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# Bremen, Theater Bremen, DON CARLO - Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.09.2022
- URL: https://www.ioco.de/bremen-theater-bremen-don-carlo-giuseppe-verdi-ioco-21-09-2022/
- Published: 2022-09-20T19:52:29.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:11:17.000Z
- Author: Thomas Birkhahn
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Carmen, Bremen

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[Theater Bremen](http://www.theaterbremen.de/?ref=ioco.de)

![Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/11/goe_beleuchtet2-joerg-landsberg_150.jpg)

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

## ***DON CARLO* \- Giuseppe Verdi**

#### **\- Don Carlo - impulsiver Gefühlsmensch ohne strategisches Geschick -**

von **Thomas Birkhahn**

Wie viel persönliche und politische Freiheit sind in einer Diktatur möglich? Wie viele Kompromisse muss man mit den Mächtigen eingehen, um in einer Gewaltherrschaft nicht unterzugehen? Das sind die spannenden Fragen, die Regisseur **Frank Hilbrich** in seiner Neuinszenierung von **Giuseppe Verdis *Don Carlo*** am **[Theater Bremen](https://www.theaterbremen.de/de%5FDE/home?p=1&ref=ioco.de#?d=2022-09-20&f=a)** verhandelt. Dabei findet er viele starke Bilder, die dem Zuschauer auch lange nach Ende der Vorstellung noch im Gedächtnis haften, wenn auch manche von ihnen rätselhaft bleiben.

Der **Don Carlo** (der geläufigere Titel **Don Carlos** ist streng genommen der französischen Fassung vorbehalten) gehört zu **Verdis** Spätwerk. Der damals schon weltberühmte Komponist beschäftigte sich über einen Zeitraum von 20 Jahren mit seiner viertletzten Oper. Immer wieder feilte er daran, strich die Balletteinlage, machte aus der fünfaktigen Pariser Uraufführung eine vieraktige Fassung für Mailand, um später doch wieder zu fünf Akten zurück zu kehren. So muss sich jedes Theater für eine der insgesamt sieben Fassungen entscheiden.

Das **Theater Bremen** hat für die Neuproduktion des **Don Carlo** die heute geläufige fünfaktige Fassung in italienischer Sprache gewählt, jedoch mit Kürzungen, die die Handlung teilweise schwerer nachvollziehbar machen.

So ist die allererste Szene stark gekürzt, und wir sehen nicht **Elisabeths** Aufeinandertreffen mit dem unter dem Krieg leidenden französischen Volk. **Elisabeths** Mitgefühl mit den hungernden Menschen bleibt dem Zuschauer verborgen, wodurch ihr Entschluss, sich gegen die Liebesheirat mit **Don Carlo** und für die Vernunftehe mit dessen Vater **Filipp** – die ja den Krieg und damit das Leid des Volkes beendet – zu entscheiden, schwerer nachvollziehbar wird.

![Theater Bremen / DON CARLO hier Patrik Zielke als Filipp II. und Taras Shtonda als Großinquisitor © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/09/don-carlo-9-zielke-shtonda-foto-landsbergneu.jpg)

Theater Bremen / DON CARLO hier Patrik Zielke als Filipp II. und Taras Shtonda als Großinquisitor © Jörg Landsberg

Aber vielleicht ist **Hilbrich** der Auffassung, dass es ohnehin mehr die familiären Erwartungen sind, die **Elisabeth** keine andere Wahl lassen als sich jenseits aller politischen Erwägungen dem elterlichen Wunsch zu fügen.

Er betont **Elisabeths** anfängliche jugendliche Unbekümmertheit (sehr überzeugend gespielt von **Sarah-Jane Brandon**) und macht dadurch die persönliche Katastrophe noch bestürzender. Das verhängnisvolle „Ja“ zur Ehe mit **Filipp** lässt er filmen und auf den durchsichtigen Vorhang projizieren, der im ersten Akt noch zwischen Darstellern und Publikum hängt. Dadurch sehen wir direkt in die Gesichter des Paares, das durch politische Ränkespiele um seine gemeinsame Zukunft gebracht wird und der Stimmungsumschwung ist noch eindringlicher.

Dass **Hilbrich** sich ganz auf die menschliche und politische Seite von **Verdis** Spätwerk konzentriert, wird schon vor Beginn der Vorstellung deutlich, indem er das **Heine**\-Zitat „*O Freiheit, du böser Traum“* auf den Vorhang projizieren lässt.

