Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Digitale Fotoausstellung – Martin Schläpfer, Juni 2020

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Digitale Fotoausstellung – Martin Schläpfer

Martin Schläpfer, Chefchoreograph und ehemaliger Künstlerischer Direktor des Ballett am Rhein wurde mit Beginn der Spielzeit 2020/21 zum Direktor des Wiener Staatsballett, der Compagnie der Wiener Staatsoper, der Volksoper Wien sowie der Wiener Ballettakademie berufen worden

Zum Abschluss seines elfjährigen Schaffens in Düsseldorf und Duisburg zeigt die Deutsche Oper am Rhein in Kooperation mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln eine Retrospektive zu Choreographien von Martin Schläpfer. Gert Weigelt, der seit vielen Jahren die Arbeit des Choreographen und Ballettdirektors mit der Kamera begleitet, hat Augenblicke festgehalten, die die beeindruckende Vielfalt des Schläpferschen Oeuvres lebendig werden lassen.

Den Ausstellungsmachern ging es jedoch nicht nur darum, Impressionen aus verschiedenen Werken zu zeigen, sondern in der Kombination von Fotos und Zitaten Schläpfers choreographisches Denken sichtbar zu machen. Von den Kraftfeldern zwischen Mensch und Körper“ heißt die vom stellvertretenden Leiter des DeutschenTanzarchivs, Thomas Thorausch, und Ballettdramaturgin Anne do Paço kuratierte Ausstellung, die ursprünglich mit der Premiere von Schläpfers 43. Programm – b.43 – im Theater Duisburg gezeigt werden sollte, um zur b.44 Premiere ins Opernhaus Düsseldorf zu wandern. Durch die vorzeitige Saisonbeendigung wurde aus dem analogen Konzept ein digitales. Unter www.kraftfeld-mensch-koerper.de präsentiert sich die Ausstellung jetzt der Öffentlichkeit und lädt zu einer sinnlichen, mit vielen Zitaten kommentierten Reise durch elf Jahre Tanzkunst ein.

Deutsche Oper am Rhein / Martin Schläpfer: Sinfonien – Alexander McKinnon, Marlúcia do Amaral, Alexandre Simões © Gert Weigelt

Deutsche Oper am Rhein / Martin Schläpfer: Sinfonien – Alexander McKinnon, Marlúcia do Amaral, Alexandre Simões © Gert Weigelt

Eine Choreographie als Bewegung gewordener Ausdruck trägt stets das Nachsinnen ihres Schöpfers über den Körper und dessen Ausdrucksmöglichkeiten in sich. Doch nur selten finden Gedanken und Betrachtungen eines Choreographen den Weg in die Öffentlichkeit. Die Ausstellung „Von den Kraftfeldern zwischen Mensch und Körper“ möchte dies versuchen: Martin Schläpfers Gedanken zum Tanz begegnen einer Auswahl von Bilderfolgen des Fotografen Gert Weigelt. Auf ganz eigene Art regt die Kombination zum Verständnis der Tanzkunst an und lässt gleichzeitig das Schaffen Martin Schläpfers für das Ballett am Rhein Revue passieren.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Münster, Museum Pablo Picasso, Simply the Best – Ausstellung, IOCO Aktuell, 04.06.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

 Simply the Best  –  Ausstellung – Picasso-Museum Münster  

– Eine Konkurrenz der Künstlerfürsten –

von Hanns Butterhof

Das zwanzigjährige Bestehen des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster gibt berechtigten Anlass, auf seine Sammlungsgeschichte zurückzublicken und mit seiner Ausstellung Simply the Best – Neuerwerbungen aus zwanzig Jahren seine Schatzkammer der Öffentlichkeit zu präsentieren. Bis zum 6. September zeigt es die nach eigener Einschätzung bedeutendsten und schönsten hauseigenen Werke von Pablo Picasso, Georges Braque, Marc Chagall und Henri Matisse. Die vier Künstlerfürsten der Moderne stehen bei aller gegenseitiger Achtung mehr für Eigenständigkeit und Konkurrenz als für beziehungsreich dialogisches Miteinander.

