> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Bremen, Theater Bremen, PIQUE DAME - Peter Tschaikowsky, IOCO Kritik, 29.05.2023
- URL: https://www.ioco.de/bremen-theater-bremen-pique-dame-peter-tschaikowsky-ioco-kritik-29-05-2023/
- Published: 2023-05-29T18:00:14.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:13:45.000Z
- Author: Thomas Birkhahn
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, giuseppe verdi, Verdi, Bremen

![logo_theater_bremen](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/11/logo_theater_bremen.jpg)

[Theater Bremen](http://www.theaterbremen.de/?ref=ioco.de)

![Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/11/goe_beleuchtet2-joerg-landsberg_150.jpg)

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

## ***PIQUE DAME* \- Peter Tschaikowsky**

#### **\- Eine Zivilisation ist dem Untergang geweiht, doch deren Menschen feiern....... -**

von **Thomas Birkhahn**

Eine Welt im Zerfall. Eine Zivilisation, die dem Untergang geweiht ist und deren Mitglieder dennoch in bester Feierlaune eine zügellose Geldgier an den Tag legen – das ist die düstere Vision von Regisseur **Armin Petras** in der Neuproduktion der Oper **Pique Dame** von **Peter Tschaikowsky** am **Theater Bremen;** besprochene Vorstellung 27.05.2023

Es herrscht von Beginn an eine Endzeitstimmung, wenn die beiden Soldaten **Tschekalinsky** und **Surin** einem Autowrack entsteigen, in dem sie anscheinend hausen. Jedoch interessiert man sich anscheinend nicht für den Fortbestand der Zivilisation, sondern mehr für das Glücksspiel und damit die Aussicht auf das ganz große Geld. Ein klarer Fingerzeig **Petras**' auf unsere heutige, rein materialistisch geprägte Welt. Bei **Petras** lösen sich die künstlichen Grenzen, die der Mensch in vielerlei Hinsicht durch die Errichtung der Zivilisation gezogen hat, wieder auf.

![Theater Bremen / PIQUE DAME hier Chayka-Rubinstein, Partyka, Morloc, Lehner, Han, Chor © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/pique-dame-1-chayka-rubinstein-partyka-morloc-lehner-han-chor-foto-jorg-landsbergneu1.jpg)

Theater Bremen / PIQUE DAME hier Chayka-Rubinstein, Partyka, Morloc, Lehner, Han, Chor © Jörg Landsberg

So gibt es keine klare Trennung mehr zwischen menschlicher Behausung und Natur, denn die Häuserfront, die Bühnenbildner **Julian Marbach** für diese Produktion konstruiert hat, ist nicht nur verfallen, sondern es wachsen auch schon Pflanzen aus den kaputten Fenstern. Die Natur kommt in jene Bereiche zurück, aus denen der Mensch sie über viele Jahrhunderte hinweg zurück gedrängt hat.

Und die Rückseite des Hauses – die wir mithilfe der Drehbühne im zweiten Bild sehen – ist eine Mischung aus Hinterhof und Wohnzimmer. Wir sehen vor dem Haus einen Konzertflügel, ein Sofa und einen Kamin. Ist das noch „drinnen“ oder ist das schon „draußen“? Auch hier sind die Grenzen fließend.

Zusätzlich ist auch die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem aufgehoben. Ständig ist die Bühne mit schwarz gekleideten „Fremden“ bevölkert, die in den Privaträumen des Hauses von **Lisa** und der **Gräfin** ein und aus gehen, ohne dass es jemanden zu stören scheint. Dazu gehören auch Straßenkinder, die Unterschlupf suchen und von niemandem beachtet werden.

![Theater Bremen / PIQUE DAME hier Kunert, Lehner, Chayka-Rubinstein, Chor, Statisterie © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/pique-dame-4-kunert-lehner-chayka-rubinstein-chor-statisterie-foto-jorg-landsbergneu2.jpg)

Theater Bremen / PIQUE DAME hier Kunert, Lehner, Chayka-Rubinstein, Chor, Statisterie © Jörg Landsberg

