Biel, Kongresshaus Biel, Sinfonie Orchester Biel – Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik 28.10.2020

Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Kongresshaus Biel © ctsbiel-bienne.ch / Stadt Biel

Sinfonie Orchester Biel Solothurn  –  Piotr I. Tschaikowsky, Dmitri Schostakowitsch

Réflexions russes – Konzert vom  14. Oktober 2020

von Julian Führer

Das Kongresshaus Biel (auch Palais des Congrès de Bienne, denn wir befinden uns genau an der Grenze der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz) wurde in den sechziger Jahren vom Architekten Max Schlup entworfen und 2000-2002 unter der Federführung von Rolf Mühlethaler erneuert. Ein Bau im Stadtzentrum mit großer Freifläche am Eingang, der viele Möglichkeiten bietet und unter anderem einen für Konzerte geeigneten Raum enthält. Von Foyer kann man ins Schwimmbad sehen (aufgrund von Spiegelungen durchaus nicht ohne Zauber), viel Glas sorgt für Transparenz. Der Konzertsaal bietet bis zu 1200 Menschen Platz; angesichts der aktuellen Situation wurde diese Marke nicht ganz ausgeschöpft, aber das Konzert war durchaus gut besucht.

Auf dem Programm standen gemäß Ankündigung Réflexions russes, zunächst das Violinkonzert D-Dur von Piotr Iljitsch Tschaikowsky op. 35, gespielt von der jungen Violinistin Liya Petrova auf einem 1737 von Carlo Bergonzi erbauten Instrument. Dieses Konzert komponierte Tschaikowsky innerhalb weniger Wochen des Jahres 1878 bei einem Erholungsaufenthalt in der Schweiz, gar nicht weit entfernt von Biel am Genfer See.

Das Orchester saß auf einem Podium, gegenüber dem Publikum leicht erhöht. Die Streicher trugen Maske, von den Bläsern durch Plexiglasscheiben getrennt. Diese Disposition machte sich gleich bei Beginn störend bemerkbar, denn natürlich war der Bläserklang gerade im Holz durch die Abtrennung gedämpft, mitunter dumpf. Bläsersätze hatten eine Färbung, die fast an den Mischklang bei den Bayreuther Festspielen denken ließ, allerdings mit gefährlichen Folgen für die Transparenz. Die Solistin hingegen spielte mit schönem rundem Ton, insbesondere die Kadenz war zugleich technisch brillant und klanglich überzeugend, ebenso die zwischendurch extrem hohen Töne, die völlig rein intoniert waren. Bei leisen Passagen musste sie gegen die recht laute Lüftungsanlage des Kongresshauses anspielen, auf der anderen Seite verfügt der Saal über einen deutlichen Nachhall, ohne aber ‚Klangbrei‘ zu verursachen, und dient so der Entfaltung der Musik.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Das Orchester begleitete zuverlässig und effektvoll, wie es sich für Tschaikowskys Konzert wohl auch gehört, mit deutlichem accelerando gegen Ende des ersten Satzes. Die Canzonetta des zweiten Satzes ließ Liya Petrova noch mehr Raum zur Gestaltung, den sie sehr überzeugend nutzte. Auch wenn im zweiten Satz die Bläser dann doch passagenweise etwas stark hervorstachen, gehörte dieser Mittelteil eindeutig dem Soloinstrument. Im Schlusssatz erinnerte das Blech an das Ende der vierten Symphonie Tschaikowskys, im Kopfsatz bereits einige rhythmische Passagen an die bekannten Ballettmusiken des Komponisten. In der Rondoform wurden musikalische Situationen variiert, die der Künstlerin immer wieder erlaubten, ihre Vielseitigkeit zu demonstrieren. Das Publikum applaudierte sehr herzlich, und nicht nur in Biel wäre es schön, Liya Petrova noch oft und auch mit anderen Werken zu hören.