Die rund 150 Exponate sind, dem Ursprung des Museums entsprechend, hauptsächlich Grafiken; bis September 2010 hieß das Museum noch Grafikmuseum und basierte auf einer über 700 Lithographien umfassenden Stiftung des Lengericher Sammlers Gert Huizinga mit dem Schwerpunkt Pablo Picasso (1881 – 1973).

Museum Pablo Picasso Münster / Museumsdirektor Markus Müller präsentiert Werke von Picasso @ Anne Engelhardt

Museum Pablo Picasso Münster / Museumsdirektor Markus Müller präsentiert Werke von Picasso @ Anne Engelhardt

Diesem Jahrhundertkünstler ist in der Ausstellung Simply the Best der erste Stock des Museums mit großformatigen Lithographien und farbkräftigen Linolschnitten gewidmet. Aus der Bilderfolge von hundert Grafiken aus den Jahren 1930 bis 1937, die nach dem Pariser Verleger und Kunsthändler Ambroise Vollard benannt ist, fesseln unterschiedliche Themen wie Künstler und Modell, Griechische Mythen oder Portraits. Picasso zeigt sich hier wie bei Studien zur Ikone gewordenen Friedenstaube oder zu Stierkämpfe anpreisenden Plakaten als ebenso technisch vielseitiger wie stilistisch beständig auf dem Sprung befindlicher Künstler. Selbst vor der Verbindung klassizistischer Stil-Tendenzen mit surrealen Gestaltungen scheut er nicht zurück.  Museumsdirektor Markus Müller charakterisiert ihn nachgerade als „Spezialist für Zweit- und Drittverwertung“, wenn Picasso Motive aus einem Medium in ein anderes, von einem Stil in den nächsten überträgt, ohne dabei an Qualität und Charakteristik einzubüßen.

Ruhiger geht es mit Georges Braque (1882 – 1963) weiter, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit Picasso als Erfinder des Kubismus die Kunstwelt revolutionierte. Braque zeigt sich in seinen meist farbigen Grafiken im zweiten Stock als behutsamer Reformer und Verwandler vormals kubistischer Gestaltungsmuster. Bei aller Variation hält er an reduzierten Grundformen beharrlich fest; seine Bildarchitektur ist meist nur von wenigen Objekten wie Teekanne und Zitrone bestimmt; am einprägsamsten ist der auf seine Silhouette reduzierte Vogel im Flug.

Von Henri Matisse (1869 – 1954) gefallen neben seinen in klaren, dekorativen Linien ausgeführten Portraits vor allem die als Schablonendrucke ausgeführten Illustrationen zu dem Malerbuch „Jazz“ von 1947, in denen er die Zirkuswelt und ihre Akrobaten darstellt. Darunter ist auch der Ikarus, der bei seiner Karriere zur harmlosen Postkarten-Berühmtheit einiges von seiner geschichtlichen Bedeutung eingebüßt hat. Inspiriert ist er durch nächtliche Fliegerangriffe und den Beschuss von Fallschirmspringern im Zweiten Weltkrieg. Dagegen enttäuschen Matisses zahme Frauenakte mit ihrer fast ausnahmslos uninspirierten Strichführung, für die der ehemalige Fauvist den exotischen Reiz von Haremsdamen bemüht.

Museum Pablo Picasso Münster / Henri Matisse, Ikarus 1947, Schablonendruck @ Succession Henri Matisse, VG Bild-Kunst Bonn 2020 / Picassomuseum

Museum Pablo Picasso Münster / Henri Matisse, Ikarus 1947, Schablonendruck @ Succession Henri Matisse, VG Bild-Kunst Bonn 2020 / Picassomuseum

Marc Chagall (1890 – 1985), von dem das Museum 137 Grafiken besitzt, ist neben Stadtansichten von Paris mit für ihn charakteristischen, Reales und Traumhaftes vermischenden und technisch bestechenden Illustrationen zur Bibel vertreten. In dem 1956 abgeschlossenen Zyklus, den Chagall als sein graphisches Meisterwerk betrachtete, bringt er auf unaufdringlich deutliche Weise durch Spiel mit dem Licht das Verhältnis von Mensch und Gott zum Ausdruck. Vor allem hierbei lohnen sich Innehalten und geduldiges Hinschauen.