Kann Liebe in so einer Welt überhaupt gelingen? Denn darum geht es ja auch in **Tschaikowskys** vorletzter Oper aus dem Jahr 1890\. Sein Bruder **Modest** schrieb das aus sieben Bildern bestehende Libretto nach einer Novelle von **Alexander Puschkin,** in der sich der Soldat **Hermann** in die Adlige **Lisa** verliebt, die aber aufgrund der Standesunterschiede für ihn unerreichbar scheint. Als er dann erfährt, dass **Lisas** Großmutter, eine hochbetagte **Gräfin,** ein Geheimnis hütet, wie man beim Glücksspiel reich werden kann, will er sein Glück erzwingen. Ob es ihm dabei wirklich um **Lisa** geht oder doch eher um den Reichtum an sich, mit dessen Hilfe er der Welt, in der er nicht glücklich ist, zu entfliehen versucht, ist nicht ganz klar. Und **Hermann** weiß es vermutlich selber nicht so genau.

**Tschaikowsky** hat **Hermann** und **Lisa** zwei große Liebesszenen geschrieben, jedoch bleiben sie bei **Petras**  in beiden Szenen auf Distanz zueinander. Die Sehnsucht nach Nähe ist deutlich zu spüren, aber **Petras** lässt **Lisa** nur einmal kurz rückwärts an **Hermann** heran robben, um danach gleich wieder auf Distanz zu gehen. Ein starkes Bild, das deutlich macht, dass in dieser Welt, die sich in Auflösung befindet, kein Platz für menschliche Nähe ist.

**Petras** wird bei seinem „Zurück-zur-Natur“-Ansatz von der Videokünstlerin **Rebecca Riedel** unterstützt, deren sehr ausdrucksstarke bewegte Bilder auf die Hauswand projiziert werden. Mal zeigen sie die durch die Wildnis streifenden Protagonisten, mal die feiernde Gesellschaft.

Es ist eine Gesellschaft, die keiner bestimmten Epoche angehört. Die Kostüme (**Patricia Talacko**) reichen von opulenten Abendkleidern des 19\. Jahrhunderts für **Lisa** und ihre Vertraute **Polina**  bis zu futuristisch anmutender schwarzer Kluft. Die Gesichter dieser Menschen sind teilweise verunstaltet, was eine Anspielung auf zukünftige Genmanipulationen sein könnte. Der Mensch war also schon immer so, und wird wohl auch immer so bleiben, das ist die wenig optimistische Botschaft.

In dieser Inszenierung wird der Zuschauer mit Bildern geradezu überflutet: Die Videoprojektionen, die vielen Menschen, die die Bühne bevölkern, dazu die vielen kleinen Details des Bühnenbilds – sie zwingen den Zuschauer, herauszufiltern, was er für relevant erachtet .

![Theater Bremen / PIQUE DAME hier Han (links), Olivares Sandoval (rechts), Chor © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/05/pique-dame-9-han-links-olivares-sandoval-rechts-chor-foto-jorg-landsbergneu3.jpg)

Theater Bremen / PIQUE DAME hier Han (links), Olivares Sandoval (rechts), Chor © Jörg Landsberg

Stellvertretend für die vielen Gegenstände auf der Bühne sei hier ein alter Fernseher genannt – bis in die 90er Jahre noch die wichtigste Quelle des Menschen für Information, Unterhaltung und Zerstreuung – der hier so vermodert ist, dass schon Pflanzen aus ihm heraus wachsen. Ein eindrucksvolles Symbol, dass die Vergänglichkeit all dessen deutlich macht, was wir Menschen für einen gewissen Zeitraum für unverzichtbar hielten.

Überhaupt geht in dieser Oper auffallend oft ein wehmütiger Blick zurück in die Vergangenheit. **Lisas** Vertraute **Polina** singt zu Beginn des zweiten Bildes von vergangenen Freuden (sehr anrührend: **Ekaterina Chayka-Rubinstein)** und auch die **Gräfin** (**Renée Morloc**) kann sich mit der Gegenwart nicht so recht anfreunden. Obwohl sie bei **Petras** eine vitale Frau mitten im Leben ist und keine 90-jährige Greisin, wie es das Libretto vorsieht, gehen ihre Gedanken zurück in die Zeiten, als sie in Paris eine Dame von Welt war.