Nach der Pause erklang ein ganz anders gefärbtes Werk, die Symphonie Nr. 11 g-Moll op. 103 „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch. Diese etwa eine Stunde lange Symphonie fordert vom Orchester viel Energie und Durchhaltevermögen und vom Dirigenten viel Umsicht und eine Disposition, die das Werk weder zerfasern lässt noch zu früh auf dynamische Effekte setzt, die danach nicht mehr gesteigert werden können. Schostakowitsch selbst verehrte unter seinen russischen Vorgängern vor allem Modest Mussorgsky, die Bezüge zu Tschaikowsky sind weit weniger deutlich. Yannis Pouspourikas verfolgte eine Lesart, die derjenigen von Andris Nelsons recht nahesteht, welche in Konzerten zu hören war. IOCO berichtete dazu, link HIER. und auch auf CD dokumentiert ist. Anders als Joshua Weilerstein in Zürich und Vladimir Jurowski in Dortmund verzichtete Pouspourikas darauf, der Aufführung noch einen gesprochenen Warnhinweis voranzuschicken.

Das Orchesterpodium war voll, dennoch war die Besetzung mit drei Kontrabässen, fünf Bratschen und Celli und nur einer Harfe schmal. Es sollte sich aber zeigen, dass das Klangvolumen auf die Raumdimension perfekt abgestimmt war und die eher schmale Besetzung insgesamt kein Nachteil war. Als deutlich störender erwies sich abermals die Plexiglasscheibe (siehe Foto oben) zwischen Streichern und Bläsern, da auch das Schlagwerk hinter der Trennung aufgestellt war und die ersten leise drohenden Schläge der Pauke im Publikum nicht gut zu hören waren. Die Trompete und das Horn hingegen, die sich über den sehr leisen Streicherteppich des ersten Satzes erheben, waren fast eine Spur zu laut – ebenso wie der Fotograf, der während des Konzertes von verschiedenen Stellen des Saales aus seine Arbeit tat. Dennoch: Die lastende Atmosphäre, der scheinbare musikalische Stillstand des ersten Satzes mit Anklängen an Lieder der Zarenzeit wurden deutlich, das Publikum hörte konzentriert zu.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn - hier:  die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn – hier: die Violonistin Liya Petrova © Rodrigo Carrizo Couto

Der zweite Satz, „Der 9. Januar“, illustriert eine Demonstration im Jahre 1905, die von Truppen des Zaren niedergeschossen wurde, eine im Uraufführungsjahr 1957 und auch 2020 noch überraschende, packende, aber auch erschütternde Gewaltorgie. Yannis Pouspourikas ging den Satz sehr schnell an, nahm aber die Instrumentengruppen immer rechtzeitig zurück, gestaltete überzeugende Crescendi und Decrescendi in Posaunen und Kontrabasstuba, ließ die Bläser insgesamt betont rau aufspielen, und die wenigen Kontrabässe ließen dennoch den Saal vibrieren. Auch die große Trommel sorgte für Druck, bevor dann die eigentliche Eruption kam, eine Salve der kleinen Trommel, vor der viele Dirigenten eine Generalpause setzen. Nicht so Pouspourikas, der das Trommelsignal als Auslöser für eine Beschleunigung der Tempi nahm. Starke Streicherakzente konstrastierten mit der – durch die Plexiglasscheibe wieder zu stark gedämpften – Pauke. Die dynamischen Aufgipfelungen dieser Szene waren beeindruckend und blieben stets dem Raumvolumen angepasst. Auf das Dröhnen des vollen Orchesters folgen abrupt ruhige Streicherfiguren, ein Zitat aus dem ersten Satz, nun aber mit einem leisen Flirren unterlegt, das erst hörbar wird, wenn der Nachhall des Orchesters verschwunden ist und sich die Ohren der Zuhörer wieder an leisere Stellen gewöhnen.

