Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020

Januar 29, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

 Tristan – wenig erhaben, aber voll menschlicher Abgründe

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten Braunen Buch von Richard Wagner ein Entwurf für eine Beethoven-Schrift, in der dieser schreibt: „Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei.“ (Für schöne Spielerei waren weder Beethoven noch Wagner zu haben.) Geschrieben hat Wagner diese Gedanken anlässlich des 100. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „Musik in Begriffe umgesetzt“ Philosophie ergäbe, und zwar die von Schopenhauer. Nun wird dieses Jahr erneut ein Ludwig van Beethoven-Jubiläum, inzwischen der 250. Geburtstag, gefeiert und so erklingt Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die „erhabene Wirkung“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos Beethoven: Gibt es vielleicht Fidelio als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

Tristan und Isolde – Oper Frankfurt
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Wagner nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte Katharina Thoma, die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von Irina Bartels sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – Isolde im kupfer-golden Jumpsuit, Brangäne im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter Melot. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als Brangäne im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr „Habet acht“ kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ Isolde auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt Tristan. Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und Melot, Tristans Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls –  enttarnen.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier :  oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Thomas Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der Wagnersche Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. Tristan ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und Isoldes Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu König Marke zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm Isolde jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von Tristan und Isolde; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. Brangäne hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – Tristan und Isolde haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

 Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier :  Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. Isolde hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, Tristan hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und Melot, der Vertraute Tristans, wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von König Marke verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an Tristan heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor –  alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

König Marke – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu Tristan. Andreas Bauer Kanabas spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

Vincent Wolfsteiner verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen Tristan und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat Thoma zwei auf der Bühne auftreten lassen: Romain Curt, der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und Tristans Trümmerberg umkreist, und Matthias Kowalczyk nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone Christoph Pohl und Iain MacNeil überzeugen stimmlich wie darstellerisch. Pohl besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als Tristans treuer Freund Kurwenal eine hervorragende Besetzung. Auch MacNeils forscher Melot hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Claudia Mahnke als Brangäne erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit Andreas Bauer Kanabas den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. Rachel Nicholls als Isolde überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie Tristan nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören Michael Porter mit seinem schönen Tenor (ein junger Seemann zu Beginn), ebenso Tianji Lin (als Hirte im dritten Aufzug) und Liviu Holender (ein Steuermann). Für den satten Klang des  Männerchors war zuverlässig Chordirektor Tilman Michael verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von Lukas Rommelspacher für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: Friederike Huy, Michael Schmeißer und Peter Hársaniy (Gäste); Posaune: Christian Künkel und Andreas Weil (Gäste) sowie Rainer Hoffmann (Orchestermitglied); Horn: Pedro Rodriguez (Gast), Stef van Herten, Silke Schurack und Claude Tremuth (Orchestermitglieder) sowie Martin Walz (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD Sebastian Weigle am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei Wagner kann der simple Spruch „weniger ist mehr“ zur Wahrheit werden. Weigle holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt; die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Aida – Giuseppe Verdi, 04.02.2020

Januar 29, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Oper, Pressemeldung, Theater Bielefeld

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

AIDA –  Giuseppe Verdi

Verbotene Liebe in Zeiten des Krieges

Vorstellungen  4.2.;  8.3.; 17.3.; 31.3.; 10.4.2020

Verbotene Liebe in Zeiten des Krieges, so ließe sich die Handlung von Giuseppe Verdis Aida knapp zusammenfassen. Genauer gesagt, ist damit die Ausgangssituation umrissen, denn mit welcher Meisterschaft es der große Italiener vermag, infolgedessen seine Hauptfiguren in ausweglose Situationen zu bringen und sie dennoch mit Liebe und Mut auszustatten, ist schlichtweg atemberaubend. Besonders, was das musikalische Gefühlsbarometer angeht, versteht sich. Nicht umsonst zählt Verdis drittletzte Oper zu den populärsten überhaupt. Ausgelöst durch die Umstände der Uraufführung und die Wünsche des Auftraggebers – kein Geringerer als der Khedive (Vizekönig) von Ägypten trat 1870 an Verdi heran, um eine Oper »im ägyptischen Stil« zu bestellen – war Aida von jeher mit dem Pomp einer einschlägigen Ausstattung behaftet; kaum eine andere Oper weckt wohl bei vielen Opernlieb- haber*innen so konkrete Bilder wie diese. Gleichwohl pulsiert im Schatten der großen Chorszenen ein auf den Punkt gebrachtes Kammerspiel, an dem nur wenige Figuren beteiligt sind – doch für die geht es um das große Ganze: die äthiopische Prinzessin fristet – incognito – ein Leben als Sklavin am feindlichen Hof des ägyptischen Pharaos.

