Dresden, Semperoper, Populär: Hohe Auslastung 92%, 290.000 Besucher, IOCO Aktuell, 19.07.2018

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

SEMPEROPER DRESDEN  –  IN ZAHLEN

2017/18 – Erfolgreiche Bilanz – Hohe Auslastung

Über 300 Vorstellungen mit acht Opernpremieren, davon drei in Semper Zwei, zwei Ballettpremieren, über 34 Repertoirestücke in allen Sparten, den »Belcanto-Tagen« und dem Dresdner »Ring-Zyklus« sowie 57 Konzerten der Sächsischen Staatskapelle Dresden allein in Dresden ließen die Semperoper auch in der Saison 2017/18 zu einem Anziehungspunkt für das internationale Publikum werden.

In ihren Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte der Staatskapelle konnte die Semperoper im Vergleich zur vorhergehenden Spielzeit die Auslastung um ca. 2 Prozent auf mehr als 92 Prozent steigern. Damit verzeichnen die Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um nahezu 3 Prozent auf über 290.000 Zuschauer. Mit der Auslastung von 92% zählt die Semperoper zu den erfolgreichsten Bühnen Deutschlands. Die Staatsoper Wien ist Auslastungs – Spitzenreiter aller europäischen Bühnen

Mit Beginn der neuen Spielzeit tritt Peter Theiler die Nachfolge von Wolfgang Rothe als Intendant der Semperoper Dresden an und beendet damit, hoffentlich, daß dort seit 2012 andauernde Führunschaos. Wolfgang Rothe, seit 2012 kommissarischer Intendant  und Kaufmännischer Geschäftsführer, wird dann als Kaufmännischer Geschäftsführer die Geschicke der Sächsischen Staatstheater (Staatsoper Dresden und Staatsschauspiel Dresden) weiterführen. Der international renommierte Christian Thielemann fungiert in Dresden weiterhin nur als Chefdirigent; mit reduziertem Verantwortungsspektrum. Auffälliges Organisationspezifikum der Semperoper bleibt also, daß dies große Haus die künstlerisch wie organisatorisch zentrale Position des Generalmusikdirektor (GMD) nicht besetzt; ein Organisationsmangel, welcher die Tätigkeit von Peter Theiler von Beginn an belasten dürfte.

Semperoper Dresden / Der Semperchor in der prachtvollen Semperoper © Danie Koch

Semperoper Dresden / Der Semperchor in der prachtvollen Semperoper © Danie Koch

Ausblick auf die Spielzeit 2018/19

Am 29. August 2018 startet die Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert in die neue Saison. Der neue Intendant Peter Theiler stellt am 22. September 2018 in der »Auftakt!«-Veranstaltung die Premieren und Highlights der Spielzeit 2018/19 vor. Den Premierenzyklus 2018/19 eröffnet als erste Premiere der neuen Saison am 29. September 2018 Moses und Aron von Arnold Schönberg in der Inszenierung von Calixto Bieito.

Hinweise zur Kassenöffnung in der Sommerpause

Während der Spielzeitpause bleibt die Theaterkasse der Schinkelwache vom 14. Juli bis zum 12. August 2018 geschlossen. Anfragen und Reservierungen können in diesem Zeitraum nicht entgegengenommen und bearbeitet werden. Über semperoper.de ist eine Kartenbuchung trotzdem jederzeit möglich. Ab dem 13. August 2018 stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Ticketanfragen, für Kauf und Reservierungen wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten zur Verfügung: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 17 Uhr (18. bis 25. August: samstags von 10 bis 13 Uhr) und an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 13 Uhr.   PMSO/VJ

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Der Bettelstudent – Carl Millöcker, IOCO Kritik, 17.06.2018

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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

DER BETTELSTUDENT  –  Carl Millöcker

– In der Sommerarena von Baden –

von Elisabeth König

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Carl Millöcker Denkmal © IOCO

Von Carl Millöcker in Baden bei Wien komponiert, kehrte der Bettelstudent in einer spritzigen und verjüngten Inszenierung an seinen Ursprungsort zurück und feierte am Samstag im Rahmen der Badener Sommerarena seine fulminante Premiere. Mit der von den Librettisten F. Zell und Richard Genée umgesetzten Geschichte Victorien Sardous (Les Noces de Fernande, dt. Fernandos Hochzeit) gelang dem 40jährigen Millöcker sein Durchbruch.

