Münster, LWL Museum Kunst und Kultur, Norbert Tadeusz – figurativer Maler der Gegenwart, IOCO Aktuell, 19.05.2020

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

LWL Museum Kunst und Kultur

Norbert Tadeusz – figurativer  Maler der Gegenwart – LWL  Münster

– Mit dem Charme von 70er Jahre Pornos –

von Hanns Butterhof

Mit Norbert Tadeusz (1940 bis 2011) stellt kurz nach dem Kunst-Palast Düsseldorf das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster einen der wenigen figurativen Maler seiner Generation aus. Bekannt ist er durch meist großformatige Bilder, die unter dem Stichwort „provozierend“ den etwas schmuddeligen Charme früher Porno-Fotos versprühen. In sechs Sälen ermöglicht das Landesmuseum mit 66 farbkräftigen Gemälden einen etwas breiteren Blick auf das Werk Norbert Tadeusz‘, ohne ihm dabei spektakuläre Brisanz abzugewinnen.

Im Entree zur Ausstellung läuft der Besucher frontal auf das Gemälde  „Hände“ (2008) von Norbert Tadeusz zu. Es zeigt zwei Hände, die jeweils einen abgetrennten Hühnerkopf wie Handpuppen halten, die aufeinander einreden. Man kann es als kritischen Kommentar zum Kunstbetrieb um seinen Lehrer Josef Beuys, wo die Begriffsarbeit im Vordergrund stand, oder am aufgeblasenen Kuratoren-Kunstsprech verstehen, von dem sich Tadeusz ausdrücklich dadurch distanzierte, dass er sich nicht als Künstler, sondern als Maler definiert hat.

Schon bei diesem Gemälde fällt ein eigenwilliger Umgang mit dem Hintergrund auf. Er wirkt irritierend zufällig, irgendwie zwischen kaltem Schlachthaus und Dusche changierend. Auf die Hintergründe der Bilder zu achten kann während des gesamten Durchgangs durch die Ausstellung eine aufschlussreiche Perspektive abgeben, die von dem Unbehagen am Raum genährt wird.

Neben den „Händen“ befinden sich in zwei Vitrinen frühe Kleinplastiken Norbert Tadeusz‘ aus den 60er Jahren. Darunter sind Frauenfiguren in eindeutigen Posen, die ans Artistische grenzen und schon früh die thematischen Obsessionen des Künstlers  aufweisen: Frauenakte,  Artisten, Verdrehungen.

Mueumsdirektor Dr. Hermann Arnhold stellt Norbert Tadeusz vor
youtube Trailer LWL Landesmuseum Münster
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Auf den ersten Blick völlig unbedeutend erscheinende Exponate in der gleichen Vitrine, Bleiabgüsse von Wegwerfartikeln wie Pappschächtelchen oder Verpackungen von eingeschweißten Lebensmitteln, zeigen bereits früh die grundsätzliche Haltung  Tadeusz‘ zur Welt. Durch ihre Bemalung sind die Abgüsse von ihren Vorlagen nicht zu unterscheiden. Hier manifestiert sich eine Fetischisierung des Objekts, ein objektivierendes Wiedergeben des Vorhandenen, ohne ihm einen weiteren Sinn als seine Gegenständlichkeit zuzusprechen. Diese Haltung in ihrer Absolutheit durchzieht die gesamte Ausstellung.

Selbst in Bildern, die wie etwa „Neon“ (1979) in ihrer Abstraktheit an Ellsworth Kelly erinnern, handelt es sich um die realistische Wiedergabe der Deckenbeleuchtung einer Szene-Kneipe. Und seinen eigenen Charakter bewahrt Tadeusz selbst dann, wenn er, etwa mit den verdrehten Artisten-Figuren in „Drei“ (2005) an Francis Bacon, mit den Schlachttieren in „Carcasse. Florenz. Pistoia“ (1983) an Chaim Soutine oder im „Akt mit Lampe“ (1968) an Edward Hopper erinnert.

Anna Luisa Walter beschreibt das Venus-Motiv von Tadeusz und mehr
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Selten stiehlt sich Humor ins Bild, etwa, wenn Tadeusz im Groß-Format ca. 3 x 6 Meter „Valentano“ abmalt, eine Industriebaustelle, die mit ihren unfertigen Pfeilern aussieht wie eine antike Tempelanlage: „Valentano“ ist die riesige Karikatur einer Postkarte.

