Linz, Landestheater Linz, Musical Betty Blue Eyes – George Stiles, IOCO Kritik, 26.05.2018

Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

BETTY BLUE EYES – Das Musical mit dem Schwein – George Stiles

Von Marcus Haimerl

Im Jahr 1947 ist das Nachkriegs-England geprägt von Lebensmittelknappheit und Arbeitslosigkeit und die BBC verkündet nicht nur die bevorstehende Vermählung von Prinzessin Elizabeth und Philip Mountbatten, sondern auch eine weitere Verschärfung der Lebensmittelrationierungen.

Das Ernährungsministerium schickt Inspektor Wormold in das beschauliche Städtchen Shepardsford, um die Rationalisierungsmaßnahmen zu überprüfen. Der örtliche Fußpfleger Gilbert Chivers leidet nicht nur unter der Lebensmittelknappheit, sondern auch unter seiner Gattin, der nach Höherem strebenden Joyce und den Gemeinheiten seiner Schwiegermutter. Sein größter Wunsch – ein Laden am Platz – wird ihm von den drei Herren vom Stadtrat, dem Arzt Swaby, dem Steuerberater Allardyce und dem Anwalt Lockwood versagt. Kurzerhand beschließt das Ehepaar Chilvers das illegal gemästete Schwein der drei Herren, welches bei einem Bankett anlässlich der Vermählung von Prinzessin Elisabeth mit Philip Mountbatten verspeist werden sollte, zu entführen. Und hier beginnt der eigentliche Wahnsinn.

Landestheater Linz / Betty Blue Eyes -hier : Ensemble zur Hochzeit von Prinzessin Elizabeth und Lord Mountbatten © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Betty Blue Eyes -hier : Ensemble zur Hochzeit von Prinzessin Elizabeth und Lord Mountbatten © Reinhard Winkler

Das von Allardyce liebevoll nach der Thronfolgerin Betty getaufte Schwein ist nicht totzukriegen und die Klavierschülerin Veronica verrät dem Stadtrat das Versteck. Was Gilbert nicht gelang, soll Fleischhauer Nutall gleich im Haus erledigen und als beim lang ersehnten Bankett „Schwein royal en croute“ auf den Tisch kommt, taucht Insepektor Wormold auf und entlockt der Gesellschaft eine Menge Geständnisse…

Basierend auf dem Handmade-Film A Private Function („Magere Zeiten“) mit Maggie Smith und Michael Palin schufen George Stiles (Musik), Anthony Drewe (Gesangstexte), Ron Cowen und Daniel Lipman (Buch) ein Erfolgsmusical, welches im Februar im Linzer Musiktheater die deutsche Erstaufführung feierte. Der deutsche Regisseur Christian Brey setzte das Stück in Szene, Bühne und Kostüme lagen in Händen von Anette Hachmann, die für diese Produktion eine Drehbühne mit einer Collage aus Werbeplakaten schuf. Das 2011 in London uraufgeführte Musical besticht durch sehr eingängige Swing- und Ragtime-Melodien, welche von der Band Black Beauty and Friends unter der musikalischen Leitung von Tom Bitterlich schwungvoll dargebracht werden. Zu eben jenen Ohrwürmern zählen unter anderem „Zauberhände“, Betty Blue Eyes und bei „Schwein, kein Schwein“ kann vor allem April Hailer (Mutter) mit einer großen Portion Slapstick richtig punkten. Neben ihr gehen die meisten Lacher auch an Riccardo Greco als leicht verhaltensgestörter Fleischinspektor Wormold. Kristin Hölck (Joyce Chilvers) begeistert mit ausdrucksstarker Stimme ebenso wie der unter ihrem Pantoffel stehende Gatte Rob Pelzer (Gilbert Chilvers).

