Münster, Pablo Picasso Museum, Beauty is A Line, IOCO Ausstellungen, 05.02.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

Beauty Is A Line  –  Ausstellung

„Von der Farbe über die Linie ins Nichts“  –  Picassomuseum Münster und Rijksmuseum Twenthe in Enschede gehen der Linie nach

von Hanns Butterhof

Am Anfang stand der Wunsch des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster und des Rijksmuseums Twenthe in Enschede, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt durchzuführen. Die  Suche nach einem von beiden Museen ausfüllbaren Thema mündete in die Entscheidung, die Linie als Gestaltungsmittel in der Kunst der Moderne ins Zentrum der Ausstellung zu stellen, die nun in beiden Häusern unter dem gemeinsamen Titel „Beauty Is A Line“ zu sehen ist. Münster hebt den Aspekt „Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ hervor,  Enschede den von „Picasso & Matisse“. Nach Ansicht von Markus Müller, Direktor des Picassomuseums, ist der Besucher nur eines Teils der Doppelausstellung am Ende nicht vollständig über die Bedeutung der Linie in der modernen Kunst informiert.

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Die wesentlich schöpferische Leistung der Kuratoren besteht in der Unterscheidung von fünf Linien-Typen, nach denen der Parcours der Ausstellung wie der Katalog zu ihr gegliedert sind. So führt der erste Saal zum Jugendstil, dem die „dekorative Linie“ zugesprochen wird. Besonders prominent steht dafür ein dreiteiliger Paravant „Bloemenkonigin“ von Carel Wirtz von 1902 aus Teakholz und bestickter Seide. Neben Werbe-Plakaten von Henry van de Velde, Johan Thorn Prikker und anderen findet sich dort auch das Plakat Jan Toorops von 1894, das für „Delftsche Slaolie“ warb und der ganzen Richtung in den Niederlanden den Spottnamen „Salatöl-Stil“ einbrachte.

Im folgenden Raum geht es um die „expressiv-gestische Linie“ von Künstlern der Nachkriegs-Avantgarde. Stehen bei Ernst Wilhelm Nays „Orange und Schiefergrau“ von 1953 oder Theo Wolvecamps „Komposition B 3“ von 1949 die Linien noch in Konkurrenz zu den Farben, so ändert sich das bei dem herausgehoben im Hauptsaal zentral positionierten Cy Twombly. Vor allem auf seinen in den Sechzigerjahren entstandenen Blackboards „Untitled“ von 1966 und „Untitled“ von 1969 dominieren die wie mit Kreide auf schwarze Schiefertafeln aufgetragenen schwungvollen Linien. Ein amerikanischer Kritiker bemerkte, sie wirkten wie die lustlosen Übungen eines Schülers, der als Strafe wiederholt „ich darf in der Klasse nicht tuscheln“ schreiben muss. Das allerdings mutet den Werken, die sich selbst genug sind, schon ein Zuviel als Sinn zu, dem sie sich doch hermetisch verweigern.

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Die Radikalisierung solcher Verweigerung leistet die „konstruktive Linie“, die der nächste Raum präsentiert. Bei ihr zieht sich der Künstler möglichst vollständig aus dem Kunstwerk zugunsten von objektiven Verfahren zurück. Beispielhaft stehen dafür die Künstler von de Stijl, etwa Bart van der LecksKomposition Nr.8″ von 1927, die sehr an Kompositionen Piet Mondriaans erinnert, von dem ein kleines dreidimensionales Werk zu sehen ist. Die „konstruktive Linie“ gipfelt jedoch in der Minimal bzw. Conceptual Art. Ihr Theoretiker Sol LeWitt, von dem mehrere dreidimensionale, repetitive Werke wie die „Five Part Variations with Hidden Cubes“ von 1968 oder Konstruktionszeichnungen wie der „Incomplete Open Cube 10/4“ von 1974 zu sehen sind, geht dabei so weit, die Idee, das gedankliche Konstrukt, noch vor seiner Realisierung zum Kunstwerk zu erklären. Damit verabschiedet sich allerdings auch die Linie tendenziell aus der Kunst ins Nichts.

