Osnabrück, Theater Osnabrück, Tanzabend – Die schöne Müllerin, IOCO Kritik, 22.05.2018

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die schöne Müllerin Tanzabend  – emma-theater 

– Tanz vom Verlust der Heimat –

Von Hanns Butterhof

Heimat ist das Motto der laufenden Spielzeit des Theaters Osnabrück. Der aus Brasilien stammende Choreograph Samir Calixto zeigt in seinem fesselnden Tanzabend Die schöne Müllerin nach der Komposition Franz Schuberts zu dem Text von Wilhelm Müller eine Heimat von bestürzender Aktualität.

In der Mitte der völlig in Weiß gehaltenen Bühne des emma-theaters steht ein kalkweißer, tot seine dürren Äste krümmender Baum. Calixto zeichnet damit krass das Bild einer verlorenen Heimat, in der einst noch die Mühle am rauschenden Bach klapperte und man sich zur Abendzeit wohl unter Linden fand.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Erinnerungen stürmen auf die Müllerin ein. mittig hinten: Sängerin Gabriella Guilfoil und Dance Company © Jörg Landsberg

An die Vergangenheit denkt auch die Frau zurück, die in weißem Kleid und grünen Schuhen zögernd ins Scheinwerferlicht tritt: Die Mezzosopranistin Gabriella Guilfoil beginnt den Tanzabend wie einen gewöhnlichen Solo-Liederabend, begleitet von dem einfühlsamen Florian Appel am Klavier. Doch ist sie als die einst schöne, nun vom Leben enttäuschte Müllerstochter in die Choreographie als ihr Zentrum eingebunden. Indem es die Erinnerungen und inneren Bilder der Müllerin sind, die Calixto von der zehnköpfigen Dance Company tanzen lässt, entgeht er der Gefahr, die von Müller so eindringlich geschilderte, von Schubert schon musikalisch ausgedeutete Geschichte mit Tanz nur zu verdoppeln.

Es sind schwankende Erinnerungen, tastend nach dem, was gewesen ist, wer sie und der Geselle damals waren. So kommt zu Beginn ein einzelner Tänzer unbeschwert jugendlich hüpfend auf die Bühne, dann jauchzend ein zweiter, bis schließlich der Müllergeselle in fünffacher Gestalt auf die Sängerin zustrebt, von dem sie noch nicht weiß, was er für sie sein wird, Verlockung oder Bedrohung.

emma - theater Osnabrück / Die schöne Müllerin - Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

emma – theater Osnabrück / Die schöne Müllerin – Tanzabend hier : Die Müllerin erinnert sich an ihre Jugend. (Sängerin Gabriella Guilfoil und Christina Commisso © Jörg Landsberg

Auch die Bilder der Müllerin von sich selber vervielfältigen sich, wenn fünf Tänzerinnen erst noch heiter beschwingt, aber alle in ihren eigenen Bewegungen ihre widersprüchlichen Gefühle auskosten. Ein wildes Jagen um den Baum herum lässt vermuten, dass der Geselle die Liebe der Müllerstochter errungen hat. Doch eine der Tänzerinnen schaut schon woanders hin, eine andere pflückt grüne Blätter von einem Zweig; die Beziehung zu dem bodenständigen Jäger deutet sich an. Grüne Augenbinden, die ihnen die Sicht darauf nehmen, hängen bald wie Schlingen um die Hälse der verschmähten, verletzten Männer. Die stampfen bockend noch einmal unisono auf, bevor sie nacheinander wie tot umfallen. Während alle in geknickter Haltung dem Geschehen den Rücken zuwenden, umarmt schließlich ein Tänzer, stöhnend und verzweifelt stammelnd, den Baum, den Tod. Erst in ihm findet der wanderlustige Geselle, der unbehauste Mensch von heute, seine alleinige Heimat.