Landestheater Linz / Betty Blue Eyes - hier : Ensemble © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Betty Blue Eyes – hier : Ensemble © Reinhard Winkler

Großartige Leistung auch vom restlichen Ensemble, allen voran Jonathan Agar als Steuerberater Henry Allardyce und Peter Lewys Preston als Anwalt Francis Lockwood, sowie Christian Fröhlich als Fleischhauer Nuttall und Ariana Schirarsi-Fard (Mrs. Metcalf, Mrs. Tillbrook). Das entzückende, mit großen Augen klimpernde Schwein Betty (Puppe) wurde von der Schauspielerin Lynsey Thurgar gekonnt bedient.

Das Publikum zeigte sich begeistert und für Fans dieses schweinischen Musicals erschien gerade die CD dieser Produktion mit allen Hits. Es ist dies die dritte Produktion nach Tommy (von The Who) und Ghost – Nachricht von Sam.

Betty Blue Eyes am Landestheater Linz:  Weitere Vorstellungen  26.5.; 27.5.; 5.6.; 6.6.; 8.6.; 10.6.; 11.6.; 16.6.2018 und merh….

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Innsbruck, Tiroler Landestheater, RIENZI – Frühoper von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.5.2018

Tiroler Landestheater und Symphonieorcheter Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

Tiroler Landestheater Innsbruck © Landestheater

RIENZI  –  Richard Wagner

– Tödliche Unentschiedenheit –

Von Hanns Butterhof

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

An Gefahr und höchster Not ist in Richard Wagners früher Oper Rienzi wahrhaft kein Mangel. Die mörderische Anarchie fürstlicher Geschlechter im Rom des 14. Jahrhunderts bringt als Retter den populistischen Tribunen Rienzi hervor. Ihm bringt in der Aufführung des Tiroler Landestheaters Innsbruck seine Unentschiedenheit zwischen persönlichen und politischen Motiven, zwischen republikanischen Idealismus und narzisstischer Machtgier den Tod. Tödlich ist die Unentschiedenheit auch für den adeligen Adriano, der zwischen der Liebe zu Rienzis Schwester Irene und der Loyalität seiner Familie gegenüber schwankt. Er ist die anrührendste Figur der Oper.

In Innsbruck spielt der sinnvoll auf dreieinviertel Stunden eingekürzte Rienzi in einer unbestimmten Gegenwart. Thomas Döfler hat dafür eine sehr bewegliche, rasche Umbauten erlaubende Bühne gebaut. Mit der Anlehnung an sich gegenüberstehende Burgen der Adelsfamilien drückt sie ebenso die Zerfallenheit Roms in Adel und Plebejer aus, wie sie mit Prunktreppe den Aufstieg zum römischen Kapitol und die Machtarchitektur des faschistischen Italien zitiert. In die Gegenwart weisen auch die abwechslungsreichen Kostüme Antje Adamsons, die das Volk mal in grauer Arbeitskluft, mal im Feststaat, die Adelsfamilien als Mafia-Clans im Maßanzug und Rienzi zunehmend prächtiger gekleidet zeichnet.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagne -  hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagne – hier : Rienzi im Machtwahn, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Regisseur Lukas Beikircher hat nicht nur das Museale, sondern auch die Aktualisierung mit Warlords oder Populisten vermieden, zu naheliegend ist Rienzi eine politische Figur von heute. Er ist der starke Mann, der wieder Ordnung im Staat schafft und dem Gesetz wieder zu Geltung verhilft.

Dass ein solcher Mann notwendig ist, steht nach den ersten Szenen der Oper außer Frage. Die beiden herrschenden Adelsgeschlechter Roms, die Colonna und Orsini, machen, was sie wollen. Sie streiten darum, wer von ihnen Irene (Josefine Weber), die Schwester Rienzis, entführen und vergewaltigen darf. Erst der schon im Habit eines Revolutionärs mit umgehängten Patronengurten vom Volk erhobene Rienzi (Marc Heller) vermag sie von ihrem schändlichen Tun abzubringen. Dass die beiden Clans die Stadt verlassen, um ihre Streitigkeiten vor den Toren auszutragen, nützt Rienzi, gestützt auch vom päpstlichen Legaten (Unnsteinn Árnason), zum Aufstand.