Von Gerhard Richter finden sich, womit er im Münsteraner Ausstellungstitel gerechtfertigt ist, spielerisch ironische Objekte und Photographien zu den „unmöglichen Figuren“ M.C. Eschers. Der „Konturlinie“ sowie der „expressiven Linie“ widmet sich näher das  Rijksmuseum Twenthe in Enschede. Die Ausstellung Beauty Is A Line enthält sich weitgehend auch im Katalog einer Erörterung oder gar Wertung des Verhältnisses von Linie und Farbe in der Kunst. Sie dokumentiert jedoch ausführlich die Aufwertung der Linie durch die Moderne.

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

In einer parallelen Ausstellung „Von Bonnard bis Picasso – Die Bücher des Monsieur Vollard“ zeigt das Picassomuseum mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso, Georges Braque und anderen Künstlerfreunden des Verlegers Ambroise Vollard (1865 – 1939) die schönsten Malerbücher aus der im Hause beheimateten Sammlung Classen. Vollard, ein entschiedener Förderer der Künstlergruppe Nabis um  Pierre Bonnard und Maurice Denis, regte viele Künstler zu vielen heute als klassisch geltenden Malerbüchern an wie dem in der Ausstellung auch gezeigten „Parallèlement“ von Paul Verlaine, das 1900 mit Lithographien von  Pierre Bonnard erschien und als erstes Malerbuch überhaupt gilt.

Der umfangreich bebilderte Katalog „Beauty Is A Line  –  Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ mit Beiträgen von Josien Beltman, Alexander Gaude, Paul Knolle, Markus Müller, Arnoud Odding und Thijs de Raedt umfasst etwa 100 Seiten, ist im Verlag Waanders erschienen und kostet im Museum 21,95 €.

Beide Ausstellungen sind bis zum 24.5. im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr., Eintritt 10,00 €, ermäßigt 8,00 €.

Kontakt: info@picassomuseum.de, É 0251-41447-10

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, Museum für Lackkunst, Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.12.2019

Dezember 3, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Ausstellungen, Museen Münster

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst

Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung im Lackmuseum

– Männer machen Mode –

von Hanns Butterhof

Das Museum für Lackkunst ist eine der glänzendsten Perlen in der Kette der Münsterschen Museen. Das klassizistische, um die vorletzte Jahrhundertwende errichtete Stadtpalais an der Windthorststraße enthält eine weltweit einzigartige Sammlung von Lackkunst aus zwei Jahrtausenden aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt. Unter Lackkunst sollte man sich nicht etwas derart Unspektakuläres wie lackierte Kotflügel vorstellen, wie es die 2015 nicht unproblematisch von dem Künstler Christian Ring angeregte Rot-Lackierung der Freitreppe zum Haupteingang des Museums nahelegt. Vielmehr besteht die Sammlung aus äußerst kunstvoll mit Lack überzogenen Gegenständen, die vom mächtigen Schreibsekretär, den eine Landschaft mit Blumen und Vögeln ziert,  bis zur kleinen Schnupftabakdose mit Schwarzlack reichen.

Über 100 bewundernswerte  „Inro“ im Museum für Lackkunst Münster

Der Grundstock des Museums stammt aus dem ehemaligen Kölner Herbig-Haarhaus-Lackmuseum, das 1968 mit der Übernahme der Lackfabrik Herbig-Haarhaus in den Besitz der BASF überging; 1982 wurde als wertvolle Ergänzung die Lackkunst-Sammlung aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Herberts dazugekauft. Die nun mehr als 2000 Objekte fanden 1993 im Gebäude an der Windthorststraße 26 mit einer Bücherei von über 4500 Büchern zur Lackkunst ihr Zuhause. Träger des Museums ist der Unternehmensbereich Coastings der BASF in Münster.