Zumeist bleibt es bei der schieren Gegenständlichkeit. Das betrifft die blaugrünen „Swimmingpool“-Bilder aus den 1992er und 1993er Jahren ebenso wie die nahezu altmeisterlich gemalten Pferderennen-Bilder Vorletztes Palio“ (2001) und Cavalli 3“ (1995), durch die deutlich die Fotos des traditionellen Pferderennens im italienischen Siena durchscheinen, die ihnen als Vorlage gedient haben. Sie wirken, als seien sie collagiert wie auch die Großformate „Das große Ei“ (1985) und „Gelbes Atelier“, (1985), auf denen sich noch einmal alle Obsessionen Norbert Tadeusz‘ versammeln: nackte, verdrehte Artisten, Schlachtstücke und ihre Sexualität ausstellende Frauen.

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Dass kein Bild eine Geschichte erzählt, dass für  Norbert Tadeusz alles zum nahezu gleichwertigen Objekt wird, zeigt sich besonders schön am „Sakral-Raum mit Flieger“ (1971). Auf einem weißen Küchenstuhl, über dessen Lehne noch eine halb verdeckte Jacke hängt, hält sich eine nackte Frauenfigur mit kreuzförmig ausgestreckten Armen die aufgeschlitzte Strumpfhose vom Leibe, die sie eben noch halb verhüllt hatte, und stellt sich so dem voyeuristischen Blick. Wie auf schmuddeligen Porno-Fotos der siebziger Jahre, auf denen hemmungslos das private Interieur des Fotografen, weil für den Zweck des Fotos völlig unbedeutend, mit im Bild war, bildet eine Wand mit dunklen Fenstern und eine Reihe Heizungsrippen den Hintergrund. Tadeusz‘ Fetischisierung des Objekts ergreift auch die Figur, die in seiner Sicht so die gleiche Wertigkeit erhält wie die sie umgebende Welt.  Anerkennung und Entwertung berühren sich, in der Vergegenständlichung des Menschen und der Vermenschlichung der Gegenstände, die der Frauenakt “Bügeleisen“ (1967) schon im Titel zum Ausdruck bringt, und nicht zuletzt im Verhältnis von Figur und Hintergrund.

Es ist löblich, dass das Westfälische Landesmuseum an Norbert Tadeusz als einen westfälischen Künstler erinnert: Der 1940 in Dortmund Geborene lehrte auch in Münster, von 1973 bis 1988 an der dortigen Abteilung der Kunstakademie Düsseldorf. Es ist kunstgeschichtlich interessant, ihn als gegenständlich malende Ausnahme gegenüber seinen eher minimalistischen akademischen Generationsgenossen zu präsentieren. Und natürlich besetzt auch die Selbstdefinition Tadeusz‘ als „nur Maler“ eine Position im kunsttheoretischen Diskurs, wenn auch keine von spektakulärer Brillianz.

Die Ausstellung Norbert Tadeusz zeigt, dass es ästhetisch schwerlich genügt, nur Maler zu sein.

Die Ausstellung – Norbert Tadeusz  ist bis 2.8.2020 im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster, Domplatz 10, 48143 Münster zu sehen.  Eintritt: 9.00 €, reduziert 4,50 €,  Besucherservice: +49 251 5907 210,,  e-mail: museumkunstkultur@lwl.org

Öffnungszeiten: Di – So 10.00 bis 18.00 Uhr, jeden 2. Freitag im Monat, 10.00 – 24.00 Uhr, ab 18.00 Uhr freier Eintritt.

Der im Verlag Kettler erschienene, mit 141 Seiten umfänglich bebilderte Katalog Norbert Tadeusz kostet 24,90 €. Coronabedingt sind bis auf weiteres nur 180 Personen im Museum zugelassen, in der Ausstellung nur gegen 30,  etwa 4 Personen pro Raum.

HINWEIS:  Das Tanztheater Münster und das LWL-Museum für Kunst und Kultur arbeiten anlässlich der Ausstellung Norbert Tadeusz (bis 2.8.) zusammen. Dafür treten die Tänzerinnen des Theaters vor der Kamera in einen Dialog mit Tadeusz‘ Werken. Der Film wird der Öffentlichkeit am Mittwoch (3.6.2020) um 19 Uhr über die digitalen Museumskanäle auf YouTube, Facebook und Instagram online präsentiert.