Nach einer guten Stunde berührenden Gesangs und fesselnden Tanzes gab es lang anhaltenden, begeisterten Beifall für Gabriella Guilfoil und Florian Appel sowie das furiose Ensemble der Dance Company.

emma – Theater Osnabrück: Die schöne Müllerin – Tanzabend: Die nächsten Termine: 20.5. und 3.6.2018, jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Münster, Theater Münster, Amphitryon – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 15.05.2018

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Amphitryon  von  Heinrich von Kleist

– Götter der Klamotte –

Von Hanns Butterhof

Am Kleinen Haus des Theaters Münster hat Caroline Stolz Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon als lustiges Spiel inszeniert. Der Slapstick-Stil alter Schwarzweiß-Stummfilme macht diesen extrem ausgedünnten Amphitryon mit Göttern der Klamotte recht kurzweilig.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Sosias wehrt sich vergeblich gegen sich selber, mit Natalja Joselewitsch, Jonas Rinke, Garry Fischmann, Bálint Tóth, Jonas Riemer © Oliver Berg

Die sonst leere Bühne des Kleinen Hauses beherrscht eine überdimensionierte Drehtür, edel in Holz gehalten wie für ein Nobelhotel (Bühne und Kostüme: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert). Sie ist der Eingang zum Palast des Amphitryon, des Fürsten von Theben, der wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Athen seit Monaten von Theben abwesend sowie von Tisch und Bett seiner jungen Frau Alkmene getrennt ist.

Amphitryon – Caroline Stolz vergagt Kleists Lustspiel

Das Stücks beginnt unmittelbar als Verwirrspiel, als Amphitryons Diener Sosias (Garry Fischmann) an die Drehtüre kommt, um Alkmene mitzuteilen, dass ihr Gatte sie nach siegreicher Schlacht anderntags besuchen werde: Sosias selber in vierfacher Ausführung (Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer, Christoph Rinke und Bálint Tóth) stellt sich ihm in den Weg, gekleidet wie er in zu kurze Hosen, bräunlich kariertes Sakko und schwarzer Melone auf dem Kopf. Die Hiebe, durch die sie ihn nötigen, anzuerkennen, dass sie und nicht er Sosias sind, sind göttlich choreographiert. Sosias wird durch ein einfaches Fingerschnippen der Vierfachen, begleitet von Comic-Geräuschen wie Zoing! oder Zack! vom Band, durch die Luft geschleudert. Der Witz der gleichförmigen Bewegungen der Viererbande, in die sich der Gott Merkur verwandelt hat, ihr Spiegeln dessen, was Sosias an Bewegungen ausführt, wirkt viel schneller, als der Wortwitz Kleists, der einen langen Atem und deutliche Artikulation benötigt.

Als einer der vier Sosiasse stellt sich dann der Göttervater Jupiter (Christoph Rinke) heraus, der sich eigentlich in Amphitryons Palast befinden müsste, wo er in dessen Gestalt Alkmene (Claudia Hübschmann) verführt; warum das noch immer die Gestalt des Sosias ist, bleibt eines der Rätsel der Regie. Aber Rinke macht das recht lustig in der sich boulevardesk munter drehenden Türe.

Theater Münster / Amphitryon - hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Theater Münster / Amphitryon – hier : Stürmische Heimkehr Amphitryons; mit Bálint Tóth, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Natalja Joselewitsch © Oliver Berg

Die Verwirrung des Sosias wiederholt sich verschärft, als Amphitryon (Jonas Riemer) anderntags tatsächlich nach Hause kommt, dort aber auf den ihm zum Verwechseln ähnlichen Jupiter (Christoph Rinke) trifft, der ihm sein Amphitryon-Sein bestreitet. Als Alkmene entscheiden soll, wer von beiden ihr Gatte ist, kommt erstmals etwas von Kleists Tiefsinn zum Tragen, sprechen Jonas Riemer und Christoph Rinke dessen Jamben angemessen deutlich. Doch Alkmene, die auch in dem Gott nur ihren Gatten geliebt hat, von Claudia Hübschmann aber mehr als laszives Objekt göttlicher und menschlicher Begierde gegeben wird, weiß nicht mehr, wer nun wer ist. Zu den zwischen Jupiter und Amphitryon verhandelten theologischen Spitzfindigkeiten, die alle Unklarheiten beseitigen sollten, entweicht ihr nur ein finales Ach!

Das könnte auch der gesamten vergagten Inszenierung gelten, mit der es Caroline Stolz mehr gelingt, Verwirrung in den Zuschauern zu erzeugen, als an deren eigene Identitäts-Erfahrungen im Sinne von Wer bin ich und wie viele? zu rühren. Aber das Publikum hat viel gelacht und nach eineinviertel kurzweiligen Stunden dem hinreißend spielenden Ensemble herzlichen Beifall gespendet.