Museum für Lackkunst Münster / Inro - Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Museum für Lackkunst Münster / Inro – Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Die aktuelle Ausstellung Männer machen Mode. Inro aus der Sammlung des Museums für Lackkunst, zeigt über 100 Stapelkästchen mit bewundernswerter Lack-Kunst aus Japan.

In sechs Räumen seines Untergeschosses  zeigt das Museum für Lackkunst 108 Inro, meist handygroße lackierte Behältnisse, in denen der bessergestellte japanische Mann voriger Jahrhunderte sein persönliches Siegel und gegebenenfalls Arzneimittel bei sich trug. Es sind Stapelkästchen mit einer unterschiedlichen Zahl von  Fächern, die eine Schnur seitlich miteinander verbindet. Ein kleiner Schieber strafft die Schnur und verhindert so, dass sich das Inro ungewollt öffnet. Ein Knebel an ihrem Ende, das phantasievoll geschnitzte netsuke, liegt oberhalb des Kimono-Gürtels auf, wirkt als Gegengewicht zum Inro und hindert es am Herunterrutschten.

Das Inro war aus der Not geboren, da der traditionelle Kimono keine Taschen hatte, um die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zur Hand zu haben. Aus der Not machten die Männer rasch eine modische Tugend, und zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert avancierte das Inro, gut sichtbar am Gürtel des Kimonos getragen, in den gehobenen Kreisen zum Statussymbol.

Möglich wurde das durch ein symbiotisches Zusammenspiel von Kunden und Künstlern. Das Inro bot darauf spezialisierten Künstlern und Werkstätten Gelegenheit, auf seiner kleinen Oberfläche ihr ganzes Können zu zeigen. Die mit großer Virtuosität eingesetzten komplizierten Lack-Ziertechniken trieben nicht nur einen modischen Wettkampf voran. Mit der Wahl des Dekors präsentierte der Träger auch eine Art intellektueller Visitenkarte, die sein Wissen um den nationalen kulturellen Kanon zum Ausdruck brachte; kleinste Hinweise wie die Kopfbedeckung einer Frau oder der Fächer vor einem Gesicht riefen gedanklich ganze Erzählungen hervor. Die künstlerische Umsetzung dieser bekannten Geschichten, der Symbole und die Qualität der Ausführung waren Gegenstand gepflegter Gespräche.

In der Ausstellung Männer machen Mode ergreift noch heute die kulturelle Aura, die um die  Inro herrscht. Die Kunstfertigkeit der Ausführung, die Vielfalt der Motive und ihrer symbolischen Bedeutung, die inspirierende Anregung, die davon  ausgeht, ist einfach bewundernswert. In das Staunen über diesen intakten kulturellen Kosmos mischt sich leise die Trauer um seinen Verlust  wie auch den des europäischen Gedankenkreises durch die aufkommende Moderne im Beginn des 20. Jahrhunderts.

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung - Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung – Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Die Ausstellung zeigt thematisch gruppiert Inro verschiedener Größe, Materialität und Oberflächengestaltung bis hin zu Imitationen von Stein oder Metall. Sie führt zu Dynastien von Kunsthandwerkern und einzelnen Meistern wie Koma Yasutada (+ 1715), die ihre Werke sogar signierten. Und sie zeigt und erläutert umfassend die Bildsprache der  Inro. So steht etwa die häufige Chrysantheme nicht nur für den Herbst, sie ist auch mit Unsterblichkeit und Vollkommenheit verbunden, da sie blüht, wenn die anderen Blumen schon welken; ein Inro mit diesem Motiv wurde gerne verschenkt, um damit dem Träger ein langes Leben zu wünschen. Oder ein alltägliches Gatter beschwört das ganze damals zum kulturellen Bestand gehörende „Gedicht von der Heimkehr“ des chinesischen Dichters Tao Yuanming (365 – 427) herauf. Für die Besucher ist es hilfreich, dass ein kleines Büchlein zur Ausstellung detailliert jedes einzelne Exponat erläutert.