 

—| ioco-art LWL Museum Kunst und Kultur |—

Münster, Pablo Picasso Museum, Beauty is A Line, IOCO Ausstellungen, 05.02.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

Beauty Is A Line  –  Ausstellung

„Von der Farbe über die Linie ins Nichts“  –  Picassomuseum Münster und Rijksmuseum Twenthe in Enschede gehen der Linie nach

von Hanns Butterhof

Am Anfang stand der Wunsch des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster und des Rijksmuseums Twenthe in Enschede, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt durchzuführen. Die  Suche nach einem von beiden Museen ausfüllbaren Thema mündete in die Entscheidung, die Linie als Gestaltungsmittel in der Kunst der Moderne ins Zentrum der Ausstellung zu stellen, die nun in beiden Häusern unter dem gemeinsamen Titel Beauty Is A Line zu sehen ist. Münster hebt den Aspekt „Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ hervor,  Enschede den von „Picasso & Matisse“. Nach Ansicht von Markus Müller, Direktor des Picassomuseums, ist der Besucher nur eines Teils der Doppelausstellung am Ende nicht vollständig über die Bedeutung der Linie in der modernen Kunst informiert.

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Die wesentlich schöpferische Leistung der Kuratoren besteht in der Unterscheidung von fünf Linien-Typen, nach denen der Parcours der Ausstellung wie der Katalog zu ihr gegliedert sind. So führt der erste Saal zum Jugendstil, dem die „dekorative Linie“ zugesprochen wird. Besonders prominent steht dafür ein dreiteiliger Paravant „Bloemenkonigin“ von Carel Wirtz von 1902 aus Teakholz und bestickter Seide. Neben Werbe-Plakaten von Henry van de Velde, Johan Thorn Prikker und anderen findet sich dort auch das Plakat Jan Toorops von 1894, das für „Delftsche Slaolie“ warb und der ganzen Richtung in den Niederlanden den Spottnamen „Salatöl-Stil“ einbrachte.

Im folgenden Raum geht es um die „expressiv-gestische Linie“ von Künstlern der Nachkriegs-Avantgarde. Stehen bei Ernst Wilhelm Nays „Orange und Schiefergrau“ von 1953 oder Theo Wolvecamps „Komposition B 3“ von 1949 die Linien noch in Konkurrenz zu den Farben, so ändert sich das bei dem herausgehoben im Hauptsaal zentral positionierten Cy Twombly. Vor allem auf seinen in den Sechzigerjahren entstandenen Blackboards „Untitled“ von 1966 und „Untitled“ von 1969 dominieren die wie mit Kreide auf schwarze Schiefertafeln aufgetragenen schwungvollen Linien. Ein amerikanischer Kritiker bemerkte, sie wirkten wie die lustlosen Übungen eines Schülers, der als Strafe wiederholt „ich darf in der Klasse nicht tuscheln“ schreiben muss. Das allerdings mutet den Werken, die sich selbst genug sind, schon ein Zuviel als Sinn zu, dem sie sich doch hermetisch verweigern.

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Die Radikalisierung solcher Verweigerung leistet die „konstruktive Linie“, die der nächste Raum präsentiert. Bei ihr zieht sich der Künstler möglichst vollständig aus dem Kunstwerk zugunsten von objektiven Verfahren zurück. Beispielhaft stehen dafür die Künstler von de Stijl, etwa Bart van der LecksKomposition Nr.8″ von 1927, die sehr an Kompositionen Piet Mondriaans erinnert, von dem ein kleines dreidimensionales Werk zu sehen ist. Die „konstruktive Linie“ gipfelt jedoch in der Minimal bzw. Conceptual Art. Ihr Theoretiker Sol LeWitt, von dem mehrere dreidimensionale, repetitive Werke wie die „Five Part Variations with Hidden Cubes“ von 1968 oder Konstruktionszeichnungen wie der „Incomplete Open Cube 10/4“ von 1974 zu sehen sind, geht dabei so weit, die Idee, das gedankliche Konstrukt, noch vor seiner Realisierung zum Kunstwerk zu erklären. Damit verabschiedet sich allerdings auch die Linie tendenziell aus der Kunst ins Nichts.