Ihrem Anlass gemäß zeigt die Ausstellung Simply the Best, zwar nichts Neues, aber was sie zeigt, ist immer einen Besuch wert. Fotos von David Douglas Duncan (1916 – 2018) lassen Pablo Picasso noch als begnadeten Selbstdarsteller erleben;  ein Schelm, wer denkt, simply the best sei er.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, 48134 Münster, Picassoplatz 1, Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet,  Eintritt: 10,00 €, ermäßigt 8,00 €

Coronabedingt sind die Besucherzahlen begrenzt, private und öffentliche Führungen sind möglich. Es wird empfohlen, für aktuelle Informationen die Webseite des Museums www.kunstmuseum-picasso-muenster.de   aufzurufen.

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, LWL Museum Kunst und Kultur, Norbert Tadeusz – figurativer Maler der Gegenwart, IOCO Aktuell, 19.05.2020

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

Landesmuseum Münster / Vorletztes Palio, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz. c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Nic Tenwiggenhorn

LWL Museum Kunst und Kultur

Norbert Tadeusz – figurativer  Maler der Gegenwart – LWL  Münster

– Mit dem Charme von 70er Jahre Pornos –

von Hanns Butterhof

Mit Norbert Tadeusz (1940 bis 2011) stellt kurz nach dem Kunst-Palast Düsseldorf das LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster einen der wenigen figurativen Maler seiner Generation aus. Bekannt ist er durch meist großformatige Bilder, die unter dem Stichwort „provozierend“ den etwas schmuddeligen Charme früher Porno-Fotos versprühen. In sechs Sälen ermöglicht das Landesmuseum mit 66 farbkräftigen Gemälden einen etwas breiteren Blick auf das Werk Norbert Tadeusz‘, ohne ihm dabei spektakuläre Brisanz abzugewinnen.

Im Entree zur Ausstellung läuft der Besucher frontal auf das Gemälde  „Hände“ (2008) von Norbert Tadeusz zu. Es zeigt zwei Hände, die jeweils einen abgetrennten Hühnerkopf wie Handpuppen halten, die aufeinander einreden. Man kann es als kritischen Kommentar zum Kunstbetrieb um seinen Lehrer Josef Beuys, wo die Begriffsarbeit im Vordergrund stand, oder am aufgeblasenen Kuratoren-Kunstsprech verstehen, von dem sich Tadeusz ausdrücklich dadurch distanzierte, dass er sich nicht als Künstler, sondern als Maler definiert hat.

Schon bei diesem Gemälde fällt ein eigenwilliger Umgang mit dem Hintergrund auf. Er wirkt irritierend zufällig, irgendwie zwischen kaltem Schlachthaus und Dusche changierend. Auf die Hintergründe der Bilder zu achten kann während des gesamten Durchgangs durch die Ausstellung eine aufschlussreiche Perspektive abgeben, die von dem Unbehagen am Raum genährt wird.

Neben den „Händen“ befinden sich in zwei Vitrinen frühe Kleinplastiken Norbert Tadeusz‘ aus den 60er Jahren. Darunter sind Frauenfiguren in eindeutigen Posen, die ans Artistische grenzen und schon früh die thematischen Obsessionen des Künstlers  aufweisen: Frauenakte,  Artisten, Verdrehungen.

Mueumsdirektor Dr. Hermann Arnhold stellt Norbert Tadeusz vor
youtube Trailer LWL Landesmuseum Münster
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Auf den ersten Blick völlig unbedeutend erscheinende Exponate in der gleichen Vitrine, Bleiabgüsse von Wegwerfartikeln wie Pappschächtelchen oder Verpackungen von eingeschweißten Lebensmitteln, zeigen bereits früh die grundsätzliche Haltung  Tadeusz‘ zur Welt. Durch ihre Bemalung sind die Abgüsse von ihren Vorlagen nicht zu unterscheiden. Hier manifestiert sich eine Fetischisierung des Objekts, ein objektivierendes Wiedergeben des Vorhandenen, ohne ihm einen weiteren Sinn als seine Gegenständlichkeit zuzusprechen. Diese Haltung in ihrer Absolutheit durchzieht die gesamte Ausstellung.