Die Handlung spielt im Krakau des Jahres 1704: Inmitten des polnischen Befreiungskrieges schmiedet der Gouverneur von Krakau, Oberst Ollendorf, Rachepläne gegen die Gräfinnen Nowalska, deren Tochter Laura ihm ihren Fächer ins Gesicht schlug, nachdem er sie auf die Schulter küsste. Hierzu holt er zwei inhaftierte Polen aus dem Gefängnis: Symon Rymanowicz, den Bettelstudenten, und Jan Janicki. Simon soll Laura als vorgeblicher Fürst Wybicki ehelichen, um sie gesellschaftlich zu blamieren. Simon und Laura verlieben sich unerwartet tatsächlich ineinander und so auch Lauras jüngere Schwester Bronislava in Jan, welcher sich schließlich als der polnische Volksheld Herzog Adam entpuppt. Die Liebe durchkreuzt Ollendorfs Pläne und ermöglicht nicht nur die Befreiung Polens, sondern auch ein Happy End in bester Operettentradition.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier :  Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble und Robert R. Herzl als Enterich © www.christian-husar.com

Der Vorhang der Badener Sommerarena öffnet den Blick auf ein zeitloses Gefängnis, dessen Stacheldrahtzaun inmitten „traditioneller“ Kerkerfenster eine gewisse Tagesaktualität bot. Generell ist das Bühnenbild von Dietmar Solt ein gelungener Brückenschlag aus moderner und klassischer Ästhetik, dessen Zeitlosigkeit durch farbenprächtige Kostüme unterstrichen wird, und den Bogen spannt von der Zeit der Handlung bis in die Gegenwart.

Der moderne Blick auf diesen Operettenklassiker setzt sich auch konsequent in der Regie von Isabella Gregor fort, aus deren Feder auch die vorliegende Textfassung stammt. Frisch, humorvoll und mit einem klaren Bewusstsein für die ernsten Themen hinter dem Augenzwinkern nimmt die Regie Bezug auf die Tagespolitik – #metoo, bedingungslose Grundsicherung und Flüchtlingspolitik inbegriffen. Auch um Trump kam man im Couplet des Ollendorf nicht herum.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Johannes Terne als Onuphrie, Sylvia Rieser als Palmatica, Gräfin Nowalska, Regine Riel als Laura, Ilia Staple als Bronislawa © www.christian-husar.com

Die intensive Auseinandersetzung Isabella Gregors mit dem Werk führte zur Wiederentdeckung einer Arie der Laura aus Millöckers Urfassung des „Bettelstudenten“ in der Österreichischen Nationalbibliothek. Diese Arie erklang gestern erstmals wieder auf einer österreichischen Bühne in einem neuen Orchesterarrangement von Oliver Ostermann, der auch vom Dirigentenpult den Abend sehr harmonisch leitete. Mit frischen, knackigen Tempi und viel Feingefühl behielt er den Witz und Charme der Musik in jeder Minute aufrecht und sorgte gemeinsam mit dem Orchester der Bühne Baden für eine prickelnde Aufführung in dieser lauen Sommernacht.