Seinen Untergang bereitet er selber mit einem politischen Fehler vor. Er schließt Frieden mit den Adeligen, die aber nicht im Traum daran denken, sich der Republik zu ergeben. Vielmehr versuchen sie, Rienzi bei der Friedensfeier zu ermorden, und greifen, nachdem er sie gegen den Volkswillen begnadigt hat, Rom an. Für die großen Verluste der Verteidiger gibt das Volk Rienzi die Schuld. Die zusätzlich durch Verleumdung aufgewiegelten Massen, die verletzt und unzufrieden vor dem Kapitol lagern, setzen den Regierungssitz in Brand und steinigen den auch von der Kirche verlassenen Tribun. Im Sterben verflucht Rienzi nicht sein undankbares, wankelmütiges Volk, sondern kündigt prophetisch seine Wiederkehr an – wie hat er recht.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi und Irene, immer Seite an Seite, Marc Heller und Josefine Weber © Tiroler Landestheater Innsbruck

Doch Beikirchner will Rienzi deutlich nicht als Helden darstellen, dessen politische Wiedergänger gar erhofft wären. So zieht er schon zur Ouvertüre eine zweite, psychologische Ebene ein, die zum Einverständnis mit Rienzis Sturz führen soll. Eine stumme, von Wagner nicht vorgesehene Szene wirft ein trübes Licht auf seine Antriebe. Erstrebte er einmal die Macht, um seinen Bruder rächen zu können, der von einem Mitglied der Colonna-Sippe ermordet wurde, so hat dieser Mord nur die Schleusen seiner manifesten Machtgier geöffnet. Riesengroß wirft eine Projektion Napoleons im purpurnen Herrscher-Ornat mit dem goldenen Cäsaren-Lorbeer auf dem Haupt ihren Schatten auf Rienzi, und noch im Untergang rafft er Lorbeerkranz und Purpurmantel an sich. Die Inszenierung nimmt so die Perspektive der Verleumdung ein, die schließlich zu Rienzis Sturz führt.

Es braucht den ersten, überhaupt etwas sperrig die Situation eröffnenden Akt, bis der amerikanische Tenor Marc Heller mit festem, männlichen Heldentenor trotz seiner Anfechtungen durch die Machtgier von seinem republikanischem Idealismus überzeugt. Die anstrengende Partie gipfelt in seinem hymnischen, zu Herzen gehenden Gebet „Allmächt’ger Vater“  im letzten Akt.

Josefine Weber als Rienzis Schwester Irene steht mit jugendlich strahlendem Sopran allzeit fest an der Seite ihres Bruders und wird auch durch ihre Liebe zu dem jungen Colonna-Sprössling Adriano in ihrer Treue nicht schwankend. Am Ende teilt sie Rienzis schauriges Schicksal.

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner - hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Tiroler Landestheater Innsbruck / Rienzi von Richard Wagner – hier : Rienzi, Marc Heller und Statisterie © Tiroler Landestheater Innsbruck

Adriano, den Jennifer Maines darstellerisch und gesanglich mit beweglichem Mezzo begeisternd gibt, ist die interessanteste Figur der Oper, der die Regie auch besondere Aufmerksamkeit widmet. Anfangs stellt sich Adriano nur als Liebender, wenn auch mit wenig Wirkung, schützend vor Irene, als sie von seinem Clan und den Orsinis entführt werden soll. Dann lässt er sich von Rienzi als Anhänger der Republik gewinnen, wodurch er in schroffen Gegensatz zu seiner Familie, besonders zu seinem Vater Steffano Colonna (Johannes Maria Wimmer), gerät. Diesen Loyalitätskonflikt hält er nicht aus und beklagt ihn in der ergreifendsten Arie der Oper „Gerechter Gott“. Seine ständigen Versuche, zwischen allen Parteien zu vermitteln, scheitern an der starren Arroganz des Adels, vor allem seines unversöhnlichen Vaters. Als dieser bei dem gescheiterten Angriff auf die Republik getötet wird, wechselt Adriano wieder die Seite. Er wiegelt das Volk mit der Verleumdung auf, Rienzi habe die Republik zur Sicherung der eigenen Macht an den Adel verraten. Als er am Ende doch aus Liebe wieder zu Irene zurückkehrt, stirbt er in den Flammen des Kapitols, das die empörten Massen in Brand gesetzt haben – ihm bringt seine Unentschiedenheit den Tod.

