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# Berlin, Komische Oper, La Bohème - Giacomo Puccini , IOCO Kritik, 01.02.2019
- URL: https://www.ioco.de/berlin-komische-oper-la-boheme-giacomo-puccini-ioco-kritik-01-02-2019/
- Published: 2019-02-01T11:00:27.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:52:06.000Z
- Author: Kerstin Schweiger
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Richard Strauss, Berlin

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[Komische Oper Berlin](http://www.komische-oper-berlin.de/?ref=ioco.de)

![Komische Oper Berlin © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/komische_oper_berlin_150_ioco.jpg)

Komische Oper Berlin © IOCO

# ***La Bohème* \- Giacomo Puccini**

**\- Selfie mit Mimi - Erinnerungen an eine vergangene Zukunft -**

von **Kerstin Schweiger**

*„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit*“ ist der Titel eines Aufsatzes des Philosophen **Walter Benjamin,** den er 50 Jahre nach der Uraufführung von **La Bohème** 1935 veröffentlichte. Darin stellt er u.a. die Theorie auf, dass ein Kunstwerk, ein Gemälde, eine Zeichnung, im Augenblick lebendig ist und in diesem Augenblick eine für den Rezipienten erkennbare einzigartige Aura hat. Mit der Reproduzierung von Kunstwerken durch technische Mittel, wie z.B. in der Fotografie verliert das Kunstwerk die Aura.

***La Bohème*  \- Giacomo Puccini**youtube Trailer Einführung der Komischen Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der ***Boheme-***Begriff, den **Puccini** für seine Oper aufgriff, besitzt selbst eine einzigartige Aura, die in dem Sein und Denken der handelnden Figuren und in der musikalischen und textlichen Struktur dieser Oper selbst begründet liegt. Sie sind *Bohémiens,* ein Typus junger Leute, die unkonventionell und anti-bürgerlich das Leben, die Liebe, die Kunst und sogar die Armut feiern. Hedonisten der Kunst, Sprachakrobaten, Narzisten, großherzige Egoisten. *Eine "Generation Selfie",* wie sie der französische Schriftsteller **Henri Murger** zu seiner Zeit Anfang des 19\. Jahrhunderts als Porträt seiner Freunde und Rückgriff auf sein eigenes Leben im legendären Pariser Künstlerviertel verewigte.

**Murger** hatte mit seinen „***Scènes de la Vie de Bohème“*** eine Art Blog geschrieben. Der Roman und die 1896 uraufgeführte Oper schildern das Leiden, Feiern und Lieben einer frühen Subkultur, die in der Folge der Julirevolution 1830 in Frankreich die liberale bürgerliche Bewegung in Europa stärkte.

***La Bohème - Einführung von Regisseur Barrie Kosky***youtube Trailer der Komischen Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Murger** verbrachte Jugend unter den ***Buveurs d’eau („Wassertrinkern***“), einer Gruppe von Bohémiens im Pariser Quartier Latin. In seinem Roman tauchten seine realen Freunde auf. Im Vorwort seines Romans heisst es: „*Die *Bohème* hat ihre eigentümliche Sprache, einen Jargon. Ihr Wörterbuch ist die Hölle der Rhetorik und das Himmelreich des Neologismus ... Ein fröhliches, ein schreckliches Dasein*!!“

![Henri Murger Paris © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/01/montparnasse_a-henry-murger_foto-ioconeuneu.jpg)

Henri Murger Paris © IOCO

**Puccini** selbst hatte, während er die Oper schrieb, den ***„Club La Bohème“*** gegründet. Als eine Erinnerung einer Gruppe von Künstlern, Malern, Schriftstellern an gemeinsame Jugendjahre. Er ruft den Geist des Romanciers **Henry Murger** auf und transportiert ihn ins Heute. Und so wird **Puccinis** Oper ***La Bohéme*** zu einem Kunstwerk der Selfisten.

**Benjamins** Theorie und **Murgers** Hintergrund zu kennen, erleichtert es, den Kunstgriff zu verstehen und zu genießen, den **Barrie Kosky** bei seiner Interpretation von **Puccinis *„La Bohème“*** 2019 an der Komischen Oper wählt. Denn **Kosky** greift folgerichtig die Anfänge der Fotografie um 1860 als einschneidenden Wendepunkt in seiner Inszenierung auf. Sechs junge Menschen zeigen einen Ausschnitt ihrer Lebenswirklichkeit und halten diese auf Fotoplatten fest, vergleichbar dem heutigen Selfie-Modus.