Sängerisch bot der Abend viele schöne Momente. Regina Riel sang die Laura mit zarten Zwischentönen und einer wunderschönen Klarheit, die, wie vom künstlerischen Leiter Michael Lakner sehr treffend bezeichnet, an Gundula Janowitz erinnert und vermochte es, aus einem oftmals sperrigen Charakter eine charmesprühende Vollblutfrau zu machen. Als ihre Schwester Bronislawa bezauberte die Linzerin Ilia Staple mit glockenheller Stimme und unbändiger Lebhaftigkeit – und Hunger – das Publikum und ihren Jan Janicki. Sylvia Rieser spielte die herrische Mutter mit so viel Liebe für ihre Töchter, dass neben vielen Lachern auch das Mitgefühl des Publikums auf ihrer Seite blieben. Matjaž Stopinšek erlebte man im Hauptpart des Symon Rymanowicz mit großer Verve und schmelzigem Tenor. Sein Feuer wurde ausgeglichen durch Ricardo Frenzel Baudisch, der mit Eleganz und jugendlichem Charme den Jan Janicki gab. Jochen Schmeckenbecher verlieh dem Abend Staatsopernniveau. Sein Oberst Ollendorf erhob sich über dessen übliche Charakterisierung als komischer Aufschneider und verlieh ihm eine gefährliche Schärfe, deren genussvolle Bosheit in seinem Triumph des zweiten Aktes ihren Höhepunkt erreicht und ihn als Bösewicht des Stückes glaubhaft macht. Als kongeniales Offizierskleeblatt agierten Anton Graner (Major Wangenheim), Sebastian Huppmann (Rittmeister Henrici), Michael Fischer (Leutnant Schweinitz) und Thomas Malik (Kornett Richthofen). Aus der von der Regie perfekt durchgezogenen individualisierten Personenführung erwuchsen auch abseits der textuellen Witze viele humoristische Momente, die im Hintergrund der Handlung der Hauptfiguren den perfekten Rahmen gab.

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent - hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Stadttheater Baden bei Wien / Der Bettelstudent – hier : Ensemble,  erhöht, Regina Riel als Laura, Jochen Schmeckenbecher als Ollendorf © www.christian-husar.com

Johannes Terne als Onuphrie zeigte in Baden, warum das Wiener Burgtheater zu den größten deutschsprachigen Theaterhäusern zählt und gab ein herzzerreißendes Faktotum – oder AIO (All-in-one), wie er es so schön formulierte. Robert R. Herzl als Enterich gab einen piratischen Gefängniswärter dessen Beweglichkeit und irrwitzigen Ticks das komische Charakterfach in seiner vollen Bandbreite ausschöpfte und damit für laute Lacher und frenetischen Beifall sorgte. Ihm zur Seite Justus Seeger (Puffke) und Mahdi Niakan (Piffke), als quicklebendiges Duo. Abwechselnd komisch-dümmlich und bauernschlau sorgten auch sie für viele Lacher.

Generell ist die Führung des Chors und des Ensembles durch die Regie lobend hervorzuheben. Auch die Choreografie von Michael Kropf trug ein wesentliches Teil zum Gelingen des Gesamtkonzepts bei. So tanzten nicht nur im Hintergrund Ballett und Chor, auch die Solisten schwangen fröhlich das Tanzbein.

Alles in allem bot die Sommerarena Baden einen vergnüglichen Operettenabend auf höchstem Niveau, und beweist, dass Operette immer noch sehr lebendig ist. Das Publikum zeigte sich gut unterhalten und dankte für den fantastischen Abend mit tosendem Applaus. Und sollten auch Kleinigkeiten dem Premierenfieber zum Opfer gefallen sein: Schwamm drüber, Schwamm drüber.

Der Bettelstududent in der Sommerarena von Baden bei Wien; weitere Vorstellungen 21.7.; 22.7.; 27.7; 2.8.; 3.8.; 9.8.; 10.8.2018 un mehr

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.07.2018

Juli 15, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bielefeld

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

DAS RHEINGOLD – Richard Wagner

– Lieblose Love-Parade –

Von Hanns Butterhof

Das Theater Bielefeld hat sich statt des ganzen Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner des Vorabends Das Rheingold angenommen und ist damit gleich bei der Götterdämmerung angekommen. In Mizgin Bilmens Inszenierung haben auch die  Götter der Liebe entsagt und sind nicht wert, gerettet zu werden. In den Mittelpunkt der Aufführung stellt Bilmen den leidenden Mensch.

