Mannheim, Musikalische Akademie, 8. Akademiekonzert – 22. Juni 2021, IOCO Aktuell, 18.06.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

8. AKADEMIE-KONZERT – Musikalische Akademie – 22. Juni 2021

Das 8. Akademiekonzert 2020/21 der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. findet als Hybrid-Veranstaltung statt: Nicht nur wird das Konzert am 22. Juni 2021 um 20 Uhr live aus dem Mannheimer Rosengarten übertragen; aufgrund sinkender Inzidenzzahlen darf die Akademie zusätzlich 250 Abonnentinnen und Abonnenten im Saal willkommen heißen. Zu Gast ist Weltklasse-Geiger Augustin Hadelich, der unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy Sergej Prokofjews zweites Violinkonzert präsentieren wird. Zudem darf das Publikum vor Ort und Zuhause auf Strawinskys Dumbarton Oaks sowie Prokofjews erste Symphonie gespannt sein.

IOCO berichtete über das 7. Akademiekonzert – link HIER!

»Als Orchester freuen wir uns selbstverständlich sehr, dass die Ränge im nächsten Konzert nicht gänzlich leer bleiben müssen. So viele tolle Möglichkeiten das Digitale birgt: Die Energie des Publikums hat uns Musikerinnen und Musikern über die Schließzeit ungemein gefehlt«, kommentierte der Akademiepräsident Fritjof von Gagern. »Zugleich ist es sehr bedauernswert, dass bei der Personenbeschränkung in Innenbereichen nicht feiner differenziert wird die im Rosengarten durchgeführte Aerosolstudie hat bereits vor einigen Monaten eindrücklich dargestellt, dass eine Belegung von 50 % des Mozartsaals unter Einhaltung der gängigen Abstands- und Hygieneregeln als vollkommen sicher einzustufen ist. Die 250 verfügbaren Plätze für dieses Konzert haben wir nun unter unseren über 2.000 Abonnentinnen und Abonnenten ausgelost und hoffen, im Rahmen des nachgeholten 2. Akademiekonzerts Ende Juli allen Interessenten ein sanaloges Angebot: machen zu können.«

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Der Livestream beginnt am Dienstag, 22. Juni 2021, 20 Uhr auf

www.musikalische-akademie.de/digital.

Die Liveaufnahme des Konzerts steht bis einschließlich Donnerstag, 24. Juni 2021 auf der Webseite der Musikalischen Akademie zur Verfügung. Einzeltickets für den Livestream können über die Musikalische Akademie für 15 erworben werden. Abonnentinnen und Abonnenten der Akademiekonzerte erhalten kostenlos Zugang. 0 zahlen Schüler und Schülerinnen, Studierende sowie Menschen mit geringem Einkommen nach erfolgter Anmeldung über die Musikalische Akademie.

Musikalische Akademie – Nationaltheater-Orchester Mannheim e. V.

Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. sind seit über 240 Jahren Veranstalter der Konzertreihe „Akademiekonzerte“. Unter den Theater- und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musikerinnen und Musiker. In üblicherweise acht Doppelkonzerten pro Spielzeit präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens.

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—


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Altenburg, Theater Altenburg Gera, Alexandros Diamantis – Neuer Chordirektor, IOCO Aktuell, 17.06.2021

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Theater Altenburg Gera

Theater Altenburg © Ronny Ristok

Theater Altenburg © Ronny Ristok

Theater Altenburg Gera – mit 150jähriger Tradition

Es ist ein besonderes Ereignis unter besonderen Umständen: Im ostthüringischen Altenburg jährte sich am 16. April 1871 die Einweihung des damaligen Herzoglichen Hoftheater (1871 – 1914), des heutigen Theater Altenburg zum 150. Mal. Obwohl das Theater zurzeit aufgrund umfassender Sanierungsarbeiten einerseits und pandemie-bedingter Schutzmaßnahmen andererseits geschlossen ist, soll der Anlass gewürdigt werden.

www.theater-altenburg-gera.de- link HIER!