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Die beglückende Ausstellung Männer machen Mode im Museum für Lackkunst Münster dauert noch bis 2. Februar 2020.

Ein reich bebilderter, 232 Seiten starker englischsprachiger Katalog, Japan in miniature, kostet an der Museumskasse 29.00 €.

Öffnungszeiten: Dienstags 12.00 – 20.00 Uhr, mittwochs bis sonntags, sowie an gesetzlichen Feiertagen 12.00 – 18.00 Uhr.

Eintrittspreis: 3,00 €, darin ist die Sonderausstellung enthalten. Dienstags freier Eintritt, der auch den Zutritt zur Sonderausstellung einschließt. Eine Führung durch die Sonderausstellung wird dienstags um 17.30 Uhr zum Preis von 5,00 € angeboten.

—| IOCO Kritik Museum für Lackkunst Münster |—

Berlin, Georg Kolbe Museum, Der Verrat der Bilder – 100 Jahre Bauhaus, IOCO Kritik, 28.09.2019

September 28, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Aktuell, IOCO Ausstellungen, ioco-art

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder - Augmented reality © Georg Kolbe Museum - NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder – Augmented reality © Georg Kolbe Museum – NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum

La trahison des images – Der Verrat der Bilder

– Wenn eine Brille Unsichtbares sichtbar machen und gewohnte Perspektiven hinterfragen könnte –

von Kerstin Schweiger

Europa-Premiere mit Augmented Reality in der darstellenden Kunst: Verrat der Bilder:
Eine Performance zu 100 Jahre Bauhaus im Berliner Georg Kolbe Museum

In ihrem Projekt Verrat der Bilder begibt sich die Gruppe Nico and the Navigators anlässlich des 100-jährigen Bauhausjubiläums auf eine performative Reise in die Geschichte des Bauhauses. Die Uraufführung des von der Bundeskulturstiftung geförderten multimedialen Projekts fand in den Dessauer Meisterhäusern statt. Die Berliner Premiere war am 26.9.2019 im Georg Kolbe Museum.

Vier Aufführungen gibt es dort täglich bis 4. Zum Oktober 2019, die maximale Anzahl von Teilnehmenden ist begrenzt (25 Personen).

So modern das Bauhaus und seine Protagonisten 1919 in ihrer Haltung und Kunstanwendung waren, so modern setzt das Projekt an, die Personen und Haltungen hinter der Kunstschule vorzustellen und auch kritisch zu hinterfragen. Nicola Hümpel und Oliver Proske, Kopf und Herz der Gruppe Nico and the Navigators, die seit 1998 ihren Ursprung am Ort des Geschehens am Dessauer Bauhaus hat, beziehen sich in der szenisch-technologischen Performance auf ihre ganz persönliche Verbundenheit zum Bauhaus, wo sie als Artists in Residence viele Projekte realisieren konnten. Sie nehmen die von Walter Gropius geprägte Formel „Kunst und Technik – Eine neue Einheit“ in Verrat der Bilder zum Anlass, die Aufführung an den Originalschauplätzen des Bauhauses zu verorten und mit den anderen künstlerischen Ebenen verknüpft zu einem neuen Rezeptions- und Theatererlebnis zu machen.

So fand die Uraufführung in den Meisterhäusern in Dessau statt, das Georg Kolbe Museum, das in seiner Bauweise Bauhaus nah und das einzig erhaltene Bildhaueratelier der 1920er-Jahre in Berlin ist, ist der zweite Spielort. Im Geiste des Bauhauses ließ sich Georg Kolbe hier einen idealen Ort für die Verbindung von Leben und Arbeiten, Natur und Kunst, urbaner Vernetzung und künstlerischer Einhausung, energetischer Produktionsstätte und lichtdurchflutetem Schauplatz gestalten. Diese Verbindungen werden in der Performance aufgegriffen, die Architektur, Schauspiel, Tanz, Skulptur und virtuelle Bilder zu einem vielschichtigen ästhetisch-räumlichen Gesamterlebnis vereint.