 – Bielefelder Rheingold diagnostiziert den Untergang des Abendlandes –

Immer geschunden, fremdbestimmt und ausgebeutet ist der Mensch ohne Unterlass auf der Bühne des Theaters Bielefeld anwesend. Mizgin Bilmen hat ihm die Form einer Gruppe von Erdenwürmern gegeben. In schlammigen, schrundigen Ganzkörpertrikots (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) liegen sie schon zur Ouvertüre zum Rheingold auf dem Grund des Rheins. Hier wie überall ist der Mensch das eigentliche Gold, der Reichtum der Welt. Das wird deutlich, als Alberich (Yoshiaki Kimura), der von den Rheintöchtern (Nohad Becker, Hasti Molavian, Nienke Otten) geneckte und verschmähte Zwerg, aus einem dieser Erdlinge Goldstaub herauswühlt, bevor er ihn dann über die Schulter wirft und, der Liebe finster entsagend, zum Gewinn der Weltherrschaft aufbricht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier :  Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

In seinem unterweltlichen Nifelheim sind diese Erdlinge dann zu einer Maschine geworden. Sie wird von Alberichs Bruder Mime (Lorin Wey) gewartet, ist zwar nicht selber aus Gold, produziert es aber wohl. Alberich beherrscht sie mit seinem inzwischen aus dem Rheingold geschmiedeten Ring, einem goldenen Schlagring. Auf seinen Wink hin malträtieren sie Mime, der einen Tarnhelm für sich statt für Alberich anfertigen wollte. Und sie machen, szenisch sehr überzeugend, Alberich unsichtbar und bilden die Schlange, in die er sich verwandelt. Wenn sie ihn ungeschützt lassen, als er die Gestalt einer Kröte annimmt, wird ihm das zum Verhängnis.

Später finden die Erdlinge – diesmal wieder unmittelbar als Nibelungengold – noch Verwendung dafür, die Göttin Freia (Melanie Kreuter) vor den Blicken der merkwürdig militärisch mit Gewehren ausstaffierten Riesen Fafner (Sebastian Pilgrim) und Fasolt (Moon Soo Park) zu verbergen. Nachdem Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold erschossen hat, lässt er – ebenfalls merkwürdig – bis auf einen die Erdlinge liegen, aus denen dann die Götter wieder Goldstaub herauswühlen. Den schmieren sie sich selbstverliebt überall hin und bewerfen sich kindisch damit, um sich dann eines hübschen Goldregens aus dem Schnürboden zu erfreuen.