Theater Altenburg – Intendant Kay Kuntze – Theater in der Pandemie
youtube Trailer Theater Altenburg Gera
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Als man am Herzoglichen Hoftheater zu Altenburg im Herbst des Jahres 1870 Eröffnung feiern wollte, kam der Deutsch-Französische Krieg dazwischen. Nicht nur die Verschiebung der Eröffnung, auch die Ausbreitung der Pockenepidemie in Deutschland hatte der Krieg damals mit sich gebracht. Am 16. April 1871 war es dann aber doch soweit: Das Altenburger Theater konnte mit der Premiere von Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz,  hier allerdings aktuell aus der Bayerischen Staatsoper, feierlich eröffnet werden.

Alexandros Diamantis – Neuer Chordirektor des Theater Altenburg Gera

Zum Beginn der Spielzeit 2021/22 wird Dr. Alexandros Diamantis neuer Chordirektor am Theater Altenburg Gera. Er tritt im September die Nachfolge von Gerald Krammer an, welcher als Chordirektor an das Theater Kiel wechselt.

Theater Altenburg Gera / Alexandros Diamantis - neuer Chrosdirektor © Christos Papantoniou

Theater Altenburg Gera / Alexandros Diamantis – neuer Chrosdirektor © Christos Papantoniou

Dr. Alexandros Diamantis war zuvor u.a. Chordirektor mit Dirigierverpflichtung am Stadttheater Pforzheim, stellvertretender Musikalischer Direktor und Dirigent am Theater des Westens (Berlin), Dirigent der verschiedenen Klangkörper der Bayerischen Philharmonie und Dirigent des Orchesters und des Chors der Nationalen Universität Athen. Der 38-Jährige studierte Klavier und Musiktheorie in Athen und promovierte in Musikwissenschaft an der Nationalen Universität Athen. Als Stipendiat der Akademie für Kunst und Wissenschaft von Athen studierte er Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik und Theater in München.

Als Dirigent leitete er bereits zahlreiche teils internationale Konzerte und Musiktheaterproduktionen u.a. mit dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt, der Bad-Reichenhaller Philharmonie, der Badischen Philharmonie, den Münchner Symphonikern, dem Staatlichen Orchester Athen, dem Leipziger Symphonieorchester, dem Duke Chapel Chor (USA) oder dem Ensemble Oktapus für die Musik der Moderne.

In Altenburg und Gera steht Alexandros Diamantis nun dem Opernchor vor und leitet auch den Philharmonischen Chor sowie den Kinder- und Jugendchor.

—| IOCO Aktuell Theater Altenburg Gera |—


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Paris, Théâtre de l‘Athénée, Die sieben Todsünden der Kleinbürger – Kurt Weill, IOCO Kritik, 16.06.2021

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Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

 Die sieben Todsünden der Kleinbürger  – Kurt Weill

Ballett mit Gesang

Drei französischen Chansons von Kurt Weill,  zusätzlich in die Inszenierung integriert: 1. Complainte de la Seine (1934), 2. Je ne t’aime pas (1934), Text: Maurice Magre (1877-1941), Youkali (1934) aus dem Theaterstück 3. Marie Galante (1934-35), Text: Roger Fernay (1905-1983)

DIE GESCHICHTE VON ANNA AUS LOUISIANA

von Peter Michael Peters

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Die große Hommage an Kurt Weill im Jahre 2020, IOCO-Essay – link HIER,  ist von einem chinesischen Virus total aufgefressen worden, wie wir leider alle bemerkten! Aber für unser aller Glück hat das Théâtre de l‘Athénée einen klitzekleinen Rest gerettet. Ein kleiner ungeschliffener Diamant von unermesslichem Werte ist da geborgen worden, geschrieben in hastender fliehender Zeit von zwei deutschen Emigranten in Paris:

Der Komponist Kurt Weill (1900-1950) und der Dramatiker Bertolt Brecht (1898-1956), ein Jude und ein Kommunist, beide flohen vor dem gewaltsamen drohenden Aufstieg eines Adolf Hitlers (1889-1945) & Co. Die Geschichte von Anna (die sich innerlich spaltete oder verdoppelte in Anna I und Anna II) und ihrer Schwester Anna  aus Louisiana ist die Geschichte einer Odyssee, einer Emigration, ja man kann sagen, einer Flucht auf der Suche des kapitalistischen Traumparadies. Es ist die ewige Geschichte des unschuldigen jungen Mädchens, das die Gesellschaft korrumpieren wird: Brecht und Weill bieten eine ebenso neue wie knirschenden Variante an. Sie laden uns zu einem Roadtrip auf dem Mississippi ein und der bis heute nichts von seiner Frechheit und seinem beißenden Humor verloren hat. So folgen wir den beiden Schwestern auf ihrem Wege durch sieben große kapitalistische Sündenstädte, die gleichzeitig auch die sieben biblischen Todsünden symbolisieren: Faulheit… Stolz… Zorn… Völlerei… Unzucht… Habsucht… Neid…! Der Dramatiker Brecht kehrt die Sünden gewissermaßen um, indem er mit energischer Kritik und ironischem bitterbösen Humor die sündigen Kirchenväter und gleichzeitig die Mächtigen des unersättlichen Großkapitalismus äußerst schwer angreift und auf die anti-klerikale und anti-kapitalistische Schippe nimmt.