AIDA – Giuseppe Verdi
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Ihre heimliche Liebe gilt Radames, dem erfolgreichen Hoffnungsträger des ägyptischen Militärs, auf den auch Prinzessin Amneris ein Auge geworfen hat. Ausgerechnet er wird ausgesandt, um Äthiopiens Truppen unter dem Befehl von Aidas Vater Amonasro zu bekämpfen. Zu Aidas Entsetzen gelingt den Ägyptern der Sieg; zugleich ist sie froh, dass Radames überlebt hat. Als sie unter den Gefangenen auch ihren Vater erblickt, ahnt sie allerdings nicht, dass der sie seinerseits zum Instrument machen will, um den so verhassten wie überlegenen Feind doch noch zu besiegen. Aida droht, zwischen der Liebe zu Radames und zu ihrem Vater zermalmt zu werden.

Ebendiese Angst und Ausweglosigkeit, die sich bei Aida in einer Todessehnsucht Luft macht, ist das Epizentrum, um das sich für Regisseurin Nadja Loschky und ihr Team (Ulrich Leitner, Bühne; Irina Spreckelmeyer, Kostüme) Verdis Musikdrama dreht. Sie erzählen Aidas Schicksal stets aus ihrer Perspektive und folgen dabei zugleich einer inneren wie der äußeren Handlung, ganz wie es dieses packende Musikdrama nachdrücklich einfordert. In der Titelrolle der AIDA ist die britische Sängerin Elizabeth Llewellyn zu Gast, als Radames ist Arthur Shen zu erleben. Aus dem Bielefelder Ensemble stehen ihnen mit Katja Starke (Amneris), Moon-Soo Park (Ramphis), Evgueniy Alexiev (Amonasro) und Yoshiaki Kimura (die Stimme des Königs) bewährte Hauptfigurendarsteller*innen gegenüber. Aida ist zugleich eine dankbare Aufgabe für den Bielefelder Opernchor und den Extrachor (Ltg. Hagen Enke) sowie selbstredend für die Bielefelder Philharmoniker. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von GMD Alexander Kalajdzic.

Musikalische Leitung Alexander Kalajdzic Inszenierung Nadja Loschky Bühne Ulrich Leitner Kostüme Irina Spreckelmeyer Choreinstudierung Hagen Enke Dramaturgie Jón Philipp von Linden

Mit:   Evgueniy Alexiev / Kjell Brutscheidt / Yoshiaki Kimura / Elizabeth Llewellyn / Diana Marie Müller / Lena Paetsch / Moon Soo Park / Steffen Seithel / Elena Schneider / Arthur Shen / Katja Starke / Bielefelder Opernchor / Extrachor des Theaters Bielefeld / Bielefelder Philharmoniker

AIDA:  Karten www.theater-bielefeld.de / T. 0521 51-5454

Theater Bielefeld / AIDA - hier : Elizabeth Llewllyn als Aida © Bettina Stöß

Theater Bielefeld / AIDA – hier : Elizabeth Llewllyn als Aida © Bettina Stöß

MUSIKALISCHE LEITUNG   –  Alexander Kalajdzic, geboren in Zagreb, Kroatien, begann seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo er als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster Dirigent des Nationaltheaters Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien. Alexander Kalajdzic ist sowohl in der Oper als auch im Konzertbereich gefragt. Sein Repertoire reicht vom frühen Barock bis zur Moderne, wobei sein besonderes Interesse der französischen Musik gilt. So führte er fast das gesamte Orchesterwerk von Ravel und Debussy mehrmals auf. Auch war er lange Zeit als Liedbegleiter und Kammermusiker aktiv und hatte bis vor kurzem einen Lehrstuhl für Orchestererziehung in Zagreb inne. Alexander Kalajdzic leitet als GMD seit Spielzeitbeginn 2010/11 die musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG

 Nadja Loschky studierte Musiktheaterregie an der HfM Hanns Eisler in Berlin. Parallel zu ihrem Studium assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky Verdis La Traviata und Rossinis Der Barbier von Sevilla an den Städtischen Bühnen Osnabrück, sowie Faust von Charles Gounod am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper Mikropolis von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin.