Zunehmend zieht die von der Regie differenziert gestaltete Geschichte um den letzten römischen Tribun und seinen Fall in ihren Bann, ihre dreieinviertel Stunden vergehen wie im Flug. Doch es ist, als wolle die Regie mit den Motiven Rienzis, die ihn zwar menschlicher, aber nicht sympathischer erscheinen lassen, auch sein politisches Anliegen diskreditieren. Das aber wird von Text und Musik der Oper nicht wirklich gestützt, die das verführbare, wankelmütige Volk, nicht ihren Tribunen kritisiert.

Im Rienzi zeigt sich Wagner schon weit auf dem Weg zur späteren Meisterschaft. Allenthalben sind Anklänge an den Holländer, an Lohengrin und Tannhäuser zu vernehmen. Seine musikalischen Techniken sind bereits hoch entwickelt, Chor, Extra- und Kinderchor des Landestheaters (Einstudierung: Michel Roberge) demonstrieren seine Fähigkeiten beim Umgang mit den Chören beeindruckend.

Lukas Beikircher dirigiert souverän das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das allen melodischen Glanz Wagners entfaltet, die irisierenden Streicherpartien und die merkwürdig prä-wilhelminisch anmutenden Märsche, und nicht zuletzt mit dem donnernden Katastrophenfinale zu brennendem Kapitol überwältigt.

Stimmlich ist die Oper bis in die Nebenrollen ausgewogen gut besetzt, von Johannes Mario Wimmer als stolzem Steffano Colonna und Joachim Seipp als seinem aufbrausenden Standes- Pendant Paolo Orsini über Unnsteinn Árnason als päpstlichem Legat Raimondo bis zu Florian Stern und Alec Avedissian als den verführbaren römischen Bürgern Baroncelli und Cecco del Vecchio.

Der begeisterte Schlussapplaus des Premierenpublikums galt neben Marc Heller, Josefine Weber, Michel Roberge mit seinen Chören und Lukas Beikircher mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck vor allem Jennifer Maines für ihren bewegt bewegenden Adriano.

Rienzi am Tiroler Landestheater: Die nächsten Termine: 27.5., 3., 10. und 17.6. 2018, jeweils um 18.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Tiroler Landestheater |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf der Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Tannhäuser oder der Sängerkrieg auf Wartburg –  Richard Wagner

– Gefangen im Spannungsfeld der Extreme –

Von Uschi Reifenberg

Die Tannhäuser Aufführung am Nationaltheater Mannheim (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das Haus am Goetheplatz in der Wagner-Rezeption einnimmt.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner, Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten Wagner Verbandes 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger Emil Heckel (1831-1908). Bis  heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als Wagner Talentschmiede ist das NTM an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist Richard Wagners fünftes Werk und sollte  – bedingt durch vielfache  Umarbeitungen – sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte Wagner, dass er „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet Wagner mit dem Tannhäuser konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber  die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner – und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Chris Alexander aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861. Das Walther Lied im 2. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Die Figur des Tannhäuser stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. Tannhäuser, der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in Tannhäuser – Wagner, dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker Wagner, dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von Chris Alexander hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1. Akt im Venusberg ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: Maren Christensen), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (Susanne Hubrich) in reizvollen choreografischen Formationen (Jaqueline Davenport)  erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, Venus – Maria? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler Tannhäuser das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale Venus gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über Tannhäusers Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, Tannhäuser zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des Venusbergs, findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: Eduard Roth).

