Osnabrück, Theater am Domhof, Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque, IOCO Kritik, 25.09.2020

September 26, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Nacht von Lissabon  –   zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque

– Innenansicht eines Flüchtlings –

von Hanns Butterhof

Der Westfälische Frieden, der 1648 in den Osnabrücker und Münsteraner Rathäusern den Dreißigjährigen Krieg beendete, ist das herausragende Ereignis der Stadtgeschichte. Osnabrück identifiziert sich damit heute als „Friedensstadt“ mit dem Auftrag, sich friedenspolitisch nach außen und innerhalb der Stadtgesellschaft zu engagieren. Diesem Auftrag kommt es unter vielem anderen mit der besonderen Pflege der Erinnerung an Erich Maria Remarque nach, der am 22. 6. 1898 in Osnabrück geboren wurde und am 25.9. 1970 in Locarno starb; mit seinem Anti-Kriegs-Roman Im Westen nichts Neues von 1929 erzielte er einen Welterfolg.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
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Auch das Theater Osnabrück und vor allem sein Schauspiel verstehen sich ausdrücklich als politisch in diesem Sinn und setzen sich mit Remarques Leben und Werk auseinander. So beginnt die neue Spielzeit im Theater am Domhof mit Die Nacht von Lissabon, Erich Maria Remarques Exilanten-Roman von 1962. Der regieführende Schauspieldirektor Dominique Schnizer hat eine Theaterfassung erarbeitet, die auf die Erzählperspektive und die turbulenten äußeren Geschehnisse der erzählten Nacht verzichtet, aber mit den Videos von Christoph Otto einen fesselnden Einblick in das Innenleben eines Flüchtlings erlaubt.

Das Stück ist mit einem Schauspieler auf der Bühne und allen weiteren Figuren nur auf eingespielten Videos absolut coronatauglich. Es spielt größtenteils in einem Container (Bühne und Kostüme: Christin Treunert), aus dessen Ecke ein Mann (Thomas Kienast), umgeben von einem Rucksack, einem Paar Stiefel und Essgeschirr, in videogestützten Rückblicken seine Geschichte erzählt.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier :  Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier : Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Es ist die Geschichte eines Deutschen, der 1933 aufgrund einer Denunziation ins KZ kam und nach seiner Entlassung 1934 in die Schweiz emigrierte. 1939 kommt er mit den Papieren eines Österreichers, der sich im Exil umgebracht hatte, als Josef Schwarz in seine Heimatstadt Osnabrück und zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) zurück. Gemeinsam fliehen sie über die Schweiz nach Frankreich, wo sie eine glückliche Zeit zusammen verleben, Nach Kriegsbeginn 1939 werden dort beide als feindliche Ausländer interniert. Doch ihnen gelingt die Flucht über Spanien bis nach Lissabon, wo seine Frau am Tag vor der Überfahrt nach Amerika stirbt.

Thomas Kienast ist ein fesselnder Berichterstatter, dem überzeugend die verschiedensten, auch jäh wechselnden Gemütszustände gelingen, von zynischer Verzweiflung bis zu liebevollen Erinnerungen an die Glücksmomente mit seiner Frau. Sie ist nur in den Videos der Erinnerung präsent, aber Monika Vivell verleiht Helen die wohl interessanteste Statur im Stück. Trotz ihrer schließlich tödlichen Krebserkrankung ist sie unbedingt lebensvoll, sogar der Flucht kann sie Abenteuercharakter abgewinnen.

Dagegen bleibt die Figur des Josef Schwarz blass. Weder wird der Grund der Denunziation noch der seines Exils ausgeführt, seine gesamte Gesinnung bleibt im Dunklen, wodurch er auf den Flüchtling an sich reduziert wird, dem unbedingtes Wohlwollen zukommt. Es sind die Videos Christoph Ottos, die mit schnellen Schnitten die traumatischen Flashbacks oder die Zeit des gemeinsamen Glücks vor Augen führen und dem Publikum effektvoll das Innenleben Josef Schwarz‘ zeigen.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Bedauerlich sind die ungenauen Versuche einer Identifikation des Damals mit dem Heute. Funktionslose Videoeinspielungen der fiktiven Originalschauplätze Lissabon, Paris und Osnabrück, vor allem die oberflächliche Identifikation des Osnabrücker Publikums über einen Osnabrücker Protagonisten mit leibhaftigen Flüchtlingen, die im Abspann aus einem Erstaufnahmelager in der Nähe von Osnabrück zu Wort kommen, zeigen eine fatale Neigung der Regie zu erzwungener Unmittelbarkeit. Um des direkten politischen Zugriffs willen wird das Publikum entmündigt und die Aussage des Stücks unnötig plakativ auf die der Regie verengt.

Langanhaltender Beifall des coronabedingt ausgedünnten Publikums für Thomas Kienast nach einer langen Pause der Betroffenheit am Ende des Stücks, zustimmender Applaus für die Migranten. Sie scheinen am Ziel ihrer Flucht angekommen, einem Ziel, das Joseph Schwarz nach dem Tod seiner Frau dafür aufgegeben hat, in der Nacht von Lissabon seine Geschichte erzählen zu können.