Der dritte Satz, „Ewiges Gedenken“, ist zunächst ein Trauergesang, der von den Bratschen unisono angestimmt wird. Die Atmosphäre war auch im weiteren Verlauf kammermusikalisch, fast wie bei einem Streichquartett (einem Genre, das Schostakowitsch durch nicht weniger als 15 eigene Beiträge bereichert hat und das ihm also bestens bekannt war). Im Mittelteil bricht sich aber in scharfen Dissonanzen und mit großer Trommel und Tamtam eine sehr viel lautere Art der Trauer Bahn, und der Charakter des Satzes wurde vom Dirigenten Yannis Pouspourikas durch eine Beschleunigung sehr viel dramatischer gestaltet. Die folgende Reprise des Bratschen-Unisono, noch etwas zurückhaltender als zu Beginn des Satzes, schuf eine gespenstisch zurückhaltende Stimmung.

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Kongresshaus Biel / Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit Dirigent Yannis Pouspourikas © Rodrigo Carrizo Couto

Der letzte Satz, „Sturmgeläut“, beginnt mit einem Bläsersignal, das Pouspourikas ähnlich wie Andris Nelsons zunächst seltsam gebremst vortragen ließ, bevor er dann über anziehende Tempi in den Streichern das von Schostakowitsch vorgegebene Metronommaß anschlug. Gerade im Schlusssatz hat der Komponist mehrere Kampflieder der russischen Arbeiter und speziell der Bolschewiki verwendet, die einem sowjetischen Publikum der fünfziger Jahre sofort präsent waren, heute den meisten Zuhörern, zumal einem westlichen Publikum erst erläutert werden müssen. Die „Warschawjanka“ wird doch eine marschartige Führung der Streicher eingeleitet, in Biel fast stampfend vorgetragen. Mehrere Kampfmelodien und Motive der ersten Sätze werden ineinander verwoben, bis es zu einer Aufstauung mit großer Trommel, Becken und Tamtam kommt – mit anschließender Rückkehr zum Nullpunkt der Symphonie, den ruhigen Streichern des ersten Satzes, über denen sich nun eine lange, elegische Melodie des Englischhorns erhebt, an diesem Abend sehr überzeugend und klangschön zu hören. Der Schluss, durch dumpfe Schläge und hektische Figuren der Bassklarinette beschleunigt, ist laut, durch Glocken verstärkt, und stürzt einem Ende entgegen, das allerdings auf keine Kadenz, keinen Schlussakkord zusteuert, sondern quasi mitten im Satz abreißt (ähnlich wie in Schostakowitschs Fünfter Symphonie).

Nach sekundenlanger Stille applaudierte das Publikum zunehmend begeistert, und Yannis Pouspourikas ließ die einzelnen Instrumentengruppen verdientermaßen hochleben. Hervorzuheben sind neben den perfekt harmonierenden Posaunen und Kontrabässen auch das erste Horn, Englischhorn und Bassklarinette, allerdings leider nicht die Trompetengruppe, in denen sich falsche Noten und ‚Kiekser‘ häuften, wozu im vierten Satz noch ein falscher Einsatz kam. Das Orchester dankte seinem Dirigenten für diese gemeinsam erreichte Leistung seinerseits mit Trampelapplaus, ein gutes Omen für die Zukunft, denn Yannis Pouspourikas wird mit der Saison 2022/2023 neuer Chefdirigent  des Sinfonie Orchester Biel Solothurn und Direktor Konzerte von Theater Orchester Biel Solothurn. 

—| IOCO Kritik Sinfonie Orchester Biel Solothurn |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere DER BARBIER VON SEVILLA, 01.11.2020

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

DER BARBIER VON SEVILLA
Komische Oper in zwei Akten von Gioacchino Rossini

Premiere am 01.11.2020
WHITE-WALL-OPER

Aufgrund unseres ausgefeilten Sicherheits- und Hygienekonzeptes ist es uns möglich, den Spielbetrieb bis auf Weiteres wie geplant fortzusetzen. Denn wie sagte eine Zuschauerin unlängst: »Man kann sich nirgends sicherer fühlen als im Theater!« Dennoch beobachten wir die Pandemieentwicklungen genau und aktuell mit großer Sorge. Gleichzeitig sind wir aber dank der positiven Resonanz unseres Publikums auch voller Zuversicht und freuen uns, an dieser Stelle auf die Premiere der dritten White-Wall-Oper am Sonntag, den 1. November 2020 hinzuweisen.

