Dresden, Semperoper, Spielplan 2021/22 – Don Carlo, Butterfly…., IOCO Aktuell, 20.06.2021

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper – Spielplan 2021/22 – vorgestellt am 17.06.2021

von Thomas Thielemann

Am 17.06.2021 stellte die  Semperoper in einer offiziellen Pressekonferenz mit  Peter Theiler Intendant,  Ballettdirektor Aaron S Watkin, Chefdramaturg  Casimir Eule,  Chefdirigent Christian Thielemann den Semperoper Spielplan der Saison 2021/22 vor.

15 Neuproduktionen sind geplant: Die Opern Don Carlo, Madama Butterfly und der Ballettabend A collection of short stories waren bereits als reduzierte Corona-Varianten zur Aufführung gelangt. In der Spielzeit 2021/22 werden sie szenisch in der ursprünglichen geplanten Fassung gespielt. Die bedeutendsten Opernvorhaben sind unter anderem Rossinis La Cenerentola, Dvoráks Rusalka, Chaillys Die kahle Sängerin sowie die Uraufführung von Torsten Raschs Die andere Frau. Mit großer Spannung wird am 5. März 2022 die Premiere der Aida erwartet; inszeniert von Katharina Thalbach, musikalische Leitung Christian Thielemann.

Alle Produktionen, Termine, Besetzung – link HIER!

Dazu kommen die bereits bekannten 22 Wiederaufnahmen aus dem Opern- und Ballettrepertoire der vergangenen Jahre mit dem leistungsfähigen Hausensemble sowie zum Teil hochrangigen Sängerinnen und Sängern.

Besonders erfreut es, dass es gelungen ist, nach jahrelanger Abstinenz für die kommende Spielzeit Altmeister Peter Konwitschny für die Inszenierungen von Bellinis Norma und Schostakowitschs Die Nase zu verpflichten.

Mehr zu diesen und vielen weiteren Produktionen der kommenden Spielzeit 2021/22; lesen Sie  der folgenden Presseerklärung der Semperoper:

Semperoper / Intendant Peter Theiler und Chefdramarturg Johann C Eule © Daniel Koch

Semperoper / Intendant Peter Theiler und Chefdramarturg Johann C Eule © Daniel Koch

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Presseerklärung der Semperoper: Für das Programm seiner vierten Spielzeit präsentiert Intendant Peter Theiler mit seinem künstlerischen Team für die Saison 2021/22 eine außerordentliche Fülle von Neuproduktionen. Insgesamt elf Opernpremieren, davon drei in Semper Zwei, zwei Ballettpremieren und zwei Premieren der Semperoper Junge Szene erwarten die Zuschauer*innen.

Anfang Oktober kommt Peter Konwitschnys Norma –Inszenierung zur Aufführung, nach nur drei Wochen gefolgt von der mehrfach verschobenen Premiere von Vera Nemirovas Regiearbeit Don Carlo. Erstmals wird dann auch der im Auftrag der Semperoper von Manfred Trojahn komponierte Prolog uraufgeführt werden. Das Kalenderjahr 2021 beschließt im November die Neuproduktion La Cenerentola in der Inszenierung von Damiano Michieletto. Im Januar 2022 sprengt Regisseur Immo Karaman gemeinsam mit dem ungarischen 3D-Künstler und gefeierten Pionier des Projection Mapping, László Zsolt Bordos, Zuschauerraum und Bühne visuell auf für seine Interpretation von Torsten Raschs Oper Die andere Frau.

Mit Chefdirigent Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle und Krassimira Stoyanova in der Titelpartie versprechen die Premieren von Verdis Aida, opulent-golden in Szene gesetzt von Katharina Thalbach, gefolgt von Puccinis Madama Butterfly unter der Musikalischen Leitung von Omer Meir Wellber, mit Kristine Opolais als Cio-Cio-San und Christa Mayer als Suzuki, besondere Höhepunkte des neuen Spielplans. Seine inszenatorische Vision der neuen Dresdner »Madama Butterfly« realisierte der japanische Regisseur Amon Miyamoto, die Kostüme schuf der 2020 verstorbene Modedesigner Kenzo.

Christof Loy, der zurzeit wohl international gefragteste Opern- und Schauspielregisseur seiner Generation, inszeniert gegen Ende der Spielzeit Antonín Dvoráks Rusalka die Musikalische Leitung übernimmt Joana Mallwitz. Und schließlich steht mit Die Nase von Dmitri Schostakowitsch eine weitere Konwitschny-Inszenierung auf dem Premieren-Spielplan.

Nach den Voraufführungen im Juni 2021 feiert A Collection of Short Stories mit Choreografien von Aaron S. Watkin, David Dawson, Jorma Elo, William Forsythe und einer Uraufführung von Nicholas Palmquist im Oktober 2021 seine offizielle Premiere. Die gezeigten Kreationen erlauben einen Rückblick auf die bereits 15-jährige Weiterentwicklung der Company unter der künstlerischen Ägide ihres Ballettdirektors Aaron S. Watkin und stehen exemplarisch für Stil, Vielseitigkeit und Ausdruckskraft des Semperoper Ballett. Als zweite der beiden Ballettpremieren der kommenden Spielzeit kommt das epische Handlungsballett Peer Gynt auf die Bühne, nachdem die ursprünglich für November 2020 geplante Premiere entfallen musste. Die Company des Semperoper Ballett übernimmt als erste die 2017 für das Basler Ballett entstandene Choreografie.