Das ist nicht alles ganz stimmig,  lässt aber vielfältige Assoziationen über den Wert des Menschen als Täter und Opfer in der Welt zu, bevor man sich den Tätern und der Welt des Rheingold zuwendet.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Dass Krieg in dieser Welt ist, illustriert eine immer schneller laufende Videoprojektion (Video: sputnic/Malte Jehmlich) mit Bombenexplosionen, Geschützfeuer, menschenfeindlicher Dürre und ertrunkenen Flüchtlingen bei der rasenden Fahrt Wotans (Frank Dolphin Wong) und seines Helfers Loge (Alexander Kaimbacher) in die Unterwelt Nibelheims, wo sie Alberich den Nibelungen-Goldschatz abluchsen wollen. Inwieweit sie alle Schuld an diesem Zustand der Welt tragen, sei es dadurch, dass Wotan einen Ast von der Weltesche abgebrochen oder  Alberich das Rheingold geraubt hat, wird nicht näher beleuchtet und kümmert sie auch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier :  Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Auch in der Götterwelt hat weder die Liebe noch die Mitmenschlichkeit ihren Platz. Und so lieblos, wie die Götter miteinander umgehen, verfährt auch die Regie mit ihnen. Sie sind eindimensionale Charaktermasken, die mit ihrer Schutzburg Walhall das Elend der Welt von ihrer Spaßgesellschaft fernhalten wollen. In ihren weißen, pornochicken Fantasiekostümen sehen sie aus, als entstammten sie einem Themenwagen der Love-Parade. Sie sind recht eigentlich schon Personal der Götterdämmerung, gleichsam Gibichungen mit Wotan als einem vorweggenommenen Gunter. Er ist in seinem weißen Pelzfummel, der klunkerbesetzten Offiziers-Schirmmütze und dem wie eine Vorhangstange dünnen, mit traurigen Fransen besetzten Speer ein aufgeblasener, verantwortungsloser  Hohlkopf. Ohne seine hand- und kopfarbeitenden Helfer wie die Riesen und Loge bringt er nichts zustande. Seine Frau Fricka (Sarah Kuffner) – hohe weiße Stiefel, knappe Pants und Push-Ups – ist eine rechte Blondine. Sie hat außer den ehelichen Pflichten ihres Gatten und dem Geschmeide, das man aus dem Rheingold anfertigen könnte, nichts im Kopf. Ähnlich flach sind die restlichen Götter, Froh (Lianghua Gong) mit schmuckem Federkopfputz und Donner (Evgueniy Alexiev), dem zwar der Hammer fehlt, den aber die Hörner eines Schafbocks zieren. Kaum um ihrer selbst willen sorgen sich alle um Freia (Melanie Kreuter), trägt sie doch in einem Terrarium den Bonsai-Garten mit den Äpfeln auf ihrem Rücken, deren Verzehr den Göttern Kraft und Jugendlichkeit verleiht. Sie ist für sie so unentbehrlich wie Kokain für Investment-Banker oder Ecstasy für Discogänger. Walhall, eine kaltes, leeres Stahlgerüst eines Hochhauses in erheblicher Schieflage (Bühne: Cleo Niemeyer) ist jetzt schon dem Untergang geweiht, nur diesen Göttern dämmert das noch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier  : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Loge, der klarsichtige, aber allen Herren dienstbare Intellektuelle, sieht das Ende, das die eindrucksvoll aus der Masse der Erdlinge aufsteigende und ihnen eine Stimme gebende Erda (Katja Starke) den tauben Ohren der Götter prophezeit hatte. Wer mit den Göttern gemeint ist und wem die klare Botschaft gilt, macht die Regie am Ende mit einem bewährten Stilmittel deutlich: Zum Einzug der Götter in Walhall fährt eine Batterie starker Scheinwerfer herab und leuchtet schmerzlich ins Publikum – damit ihm vielleicht doch noch rechtzeitig ein Licht aufgeht.

Gesungen wird durchweg ordentlich, wenn auch nicht immer sehr textverständlich. Aus dem Ensemble ragen der darstellerisch und gesanglich äußerst bewegliche Tenor Alexander Kaimbacher, Sarah Kuffner mit klarem Sopran und Katja Starke mit vollem, geerdetem Mezzo heraus.

Alexander Kalajdzic dirigierte die etwas rauh klingenden Bielefelder Philharmoniker sängerfreundlich und flott, ohne mit großen Melodiebögen den Wagner-Sog zu entfalten, wohl ganz im Sinne der auf Einsicht statt auf Genuss zielenden, nur in Details differenzierten Regie Mizgin Bilmens.

Das Bielefelder Rheingold hat den Weg zur Götterdämmerung kurzgeschlossen, sich den Weg über den Hoffnungsträger Siegfried gespart und ist schlüssig auch zu dem Ergebnis gelangt, dass die Welt von uns Göttern nicht mehr zu retten ist und das weiße, männlich geprägte Abendland untergehen wird. Mit dieser Diagnose, die Wagners ästhetischer Komplexität nicht voll gerecht wird, steht das Bielefelder Rheingold  nicht allein.

Das Rheingold von Richard Wagner; besuchte Aufführung: 10.7.2018; zur Zeit sind keine weiteren Aufführungen geplant.

