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# Bremen, Theater Bremen, Lulu - Alban Berg, IOCO Kritik, 22.02.2019
- URL: https://www.ioco.de/bremen-theater-bremen-lulu-alban-berg-ioco-kritik-22-02-2019/
- Published: 2019-02-22T08:00:49.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:52:50.000Z
- Author: Michael Stange
- Tags: Konzert & Liederabend, Kritiken, SemperOper, Bremen

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[Theater Bremen](http://www.theaterbremen.de/?ref=ioco.de)

![Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/11/goe_beleuchtet2-joerg-landsberg_150.jpg)

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

# ***Lulu* \- Alban Berg**

***\- LULU - Lebenskurve extremer Steilheit in beiden Richtungen -***

von **Michael Stange**

![ Alban Berg © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/12/alban-bergneu.jpg)

Alban Berg © IOCO

**Alban Bergs** Oper ***Lulu*** fußt auf den Tragödien von **Frank Wedekind, *Erdgeist*** und ***Die Büchse der Pandora***, welche dieser 1892 begann und trotz vernichtender Gesellschaftskritik 1898 / 1902 uraufführte, veröffentlichte.

Schonungslos stellt es die seelenlose Realität der Jahrhundertwende dar. Dramatik, Gewalt und sexuelle Phantasien sind die wirkungsvollen Zutaten dieses Vorläufers der literarischen *"Neuen Sachlichkeit".* Kern des Stückes sind **Lulu** und ein Reigen an Männern, die unter anderem durch ausschweifendes sexuelles Verhalten ihre charakterliche Zügellosigkeit offenbaren. Wichtige Anregungen verdankt das Stück auch **Sigmund Freud** und seinen Feststellungen zum Unbewussten und dem Verhalten des Individuums.

1937, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung von **Wedekinds** Tragödie ***Erdgeist*** folgte die Premiere von **Alban Bergs** unvollendeter Oper ***Lulu.*** Seine Komposition komplexer Zwölftonreihen zeichnet in Verbindung mit **Wedekinds** dramatischem Werk die erschütternde Wucht der Oper.

***Lulu* \- Alban Berg**youtube Video des Radio Bremen TV **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Revolutionär und zugleich immer noch hochaktuell ist die Entlarvung der bürgerlichen Scheinmoral. ***Lulu*** ist eine von ihrer radikalen und triebhaften Umwelt zerstörte Frau. Ihr Schicksal endet aber für Alle fatal. Auf dieser nach **Wedekind** *„Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“* drängen alle Personen des Stücks in eine Katastrophe. **Bergs *Lulu*** spannt auch den Bogen zwischen den Machtfantasien der Wilhelminischen Jahre und ihren faschistischen Spiegelbildern in den dreißiger Jahren, als Militarismus, Säbelrasseln, gesellschaftliche Unterdrückung und koloniale Ausbeutung die Welt prägten.

Regisseur **Štorman** beleuchtet die Figuren der Oper einschließlich der lesbischen Gräfin Geschwitz als Einheit beim Missbrauch von ***Lulu. Lulu*** ist Opfer und Sinnbild der Verrohung, des Abgrundes und des Todes. ***Lulu*** begeht einen Mord, flüchtet, prostituiert sich und entgeht dem Mordversuch ***Jack the Rippers*** und steuert einem ungewissen Ende zu. Das Bühnenbild des 1 Aktes ist ein dreidimensionales begehbares kaleidoskopartiges Spiegelkabinett vor schwarzem Hintergrund. Hier ist nicht ***Lulu*** die Hauptperson sondern alle Akteure werden im Spiegel reflektiert, strahlen zurück oder verirren sich im Raum. Dieses Kaleidoskop zerfällt schon im 2\. Akt und ist zum Schluss des 3 Aktes verschwunden. Alle Personen sind als Spiegelbilder Schöns kostümiert. Nach dem Tod Schöns erscheint ***Lulu*** in einem Cat-Woman gleichen Latexkostüm und nimmt nach der Flucht die Fäden in die Hand. Bilderreigen, Kostüme und oft pantomimische Bewegungen erinnern an **Fritz Lang** Filme wie ***M*** oder ***Dr. Mabuse.***

Dadurch ist **Marco Štorman** ein Gesellschaftsdrama von Unterdrückung und Ausbeutung gelungen. Gerade der Verzicht der Darstellung von Gewalt und Mord macht die Inszenierung umso beklemmender. ***Lulus*** Drama wird dadurch das Drama der Gewalt in der Gesellschaft und in jedem Einzelnen. Äußerlich unversehrt steht sie am Ende an der Seite der Bühne. Dadurch sind die Wiederholung und Fortsetzung von Gewalt und Qual nicht ausgeschlossen.