Drei weitere Opernpremieren sind in Semper Zwei geplant: Die kahle Sängerin des 2002 verstorbenen italienischen Komponist Luciano Chailly nach Eugène Ionescos Theaterstück (Inszenierung: Barbora Horáková), die Dresdner Fassung des Bühnen- und Leinwandhitwunders Blues Brothers (Inszenierung: Manfred Weiß) und Stephen Sondheims Into the Woods/Ab in den Wald.

Lang erwartet und ebenfalls immer wieder verschoben, kommt im Mai 2022 die Oper Weiße Rose von Regisseur Stephan Grögler zur Premiere. Für das jüngere Publikum feiert in Semper Zwei das Stück Drei miese, fiese Kerle von Zad Moultaka in der Regie von Annika Nitsch Premiere.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—


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Wien, Wiener Staatsoper, Ballettdirektor Martin Schläpfer – Spielplan 2021/22, IOCO Aktuell, 19.06.2021

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 Wiener Staatsoper – mit –  neuem Management

Historie – Visionen – Spielplan 2021/22

von  Viktor Jarosch

Die Wiener Staatsoper ist mehr als unterhaltsames Musiktheater. Die Wiener Staatsoper und ihr Umfeld spiegeln, in Wien sichtbar und spürbar, erlebbar gewordene Kultur. „Kultur als Teil des Alltags von Jedermann“. So sehen es viele Wiener, wenn sie über „ihre“ Staatsoper sprechen. Mit über 600.000 Besuchern jährlich, vielen wegweisenden Produktionen, mit hoher Popularität bei Ausländern (über 25% der Besucher) und den Wiener*innen,  dazu über viele Jahre „solides“  Wirtschaften machten die Wiener Staatsoper zum weltweit bewundertem Aushängeschild Österreichs für Kultur im Leben, für frohes Leben mit  Kultur.

Mit großem Interesse kommuniziert IOCO deshalb die im Sommer 2020 in der Nachfolge von Dominique Meyer angetretene neue Leitung der Wiener Staatsoper. Heute stellt IOCO das Management und, im Besonderen, Ballettdirektor Martin Schläpfer und seinen Spielplan für die Spielzeit 2021/22 vor.

Das neue Staatsoper Management

    • Bogdan Roscic, *1964 in Belgrad, neuer Intendant der Staatsoper; in Wien „Direktor“-Titel. Zuvor leitete Roscic bei SONY MUSIK die Klassik Sparte: Ein Seiteneinsteiger ohne Vita in der Leitung großer Theater. Die Vorgabe: Dominique Meyer hinterließ ein formidable aufgestelltes, weltweit anerkanntes Staatstheater mit dauerhaft hohem Besucherzuspruch: in Zahlen, Auslastung 99%. Bogdan Roscic hat bisher keine Ambitionen geäußert, die hohen Besucherzahlen als Messlatte zu übernehmen.
    • Martin Schläpfer, *1959 in Altstätten, Schweiz, Ballettdirektor der Wiener Staatsoper. Seit 2009 leitete Schläpfer als Ballettdirektor das Ballett am Rhein Düsseldorf /Duisburg. Schläpfer löste am Rhein Youri Vámos und dessen populäres, zeitadäquat abendfüllendes Handlungsballett radikal ab. Martin Schläpfers meist spezielle Choreographien überzeugten oft künstlerisch;  der Besucher-Zuspruch  stürzte unter Martin Schläpfer  jedoch dramatisch ab. IOCO hinterfragte so seit 2011 wiederholt die niedrige  Auslastung seiner Produktionen; Schläpfer verweigerte hierzu beständig Erstmals 2020, zu einer einzelnen Schwanensee-Choreographie (Keine Schwäne: Rockerbanden kämpfen dort gegeneinander), nannte man Besucherzahlen und Auslastung: welch Wunder, diese waren ausnahmsweise hoch. IOCO publiziert so seit 2013 unwidersprochen gebliebene Auslastungs-Schätzung von 65-70%  für das Ballett am Rhein unter Schläpfer. siehe link HIER! Manuel Legris, Vorgänger von Martin Schläpfer an der Wiener Staatsoper, verabschiedete sich von der Wiener Staatsoper mit einer Auslastung „seines“ Staatsballetts von 99%. IOCO wird den Besucherzuspruch in Wien zukünftig aktiv beobachten.
    • Philippe Jordan, *1974 in Zürich, seit 2020 Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Jordan begann seine Laufbahn als Kapellmeister am Stadttheater Ulm. 1998 wechselte er als Assistent Daniel Barenboims und Kapellmeister an die Berliner Lindenoper, 2001 bis 2004 war er Chefdirigent der Oper Graz. 2006 bis 2010 kehrte Philippe Jordan als Principal Guest Conductor an die Staatsoper Unter den Linden nach Berlin zurück. 2014 übernahm Jordan den Chefposten bei den Wiener Symphonikern.