Die Nacht von Lissabon am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine: 16.,17. und 18.10.2020, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof;  Karten auch unter: karten@theater-osnabrueck.de oder 0541-7600076

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Paris, Théàtre des Champs-Élysées, Der Messias – Georg F. Händel – Wolfgang A. Mozart 26.09.2020

THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES © Hartl Meyer

THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES © Hartl Meyer

Théâtre des Champs-Élysées

DER MESSIAS –   Georg Friedrich Händel / Wolfgang Amadeus Mozart

Die Heilsbotschaft mit Weltuntergangsstimmung

von Peter M. Peters

Ein religiöser Mensch in der Zeit des Covid 19-Trauma sieht wahrscheinlich den Virus auch schon als Untergangsbotschaft. Heute Abend hier im Théâtre des Champs-Élysées waren wir nur einfach überglücklich endlich wieder ein Theater zu betreten und in Kultur zu schwelgen. Nach vielen Wochen des Schweigens eine kleine Kostprobe menschlichen Streben und Können, die jedoch verdunkelt wurde von einem mehr als leeren Saal und einer Besucherschar mit Masken verdeckten Gesichtern. Diese traurige Atmosphäre hat doch schon einen gewaltigen bitteren Nachgeschmack. Aber die Wahl des Werkes war sehr eindrucksvoll und wahrheitsgebunden: Der von Mozart überarbeitete The Messie von Händel brachte die richtige Stimmung für eine Saison-Eröffnung unter dem Zeichen einer weltweiten Epidemie.

Der Messias – Georg Friedrich Händel – Wolfgang A Mozart
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Ein energiegeladener Marmorblock

The Messie von George Friedrich Händel (1685-1759) hatte am 12. Februar 1742 in Dublin / Irland in englischer Sprache Premiere. Das Libretto in drei Partien ist von Charles Jennens (1700-1773) und bezieht sich auf den Text des alten und neuen Testament (1. Präfiguration und Krippenanbetung / 2. Leidenspassion und Tod / 3. Auferstehung und Glaubensverkündigung) und zeigt die Auferstehung eines Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, denn fünf Jahre zuvor am 13. April 1737 war Händel aus Überarbeitung zusammengebrochen, Opfer eines schweren Herzanfall. Seine Anbeter befürchteten, dass er sich nicht mehr erheben würde und seine Rivalen beteten für seinen Tod. Dieser Zusammenbruch unterbrach eine energiegeladene Karriere ohne Gleichen. Drei Jahrzehnte lang befand sich der Importeur der italienischen Oper in London im Zentrum der politischen Wirbelstürme, aufgeteilt zwischen rivalisierenden Clans, die die lyrische Kunst für ihre Intrigen verwendeten. Fast dreißig Opern stammen aus seiner Feder, aber die Hälfte ist schon zu seinen Lebzeiten in Vergessenheit gefallen. Jetzt war er ein korpulenter Bürger und saß auf seiner Orgel, umgeben mit einem Heiligenschein aus Schinken und Biertöpfen, wie er an der Schwelle seiner sechzig Jahre karikiert wurde.

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Aber diese Art von Mensch gibt niemals auf. Händel, der im April 1737 für tot erklärt wurde, gewinnt nach einer intensiven Heilung in den Dampfbädern von Aachen alle seine Fähigkeiten zurück. Im Oktober kehrte er nach London zurück und komponiert Faramondo HWV 39 (1738), dann Israel in Ägypten HWV 54 (1739) und Saul HWV 53 (1739), während er die Veröffentlichung der Sechs Konzerte für Orgel op.4 HWV 289-294 (1738) und Zwölf neue Concerti Grossi op.6 HWV 319-330 (1741) vorbereitete. Die italienische Oper ist in ihren letzten Atemzügen, jedoch der Unternehmer liefert und komponiert weiterhin: Imeneo HWV 41 (1740) und Deidamia HWV 42 (1741). Neuer Misserfolg! Egal was auch passiert, das Beste kommt noch. 1741, entwirft und komponiert er in einem großen Wurf The Messie, wie aus einer Autogrammpartitur hervorgeht, die in der British Library aufbewahrt wird. Das ist auch das Jahr des ebenso schillernden Samson HWV 57 (1741).

Von der Londoner Mode gekreuzigt, wird der alte Sachse in Dublin wiederbelebt. The Messie wurde dort unter einem anderen sozialen Kontext geboren. Wenn der Komponist von Giulio Cesare HWV 17 (1724) bisher die egozentrischen Tugenden der Aristokratie gepriesen hatte, beachtsichtigte er hier sein Opus der neuen freien Bürgerschaft zu widmen. Die pompöse Kunst, die von Johann Christoph Pepusch (1667-1752) / John Gay (1685-1732) mit viel geistreichem Witz sehr böse in ihrer The Beggar’s Opera (1728) karikiert wurde, will nun ein anderes Publikum erreichen, wie der Artikel im Dublin Journal hinweist. Hier heißt es: „Ein Konzert wird für die Insassen mehrerer Gefängnisse und für die Unterstützung des Mercer’s Hospital in der Stephens Street sowie der Wohltätigkeitsstation des Inn’s Quay veranstaltet. Desgleichen wird am Montag, dem 12.April im Musiksaal der Fishamble Street das neue Oratorium von Mr. Haendel unter der Beteiligung der Chöre der beiden Kathedralen aufgeführt. Auch wird Mr. Haendel mehrere seiner Orgelkonzerte selbst spielen“

The Messie markiert den Beginn einer neuen Karriere, die dem Oratorium gewidmet ist, einer eher gemeinschaftlichen Gattung mit seinen Chören, dessen Geschichten, die als Predigen in Musik behandelt werden und für ein neues Publikum von jüdischen und protestantischen Händlern besser zugänglich war. Man identifiziert sich leicht mit der liebenswerten Theodora HWV 68 (1750) oder Susannah HWV 66 (1749). Man hält fest an den heiligen Revolten von Joshua HWV 64 (1748) und Judas Maccabaeus HWV 63 (1747). Von allen wird der großzügige The Messias dem Komponisten am liebsten bleiben. Ab 1750 war die Aufführung nur noch für Wohltätigkeitskonzerte vorgesehen. Nachdem er blind geworden ist, wird er seinem Willen treu bleiben und das Aufführungsrecht des The Messie nur noch gemeinnützigen Einrichtungen vorbehalten, z.B. für das Waisenhaus – das Foundling Hospital. Acht Tage vor seinem Tod dirigierte Georg Friedrich Händel das letzte Mal sein Lieblingsoratorium.

