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# Bern, Theater Bern, La Bohème - Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 28.11.2018
- URL: https://www.ioco.de/bern-theater-bern-la-boheme-giacomo-puccini-ioco-kritik-28-11-2018/
- Published: 2018-11-29T08:00:04.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:50:35.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Oper & Operette, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Bern

![Konzert Theater Bern © P Zinniker](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/06/konzert-theater-bern_aussenansicht_c_p-zinniker.jpg)

Konzert Theater Bern © P Zinniker

[Konzert Theater Bern](http://www.konzerttheaterbern.ch/?ref=ioco.de)

# ***La Bohème* \- Giacomo Puccini**

 ***\- Andy Warhol als Marcello - Mimì als Krebskranke -***

Von **Julian Führer**

**Gibt es Weihnachtsopern?** Wenn ja, dann aus zwei Gründen: Sie gelten aus verschiedenen Gründen als familientauglich, oder sie spielen zur Weihnachtszeit. Humperdincks ***Hänsel und Gretel*** sind die Lebkuchen zum Verhängnis geworden, spielt das Stück doch eigentlich ganz eindeutig im Sommer (die Kinder suchen Erdbeeren, hören einen Kuckuck und übernachten unter freiem Himmel!). In **La Bohème** hingegen ist tatsächlich Heiligabend: Die Kinder quengeln nach Geschenken, und man trifft sich im Lokal zum überteuerten Weihnachtsessen. Vor allem aber wird gefroren. Seit Beginn der Spielzeit war ***La Bohème*** schon am **Opernhaus Zürich** und am **Theater Freiburg** zu sehen; nun hatte am **Theater Bern** (in Kooperation mit Cape Town) eine neue Lesart in der Regie von **Matthew Wild** Premiere.

![A Henry Murger Montparnasse © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/montparnasse_a-henry-murger_foto-ioconeu.jpg)

A Henry Murger - Montparnasse © IOCO

Weihnachtlich sind hier nur ein paar Anklänge im Libretto. Zu Beginn sehen wir einen leeren Ausstellungsraum (Bühne: **Kathrin Frosch**), der für eine Werkretrospektive eingerichtet wird. Schnell wird deutlich, dass ***Marcello*** es in seiner Künstlerexistenz nach dem eigentlichen Ende der Oper zu Ruhm und Erfolg gebracht hat. **Matthew Wild** als Regisseur bezieht sich hier auf den Roman ***Scènes de la vie de bohème*** von **Henry Murger,** der als Vorlage für die Oper diente und anders als diese mit dem Tod der ***Mimì*** nicht zu Ende ist. Nun, hinfällig und an den Rollstuhl gefesselt, erlebt ***Marcello*** Rückblenden in seine Jugendzeit. Er ist dargestellt wie **Andy Warhol,** wenn er denn im Jahr 2018 noch leben würde (Kostüme: **Ingo Krügler, Frauke Leni Bugnar**). Er wäre nun 90 Jahre alt. In der anderen Erzählzeit der Oper, recht deutlich in den 1960er Jahren und in New York, hoffen mehrere junge Künstler auf die große Karriere: Der junge ***Marcello*** (**Todd Boyce**), der wie der langhaarige **John Lennon** von 1969 zurechtgemachte **Colline** (**Young Kwon** mit rundem, klangschönem Bariton), der Literat **Rodolfo** (**Peter Lodahl**) und die koksende Drag Queen ***Schaunard*** (**Michal Marhold** mit sehr präsentem Organ und großer Spielfreude). Die Künstlerkommune lebt in den Tag hinein und erhält zweimal Besuch. Zunächst vom Vermieter ***Benoît,*** der vom alten ***Marcello*** (**John Uhlenhopp**) verkörpert wird.

![Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/la-boheme-1_c-annette-boutellier_web-presseneu.jpg)

Theater Bern / La Bohème hier Marcello und Mimi © Annette Boutellier

Die anspruchsvolle Inszenierung vermischt hier mehrere Interpretationsebenen und zeigt nicht nur die Figur des **Marcello** in verschiedenen Generationen, sondern lässt den alten **Marcello** auch als Sinnbild des Alters immer wieder den Jüngeren unter die Augen treten: als Vermieter, später auch als lächerlicher, aber wohlhabender Liebhaber ***Alcindoro*** und als Spielzeughändler ***Parpignol.*** Diesen drei Figuren ist gemeinsam, dass sie von den Jüngeren nicht ernstgenommen werden – allerdings gehören sie nicht dem gleichen Stimmfach an, so dass John Uhlenhopp sowohl zwei Baritone als auch einen Tenor singen muss, was wohl die meisten Sänger an ihre Grenzen bringen würde. Gleichzeitig handelt es sich um eine große Leistung, da Uhlenhopp pausenlos auf der Bühne agiert und sowohl singt als auch spielt.

Wie **Andy Warhol** ist hier ***Marcello*** als Maler immer wieder vom Motiv des Herzens (durchaus im Sinne des inneren Organs, Foto unten) fasziniert, das in unterschiedlichen Formen auf der Bühne gezeigt wird. Mit einem Augenzwinkern sehen wir zudem, dass ***Marcellos*** Farbeimer eine Konservendose der ebenfalls von **Warhol** zur Kunst erhobenen *Campbell’s Soup* ist. **Todd Boyce,** kürzlich als ***Don Alfonso*** in ***Così fan tutte*** zu sehen, kann hier einen wirklich jungen Mann verkörpern, was seiner Physis sehr entgegenkommt, und auch stimmlich kann er mit seinem agilen jugendlichen Bariton punkten – ein großer Erfolg für den jungen Sänger.

![Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/la-boheme-3_c-annette-boutellier_web-presseneu.jpg)

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Der andere Besuch ist natürlich ***Mimì*** (**Evgenia Grekova**), die sichtlich den Kontakt zu den Künstlern sucht (die Kerze, die ihr angeblich versehentlich erloschen ist, bläst sie selbst in der Tür aus). ***Rodolfos*** Gesang von der kalten Hand ("*Che gelida manina*") wirkt inszenierungsbedingt hier nicht ganz überzeugend. **Peter Lodahl** geht aber hier wie auch sonst sehr kontrolliert mit seiner Stimme um. Lieber singt er einen Ton vorsichtig an, statt ins Forcieren zu geraten, und so ist sein Tenor von leichtem, fast mozarthaftem Schmelz. **Evgenia Grekova** hatte das Publikum von ihrem "*Si, mi chiamano Mimì"* an für sich eingenommen. Ihr im Mezzo grundierter Sopran meisterte auch die Höhen der Partie und passte gut zum Rollenportrait der Regie.

Das zweite Bild spielt nicht im Restaurant von Momus, sondern auf einer amerikanischen Party der Sechziger mit entsprechend aufwendig kostümiertem Damenchor und Kindern im Batman-Kostüm. Der Kinderchor der Singschule Köniz verdient besondere Erwähnung, denn so präzise und exakt hört man die Eingangsszene des zweiten Bildes selten. Auch die sehr schnellen Chöre der Erwachsenen (Chöre: **Zsolt Czetner**) ließen keine Wünsche offen. Im zweiten Bild begegnen wir also wieder dem alten Marcello einerseits als ***Alcindoro,*** andererseits als Parpignol und endlich als ***Marcello*** selbst, der am Ende als verzerrte Karikatur des Tambourmajors eine Art Totentanz anführt. Anderes wird von der Regie ganz konventionell behandelt, so die Beziehung von ***Marcello*** und ***Musetta*** (**Orsolya Nyakas**), die weder mit- noch ohne einander glücklich werden. Der alte Marcello im Rollstuhl wird ab und an von einer älteren ***Musetta*** geschoben, so dass die Inszenierung hier sogar verhalten optimistisch im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen ist. **Orsolya Nyakas** setzte sich gekonnt in Szene und konnte gerade in ihrer großen Szene *"Quando m’en vo"* punkten.