Martin Schläpfer stellt sich vor
youtube Trailer Wiener Staatsoper
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Martin Schläpfer, Ballettdirektor – Spielzeit 2021/22 – Gedanken, Spielplan

»Die Programmierung einer Spielzeit – so klar und einfach sie schlussendlich idealerweise vor uns steht – ist etwas Hochkomplexes. Zum einen geht es darum, die Tänzerinnen und Tänzer künstlerisch und tanztechnisch so zu inspirieren, zu fordern und zu fördern, dass sie als Solistinnen und Solisten, aber auch als Ensemble zu glänzen vermögen, sich als Teil einer Vision verstehen und stolz auf dieses Wiener Staatsballett sein können. Dies überträgt sich dann auf unser Publikum. Dieses zu berühren und für diese großartige  Kunst, die der Tanz ist, nicht nur zu begeistern, sondern auch dazu zu bewegen, für ihn einzustehen, ist für mich ein weiterer zentraler Punkt. Und natürlich geht es auch darum, die Feuilletons und Medien zu interessieren und durch ihre Arbeit den Tanz als eine Kunstform zu reflektieren, die mitten in unserer Gegenwart angesiedelt ist. Für mich muss eine Planung so hochstehend, so vielfältig, so vielschichtig sein, dass sie international heraussticht. Erst danach frage ich mich, wie sie realisierbar ist – immer auch mit dem Blick auf die musikalischen, dramaturgischen und Design-Fragen, alles idealerweise eins auf Augenhöhe.«

Martin Schläpfer

Welche Bilder von der Welt, vom Menschen, vom Künstler, vom Körper entfaltet der Tanz? Welche Verbindungen entstehen zwischen Bewegung, Musik und Raum? Wie werden Traditionslinien weiter- oder überschrieben? Welche Impulse vermag das klassische Ballett unserer Gegenwart zu geben? Der Spielplan 2021/22 des Wiener Staatsballetts lädt zu vielfältigen Wechselspielen ein.

Je drei Premieren an der Wiener Staatsoper sowie der Volksoper Wien bringt Ballettdirektor und Chefchoreograph Martin Schläpfer 2021/22 heraus. Hinzu kommt in der Wiener Staatsoper die Nurejew-Gala sowie in der Volksoper das neue Format Plattform Choreographie.

Premieren

Martin Schläpfer © IOCO

Martin Schläpfer © IOCO

Zwei große Tanzwerke Martin Schläpfers bilden die Eckpfeiler der Saison. Seiner Uraufführung zu Haydns Oratorium Die Jahreszeiten im April 2022 steht zur Eröffnung der Spielzeit die von Jänner auf September verschobene Premiere von Ein Deutsches Requiem in der Volksoper Wien gegenüber: Zwei jeweils auch Solisten und die Chöre beider Häuser einbindende Ballettproduktionen, die eindringliche Bilder vom Menschen entwerfen und mit dem Tanz in die zentralen Fragen des Lebens vordringen. Mit Haydns Zeitgenossen Beethoven wird Martin Schläpfer sich in einer weiteren Uraufführung auseinandersetzen und die 2020 begonnene kreative Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballetts intensivieren: In Sonne verwandelt nennt er sein Ballett zu Beethovens 4. Klavierkonzert in der Volksopern­ Premiere Begegnungen.

Weitere wichtige Künstler der Gegenwart sind mit ihren Handschriften erstmals beim Wiener Staatsballett vertreten: Mit Marco Goecke konnte Martin Schläpfer einen Choreographen gewinnen, der mit seiner buchstäblich »unter die Haut« gehenden Kunst wie wenige andere in den letzten Jahren zu einem ganz eigenen Stil gefunden hat. Zu zwei Sätzen aus Mahlers 5. Symphonie stellt er im Rahmen der Premiere im siebten Himmel  sein neues Werk für das Wiener Staatsballett vor und gibt damit zugleich sein Wien-Debüt im Haus am Ring.

Erstmals sind aber auch Werke der beiden Meister der amerikanischen Postmoderne Lucinda Childs und Merce Cunningham mit dem Wiener Staatsballett zu erleben, und erstmals vertraut die große belgische Tanzkünstlerin Anne Teresa De Keersmaeker der Compagnie eines ihrer Werke an.

Andrey Kaydanovskiy, Tänzer des Ensembles und längst vielgefragter Choreograph, hat sich den Komponisten Christof Dienz als Partner für eine Uraufführung gesucht. Fortgesetzt wird die 2021 begonnene

Zusammenarbeit mit Alexei Ratmansky. Der Niederländer Hans van Manen gehört weiterhin zu den festen Säulen des Spielplans ebenso wie die beiden Neoklassiker George Balanchine und Jerome Robbins. Neben Symphony in C kehrt mit den Liebeslieder Walzern zur Musik von Brahms ein Balanchine-Werk in den Spielplan zurück, das auf unvergleichliche Weise eine Brücke zwischen der New Yorker Neoklassik und der Tanzkultur der Donaumetropole schlägt- ein Wien-Ballett in der Premiere Liebeslieder, dem Martin Schläpfer mit seiner Neueinstudierung von Marsch, Walzer, Polka in der Premiere Im siebten Himmel antwortet.

Repertoire

Aus dem Repertoire des Wiener Staatsballetts sind in der Spielzeit 2021/22 drei abendfüllende Handlungsballette auf dem Spielplan: John Crankos Onegin, Elena Tschernischovas Gise//e sowie Rudolf Nurejews Schwanensee.