 Georg Friedrich Händel - in Westminster Abbey© IOCO

Georg Friedrich Händel – in Westminster Abbey© IOCO

Das englische Volk oder vielmehr die Völker waren ihm dankbar und nach dem Pluralgebrauch, den die Barockzeit von diesem Begriff machte, war auch er ihnen dankbar. Durch seine Oratorien hat sich Händel definitiv in die englische Landschaft eingeschrieben und sie für immer markiert. 1743 hatten ihm seine Freunde bereits ein Standbild in den Gärten von Vauxhall errichtet, das war eine außerordentliche Ehrung an noch einem lebendigen adoptierten Engländer. Das englische Königsreich wird noch mehr tun, indem sie ihm ein reiches Grabmal in Westminster Abbey (Foto oben) errichten, der britischen Ruhmeshalle.

Der Messias – staged by Robert Wilson
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One touch of Mozart

Als außergewöhnliches Importprodukt wurde Händel nach seinem Tod von aufgeklärten Amateuren exportiert, wie z.B. der Baron Gottfried von Swieten (1733-1803), der eine wesentliche Figur im Wiener Kunstleben war. Der Baron, Sohn des Arztes der Kaiserin Marie Therese von Habsburg (1717-1780), war für die Bibliothek des Hofes verantwortlich. In London, in Berlin hat dieser leidenschaftliche Gönner zahlreiche Partituren erworben. 1786 gründete er die Musikvereinigung der , eine Akademie aus Mitgliedern des Wiener Adels, die sich der Interpretation von Chorwerken alter Meister wie Antonio Caldara (1670-1736) und Johann Sebastian Bach (1685-1750) widmeten. Unter seiner Leitung wird Joseph Haydn (1732-1809) seine Die Schöpfung Hob.XXI:2 (1798) komponieren und Ludwig van Beethoven (1770-1827) wird Das Wohltemperierte Klavier BWV 846-893 (1722-1750) spielen.

1788 ernannte der aufgeklärte Aristokrat Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) zum musikalischen Leiter des Vereins. Dieser hat Zugang zu den Schätzen der kaiserlichen Bibliothek. Er wird mit viel Freuden vier Werke von Händel aussuchen und sie für den Wiener Zeitgeschmack neu zu beleben, indem er die Partituren teilweise umkomponiert, ohne jedoch das händelsche Werk zu verfälschen: Alexander’s Feast HWV 75 (1736), Acis and Galatea HWV 49 (1718), Ode for St .Cecilia’s Day HWV 76 (1739) und The Messie. In Bezug auf letzteren hatte Mozart die Randall and Abel Edition von 1767 zu Verfügung. Ein Kopist wurde speziell damit beauftragt, eine Partitur vorzubereiten, die die ursprünglichen Instrumental- und Gesangsteile sowie die Tempi-Angaben enthält und Leerzeichen bereitstellt, damit Mozart nach eigenem Ermessen arbeiten kann.

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Das Oratorium, das bereits als alte Musik galt, wurde nach dem Geschmack des Tages wiederhergestellt. Dies war z.B. in Frankreich der Fall, als die Opern von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) an der Académie Royale wieder aufgeführt wurden. Die Worte von The Messie werden auf Deutsch von Christoph Daniel Ebeling (1741-1817) und Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) übersetzt und das Orchester spielt im Stil des Wiener Klassizismus mit seiner gedämpften Streicher- und Bläserbesetzung. Mozart produziert eine Version mit neuen Farben. Er versorgt es mit Klarinetten und Flöten, er verstärkt die Fagotten und die Hörner. Dieses Ensemble ersetzt die händelsche Orgel, die 1742 ein nüchternes Orchester aus Streichern, Oboen, Fagotten, Blechbläsern und Pauken unterstützte. Das Ergebnis bringt ein erneutes Drama hervor wie z.B. die grölende Menge in Idomeneo K. 366 (1781) oder die hieratische Religiosität von Thamos K.345/336a (1774). Mozart betont die Winkel und mildert die Übergänge. In der Neuorchestration der Arie: „Ev’ry vally…“. erblüht völlig neu das Solo der Flöte und setzt neue Akkorde in der Bass-Arie ein: „Why do the nations…“ Die Behandlung der Chöre lässt den händelschen Kontrapunkt unberührt, doch wird der Ton bei Mozart mehr erweitert und geöffnet behandelt. Lange vor seinem eigenen Requiem K.626 (1791) verfestigt Mozart mit Posaunen und Hörnern die Grundmauern von: „And he shall purify…“ Der Schatten von Don Giovanni K. 527 (1787) verfolgt die dunklen Blasinstrumente von: „Surely, he hath borne our griefs…“ Die Pifa klingt wie eine beethovensche Vor-Pastorale, auch wenn es manchmal bedeutet, die theatralischen Effekte des Originals zu beschweren, wie im Chor: „For unto us a child is born…“

Dieser neue Der Messias mit dreiviertel Händel und ein Viertel Mozart hat es verdient in den Köchel-Katalog unter diesem Titel und unter K.572 aufgenommen zu werden, um gegebenenfalls zu beweisen, dass das Genie des alten Meisters solch eine inspirierte Erhebung akzeptieren konnte. In dieser fruchtbaren Übung anhaltender Bewunderung ernährte sich Mozart von Händel. Die Orchestrierung und Dynamik seines Der Messias nehmen die schillernden Kontrapunkte von der Die Zauberflöte K.620 (1791) und die Orchesterpalette von La Clemenza di Tito K.621 (1791) voraus. Der Messias verkörpert wie in der Matthäus Passion BWV 244 (1736) von Bach in der Überarbeitung von Felix Mendelssohn (1809-1847) den anhaltenden Triumph der Kräfte des Geistes über Tod und Vergessen.