Amphitryon am Theater Münster: Die nächsten Termine: 24.5., 1., 14. und 15.6 um 19.30 Uhr, 24.6. 2018 um 19.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Der Liebestrank – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 14.05.2018

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Der Liebestrank – Gaetano Donizetti

 Semperoper und MiR – Vereint im Liebestrank

Von Viktor Jarosch

Gaetano Donizetti (1797–1848) war ein ungewöhnlicher Viel-Komponist: In seiner Schaffenszeit von nur 25 Jahren komponierte er über 70 Opern, Messen, Kantaten, Sonaten. Er formte, in heftiger Konkurrenz mit Vincenco Bellini (1801–1835), eine musikalische Brücke zwischen Gioacchino Rossini und Giuseppe Verdi wie den Weg vom modischen Belcanto zur differenzierenden musikalischen Charakter-Dramatik. Im September 1830, mit seiner 32sten Oper Anna Bolena, Librettist Felice Romani, wurde Donizetti  bekannt. Weitere sechs Opern hatte Donizetti komponiert bis, im Mai 1832, die in drei Wochen entstandene Oper L´Elisir d´amore, Der Liebestrank den wahren Durchbruch brachte. Er wurde weltberühmt. Der Liebestrank gehört seither zu den meist gespielten Werken auf großen wie kleinen Bühnen des Globus. Der große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino und die Belcores © Pedro Malinowski

„Meistermacher“ des Liebestrank war wie bei Anna Bolena, Librettist Felice Romani.  Romani suchte beständig nach neuen Sujets für Donizetti und den schon damals schnelllebigen italienischen Opernmarkt. Das spritzige Libretto des französischen Dramaturgen Augustin Eugène Scribe begegnete ihm; Daniel Auber hatte daraus die in Frankreich erfolgreiche Oper Le Philtre geschrieben. Romani übernahm das Libretto nahezu wörtlich ins italienische, füllte es mit „Buffo-Arien“, welche Donizetti filigran komponierte und instrumentierte: Fertig war L´Elisir d´amore! In einem Monat.  Der folgende große Erfolg überraschte selbst Donizetti.

Belcore, Dulcamara – Bereiter von Lebensvielfalt

Michael Schulz, Regisseur des Liebestrank (NB: Schulz ist auch Intendant des Musiktheater im Revier, MiR) schuf diese Inszenierung zuvor für die Semperoper Dresden; mit Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal. Schulz´ Paradigma der Inszenierung: Die Befreiung richtungsloser, mental gefangener Menschen, Charaktere aus der Einfalt des Lebens, aus selbst-gewählter Beschränkung in eine lebende, farbige, sich zum Besseren ändernde Welt. Nemorino, Belcore, Dulcamara sind in Schulz‘ Inszenierung die Katalysatoren der Veränderung: Facettenreichtum und farbige Kreativität in Choreographie, Bühnenbild und Kostümen schaffen eine mitreißende Inszenierung. Liebestrank in Gelsenkirchen ist so mehr als pausbackige Komische Oper, keine biedere  Opera Buffa, wenn ihn auch Belcanto und Frohsinn prägen.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Dulcamara und sein Rotwein alias Liebestrank © Pedro Malinowski

Dem Besucher begegnet zur Ouvertüre der der alt-keltischen Sage um Tristan und Isolde entstammende Liebestrank:  Mit wagnerianischen Alliterationen, projiziert auf dem Bühnen-vorhang: „Und Tristan trank den trüben Trunk…..“  , welche mit einem irritierenden „Ha?“ endeten. Das erste Bühnenbild beginnt verhalten; es zeigt einen etwas herunter gekommenen Ballsaal, Tische mit Nummernlämpchen, verriegelte Türen und Fenstern: Eine bunte aber richtungslose Gemeinschaft, tanzt, küsst, stolpert, fällt darin, doch merkwürdig ziellos. Es ist eine Gesellschaft, der Freude am Leben, an partnerschaftlichen Beziehungen, an der Farbe in ihrem Leben verloren ging.  Nur der schüchterne, wie verloren wirkende Nemorino wird noch von Gefühlen, Liebe geleitet und betet in seiner ersten  Arie Quanto è bella, quanto è cara !  Più la vedo, e più mi piace ..Welche Schönheit, welche Reize…“,  die  ebenfalls teilnahmslos, abwesend wirkende Adina an: Die gefühlsarme Gemeinschaft dreht Nemorino den Rücken zu, ignoriert ihn, buht ihn aus. Auch Adina nimmt Nemorino nicht wahr, erzählt stattdessen über den Liebestrank:  „Della crudele Isotta, il bel Tristano ardea…. Tief von Isoldens Reizen  war Tristans Herz getroffen“. Man lebt blutlos, freudlos, wie in Trance.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : die Belcores feiern Adina © Pedro Malinowski

