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# Berlin, Renaissance-Theater, Im weißen Rössl - Ralph Benatzky, IOCO Kritik, 22.08.2019
- URL: https://www.ioco.de/berlin-renaissance-theater-im-weissen-roessl-ralph-benatzky-ioco-kritik-22-08-2019/
- Published: 2019-08-22T07:00:49.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:57:35.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premieren, Berlin

![Renaissance Theater - Berlin © Florian Bolk](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/rt_aussen_c_florian-bolkneu.jpg)

Renaissance Theater - Berlin © Florian Bolk

[Renaissance Theater](http://www.renaissance-theater.de/?ref=ioco.de)

# ***Im weißen Rössl* – Ralph Benatzky und ....**

***Musik - Ralph Benatzky, Robert Stolz, Bruno Granichstaedten Robert Gilbert,*** ***Text - Ralph Benatzky, Hans Müller-Einigen Erik Charell***

von **Kerstin Schweiger**

Wie ein altes Schwarzweißbild aus längst vergangenen Ferien mutet **Ralph Benatzkys** und **Erik Charells** 1930 im großen Schauspielhaus an der Berliner Friedrichstraße (heute steht dort der neue **Friedrichstadt-Palast)** uraufgeführter Operettensuperschlager von 1930 heute an. Herz und Schmerz und Liebeschaos am Wolfgangsee. Berliner Schnauze und Austria-Schmäh.

***Tuba vorm Balkon: Das Renaissance-Theater Berlin zeigt Benatzkys Singspiel „Im weißen Rössl“***

Und doch war die Uraufführung am 8\. November 1930 im Großen Schauspielhaus in Berlin der Schlager der Saison, modernes Unterhaltungsmusiktheater mit Elementen aus Jazzcombo, Volksmusikorchester und Feuerwehrkapelle. Und dies in einer Zeit, die knapp zwei Jahre früher mit der ***Dreigroschenoper*** von **Brecht** und **Weill** oder den jazzigen Operetten von **Paul Abraham,** mit Tonfilmschlagern und den Revuen der späten 1920er Jahre bereits in Richtung Musical geschielt hatte. 18 Monate lang stand das Stück ununterbrochen auf dem Spielplan. Eine musikalische Wandtapete, die in Zeiten des aufkommenden Massentourismus das tatsächliche Wirtshaus zum ***Weißen Rössl*** in St. Wolfgang zu einem Wallfahrtsort für Touristenströme machte und zum Traum-Sehnsuchtsort für die, die nicht vereisen konnten.

**Im weißen Rössl - Ralph Benatzky**youtube Trailer Renaissance Theater - Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Das Stück setzte eine Serie von erfolgreichen Uraufführungen am Großen Schauspielhaus fort**. Charell** legte das Ganze als musikalisches Teamwork an und damit den Grundstein für den großen Erfolg. **Ralph Benatzky** war als musikalischer Supervisor engagiert, die Parole lautete, eigene Kompositionen mit passender Volksmusik und Schlagern anderer Komponisten zu kombinieren. So jagt bis heute ein Schlager den nächsten. Von **Robert Stolz** kamen der Foxtrott "*Die ganze Welt ist himmelblau"* und der Walzer "*Mein Liebeslied muß ein Walzer sein"*.

![Renaissance Theater - Berlin / Im weißen Rössl © Boris Aljinovic](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/roessl_plakatneu-gut.jpg)

Renaissance Theater - Berlin / Im weißen Rössl © Boris Aljinovic

*"Zuschaun kan i net"* stammte von **Bruno Granichstaedten** und "*Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist"* von **Robert Gilbert. Eduard Künneke** wurde beauftragt, die Instrumentation zu übernehmen und die Chöre zu schreiben. Neu war auch, dass die große Orchesterbesetzung alle gängigen Stile der populären Musik beherrschte. Von Feuerwehrkapelle über Jazzcombo bis hin zu Zitherspielern wirkten neben dem großen Bühnenorchester im Berliner Schauspielhaus 1930 rund 100 Musiker mit. **Benatzky** hatte Erfahrung mit großen Besetzungen, seit 1926 arbeitete er in Berlin mit **Erik Charell** zusammen, komponierte Musik für die Jahresrevuen des Großen Schauspielhauses in Berlin. Darüber hinaus besaß er Kabarett-Erfahrung für die kleine Form. Mit seiner ersten Frau der Wiener Diseuse **Josma Selim** trat er bis 1923 im Wiener Kabarett ***Simplicissimus*** mit selbstkomponierten Chansons auf.