Innerhalb weniger Tage skizzierten Weill und Brecht die Geschichte der jungen Anna, die von ihrer Familie auf einer Reise durch sieben amerikanische Städte geschickt wird, wo sie als Tänzerin und Sängerin das Geld für ein Haus verdienen soll. Zerrieben zwischen dem mörderischen Stress, sich als Tänzerin durchzuschlagen und ihren nur allzu menschlichen Wünschen (den Todsünden – die gegen alle Regeln der Vermehrung des Kapitals verstoßen), ist Anna I, die Sängerin ganz rational und setzt alles daran ihre Ziele zu erreichen. Anna II dagegen, die Tänzerin, gibt ihren Wünschen nach und gefährdet damit das erträumte Haus der Familie. Trotz Annas persönlicher Konflikte gelingt der Plan: Anna I kann Anna II immer wieder unter Kontrolle bringen.

1. Faulheit

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,
Dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.
Er gebe ihnen die Kraft und die Freudigkeit,

Dass sie nicht sündigen gegen die Gesetze,
Die da reich und glücklich machen.

Weill gliederte seine Musik in sieben Sätze, die den sieben Stationen von Annas Reise sowie den sieben Todsünden entsprechen. Prolog und Epilog bilden den Rahmen. In jedem Satz finden sich Elemente volkstümlicher Musik wie Walzer, Foxtrott, Marsch, Shimmy und Tarantella, die Weill überzeugender als in seinen früheren Brecht-Projekten symphonisch verarbeitet. Das Eingangsmotiv, das in allen Sätzen wieder auftaucht, ist zugleich musikalisches Bindeglied für das ganze Werk und Leitmotiv für Annas tiefe Traurigkeit. Große emotionale Ausdruckskraft und Intensität kennzeichnen die nachfolgende Musik, die mitunter an eine Symphonie von Gustav Mahler  (1860-1911) erinnert. In scharfem Kontrast dazu steht der eher humoristische Ton, mit dem Annas Familie charakterisiert wird. Für diese Passagen setzt Weill ein Quartett von Männerstimmen in enger Lage ein, das den Stil traditioneller Gesangsvereine, aber auch der Comedian Harmonists (1928-1935) mit ihren extrem hohen Tenorpartien und akzentuierten Basslinien aufgreift. Dieses Vokalensemble, das Weill schon sehr effektvoll in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930) verwendet hatte, wirkt hier besonders witzig, wenn Annas ständig moralisierende Mutter von einem Bass gesungen wird.

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Anfang 1933 gründeten George Balanchine (1904-1983) und Boris Kochno (1904-1990) in Paris eine Balletttruppe, die ein wohlhabender junger Engländer namens Edward James (1907-1984) finanzierte. James war unter zwei Bedingungen bereit, für die gesamten Kosten des Ballett 1933 aufzukommen: Zum einen sollte seine Frau, die deutsche Tänzerin Tilly Losch (1903-1975), eine Rolle erhalten, zum anderen der deutsche Komponist Weill auf die eine oder andere Weise mitwirken.

Weill sah den Auftrag als ersten Schritt, sich in seiner neuen Heimatstadt Paris einen Namen zu machen. Zunächst schlug er Jean Cocteau (1889-1963) als Librettisten vor. Kurz darauf nannte er Brecht. Das Pariser Publikum kannte dessen 1932 mit großen Erfolg im Salle Gaveau aufgeführten Dreigroschenoper (1928), wusste aber ansonsten nicht viel über ihn.