Drei weitere Programme zeigen Tanzkunst des 20. und 21. Jahrhunderts: Zum Auftakt der Saison folgt die eigentliche Aufführungsserie von Tänze Bilder Sinfonien, das im Juni 2021 mit nur einer Vorstellung zur Premiere kommt. Erneut am Spielplan ist das Robbins-Balanchine-Programm A Suite of Dances. Seine Publikumspremiere wird Mahler, live mit Hans van Manens Live und Martin Schläpfers erster Wiener Arbeit 4 erleben, nachdem eine Vorstellung im Dezember 2020 nur vor Kameras stattfinden konnte.

In der Volksoper Wien kommt Vesna Orlics beliebtes Familienballett Peter Pan zurück.

Sonderprogramme

Die alle zwei Jahre stattfindende Nurejew-Gala präsentiert zum Ende der Saison einen Tanzreigen von Petipa und Balanchine bis zu Bejart, van Manen, Schläpfer sowie Leon & Lightfoot, aber auch Flamenco.

Dem choreographischen Nachwuchs gibt Martin Schläpfer mit dem neuen, vom Ballettclub Wiener Staatsballett unterstützten Format Plattform Choreographie Raum zur Entwicklung eigener Ideen – vier bis sechs Miniaturen, choreographiert von Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballetts, die in der Volksoper Wien zu sehen sein werden.

Ensemble

Im Ensemble des Wiener Staatsballetts gibt es zwei große Veränderungen unter den Ersten Solotänzer*innen: Nina Polakova übernimmt ab der kommenden Spielzeit die Leitung des Slowakischen Nationalballetts, Robert Gabdullin hat sich entschieden, seine aktive Tänzerkarriere zu beenden und seine Erfahrungen fortan als Tanzpädagoge an junge Tänzer*innen weiterzugeben.

Auf ihre Positionen ist es Martin Schläpfer gelungen, zwei herausragende und vielseitige Erste Solisten zu verpflichten: Aus dem Stuttgarter Ballett wechselt Hyo-Jung Kang, aus dem Bayerischen Staatsballett München Alexey Popov nach Wien.

Neu im Corps de ballet sind in der Wiener Staatsoper Gaia Fredianelli und Victor Cagnin – beide Absolventen der Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Ins Ensemble zurück kommt Alaia Rogers-Maman, die bereits von 2014 bis 2020 Mitglied des Wiener Staatsballetts war und in der vergangenen Saison beim Royal Swedish Ballet tanzte.

Aus der Jugendkompanie wechseln ins Corps de ballet der Volksoper Wien Barbara Brigatti und Marta Schiumarini, neu sind außerdem Vivian de Britta Schiller und Ginevra Ferratis.

Premieren

 

EIN DEUTSCHES REQUIEM

Martin Schläpfer

      1. September 2021, Volksoper Wien

IM SIEBTEN HIMMEL

Marsch, Walzer, Polka Martin Schläpfer Uraufführung

Marco Goecke Symphony in C George Balanchine

      1. November 2021, Wiener Staatsoper

LIEBESLIEDER

Other Dances Jerome Robbins Concerto Lucinda Childs

Liebeslieder Walzer George Balanchine

      1. Jänner 2022, Wiener Staatsoper

BEGEGNUNGEN

24 Preludes Alexei Ratmansky Uraufführung

Andrey Kaydanovskiy

In Sonne verwandelt (Uraufführung) Martin Schläpfer

      1. Februar 2022, Volksoper Wien

DIE JAHRESZEITEN (URAUFFÜHRUNG)

Martin Schläpfer

      1. April 2022, Wiener Staatsoper

KONTRAPUNKTE

Große Fuge

Anne Teresa De Keersmaeker Duets

Merce Cunningham Four Schumann Pieces Hans van Manen

      1. Juni 2022, Volksoper Wien

  Sonderprogramme

PLATTFORM CHOREOGRAPHIE
      1. & 19. Juni 2022, Volksoper Wien

NUREJEW-GALA

George Balanchine, Maurice Bejart, David Coria, Sol Le6n & Paul Lightfoot, Hans van Manen, Marius Petipa, Martin Schläpfer u.a.

      1. Juni 2022, Wiener Staatsoper

Repertoire

TÄNZE BILDER SINFONIEN

George Balanchine / Alexei Ratmansky / Martin Schläpfer

ab 17. September 2021, Wiener Staatsoper

A SUITE OF DANCES

Jerome Robbins / George Balanchine ab 12. Oktober 2021, Wiener Staatsoper

ONEGIN

John Cranko

ab 23. Dezember 2021, Wiener Staatsoper

PETER PAN

Vesna Orlic

ab 21. Jänner 2022, Volksoper Wien

GISELLE

Elena Tschernischova

nach Jean Coralli, Jules Perrot & Marius Petipa ab 15. Februar 2022, Wiener Staatsoper

SCHWANENSEE     –   Rudolf Nurejew

nach Marius Petipa & Lew lwanow ab 13. März 2022, Wiener Staatsoper

MAHLER, LIVE

Hans van Manen/ Martin Schläpfer Premiere vor Publikum: 2. April 2022

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—


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Paris, Théâtre de l‘Athénée, Die sieben Todsünden der Kleinbürger – Kurt Weill, IOCO Kritik, 16.06.2021