Von Gerhard Richter finden sich, womit er im Münsteraner Ausstellungstitel gerechtfertigt ist, spielerisch ironische Objekte und Photographien zu den „unmöglichen Figuren“ M.C. Eschers. Der „Konturlinie“ sowie der „expressiven Linie“ widmet sich näher das  Rijksmuseum Twenthe in Enschede. Die Ausstellung Beauty Is A Line enthält sich weitgehend auch im Katalog einer Erörterung oder gar Wertung des Verhältnisses von Linie und Farbe in der Kunst. Sie dokumentiert jedoch ausführlich die Aufwertung der Linie durch die Moderne.

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

In einer parallelen Ausstellung „Von Bonnard bis Picasso – Die Bücher des Monsieur Vollard“ zeigt das Picassomuseum mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso, Georges Braque und anderen Künstlerfreunden des Verlegers Ambroise Vollard (1865 – 1939) die schönsten Malerbücher aus der im Hause beheimateten Sammlung Classen. Vollard, ein entschiedener Förderer der Künstlergruppe Nabis um  Pierre Bonnard und Maurice Denis, regte viele Künstler zu vielen heute als klassisch geltenden Malerbüchern an wie dem in der Ausstellung auch gezeigten „Parallèlement“ von Paul Verlaine, das 1900 mit Lithographien von  Pierre Bonnard erschien und als erstes Malerbuch überhaupt gilt.

Der umfangreich bebilderte Katalog „Beauty Is A Line  –  Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ mit Beiträgen von Josien Beltman, Alexander Gaude, Paul Knolle, Markus Müller, Arnoud Odding und Thijs de Raedt umfasst etwa 100 Seiten, ist im Verlag Waanders erschienen und kostet im Museum 21,95 €.

Beide Ausstellungen sind bis zum 24.5. im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr., Eintritt 10,00 €, ermäßigt 8,00 €.

Kontakt: info@picassomuseum.de, É 0251-41447-10

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, Museum für Lackkunst, Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.12.2019

Dezember 3, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Ausstellungen, Museen Münster

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst Münster / Ausstellung : Des japanischen Mannes Zier © Matthias Budde

Museum für Lackkunst

Des japanischen Mannes Zier – Ausstellung im Lackmuseum

– Männer machen Mode –

von Hanns Butterhof

Das Museum für Lackkunst ist eine der glänzendsten Perlen in der Kette der Münsterschen Museen. Das klassizistische, um die vorletzte Jahrhundertwende errichtete Stadtpalais an der Windthorststraße enthält eine weltweit einzigartige Sammlung von Lackkunst aus zwei Jahrtausenden aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt. Unter Lackkunst sollte man sich nicht etwas derart Unspektakuläres wie lackierte Kotflügel vorstellen, wie es die 2015 nicht unproblematisch von dem Künstler Christian Ring angeregte Rot-Lackierung der Freitreppe zum Haupteingang des Museums nahelegt. Vielmehr besteht die Sammlung aus äußerst kunstvoll mit Lack überzogenen Gegenständen, die vom mächtigen Schreibsekretär, den eine Landschaft mit Blumen und Vögeln ziert,  bis zur kleinen Schnupftabakdose mit Schwarzlack reichen.

Über 100 bewundernswerte  „Inro“ im Museum für Lackkunst Münster

Der Grundstock des Museums stammt aus dem ehemaligen Kölner Herbig-Haarhaus-Lackmuseum, das 1968 mit der Übernahme der Lackfabrik Herbig-Haarhaus in den Besitz der BASF überging; 1982 wurde als wertvolle Ergänzung die Lackkunst-Sammlung aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Herberts dazugekauft. Die nun mehr als 2000 Objekte fanden 1993 im Gebäude an der Windthorststraße 26 mit einer Bücherei von über 4500 Büchern zur Lackkunst ihr Zuhause. Träger des Museums ist der Unternehmensbereich Coastings der BASF in Münster.

Museum für Lackkunst Münster / Inro - Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Museum für Lackkunst Münster / Inro – Japanische Stapelkästchen © Tomasz Samek

Die aktuelle Ausstellung Männer machen Mode. Inro aus der Sammlung des Museums für Lackkunst, zeigt über 100 Stapelkästchen mit bewundernswerter Lack-Kunst aus Japan.