Königlichen Pomp und prunkvolle Ausstattung sucht man bei ihm vergeblich, das Geschehen spielt ab dem zweiten Akt in einer Art begehbarer Bücherwand, die sich stufenförmig in die Höhe zieht und die vermutlich das Wissen der Welt und den menschlichen Fortschritt symbolisieren soll (Bühne: **Katrin Connan**).

![Theater Bremen / DON CARLO © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/09/don-carlo-1-olivares-sandoval-partyka-foto-landsbergneu.jpg)

Theater Bremen / DON CARLO © Jörg Landsberg

In dieser Kulisse sehen wir **König Filipp II.** von Spanien (souverän gestaltet von **Patrick Zielke**), in Bücher vertieft, die ihm vermitteln sollen, wie man in die Herzen der Menschen sehen kann. Er sehnt sich nach menschlicher Nähe und ist doch in der Einsamkeit seiner Macht gefangen. **Hilbrich** zeigt ihn als brutalen Tyrannen, der mit einer kleinen Handbewegung Menschen in den Tod schickt. Als absolutistischer Herrscher hat er niemanden neben sich, alle seine Beziehungen sind Abhängigkeitsbeziehungen. Der Einzige, der es wagt, ihm offen zu widersprechen, ist **Rodrigo** (mit großer Intensität gespielt und gesungen von **Michal Partyka**), und **Filipps** Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung auf Augenhöhe ist so groß, dass er **Rodrigo** trotz dessen freiheitlicher Ansichten, die seine Diktatur gefährden, zum persönlichen Berater macht.

Aber auch **Rodrigo** ist ein Rad im Getriebe der Macht, bei dem die Grenzen zwischen persönlichem und politischem Handeln verschwimmen. **Hilbrich** macht aus der Szene des dritten Aktes, in dem **Rodrigo** seinem Freund **Don Carlo** die Waffe abnimmt, bevor dieser sie gegen seinen Vater richten kann, einen hochdramatischen Moment. Hier wird das Private politisch, denn seine Sorge um das Schicksal des Freundes trägt zum Machterhalt der Diktatur bei.

Überhaupt liefert diese Szene, in der die rebellischen Freiheitskämpfer des von Spanien unterdrückten Flandern hingerichtet werden, die vielleicht stärksten Bilder des Abends. Das Volk wirft die Bücher des Bühnenbildes auf einen Haufen und wir sehen eine Bücherverbrennung. Doch damit nicht genug. Nach dieser Unterwerfung unter die Diktatur und Ablehnung von Wissenschaft und Fortschritt lassen sich dieselben Menschen wenig später von flandrischen Rebellen dazu verleiten, die Flagge Flanderns zu schwenken und für die Freiheit zu demonstrieren. Das ist **Hilbrichs** zutiefst pessimistische Sicht auf die Manipulierbarkeit der Massen.

![Theater Bremen / DON CARLO hier der Großinquisitor und Sarah-Jane Brandon als Elisabeth © Jörg Landsberg](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2022/09/don-carlo-8-clark-brandon-foto-landsbergneu.jpg)

Theater Bremen / DON CARLO hier der Großinquisitor und Sarah-Jane Brandon als Elisabeth © Jörg Landsberg

Die Titelfigur des **Don Carlo** zeigt **Hilbrich** als impulsiven Gefühlsmenschen ohne jedes strategische Geschick. Er entbrennt sofort für **Elisabeth** und lässt sich ebenso schnell von seinem Freund **Rodrigo** für dessen Freiheitskampf in Flandern begeistern. **Don Carlo** folgt spontan seinen Gefühlen, wenn er im zweiten Akt **Elisabeth** erneut seine Liebe gesteht. Eine Liebe, die nicht nur aussichtslos sondern auch gefährlich ist, aber das sieht er nicht. Dass ein von Geburt an als Thronfolger ausersehener Mensch nicht über ein Übermaß an Menschenkenntnis verfügt, ist offensichtlich. Die allermeisten Menschen begegnen ihm nicht auf Augenhöhe. Außerdem ist der Druck, der auf ihm lastet, enorm. Er muss den Erwartungen der eigenen Familie und des Landes gerecht werden und hat sich dabei diese Rolle nicht mal ausgesucht. Bei **Hilbrich** trägt **Don Carlo** schwer an dieser Last. Er ist gänzlich ungeeignet für die Härten der Politik, die im von der Inquisition dominierten Spanien des 16\. Jahrhunderts über Leichen geht.