Bertold Brecht © IOCO_ RMaass

Bertold Brecht vor dem BE in Berlin © IOCO_ RMaass

Am 5. April 1933 bat Weill den künstlerischen Leiter des Ballett 1933, Kochno, dem in Italien weilenden Brecht ein Telegramm zu schicken: Er solle sofort nach Paris kommen und noch in derselben Woche mit der Arbeit zu beginnen. Brecht war einverstanden und die beiden stürzten sich mit Feuereifer in das neue Projekt. Es sollte die letzte Kollaboration zwischen den beiden Künstlern sein!

Das Werk ließ das französische Publikum verwirrt zurück (und zwar nicht nur, weil es vollständig auf Deutsch gesungen wurde). Die in Paris lebenden deutschen Emigranten waren jedoch begeistert und sprachen von einem großen Ereignis. Allerdings war es sicher nicht Weills Ziel gewesen, nur von einer intellektuellen Elite gefeiert zu werden. Er betrachtete Die sieben Todsünden als sein bis dahin gelungenstes Werk, doch die frühen Aufführungen hatten nur bescheidenen Erfolg.

Für Weill wird Paris nicht lange ein Asyl sein geschweige eine neue Heimatstadt! Er wird von Reynaldo Hahn (1874-1947) verhöhnt, der seine Arbeit als Bordell-Musik ansieht, beleidigt von Florent Schmitt (1870-1958), der am Ende eines seiner Konzerte „Heil Hitler!“ schreit, dann von Lucien Rebatet (1903-1972), der in der Action Française sich beklagt hat, „dass wir an vielen Treffpunkten des linken Seine-Ufers zu viele hakennasenförmige und zwielichtige Physiognomien antreffen, frisch aus den intellektuellen Ghettos von Frankfurt oder Berlin geflohen“, und er kommt zum Schluss, „dass es der außergewöhnlichen schöpferischen Armut unserer Zeit bedarf, um in der Lage gewesen zu sein, einen begeisterten oder verunglimpfenden Lärm um einen Kurt Weill zu machen. Es bedarf der erschreckendsten Vergesslichkeit jeglichen kritischen oder ethischen Sinnes, um in dieser Negativformel eine Zukunft voraussehen zu können, die mit der Zersetzung  der Musikkunst enden würde. (L‘Action Française / 2. Dezember 1933). Weill verlässt Paris 1935 und emigriert in die USA, wo er ein großer amerikanischer Komponist wird. Er wird sein Land und dessen Sprache total aus seinem Gedächtnis streichen und er wird niemals wieder deutschen Boden betreten.

9. Epilog

ANNA 1

Darauf kehrten wir zurück nach Louisiana,
Wo die Wasser des Mississippi unterm Monde fliessen.

Sieben Jahre waren wir in den Städten
Unser Glück zu versuchen.

Jetzt haben wir’s geschafft.
Jetzt steht es da, unser kleines Haus in Louisiana.

Jetzt kehren wir zurück in unser kleines Haus
Am Mississippi-Fluss in Louisiana.
Nicht wahr, Anna

ANNA 2

Ja, Anna!

Siehe auch IOCO-Essay: VON DESSAU ZUM BROADWAY – Hommage à Kurt Weill von Peter M. Peters, link HIER!

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Aufführung am 5. Juni 2021 im  Athénée – Théâtre  Louis-Jouvet – Paris

Das Orchestre de Chambre Pelléas mit seinem Chefdirigenten Benjamin Levy hatte gewissermaßen den Weill-Stil total unter der Haut: Dieses Gemisch aus jazzigen Rhythmen,  verrückten Modetänzen, fröhlicher Volksmusik, jubelnden Chorälen und melancholischer Synagogenmusik wurde in der reduzierten Orchesterversion mit nur 15 Musikern von HK Gruber (1943-) hinreißend gespielt. Wir wurden praktisch mitgerissen von dieser außergewöhnlichen Reisebegleitung der Musiker auf unserer langen durstbringenden Reise durch die Wüsten der Städte.

Auch wurden die drei oben genannten Chansons, von Weill in seinem Pariser Exil geschrieben, mit viel Geschmack und Feingefühl in die Musik der Todsünden eingefügt. Besonders Youkali, das in seiner großen Traurigkeit das ganze Elend von Emigranten, Heimatlosen und Verfolgten  erweckt!