In sechs Räumen seines Untergeschosses  zeigt das Museum für Lackkunst 108 Inro, meist handygroße lackierte Behältnisse, in denen der bessergestellte japanische Mann voriger Jahrhunderte sein persönliches Siegel und gegebenenfalls Arzneimittel bei sich trug. Es sind Stapelkästchen mit einer unterschiedlichen Zahl von  Fächern, die eine Schnur seitlich miteinander verbindet. Ein kleiner Schieber strafft die Schnur und verhindert so, dass sich das Inro ungewollt öffnet. Ein Knebel an ihrem Ende, das phantasievoll geschnitzte netsuke, liegt oberhalb des Kimono-Gürtels auf, wirkt als Gegengewicht zum Inro und hindert es am Herunterrutschten.

Das Inro war aus der Not geboren, da der traditionelle Kimono keine Taschen hatte, um die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zur Hand zu haben. Aus der Not machten die Männer rasch eine modische Tugend, und zwischen dem 16. bis 19. Jahrhundert avancierte das Inro, gut sichtbar am Gürtel des Kimonos getragen, in den gehobenen Kreisen zum Statussymbol.

Möglich wurde das durch ein symbiotisches Zusammenspiel von Kunden und Künstlern. Das Inro bot darauf spezialisierten Künstlern und Werkstätten Gelegenheit, auf seiner kleinen Oberfläche ihr ganzes Können zu zeigen. Die mit großer Virtuosität eingesetzten komplizierten Lack-Ziertechniken trieben nicht nur einen modischen Wettkampf voran. Mit der Wahl des Dekors präsentierte der Träger auch eine Art intellektueller Visitenkarte, die sein Wissen um den nationalen kulturellen Kanon zum Ausdruck brachte; kleinste Hinweise wie die Kopfbedeckung einer Frau oder der Fächer vor einem Gesicht riefen gedanklich ganze Erzählungen hervor. Die künstlerische Umsetzung dieser bekannten Geschichten, der Symbole und die Qualität der Ausführung waren Gegenstand gepflegter Gespräche.

In der Ausstellung Männer machen Mode ergreift noch heute die kulturelle Aura, die um die  Inro herrscht. Die Kunstfertigkeit der Ausführung, die Vielfalt der Motive und ihrer symbolischen Bedeutung, die inspirierende Anregung, die davon  ausgeht, ist einfach bewundernswert. In das Staunen über diesen intakten kulturellen Kosmos mischt sich leise die Trauer um seinen Verlust  wie auch den des europäischen Gedankenkreises durch die aufkommende Moderne im Beginn des 20. Jahrhunderts.

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung - Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Museum für Lackkunst Münster / Inro Ausstellung – Ein Besucher berührt © Hanns Butterhof

Die Ausstellung zeigt thematisch gruppiert Inro verschiedener Größe, Materialität und Oberflächengestaltung bis hin zu Imitationen von Stein oder Metall. Sie führt zu Dynastien von Kunsthandwerkern und einzelnen Meistern wie Koma Yasutada (+ 1715), die ihre Werke sogar signierten. Und sie zeigt und erläutert umfassend die Bildsprache der  Inro. So steht etwa die häufige Chrysantheme nicht nur für den Herbst, sie ist auch mit Unsterblichkeit und Vollkommenheit verbunden, da sie blüht, wenn die anderen Blumen schon welken; ein Inro mit diesem Motiv wurde gerne verschenkt, um damit dem Träger ein langes Leben zu wünschen. Oder ein alltägliches Gatter beschwört das ganze damals zum kulturellen Bestand gehörende „Gedicht von der Heimkehr“ des chinesischen Dichters Tao Yuanming (365 – 427) herauf. Für die Besucher ist es hilfreich, dass ein kleines Büchlein zur Ausstellung detailliert jedes einzelne Exponat erläutert.

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Die beglückende Ausstellung Männer machen Mode im Museum für Lackkunst Münster dauert noch bis 2. Februar 2020.

Ein reich bebilderter, 232 Seiten starker englischsprachiger Katalog, Japan in miniature, kostet an der Museumskasse 29.00 €.

Öffnungszeiten: Dienstags 12.00 – 20.00 Uhr, mittwochs bis sonntags, sowie an gesetzlichen Feiertagen 12.00 – 18.00 Uhr.

Eintrittspreis: 3,00 €, darin ist die Sonderausstellung enthalten. Dienstags freier Eintritt, der auch den Zutritt zur Sonderausstellung einschließt. Eine Führung durch die Sonderausstellung wird dienstags um 17.30 Uhr zum Preis von 5,00 € angeboten.