Aufführung 18.September 2020 – Théâtre des Champs-Élysées Paris

Die Idee ein Oratorium szenisch aufzuführen ist nicht neu, schon im Rom der Renaissance, sowie auch in London zur Zeit von Händel wurden teilweise Inszenierungen geboten. Aber auch in den letzten Jahren haben wir mehrere dieser Versuche selbst miterlebt. Der amerikanische Regisseur Robert Wilson hat sich in einer Gemeinschaftsproduktion mit den Salzburger Festspielen, dem Grand Théâtre de Genève und dem Théâtre des Champs-Élysées Paris an Der Messias gewagt. Wie immer, er ist kein Geschichtenerzähler und er zeigt uns in schönen Bildern mit überladener Ästhetik, mit zu viel Symbolen eine sogenannte Endstimmung. Eine Welt, die den Klimawechsel nicht ertragen kann und zugrunde gehen muss, trotz der messianischen Botschaft. Aber die Katastrophen-Bilder von Robert Wilson berühren uns nicht, denn sie zeigen keinesfalls die Ausmaße einer solchen Naturgewalt: Durch die Luft purzelnde abgehackte und verbrannte Baumstämme, schöne schillernde Feuerbrände, das schmelzende und abbröckelnde Eis oder die Atomversuche in der Antarktis, ein Engel, oder Todesengel (?) erwartet uns in einer Barke gleich dem griechischen Todesboten Caron, noch im Schlussfinal fliegt ein entwurzelter Baum durch die Luft. Was für ein Finale! Amen! All das wird wie immer auf meist blauen Hintergrund in einer überaus raffinierten Beleuchtung gezeigt. Auch die Sänger-Schauspieler zeigen in Marionetten- oder Robotbewegungen mit grellen clownhaften bemalten Gesichtern immer das gleiche Einmaleins von Mr. Wilson. Nichts neues bei Mr. Wilson! Seine Inszenierungen sind ein wohlbekanntes teures eingetragenes Markenzeichen geworden: Er hat uns überhaupt nichts mehr zu sagen.

Von der musikalischen Seite war es ein voller Erfolg, denn das Orchester Les Musiciens du Louvre (link HIER!) mit seinem langjährigen musikalischen Direktor, Marc Minkowski haben Händel und Mozart geradezu unter der Haut. Minkowski leitete seine Musiker mit viel Empfindung und Gefühl über die delikaten Klippen des händelschen Marmorblock, indem er die scharfen Ecken sehr klar in mozartischer Manier abschliff und rundete und so einen musikalischen Diamanten mit klassizistischer Dimension gestaltete. In seiner Vision hörte man hier und da die kleinen mozartischen Tüpfelchen, die uns wie ein heller Lichtblick die ganze Schönheit der Zwitterpartition offenbarten. Ein voller und verdienter Erfolg!

Der Philharmonia Chor Wien unter seinem Leiter Walter Zeh zeigte uns in idealer Weise die einzigartige Verschmelzung von zwei Musikformen, und die freundschaftliche Umarmung zweier Genies der Musikgeschichte.

Die russische Sopranistin Elena Tsallagova brachte mit ihrer kristallklaren und in allen Lagen lupenreinen Stimme eine stimmungsvolle Interpretation und wurde dem Engel mehr als gerecht. Die Sängerin kommt aus dem Atelier Lyrique de l’Opéra de Paris und hat inzwischen eine große Weltkarriere hinter sich. Wir kennen sie aus ihrem Beginn in Rollen wie z.B.: die mystische Mélisande, oder Das schlaue Füchslein hier an der Bastille Opéra.

Die Partie der Altstimme wurde von der Holländerin Helena Rasker mit viel Schönheit und Raffinesse vorgetragen. In ihrer Arie: „O du, die Wonne verkündet in Zion…“ wurde geradezu in inbrünstiger Offenbarung mit tiefsten Registern gesungen. Auch sie ist auf allen großen Bühnen der Welt zu Hause mit einem Repertoire von Händel, Mozart, Rossini über Strauss und Wagner bis hin zu Benjamin.

Der Messias – Tenor Stanislas de Barbeyrac beschreibt seine vielfältige Partie
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Der junge französische Tenor Stanislas de Barbeyrac zeigte einmal mehr, dass er zu den großen Hoffnungen in der lyrischen Branche zählt. Seine besonders an Mozart geschulte lyrische Stimme bot in allen Höhen den nötigen maskulinen Ausdruck und wirkte niemals geziert, affektiert und zeigte keinerlei fade Effekthascherei. Mit Recht fängt er eine internationale Karriere mit viel Erfolg an. Dazu hatte er als Schauspieler eine Paraderolle vom Regisseur erhalten: Als ein Stimmungsmacher oder Drahtzieher, als ein Conférencier in einem Berliner Kabarett der dreißiger Jahre steppte und tanzte er mit viel Humor durch die Bilder. Unweigerlich denkt man an Der blaue Engel oder an Cabaret. Wie schon gesagt, der Sänger bietet eine unwahrscheinlich stimmungsvolle Leistung, jedoch der Gedankengang des Robert Wilson bleibt uns verschlossen. Was macht die Person eines Emcee im Der Messias? Soll es ein Vorbote für zukünftige Rassengesetzte sein… soll es der schrullige Musikprodukteur und Komponist Händel selbst sein… oder der Messias selbst? Wir wissen es nicht!

Der aus Bolivien stammende Bass José Coca Loza war für uns eine besondere Entdeckung. Sein großes vollrundes Organ produziert wahre Stimmtönungen von unsagbarer Schönheit. In der Arie: „Blick auf! Nacht bedecket das Erdreich…“ kann er besonders eindrucksvoll seine tiefschwarze Stimme einsetzen. Seine junge Karriere führte u.a. schon an die Covent Garden London, desgleichen sang er in Zürich, Amsterdam, Barcelona, Madrid und Salzburg.

Noch zu nennen sind der griechische Tänzer Alexis Fousekis und der englische Schauspieler Max Harris die mit viel Talent den Anweisungen von Robert Wilson folgsam folgten.