Die junge französische Mezzosopranistin Natalie Pérez (Anna I), die schon eine reiche Karriere vorweisen kann, hat ihre Rolle mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität gestaltet. Auch zeigte sie die nötige Stärke und Willenskraft um ihre zweite Seite (Anna 2) zu beschwichtigen und zur Weisheit zu führen. Die Sängerin kann sich ohne Scheu in die Reihe der großen Weill-Interpretinnen einreihen!

Noémie Ettlin (Anna II) hat eine Ausbildung im klassischen und modernen Ausdruckstanz in der Schweiz erhalten. Sie arbeitete schon mit vielen bekannten internationalen Choreographen zusammen und verfügt bereits über  eine reichhaltige Erfahrung verschiedener Tanzstile. Hier zeigte sie gewissermaßen ihren eigenen Tanzstil, denn sie war auch für die Choreographie verantwortlich! Ihre Arbeit und ihr Körper integrierte sich völlig in die Inszenierung, jedoch hat es leider bei uns nicht den erwarteten Gänsehauteffekt  ausgelöst.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden Kurt Weill,
Youtube Athénée Théâtre Louis-Jouvet
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Männerquartett (Die Familie) war  mit vier jungen Sängern ausgezeichnet zusammengestellt: Florent Baffi, Bass (Die Mutter); Guillaume Andrieux, Bariton (Der Vater); Manuel Nuñez Carmelino, Tenor (Bruder I); Camille Tresmontant, Tenor (Bruder II). Ohne hier weiter in Details zugehen, diese Familie war gewissermaßen  mit Qualität zusammen geschweißt, wie es sich für eine echte  Kleinbürgerfamilie gehört. Es war eine Einheit von Stimmen und Willen, kein Ton wagte da auszubrechen, keine Individualität zerstörte den Willen. Ein Quartett vom Feinsten, das mit viel Musikalität und einer intensiven Interpretation mit viel Dreistigkeit und Willenskraft ihre Ideen durchsetzte frei nach Weill  und Brecht.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden hier PINA BAUSCH,
Youtube TheatreVilleParis
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Bühnenbild mit den inzwischen in Mode gekommenen Metallgerüsten stört nicht wirklich, aber wir erhofften eine neue Idee! Dagegen das Video von Yann Chapotel ist recht interessant, indem es uns an die Welt der unmenschlichen Städte vom Quartier de La Défense in Paris bis zur Skyline in Manhattan erinnert. Die Kostüme von Hélène Kritikos sind neutral ohne zu stören, zeigen aber keine besondere Kreativität! Die Bühnenbeleuchtung ist effektvoll eingesetzt von Catherine Verheyde.

Der Regisseur Jacques Osinski hat sich im Laufe vieler Jahre einen guten Namen im Theater und in der Oper gemacht. Auch hier zeigt er eine Arbeit mit viel Ideenreichtum und einem intensiven Eindringen in das Werk. Die etwas statische Sängerbehandlung für ein Anti-Oratorium zeigt sich als äußerst wirkungsvoll! Jedoch der Gesamteindruck hat leider für uns nicht die nötige Stärke: Es fehlt die politische, soziale und klerikale kritische Aussage. Diese Reise von sieben Monaten von einem (oder zwei ?) jungen Mädchen, noch dazu brutal gezwungen von den Eltern, ist kein leichter Spaziergang. Der Regisseur spricht in einem Vorwort von Jim Jarmusch (1953-) oder David Lynch (1946-), etc. Wir sehen in keiner Weise diese harte dürre Atmosphäre in seiner Inszenierung. Ja! Es fehlt die Härte und die Brutalität dieser Welt. Die Todsünden sind niemals für ein schreiendes Kabarett geschrieben worden noch für einen netten Theaterabend und sie sind heute wie Gestern äußerst aktuell und modern.

Wie schon gesagt, wir haben trotz einiger Einwände einen wunderbaren Theaterabend erlebt, natürlich besonders vom der musikalischen Seite…  P.M.P. / 11.06.2021

—| IOCO Kritik Théâtre de l‘Athénée |—

 

 


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Dresden, Kulturpalast, Rudolf Buchbinder – Kammerorchester Wien-Berlin, IOCO Kritik, 15.06.2021

Juni 15, 2021  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken, Kulturpalast

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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Kammerorchester Wien-Berlin – Rudolf Buchbinder