Ein wunderbarer Regie-Clou leitet den Wandel der Gemeinschaft zu lebensfrohem, farbigem Leben sichtbar ein: Von magischer Hand geführt schneidet eine Säge eine Öffnung in den Boden. Dieser Öffnung entsteigen, noch in farbloser Malerkluft, Belcore (Michael Dahmen) und acht weiteren Belcores. Auf der Bühne reißen die Belcores ihre Kluft herunter, um mit Helmbusch, prachtvollen Uniformen und mitreißenden Choreographien  (Sebastian Schiller)   reales Leben im Farbe und Sprache zu zeigen: „Keine Frau widersteht dem Anblick eines Helmbusches!“. Ein verloren einsam wirkender Klavierspieler (Askan Geisler) schlurft immer wieder zur Bühnenmitte, um dort Träume in Form eines Luftballons in den Himmel steigen lässt, der kurz darauf zerplatzt auf die Bühne zurück fällt. Doch frohes, neues Leben ist unwiderruflich in die Gemeinschaft zurückgekehrt:  Die Belcores ziehen sich zur Ruhe in ein winziges Zelt zurück, welches beständig verräterisch schaukelt, aus welchem Hände Adinas Bein begrapschen.  Spektakulär verformt sich sodann das Bühnenbild mit dem Erscheinen des Quacksalbers Dulcamara:  Trommelwirbel; der riesige Bug eines Schiffes bricht sich durch die Seitenwand auf die Bühne; aus einer mit glitzernden Lichtern behangenen Türe am Boden des Bugs erscheint Dulcamara: „Kauft meine Medizin….Wollt ihr glatte Haut haben…“. Die noch seelenarme Gemeinschaft horcht…, Nemorino bittet Dulcamara um Tristan und Isoldes Liebestrank.., Belcore erhält einen Marschbefehl..  Ein spektakulär durch die Bühnendecke brechender riesiger Kronleuchter beendet den ersten Akt und zeigt auch, warum diese Produktion in Dresden erfolgreich war.

Der zweite Akt wird dann endgültig zum Stimmenfest, zur herrlichen Oprea Buffa: Ein langer gedeckter Tisch mit viel Spaghetti und Rotwein, an welchem die neun Belcores italienisch ausgelassen Hochzeit feiern während sich Adina sichtbar unwohl fühlt; Nemorino bettelt in seinen Liebesnöten Dulcamara erneut um den Liebestrank; verdingt sich bei den Belcores (abermals mit starker Choreographie)  als Soldat;  nebenan feiern die Frauen Nemorina als reichen Heiratskandidaten: „Ist eine gute Partie“. Pralles wie vielseitiges Leben ist nun allgegenwärtig, sichtbar, spürbar bis zum bekannt guten Ende: der Hochzeit von Nemorina und Adina.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Nemorino wird ob der Erbschaft von Frauen umschwärmt © Pedro Malinowski