—| IOCO Kritik Théatre des Champs Élysées |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 26.09.2020

September 26, 2020  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Der Kaiser von Atlantis  –  Viktor Ullmann

Harlekin, das resignierende Leben: „Dann ziehst du’s rote Kleidchen an
und fängst das Lied von vorne an“

von Albrecht Schneider

Verflucht sei das Corona Virus, drei Mal verdammt und verflucht. Vermutlich würde es sich trotz einer Drohung mit christlichem Scheiterhaufen, muslimischer Fatwa, sowjetischem Gulag und globalem profanem Cybermobbing nicht vertreiben lassen und weiterhin unbeeindruckt in das öffentliche wie private Leben eingreifen. Seinetwegen wurde die Kunst ein halbes Jahr lang in ein künstliches Koma versetzt, und erst in diesen Wochen wacht sie, von der langen Pause noch benommen, wieder auf. So hat auch die Deutsche Oper am Rhein den Vorhang neuerlich hochgezogen und die Scheinwerfer eingeschaltet, auch hier, um mit einem Dichter zu sprechen, hebt endlich die Welt wieder zu singen an.

Am Anfang des Berichtes von einer öffentlichen musikalischen Aufführung sollte in diesen Monaten der Pandemie zu lesen stehen, auf welche Weise die Intendanz der Opernhäuser bzw. Konzertsäle allen Beteiligten auf der Bühne, im Parterre und auf den Rängen den jeweiligen Vorschriften gemäß gerecht zu werden sich bemüht. Das hiesige Opernhaus bietet rund 1200 Plätze an, Zutritt haben 450 Besucher, die den gebührenden Abstand zueinander strikt wahren. Deren Gesichter erstarren hinter der obligatorischen Maskerade, überall lähmt der anmaßende Herrscher Coronavirus die Kunst und noch viel mehr die Hirne, die ihn nicht wahrhaben wollen, und die, statt Mund und Nase, sich selbst öffentlich zu Tempelhütern der Freiheit maskieren. Das wahre Theater hingegen kommt bloß vorsichtig auf die Beine, die Rheinoper nimmt den Schutz ernst, sie bietet ohne Pause und Büffet eine einstündige Oper als ein Lehrstück vom Verlust von Freiheit und Leben.

Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann
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Friedrich Nietzsche schrieb einst über seine Hassliebe Richard Wagner, dass er ihn als den „Orpheus alles heimlichen Elends“ bewundere. Den mythischen Sänger Orpheus hatten, nach seiner gescheiterten Heimholung der Gattin Eurydike aus der Unterwelt, später die berauschten Mänaden im Gefolge des Gottes Dionys grausam umgebracht. Der Komponist Viktor Ullmann, ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, wurde mit dem Werk Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung zu einem Sänger der Paranoia seiner Zeit, ehe ihn, im Herbst 1944 nach Auschwitz deportiert, dort die Nazis ermordeten.

Zu einem Verständnis dieser Kammeroper oder dieses Spiels in einem Akt und vier Bildern, das muss geradezu apodiktisch ausgesprochen werden, ist das Wissen um dessen Entstehungsgeschichte unabdingbar. Denn sollte es lediglich als ein wenngleich eigenartiges ästhetisches Objekt aufgefasst werden, das man, wie zumeist im Sessel zurückgelehnt, mehr oder minder genießen möchte, so wären diejenigen in der Tat fehl an ihren Plätzen.

Viktor Ullmann Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Viktor Ullmann Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Der Komponist Viktor Ullmann, in Böhmen des einstmaligen k.u.k. Österreichs als Sohn eines jüdischen Militärs 1898 geboren, arbeitete nach seiner musikalischen Ausbildung, u.a. als Kompositionsschüler von Arnold Schönberg, in Aussig, Prag, Zürich und Stuttgart, komponierte Opern, Chorwerke, Kammer- und Klaviermusik, Werke, von denen aufgrund seines Schicksals nicht wenige verlorengingen. Mit Hitlers Kanzlerschaft floh er nach Prag, wirkte dort als Journalist und Musiklehrer, komponierte weiter, bis ihn die Nazis 1942 verhafteten und ins KZL Theresienstadt sperrten, das sie vorzugsweise als Zwischenaufenthalt vor dem Weitertransport in die großen Vernichtungslager angelegt hatten. Zudem sollte es als „Vorzeigelager“ herhalten, in dem berühmte und ältere Juden, das wurde ihnen vorgegaukelt, ein angenehmes „Zuhause“ finden würden. Erinnert sei an den seinerzeit dort gedrehten infamen Propagandafilm: DER FÜHRER SCHENKT DEN JUDEN EINE STADT.

Was die Gewalthaber mit Theresienstadt inszenierten, war nichts als ein gewaltiges Blendwerk für die internationale Öffentlichkeit, denn letztlich unterschieden sich dessen Zustände, was Entbehrung und Grausamkeit anbetraf, kaum von denen der massenhaften deutschen Konzentrationslager in Europa. Zwar wurde hier wegen Überfüllung den Häftlingen zwecks Entlastung der Lagerleitung eine Form der Selbstverwaltung eingeräumt wie auch ein gewisser Kulturbetrieb zugebilligt, allein am Ziel der Mordmaschinisten, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“, änderte sich dadurch nicht das Mindeste.

Bildnis des Malers Felix Nussbaum - Selbstbildnis mit Judenpass - Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück

Bildnis des Malers Felix Nussbaum – Selbstbildnis mit Judenpass – Datierung: um 1943 © Museumsquartier Osnabrück

Viktor Ullmann wird im Laufe seines Aufenthaltes an diesem Ort geahnt haben, dass er sich bereits jenseits des Denkbaren befand, dass man ihn auf dem Terrain des Todes ausgesetzt hatte. Und wenn er sich schon der Gemeinschaft der ausgestoßenen Künstler anschloss, dann sollte ein Werk metaphorisch abbilden, wie Hybris, Macht und Wahnsinn sich zu Großtaten wider den Menschen verabreden, und auf welche Weise ihrer rasenden Gewalt zu begegnen wäre.