Das stark besetzte Orchester (das Blech im vergrößerten Graben schon unter der Bühne) unter der Leitung von **Ivo Hentschel** entwickelte im ersten und zweiten Bild einen satten, runden Klang, besonders in *"O soave fanciulla"* herrlich süßlich parfümiert mit leuchtenden Farben und sehr präsenter Harfe und allenfalls am Ende des zweiten Bildes mit etwas zuviel Lautstärke.

Nach der Pause befinden wir uns wieder im Ausstellungsraum. Die Beziehungen von ***Marcello*** und ***Musetta*** einerseits und ***Rodolfo*** und ***Mimì*** andererseits befinden sich an einem toten Punkt, doch weiß Rodolfo, dass ***Mimì*** sterben wird – und sie erfährt es eher zufällig. Dieses Bild wirkt in der von der Regie eingenommenen Perspektive wie so oft am wenigsten überzeugend, auch die Straßenfeger und Bauernmädchen von der Seitenbühne passen nicht zur Regie.

![Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/11/la-boheme-11_c-annette-boutellier_web-presseneu.jpg)

Theater Bern / La Bohème © Annette Boutellier

Zu Beginn und zwischen den Bildern wird (vom Band und mit gewolltem Knistern und daher sehr viel flacher als das Orchester) **Puccinis** Streichquartett *Crisantemi* eingespielt. Dazu wird auf der Bühne jeweils der alte ***Marcello*** gezeigt, wie er, nach der Pause zunehmend hinfälliger, sich an Bruchstücke seines früheren Lebens erinnert. Musikalisch wären diese Szenen noch eindringlicher geraten, wenn man das Streichquartett aus dem Graben oder von der Seite gespielt und nicht nur eingespielt hätte. Zur sehr kompakt gehaltenen Partitur der Oper passt das Quartett auch nicht immer, doch ist der Ansatz der Regie durchaus nachvollziehbar.

Das letzte Bild wirkt beklemmend: Wir sind immer noch im Ausstellungsraum, der alte ***Marcello*** sieht sein altes Sofa mit riesigen Häkelblumen als Exponat, da kommen die jungen Leute aus seiner Erinnerung und feiern eine alberne und jeglichen Ernst des Lebens verleugnende Party. ***Musetta*** kommt herein und kündigt die auf den Tod erkrankte ***Mimì*** an. Die kommt mit Glatze auf die Bühne, offensichtlich von Krebs und Chemotherapie gezeichnet. Im Publikum konnten viele Zuschauer die Tränen nicht zurückhalten, und man ahnt, dass die Regie hier Bezüge zu vielen persönlichen Schicksalen herstellt. ***Mimì*** stirbt auf dem Blümchensofa, ***Rodolfo*** ist hilflos und weiß nicht, was er tun soll. Der alte ***Marcello*** versucht, die Jüngeren zu beeinflussen, solange noch Zeit ist: Er schiebt den jungen ***Marcello*** in Richtung der Sterbenden, kann aber doch nichts daran ändern, dass sie alleine ihren letzten Atemzug tun muss. Im Schlussbild, als den anderen bewusst wird, dass sie tot ist, steht sie auf und bewegt sich zum alten ***Marcello.*** Ein Lichtkegel (Licht: **Bernhard Bieri**) ist auf das leere Sterbesofa gerichtet, gleichzeitig geleitet ***Mimì,*** nun schon in einer anderen Welt, den alten ***Marcello*** seinerseits ins Jenseits.

Das Publikum war konzentriert und schenkte den Solisten ungeteilte, teils (insbesondere für **Evgenia Grekova** als ***Mimì***) fast begeisterte Zustimmung. Großen Beifall gab es für Dirigent und Orchester, die Reaktion auf die Regie fiel weniger einhellig aus. In Bern ist eine starke Regie zu sehen, die den Zuschauern aber einiges abverlangt. Eine Lektüre des Programmhefts ist angeraten – ein Besuch ebenfalls.

\---| IOCO Kritik Theater Bern |---