Doch welche Rolle spielt dabei die Augmented Reality?  Erstmals kommen bei einem Kunstprojekt in Europa Augmented-Reality-Brillen zum Einsatz, die jedem Zuschauer ein ganz eigenes Erleben des Kunstprojekts im Aufführungsraum ermöglichen. Die Brillen sind auf dem Stand der neuesten Technologie, so wie auch am Bauhaus vor 100 Jahren mit modernster Technik gearbeitet wurde. Mit ihrer Hilfe wird die Inszenierung um ein weiteres Element zusätzlich zum darstellerischen erweitert. Aus der Geschichte kennt man ähnliche Narrative wie Tarnkappen, Siebenmeilenstiefel oder die Fata Morgana als Vorläufer von Augmented Reality. Die Technik ermöglicht die Überlagerung eines realistischen Blicks durch programmierte dreidimensionale Bilder und Effekte, mit denen auch interagiert werden kann. Eine Second Life Erfahrung, die bereits im Game-Bereich weit verbreitet ist. Jeder Zuschauer wird mit seiner Brille einzeln angeleitet, so dass eine individuelle Rezeption der Aufführung möglich ist. Die tatsächliche Sicht auf Darsteller und den umgebenden Theaterraum wird dabei mit per Software programmierten narrativen Bildern, Elementen und visuellen Eindrücken ergänzt. Auch interaktive Elemente wie z.B. das Malen im virtuellen Raum sind Teil der Inszenierung.

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder - Augmented reality © Georg Kolbe Museum - NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder – Augmented reality © Georg Kolbe Museum – NICO AND THE NAVIGATORS

Weltweit gibt es nur zwei Hersteller, darunter Magic Leap, deren Brillen hier zum Einsatz kommen. Die Brillen sind eine Weiterentwicklung der Technik in den Helmen von Jagdflugzeugpiloten. Sowohl im militärischen Bereich, wie in der Medizin oder Architektur ist ihre künftige Nutzung denkbar. Für die Aufführung hier wurden sie erstmals für ein Kunstprojekt adaptiert. Die Performer*innen bewegen sich dabei in bewährter Manier zwischen Sprache und Bewegung und arbeiten darüber hinaus mit einer theatral bisher kaum erprobten Technologie. Für die Darsteller, die mit programmierten Bildern und Effekten interagieren, ist das Spielen in Verbindung mit programmierter Technik eine besondere Herausforderung, sie sehen, anders als die Zuschauer, die Augmented Reality Elemente nicht.

Die Performance wirft einen ganz eigenen Blick auf die Geschichte und den künstlerischen Input des Bauhauses und seiner Gründer. Reduziert auf das „Eingemachte“, agieren auf der Bühne vier Personas, in die verschiedene Bauhausfiguren einfließen und die stellvertretend für die Bauhaus-Akteure stehen: Ernst Neufert, Johannes Itten, Gertrud Grunow und die junge Karla Grosch, die eng mit Paul Klee und seiner Ehefrau verbunden war. Alles gesprochene Wort basiert nur auf O-Tönen der Bauhaus-Protagonisten. Dabei liegt der Fokus auf einer durchaus auch kritischen Auseinandersetzung mit dem Bauhaus, die im bisherigen Glorienschein der Feierlichkeiten nicht hell genug leuchtete. „Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit“, Lyonel Feininger – in diesem Sinne eröffnet die Brille in der Collage Sichtweisen auf die politischen Verwerfungen und die ästhetischen Gegensätze der Weimarer Republik, die sich mit Blick auf das Heute wie eine historische Überblendung lesen lassen.