Schließlich handelt es sich bei »Der Barbier von Sevilla« um eine der erfolgreichsten Musikkomödien der Operngeschichte. Nicht zuletzt dank ihres Tempos, ihres subtilen Humors und ihren überraschenden Wendungen ist die Oper bis heute aus dem Repertoire nicht mehr wegzudenken.

Unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy erklingt die reduzierte Orchesterfassung von Gerardo Colella. Die von Ernesto Lucas handgezeichneten Illustrationen aus Tuschezeichnung und Aquarell erwecken das bunte Treiben in Sevilla zum Leben. Die junge Regisseurin Maren Schäfer bedient sich in ihrer ersten Regiearbeit für das Nationaltheater Mannheim bei den Charakteren und Typen der italienischen Komödie. Zudem stellt sie Rosina in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung, die sich aus ihrer Gefangenschaft befreit und beginnt, ihr eigenes Leben zu leben.

Musikalische Leitung: Alexander Soddy | Nachdirigat: Elias Corrinth | Regie: Maren Schäfer | Illustration: Ernesto Lucas | Animation und Videoproduktion: Eric Guémise | Videotechnik: Carl-John Hoffmann | Bühne: Anna-Sofia Kirsch | Kostüme: Charlotte Werkmeister | Licht: Nicole Berry | Chor: Dani Juris | Choreografische Mitarbeit: Luches Huddleston jr. | Dramaturgie: Deborah Maier

Besetzung: Graf Almaviva: Juraj Hollý | Bartolo, Doktor der Medizin: Bartosz Urbanowicz | Rosina, dessen reiches Mündel: Shachar Lavi | Figaro, Barbier: Ilya Lapich | Basilio, Rosinas | Musiklehrer: Sung Ha | Berta, Bartolos alte Dienerin: Estelle Kruger | Ein Offizier: Hyun-Seok Kim

Mit dem Nationaltheater-Orchester und den Herren des Opernchor

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Mainz, Staatstheater Mainz, HÄNSEL UND GRETEL – Premiere, 07.11.2020

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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

HÄNSEL UND GRETEL –   Engelbert Humperdinck

Premiere am 7. November um 19.30 Uhr – halbszenisch

Eigentlich sollte Engelbert Humperdinck nur einige Textpassagen des Märchenspiels Hänsel und Gretel, das seine Schwester Adelheid Wette – basierend auf dem Märchen der Brüder Grimm – für eine Vorführung in der Familie geschrieben hatte, vertonen. Auf begeistertes Anraten der Verwandten aber entwickelte sich das kleine Projekt in der Folge zuerst zu einem Singspiel und schließlich zu einer abendfüllenden Oper über die Geschichte der Geschwister Hänsel und Gretel.

In ärmlichen Verhältnissen aufwachsend, werden sie aus Not von ihrer Mutter in den Wald zum Beerenpflücken geschickt. Dort begegnen sie allerdings nicht nur Sand- und Taumännchen, sondern auch der Hexe, die unzähligen Kindern bereits einen Schauer über den Rücken gejagt hat.

In spätromantischem Gestus komponierte Humperdinck eine Märchenoper, die sich voller Klangreichtum immer wieder hin zu Volksliedern wie Brüderlein, komm tanz mit mir!, Ein Männlein steht im Walde oder Suse, liebe Suse verjüngt, um danach das Orchester erneut in allen seinen Farben aufblühen zu lassen und Alt und Jung zum Träumen verleitet.

