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# Bremerhaven, Stadttheater Bremerhaven, DER FREISCHÜTZ - Carl M. von Weber, IOCO Kritik, 01.01.2023
- URL: https://www.ioco.de/bremerhaven-stadttheater-bremerhaven-der-freischutz-carl-m-von-weber-ioco-kritik-01-01-2023/
- Published: 2022-12-31T21:10:37.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:12:12.000Z
- Author: Astrid Petersmann
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Deutsche Oper am Rhein, Bremerhaven

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[Stadttheater Bremerhaven](https://stadttheaterbremerhaven.de/startseite/?ref=ioco.de)

![Stadttheater Bremerhaven © Manja Herrmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2021/11/stadttheaterbhv-foto-manja-herrmannneu.jpg)

Stadttheater Bremerhaven © Manja Herrmann

## ***DER FREISCHÜTZ* \- Carl Maria von Weber**

#### **\- wunderbare Stimmen gegen den Strich gebürstet -**

**von Astrid Petersmann**

**Carl Maria von Webers *Freischütz*** gilt als als die „erste deutsche Nationaloper“. **Heinrich Heine** meinte nach derem beispiellosen Erfolg bei der Uraufführung am 18\. Juni 1821 im **Königlichen Schauspielhaus Berlin** in einem Brief: „*Haben Sie noch nicht *Maria von Webers ‚Freischütz‘* gehört? Nein? Unglücklicher Mann!"*

Und tatsächlich darf sich auch noch heute jeder glücklich schätzen, der Hörer der musikalischen Leistungen in der diesjährigen Bremerhavener Premiere am 25.12.2022 war. Weniger zu beneiden ist nämlicher Hörer, wenn es um die Leistungen in Bezug auf Bühnenbild und Regie geht, doch dazu später.

Im großen Haus des **Stadttheater Bremerhaven** ist auf musikalischer Ebene ein großartiges Team verfügbar: Der souveräne **Davide Perniceni** am Pult, das bestens musizierende **Philharmonische Orchester,** der sehr gut studierte Opernchor des Stadttheaters und die Solistinnen und Solisten, die es mühelos schaffen, jeder musikalischen Phrase ausdrucksstarke Farben zu verleihen:

![Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Andrew Irwin (Kilian), Konstantinos Klironomos (Max), Thomas Weinhappel (Kaspar), Opernchor, Extrachor © Heiko Sandelmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/12/csm-03-stadttheater-bremerhaven-der-freischuetz-foto-heiko-sandelmann-neu.jpg)

Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Andrew Irwin (Kilian), Konstantinos Klironomos (Max), Thomas Weinhappel (Kaspar), Opernchor, Extrachor © Heiko Sandelmann

Der griechische Tenor und Angehöriger des Bremerhavener Ensembles **Konstantinos Klironomos** als ***Max*** und der aus Österreich stammende bis 2019 noch eher lyrische, seither dramatische Bariton **Thomas Weinhappel** als **Kaspar** verfügen über fabelhafte stimmliche Qualitäten, welche beeindrucken.

**Klironomos** beherrscht die nahezu perfekte Kantilene, welche er so bravourös, innig, empathisch und selbstverständlich darbietet als könne er gar nicht anders; technisch einwandfreier Schöngesang mit voller emotionaler Hingabe in jeder Phrase ohne jemals zu forcieren. Lyrischer geht es einfach nicht mehr!

**Weinhappel** setzt in puncto stimmlicher Dynamik, Theatralik, Timbre und Volumen lang vermisste Maßstäbe, welche heutzutage nicht einmal mehr im Wagnerfach alltäglich sind, auch nicht an größeren Bühnen. Dort wird er mit Sicherheit schon bald gefragt sein, auch wegen seiner bühnenwirksamen Erscheinung.

![Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Signe Heiberg (Agathe), Victoria Kunze (Ännchen) © Heiko Sandelmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/12/10-stadttheater-bremerhaven-der-freischuetz-foto-heiko-sandelmannneu.jpg)

Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Signe Heiberg (Agathe), Victoria Kunze (Ännchen) © Heiko Sandelmann

Neben den beiden männlichen Ausnahmekünstlern bestechen die beiden Sopranistinnen und stehen ihnen um nichts nach. Die aus Dänemark stammende **Signe Heiberg** als ***Agathe,*** Foto oben, und die aus Deutschland kommende **Victoria Kunze** als **Ännchen** brillieren stimmlich jederzeit präsent in Frische und flexibler Phrasierung und tragen durch ihre Meisterschaft damit ebenfalls maßgeblich zum Erfolg dieser Aufführung bei.

Dirigenten, Orchester, Chor und dem überdurchschnittlichen Sängercast ist es auf der musikalischen Ebene ausgezeichnet gelungen, die romantische, volksmärchenhafte Komposition auf höchstem Niveau aufzuführen.

Bühnen- und Kostümbildner **Stefan Mayer** wie auch Regisseur **Wolfgang Nägele** geizen hingegen bei der szenischen Umsetzung des ***Freischütz*** mit Details, zeigen nur das Notwendigste an Bildern und Requisiten. Abdekoriert wie sie ist, vermisst man in dieser Oper schmückende Elemente, die vielleicht nicht essentiell für das Verständnis des Stückes, wohl aber für die Atmosphäre sind.