Das MiR überrascht erneut: Selbst höchst anspruchsvolle  Opern „stemmt“ das inmitten des Ruhrgebietes liegende, finanziell beschränkte MiR meist mit dem eigenen Ensemble; so auch diesen Liebestrank. Die Koreanerin Dongmin Lee kokettiert als Adina spielerisch mit perlenden, lyrisch sanften wie dramatischen Koloraturen; ist  stimmlicher Höhepunkt des Abends. Mit bleibend ungestresster Natürlichkeit in ihren anspruchsvollen Arien vermittelt Dongmin Lee farbiges italienischen Belcanto voller Menschlichkeit und Charme. Ibrahim Yesilay als Nemorino füllte seine große Partie – schüchtern oder mutig weil voll des Liebestranks – darstellerisch und mit wohl timbrierten lyrischem Tenor; einschließlich der großen romantischen Arie Una furtiva lagrima. Auch Michael Dahmen als Belcore wie Joachim Maaß als Dulcamara überzeugen in ihren Partien darstellerisch wie stimmlich. Lina Hoffmann ist in ihrer stimmlich eher kleinen Partie als Gianetta szenisch wie auffällig präsent. Der große wie viel beschäftigte Chor (Alexander Eberle) klingt stets homogen. Thomas Rimes führt die Neue Philharmonie Westfalen lebendig und mit den differenzierenden Pianos sehr sängerfreundlich.

Musiktheater im Revier / Liebestrank - hier : Premierenapplaus © ioco

Musiktheater im Revier / Liebestrank – hier : Premierenapplaus hier von links Belcore, Adina, Nemorino, Dulcamara und Gianetta © ioco

Das Gelsenkirchener MiR-Publikum feierte Darsteller wie Inszenierung mit großem Beifall: Zum Ende der Vorstellung ohnehin; doch viel umfangreicher in der folgenden MiR-traditionellen Premierenfeier. Zu später Stunde beklatschten dort mehrere hundert Besucher die Ausführungen von Intendant / Regisseur Michael Schulz zu Darstellern und Inszenierung, bei Essen und guten Getränken. Es war deutlich spürbar: Die Besucher feierten nicht nur Darsteller und Inszenierung; sie feierten auch “ihr” MiR.

Der Liebestrank im Musiktheater im Revier: weitere Vorstellungen 19.5.; 27.5.; 1.6.; 3.6.; 23.6.; 24.6.; 7.7.2018

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Wiesbaden, Hessisches Staatsheater, Internationale Maifestspiele 2018, IOCO Aktuell, 12.05.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Internationale Maifestspiele  Wiesbaden 2018

– Die Welt zu Gast in Wiesbaden –

von Ingrid Freiberg

Unter dem Motto Ein Traum voll Lust und Freude veranstaltet das Hessische Staatstheater Wiesbaden vom 30.4. bis 31.5. die Internationalen Maifestspiele 2018: Von Verdis »Maskenball«, der  kulina­risch wie spannend die Festspiele eröffnet, bis zur­ Oper Vom Ende der Unschuld von Stephan Pfeiffer (Das Libretto zitiert Texte von Dietrich Bonhoeffer und aus der Bibel) im Schlachthof, die die Passion der Programmgestalter für Neue Musik weiterführt. Vom Schauspiel bis zum Tanz, von der Performance bis zum Lieder­abend, von Kammerkonzerten und Lesungen bis hin zur Jungen Woche. Die Götterdämmerung, bringt das »Ring«­Projekt des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zum  Abschluss!

“Ein Fest voll Lust und Freude – wir wollen es feiern und doch darüber nicht vergessen, dass wir in Zeiten leben, die gewaltige politische Herausforderungen an uns alle stellen.” so Intendant Uwe-Eric Laufenberg in seiner Begrüßung, zur Vorstellung des unendlich reichen und vielschichtigen Programms 2018. “Während dieser vier Wochen können Theaterbegeisterte aus Nah und Fern renommierte Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt in Wiesbaden ge­nießen. Neben Theatern und Ensembles setzt auch die Junge Woche wieder besondere Akzente,” so Volker Bouffier, Ministerpräsident von Hessen.

Hessisches Staatstheater / Die Antigone des Sophokles - Uwe-Eric Lauferg, Intendant @ Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Antigone des Sophokles – Uwe-Eric Lauferg, Intendant @ Monika Forster

Gala-Aufführungen im Großen Haus / Termine

Ein Maskenball
Eröffnet wurde das traditionsreiche Festival am 30. April 2018 mit der Premiere von Verdis Ein Maskenball unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange und in der Inszenierung von Beka Savic. Adina Aaron singt Amelia, Renato der polnische Tenor Arnold Rutkowski Riccardo und Vladislav Sulimsky vom Mariinsky Theater. Ulrica ist – nach ihren 55 Züricher und Brüsseler Auftritten in dieser Rolle – die kanadische Altistin Marie Nicole Lemieux(Fr, 18. Mai 2018)