Im Jahr 2012 entstanden Inszenierungen von Brittens A Midsummer Night’s Dream am Staatstheater Kassel, Mozarts Entführung aus dem Serail am Theater Heidelberg sowie der Familienoper Die Schatzinsel (Frank Schwemmer) am Opernhaus Zürich, denen 2013 Verdis Simon Boccanegra am Theater Aachen und Händels Alcina am Luzerner Theater folgten. 2014 führte sie Mozarts Così fan tutte erneut ans Theater Heidelberg und mit Madama Butterfly inszenierte sie am Theater Bielefeld ihre erste Puccini-Oper. Für diese Produktion wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr arbeitete sie erneut am Opernhaus Zürich und brachte Christian Josts Rote Laterne zur Uraufführung. Anschließend inszenierte sie Boieldieus selten gespielte Oper La dame blanche am Oldenburgischen Staatstheater und Mozarts Le nozze di Figaro am Theater Heidelberg. 2016 präsentierte sie sich erneut am Luzerner Theater, diesmal mit einer Interpretation von Bellinis Oper Norma. Für ihre im gleichen Jahr entstandene Produktion Death in Venice von Benjamin Britten am Theater Bielefeld erhielt sie im Jahresheft der Fachzeitschrift »Opernwelt« eine Nominierung in der Kategorie »Beste Regie«. Zu Beginn der Spielzeit 2016/17 inszenierte sie Verdis Macbeth am Oldenburgischen Staatstheater, dem Zingarellis Giulietta e Romeo am Barocktheater Schwetzingen folgte. Mit Monteverdi L’incoronazione di Poppea kam es im Frühjahr 2017 zu einer weiteren Arbeit am Theater Bielefeld, 2018 gab sie ihr Regiedebüt an der Oper Graz mit Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas. In derselben Spielzeit wurde Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld, wo sie Rihms Jakob Lenz inszenierte und dort im Anschluss die Spielzeit 2018/2019 mit Verdis La Traviata eröffnete. Im Frühjahr 2019 debütiert sie an der Oper Köln mit Dvoraks Märchenoper Rusalka und im Juni desselben Jahres war ihre Interpretation von Offenbachs Orpheus in der Unterwelt am Theater Bielefeld zu sehen. Neben ihrer Regietätigkeit ist sie projektbezogen auch als Dozentin an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« sowie der »UDK« Berlin tätig. Nadja Loschky hat ab der Spielzeit 2019/20 die künstlerische Leitung des Musiktheaters am Theater Bielefeld übernommen.

Theater Bielefeld / AIDA - hier : Brutscheidt, Kimura, Paetsch, Shen © Bettina Stöß

Theater Bielefeld / AIDA – hier : Brutscheidt, Kimura, Paetsch, Shen © Bettina Stöß

BÜHNE   –  Geboren 1976 im österreichischen Linz, studierte Ulrich Leitner nach Abschluss einer Tischlerlehre Bühnenbild an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und Szenenbild an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in PotsdamBabelsberg. 2003 erhielt er den Talentförderpreis durch die Landeskulturdirektion Oberösterreich. Seit 2001 ist er als freischaffender Bühnen- und Kostümbildner tätig, u. a. am Schauspiel Essen, Oper Köln, Theater Dortmund, Staatstheater Braunschweig, Theater Münster, Theater St. Gallen, Vereinigte Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, Hebbel am Ufer Berlin, Theater Bremen, Theater Heidelberg und dem Saarländischen Staatstheater mit Regisseur*innen wie Johannes von Matuschka, Martin Schulze, Thomas Ladwig und Philipp Löhle. Von 2016 bis 2018 arbeitete er als Ausstattungsleiter am Landestheater Schwaben, wo er u. a. für die Ausstattung der vielbeachteten Uraufführung von Nebel im August in der Regie von Kathrin Mädler verantwortlich zeichnete. Mit Regisseurin Nadja Loschky arbeitet er nach Le Nozze di Figaro am Theater Heidelberg regelmäßig als Bühnenbildner zusammen. Aida ist nach Death in Venice und Jakob Lenz seine dritte Arbeit für das Theater Bielefeld.

KOSTÜME   –  Irina Spreckelmeyer absolvierte ihr Bachelorstudium im Fach Kostümbild bei Prof. Maren Christensen an der Hochschule Hannover. An der Universität der Künste Berlin setzte sie 2016 ihr Master-Studium bei Florence von Gerkan fort. Gemeinsam mit Regisseur Andreas Kriegenburg und der Kostümbildnerin Andrea Schraad war sie seit 2013 für die Produktionen Sklaven am Deutschen Theater Berlin und Così fan tutte an der Semperoper Dresden verantwortlich sowie für Don Juan kommt aus dem Krieg bei den Salzburger Festspielen, María de Buenos Aires am Theater Bremen, Die Frau ohne Schatten an der Hamburgischen Staatsoper und Der Spieler am Residenztheater in München. 2017 entwarf sie am Schauspiel Frankfurt die Kostüme für Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Drei Tage auf dem Land. Seit 2017 arbeitet sie regelmäßig mit Regisseurin Nadja Loschky zusammen.