Selbst in Bildern, die wie etwa „Neon“ (1979) in ihrer Abstraktheit an Ellsworth Kelly erinnern, handelt es sich um die realistische Wiedergabe der Deckenbeleuchtung einer Szene-Kneipe. Und seinen eigenen Charakter bewahrt Tadeusz selbst dann, wenn er, etwa mit den verdrehten Artisten-Figuren in „Drei“ (2005) an Francis Bacon, mit den Schlachttieren in „Carcasse. Florenz. Pistoia“ (1983) an Chaim Soutine oder im „Akt mit Lampe“ (1968) an Edward Hopper erinnert.

Anna Luisa Walter beschreibt das Venus-Motiv von Tadeusz und mehr
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Selten stiehlt sich Humor ins Bild, etwa, wenn Tadeusz im Groß-Format ca. 3 x 6 Meter „Valentano“ abmalt, eine Industriebaustelle, die mit ihren unfertigen Pfeilern aussieht wie eine antike Tempelanlage: „Valentano“ ist die riesige Karikatur einer Postkarte.

Zumeist bleibt es bei der schieren Gegenständlichkeit. Das betrifft die blaugrünen „Swimmingpool“-Bilder aus den 1992er und 1993er Jahren ebenso wie die nahezu altmeisterlich gemalten Pferderennen-Bilder Vorletztes Palio“ (2001) und Cavalli 3“ (1995), durch die deutlich die Fotos des traditionellen Pferderennens im italienischen Siena durchscheinen, die ihnen als Vorlage gedient haben. Sie wirken, als seien sie collagiert wie auch die Großformate „Das große Ei“ (1985) und „Gelbes Atelier“, (1985), auf denen sich noch einmal alle Obsessionen Norbert Tadeusz‘ versammeln: nackte, verdrehte Artisten, Schlachtstücke und ihre Sexualität ausstellende Frauen.

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Landesmuseum Münster / Akt auf Flügel I, Estate Norbert Tadeusz/Petra Lemmerz, c VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto:Christoph Münstermann

Dass kein Bild eine Geschichte erzählt, dass für  Norbert Tadeusz alles zum nahezu gleichwertigen Objekt wird, zeigt sich besonders schön am „Sakral-Raum mit Flieger“ (1971). Auf einem weißen Küchenstuhl, über dessen Lehne noch eine halb verdeckte Jacke hängt, hält sich eine nackte Frauenfigur mit kreuzförmig ausgestreckten Armen die aufgeschlitzte Strumpfhose vom Leibe, die sie eben noch halb verhüllt hatte, und stellt sich so dem voyeuristischen Blick. Wie auf schmuddeligen Porno-Fotos der siebziger Jahre, auf denen hemmungslos das private Interieur des Fotografen, weil für den Zweck des Fotos völlig unbedeutend, mit im Bild war, bildet eine Wand mit dunklen Fenstern und eine Reihe Heizungsrippen den Hintergrund. Tadeusz‘ Fetischisierung des Objekts ergreift auch die Figur, die in seiner Sicht so die gleiche Wertigkeit erhält wie die sie umgebende Welt.  Anerkennung und Entwertung berühren sich, in der Vergegenständlichung des Menschen und der Vermenschlichung der Gegenstände, die der Frauenakt “Bügeleisen“ (1967) schon im Titel zum Ausdruck bringt, und nicht zuletzt im Verhältnis von Figur und Hintergrund.