Tannhäuser ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den Landgraf Hermann ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der  charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig Tannhäuser zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die Sängerhalle auf der Wartburg des 2. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „Liebe“ kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig,  und in feine Abendrobe gewandet. Chris Alexander spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige Elisabeth – Gegenpol zur Venus -, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die Elisabeth durch Tannhäusers Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in  Opferbereitschaft für Tannhäuser. Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3. Akt sieht man Elisabeth betend an die Marienstatue angeschmiegt, „dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen“ wie Wolfram von Eschenbach aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als Elisabeth klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich Wolfram zu ihr auf die Erde – ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier  Elisabeths ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung Tannhäusers, in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus „milden Lüften“ rote Nebel auf und Venus erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. Wolfram kann Tannhäusers erneutes Eintauchen in die  Sinnenwelt  gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, Tannhäuser ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden  Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

Frank van Aken bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des Tannhäuser mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet – trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den „Erbarm dich mein“– Rufen im 2. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

Astrid Kessler beschreitet mit der Partie der Elisabeth konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Wolfram von Eschenbachs Haltung zu Tannhäuser ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. Thomas Berau gibt dieser Figur genau jenes „mitleidvoll entsagende Wissen“, was Wolfram als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das „Lied an den Abendstern“ ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von  Heike Wessels weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen.  Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

Patrik Zielke mit  wohlklingender Bass wirkt als Landgraf Hermann allerdings etwas zu distanziert. Joshua Whitener ist ein hell auftrumpfender Walther von der Vogelweide, Joachim Goltz gestaltet den Biterolf mit viel  Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind Raphael Wittmer als Heinrich der Schreiber und Philiop Alexander Mehr als Reinmar von Zweter. Auffallend schön singt Amelia Scicolone den jungen Hirt. Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski und Rica Westenberger gefallen in den Rollen der Edeldamen.

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor Alexander Soddy als hervorragender Wagner Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater – Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das Pilgerthema feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der Venus – Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf Venus, von  Soddy in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett Venus – Tannhäuser, welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der Tristan Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der Chor der  Sirenen im 1. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

Nationaltheater Mannheim – Tannhäuser: letzte Vorstellung der Spielzeit  14.6.2018

 

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

München, Bayerische Staatsoper, Aus einem Totenhaus – Leos Janacek, IOCO Kritik, 26.05.2018

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Aus einem Totenhaus  –  Leos Janacek

– Gefangenenelend in der Maximilianstraße Münchens –

Von Hans-Günter Melchior

Es gibt eine „Einführung in das Werk“. Frank Castorf hebt, von der Moderatorin dazu befragt, den Unterschied zwischen dem Luxus-Boulevard Münchens, der Maximilianstraße mit ihren provozierend teuren Läden zu dem Stoff der Oper Janáceks hervor. Draußen das schwelgerische Angebot für die Superreichen, drinnen das Gefangenenelend, gipfelnd in der Katorga, dem zaristischen Strafsystem (Strafvollzug), das in der Deportation von Verbrechern nach Sibirien bestand. In von aller Zivilisation ferne Gefangenenlager, wo die meisten Straftäter als Zwangsarbeiter ein elendes Ende fanden.