BESETZUNG

Aida  Elizabeth Llewellyn, Radames  Arthur Shen, Amneris Katja Starke, Amonasro  Evgueniy Alexiev, Ramphis  Moon Soo Park, Sprecher des Königs  Yoshiaki Kimura, Die Hände des Königs  Kjell Brutscheidt, Yoshiaki Kimura, Lena Paetsch, Die Gestalt des Königs  Steffen Seithel, Tempelsängerin Elena Schneider, Ein Bote Vladimir Lortkipianidze, Vision Aidas Diana Marie Müller

Bekannt für ihre lebendigen Porträts der Puccini-Heroinen und für ihre volle, charakteristische Stimme, hat sich Elizabeth Llewellyn seit ihrem Debüt als Mimì (La Bohème) vor weniger als zehn Jahren rasch einen Namen als international herausragende Darstellerin und Sängerin gemacht. In London geboren, studierte sie am Royal Northern College of Music und dem National Opera Studio, unterstützt von der Peter Moores Foundation. Spezialisiert auf das italienische Repertoire, umfasst ihr Repertoire Cio-Cio San (Madame Butterfly), Magda (La Rondine), Giorgetta (Il tabarro), Tosca, Suor Angelica, Aida, Luisa Miller und Amelia (Simon Boccanegra), für die Elizabeth Llewellyn als Sängerin des Jahres 2013 in der Zeitschrift Opernwelt nominiert wurde. 2014 gab sie ihr Wagner-Debüt als Elsa in Lohengrin in Magdeburg, worüber das Opera Magazine schrieb: »Mit geradezu perfekter Diktion modulierte sie ihr stets leicht rauchiges Timbre von der verträumten Aussichtslosigkeit der ersten Szenen zu einem ungewöhnlich kraftvollen, konfrontierenden Ton. Ihre Stimme trägt sie in die entlegensten Winkel, sogar in Pianissimo-Passagen, und sie scheint sogar, während sie ihre Stimme am stärksten verströmt, noch Kraftreserven zu haben.« Die aktuelle Spielzeit hält aufregende Engagements für sie bereit, u. a. die Titelrollen von Puccinis Manon Lescaut (ihre siebte Puccini-Rolle) und Verdis Luisa Miller sowie ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Oper als Bess in Porgy and Bess. Auf dem Konzertpodium ist Elizabeth ebenfalls eine gefragte Sopranistin. Kürzlich sang sie Beethovens Missa Solemnis mit Sir Mark Elder, Mahlers achte Symphonie mit Esa-Pekka Salonen, Elgars Caractacus und Vaughan Williams A Sea Symphony mit Martyn Brabbins sowie ein Live-Konzert mit Strauss’ Vier letzten Liedern auf BBC Radio 3 mit Donald Runnicles und dem BBC Scottish Symphony Orchestra. In der aktuellen Saison singt Elizabeth abermals die Missa Solemnis mit dem BBC Symphony Orchestra und die neunte Symphonie mit dem North Carolina Symphony Orchestra.

Arthur Shen ist in Bryn Mawr, Pennsylvania geboren und wuchs in Walnut Creek, Kalifornien auf. Zunächst studierte der Tenor Informatik an der University of California at Berkeley und war 10 Jahren lang in der Branche tätig, zuletzt als VizePräsident einer Digitalmarketingfirma in New York. Von 2007 bis 2017 war Arthur Shen fest als Gesangssolist am Staatstheater Braunschweig engagiert. Dort hat er in über 300 Vorstellungen in über 30 verschiedenen Hauptpartien gesungen, u. a. Rodolfo in La Bohème, Cavaradossi in Tosca, Alfredo in La Traviata, Gustav in Maskenball, Edgardo in Lucia di Lammermoor und Des Grieux in Manon Lescaut (Puccini). Zusätzlich zu seinen Auftritten am Staatstheater Braunschweig, gastierte Arthur Shen u. a. an der Semperoper Dresden, der Komischen Oper Berlin, der San Diego Opera, beim Utah Festival Opera sowie am Staatstheater Stuttgart. Neben seiner Operntätigkeit ist Arthur Shen als Konzertsolist gefragt. Er sang mit der Deutschen Radio Philharmonie, der Deutschen Staatsphilharmonie RheinlandPfalz, den Nürnberger Symphoniker, den Göttingen Symphoniker, dem Orchestra of St. Luke’s (New York) sowie dem Staatsorchester Braunschweig. Zu seinem Konzertrepertoire zählt Verdis Requiem, Puccinis Messa di Gloria, Rossinis Stabat Mater, Mozarts Requiem, Beethovens Sinfonie 9, Mendelssohns Paulus, Bruckners Te Deum und Händels Messias.