**Luis Olivares Sandoval** spielt **Don Carlo** mit einer überzeugenden Mischung aus Unsicherheit und Impulsivität. Er bemerkt nicht die Intrige, die die Fürstin **Eboli** gegen ihn spinnt. Und auch hier wurde wieder auf Kosten der nachvollziehbaren Handlung gekürzt, denn die erste Szene des dritten Aktes, die den Maskentausch von **Elisabeth** und **Eboli** zeigt und somit erklärt, wie **Carlo** die beiden verwechseln konnte, wurde gestrichen.

**Hilbrichs** Darstellerinnen und Darsteller setzen seine starke Personenregie mit großer Überzeugung um. Besonders spannungsgeladen gelingt die Szene im zweiten Akt, in der sich das nun ehemalige Liebespaar zunächst wie erstarrt gegenüber steht, um sich dann in immer größerer Verzweiflung wieder näher zu kommen.

Manche Bilder, die **Hilbrich** wählt, sind etwas zu plakativ geraten, etwa wenn **Elisabeth** zur Krönung einen Kopfschmuck angelegt bekommt, der an einen Maulkorb erinnert. Das ist unnötig überdeutlich.

Und damit wären wir bei den Bildern, deren Sinn sich nicht gänzlich erschließt: **Filipps** Vater, **Karl V.,** also **Don Carlos** Großvater, ehemals Herrscher des spanischen Weltreiches, hat abgedankt und lebt zurückgezogen im Kloster. Oder lebt **Karl V.** nicht mehr und es ist sein Geist? Oder ein einfacher Mönch mit ähnlicher Stimme? Das ist bei **Verdi** nicht eindeutig, aber **Hilbrich** macht aus dieser rätselhaften Figur eine Jesus-Gestalt mit Bart, langen Haaren und Dornenkrone. Und diese Gestalt rollt nun die ganze Oper hindurch eine große, aus Büchern bestehende Kugel das Bücherregal hinauf. Doch muss er immer wieder von vorne beginnen, weil die Kugel wieder runter rollt, bevor er sie ganz nach oben geschafft hat. Dies ist natürlich eine Anspielung auf Sisyphos, dessen Schicksal es war, sein Leben lang einen Stein den Berg hinauf zu rollen. Was nun Jesus und Sisyphos mit **Karl V.** zu tun haben, erschloss sich mir (bisher) nicht. Auch nicht das Ende der Oper, in dem ursprünglich **Karl V.** seinen Enkel vor der Rache seines Vaters rettet. Bei **Hilbrich** gelingt es Jesus-Sysiphos schließlich doch, die Bücherkugel ganz nach oben zu rollen, woraufhin er weinend zusammenbricht, die Kugel absichtlich wieder nach unten stößt und schließlich stirbt. Daraufhin beginnt **Don Carlo**, die Kugel hinauf zu rollen und der Vorhang fällt.

Stimmlich ist dies ein Abend auf sehr hohem Niveau. Das große Ensemble ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, alle Sängerinnen und Sänger wie auch der Chor beherrschen ihre Partien sicher und gestalten sie überzeugend. Neben dem bereits erwähnten **Michal Partyka (*Rodrigo***) ragen besonders **Taras Shtonda** als furchteinflößender **Großinquisitor** und **Nathalie Mittelbach** als stimmgewaltige Intrigantin **Eboli** heraus.

Das letzte Wort soll jedoch den **Bremer Philharmonikern** und ihrem Chef **Marco Letonja** gehören. Sie waren nicht nur präzise und einfühlsame Begleiter des Sängerensembles, sondern auch großartige Mitgestalter von **Verdis** Seelendrama. Es bleiben vor allem die feierlichen Blechbläserpassagen zu Beginn des zweiten Aktes, der erschütternde orchestrale Ausbruch in der Auseinandersetzung zwischen **Filipp** und **Rodrigo** am Ende desselben sowie das wunderbar einfühlsam vorgetragene Cellosolo zu Beginn des vierten Aktes in Erinnerung.

***Ein großer Opernabend, der musikalisch keine Wünsche offen ließ und szenisch starke Bilder bereithielt, endete mit stehenden Ovationen für alle Beteiligten.***

[**DON CARLO** am **Theater Bremen;** die nächsten Vorstellungen am 24.9.; 30.9.; 16.10.; 22.10.2022 und mehr: **HIER!**](https://www.theaterbremen.de/de%5FDE/kalender/don-carlo.17269916?ref=ioco.de#events)

\---| IOCO Kritik Theater Bremen |---