Die Vorstellung beginnt analog, die vier Protagonisten stellen sich und Grundgedanken der Bauhausbewegung vor. Dann werden die Brillen ausgegeben und spielerisch leiten die Darsteller das Publikum durch den Raum und die erweiterte Realität in Ton und 3D-Bild. Annedore Kleist, Pauline Werner, Patric Schott und Michael Shapira werfen sich in die Figuren mit großer Spiellust und Umsicht für die technische Umgebung, mit der sie interagieren. Ganz groß ist das, wenn das Ensemble um ein virtuelles Ensemble ergänzt wird. Duplikate der Darsteller beleben die Szene und turnen in der Gymnastikszene mit, die Vorstellung der verschiedenen Bauhausstühle wird zur Möbel-Revue, per Handzeichen paradieren lebensgroße Freischwinger über der Bühne. Das Finale lässt dann tief eintauchen in die Bauhaus-Familie, im gesamten Raum finden sich Abbilder der Bauhäusler in dreidimensionaler Erscheinungsweise, wo immer der Zuschauer hinblickt oder – alles dreht sich um Walter Gropius und seine Mitstreiter.

So entsteht ein Projekt, das mit einem neuen Medium nah an der Tradition und unmittelbar an der Zukunft arbeitet. Die ortsspezifische Arbeit wird nach den Aufführungen im Berliner Georg Kolbe Museum auch noch in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Brüssel gezeigt. Durch das Anpassen einzelner Szenen vor Ort wird jede Station zum Schauplatz einer Uraufführung.

Der Verrat der Bilder,   Aufführungen im Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin vom 26.9. – 4.10.2019,

—| IOCO Ausstellungen |—

Perpignan, Musée d´Art, Auguste Rodin – Aristide Maillol, IOCO Aktuell, 10.09.2019

 Die Méditerranée Skulptur von Aristide Maillol im Patio des Rathauses von Perpignan © Anne Engelhardt

Die Méditerranée Skulptur von Aristide Maillol im Patio des Rathauses von Perpignan © Anne Engelhardt

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud de Perpignan

Musée d’Art de Perpignan – Auguste Rodin – Aristide Maillol

 – Antipoden der Skulptur  – Auf Augenhöhe –

von Hanns Butterhof

Mit seiner Ausstellung Rodin – Maillol, face à face ist dem Musée d’Art Hyacinthe Rigaud in Perpignan wieder eine großartige, im besten Sinne spannende Ausstellung gelungen. Sie stellt die beiden grundverschiedenen französischen Skulptur-Großmeister der frühen Moderne, Auguste Rodin (1840 -1917) und Aristide Maillol (1861 – 1944), einander auf Augenhöhe gegenüber. Ohne selbst Partei zu ergreifen, provoziert die Ausstellung mit der Anmutung eines Vergleichs der beiden Künstler ein Urteil der Besucher.

In seiner zweiten, den Wechselausstellungen vorbehaltenen Etage stellt das  Musée d’Art Hyacinthe Rigaud in neun Kabinetten Skulpturen unterschiedlicher Größe und einige Zeichnungen Auguste Rodins ebensolchen von Aristide Maillol gegenüber. Die thematischen Schwerpunkte: Der Mann, Der Torso, Die Gruppe, Das öffentliche Monument, Die Zeichnungen und in beispielloser Breite Die Frau bilden das Spektrum des Schaffens beider Künstler umfangreich ab. Dabei gelingt es der Ausstellung, das Gefühl zu vermitteln, dass sich hier nicht nur Kunstwerke, sondern gegensätzliche Persönlichkeiten Auge in Auge gegenüberstehen.

