber vertritt die Position eines Auftraggebers und ordnet die Festnahme Léons an. Der Schlosser Baptiste berichtet verängstigt, er habe einen weißen Geist gesehen – da naht der Maurer Roger zur Hilfe. Eigentlich sollen Léon, Irma und Baptiste jetzt von Roger eingemauert werden…

Der dritte Akt, wieder zurück in Paris, in Rogers Haus: Henriette grämt sich, da ihr Gatte Roger seine Frau schon am Hochzeitstag hat sitzen lassen (da er ja von den Türken mit Geldversprechungen und Drohungen angeworben wurde, was die Braut aber nicht weiß). Die Nachbarin Madame Bertrand stichelt und erkundigt sich boshaft, wo denn der Gemahl stecke – das Duett ist ein schönes Beispiel für eine Steigerung von Tempo und dramatischer Intensität.

Roger kehrt zurück – doch wurde er in einem verschlossenen Wagen zurückgebracht, so dass er nicht weiß, wo sich das Schloss der Türken und damit das Verlies seiner Freunde befindet. Madame Bertrand kann sich für einmal nützlich machen, da sie am Vortag den Wagen beobachtet hat und daher verraten kann, wo sich alle befinden. Kurzerhand werden alle befreit, danken den Freunden und singen alle gemeinsam nach der Melodie von „Nur Courage“ aus dem ersten Akt abermals das Lob von Freundschaft und Treue. Da in dieser Version der dritte Akt nur zwölf Minuten dauert, fehlt hier natürlich einiges.

Die technische Qualität der Aufnahme ist insgesamt akzeptabel. Die technische Aufbereitung besorgte Erich Hofmann. Am Anfang ist ein leicht geknittertes Tonband zu vermuten, da der Ton etwas ‚eiert‘ und nicht ausbalanciert ist. Im weiteren Verlauf irritieren einzelne verzögerte Echoeffekte und gegen Beginn ganz entfernt sogar die Stimme eines männlichen Sprechers – vielleicht Reste eines überspielten Bandes oder Überlagerungen bei einem Radiomitschnitt; . Die Tuttistellen in der Ouvertüre übersteuern etwas, der Chor gerät stellenweise so sehr in den Hintergrund, dass man ihn nur schemenhaft wahrnimmt. Zu den Gesangsstimmen insgesamt ist zu bemerken, dass diese fast 70 Jahre alte Aufnahme ein Dokument einer längst vergangenen Gesangstechnik ist: klare Stimmführung, viel Bruststimme, große Textverständlichkeit und damit einhergehend eine starke Betonung der Konsonanten, die außerhalb des deutschsprachigen Raumes bereits um 1900 als „Bayreuth bark“ stark kritisiert wurde. Gleichzeitig gehen alle Solostimmen sehr kantabel mit ihren Gesangslinien um und präsentieren eine Phrasierungskunst, die man auch heute gerne häufiger hören würde. Allenfalls Hilde Rychling scheint in der Arie der Irma zu Beginn des zweiten Aktes (kleine) Schwierigkeiten zu haben, die aber nicht ins Gewicht fallen.

Die Stimme der anonymen, aber hörbar österreichischen Sprecherin hat auf dem Band einigen Nachhall hinterlassen. Sie datiert die Handlung auf den Beginn des 18. Jahrhunderts, was letztlich aufgrund des Türkenstoffs auch sinnvoller scheint als eine Handlung zur Entstehungszeit (die das Booklet postuliert, während der Libettist Eugène Scribe hierzu keine Angaben geliefert hat).

Insgesamt bietet diese Neuerscheinung einen durchaus wertvollen Einblick in frühere Arten des Gesangs und der Vermittlung von Opern mittels Querschnitten und gekürzten Fassungen, die im ‚Promenadenkonzert‘ des Rundfunks oder auf den beiden Seiten einer LP Platz finden mussten. Der letzte Satz des Booklets bringt die prekäre Auber-Rezeption der letzten Jahrzehnte in folgendem Paradox auf den Punkt: „Auf der deutschen Bühne blieb diese Oper eines von Aubers beliebtesten Werken und wurde zuletzt 1950 in Wien aufgeführt.“

—| IOCO CD-Rezension |—

Gabriel Fauré – The Secret Fauré II, IOCO CD – Rezension, 15.10.2019

Oktober 15, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Konzert

The Secret of Fauré © Sony Classical

The Secret of Fauré © Sony Classical

Gabriel Fauré – The Secret Fauré II – Sony Music 9005523

Orchestral and Concertante Music:  Axel Schacher – Violine, Antoine Lederlin – Cello. Oliver Schnyder – Klavier, Sinfonieorchester Basel, Leitung Ivor Bolton