—| IOCO Kritik Theater Bielefeld |—

Mima Millo, Sopranistin – Zwischen Jerusalem und Prenzlauer Berg, IOCO Interview, 14.07.2018

Schloss Rheinsberg bei Berlin / Der Musenhof am Grienericksee © Kammeroper Schloss Rheinberg

Schloss Rheinsberg bei Berlin / Der Musenhof am Grienericksee © Kammeroper Schloss Rheinberg

MIMA MILLO – Sopranistin aus Tel Aviv

Zwischen Jerusalem und Prenzlauer Berg
Junge israelische Sopranistin erobert Berliner Opernpublikum aus dem Off

Von Kerstin Schweiger

Mima Millo ist auf dem Sprung zu den Proben beim renommierten Sommerfestival der Kammeroper Schloss Rheinsberg am Grienericksee – kaum 100 km entfernt von Berlin am Sommersitz von Friedrich dem Großen –, wo sie im August die Partie der Agathe in Webers Freischütz übernehmen wird. Im Gespräch mit Kerstin Schweiger verriet sie, wie sie den Spagat zwischen Hauptpartie und Opernunternehmerin, Gesangscoach und dem Management der eigenen Karriere meistert und was sie an Berlin und seiner Opernszene besonders spannend findet.

Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg – 22.6. – 12.8.2018

Die Sopranistin Mima Millo ist Absolventin der Jerusalem Academy. Sie stammt aus einer Künstlerfamilie mit osteuropäischen Wurzeln. Ihre Mutter ist Malerin, ihre Großeltern mütterlicherseits waren Theatermanager und Schauspieler. Ihr Großvater stammte aus Prag und gründete zusammen mit ihrer Moskauer Großmutter in Tel Aviv das legendäre Cameri-Theater, das sich ein Gebäude mit der Tel Aviv Opera teilte. Dort wurde das klassische Theaterrepertoire auf Hebräisch gespielt. Was lag näher für eine junge Sängerin, selbst den Sprung auf die Bühne der Oper zu vollziehen?

Mima Millo © Philipp Arnoldt

Mima Millo © Philipp Arnoldt

Bereits kurz nach ihrem Studienabschluss wurde sie am Meitar Opera Studio der Oper in Tel Aviv aufgenommen, wo sie u.a. Partien wie Pamina in Die Zauberflöte, Susanna in Le Nozze di Figaro,Snow Maiden in Snow Maiden, Masha in Pique Dame, Adina in L’Elisir d’Amore oder Clorinda in La Cenerentola übernahm. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit dort war auch die Teilnahme an den community projects der Oper, die das Haus für Straßenkünstler, Nachbarn und andere Kunstformen öffneten und so Teilhabe für alle Bürger ermöglichten. Ein bisheriger Höhepunkt dort war ihre stürmisch gefeierte Rosina in Il Barbiere Di Siviglia. Es folgte u.a. die Erste Dame in Die Zauberflöte und Susanna an der Jerusalemer Oper. Mima Millo gewann Stipendien für verschiedene europäische Förderprogramme und wurde u.a. mit dem First Price der Jerusalem Academy in der Bel-Canto Competition 2008 ausgezeichnet.

Am Ende dieser früh erreichten Karrierestufe empfahl die Operndirektion einen ungewöhnlichen Weg, den Mima Millo nachvollziehbar fand. Nämlich den Horizont dort zu vergrößern, wo eine breite Theaterlandschaft neue Erfahrungen ermöglicht und dann nach Tel Aviv zurückzukehren. “Ich hatte sehr früh ein Image als aufstrebende Sängerin, aber in Israel fehlte es leider an der Infrastruktur für eine kontinuierliche Repertoireentwicklung. Ich bin ein Belcanto-Girl, ich liebe die Rossini- und Bellini-Partien und ich habe schon früh von der Traviata geträumt. In Berlin konnte ich sie dann verwirklichen”.