Musée d'Art de Perpignan / Iris, messagère des dieux - Iris, Botin der Götter / Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Iris, messagère des dieux – Iris, Botin der Götter / Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Der  1840 nahe bei Paris in Meudon geborene Auguste Rodin ist, wohl selbst im französischen Katalonien, wo Aristide Maillol 1861 unweit von Perpignan in Banyuls-sur-Mer geboren wurde, der berühmtere von beiden. Und mit dem Gips-Modell seines populärsten Werkes, dem 180 cm großen Le Penseur monumental (Der Denker) von 1904, beginnt die Ausstellung spektakulär. Nur ganze 18 cm misst dagegen die dem Denker konfrontierte weibliche Tonfigur La Douleur (Das Leid) von 1921, deren ausgeführte Skulptur auf dem Marktplatz des nahen Städtchens Céret das Kriegerdenkmal ziert. Beide Figuren verbindet ihre nachdenkliche Haltung mit dem auf die Hand gestützten Kopf. Gleichzeitig trennt sie ihr Ausdruck fundamental. Er ist beim Denker gespannt, nach außen auf das Ergebnis und die darauffolgende Handlung gerichtet, während La Douleur völlig nach innen gerichtet, leidend am Ende jeglichen Handelns angekommen ist.

Expression bei Rodin und Impression bei Maillol, Dynamik und Gesammeltsein stehen sich in der ganzen Ausstellung gegenüber. Überdeutlich bestätigen das die beherrschenden Skulpturen des nächsten Kabinetts, Rodins bronzene Iris, messagère des dieux (Botin der Götter) von 1890, und Maillols Gips-Modell der Méditerranée (Mittelmeer) von 1905. Die Iris, ein kopfloser, jede klassische Form sprengender Torso, stellt mit gespreizten Beinen provokant Geschlechtlichkeit und Lebenskraft aus und springt die Betrachter nahezu an. Die Méditerranée, deren ausgeführte Form den Patio des Rathauses von Perpignan beherrscht, ist dagegen eine auf der Erde sitzende Frauenfigur, die völlig in sich ruht, die kräftigen Glieder entspannt und von einem Gleichmaß bestimmt, das wie aus der Natur übernommen scheint.

 Musée d'Art de Perpignan / Les Nymphes de la prairie - Skulptur von Aristide Maillol © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Les Nymphes de la prairie – Skulptur von Aristide Maillol © Anne Engelhardt

Bei den männlichen Einzel-Figuren kommen sich beide Bildhauer scheinbar am nächsten, Maillols Bronze Le Cycliste (Der Radfahrer) von 1907 könnte fast eine Hommage an Rodins daneben stehendes bronzenes L’Age d’airain (Das eherne Zeitalter) von 1903-04 sein. Aber auch hier weichen die exakt nach ihren jeweiligen Modellen gearbeiteten Figuren in Haltung und Ausdruck deutlich von einander ab, diejenige Rodins in dramatischer Pose, die Maillols in nachdenklicher Entspanntheit.

 Musée d'Art de Perpignan / Les trois Ombres - Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Musée d’Art de Perpignan / Les trois Ombres – Skulptur von Auguste Rodin © Anne Engelhardt

Wie sehr Maillol der beruhigten, nahezu klassischen Form verbunden bleibt, zeigt sich in der Gegenüberstellung zweier Paar-Motive, seiner mit 119 x 113 nahezu quadratischen Bronze Le Désir (Das Begehren) mit Rodins populärem Le Baiser (Der Kuss). Le Désir zeigt in einem klaren Aufbau ein unbekleidetes Paar, begehrlich fragend der Mann, in sanfter Abwehr, den Kopf abgewandt, die Frau. Auch das Paar in Rodins Le Baiser ist nackt, alle Bewegung zielt auf die Berührung der Lippen im Kuss. Doch hat die Skulptur etwas Arrangiertes, einen pathetischen Gestus, an dem in der Konfrontation mit Le Désir etwas leicht Süßliches aufleuchtet.

Ähnlich ist es mit den Frauen-Zeichnungen der beiden Künstler, die in getrennten Kabinetten gezeigt werden. Auch die 13 zum Teil leicht aquarellierten Zeichnungen Rodins wirken, obwohl schwungvoll skizziert, arrangiert und  sind nicht ohne pornographische Anmutung. Den angehobenen Kleidern und gespreizten Beinen ihres Modells stehen zumeist nahezu unerotisch züchtig Rückenansichten der Maillolschen Frauen gegenüber. Nur bei genauer Betrachtung aller Exponate wird man in Maillols Dina, einer kleinen, mit gespreizten Beinen auf dem Rücken liegenden Frauen-Figur aus Ton von 1937, eine dem gestaltenden Zugriff Rodins ähnliche Figur finden.