Castorf spannt einen weiten Bogen. Er weist auf Dostojewskis  Aufzeichnungen aus einem Totenhaus hin, an die sich Janáceks Libretto weitgehend anlehnt. Er erwähnt – in der gebotenen Kürze der Zeit – Nietzsches Bewunderung für Dostojewski (Castorf: „Dostojewski mochte die Deutschen nicht“. Obwohl er sich hier oft aufhielt, s. den Roman „Der Spieler“). Er weist auf Schillers Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen“, in der der Autor die Befreiung des Menschen im Spiel feiert: „Mitten im furchtbaren Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten, fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln der Verhältnisse abnimmt und ihn von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet.“ Und er setzt Schiller – zu Recht – den Pessimismus Dostojewskis entgegen, der am (unglücklichen) Schicksal des Menschen festhält und nichts vom Optimismus des deutschen Dichters und Hegelianers wissen will.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier: Bo Skovhus als Siskov und Statisterie © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier: Bo Skovhus als Siskov und Statisterie © Wilfried Hösl

Man durfte also gespannt sein. Und die Hoffnungen wurden erfüllt. Mit einem Satz: diese Aufführung in jeder Hinsicht gelungen.

Über Janáceks Werk könnte man entweder ein Buch schreiben oder sich auf Skizzierungen beschränken. Es ist sowohl thematisch-inhaltlich wie musikalisch an Komplexität kaum zu überbieten. Aber so schwierig Musik und Stoff auch sind: die genialische Dirigentin Simone Young, die das brillante Bayerische Staatsorchester durch die höllischen Tiefen dieser Partitur und ihre höchst seltenen lyrischen Höhenflüge führte, wurden, wie auch der Regisseur, den gewaltigen Ansprüchen gerecht.

Beschränken wir uns auf die Skizzierung. Das Werk beschreibt mit größter Eindringlichkeit die Zustände in einem zaristischen Gefangenenlager in Sibirien. Dorthin wurden Mörder, Diebe, Betrüger auf der Grundlage der sogenannten Katorga, dem damaligen Strafsystem, deportiert und mussten Zwangsarbeit verrichten. Sie wurden geprügelt und gedemütigt, hungerten und froren, und sie wurden nicht gebessert, sondern errichteten – wie immer in Ausnahmefällen existentieller Not – eine interne Subkultur, die im Wesentlichen in der Übertragung der staatlichen Macht- und Unrechtsmechanismen auf die eigene Gemeinschaft bestand.

Die Oper enthält keine eigentliche Handlung. Sie besteht hauptsächlich aus den Erzählungen der drei Häftlinge Luka (Ales Briscein), alias Filka Morozov, unter dem Namen Luka Kuzmic im Gefängnis auftretend, Skuratov (Charles Workman) und Siskov (Bo Skovhus).

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier:: Charles Workman als Skuratov © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier:: Charles Workman als Skuratov © Wilfried Hösl

Ein „Großer Sträfling/Sträfling mit dem Adler (Manuel Günther) begleitet einen an einem Flügel verletzten Adler von Anfang an durch die Szenen. Der Adler wird als „Zar der Lüfte“ gefeiert, die freie Kreatur.

Am Anfang wird das Schicksal des gerade eingelieferten und sofort ohne erkennbaren Grund ausgepeitschten adeligen politischen Sträflings Aleksandr Petrovic Gorjancikov (Peter Rose) geschildert, der die Sympathie des Sträflings Aljeja (Evgeniya Sotnikova) gewinnt und diesem das Lesen und Schreiben beibringt.

Die Geschichten der drei Häftlinge Luka, Skuratov und Siskov, allesamt Tatbestände des Mordes, bestenfalls, weil im Affekt begangen, des Totschlags:

