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# Bonn, Theater Bonn, Anatevka: Humor und Mitgefühl trotzen Not und Vertreibung, IOCO Kritik, 22.03.2016
- URL: https://www.ioco.de/bonn-theater-bonn-anatevka-humor-und-mitgefuehl-trotzen-not-und-vertreibung-ioco-kritik-22-03-2016/
- Published: 2016-03-22T15:02:36.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:30:57.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Kritiken, Bonn

![bonn_theater_bonn](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/10/bonn_theater_bonn.jpg)

[Theater Bonn](http://www.theater-bonn.de/?ref=ioco.de)

![Theater Bonn © Thilo Beu](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/01/theater-bonn-4-c-theater-bonn.jpg "Theater Bonn © Thilo Beu")

Theater Bonn © Thilo Beu

# Musical *Anatevka* von Jerry Bock Aufforderung zu Menschlichkeit, Humor und Aufbruch

**Anatevka,** als **Fiddler on the Roof** uraufgeführt, ist das ergreifend melancholische Musical um Leben, Ermordung und Vertreibung ukrainischer Juden aus ihrem Heimatdorf **Anatevka.** Eine Story von zeitloser Aktualität; die derzeitige Flüchtlingskrise ist nur eine weitere traurige Kopie damaligen Elends. **Anatevka** lehrt vom hohen Gut von Menschlichkeit, auch wenn Elend oder moralische Verrohung Nahe sind.

![Bonn / Theater Bonn ANATEVKA_Milchmann Tevje © Thilo Beu ](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/03/anatevka-tevje-und-bauernvolk.jpg "Bonn / Theater Bonn ANATEVKA_Milchmann Tevje © Thilo Beu ")

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA\_Milchmann Tevje und Dorfgemeinschaft © Thilo Beu

Das Musical entstammt dem Buch ***Tevje, der Milchmann,*** in welchem der nahe Kiew geborene **Yakow Rabinowitz** Leben und Vertreibung der Juden aus dem ukrainischen Örtchen ***Anatevka*** beschreibt. **Rabinowitz** nahm später den Namen **Scholem Alejchem** an, hebräisch für ***„Friede sein mit Euch“***. Als sein Buch um 1916 erstmals erschien hatte **Scholem Alejchem** wegen judenfeindlicher Pogrome seine Heimat längst verlassen. In New York fand der Bewahrer jiddischer Kultur neue Heimat und literarischen Erfolg. Sein Buch ***Tevje*** war die Basis für **Jerry Bock** und sein erfolgreiches Musicals. **Bock** schrieb die für Ostjuden typische Musik; mit **Jerome Robbins** (Choreographie), **Joseph Stein** (Buch) und **Sheldon Harnick** (Liedtexte) hatte **Fiddler on the Roof** 1964 in New York seine spektakuläre Uraufführung. Die deutsche Uraufführung 1968 in Hamburg als ***Anatevka*** entkrampfte zudem den deutschen Zugang zu jüdischer Kunst und Künstlern.

![Bonn / Theater Bonn - ANATEVKA und der mitreissende Flaschentanz © Thilo Beu](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/03/anatevka-flaschentanz.jpg "Bonn / Theater Bonn - ANATEVKA und der mitreissende Flaschentanz © Thilo Beu")

Bonn / Theater Bonn - ANATEVKA und der mitreissende Flaschentanz © Thilo Beu

Regisseur **Karl Absenger** inszenierte **Anatevka** erfolgreich auf vielen großen Bühnen. Menschlichkeit, Humor und Wehmut prägen seine Inszenierungen, so auch im **Theater Bonn.** Bühnenbild und Kostüme sind unverstellt naturalistisch. Holztische, Holzdielen, Milchkarren. Doch bietet die Inszenierung auch viele optische Höhepunkte. Mit der Ouvertüre spielt im Rang des Theaters ein **Fiedler** Klezmer während auf der Bühne ***Tevje, der Milchmann* (Gerhard Ernst)** mit Milchkarren den Wert der Tradition beschwört. Tradition helfe Gleichgewicht, Friede und Eintracht der Dorfgemeinschaft zu erhalten, das schweren Leben fertig zu meistern. Die Inszenierung im **Theater Bonn** wird von darstellerisch hervorragend besetzte Partien, große Chören, sanftem jiddischem Humor (**Tevje:** *„..Heute bin ich das Pferd..“, „..wenn man reich ist, gilt man auch als klug“..“..Geld ist ein Fluch...Oh möge uns der Herr damit beladen“.*.) geprägt.

![Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Nachtträume von Tevje und Golde © Thilo Beu](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/03/anatevka-nachtraeume.jpg "Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Nachtträume von Tevje und Golde © Thilo Beu")

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Nachtträume von Tevje und Golde © Thilo Beu

**Tevjes** ***Frau* *Golde* (Anjara Bartz)** träumt derweil kauzig über gute Partien für ihre drei heiratsfähigen Töchter; und beschwört die Heiratsvermittlerin ***Jente* (Maria Mallé):** „*Jente, o Jente, bring uns einen Mann.*.“ **Tevje** verspricht dagegen **Tzeitel** dem ***Metzger Lazar Wolf* (Martin Tzonev).** Dagegen träumen die drei Töchter (***Tzeitel* – Sarah Laminger; *Chava* – Lisenka Kirkcaldy; *Hodel* \- Maria Ladurner**) von eigenen Heiratswünschen, welche denen der Eltern gar nicht entsprechen. Pogrom-Meldungen, nach denen im Nachbardorf Juden vertrieben wurden, gehen im dörflichen Treiben unter. Zu einer spektakulären Tanz-, Traum- und Lichtchoreographien (**Vladimir Snizek**) schwebt **Goldes** ***verstorbene Großmutter* (Barbara Teuber)** durch den Bühnenhimmel, feiert **Tzeitel** ihre Hochzeit mit dem Schneider ***Mottel* (Christian Georg)** bis marodierende Soldaten die reale Bedrohung in ***Anatevka*** sichtbar machen.

![Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Die Erscheinung der toten Großmutter © Thilo Beu](https://ioco-wordpress-production-assets.s3.eu-central-1.amazonaws.com/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/03/Anatevka-Goldes-verstorbene-Grossmutter.jpg "Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Die Erscheinung der toten Großmutter © Thilo Beu")

Bonn / Theater Bonn ANATEVKA - Die Erscheinung der toten Großmutter © Thilo Beu

Im zweiten Akt setzen auch die beiden anderen Töchter **Tevjes, Chava** und **Hodel** eigene Liebeswünsche durch. **Tevje** erkennt rückblickend weise: *„Auch wir wussten voneinander nicht Bescheid, doch nach 25 Jahren wird es endlich Zeit“*. Dann müssen die jüdischen Bewohner müssen ihr Anatevka binnen drei Tagen verlassen. ***Tevje*** und die Dorfbewohner reagieren pragmatisch leise. Sie entscheiden nicht zu kämpfen sondern ***Anatevka*** auf immer zu verlassen. *„Anatevka ist auch nicht der Garten Eden!“, „Vielleicht haben wir Juden deshalb immer einen Hut auf dem Kopf!“* Einer: „*Wir ziehen nach Amerika zu Onkel Abraham!“*, der andere geht nach Krakau. **Jente** die Heiratsvermittlerin: *„Ich ziehe nach Jerusalem ins gelobte Land!“*

![Bonn / Theater Bonn_Anatevka Ensemble © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/03/theater-bonn_anatevka-ensemble-foto-ioco.jpg "Bonn / Theater Bonn_Anatevka Ensemble © IOCO")

Bonn / Theater Bonn\_Anatevka Ensemble © IOCO

**Anatevka** im **Theater Bonn** reißt mit und macht gleichzeitig betroffen. Wehmütig endet der Abend zu Klezmer-Klängen des **Fiedlers** und einer Dorfgemeinschaft, welche erneut Gewalt weicht, um ihre körperliche wie kulturelle Existenz zu bewahren. Große wie kleine Geschichten jiddischen Alltags und das traurige Ende werden in der Produktion des **Theater Bonn** mit bestechender Choreographie und einem riesigen Ensemble nicht grob und rau sondern filigran, listig wie lebensfroh ausgebreitet. Der neue 1\. Kapellmeister am **Theater Bonn,** **Stephan Zilias,** leitete das kleine **Beethoven Orchester,** führte Solisten, Ensemble und die großen Chöre sanft und feinfühlig. Das Publikum im ausverkauften **Theater Bonn** dagegen, wenig filigran oder feinfühlig, ließ kein Zurückhaltung walten: Laut und lang wurden die **Anatevka** Inszenierung, Darsteller und Orchester gefeiert. Nach über 10 Jahren besitzt das Theater wieder eine neue großartige **Anatevka**.

***IOCO / Viktor Jarosch*** / 22.03.2016

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