![Theater Bremen / LULU - hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/lulu_3_-marysol-schalit-claudio-otelli-foto-joerg-landsbergneu.jpg)

Theater Bremen / LULU - hier: Marysol Schalit als Lulu, Claudio Otelli als Dr. Schoen © Joerg Landsberg

Das **Theater Bremen** hat für den von **Berg** nicht vollendeten 3\. Akt nicht die bekannte ergänzte Fassung gewählt, sondern dafür **Detlef Heusinger** einen Kompositionsauftrag erteilt. Er holte für den dritten Akt das **SWR** Experimentalstudio auf die Bühne und erweiterte das Orchester um eine Bühenmusik. Diese bestand u. a. aus einem Theremin. Das Instrument, wird berührungslos berührungslos über Handbewegungen gespielt und erzeugt eine Vielzahl von Tonhöhen und Dynamiken, die mit mechanische Instrumente nicht erreichen. Hinzu kamen E-Gitarre, Synthesizer und Hammondorgel. Das Klangbild der Oper wird dadurch tonal geändert und wirkt sirrender, packender moderner und noch rauschender und intensiver.

**Hartmut Keil** versteht es, die Musik **Bergs** mit fein abgestuften Dynamiken und wo nötig mit dramatischem Applomb zur Geltung zu bringen. Den Sängerinnen und Sängern ist er ein musikalisch zugewandter, wissender Partner. Seine Lesart und sein interpretatorisches Feingefühl machten die Oper zu einem orchestral differenziert leuchtenden packenden musikalischen Drama mit peitschender emotionaler Wucht.

**Marysol Schalit** gehört seit 2011 zum Ensemble des **Theater Bremen** und hat zuletzt als **Marcelline** in ***Fidelio*** Glänzendes geleistet. **Marysol Schalit** vereint atemberaubende Gesangstechnik, eine von weitem Atem getragene leuchtende Stimme, dramatische Wucht und phänomenale Spielfreude. Ihre darstellerische Eindringlichkeit als ***Lulu*** paarte sie mit einer anrührend kindlichen Zerbrechlichkeit. Stimmlich ist sie eine ideale Titelheldin. Ihr an sich warmes Timbre hellte sie gleichsam mädchenhaft auf, gelangte aber auch zu raubtierhafter Gefährlichkeit. Gesanglich gelang ihr ein herausragendes Rollendebut mit berückend, leuchtendem Ton und staunenswerten Koloraturen. Die mörderische Partie der **Lulu** brachte sie so stupend auf die Bühne des **Theater Bremen.**

**Claudio Otelli** war ein packender ***Dr. Schön*** und ***Jack the Ripper.*** Sein klangschöner dramatischer Bariton füllte die Partie mit stimmlicher Glut, dramatischem Feuer und verzehrender Kraft. Erschütternd stellt er die Selbstvernichtung und den Abstieg Schöns dar und lotete die Partie prächtig mit seinem farbenreich Bariton aus.

![Theater Bremen / LULU - hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/02/lulu_16_schalit-und-radde-vorne-ensemble-hinten-foto-landsbergneu.jpg)

Theater Bremen / LULU - hier : Marysol Schalit als Lulu, Birger Radde © Joerg Landsberg

**Chris Lysack** sang trotz Indisposition einen höhensicheren, lustvollen ***Alwa*** mit unglaublicher Strahlkraft und faszinierender Bühnenpräsenz. **Birger Radde** war ein mächtig auftrumpfender lustvoller Tierbändiger und Athlet mit italienischem Heldenbariton. **Nathalie Mittelbach** als ***Gräfin Geschwitz*** verkörperte einen gutvoller und gefährlichen Vamp mit bestrickendem Mezzosopran. **Christian-Andreas Engelhardt** war **Prinz, Kammerdiener** und ***Marquis*** mit großem heldentenoralen Applomb. **Stephen Clark** gab Theaterdirektor und Bankier mit profundem und rundem Bass. **Hyojong Kim** war tenoral herausragender geschmeidig klangvoller **Maler** und ***Prinz von Uahubee.***

***Lulu*** im **Theater Bremen** ist packend mitreißendes Musiktheater. Das Ensemble verfügt über erfahrene und wohl disponierte Sänger/Innen, welche ihre anspruchsvollen Partien mit Sicherheit und dramatischer Intensität durchschreiten. Nie geraten sie an stimmliche oder darstellerische Grenzen. Das hervorragende Ensemble bewältigte ***Lulu*** \- eine schwer zu inszenierende moderne Oper - so mit scheinbarer Leichtigkeit. Die **Bremer Philharmoniker** machten mit Spielfreude und Durchleuchtung der packenden Partitur unter der Leitung von **Hartmut Keils** die Komposition **Alban Bergs** in selten gehörtem Maß durchhör- und erlebbar.

**Lulu** am **Theater Bremen;** weitere Termine am 28.02., 02.03., 24.03\. und 07.04.2019.

\---| IOCO Kritik Theater Bremen |---