 Musée d'Art de Perpignan / Pomone - Skulptur von Aristide Maillol © Hanns Butterhof

Musée d’Art de Perpignan / Pomone – Skulptur von Aristide Maillol © Hanns Butterhof

Bei aller Verschiedenheit des Ausdrucks sind die ausgestellten Gruppen- wie der Einzel-Skulpturen  vom gleichen künstlerischen Ernst geprägt. Maiolls bronzene, 163 cm hohe Frauenfigur Pomone, mit der er 1910 im Salon d’Automne seinen ersten großen Publikumserfolg erzielte, bietet aufrecht und in absoluter Ruhe ihre Äpfel dar, während sich neben ihr Rodins 173 cm hohe bronzene Ève von 1881 voller Scham und Reue über ihre Verführbarkeit in sich verkriechen zu wollen scheint. Und ebenso aufrecht und gelöst wie Pomone reichen sich Maillols Les Nymphes de la prairie (Die drei Wiesen-Nymphen) die Hand, wie Rodins Les Trois Ombres (Die drei Schatten), der Ève gleich, bedrückt und wie geschlagen in sich zusammensinken.

Von den beiden öffentlichen Monumenten, denen ein eigenes Kabinett gewidmet ist, geht nicht das Strahlen des Gelingens aus. Maillols 215 cm hohe Bronzeplastik L’Action enchaînée – monument à Auguste Blanqui (Die angekettete Aktion) für den Revolutionär und Kommunarden Blanqui ist ein männlich muskulöser Frauenakt mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Rodins La Muse Whistler, eine 223,5 cm hohe Bronzestatue, ist ein weiblicher Torso der Muse des Malers James McNeill Whistler, wie sie den Gipfel des Ruhms erklimmt, ohne Arme und Hände. In der Gestaltung von Ideen wie Rebellion und Erfolg können beide Künstler kaum überzeugen.

 Musée d'Art de Perpignan / Eve - Skulptur von Auguste Rodin © Hanns Butterhof

Musée d’Art de Perpignan / Eve – Skulptur von Auguste Rodin © Hanns Butterhof

Wo der direkte öffentliche Bezug fehlt, überzeugen die schließlich präsentierten weiblichen Torsi. In ihrem Unvollendetsein umgibt sie die Aura des Gelingens wie Rodins Méditation ou Voix  intérieure (Meditation oder Innere Stimme) von 1886 und Maillols Harmonie von 1940, die den Schlusspunkt der begeisternden Ausstellung setzen, in der noch viele kleine Kostbarkeiten wie Maillols bezaubernde Tonfigur Leda von 1900 zu entdecken  sind.

Die Ausstellung Rodin – Maillol, face à face stellt Rodin und Maillol auf Augenhöhe gegenüber, vielleicht nicht ganz ohne etwas mehr Sympathie für den Katalanen. Bei dem Urteil, das sie gleichwohl provoziert, mag es sehr auf den Betrachter ankommen. Jüngere mag die Dynamik und Expressivität Rodins besonders ansprechen, während sich Ältere durch sie eher bedrängt und durch die geerdete Ruhe Maillols erlöst und beglückt fühlen mögen. So verlässt niemand diese Ausstellung unberührt.

Die sehenswerte Ausstellung Rodin – Maillol, face à face ist bis 3.11.2019 im Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, 21 rue Mailly, F 66000 Perpignan, zu sehen. Dreisprachige Beschilderung der Exponate in Französisch, Katalan und Englisch. Weitere Informationen unter www.musee-rigaud.fr Ein umfassend bebilderter, 215-seitiger französischsprachiger Katalog zur Ausstellung kostet im Museumsladen 25,00 €.

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