Und dies ist das musikalische Highlight des Abends, denn **Renée Morlocs** phantastische Bühnenpräsenz und ihre wunderbare musikalische Gestaltung machen aus ihrer großen Arie im vierten Bild ausdrucksstarkes Musiktheater. Wann hat man je so ein durchdringendes Piano gehört? Ihre sehr wandlungsfähige Stimme und ihr bestechendes Timing lassen besonders das Morbide ihres Charakters („*Ich fühle mein Herz schlagen und weiß nicht, warum.*“) lebendig werden.

Im Gedächtnis bleibt darüber hinaus vor allem – mal wieder, möchte man bewundernd hinzufügen - **Nadine Lehners** hochemtionale Verkörperung der **Lisa:** Wenn diese großartige Sänger-Darstellerin im sechsten Bild mit der Pistole vor **Hermanns** Nase herum fuchtelt, hat man als Zuschauer regelrecht Angst, sie könnte vom Libretto abweichen und ihn auf der Stelle erschießen, so überzeugend spielt und singt sie **Lisas** Wut und rasende Verzweiflung („*Einem Mörder, einem Scheusal gehört auf ewig meine Seele.“).*

**Luis Olivares Savoyal** spielt **Hermann**s innere Zerrissenheit, die sich oftmals in Passivität äußert („ *Ich möchte gerne davon laufen, aber ich habe nicht die Kraft dazu.*“) mit großer innerer Anteilnahme. Jedoch hat er vor der Pause – man unterbrach nach dem dritten Bild, also in der Mitte der zweiten Akts – stimmlich zu kämpfen. Es fehlt seiner Stimme zunächst an Durchsetzungskraft und Glanz. Im weiteren Verlauf kann er sich dann aber steigern und hat seine stärksten Momente im lyrischen Gesang des sechsten Bildes (*„Die Stunde des Wiedersehens ist gekommen.“*).

Auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt. Hier ragt besonders **Elias Gyungseok Han** als ***Graf Tomsky*** heraus, dessen eindringliche Erzählung des Geheimnisses der „*Drei Karten*“ bei Hermann die Gier nach Glück und Reichtum erst auslöst.

**Lisas** Verlobter, der elegant gekleidete **Fürst Jeletzky,** ist ihr gegenüber erstaunlich verständnisvoll für einen Mann des 19\. Jahrhunderts. Diese Weichheit in seinem Charakter wird von **Michal Partyka** im dritten Bild mit lyrischer Stimme sehr überzeugend dargestellt, aber er findet auch die nötige Härte in der Stimme, wenn es im siebten Bild zur offenen Konfrontation mit **Hermann** kommt.

Bleibt am Ende noch zu hoffen, dass **Yoel Gamzou,** der bis 2022 Generalmusikdirektor am[ **Theater Bremen** ](https://www.theaterbremen.de/de%5FDE/home?p=4&blog%5Fid=1&category=alle&tag=alle&ref=ioco.de#?d=2023-05-29&f=a)war, noch oft den Weg zurück nach Bremen finden wird. Was er und seine Musiker, die offensichtlich sehr gerne unter seiner Leitung spielen, an diesem Abend leisten, ist phantastisch. Das einfühlsame Spiel der Philharmoniker sowohl in den lyrischen Passagen als auch die hochdramatischen Gefühlsausbrüche machen aus dieser Aufführung einen Abend der großen Gefühle. Gamzou erzeugt dabei Dramatik nicht durch Lautstärke, er hat immer die Sänger im Blick und deckt sie nie zu, was bei diesem spätromantischen Orchesterklang eine großartige Leistung ist. Und auch der bestens aufgelegte Opernchor (Einstudierung: **Alice Meregaglia**), der stimmlich und darstellerisch voll überzeugen kann, soll nicht unerwähnt bleiben. Man hätte diesem Opernchor gerne noch mehr zugehört und zugesehen, doch leider wurden etliche Chorpassagen gestrichen. Traut man dem Publikum nicht mehr zu, sich länger als zweieinhalb Stunden auf ein Werk konzentrieren zu können?

**Wie dem auch sei, es ist der einzige Wermutstropfen an einem Abend ganz großen Musiktheaters, der mit lang anhaltendem Applaus für alle Beteiligten endet.**

#### **[*PIQUE DAME -* Theater Bremen - alle Termine, Karten - Link Hier!](https://theaterbremen.eventim-inhouse.de/webshop/webticket/eventlist?ref=ioco.de)**