Luka rammte einem Major, der ein Gefängnis mit willkürlichen Methoden zu beherrschen versuchte, ein Messer in den Bauch.  Skuratov verliebte sich in eine Deutsche mit dem Namen Luisa. Sie wollten heiraten. Als jedoch ein reicher Verwandter Heiratsabsichten ihr gegenüber bekundete, ließ sie sich bei dem armen Skuratov nicht mehr sehen. Sie gab dem Reichen den Vorzug, ehelichte ihn. Skuratov kam aber nicht von ihr los. Am Hochzeitstag erschien er uneingeladen bei der Feier und erschoss den Bräutigam.  Siskov (herausragend Bo Skovhus, der die sehr schwierige Partie bewundernswert interpretierte) erzählt von seiner Liebe zu Akulina, der Tochter eines reichen Kaufmanns in seinem Heimatdorf. Filka Morozov, jetzt ein Mithäftling, wie sich herausstellt, betrieb eine verhängnisvolle Rufschädigung, indem er im Dorf verbreitete, er habe mehrere Mal mit Akulina geschlafen. Sie sei deshalb für eine Ehe in ihren gehobenen Kreisen ungeeignet. Akulinas Eltern verheirateten die entehrte Tochter deshalb mit dem in sie verliebten Siskov. Dieser entdeckte in der Hochzeitsnacht, dass Filkas Behauptungen nicht der Wahrheit entsprachen, Akulina also noch unschuldig war. Filka indessen verhöhnte ihn, erklärte, Siskov sei in Folge seiner Trunkenheit gar nicht in der Lage gewesen, Akulinas Jungfräulichkeit festzustellen. Als Akulina zudem ihre Zuneigung zu Filka offen zu erkennen gibt und sich von diesem verabschiedete, als er zur Armee eingezogen wurde, fühlte sich Siskov betrogen und schnitt seiner Ehefrau im Wald die Kehle durch.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier : Ensemble der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier : Ensemble der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Szenenwechsel:

Es ist Feiertag. Die Sträflinge führen ein Theaterstück auf, in dem sie ihre sexuellen Fantasien ausleben. Castorf gelingen Szenen prickelnder Erotik.

Der Adler:

Er (Evgeniya Sotnikova/Aljeja) tritt in der ganzen Oper als Symbol der konkreten Freiheit auf, ein stolzes und seiner Bestimmung folgendes Lebewesen, gequält und gepflegt zugleich, Schmerz und Sehnsucht hervorrufend. Als Gorjancikov am Schluss entlassen wird und sich von seinem Schützling Aljeja verabschiedet, geben die Häftlinge auch den Adler frei: als sei eine neue Zeit angebrochen. Doch was für den „Zaren der Lüfte“ gilt, gilt nicht für die verbleibenden Inhaftierten. Sie werden zur Arbeit getrieben…

Wieder einmal mehr erweist sich Frank Castorf als Nachfolger Piscators und Brechts, indem er die Idee des politischen Theaters mit deutlichem Zeitbezug auf die Bühne bringt. Es genügt nicht, die Realität naturalistisch aufzuzeigen, so die Lehre, es kommt vielmehr darauf an, sie durch Kritik und politische Aktionen zu verändern. Die Zeitebenen überlagern sich. Castorf ist immer im Vergangenen und im Jetzt zugleich. Nichts war, was nicht zugleich ist.

Ein Gefangenenlager mit Wachtturm, Betonpfeilern und Stacheldraht (Foto) füllt den gesamten Bühnenraum aus. Düster, ein Abbild der Trostlosigkeit und des menschlichen Jammers. Ganz oben eine Art wulstige Mischung aus Zarenadler und Sowjetstern. Im Außenbereich, vor dem Lager, ein Pepsi-Reklamewürfel, der sich dreht und eine seiner Flächen auf Kyrillisch zeigt. Neue Zwänge hält unsere Zeit bereit. Konsumzwänge. Und soziale Gewalt, Widerstand gegen die Ungerechtigkeit wird militärisch unterdrückt. Im nahezu ständig anwesenden Chor befinden sich mexikanische Totenmasken, das Elend, den Tod beschwörend, die bösen Geister vertreibend, es sind die Geister der Gegenwart. Der Betrunkene Sträfling (Galeano Salas) trägt einen Text aus dem Lukas-Evangelium auf Spanisch vor, Castorf bezieht sich im Programmheft dabei ausdrücklich auf Dostojewskis Dämonen, wo die zitierte Stelle dem Roman vorangestellt wird.