—| IOCO Kritik Museum für Lackkunst Münster |—

Berlin, Georg Kolbe Museum, Der Verrat der Bilder – 100 Jahre Bauhaus, IOCO Kritik, 28.09.2019

September 28, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO Aktuell, IOCO Ausstellungen, ioco-art

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder - Augmented reality © Georg Kolbe Museum - NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder – Augmented reality © Georg Kolbe Museum – NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum

La trahison des images – Der Verrat der Bilder

– Wenn eine Brille Unsichtbares sichtbar machen und gewohnte Perspektiven hinterfragen könnte –

von Kerstin Schweiger

Europa-Premiere mit Augmented Reality in der darstellenden Kunst: Verrat der Bilder:
Eine Performance zu 100 Jahre Bauhaus im Berliner Georg Kolbe Museum

In ihrem Projekt Verrat der Bilder begibt sich die Gruppe Nico and the Navigators anlässlich des 100-jährigen Bauhausjubiläums auf eine performative Reise in die Geschichte des Bauhauses. Die Uraufführung des von der Bundeskulturstiftung geförderten multimedialen Projekts fand in den Dessauer Meisterhäusern statt. Die Berliner Premiere war am 26.9.2019 im Georg Kolbe Museum.

Vier Aufführungen gibt es dort täglich bis 4. Zum Oktober 2019, die maximale Anzahl von Teilnehmenden ist begrenzt (25 Personen).

So modern das Bauhaus und seine Protagonisten 1919 in ihrer Haltung und Kunstanwendung waren, so modern setzt das Projekt an, die Personen und Haltungen hinter der Kunstschule vorzustellen und auch kritisch zu hinterfragen. Nicola Hümpel und Oliver Proske, Kopf und Herz der Gruppe Nico and the Navigators, die seit 1998 ihren Ursprung am Ort des Geschehens am Dessauer Bauhaus hat, beziehen sich in der szenisch-technologischen Performance auf ihre ganz persönliche Verbundenheit zum Bauhaus, wo sie als Artists in Residence viele Projekte realisieren konnten. Sie nehmen die von Walter Gropius geprägte Formel „Kunst und Technik – Eine neue Einheit“ in Verrat der Bilder zum Anlass, die Aufführung an den Originalschauplätzen des Bauhauses zu verorten und mit den anderen künstlerischen Ebenen verknüpft zu einem neuen Rezeptions- und Theatererlebnis zu machen.

So fand die Uraufführung in den Meisterhäusern in Dessau statt, das Georg Kolbe Museum, das in seiner Bauweise Bauhaus nah und das einzig erhaltene Bildhaueratelier der 1920er-Jahre in Berlin ist, ist der zweite Spielort. Im Geiste des Bauhauses ließ sich Georg Kolbe hier einen idealen Ort für die Verbindung von Leben und Arbeiten, Natur und Kunst, urbaner Vernetzung und künstlerischer Einhausung, energetischer Produktionsstätte und lichtdurchflutetem Schauplatz gestalten. Diese Verbindungen werden in der Performance aufgegriffen, die Architektur, Schauspiel, Tanz, Skulptur und virtuelle Bilder zu einem vielschichtigen ästhetisch-räumlichen Gesamterlebnis vereint.

Doch welche Rolle spielt dabei die Augmented Reality?  Erstmals kommen bei einem Kunstprojekt in Europa Augmented-Reality-Brillen zum Einsatz, die jedem Zuschauer ein ganz eigenes Erleben des Kunstprojekts im Aufführungsraum ermöglichen. Die Brillen sind auf dem Stand der neuesten Technologie, so wie auch am Bauhaus vor 100 Jahren mit modernster Technik gearbeitet wurde. Mit ihrer Hilfe wird die Inszenierung um ein weiteres Element zusätzlich zum darstellerischen erweitert. Aus der Geschichte kennt man ähnliche Narrative wie Tarnkappen, Siebenmeilenstiefel oder die Fata Morgana als Vorläufer von Augmented Reality. Die Technik ermöglicht die Überlagerung eines realistischen Blicks durch programmierte dreidimensionale Bilder und Effekte, mit denen auch interagiert werden kann. Eine Second Life Erfahrung, die bereits im Game-Bereich weit verbreitet ist. Jeder Zuschauer wird mit seiner Brille einzeln angeleitet, so dass eine individuelle Rezeption der Aufführung möglich ist. Die tatsächliche Sicht auf Darsteller und den umgebenden Theaterraum wird dabei mit per Software programmierten narrativen Bildern, Elementen und visuellen Eindrücken ergänzt. Auch interaktive Elemente wie z.B. das Malen im virtuellen Raum sind Teil der Inszenierung.