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Szenische Einrichtung und Ausstattung: Erik Raskopf
Licht: Stefan Bauer
Kinderchor: Jutta Hörl und Karsten Storck
Dramaturgie: Christin Hagemann
Peter, Besenbinder (Vater): Peter Felix Bauer
Gertrud (Mutter): Linda Sommerhage
Hänsel: Solenn´ Lavanant-Linke
Gretel: Maren Schwier
Knusperhexe: Alexander Spemann
Sandmännchen: Yuuki Tamai
Taumännchen: Heejoo Kwon
Mainzer Domchor und Mädchenchor am Dom und St. Quintin
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
weitere Vorstellungen: 16., 20.11. sowie 10., 18. und 27.12.2020

—| Pressemeldung Staatstheater Mainz |—

Erfurt, Theater Erfurt, Der Schauspieldirektor – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 25.10.2020

Oktober 24, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Erfurt

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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der Schauspieldirektor – Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart

„Der Schauspieldirektor“ in Erfurt kommt vom Bauhaus in Weimar

von Hanns Butterhof

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

In Corona-Zeiten mit hygienebedingt kurzer Aufführungsdauer schlägt die Stunde für kleinere, sonst eher selten auf der Bühne erlebbarer Stücke. Der Schauspieldirektor, das einaktige Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart von 1786 gehört unbedingt in diese Kategorie. Musikalisch bis auf die Ouvertüre wenig ergiebig, mit nur vier Gesangsnummern von insgesamt zwanzig Minuten und einem von Gottlob Stephanie d.J. erstellten, heute bestenfalls noch museal verwendbaren Text gilt Der Schauspieldirektor als minderes Werk Mozarts und nicht unbedingt als ein Publikumsmagnet. Dass dem nicht notwendig so sein muss, zeigt die glänzende Aufführung am Theater Erfurt. Die Spielfassung durch Regisseur Cristiano Fioravanti und Dramaturgin Larissa Wieczorek spannt zwanglos Corona, Regietheater, die prekäre Lage der Schauspieler sowie Kritik an der Moderne witzig zusammen und hat allen Beifall verdient, den das Premierenpublikum langanhaltend spendete.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt
youtube Trailer Theater Erfurt
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Aus dem Einakter ist in Erfurt wie auch schon anderswo ein zweiaktiges Werk geworden. Sein erster Teil besteht aus der Probe zu Der Schauspieldirektor, der dann im zweiten Teil zur Aufführung kommt. Für den Musikanteil des ersten Aktes, für den das Orchester mit Myron Michailidis am Pult den hinteren Bühnenraum einnimmt, werden andere Opernwerke Mozarts bemüht. Düster und überraschend erklingt als Ouvertüre eine Partie aus Don Giovanni, die erste Arie des Baritons (Juri Batukov) ist aus Figaros Hochzeit, wobei er beim „Fünfe, zehne, zwanzig“ -Zählen mit ausgestreckten Armen und ausgeklappten Metermaß-Stäben urkomisch die amtlich vorgeschriebenen Sicherheitsabstände demonstriert. Wenn die Soprane (Leonor Amaral und Daniela Gerstenmeyer) Arien aus Così fan tutte und La finta semplice, der Tenor (Brett Sprague) aus Mitridate singen, ruft das schon keine Verwunderung mehr hervor.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht der titelgebende Schauspieldirektor Frank (Stefan Wey). Wenn er zur Ouvertüre wie ein vom Storch gebrachtes Neugeborenes ganz in Weiß (Ausstattung: Anja Wandt) aus einem großen Wickeltuch steigt, ist von ihm absolut Neues, vielleicht auch etwas an der Grenze zum Unbedarften zu erwarten.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier - Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier – Stefan Wey ist der despotische Schauspieldirektor © Lutz Edelhoff