Die Textvorlage der Oper stammt zum größten Teil von dem Dichtermaler und Mithäftling Peter Kien, wahrscheinlich wirkte der Komponist daran mit. Deren exakte Historie ist nicht recherchierbar, keine endgültige Fassung liegt vor, Umschreibungen, Einschübe, Umdatierungen haften für die formale Problematik des Kaisers von Atlantis.

NB: Atlantis, die sagenhafte, im Meer versunkene Insel der Antike, wurde von den Autoren in ironisierender Absicht gewählt, weil die hirnverbrannten Rassenkundler der Nazis die Urheimat ihres Nonplusultramenschen, des blond und blauäugigen Ariers, dort verorteten.

Einem befreundeten Theresienstädter Bibliothekar, der das Lager überstand, übergab der Komponist 1944 vor seinem Abtransport nach Auschwitz das Konvolut von Deportationslisten, auf deren Rückseite das Werk notiert worden war. Er selbst musste gleich nach der Ankunft in der Gaskammer sterben. Seine Kammeroper wurde 1975 durch das Bellevue Theater in Amsterdam uraufgeführt, in Deutschland brachte sie 1985 die Staatsoper Stuttgart erstmalig auf die Bühne.

Die zwei Autoren Ullman und Kien schufen ein zeitloses poetisch-musikalisches Theater von den Mächtigen und den Machtlosen. Das ihre Gegenwart abbildende grausame, dramatische, traurige und auch komische Spiel wird getragen von exemplarischen Figuren, als da sind:

Der Kaiser von Atlantis namens Overall als der Betreiber eines Vernichtungsfeldzugs wider alle Menschen.
Der Tod als dessen bislang unentbehrlicher Komplize.
Der Lautsprecher als des Kaisers Nachrichtendienst.
Der Trommler als des Kaiser Propagandist.
Der Harlekin als das resignierende Leben.
Soldat und Bubikopf (Mädchen), zwei einfache Wesen der Gattung Mensch.

 Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis - v.l. Anke Krabbe als Mädchen, Kimberley Boettger-Soller als Trommler, David Fischer als Harlekin), Thorsten Grümbel als Lautsprecher, Luke Stoker als Tod, Sergej Khomov als Soldat © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis – v.l. Anke Krabbe als Mädchen, Kimberley Boettger-Soller als Trommler, David Fischer als Harlekin), Thorsten Grümbel als Lautsprecher, Luke Stoker als Tod, Sergej Khomov als Soldat © Hans Jörg Michel

Was geschieht in der Parabel?

Erstes Bild. Harlekin und Tod unterhalten sich. Beide hadern mit ihrem Beruf. Langweilt sich der eine, weil die Menschen nicht mehr lächeln, so sieht der andere sich zu einem Handwerker des großen Sterbens ringsum degradiert. Als sie hören müssen, wie der Trommler des Kaisers Overall den totalen Krieg ansagt, der mit dem Tod als Verbündeten den Sieg bringen soll, desertiert der Tod aus dem Amt.

Zweites Bild. Kaiser Overall betreibt sein mörderisches Geschäft. Der Lautsprecher meldet ihm, dass die Gehenkten und die gefallenen Soldaten nicht länger sterben. Overall spürt, wie seine Macht zerfällt. Nichts gelingt ihm mehr. Der Kaiser macht aus der Not eine Tugend ernennt sich selbst eilends zum Spender des ewigen Lebens an alle Soldaten.

Drittes Bild. In der Schlacht treffen Soldat und Mädchen (Bubikopf) aufeinander. Das gegenseitige Erschießen ist unmöglich, die Pistolen mithin überflüssig geworden. Zwar trommelt der Trommler zu weiterem Kampf, allein Mädchen und Soldat umarmen sich und phantasieren sich in ein wieder heiles Land.

Viertes Bild. Nachrichten des Lautsprechers von weiteren lebenden Toten. Harlekin erinnert an Kindertage, der Trommler erinnert an Overalls Taten. Der Kaiser fragt sich mit ihnen, ob er die Rechenmaschine Gottes sei, und ob in einer von ihm zerstörten Welt der Tod wohl wieder an die Arbeit gehen wird. Ist der doch nicht die Pest, vielmehr der Leidenserlöser schlechthin. Der Tod kommt und begleitet den willigen Kaiser von Atlantis hinweg. Das zurückbleibende Quartett mahnt, „den großen Namen Tod nicht eitel zu beschwören.“

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis - hier : Emmett O’Hanlon als Overall, Kaiser von Atlantis © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Der Kaiser von Atlantis – hier : Emmett O’Hanlon als Overall, Kaiser von Atlantis © Hans Jörg Michel

Das wennschon fragmentarische Libretto ist beste Literatur und ergäbe für sich genommen zwar weithin statisches, aber immer fabelhaftes Theater. Mit der Musik indessen gerät das Grausame, Besinnliche, Groteske und Zärtliche der Gespräche, Nachrichten, Befehle und der wenigen Aktivitäten noch absurder und aberwitziger, aber zugleich nachdrücklicher und beklemmender. In Düsseldorf spürt die Regisseurin (Ilaria Lanzino) alledem nach und findet für den Hall der Apparate, das Melodrama der Repräsentanten und für das Singen der Menschen beglaubigende Gesten, Bewegungen und Zeichen, wie das hinter dem bramarbasierenden Kaiser aufscheinende aufgeblasene Videoportrait seines schwarz uniformierten Oberkörpers.