Die Besetzung bot die Crème de la Crème der Berliner Unterhaltungsbranche 1930 auf. **Max Hansen, Siegfried Arno, Camilla Spira, Otto Wallburg** und **Paul Hörbiger** u.a. spielten in der Uraufführung. Die ***BZ am Mittag*** schrieb über die Uraufführung 1930: „*Die Landschaft von Wolfgang baut sich bis in die alpenglühenden Gipfel auf und geht rund ums Parkett, das zum Talkessel wird. Die Echtheit zu beglaubigen, rollte ein richtiger Omnibus auf die Bühne (allerdings viel zu pünktlich), der See ladet zum Bade, ein Wasserfall spult seinen silbernen Zwirn, ein richtiger Regen schnürlt vom Himmel, und Ziegen meckern dich an. Waschecht auch Schuhplattler, Jodlerinnen, Watschentänzer und die Kostüme, die Trachten sind. Ein Volk von Sennern, Hirten, Jägern, Schützenmädels, Feuerwehrleuten, Veteranen, Bauern Wirtshausleuten koloriert das Milieu. Und das Lokalkolorit wird sozusagen synkopiert von der Internationalität der Girls und Boys, die beweisen sollen, daß auch St. Wolfgang nicht außer der Welt liegt. Ihre Tänze sind das fließende Band, das die Handlung aufrollt, heranträgt, in Takte und Akte teilt.(…) In diesen Tänzen triumphiert nicht nur der Rhythmus der Beine, der Musik, sondern auch der Kostüme: Farben, Stoffe, Zusammenklang. Symphoniker ist hier Ernst Stern, Professor mit Recht. Wunderschön. Der Rhythmus, die Zweiteilung setzt sich bis ins Orchester fort, dessen Linke Jazz, dessen radikale Rechte Zither und Laute sind, Heimwehlaute unter Steirerhut und Hahnenschwanz*.“

Doch der Erfolg der Uraufführung währte nicht lange, die Nationalsozialisten verboten weitere Aufführungen wegen der jüdischen Herkunft **Charells** und weiterer Autoren. Viele der erfolgreichsten Unterhaltungsarbeiter der Weimarer Republik waren jüdischer Abstammung, einige entkamen aus Deutschland, andere wurden im KZ ermordet. So endete auch das von **Benatzky, Paul Abraham, Robert Gilbert, Erik Charell, Kurt Weill** und anderen Mitstreitern erfolgreich produzierte neue unterhaltende Musiktheater.

Erst seit der Wiedererweckung des ***Rössl*** in der ***Bar Jeder Vernunft*** 1994 in einer legendären Besetzung, angeführt von den Geschwistern Pfister mit **Otto Sander, Meret Becker** und **Gerd Wameling,** steht das Stück immer wieder auf den Spielplänen deutscher Theater als sichere Bank, wenn es um Auslastungen geht.

In Berlin haben seither Aufführungen des musikalischen Alpendramas um die Rössl-Wirtin **Josepha Vogelhuber,** ihren Oberkellner **Leopold u**nd die kauzig-liebenswerte Besetzung aus Einheimischen und Berliner Piefkes im **Theater des Westens** und in der **Komischen Oper** um die Gunst des Publikums gewetteifert. Nun stellt das **Renaissance-Theater** als Wiederaufnahme-Premiere bereits in der zweiten Spielzeit eine ganz eigene Fassung vor.

Das Stück kommt **Tucholskys** Ideal „*vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“* recht nahe. Berliner Schnauze trifft österreichischen Schmäh, Alpenpanorama mit Herzschmerz und Schnaps, Leberknödel meets Boulette und am Ende haben sich alle lieb.

![Renaissance Theater- Berlin / Zuschauerraum © Oskar Kaufmann](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/renaissance-theater-berlin_zuschauerraum_c_florian-profitlichneu2.jpg)