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Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

 Die sieben Todsünden der Kleinbürger  – Kurt Weill

Ballett mit Gesang

Drei französischen Chansons von Kurt Weill,  zusätzlich in die Inszenierung integriert: 1. Complainte de la Seine (1934), 2. Je ne t’aime pas (1934), Text: Maurice Magre (1877-1941), Youkali (1934) aus dem Theaterstück 3. Marie Galante (1934-35), Text: Roger Fernay (1905-1983)

DIE GESCHICHTE VON ANNA AUS LOUISIANA

von Peter Michael Peters

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Die große Hommage an Kurt Weill im Jahre 2020, IOCO-Essay – link HIER,  ist von einem chinesischen Virus total aufgefressen worden, wie wir leider alle bemerkten! Aber für unser aller Glück hat das Théâtre de l‘Athénée einen klitzekleinen Rest gerettet. Ein kleiner ungeschliffener Diamant von unermesslichem Werte ist da geborgen worden, geschrieben in hastender fliehender Zeit von zwei deutschen Emigranten in Paris:

Der Komponist Kurt Weill (1900-1950) und der Dramatiker Bertolt Brecht (1898-1956), ein Jude und ein Kommunist, beide flohen vor dem gewaltsamen drohenden Aufstieg eines Adolf Hitlers (1889-1945) & Co. Die Geschichte von Anna (die sich innerlich spaltete oder verdoppelte in Anna I und Anna II) und ihrer Schwester Anna  aus Louisiana ist die Geschichte einer Odyssee, einer Emigration, ja man kann sagen, einer Flucht auf der Suche des kapitalistischen Traumparadies. Es ist die ewige Geschichte des unschuldigen jungen Mädchens, das die Gesellschaft korrumpieren wird: Brecht und Weill bieten eine ebenso neue wie knirschenden Variante an. Sie laden uns zu einem Roadtrip auf dem Mississippi ein und der bis heute nichts von seiner Frechheit und seinem beißenden Humor verloren hat. So folgen wir den beiden Schwestern auf ihrem Wege durch sieben große kapitalistische Sündenstädte, die gleichzeitig auch die sieben biblischen Todsünden symbolisieren: Faulheit… Stolz… Zorn… Völlerei… Unzucht… Habsucht… Neid…! Der Dramatiker Brecht kehrt die Sünden gewissermaßen um, indem er mit energischer Kritik und ironischem bitterbösen Humor die sündigen Kirchenväter und gleichzeitig die Mächtigen des unersättlichen Großkapitalismus äußerst schwer angreift und auf die anti-klerikale und anti-kapitalistische Schippe nimmt.

Innerhalb weniger Tage skizzierten Weill und Brecht die Geschichte der jungen Anna, die von ihrer Familie auf einer Reise durch sieben amerikanische Städte geschickt wird, wo sie als Tänzerin und Sängerin das Geld für ein Haus verdienen soll. Zerrieben zwischen dem mörderischen Stress, sich als Tänzerin durchzuschlagen und ihren nur allzu menschlichen Wünschen (den Todsünden – die gegen alle Regeln der Vermehrung des Kapitals verstoßen), ist Anna I, die Sängerin ganz rational und setzt alles daran ihre Ziele zu erreichen. Anna II dagegen, die Tänzerin, gibt ihren Wünschen nach und gefährdet damit das erträumte Haus der Familie. Trotz Annas persönlicher Konflikte gelingt der Plan: Anna I kann Anna II immer wieder unter Kontrolle bringen.

1. Faulheit

DIE FAMILIE

Der Herr erleuchte unsre Kinder,
Dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt.
Er gebe ihnen die Kraft und die Freudigkeit,

Dass sie nicht sündigen gegen die Gesetze,
Die da reich und glücklich machen.

Weill gliederte seine Musik in sieben Sätze, die den sieben Stationen von Annas Reise sowie den sieben Todsünden entsprechen. Prolog und Epilog bilden den Rahmen. In jedem Satz finden sich Elemente volkstümlicher Musik wie Walzer, Foxtrott, Marsch, Shimmy und Tarantella, die Weill überzeugender als in seinen früheren Brecht-Projekten symphonisch verarbeitet. Das Eingangsmotiv, das in allen Sätzen wieder auftaucht, ist zugleich musikalisches Bindeglied für das ganze Werk und Leitmotiv für Annas tiefe Traurigkeit. Große emotionale Ausdruckskraft und Intensität kennzeichnen die nachfolgende Musik, die mitunter an eine Symphonie von Gustav Mahler  (1860-1911) erinnert. In scharfem Kontrast dazu steht der eher humoristische Ton, mit dem Annas Familie charakterisiert wird. Für diese Passagen setzt Weill ein Quartett von Männerstimmen in enger Lage ein, das den Stil traditioneller Gesangsvereine, aber auch der Comedian Harmonists (1928-1935) mit ihren extrem hohen Tenorpartien und akzentuierten Basslinien aufgreift. Dieses Vokalensemble, das Weill schon sehr effektvoll in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (1930) verwendet hatte, wirkt hier besonders witzig, wenn Annas ständig moralisierende Mutter von einem Bass gesungen wird.