Das dominierende Element der Bühne (Ermine Güner) besteht aus kunstvoll und dreidimensional miteinander verknüpften, langgezogenen, Seilen, Schnüren oder Stricken. Dem Vorstellungsvermögen bleibt anheimgestellt, sie als Schicksalsfäden, Fesselung, Verstrickung oder gar Gefängnisstäbe zu deuten. Dass mit dem eigenen fraglichen Dasein der zwei Autoren ebenso das der anderen Gefährdeten in und außerhalb Theresienstadts ihre Rollen haben und sich mittels Figuren und Szene äußern, macht die Regie nicht aufdringlich, aber eindringlich sichtbar. In kaltem Blau amtieren die beiden Herrschaftsorgane Trommler (Kimberley Boettger-Soller) und Lautsprecher (Thorsten Gümbel), in teils fadenscheiniger, teils ordentlich dunkler Berufskleidung verweigert sich der Tod (Luke Stoker) den Pflichten und zieht sich zu einer Flasche Wein zurück. Der frustrierte Harlekin (David Fischer) treibt im traditionellem Habit die letzten Possen, während Soldat (Sergej Khomov) und Mädchen (Anke Krabbe) aus der Uniform steigen und sie die blonden Locken schüttelt: das Leben hat beide wieder. Der Finsterling Overall schließlich präsentiert sich in düsterschwarzer Faschistenmontur.

Inhumanität und Infamie der Drittreichdiktatur haben der Oper Modell gestanden, sie sind in ihr so präsent wie die Schicksale von Ullmann und Kien. Deren Intention war keine laute Klage oder Anklage, ihr Werk sollte als Kunst Untat und Ungeist der Hakenkreuzler und Runenträger paraphrasieren wie zugleich denunzieren. Aber letztlich wollte es auch eine Winzigkeit Hoffnung aufschimmern lassen. Erweist sich doch der Tod entgegen seinem Leumund als Menschenfreund, dem das Ethos seines Berufs den Dienst für die Mordmaschine verbietet. Und würde er in der Tat definitiv abdanken, bedeutete das nicht das Ende der Zeiten, die Apokalypse?
Dazu kommt es nicht. Der Krieg ist aus, und mit dem Overall, dem Überall und Überalles, ist es gleichfalls aus. Das wird ihm jetzt bewusst, wenn er über die fragwürdige Zukunft sinniert. Der Tod Immerhin nimmt die Arbeit wieder auf und führt den Kaiser von Atlantis hinweg. Einsicht? Oder Suizid wie einst der Größte Führer aller Zeiten?

Regie, Szene und Licht (Thomas Diek) beschwören die stete Aura des Unheilvollen, in dem alle sprechen und sich bewegen, mal drastisch und komisch, mal lärmend und leise, miteinander heillose Existenzen. Tragödie und Komödie liegen so eng beieinander, wie Tod und Harlekin sich nahe sind. Mit konstitutiv für das in sich kreisende Spiel ist die Musik, in freier Tonalität bindet sie den Text, ihm gemäß ist ihr Gestus auffahrend, heftig, stockend, bisweilen besinnt sie sich kurz auf das Melodische. Der Komponist hat vereinzelt auf fremdes Material zurückgegriffen: Gustav Mahlers Lied von der Erde geistert durch Harlekins Gesang vom Mond, dessen Arie an den Kaiser biegt sich das Kinderlied „Schlaf Kindchen schlaf“ des Friedrich Reichardt zurecht, und zu des Trommlers Herunterbeten sämtlicher Titel des Kaisers Overall dient die entleert klingende Melodie von Joseph Haydns Kaiserquartett, die ja aufstieg zur damaligen (wie heutigen) deutschen Nationalhymne. Das dem Tod gewidmete Quartett zum Schluss trägt der dissonant gesetzte Choral:Ein feste Burg“ des Martin Luther. Genutzt wird zudem das Idiom von Tanz- und Unterhaltungsmusik. Die kleine Besetzung ist Folge der begrenzten Zahl von Instrumentalisten damals in Theresienstadt, an Ort und Stelle fand niemals eine Aufführung statt, da vermutlich zuvor SS-Chargen die Beteiligten nach und nach in die Todeslager überführen ließen.

Das Septett der Sängerinnen und Sänger mitsamt dem hiesigen Orchesterchen (Düsseldorfer Symphoniker) sind eingestimmt auf den changierenden Charakter des Stücks, in hörbarer Allegrostimmung verlebendigen sie die ingeniöse Partitur mit Verve und Gespür für deren Farben und Rhythmen. Die nach längerer Zwangspause gewiss herbeigesehnte Heimkehr auf die Bühne und in den Orchestergraben, das sei unterstellt, dürfte alle Musiker und den Dirigenten (GMD. Axel Kober) zusätzlich beflügelt haben.

Viktor Ullmanns Kaiser von Atlantis ist eine in die Kunst projizierte und von ihr verhandelte Episode aus jüngerer Zeit. Die Oper erweist sich als Dokument eines tragischen Stücks Weltgeschichte und zugleich als Menetekel, dass dergleichen sich eben nicht unbedingt als Komödie wiederholen muss.

Der Beifall des Publikums beglaubigte, wie sehr es Geist und Zeichen der perfekten Aufführung berührt haben.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Dresden, Kulturpalast, Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen, IOCO Kritik, 24.09.2020

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Staatskapelle Dresden – zum 472-jährigen Bestehen

Von der kurfürstlichen Hofkapelle zur Sächsischen Staatskapelle Dresden

von Thomas Thielemann

Am 22. September 2020 feierten die Musiker und Freunde der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast der Stadt den 472. Geburtstag des Klangkörpers.