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder - Augmented reality © Georg Kolbe Museum - NICO AND THE NAVIGATORS

Georg Kolbe Museum Berlin / Der Verrat der Bilder – Augmented reality © Georg Kolbe Museum – NICO AND THE NAVIGATORS

Weltweit gibt es nur zwei Hersteller, darunter Magic Leap, deren Brillen hier zum Einsatz kommen. Die Brillen sind eine Weiterentwicklung der Technik in den Helmen von Jagdflugzeugpiloten. Sowohl im militärischen Bereich, wie in der Medizin oder Architektur ist ihre künftige Nutzung denkbar. Für die Aufführung hier wurden sie erstmals für ein Kunstprojekt adaptiert. Die Performer*innen bewegen sich dabei in bewährter Manier zwischen Sprache und Bewegung und arbeiten darüber hinaus mit einer theatral bisher kaum erprobten Technologie. Für die Darsteller, die mit programmierten Bildern und Effekten interagieren, ist das Spielen in Verbindung mit programmierter Technik eine besondere Herausforderung, sie sehen, anders als die Zuschauer, die Augmented Reality Elemente nicht.

Die Performance wirft einen ganz eigenen Blick auf die Geschichte und den künstlerischen Input des Bauhauses und seiner Gründer. Reduziert auf das „Eingemachte“, agieren auf der Bühne vier Personas, in die verschiedene Bauhausfiguren einfließen und die stellvertretend für die Bauhaus-Akteure stehen: Ernst Neufert, Johannes Itten, Gertrud Grunow und die junge Karla Grosch, die eng mit Paul Klee und seiner Ehefrau verbunden war. Alles gesprochene Wort basiert nur auf O-Tönen der Bauhaus-Protagonisten. Dabei liegt der Fokus auf einer durchaus auch kritischen Auseinandersetzung mit dem Bauhaus, die im bisherigen Glorienschein der Feierlichkeiten nicht hell genug leuchtete. „Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit“, Lyonel Feininger – in diesem Sinne eröffnet die Brille in der Collage Sichtweisen auf die politischen Verwerfungen und die ästhetischen Gegensätze der Weimarer Republik, die sich mit Blick auf das Heute wie eine historische Überblendung lesen lassen.

Die Vorstellung beginnt analog, die vier Protagonisten stellen sich und Grundgedanken der Bauhausbewegung vor. Dann werden die Brillen ausgegeben und spielerisch leiten die Darsteller das Publikum durch den Raum und die erweiterte Realität in Ton und 3D-Bild. Annedore Kleist, Pauline Werner, Patric Schott und Michael Shapira werfen sich in die Figuren mit großer Spiellust und Umsicht für die technische Umgebung, mit der sie interagieren. Ganz groß ist das, wenn das Ensemble um ein virtuelles Ensemble ergänzt wird. Duplikate der Darsteller beleben die Szene und turnen in der Gymnastikszene mit, die Vorstellung der verschiedenen Bauhausstühle wird zur Möbel-Revue, per Handzeichen paradieren lebensgroße Freischwinger über der Bühne. Das Finale lässt dann tief eintauchen in die Bauhaus-Familie, im gesamten Raum finden sich Abbilder der Bauhäusler in dreidimensionaler Erscheinungsweise, wo immer der Zuschauer hinblickt oder – alles dreht sich um Walter Gropius und seine Mitstreiter.

So entsteht ein Projekt, das mit einem neuen Medium nah an der Tradition und unmittelbar an der Zukunft arbeitet. Die ortsspezifische Arbeit wird nach den Aufführungen im Berliner Georg Kolbe Museum auch noch in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Brüssel gezeigt. Durch das Anpassen einzelner Szenen vor Ort wird jede Station zum Schauplatz einer Uraufführung.

Der Verrat der Bilder,   Aufführungen im Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin vom 26.9. – 4.10.2019,

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