Hessisches Staatstheater / Tannhäuser - hier : Sabina Cvilak als Elisabeth und Lance Ryan als Tannhäuser © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Tannhäuser – hier : Sabina Cvilak als Elisabeth und Lance Ryan als Tannhäuser © Monika Forster

Tannhäuser
Die Titelpartie in der neuen Tannhäuser-Inszenierung übernimmt im Mai Klaus Florian Vogt, der diese Partie bereits bei den Opernfestspielen 2017 in München sang.  (So, 27. Mai 2018)

 Arabella
Als Arabella ist die großartige Strauss-Sängerin Maria Bengtsson zu erleben. (Di, 22. Mai 2018)

Der Liebestrank
Pretty Yende,
die im Liebestrank 2017 an der Met New York sang, brilliert als Adina neben Ioan Hotea, Levy Sekgapane und Patrick Carfizzi auch in Wiesbaden.  (So, 20. Mai 2018 / Sa, 26. Mai 2018)

Hessisches Staatsthetaer / Der Liebestrank - hier: Patrick Carfizzi © Karl-Bernd Karwasz

Hessisches Staatsthetaer / Der Liebestrank – hier: Patrick Carfizzi © Karl-Bernd Karwasz

Götterdämmerung
Catherine Foster, Johannes Martin Kränzle, Lance Ryan und Albert Pesendorfer stehen in der Festspielaufführung der »Götterdämmerung« auf der Bühne. (Mo, 21. Mai 2018)

Der Fliegende Holländer
Als »Der fliegende Holländer« kommt Egils Silins in einer weiteren Wagner-Partie nach Wiesbaden.  (Sa, 19. Mai 2018)

Joyce Didonato
»Wenn Joyce singt, wird die Welt heller«, sagt der Komponist Jake Heggie über Joyce DiDonato. Der mit dem Echo Klassik als »Sängerin des Jahres 2017« geehrte Weltstar ist mit seinem bewegenden Programm »In War and Peace – Harmony through Music« Gast in einem Gala-Konzert  (Do, 24.05.2018)

Historie der Maifestspiele

Die Gründung der Maifestspiele basierte auf einer Idee von Richard Wagner, der in (Wiesbaden-) Biebrich zeitweilig Wohnung bezogen und dort Teile seiner Meistersinger komponiert hatte. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein eigenes Festspielhaus zu errichten. Erst später entschied er sich für Bayreuth.

Wilhelm II. wollte es Wagner und dem bayerischen König Ludwig II. nachtun. Er gründete die Kaiserfestspiele in Wiesbaden, deren Protektor und Mäzen er bis 1914 war. Im Mai des Jahres 1896 wurden auf seinen Wunsch erstmals eine Reihe ausgewählter Werke in zweiwöchigen Festspielen aufgeführt. Ein Theater- und Gesellschaftsfest wurde ins Leben gerufen, das schnell zu internationalem Ansehen gelangte und den Ruf Wiesbadens mitbegründete.

Der Monarch finanzierte die Festspiele in großzügigster Weise, verlangte dafür aber auch die Erfüllung aller seiner Wünsche, nahm sogar Einfluss auf die künstlerische Gestaltung. In den ersten Festspieljahren nutzte der Kaiser das Wiesbadener Hoftheater als Huldigungsstätte zu größerem Ruhm des Hauses Hohenzollern. So beauftragte er den Kölner Josef Lauff, eine Tetralogie über die Hohenzollern-Dynastie zu schreiben. Szenischer Luxus, exotische Feerien, malerische Tableaux und kolossale Massenarrangements erregten das Entzücken des Publikums sowie der Presse und entsprachen den Vorlieben des Kaisers.

Zwischen 1867 und 1914 besuchten Wilhelm I. und Wilhelm II. 48 mal die Stadt. Mehrfach galten die Wiesbaden-Besuche dem Zusammentreffen mit befreundeten Herrschern. Die drei “Entrevues” mit Zar Nikolaus II. (1896, 1897, 1903) hatten vornehmlich “familiären” Charakter; politische Themen waren von untergeordneter Bedeutung.