Mozart-Deutung –  ein Konzerterlebnis der Sonderklasse

von Thomas Thielemann

Die Rivalität der Wiener Philharmoniker und Berliner Philharmoniker um den Spitzenplatz des weltbesten Orchesters war für Simon Rattle 2005 Anlass, zu seinem  50. Geburtstag ein gemeinsames Konzert beider Klangkörper zu dirigieren. Diese erste erfolgreiche Zusammenarbeit der konkurrierenden Orchesterin Wien und Berlin führte zu dem Entschluss, in einer gelegentlichen Formation die besonderen Qualitäten beider Ensembles, die geschmeidige Eleganz und Noblesse der Wiener mit dem zupackenden, leidenschaftlichen Spiel sowie der solistischen Brillanz der Bläser der Berliner, zu kombinieren: das Kammerorchester Wien-Berlin entstand. Seit Beginn dieser Zusammenarbeit ist Rainer Honeck Konzertmeister, Dirigent und Künstlerischer Leiter. Honeck, 1961 in Nenzing (Vorarlberg) geboren, ist seit 1984 Konzertmeister des Orchesters der Wiener Staatsoper und seit 1962 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker.

Das Kammerorchester Wien-Berlin

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien - Berlin mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien – Berlin mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Das Klavierkonzert Nr.9 in Es-Dur KV 271, vermutlich im Dezember 1776 oder im Januar 1777 entstanden, ist wahrscheinlich Wolfgang A Mozarts erste bedeutende Komposition. Mit der Meisterschaft seiner Orchestrierung und in seiner, alle Konventionen sprengenden Wirkungen hat es keine Vorgänger in seinem Genre.

Zur Herkunft der unterschiedlichen Beinamen des Konzertes, „Jenamy“,die jenomy“ oder  „Jeunehomme“, gibt es reichliche Deutungen. Inzwischen scheint aber sicher, dass die Tochter des französischen Tänzers Jean-Georges Nowerre (1727-1810), eines Freundes Mozarts, Adressatin dieser Widmung war. Nowerre wirkte von 1767 bis 1774 als Ballettmeister in Wien. Dessen älteste Tochter Luise Victoire (1749-1812), eine gute Klavierspielerin, war, mit einem Joseph Jenamy verheiratet und Mozart habe sie sehr verehrt.

Für eine Interpretation von Mozarts frühem Klavierkonzert  Nr. 9 Es-Dur KV 271 war Rudolf Buchbinder in den Kulturpalast nach Dresden gekommen. Sonst ein häufiger Gast der Sächsischen Staatskapelle, mit der er auch oft als Solist und Leiter der Konzerte musizierte, war er Solopartner des Kammerorchesters Wien-Berlin.

Das Buchbinders Klavierspiel auch über die Jahre neben der Reife der Technik die notwendige Spontanität behalten hat, war keine Überraschung. Auch dass uns die sprühend intelligente Mozart-Deutung ein Konzerterlebnis der Sonderklasse verschaffte, erfüllte alle Erwartungen.

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien - Berlin hier mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Kammerorchester Wien – Berlin hier mit Rudolf Buchbinder © Oliver Killig

Ein hell leuchtende Klangbild und die spannungsgeladene Musizierfreude des Kammerorchesters Wien-Berlin führten zu einem steten, intensiven Dialog mit dem Pianisten. Vor allem begeisterte die kühne Quecksilbrigkeit des Finalsatzes.

Im zweiten Konzert-Teil folgte Mozarts Divertimento B-Dur, KV 287, die “Zweite Lodronische Nachtmusik“. Wie im Jahre 1776, erhielt Mozart den Auftrag, auch zum Namenstag der Gräfin Maria Antonia Lodron am 13. Juni des Jahres 1777 zur Komposition und Aufführung eines Divertimentos, eigentlich einer Zerstreuung, eines Vergnügens. Mozart hatte aber für die Unterhaltung der Salzburger Gäste der Gräfin ein 45-minütiges Bravourstück für die Erste Geige vorbereitet und selbst diesen Part übernommen.

Eingebunden in eine dichte kammermusikalische Begleitung von Streichern und zwei Hörnern meisterte Rainer Honeck als Primgeiger die Aufgabe der sechssätzigen Darbietung. Von spritziger Munterkeit, Leichtigkeit und Eleganz bis zu tiefer Empfindung bot das Kammerorchester Wien-Berlin alles, was man von großer Musik erwartete: ein Konzerterlebnis der Sonderklasse

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—


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