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

München, Cuvilliés-Theater, Die drei Musketiere – auch etwas Alexandre Dumas, IOCO Kritik,

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Drei Musketiere – ziemlich frei nach Alexandre Dumas

 –   nicht „Alle für Einen“ und „Einer für Alle“, sondern „Eine für Alle“…-

von Hans Günter Melchior

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Alexandre Dumas Montmarte © IOCO

Da stehen sie also da auf der völlig leeren Bühne, die ihr Skelett zeigt, Heizung, Schalter, Vier stehen da statt Drei, Nicola Mastroberardino (D´ Artagnan), Michael Wächter (Athos, Grimaud). Max Rothbart (Porthos, Mousqueton) und Vincent Glander (Aramis, Bazin) und labern was das Zeug hält. Hin und her geht die Rede, Fetzen aus Dumas Roman, manchmal kaum verständlich, so schnell wird geredet, die ganze krude Geschichte in irgendwie danebengeredeter Kurzform –, und es sind halt nunmal Vier statt Drei, weil sie sich im Prügeln / Duellieren zusammengerauft haben wie die randalierenden Fußballfans zuweilen in den Stadien, wenn es gegen die Polizei geht, Solidarität der Unterdrückten gegen die Staatsmacht – oder so, die Assoziationen haben freien Lauf und sie laufen so schnell wie das ganze Stücke, hoppladihopp, was für ein Tempo.

Stepptanz perfekt. Die Burschen können das.

Die drei Musketiere – ein wenig nach Alexandre Dumas
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Das Genaue, überhaupt der hohe Ton, spielt keine Rolle, geboten wird Slapstick, Performance, Commedia dell arte, Witz und Unterhaltung – und dazwischen auch mal furchtbarer Tiefsinn, der aus dem Grundsätzlichen schöpft.

Die Zuschauer gehen mit, die Mäuler sind offen und kaum noch zuzukriegen vor Lachen und Begeisterung, vor allem die jungen Leute im Publikum – sie sind in der Mehrzahl – ergötzen sich an diesem leicht dahingeworfenen Sprach- und Bewegungsspiel, das durchaus gekonnt ist und nach anfänglichem halbliterarischem Dünnschiss langsam auf Touren kommt und sich zu einer Komik steigert, die auf ihre Art Format hat.

Kein Bühnenbild also, ein quasi-leerer Raum, gefüllt mit Gelaber bis unter die Rokoko-Decke…, ach ja, sowas halt auch: zwei Zuschauer kommen zu spät, einer der Vier unterbricht seine Rede, aha, ihr kommt zu spät, nehmt nur Platz, braucht nicht zu stehen, sollen wir nochmal anfangen? –, so geht es dahin, dass einem die Wörter nur so um die Ohren fliegen und man höllisch aufpassen muss, alle Anspielungen mitzukriegen. Du hast ja da und dort mitgespielt, sagt der eine zum anderen, im Amphitryon (Insider wissen das), und der andere: ach so, und dann kommt wieder ein Stückchen Dumas, diese Geschichte von der Königin Anna von Österreich, die sich mit einem gewissen Engländer namens Buckingham auf eine Nacht einlässt und dem Geliebten zwölf Diamanten zum Andenken schenkt.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und hinter allem steht der gewiefte Kardinal Richelieu, ein gelernter Intrigant und religiöser Spitzenpolitiker – Sie erinnern sich?, nein?, dann lesen Sie schleunigst in dem Schinken von Duma nach –, und dann, wollte ich sagen, droht die ganze Chose aufzufliegen, als Richelieu nämlich dem König ein Fest einredet und ihm dringend empfiehlt, von seiner Gattin zu verlangen, sie möge mit ihren Diamanten erscheinen. Die sich, die Diamanten natürlich, in Händen von Buckingham befinden. Was die vier Musketiere oder Muske-Tiere, drei in Clownsblau, der Hinzugekommene D´Ártagnan in einem Clownsgelb in ein Beratungsdilemma stürzt, wer fährt oder: wer bleibt da?, da alle fahren wollen. Wahrscheinlich wegen der Dame. Egal, einer fährt, Buckingham lässt zwei Diamantenspangen nachmachen, die Sache hat ihre manipulierte Ordnung, man kennt ja von ungefähr die Geschichte, die Königin ist gerettet. Musketiere braucht die Welt, Raufbolde ohne eigentliche Weltanschauung…

Und weiter geht es im Galopp, Radetzky-Marsch, die Vier spielen Pferd, reiten auf der Bühne auf imaginären Lippizanern, ein urkomischer Höhepunkt, commedia dell arte comme il faut, man hält sich den Bauch vor Lachen, wie die Vier taktgerecht über die Bühne traben und sich gestisch in Pferde verwandeln, vorgereckte Hälse, stilgerechter Trab –, als ob das mit echten Pferden nicht schon komisch genug wäre.