In den 1930er Jahren mündeten die Festspiele unter Hitler in die eher unrühmlichen Gaukulturwochen. Mit dem Untergang des „Dritten Reiches“ wurde das Kapitel der Wiesbadener Maifestspiele zunächst geschlossen.

Bedeutung der Festspiele für Wiesbaden

Durch regelmäßige Kurbesuche des Kaisers blühte die Kurstadt um die Jahrhundertwende auf. In der Wilhelminischen Ära wurden u. a. das Kurhaus, das Theater sowie der Bahnhof errichtet. Die Stadtviertel wurden größer und die Einwohnerzahl Wiesbadens stieg erstmals auf über 100.000 Einwohner.

Kaiser Wilhelm II. besuchte die Stadt regelmäßig zur Sommerfrische. Im Gefolge des kaiserlichen Hofstaates kamen zahlreiche Adlige, Künstler und wohlhabende Unternehmer in die Stadt. Viele von ihnen ließen sich auch nieder. Durch die Anwesenheit des Kaisers und des Berliner Hofes erhielten die Festspiele internationale Bedeutung. Sie wurden zum wichtigsten Kultur- und Finanzfaktor der Bäderstadt.

In der Kaiserzeit expandierte der Zeitungsmarkt. Es gab eine große Nachfrage nach bunten privaten Geschichten. Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses war Wilhelm II. genau der Richtige. Die Medien und der Kaiser hatten sich gefunden… Wiesbadener Tageszeitungen ließen bis kurz vor Redaktionsschluss Raum, um die Ankunft hochrangiger Gäste – oft  Entourage von Wilhelm II. – zeitnah anzuzeigen. Durch die Angabe, in welchem Hotel die Persönlichkeiten abgestiegen waren, entstand eine Art Partnerbörse für galante Abenteuer, Ehen wurden angebahnt.

Spielbank, Hotels (an die heimischen Thermalquellen angeschlossen), Restaurants, Geschäfte und Gewerbetreibende profitierten vom kaiserlichen Besuch. So bekam z. B. die Firma Adrian, die das gesamte Gepäck des Hofstaates einschließlich des Silbers für die festliche Tafel zu transportieren hatte, 1914 den Titel “Hofspediteur seiner Majestät”.

Internationale Maifestspiele Wiesbaden / Der Tod eines Handlungsreisenden - hier : Ulrich Matthes © Arno Declair

Internationale Maifestspiele Wiesbaden / Der Tod eines Handlungsreisenden – hier : Ulrich Matthes © Arno Declair

Neugründung der Festspiele

1950 wurden die Festspiele als Internationale Maifestspiele neu gegründet: statt national nun international! Das Besondere dieser nach Bayreuth ältesten deutschen Festspiele sind die repräsentativen Gesamtgastspiele aus vielen Ländern. Oper, Ballett und Schauspiel, Produktionen für Kinder und Jugendliche sowie für Freunde der musikalischen Moderne stehen auf dem Programm. Im Jahr 1952 zählte das Festival zu den Gründerorganisationen der European Festivals Association.

Während der alle zwei Jahre veranstalteten Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“, die seit dem Jahre 2008 in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Mainz stattfindet, werden innerhalb des zehn Tage andauernden Festivals Inszenierungen von neuen Theaterstücken in der Originalsprache gegeben und für die Zuschauer ins Deutsche übersetzt.

Die Internationalen Maifestspiele bilden in jedem Jahr den Kulturhöhepunkt der Stadt Wiesbaden, das Festival lädt die Welt ein und bietet einem internationalen Publikum die Begegnung mit der Landeshauptstadt Wiesbaden und dem Land Hessen.

Einladung

Eines der schönsten Theater in Deutschland  begrüßt seine Festspielbesucher – immer noch kaiserlich anmutend – mit Bediensteten in Livree. Die Abendgarderobe ist im Vergleich zu dieser liebenswürdig altmodischen Geste weitaus moderner. Sah man in den 60er- und 70er Jahren fast ausschließlich lange Abendkleider, kann man nun eine bunte Vielfalt bewundern – oft den Farben des Monat Mai entsprechend, der sich in Wiesbaden mit seinen blütenreichen Parkanlagen besonders herrlich präsentiert…

Ist es gelungen, Sie zu einem Besuch der Internationalen Maifestspiele zu verlocken?

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