Eigentlich könnte die Kapelle auf ein längeres Bestehen blicken, wenn nicht die konfessionellen Auseinandersetzungen eine Unterbrechung der frühen Musikkultur im sächsischen Raum zur Folge gehabt hätten. Der später erste Kapellmeister der heutigen Staatskapelle Johann Walter (1496-1570), ein Freund Martin Luthers, war bereits 1524 als Bassist und kurze Zeit später als Componist einer kurfürstlichen Hofkapelle des Johann Friedrich I. von Sachsen nachweislich tätig gewesen. Der Kurfürst und Herzog aus dem Hause der ernestinischen Wettiner, auch Friedrich der Großmütige genannt, residierte in Torgau auf dem Schloss Hartenfels, dem damaligen politischen Zentrum der Reformation. Johann Walter, der nach der Herkunft seiner Mutter auch als der Blankenmüller bekannt war, wurde der Herausgeber des ersten evangelischen Chorgesangsbuches.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und Andras Schiff © Matthias Creutziger

Eine wegen des Rüstungs-Finanzbebarfs 1526 angestrebte Auflösung der Capelle konnte durch eine Intervention Philipp Melanchtons (1497-1560) zunächst verhindert werden. Als die Hofkapelle dann trotz Gehaltsabsenkung der Musiker 1530 doch aufgelöst werden musste, wollte die Torgauer Bürgerschaft nicht auf die ihnen liebgewordene Kirchenmusik verzichten. Sie vereinte Johann Walter und einige der Musiker zur „Cantoreigesellschaft“ und stellte neben der Besoldung auch Sänger zur Verfügung. Martin Luther war über die Auflösung der Hofkapelle sehr aufgebracht und erreichte noch mit einem groben Brief, dass der Kurfürst der bürgerlichen Gesellschaft zumindest einen jährlichen Zuschuss von 100 Gulden zusagte.

In der Folge der Niederlage des Schmalkaldischer Bundes 1547 verloren die Ernestiner die Herrschaft und Kurfürst wurde Moritz von Sachsen (1521-1553) aus dem Hause der anhaltinischen Wettiner.

Als Moritz die Hochzeit seines Bruders August mit einer dänischen Prinzessin auszurüsten hatte, entschloss er sich zur Gründung einer eigenen Kapelle, die zunächst bei den Hochzeitsfeierlichkeiten wirken sollte. Die Stiftungsurkunde unterzeichnete Moritz am 22. September 1548, dem Tag, der als Geburtstag der ohne Unterbrechungen existierenden Sächsischen Staatsapelle gilt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung © Matthias Creutziger

Die neugegründete „Capelle“ musizierte erstmals am 8. Oktober 1548 unter „Johann Walters Direction“ in Torgau, siedelte dann mit dem kurfürstlichen Hofe als dessen Hofkapelle nach Dresden.

Über lange Zeit wurden die Erinnerungskonzerte an die Gründung genutzt, um an frühere komponierende kurfürstliche und staatliche Kapellmeister und Musiker mit der Wiedererweckung ihrer Werke zu erinnern. Das waren zum Teil recht interessante und des Hörens werten Begegnungen.

In den letzten Jahren wird der Termin des Geburtstagskonzertes aber verwendet, um auch den heimischen Freunden der Staatskapelle das Programm der in jedem Jahr anstehenden Europa-Tournee vorzustellen. Dabei macht es Sinn, das Konzert nicht im Semperbau mit seinen spezifischen Bedingungen zu spielen sondern stattdessen den Konzertsaal des Kulturpalastes mit seinen breiteren Möglichkeiten zu nutzen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Sir Andras Schiff © Matthias Creutziger

Geplant war eine Tournee des Orchesters mit dem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung und dem Capell-Virtuosen Sir András Schiff mit Konzerten in Antwerpen, Luxemburg, Brüssel, Wien und Bratislava. Corona-bedingt wurde aber ein Konzert nach dem anderen abgesagt, so dass letztlich nur ein zusätzlich in die Planung einbezogenes Gastkonzert in Köln stattfinden wird.

Sein Konzert für Klavier und Orchester Nr.1, d-Moll, komponierte der junge Johannes Brahms (1833-1897) zunächst für zwei Klaviere. Jahre später, 1854 begann er die Sonate für Orchester zu instrumentieren. Zunächst als Symphonie angestrebt, entstand nach zähem Ringen und unzähligen Änderungen in den Jahren bis 1859 der Koloss des ersten Klavierkonzertes.

Auf dem Podium waren um den Dirigenten Myung-Whun Chung, den Pianisten und einem Konzertflügel der Dresdner Philharmonie herum, natürlich mit dem vorgeschriebenen Zwischenraum, auf dem restlichen Teil der 220m²-Bühne etwa 60 Musiker der Staatskapelle in den gebührenden Abständen platziert. Jeder der Musiker hatte sein eigenes Notenpult.

András Schiff meisterte die hohen technischen Anforderungen ohne dabei als Virtuose glänzen zu können, aber mit der gewohnten Souveränität.
Während man das Klavier hörte, wie man es bei Brahms von vielen früheren Aufführungen gewohnt war, unterschied sich der Orchesterklang doch deutlich vom Vertrauten. Der Orchesterpart hörte sich weicher, zum Teil leicht zerfasert und vor allem etwas stumpf an. Es war zu spüren, dass den Musikern der unmittelbare Kontakt zu den Partnern fehlte, jeder bis zu einem gewissen Grade vor sich hin spielte und sich damit die Klänge nicht wie gewohnt mischten.

Über weite Strecken tauschten Solist und Orchester die Führungsrolle, indem Schiff das Orchester begleitete. Weniger problematisch erschien mir die anschließende Darbietung der 7. Symphonie d-Moll von Antonin Dvorák (1841-1904). Auch hier kam der Klang weicher als vertraut, doch etwas geschlossener, wenn auch nicht kompakt. Musiziert wurde gewohnt präzise, aber es fehlte eben das Mischen der Töne. Ich hatte den Eindruck, dass die Aufgabe des Dirigenten an Bedeutung gewonnen hat. Und da das Orchester mit seinem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung bestens vertraut ist, haben die Partner offenbar das Mögliche geboten.

Der traditionenell dem jährlichen Geburtstagskonzert folgende Empfang der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden für die Musiker ihres Orchesters wurde in diesem Jahr zum Corona-Opfer.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

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