Es ist löblich, dass das Westfälische Landesmuseum an Norbert Tadeusz als einen westfälischen Künstler erinnert: Der 1940 in Dortmund Geborene lehrte auch in Münster, von 1973 bis 1988 an der dortigen Abteilung der Kunstakademie Düsseldorf. Es ist kunstgeschichtlich interessant, ihn als gegenständlich malende Ausnahme gegenüber seinen eher minimalistischen akademischen Generationsgenossen zu präsentieren. Und natürlich besetzt auch die Selbstdefinition Tadeusz‘ als „nur Maler“ eine Position im kunsttheoretischen Diskurs, wenn auch keine von spektakulärer Brillianz.

Die Ausstellung Norbert Tadeusz zeigt, dass es ästhetisch schwerlich genügt, nur Maler zu sein.

Die Ausstellung – Norbert Tadeusz  ist bis 2.8.2020 im LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster, Domplatz 10, 48143 Münster zu sehen.  Eintritt: 9.00 €, reduziert 4,50 €,  Besucherservice: +49 251 5907 210,,  e-mail: museumkunstkultur@lwl.org

Öffnungszeiten: Di – So 10.00 bis 18.00 Uhr, jeden 2. Freitag im Monat, 10.00 – 24.00 Uhr, ab 18.00 Uhr freier Eintritt.

Der im Verlag Kettler erschienene, mit 141 Seiten umfänglich bebilderte Katalog Norbert Tadeusz kostet 24,90 €. Coronabedingt sind bis auf weiteres nur 180 Personen im Museum zugelassen, in der Ausstellung nur gegen 30,  etwa 4 Personen pro Raum.

HINWEIS:  Das Tanztheater Münster und das LWL-Museum für Kunst und Kultur arbeiten anlässlich der Ausstellung Norbert Tadeusz (bis 2.8.) zusammen. Dafür treten die Tänzerinnen des Theaters vor der Kamera in einen Dialog mit Tadeusz‘ Werken. Der Film wird der Öffentlichkeit am Mittwoch (3.6.2020) um 19 Uhr über die digitalen Museumskanäle auf YouTube, Facebook und Instagram online präsentiert.

 

—| ioco-art LWL Museum Kunst und Kultur |—

Münster, Pablo Picasso Museum, Beauty is A Line, IOCO Ausstellungen, 05.02.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

Beauty Is A Line  –  Ausstellung

„Von der Farbe über die Linie ins Nichts“  –  Picassomuseum Münster und Rijksmuseum Twenthe in Enschede gehen der Linie nach

von Hanns Butterhof

Am Anfang stand der Wunsch des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster und des Rijksmuseums Twenthe in Enschede, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt durchzuführen. Die  Suche nach einem von beiden Museen ausfüllbaren Thema mündete in die Entscheidung, die Linie als Gestaltungsmittel in der Kunst der Moderne ins Zentrum der Ausstellung zu stellen, die nun in beiden Häusern unter dem gemeinsamen Titel Beauty Is A Line zu sehen ist. Münster hebt den Aspekt „Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ hervor,  Enschede den von „Picasso & Matisse“. Nach Ansicht von Markus Müller, Direktor des Picassomuseums, ist der Besucher nur eines Teils der Doppelausstellung am Ende nicht vollständig über die Bedeutung der Linie in der modernen Kunst informiert.

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Die wesentlich schöpferische Leistung der Kuratoren besteht in der Unterscheidung von fünf Linien-Typen, nach denen der Parcours der Ausstellung wie der Katalog zu ihr gegliedert sind. So führt der erste Saal zum Jugendstil, dem die „dekorative Linie“ zugesprochen wird. Besonders prominent steht dafür ein dreiteiliger Paravant „Bloemenkonigin“ von Carel Wirtz von 1902 aus Teakholz und bestickter Seide. Neben Werbe-Plakaten von Henry van de Velde, Johan Thorn Prikker und anderen findet sich dort auch das Plakat Jan Toorops von 1894, das für „Delftsche Slaolie“ warb und der ganzen Richtung in den Niederlanden den Spottnamen „Salatöl-Stil“ einbrachte.