CD – Rezension – Julian Führer

Gabriel Fauré (1845-1924) ist in Frankreich heute bekannter als in deutschsprachigen Ländern. Faurés Werk, wenn auch nicht völlig verschwunden, ist dort nur selten im Konzertsaal zu hören. Am bekanntesten ist sicherlich sein Requiem Opus 48 von 1887. Seine Pavane Opus 50 wurde auf YouTube in verschiedenen Versionen bereits etwa zehn Millionen Mal angeklickt (Stand September 2019). Die Gesamteinspielung seiner Werke (Brillant Classics) umfasst allerdings 19 CDs mit vielen Werken, die auch passionierten Musikhörern unbekannt sein dürften. Umso verdienstvoller ist es, dass das Sinfonieorchester Basel es sich zum Ziel gesetzt hat, The Secret Fauré etwas bekannter zu machen. Die neue und auf kritischer Durchsicht der Quellen basierende Ausgabe der Werke Faurés bei Bärenreiter erlaubt nun einen musikwissenschaftlich abgesicherten Blick auf dieses vielgestaltige Werk.

Auf der ersten CD waren Pretiosen wie die Konzertversion für Frauenchor und Orchester von Caligula, Orchesterlieder für Sopran und andere Stücke zu entdecken. Das erste Werk des vorliegenden zweiten Teils ist die Berceuse für Violine und Orchester Opus 16, ein anmutiges Stück für Flöte, Klarinette, Solovioline und Streicher. Die Flöte und die Klarinette liefern (nicht allein aufnahmebedingt) nur etwas Hintergrund für die schwungvoll aussingende Linie der Violine. Ein schönes Salonstück mit klarer Struktur, das Fauré selbst für kleines Orchester neu arrangierte. Der Mittelteil ist in der Solopartie etwas tastender, bevor nach reichlich zwei Minuten bereits die Reprise folgt.

Die Romanze für Violine und Orchester op. 28 ist in der vorliegenden Fassung nicht gänzlich Fauré zu verdanken. Die Orchestrierung ging zu seinen Lebzeiten verloren und wurde dann von Philippe Gaubert wiederhergestellt. Das Andantino molto moderato ist etwas anspruchsvoller strukturiert. Bei aller Zartheit kommen mehr Instrumente zum Einsatz als in der Berceuse, ohne dass es jedoch je laut würde. Zur Violine (auch hier mit sicherer Intonation und schönem Ton von Axel Schacher gespielt) tritt die Harfe, bevor im unruhigeren Mittelteil das Soloinstrument vor allem mit dem tiefen Holz in Beziehung tritt. Als die Flöte hinzukommt, spielt Fauré mit dem Sehnsuchtsmotiv aus Wagners Tristan und Isolde (immerhin komponiert er eine Romanze). Diese Passage wiederholt Fauré, bis das Stück mit seinem sehr hohen und langen Ton der Violine und einem Harfenarpeggio endet.

Für die Ballade für Klavier und Orchester Opus 19 wählt der Pianist Oliver Schnyder einen individuellen Zugang. Das Camille Saint-Saëns gewidmete Stück beginnt Andante cantabile in Fis-Dur. Beim Wechsel von Triolen zu Sechzehnteln wählt der Pianist den freien Vortrag. Halsbrecherische Partien gibt es in diesem Stück nicht, doch muss der Pianist dennoch über eine gute Technik verfügen, um interpretatorisch der Bandbreite des Stückes gerecht zu werden. Am Schluss des vierzehnminütigen Stückes hält er das Pedal, obwohl die Partitur deutliche Pausen markiert – hört sich schön an, ist aber eigentlich wohl anders gemeint. Doch Musik ist nicht nur Mathematik. Kleine Temporückungen und genau dosierte Abstufungen der Dynamik beim Dialog mit Einzelinstrumenten zeugen von einem organischen Musizieren von Solist und Orchester. Zu loben ist auch die Aufnahmetechnik, die das Soloinstrument voll zur Geltung kommen lässt, gleichzeitig aber beim Orchester volle Durchhörbarkeit gewährleistet; dazu braucht es nicht nur einen fähigen Dirigenten, sondern auch einen guten Tonmeister (hier Jakob Händel).