Renaissance Theater- Berlin / Zuschauerraum © Oskar Kaufmann

Heimlicher Chef im Ausflugshotel **Zum weißen Rössl** am österreichischen Wolfgangsee ist **Kellner Leopold.** Er schmeißt den Laden auch in der Hochsaison. Doch für seine Chefin **Josepha Vogelhuber** ist er Luft, sie ignoriert ihn und seine Annäherungsversuche, no *#Metoo am Wolfgangsee 1930.* ***Josepha*** hingegen liebt nämlich heimlich einen Stammgast aus Berlin, ***Rechtsanwalt Dr. Siedler.*** Zeitgleich erscheinen, ebenfalls aus Berlin, der Fabrikant ***Wilhelm Giesecke*** und seine ***Tochter Ottilie.*** Dummerweise gibt es unangenehme geschäftliche Querverbindungen, für ***Giesecke*** ein weiterer Grund zum Maulen über die ungewohnte Bergidylle. Doch **Ottilie** hat einen eigenen Plan und findet Siedler supersüß! **Leopold** übertreibt seine Zuneigung zu **Josepha** und seine Abneigung gegen Siedler und fliegt prompt raus. Dann tauchen noch **Sigismund,** der Sohn von ***Gieseckes*** Erzkonkurrenten und Fabrikantensohn Sülzheimer junior auf, zusammen mit **Dr. Heinzelmann** nebst **Tochter Klärchen,** die er im Zug getroffen hat. Kaiserwetter am See erfordert auch einen echten Kaiser, der steigt im **Weißen Rössl** ab und ***Josepha*** beißt die Zähne zusammen und stellt den ansonsten ja tüchtigen ***Leopold*** wieder ein. Der benimmt sich schlecht und fliegt erneut. Der gütige Operettenkaiser regelt das für ihn und am Ende haben sich alle lieb.

Doch Regisseur **Torsten Fischer,** sein Ausstattungsteam und der Musikalische Leiter **Harry Ermer** setzen sich ganz bewusst über diese leichtsinnige Grundstimmung hinweg. Sie schicken eine Grußpostkarte aus der Sommerfrische und konzentrieren sich mangels großer bzw. vielstimmiger Besetzung und Ausstattungsmöglichkeit auf der kleineren Bühne auf den touristischen Aspekt des Stückes. Alles beginnt mit einem Andachtsjodler auf düsterer Bühne, die ganze Handlung hat in der hölzern getäfelten Gaststube mit Panoramabild und Gamsgeweih bei einheimischen Getränken und alpenländischer Musik ihren Ursprung. Vielleicht an einem regnerischen Abend, wo man sich Geschichten erzählt, von damals als der Kaiser kam oder der ortsunkundige Piefke ins Gebirge ging. Ein Kammerspiel im Salzkammergut, in das immer wieder eine andere Welt einbricht: Touristen jeglicher Couleur treten auf, der nörgelnde Berliner Großkotz mit Geld, ein smarter Stammgast, Vater und Tochter auf Entschleunigungsreise.

Und dann werden auch die Einheimischen wach und übernehmen die vom Tourismusmanager zugedachte Rolle als Animateure, die man aus dem, Prospekt und Operette kennt, sie erschaffen das gewünschte Operettenbild eines Postkartenidyklls: der schlawinernde Kellner im Biergarten, die resche Wirtin mit Herz oder die gut gelaunte Briefträgerin, der senil-huldvolle *Kaiser vorm Kaiserstuhl.* **Harry Ermer** und sein Quartett setzen auf die kleine Form, sie kreieren einen charmanten kammermusikalischen Rahmen mit Tuba, Trompete, Geige, Akkordeon, Klavier, Cello und Bass, der genau Benatzkys Stilvielfalt bedient und ohne Kitsch elegant zwischen Swing, Jazz, Operette und Revue wechselt.

Dabei kommen sie den unterschiedlichen stimmlichen Voraussetzungen der Besetzung entgegen. Musicalstar **Andreas Bieber** als ***Kellner Leopold*** und **Winnie Böwe** als **Rössl**\-Wirtin werfen sich musikalische wie dialogisch die Bälle zu. **Tonio Arango, Ralph Morgenstern, Walter Kreye, Angelika Milster, Nadine Schori** und **Annemarie Brüntjen** übernehmen alle mehrere Rollen mit gut gelaunter Spielfreude, selbstironischem Augenzwinkern und viel stimmlichem Engagement. Als Piefke herrlich maulend, nörgelnd in eine Lederhose verfrachtet, hat **Boris Aljinovic** seinen großen Auftritt als **Wilhelm von Giesecke.** Am Ende regelt der Operettenkaiser alle Ränke, hat jeder sein Jodel-Diplom und wer eine Erlebnisreise gebucht hat, hat sie auch bekommen. Dem Publikum hat der Kurzausflug ins Operettenreich unzweifelhaft gefallen.

**Das weiße Rössl:** Aufführungen im **Renaissance-Theater** bis 7\. September 2019

\---| IOCO Kritik Renaissance Theater Berlin |---