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Anfang 1933 gründeten George Balanchine (1904-1983) und Boris Kochno (1904-1990) in Paris eine Balletttruppe, die ein wohlhabender junger Engländer namens Edward James (1907-1984) finanzierte. James war unter zwei Bedingungen bereit, für die gesamten Kosten des Ballett 1933 aufzukommen: Zum einen sollte seine Frau, die deutsche Tänzerin Tilly Losch (1903-1975), eine Rolle erhalten, zum anderen der deutsche Komponist Weill auf die eine oder andere Weise mitwirken.

Weill sah den Auftrag als ersten Schritt, sich in seiner neuen Heimatstadt Paris einen Namen zu machen. Zunächst schlug er Jean Cocteau (1889-1963) als Librettisten vor. Kurz darauf nannte er Brecht. Das Pariser Publikum kannte dessen 1932 mit großen Erfolg im Salle Gaveau aufgeführten Dreigroschenoper (1928), wusste aber ansonsten nicht viel über ihn.

Bertold Brecht © IOCO_ RMaass

Bertold Brecht vor dem BE in Berlin © IOCO_ RMaass

Am 5. April 1933 bat Weill den künstlerischen Leiter des Ballett 1933, Kochno, dem in Italien weilenden Brecht ein Telegramm zu schicken: Er solle sofort nach Paris kommen und noch in derselben Woche mit der Arbeit zu beginnen. Brecht war einverstanden und die beiden stürzten sich mit Feuereifer in das neue Projekt. Es sollte die letzte Kollaboration zwischen den beiden Künstlern sein!

Das Werk ließ das französische Publikum verwirrt zurück (und zwar nicht nur, weil es vollständig auf Deutsch gesungen wurde). Die in Paris lebenden deutschen Emigranten waren jedoch begeistert und sprachen von einem großen Ereignis. Allerdings war es sicher nicht Weills Ziel gewesen, nur von einer intellektuellen Elite gefeiert zu werden. Er betrachtete Die sieben Todsünden als sein bis dahin gelungenstes Werk, doch die frühen Aufführungen hatten nur bescheidenen Erfolg.

Für Weill wird Paris nicht lange ein Asyl sein geschweige eine neue Heimatstadt! Er wird von Reynaldo Hahn (1874-1947) verhöhnt, der seine Arbeit als Bordell-Musik ansieht, beleidigt von Florent Schmitt (1870-1958), der am Ende eines seiner Konzerte „Heil Hitler!“ schreit, dann von Lucien Rebatet (1903-1972), der in der Action Française sich beklagt hat, „dass wir an vielen Treffpunkten des linken Seine-Ufers zu viele hakennasenförmige und zwielichtige Physiognomien antreffen, frisch aus den intellektuellen Ghettos von Frankfurt oder Berlin geflohen“, und er kommt zum Schluss, „dass es der außergewöhnlichen schöpferischen Armut unserer Zeit bedarf, um in der Lage gewesen zu sein, einen begeisterten oder verunglimpfenden Lärm um einen Kurt Weill zu machen. Es bedarf der erschreckendsten Vergesslichkeit jeglichen kritischen oder ethischen Sinnes, um in dieser Negativformel eine Zukunft voraussehen zu können, die mit der Zersetzung  der Musikkunst enden würde. (L‘Action Française / 2. Dezember 1933). Weill verlässt Paris 1935 und emigriert in die USA, wo er ein großer amerikanischer Komponist wird. Er wird sein Land und dessen Sprache total aus seinem Gedächtnis streichen und er wird niemals wieder deutschen Boden betreten.

9. Epilog

ANNA 1

Darauf kehrten wir zurück nach Louisiana,
Wo die Wasser des Mississippi unterm Monde fliessen.

Sieben Jahre waren wir in den Städten
Unser Glück zu versuchen.

Jetzt haben wir’s geschafft.
Jetzt steht es da, unser kleines Haus in Louisiana.

Jetzt kehren wir zurück in unser kleines Haus
Am Mississippi-Fluss in Louisiana.
Nicht wahr, Anna

ANNA 2

Ja, Anna!

Siehe auch IOCO-Essay: VON DESSAU ZUM BROADWAY – Hommage à Kurt Weill von Peter M. Peters, link HIER!

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

ATHÉNÉE-THÉÂTRE LOUIS-JOUVET / Die 7 Todsünden _ Ballett von Kurt Weill © Pierre Grosbois

Aufführung am 5. Juni 2021 im  Athénée – Théâtre  Louis-Jouvet – Paris

Das Orchestre de Chambre Pelléas mit seinem Chefdirigenten Benjamin Levy hatte gewissermaßen den Weill-Stil total unter der Haut: Dieses Gemisch aus jazzigen Rhythmen,  verrückten Modetänzen, fröhlicher Volksmusik, jubelnden Chorälen und melancholischer Synagogenmusik wurde in der reduzierten Orchesterversion mit nur 15 Musikern von HK Gruber (1943-) hinreißend gespielt. Wir wurden praktisch mitgerissen von dieser außergewöhnlichen Reisebegleitung der Musiker auf unserer langen durstbringenden Reise durch die Wüsten der Städte.

Auch wurden die drei oben genannten Chansons, von Weill in seinem Pariser Exil geschrieben, mit viel Geschmack und Feingefühl in die Musik der Todsünden eingefügt. Besonders Youkali, das in seiner großen Traurigkeit das ganze Elend von Emigranten, Heimatlosen und Verfolgten  erweckt!