Für die Probe räumt die – von der Regie dazuerfundene – Regie-Assistentin Cristina (Bettina Brezinski) zwei gestufte Podest-Gerüste für die Sänger auf die Bühne. Der nun in die existenzialistisch-schwarze Lieblingsuniform des Theaterschaffenden gekleidete Regisseur Frank führt sich am Regiepult davor als mieser Regie-Despot auf. Er versucht dem Ensemble seine Idee vom Theater als Raum-Bewegungs-Musik-und-Licht-Gesamtkunstwerk nahezubringen. Klingt gut, ist allerdings so leer und abstrakt, dass ihn keiner versteht. Vielmehr setzen die Sänger seine Anweisungen umwerfend komisch in puren Unfug um, woraufhin er sie übel als faul und unfähig beschimpft. Schließlich entlässt er rüde die überforderte Cristina, die auch nicht weiß, was seine Ideen meinen oder gar, wie sie dem Ensemble zu vermitteln wären. Dem folgt eine deutlich utopisch-zukunftsweisende Aktion: Alle solidarisieren sich mit der gefeuerten Cristina und brechen die Probe, vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Frank ab; er taucht nicht wieder auf.

Die Probe erweist sich als Kritik des real existierenden Theaterbetriebs mit cholerischen Regisseuren, prekären Arbeitsverhältnissen und dadurch angestacheltem Konkurrenzdruck der Künstler. Die eine Sopranistin (Daniela Gerstenmeyer) buhlt mit Anpassung an den Regisseur, die andere (Leonor Amaral) kämpft mit Verve um ihr Engagement; das Terzett „Ich bin die erste Sängerin“, in dem sich die beiden in Stellung bringen, ist psychologisch und mit seiner überschäumenden Flut von Koloraturen das Glanzstück der Aufführung.

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor - hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Theater Erfurt / Der Schauspieldirektor – hier : Wie im „Triadischen Ballett“ von Oskar Schlemmer, vl Daniela Gerstenmeyer als Sopran, Juri Batukov als Bariton, Brett Sprague als Tenor und Leonor Amaral als Sopran © Lutz Edelhoff

Der zweite Teil spielt nach fünf Wochen. Überraschend erklingt jetzt das Original der Ouvertüre zu Der Schauspieldirektor, der dann noch die dazugehörigen Gesangsnummern folgen. Erstaunlicher ist aber, dass Frank sein Regiekonzept anscheinend doch durchgesetzt hat. Die beiden abstrakten Bühnenpodeste der Probe sind jetzt weiße Kuben, und das Gesangsensemble ist kostümiert. In den bonbonbunten, geometrischen Figuren wie Kreis, Quadrat oder Dreieck entlehnten Kostümen singen und bewegen sich alle mechanisch wie Spielzeug-Blechfiguren auf geraden Linien oder in rechten Winkeln nach dem Muster des 1928 uraufgeführten Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer. Das moderne Neue, das Franks Auftritt versprach, erweist sich als Entseelung und Mechanisierung und findet im Umgang des Regisseurs mit seinen Schauspielern die genaue Entsprechung. Der Schauspieldirektor Frank kommt deutlich vom Bauhaus in Weimar.

Alles passt sauber zusammen als Kritik an einer das Menschliche hintansetzenden Moderne, auf die Corona ein grelles Schlaglicht wirft. Das ist von Cristiano Fioravanti ohne erhobenen Zeigefinger rein sinnlich erlebbar inszeniert, vom Ensemble überzeugend gespielt und gesungen und vom Philharmonischen Orchester Erfurt unter Myron Michailidis in einen gefälligen Mozart -Ton eingebettet. Dieser Schauspieldirektor ist mit seinen siebzig Minuten Spieldauer, in deutscher und italienischer Sprache mit Übertitelung, umfassend sehens- und hörenswert und wurde vom Premierenpublikum ausgiebig und mit Bravos gefeiert.

Der Schauspieldirektor am Theater Erfurt; die weiteren Vorstellungen 24.10.; 20.11.; 13.12.2020 und mehr

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