Die als viertes Stück auf der CD folgende Elegie für Cello und Orchester op. 24 ist ein gattungsbedingt getragen vorgetragenes Stück. Antoine Lederlin bewegt sich am Cello eher in den tieferen Registern des Instruments. Ostinati und düsteres c-Moll lassen eher an eine Trauermusik wie von Beethoven oder Chopin als an eine eigentliche Elegie denken. Im Mittelteil hellt sich die Stimmung dank Oboe und Klarinette etwas auf, das Soloinstrument reagiert auf Tuttieinsätze des Orchesters mit schnellen Figuren, bevor es zu einer langen klagenden Phrase ansetzt und die Musik nach sieben Minuten verdämmert.

Die folgenden Stücke haben miteinander gemeinsam, dass Fauré sich bei Kompositionsformen der Renaissance inspirieren ließ, um mit einem eher kleinen Orchester Stücke mit klarer rhythmischer Struktur zu schreiben. Masques et Bergamasques komponierte Fauré sehr viel später als die bisher präsentierten Stücke. Die Orchestersuite daraus Opus 112 beginnt in der Ouvertüre freundlich, ja munter mit einem Thema, das fast von Haydn stammen könnte, während das zarte zweite Thema deutlich der Romantik verhaftet ist. Das Menuet hat wieder etwas gewollt Altväterliches und spielt mit den Konventionen eines längst nicht mehr gepflegten Genres, wie es auch Sergej Prokofiew in der Symphonie classique tat. Auch die Gavotte im charakteristischen 2/2-Takt und mit ihren dem Tanzcharakter der Gattung geschuldeten Wiederholungen kommt etwas gespreizt daher, doch fügt Fauré hier wie auch sonst immer noch etwas hinzu, was das Stück auch um 1900 (und heute) hörenswert macht, hier eine Weiterentwicklung des motivischen Materials mit einem Wandel des Takts, bevor der Tanz abschließend noch einmal gegeben wird. Die am Schluss der Suite stehende Pastorale setzt auf ganz andere kompositorische Mittel und fällt stilistisch etwas heraus – sie wurde tatsächlich auch erst viel später komponiert als die anderen Stücke. Wie es sich für ein Schäferstück gehört, kommt eine Harfe dazu, aber sie formt keine Akkorde, sondern Tonleitern aus Einzeltönen. Ein Werk mit ganz eigener Färbung, das tatsächlich bekannter werden sollte.

Die Pavane Opus 50 gehört eigentlich wirklich nicht zu The Secret Fauré, sondern ist eines seiner bekanntesten Werke. Wenn sie dennoch ihren berechtigten Platz auf dieser CD hat, so wegen der stilistischen Verwandtschaft mit den archaisierenden Stücken aus Masques et Bergamasques. Zu hören ist die Orchesterfassung (es gibt auch eine Version mit Chor). Eine Pavane ist eigentlich ein vor allem im 16. Jahrhundert bei Hofe verbreiteter langsamer Tanz. Fauré geht von diesem langsamen Tanzschritt aus, spinnt aber sein musikalisches Material weiter, während der Rhythmus beibehalten und (leise) markiert wird. Anders als bei einem Tanz scheint die Musik sich hier zum Schluss hin zu entfernen, verhallt und endet in einem traurigen fis-Moll-Akkord.

Das letzte Stück auf der CD ist das Allegro aus der Symphonie in F-Dur (Orchestersuite) Opus 20. Dass hiervon eine Orchesterfassung erhalten ist, war längere Zeit nicht bekannt; 1873 hatte Fauré selbst gemeinsam mit Camille Saint-Saëns eine Fassung für zwei Klaviere präsentiert. Dieser Satz mit einer Länge von 13 Minuten auf der vorliegenden Einspielung hat eine weniger eingängige thematische Struktur als die anderen dieses Tonträgers. Anders als sonst klingt das Orchester hier auch etwas lauter, vordergründiger als sonst – das Problem kann bei der Aufnahmetechnik liegen oder an Fauré selbst, sollte er hier stellenweise zu ‚dick‘ instrumentiert haben. Am Sinfonieorchester Basel liegt es jedenfalls nicht, das bis dahin bei allen anderen Kostbarkeiten gezeigt hat, über welchen transparenten, leichten Klang es unter Ivor Bolton am Pult verfügt. Die CD zeigt, dass es sich lohnt, bei Fauré auch weiter nach Unbekanntem zu suchen.

—| IOCO CD-Rezension |—

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