Die junge französische Mezzosopranistin Natalie Pérez (Anna I), die schon eine reiche Karriere vorweisen kann, hat ihre Rolle mit viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität gestaltet. Auch zeigte sie die nötige Stärke und Willenskraft um ihre zweite Seite (Anna 2) zu beschwichtigen und zur Weisheit zu führen. Die Sängerin kann sich ohne Scheu in die Reihe der großen Weill-Interpretinnen einreihen!

Noémie Ettlin (Anna II) hat eine Ausbildung im klassischen und modernen Ausdruckstanz in der Schweiz erhalten. Sie arbeitete schon mit vielen bekannten internationalen Choreographen zusammen und verfügt bereits über  eine reichhaltige Erfahrung verschiedener Tanzstile. Hier zeigte sie gewissermaßen ihren eigenen Tanzstil, denn sie war auch für die Choreographie verantwortlich! Ihre Arbeit und ihr Körper integrierte sich völlig in die Inszenierung, jedoch hat es leider bei uns nicht den erwarteten Gänsehauteffekt  ausgelöst.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden Kurt Weill,
Youtube Athénée Théâtre Louis-Jouvet
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Männerquartett (Die Familie) war  mit vier jungen Sängern ausgezeichnet zusammengestellt: Florent Baffi, Bass (Die Mutter); Guillaume Andrieux, Bariton (Der Vater); Manuel Nuñez Carmelino, Tenor (Bruder I); Camille Tresmontant, Tenor (Bruder II). Ohne hier weiter in Details zugehen, diese Familie war gewissermaßen  mit Qualität zusammen geschweißt, wie es sich für eine echte  Kleinbürgerfamilie gehört. Es war eine Einheit von Stimmen und Willen, kein Ton wagte da auszubrechen, keine Individualität zerstörte den Willen. Ein Quartett vom Feinsten, das mit viel Musikalität und einer intensiven Interpretation mit viel Dreistigkeit und Willenskraft ihre Ideen durchsetzte frei nach Weill  und Brecht.

Les sept péchés capitaux – Die sieben Todsünden hier PINA BAUSCH,
Youtube TheatreVilleParis
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Bühnenbild mit den inzwischen in Mode gekommenen Metallgerüsten stört nicht wirklich, aber wir erhofften eine neue Idee! Dagegen das Video von Yann Chapotel ist recht interessant, indem es uns an die Welt der unmenschlichen Städte vom Quartier de La Défense in Paris bis zur Skyline in Manhattan erinnert. Die Kostüme von Hélène Kritikos sind neutral ohne zu stören, zeigen aber keine besondere Kreativität! Die Bühnenbeleuchtung ist effektvoll eingesetzt von Catherine Verheyde.

Der Regisseur Jacques Osinski hat sich im Laufe vieler Jahre einen guten Namen im Theater und in der Oper gemacht. Auch hier zeigt er eine Arbeit mit viel Ideenreichtum und einem intensiven Eindringen in das Werk. Die etwas statische Sängerbehandlung für ein Anti-Oratorium zeigt sich als äußerst wirkungsvoll! Jedoch der Gesamteindruck hat leider für uns nicht die nötige Stärke: Es fehlt die politische, soziale und klerikale kritische Aussage. Diese Reise von sieben Monaten von einem (oder zwei ?) jungen Mädchen, noch dazu brutal gezwungen von den Eltern, ist kein leichter Spaziergang. Der Regisseur spricht in einem Vorwort von Jim Jarmusch (1953-) oder David Lynch (1946-), etc. Wir sehen in keiner Weise diese harte dürre Atmosphäre in seiner Inszenierung. Ja! Es fehlt die Härte und die Brutalität dieser Welt. Die Todsünden sind niemals für ein schreiendes Kabarett geschrieben worden noch für einen netten Theaterabend und sie sind heute wie Gestern äußerst aktuell und modern.

Wie schon gesagt, wir haben trotz einiger Einwände einen wunderbaren Theaterabend erlebt, natürlich besonders vom der musikalischen Seite…  P.M.P. / 11.06.2021

—| IOCO Kritik Théâtre de l‘Athénée |—

 

 


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Münster, Theater Münster, Der Turm – Uraufführung – Tanzabend, IOCO Kritik, 10.06.2021

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Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

 Der Turm  –  Uraufführung – Tanzabend von Hans Henning Paar 

  Wie ein Tanz ums Goldene Kalb  –  Erfahrungen aus Corona

Von Hanns Butterhof

Mit der Uraufführung seines Stücks Der Turm taucht der Leiter der Tanzsparte des Theaters Münster, Hans Henning Paar, mit seinem zwölfköpfigen Ensemble wieder aus dem pandemiebedingten Lockdown auf. Dessen Bedingungen und die vielfältigen Wege, mit ihnen umzugehen, stellen den Ausgangspunkt für den Tanzabend dar, der aber darüber hinaus auf Erfahrungen aus Corona zielt.