Residenztheater München / Die drei Musketiere - hier :  vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Residenztheater München / Die drei Musketiere – hier : vl. Max Rothbart, Michael Wächter, Vincent Glander, Nicola Mastroberardino © Sandra Then

Und dann wieder eine Runde Tiefsinn, die schwerwiegende Frage, wer von Euch –, so dem Publikum wie Lebenssinn in die lachbereiten Köpfe so ganz von Ungefähr eingeträufelt –,  also: wer von Euch würde um einer Idee oder einer Liebe willen sein Leben opfern? Worauf natürlich Schweigen antwortet, wer zu schwierig fragt, bekommt keine Antwort, zu sowas braucht man doch Zeit, oder?…, kommt drauf an, könnte man zur Bühne hinaufrufen, aber das ist ja gerade die Frage, ob es sowas gibt, wo man sagen könnte: kommt drauf an. Der Schiller wusste da eine Antwort „das Leben ist der Güter höchstes nicht“, aber die Vier Musketiere doch nicht und schon gar nicht die Pferde. Und erst die Zuschauer –, also bitte, gerade hat man sich doch zurückgelehnt und muss jetzt den Lachreiz zähmen.

Und dann noch die allfällige existentielle Verdoppelung, schizophren, die schwierigste aller Situationen, „ich besteige das Pferd, das ich bin“, alles so nebenbei und dahingesagt im Stehgreif-Theater, dass man mit dem Nachdenken nicht nachkommt. Und dann entdecken zwei der drei Muske-Tiere auch noch, dass sie mit derselben Frau zusammen waren. Da kehrt sich der Wahlspruch flugs um: nicht Alle für Einen und Einer für Alle, sondern Eine für Alle…

So ein Abend muss ja auch mal sein, also ehrlich, man sollte zuvor ein und zwei Gläser Sekt trinken, um so richtig reinzukommen. Auch wenn man schon älter ist und nicht versteht, wer mit Pacman, dem Früchtefresser, gemeint ist –, aber da hilft einem der Enkel aus, der einem ins Ohr flüstert, weiß du denn das nicht, was bist du nur für ein Mensch. Cool.

Der Schluss verzögert sich leicht, die Vier schleppen in den Beifall hinein alles, was halbwegs nach Requisiten aussehen könnte, auf die Bühne, eine Absperrung, ein Gitter, Körbe oder so, und sie springen mit leichtathletischer Behendigkeit (überhaupt: das sind echte Sportler!) in der Schlussphase herum „wollt ihr nochmal das Pferd sehen“, und die Zuschauer: jaaa, und wieder der Radetzky-Marsch und die Pferdenummer.

Ach ja, und gefochten wird ja auch noch, recht meisterhaft, wie das aussieht, richtig gefährlich, als flögen die Fetzen, man hat richtig Angst, dass sie sich die Augen ausstechen, die vier Teufelskerle da auf der Bühne, die ihren Spaß haben, man sieht es ihnen an –, und wer weiß, ob sie überhaupt über einen Text verfügen, vermutlich nicht im strengen Sinn, und wenn ja, fragt es sich, ob sie sich daran halten, commedia dell arte eben.

Und anschließend ist noch ein Glas Sekt fällig, ist doch klar, um die Pointen herunterzuspülen, während der Enkel eine Cola bekommt und die Anleihen aus den Computerspielen erklärt. Prost!

Die drei Musketiere des Residenztheaters; aufgeführt im Cuvilliéstheater; die weiteren Vorstellungen 5.2.; 6.2.; 24.2.; 1.3.2020

Bearbeitung  Antonio Latella und Federico Bellini, Inszenierung, Raum und Musik Antonio Latella, Kostüme Simona D´Amico, Choreografie und Kampftraining Francesco Manetti

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.01.2020

Januar 28, 2020  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Lohengrin –  Richard Wagner