Im folgenden Raum geht es um die „expressiv-gestische Linie“ von Künstlern der Nachkriegs-Avantgarde. Stehen bei Ernst Wilhelm Nays „Orange und Schiefergrau“ von 1953 oder Theo Wolvecamps „Komposition B 3“ von 1949 die Linien noch in Konkurrenz zu den Farben, so ändert sich das bei dem herausgehoben im Hauptsaal zentral positionierten Cy Twombly. Vor allem auf seinen in den Sechzigerjahren entstandenen Blackboards „Untitled“ von 1966 und „Untitled“ von 1969 dominieren die wie mit Kreide auf schwarze Schiefertafeln aufgetragenen schwungvollen Linien. Ein amerikanischer Kritiker bemerkte, sie wirkten wie die lustlosen Übungen eines Schülers, der als Strafe wiederholt „ich darf in der Klasse nicht tuscheln“ schreiben muss. Das allerdings mutet den Werken, die sich selbst genug sind, schon ein Zuviel als Sinn zu, dem sie sich doch hermetisch verweigern.

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Die Radikalisierung solcher Verweigerung leistet die „konstruktive Linie“, die der nächste Raum präsentiert. Bei ihr zieht sich der Künstler möglichst vollständig aus dem Kunstwerk zugunsten von objektiven Verfahren zurück. Beispielhaft stehen dafür die Künstler von de Stijl, etwa Bart van der LecksKomposition Nr.8″ von 1927, die sehr an Kompositionen Piet Mondriaans erinnert, von dem ein kleines dreidimensionales Werk zu sehen ist. Die „konstruktive Linie“ gipfelt jedoch in der Minimal bzw. Conceptual Art. Ihr Theoretiker Sol LeWitt, von dem mehrere dreidimensionale, repetitive Werke wie die „Five Part Variations with Hidden Cubes“ von 1968 oder Konstruktionszeichnungen wie der „Incomplete Open Cube 10/4“ von 1974 zu sehen sind, geht dabei so weit, die Idee, das gedankliche Konstrukt, noch vor seiner Realisierung zum Kunstwerk zu erklären. Damit verabschiedet sich allerdings auch die Linie tendenziell aus der Kunst ins Nichts.

Von Gerhard Richter finden sich, womit er im Münsteraner Ausstellungstitel gerechtfertigt ist, spielerisch ironische Objekte und Photographien zu den „unmöglichen Figuren“ M.C. Eschers. Der „Konturlinie“ sowie der „expressiven Linie“ widmet sich näher das  Rijksmuseum Twenthe in Enschede. Die Ausstellung Beauty Is A Line enthält sich weitgehend auch im Katalog einer Erörterung oder gar Wertung des Verhältnisses von Linie und Farbe in der Kunst. Sie dokumentiert jedoch ausführlich die Aufwertung der Linie durch die Moderne.

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

In einer parallelen Ausstellung „Von Bonnard bis Picasso – Die Bücher des Monsieur Vollard“ zeigt das Picassomuseum mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso, Georges Braque und anderen Künstlerfreunden des Verlegers Ambroise Vollard (1865 – 1939) die schönsten Malerbücher aus der im Hause beheimateten Sammlung Classen. Vollard, ein entschiedener Förderer der Künstlergruppe Nabis um  Pierre Bonnard und Maurice Denis, regte viele Künstler zu vielen heute als klassisch geltenden Malerbüchern an wie dem in der Ausstellung auch gezeigten „Parallèlement“ von Paul Verlaine, das 1900 mit Lithographien von  Pierre Bonnard erschien und als erstes Malerbuch überhaupt gilt.

Der umfangreich bebilderte Katalog „Beauty Is A Line  –  Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ mit Beiträgen von Josien Beltman, Alexander Gaude, Paul Knolle, Markus Müller, Arnoud Odding und Thijs de Raedt umfasst etwa 100 Seiten, ist im Verlag Waanders erschienen und kostet im Museum 21,95 €.

Beide Ausstellungen sind bis zum 24.5. im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr., Eintritt 10,00 €, ermäßigt 8,00 €.

Kontakt: info@picassomuseum.de, É 0251-41447-10

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