Vor allem **Nägele** reduziert die szenische Darstellung von Emotionen, macht aus der ursprünglich von **Weber** gewollten romantischen Geschichte eine klinisch saubere psychoanalytische Studie über zwei Männer: ***Max*** (**Konstantinos Klironomos**) und **Kaspar** (**Thomas Weinhappel**).

Letzterer ist bereits an den gesellschaftlichen Diktaten der Kompetenz- und Leistungsnachweise seelisch gescheitert, Ersterem steht das noch bevor. Um das weiter zu veranschaulichen, setzt **Nägele** ein im Original nicht vorhandenes Double von **Max** (**Martin Mäcker**) ein, welches dann und wann als **Samiel** agiert, ohne dass Abgrenzungen zwischen *Double* und *Samiel* stattfinden oder die Personalunion Sinn macht. Ähnlich wie im **Mannheimer *Freischütz*** im April des Jahres 2022 bleibt das Publikum irritiert zurück.

![Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Konstantinos Klironomos (Max), Martin Maecker (Max Double) © Heiko Sandelmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/12/06-stadttheater-bremerhaven-der-freischuetz-foto-heiko-sandelmannneu.jpg)

Stadttheater Bremerhaven / DER FREISCHÜTZ hier Konstantinos Klironomos (Max), Martin Maecker (Max Double) © Heiko Sandelmann

Aus **Agathe** (**Signe Heiberg**) wird eine kühle Emanze, die weltanschaulich mit **Kuno** (**Bart Driessen**), **Ottokar** (**Marcin Hutek**) und **Killian** (**Andrew Irwin)** verbunden ist. Sie alle sind auf Vertreter der Ellenbogengesellschaft reduziert, die **Max** überfordert. Darum kümmert sich **Agathe** nicht, auch nicht darum, wie sie ihres *„Busens Schlagen“* bezwingen kann. Da schlägt ohnehin nicht viel und vor allem nicht „ungestüm“.

Über die Gründe, aus welchen **Nägele** hier eine so weit von der Originalfigur divergierende Darstellung wählte, kann nur spekuliert werden.

Nur vor **Ännchen** (**Victoria Kunze**) und den **Brautjungfern** (**Katharina Diegritz**, **Sydney Gabbard**, **Lilian Giovanni** und **Basak** **Ceber**) macht **Nägeles** Konzept Halt. Unerfahren, geradlinig, unbekümmert dürfen sie wie im Libretto vorgesehen agieren.

Wie früher **Neuenfels,** mit dem er viele Jahre zusammenarbeitete, sucht **Nägele** anscheinend Unterschwelliges und Zwischenzeiliges, anstatt die volksmärchenhafte Romanze zu zeigen, die auf dem Spielplan steht. Um der Psycho- und Sozialkritik willen opfert er die schauspielerische Darstellung von Emotionen durch die Sängerinnen und Sänger.

Den Opernbesucherinnen und Opernbesuchern stellen sich alsbald die Fragen, ob **Nägele** damit der Oper nicht einen Bärendienst erwiesen hat, indem er ihr das Märchenhafte nahm und sie auf das Niveau plumper Psycho- und Sozialkritik reduziert hat, und ob sie über all das hinwegsehen können.

Einige konnten nicht. Sie machten ihrem Ärger darüber lautstark Luft. Ihnen ging eine derartig radikale, vor allem gefühllose Neuinterpretation zu weit. Anscheinend überlegen nicht nur Jonas Kauffmann und Philippe Jordan, ob es Aufgabe der Oper ist, sie dazu zu benutzen, dem Publikum ständig Probleme unter die Nase zu reiben, die von den Komponisten nie als Thema des Stückes angedacht waren.

Soll sich also das Regietheater mit der bloßen Bebilderung der Oberfläche zufrieden geben? Sicher nicht. Dort wo Komponisten Gefühle in Musik gegossen haben, trifft man natürlich immer auch Unterschwelliges und Zwischenzeiliges. Aufgabe der Regie ist es nun, eine ganzheitliche werk- und rollengetreue Darstellung des Originals zu finden und keinesfalls das Stück durch Interpretation so lange gegen den Strich zu bürsten bis man eine vermeintliche Aktualität darin entdeckt. Das kann das Publikum durchaus selbständig, soferne man ihm das Original zeigt.

Nicht nur bei **Weber** wäre es allemal besser, die Kirche im Dorf zu lassen, die *Wolfsschlucht im Wald* und nicht in einem Labor und den Protagonistinnen und Protagonisten die Freiheit, ihre von **Weber** komponierten Rollen zu verkörpern.

#### [***DER FREISCHÜTZ* im Stadttheater Bremerhaven - Alle Termine, Karten - link HIER!**](https://stadttheaterbremerhaven.de/musiktheater/programm/der-freischuetz/?ref=ioco.de)

\---| IOCO Kritik Stadttheater Bremerhaven |---