– Mit Lohengrin auf dem Rummelplatz –

von Thomas Thielemann

Nach der Fertigstellung der Partitur des Tannhäuser reiste der Königlich Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau Minna, Hund und Kanarienvogel am 3. Juli 1845 von Dresden zu einem Kuraufenthalt ins Böhmische nach Marienbad. Kreative Unruhe behinderten die Bäder sowie Brunnenkuren und brachte frühere noch ruhende Projekte zur Geltung. Ein noch unklares Konzept  zum Schwanenritter-Motiv des Wolframs von Eschenbach geisterte seit dem Pariser Aufenthalt in seinem Kopf. So begann er, parallel zur Arbeit an einem Meistersinger-Spektakel, die Prosafassung der Lohengrin-Szenen auszuführen. Ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten verschob er Figuren sowie Fürstentümer in Zeit und Raum, bis er „die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit einer Dauer derselben“ wirkungsvoll  gestaltet hatte.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Nach Dresden zurückgekehrt, las er am 17. November 1845 im Restaurant Engel den Mitgliedern des Montagsklubs, dem u.a. auch Robert Schumann, Adam Hiller und Gottfried Semper angehörten, die Dichtung vor. Bei allem Lob der Freunde für die Dichtung, bezweifelte aber vor allem Schumann, dass Wagner zum Text eine Musik komponieren könne. Wagner aber, gewohnt auf seine Inspirationen zu warten, nutzte einen Urlaubsaufenthalt vom 15. Mai bis zum 30. Juli 1846 im Schäfer´schen Gut des Dorfes Graupa, um die Umrisse der Kompositionsskizze niederzuschreiben. Wagner wanderte oft in der Umgebung, schwamm in der Elbe und ließ sich vom Vogelgezwitscher sowie anderen Geräuschen seiner Umgebung inspirieren.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Das Dorf Graupa ist inzwischen ein Ortsteil von Pirna. Im Schloss von Graupa befindet sich eine sehenswerte Wagnergedenkstätte mit einem interessanten Museum. Das Gut steht dem interessierten Wagner-Freund offen. Auch befindet sich im nahen Liebethaler Grund, einem der damaligen Wanderziele des Komponisten, ein Wagner-Denkmal mit einer Höhe von 12,5 Meter; siehe Foto.

Das Auskomponieren des Werkes wurde mehrfach unterbrochen, denn Wagner war kein Eilfertigkeitsapostel. Weil ihn andere Projekte ablenkten, aber auch die Tagesaufgaben als Hofkapellmeister forderten und er sich zunehmend auch politisch betätigte, zog sich die Arbeit lange hin. Somit konnte er erst am 28. April 1848 die Niederschrift der Lohengrin-Partitur abschließen.

Seit wir am 19. Mai 2016 in der Semperoper die legendäre Lohengrin-Aufführung in der fast konservativen Mielitz-Inszenierung von 1983 mit Georg Zeppenfeld, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Evelyn Herlitzius, Tomasz Konieczny, der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann erleben durften, besuchen wir jede Vorstellung der von uns sehr geliebten Wagner-Oper mit etwas gemischten Gefühlen. Dieses, mein Problem, konnte auch die musikalisch hervorragende Bayreuther Lohengrin-Premiere am 25. Juli 2018 nicht kompensieren.

Auf der Drehbühne des Theater Chemnitz war von Sebastian Ellrich und seinen Handwerkern dem Regieteam von Joan Anton Rechi eine gewaltige Achterbahn aufgebaut worden. Rechi, 1968 im Fürstentum Andorra geboren arbeitet seit 2011 mit dem aus Magdeburg stammenden Ellrich (Jahrgang 1984) zusammen.

Nun war Richard Wagner ohnehin nicht pingelig, wenn es um die Verschiebung historischer Gegebenheiten in Zeit und Raum ging. Und so muss er sich gefallen lassen, dass die Dramaturgin Carla Neppl seine Texte und seine Musik nutzt, um die sozialen und zwischenmenschlichen Probleme eines ansonsten wenig beachteten Kokons der Rummelplatzbetreiber zu thematisieren, damit aber auch gleichzeitig zu verallgemeinern. Das Theater Chemnitz bildete aus seinen Opernchören, einem Kinderchor und Gastsängern weiterer Chöre sowie der Statisterie eine beeindruckende Menschengruppe gebildet. Die Kostümbildnerin Mercè Paloma hatte die Gruppe mit Kleidung aus allen Bevölkerungsschichten ausgestattet.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Mit ausgezeichnetem Gesang und guten darstellerischen Leistungen übernahm die Gruppe eine tragende Rolle in den ersten beiden Aufzügen. Nach ihrer Klassenzugehörigkeit agierten sie mit den Solisten und machten den ersten Akt mit dem sich ständig bewegenden Achterbahn-Vehikel zu einem kurzweiligen Spektakel. Besonders gefiel mir, dass beim Gottesgerichts-Streit der Kampfplatz weggedreht war und man Chormitglieder vom Gerüst, gleichsam wie beim Fußball des Chemnitzer SC, die Kämpfer anfeuerten. Spielstätte des zweiten Aktes war die Unterkunft der Betreiber der Rummelplatzattraktionen. Die Aktionen passten aber über weite Strecken in herkömmliche Inszenierungen, auch wenn die Liegestützaktionen und die Weitergabe eines Befehls des Königs per Smartphone konservative Besucher irritierten. Das löste sich erst auf, als der Schwan wieder auf der Bühne erschien und Telramund vier depressive Rentner von einer Gartenbank aufjagte. Diese vier „Edlen von Brabant“ teilten den Chor in aktive Pro- und Contra-Gruppen, die ihrerseits die Handlung vorantrieben.