Eine Kamera filmt das Geschehen, bringt es auf eine Leinwand, die von Zeit zu Zeit in den Bühnenraum heruntergelassen wird. Unterlegt die Bilder mit themenbezogenen Zitaten aus verschiedenen Werken. Der große Ton der Tragik.

Castorf der Meister der Vergegenwärtigung. Nichts geht verloren, nichts entgeht der Dokumentation, alles muss irgendwann einmal gezeigt, vorgehalten und dereinst verantwortet werden. Die Kamera als Waffe im Kampf um die Menschlichkeit. Solche szenischen Verdichtungen sind von besonderer Eindringlichkeit. Der sich gerade sorglos zurücklehnende Besucher entkommt jetzt dem Geschehen nicht mehr, Historisches bedrängt ihn mit Zeitgeistigem, nie wird er von Castorf in eine kulinarische Gemütlichkeit entlassen. Eine Wüste der Ratlosigkeit breitet sich angesichts dessen aus, was Menschen anderen Menschen zuzufügen vermögen – und bis heute immer wieder zufügen.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier : Matthew Grills als Kedril, Bo Skovhus als Siskov, Callum Thorpe als Don Juan, Statisterie © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier : Matthew Grills als Kedril, Bo Skovhus als Siskov, Callum Thorpe als Don Juan, Statisterie © Wilfried Hösl

Hat etwa unsere Zeit das Problem des Strafvollzugs befriedigend gelöst? Sühne und Resozialisierung sind die immer noch im Vollzugsrecht diskutierten Begriffe. Und keine Einigung. Wo die Resozialisierung im Vordergrund steht, kommt die Sühne zu kurz. Muss sie überhaupt sein? Ein längere Zeit im bloßen Strafvollzug verbrachtes Leben ist faktisch für die Gesellschaft zerstört, abgestumpft, unempfindlich. Das muss man wissen, wenn man wissen will, was man künftig von Straftätern verlangen kann.

Ein leiser Einwand –, allenfalls: vielleicht ist dies alles zuviel, übersteigt das Fassungsvermögen der Opernbesucher. Man weiß manchmal nicht, wohin man noch schauen, was man alles an Hinweisendem, Kritischem zugleich begreifen und verarbeiten soll. Die Überfülle der Einfälle droht den Besucher zu erdrücken.

Dann aber die Musik! Vor allem die Musik beherrscht diese Oper, sie ist die wahre Herrin des Geschehens. Die Darstellerin über den Darstellern. Voller Ehrfurcht vor ihrem Thema. Voller ästhetischem Zorn und berstend vor humanitärer Empörung. Hämmernd, gehetzt, dissonant zuweilen, drängend, dann wieder in lyrische – freilich sehr bald abrupt abreißende – Passagen aufsteigend. Meist sind es nur musikalische Fetzen, Anfänge, in denen man sich weiterdenkt, depressive und suggestive musikalische Gedankenlinien, weit überwiegend ohne ariose Hoffnungsschimmer. Den bedrückenden Inhalt charakterisierende Anfänge, manchmal nur Andeutungen in wenigen Takten –, als habe Janácek sich gesagt: das Weitere bedarf keiner besonderen Erwähnung, es ist ohnehin bis zur Qual bekannt.  Janácek ist ein großartiges Werk musikalischer Psychologie gelungen. Als sei er bei Mozart in die Schule gegangen.

Simone Young und das Orchester haben dies alles im Verein mit dem überwältigend agierenden Chor zum Erlebnis gemacht. Was für ein enormes Musikverständnis und psychologisches Einfühlungsvermögen, welche Präsenz hat diese große Dirigentin. Was für ein kraftvoller – und gelingender – Zugriff auf ein so komplexes Thema. Mitreißend ins Mit-Leiden.       Zu Recht großer Beifall.

Aus einem Totenhaus an der Bayerischen Staatsoper: weitere Vorstellungen 26.5.; 30.5.; 3.6.; 5.6.; 8.6.2018

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