Auf der nachtschwarzen Bühne des Großen Hauses, die bis auf einige umgestürzte Stühle leer ist, durchkämmt zu Beginn der Tänzer Keelan Whitmore assoziativ das Wortfeld der Corona-Gefühle. Es reicht von „kidnapped“ und „locked“ bis „Rapunzel“ und spannt so einen programmatischen Bogen von aktueller Wirklichkeit bis zum Märchen (wobei auch im Tanztheater eine Übertitelung von Fremdsprachlichem wünschenswert wäre, wenn es denn um Verständlichkeit gehen soll).

Theater Münster / Der Turm Tanzabend © Oliver

Theater Münster / Der Turm Tanzabend  © Oliver Berg

Dann kommt das übrige Ensemble langsam, jeder für sich, von der Seite herein, richtet seinen Stuhl auf und haust sich auf ihm ein. Versuchsweise liegt man langgestreckt quer über ihm, mal hockend mit angezogenen Füßen oder wie Auguste Rodins ikonischer „Denker“ ermüdet, den Kopf auf die Faust gestützt.

Die Bewegungen des Ensembles sind anfangs ansprechend synchron und beschreiben die allgemeinen Versuche, sich in der gegebenen Situation zurechtzufinden. Die Stühle im Sinne von „My home is my castle“ werden dabei zu einem eindringlichen Symbol über Corona hinaus. Sie stehen dafür, dass sich der Mensch, auch zur eigenen Sicherheit, die je eigene Welt einrichtet und es sich darin gemütlich macht, bis er bemerkt, dass er sich eingebunkert und sein eigenes Gefängnis gebaut hat.

Stühle hängen denn auch bedrohlich vom Schnürboden herab, als könnten sie jederzeit auf die Tanzenden stürzen. Ebenso bedrohlich instabil dreht sich später eine Pyramide aus locker übereinander gehäuften Stühlen des Ensembles in die Bühnenmitte, vor der und um die herum sich wie der Tanz ums Goldene Kalb die einzelnen Szenen entwickeln. Die anfänglich synchrone Bewegung verliert sich, in dem aufkommenden Durcheinander von Wimmelnden sind kaum mehr Individualitäten und einzelne Geschichten erkennbar; Schnelligkeit, angstvolles Zittern und ekstatische Gestik sind der beherrschende Eindruck.

Dazwischen finden sich kleine Inseln mit klarer thematischer Bindung. Da wird eine Tänzerin von Tänzern mit Tauchermasken mittels ihrer Stühle attackiert, bis diese sich wie die Mauern einer Gefängniszelle um sie schließen. Oder in einem der wenigen Paartänze bahnen sich eine Tänzerin und ein Tänzer athletisch ihren Weg quer über die Bühne, als koste Gemeinsamkeit in dieser Zeit ungeheure Kraft.

Theater Münster / Der Turm Tanzabend hier Maria Bayarri Pèrez, Keelan Withmore © Oliver

Theater Münster / Der Turm Tanzabend hier Maria Bayarri Pèrez, Keelan Withmore © Oliver

Anderes, das zum märchenhaften Aspekt des Stücks gehört, ist schön anzusehen, erschließt sich aber nicht unmittelbar sinnlich. So sinnt man über eine Tänzerin, die mit verbundenen Augen auf das Publikum zuschreitet. Mit einem übergroßen externen Auge, das sie in der Hand hält, blickt sie ins Publikum, um es sich schließlich von einem Tänzer mit Vogel- oder Pestarzt-Maske (Kostüme und Bühne: Hans Henning Paar, Sophia Debus) entwenden zu lassen. Auch die Deutung der Figur einer Riesin, unter der sich nach ihrem Sturz der Tänzer herauswindet, auf dessen Schultern sie ihre Größe erlangt hatte, setzt einige Kopfarbeit voraus.

In der letzten Szene wickeln vier Tänzer ein rotes Seil aus der Stuhlpyramide, das sie mit ganzem Körpereinsatz zu einer variablen geometrischen Figur spannen, die von Maria Bayarri Pèrez wie von einer Spinne in ihrem Netz befühlt, geprüft und beschritten wird. Mit dem kräftigen Keelan Withmore, der hoffnungslos am Ende des Seils festgehakt ist, liefert sie sich einen langen, schweißtreibenden Kampf, bis sie ihn endlich in das Seil wickeln und in ihren Stuhl-Turm schleppen kann – eine eindringliche Variante der Turm-Symbolik, nach der sich der Mensch in seinen eigenen Stricken verfängt.

Der Turm ist eine beeindruckende Leistung des Tanz-Ensembles, ohne als choreographisches Ganzes (Choreographie: Hans Henning Paar & Ensemble) zu überzeugen. Zu viel ist zu unklar, um in die Konstruktion hineinzuziehen, und der Sog, den die Musik von Philip Glass erzeugen soll, entsteht nicht. Vielmehr führt die Bindung an die zeitlichen Vorgaben der einzelnen Stücke zu mancher fühlbaren Länge. Die nahezu melodiösen Passagen harmonieren mit tänzerisch gefälligen Szenen, während die dissonanten und repetitiven Klang-Cluster zu zerrissenem tänzerischen Ausdruck führen.

Als sich nach achtzig Minuten das Publikum zu anhaltenden Beifallsbekundungen erhob, waren diese neben der Anerkennung der tänzerischen Qualität wohl auch der dankbare Ausdruck der Freude, nach all der Zeit des Lockdowns endlich wieder Tanztheater live erleben zu können.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—


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