Die Entscheidung für Berlin traf Millo aus pragmatischen Gründen. “Es hätte auch New York sein können”, erzählt sie. Doch Berlin ist näher an Israel als New York und in Berlin fand sie ihre Gesangslehrerin, die amerikanische Sopranistin Abbie Furmansky, die sie seither als Lehrerin begleitet. Und in der relativ kurzen Zeit, die Mima Millo in Berlin lebt, hat sie das Berliner Publikum bereits quasi aus dem Off erobert. Denn Mima Millo ist, wenn sie beispielsweise in einer Neuproduktion der Passaggio Opera, einer der größeren derzeit interessanten Berliner Off-Opera-Kollektive, auftritt, wie alle Mitwirkenden nicht nur Sängerin sondern auch Opernunternehmerin, Veranstalterin, Managerin. “Man hat mehr Mitspracherecht an der gesamten Produktion, man ist mehr involviert und trägt mehr Verantwortung für das Ganze, nicht nur für die eigene Rollenkreation, sondern für eine ganze Opernproduktion”, sagt Mima Millo. Sie ist der Meinung, dass schon in die Ausbildung an Konservatorien und Musikhochschulen auch Marketingwissen, PR-Skills und Management- und Fundraising-Techniken integriert sein sollten. Trotzdem hat sie stets ein klares Ziel im Auge: ich will auf die Bühne, ich will singen. Mit dieser klaren Entscheidung kamen auch die Jobs und die großen Partien.

Mit der Passaggio Opera debütierte sie als Donna Anna in Don Giovanni und als, Antonia in Hoffmanns Erzählungen. Nach ihrem Debüt als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni in einer Produktion der Berlin Opera Group schrieb die RBB Kulturkorrespondentin Maria Ossowski: “Millo ist der Star des Abends. Die junge Sopranistin aus Jerusalem singt und spielt zugleich zart und poetisch, kraftvoll und lyrisch und ist umgeben von fast ätherischem Zauber”.

Mima Millo © Philipp Arnoldt

Mima Millo © Philipp Arnoldt

Die größte Eroberung einer Rolle war jedoch Anfang 2018 die Violetta in La Traviata in einer außergewöhlichen Interpretation in einem ehemaligen Berliner Stummfilmkino. Die Pop-Up Opera Company Puccinis Toaster (link) ließ Projektionsbilder mit den Darstellern auf der Bühne und im Publikum interagieren. Violetta war Galeriemanagerin, Networkerin, Influencerin. Mima Millo hat das überzeugend gespielt und großartig gesungen. Sie selbst lädt regelmäßig in ihre Wohnung zu Salonabenden ein, wo Menschen aus vielen Nationen zusammen diskutieren, feiern, miteinander ins Gespräch kommen.

Die Self Promotion in den sozialen Netzwerken ist für ihre Generation junger Sängerinnen und Sänger selbstverständlich. Doch Mima Millo schaut genau hin und sie findet diese Kommunikation auch zwiespältig. “Es ist nicht ganz ehrlich, denn meistens wird dort stets nur die allerbeste Seite gezeigt, konstruktive Selbstkritik existiert quasi gar nicht”. Doch Networking kostet zwar Zeit, kann aber dennoch ein prima Türöffner sein, ist sie sich sicher.

Als selbst bezeichnetes Belcanto-Girl aus Leidenschaft will sie sich in den kommenden 10 Jahren aber auch weitere eher lyrische Verdi-Partien erobern. Belcanto ist Butter für meine Kehle, aber mit Gilda, Leonora oder einer Lady Macbeth habe ich dann noch mehr Möglichkeiten zu zeigen, was in meiner Stimme steckt: neben der Höhe und Belcanto-Flexibilität kann ich hier auch lyrisch und dramatisch sein. Doch auch Mozart, Liederabende und die Mitwirkung in Oratorien sollen nicht zu kurz kommen.

Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg – 22.6. – 12.8.2018

Mima Millo fühlt sich wohl in Berlin. Es lebt sich leichter und als freischaffende Sängerin auch günstig in Berlin. Sie liebt besonders die grünen Seiten der Stadt. Das bevorstehende Sommerengagement beim Festival Kammeroper Schloss Rheinsberg passt da perfekt: im historischen Heckentheater im Rheinsberger Schlosspark wird Mima Millo nach vier intensiven Probenwochen mitten im Grünen als Agathe in Webers Freischütz debütieren. Das Festival gilt in den 28 Jahren seines Bestehens inzwischen für junge Künstler als Sprungbrett in die internationale Opernszene. Mima Millo steht in den Startlöchern.

—| IOCO Interview Berlin |—            

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