Der dritte Aufzug bot trotz interessanter Personenführung wenig Neues. Erst als klar war, dass Ortruds Fluch eine Rückkehr des Bruders der Elsa ausschloss, wurde die Inszenierung richtig zeitgemäß: Lohengrin überreichte seiner Gattin die Macht-Insignien Brabants und ernannte sie zum Herzog. Die Achtung vor Wagners Text ließ leider die aktuelle Sprachgestaltun „zur Herzogin“ nicht zu.

Das musikalische Gerüst des Abends lieferte die Robert-Schumann-Philharmonie mit der musikalischen Leitung des bekennenden Wagnerianer Guillermo Garcia Calvo. Dabei erwies sich Calvo als zuverlässiger Partner des Regiekonzepts Rechis. Calvo ließ sich Zeit, jagte weder seine Musiker noch die Sänger durch die Partitur, baute damit aber durchaus auch Spannungen auf, leitete aber nicht immer sängerfreundlich. Neben einer guten Orchesterleistung der Robert-Schumann-Philharmonie begeisterten hörenswerte Gesangsleitungen mit ordentlichen Textverständlichkeiten.

Den Lohengrin verkörperte Mirko Roschkowski als einen ziemlich kalten, unsensiblen und weltlichen Partner der Elsa von Cornelia Ptassek. Stimmlich gut ausgestattet, besticht seine Bühnenpräsenz. Aber egal, wie sich Elsa verzweifelt mühte, er gab ihr keinen Halt.

Mit Cornelia Ptassek stand Rechi mit ihrem klangschön, kraftvoll geführtem Sopran eine ordentliche Elsa von Brabant zur Verfügung. Mädchenhaft, opulent bühnenpräsent und stolz agierte sie in den ersten beiden Akten. Ebenso überzeugend entwickelte sich ihre Verzweiflung zum Ende des dritten Aktes hin.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier :  Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Aber so sehr ich die Charaktere von Elsa und Lohengrin liebe, meine Lieblingscharaktere der Oper bleiben deren Antagonisten Ortrud und Telramund. Stéphanie Müther, am Haus als Brünnhilde bereits bestens eingeführt, war mit ihrem wilden Hass in jeder Geste und einer Stimme, die Zähne zeigte, eine schreckliche Gegnerin. Mit ihren ersten leisen Tönen im ersten Akt wird bereits deutlich, dass sie Elsa mit ihrem naiven Glauben keine Chance auf ein glänzendes Heldentum lässt. Mit ihrem finalen sich selbst entlarvenden Wutausbruch schuf sie vielleicht den sängerischen Höhepunkt des Abends.

Da war der Telramund  des Tschechischen Baritons Martin Bárta mit seiner noblen Stimme doch deutlich zurückhaltender, eher menschlich, aber von der Ortrud abhängig. Mit seiner ehrfurchtsvollen Auftrittsarie zurückhaltend lyrisch, beweist er, dass die Stimme in den Mittellagen durchaus zu umfangreichen Ausbrüchen fähig ist, so dass er den Ausfällen der Ortrud standhalten konnte. Warum er beim Schluss-Beifall so wenig bedacht worden war, hat sich mir nicht erschlossen.

Die der Wagner-Figur des König Heinrich zugedachten Episoden waren vom Haus-Bass Magnus Piontek mit ordentlicher Bühnenpräsenz und gut dosiertem Gesang geboten. Ebenso gut präsentierte sich Andreas Beinhauer als Heerrufer. Auch die vier als brabantische Edle ausgeschrieben Rollen waren mit dem kristallklaren Tenor Florian Sivers, dem leichten Haus-Tenor Till von Orlowski, dem zupackend profund dem Bass André Eckert und leichteren Bass Tommaso Randazzo  recht opulent besetzt.

Ordentliche Ovationen und die unvermeidlichen vereinzelten Buhrufe feierten Regieteam und die Bühnenbesatzung. Damit wird die Rechi-Inszenierung ihren Platz im interessanten Repertoire der Oper Chemnitz einnehmen.

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