In **Jordan de Souza** hat **Kosky** einen musikalischen Mitstreiter, der real und temporeich auf lieblich-süßliche Orchesterromantik verzichtet und stattdessen mit klaren Klängen den Sängerdarstellern die Möglichkeit gibt mit den Orchestermotiven und - Kommentaren in einer Art Alltagssprache zu kommunizieren.

Jenseits von inflationär eingesetzten Rubati und langgezogenen Tempi, die sich bei der musikalischen Interpretation vielfach eingebürgert haben, liegt der Schwerpunkt auf dem erzählerischen Charakter der Partitur, auf dem musikalisch Konkreten der dramatischen Handlung und der geschilderten Gefühle.

*Das Leben ist groß!* Und es ist kalt ... am Weihnachtsabend um 1830, im Pariser Quartier Latin. Nicht für die Miete, nicht fürs Feuerholz und nicht fürs Festmahl reicht das Geld der Bohémiens ***Rodolfo, Marcello, Colline*** und ***Schaunard.*** Zwar sind sie mittellos, doch reich an Lebenslust und im Herzen ganz entflammt: Der Poet ***Rodolfo*** liebt ***Mimì,*** sein Freund ***Marcello*** verfällt, einmal mehr, der schönen ***Musetta.*** Die Künstler feiern, streiten, leiden und lieben durch den Winter – bis Rodolfo, aus finanzieller Not und Überforderung, die todkranke ***Mimì*** verlässt. Erst im letzten Augenblick realisieren er und die Freunde, welche Geschenke die Liebe und ihr Leben sind … doch es ist zu spät.

Dreh- und Angelpunkt von **Koskys** Inszenierung ist die Fotografie. Auf der großenteils leeren Bühne ist die altertümliche Kamera von Beginn an präsent.

***Marcello*** ist ein Fotograf, der seine Modelle vor künstlichen Hintergrundpanoramen ablichtet, der die Wirklichkeit abbildet so wie es der Schriftsteller ***Rodolfo*** als **Murgers** *Alter Ego* tut. Er schießt Erinnerungsfotos, die die Liebe, die Unbekümmertheit, den Alltag und schließlich das Sterben von **Mimi** dokumentieren.

Die Kamera hält, ähnlich wie im Vorwort von **Christopher Isherwoods** Roman ***Goodbye to Berlin*** zitiert, dieses Szenen aus dem Leben der Bohème unkommentiert fest. „*Ich bin eine Kamera mit weit geöffneter Blende, passiv aufzeichnend, nicht denkend“.* Die Kamera übersieht nichts, sie dokumentiert das Lebensgefühl der *Bohèmiens.* Der Bezug zu **Isherwoods** Roman ***Goodbye to Berlin*** und der daraus adaptierten Bühnenmusical und der Verfilmung ***Cabaret*** liegt nahe.

![Komische Oper Berlin /   La Bohème - Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/01/7051_drama2019010_1622_ikofreese_drama_berlin.deneu_.jpg)

Komische Oper Berlin / La Bohème - Auf dem Bild: Günter Papendell (Marcello), Dániel Foki (Schaunard), Jonathan Tetelman (Rodolfo); Philipp Meierhöfer (Colline) © Foto Iko Freese / drama-berlin.de

**Rodolfo** und **Isherwood** alias **Cliff Bradshaw** sind seelenverwandt, ***Mimi*** und ***Musetta*** Schwestern von **Sally Bowles**, alle eint jeweils ein riesiges musikalisches Selfie.

Ein Faszinosum wie uns heute die Sehnsucht nach der Weimarer Republik und dem rauschhaftem kolportierten Lebensstils einiger weniger Begünstigter zu packen scheint. Nicht umsonst sind *Bohème Sauvage Parties,* wo man im Stil der 20er Jahre feiert, oder **Volker Kutschers** sensationell verfilmte Romane schwer im Trend.

Zum zentralen Gestaltungselement der Ausstattung von **Rufus Didwiszus** (Bühne) wird die kurz zuvor entwickelte Technik der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie. Ihr visueller Charakter zeichnet sich durch metallische Oberflächen und eine grau-schwarze Farbigkeit aus. Eine besondere und ganz charakteristische Einschränkung gibt es beim Betrachten der Bilder: Die Schattenpartien der Aufnahmen werden durch blankes Silber repräsentiert. Die Rückwand der Bühne besteht in Bild 1 und 4 aus riesigen Daguerre-Fotoplatten. Die einst so überraschend lebensnahen, heute aber stark verblassten Abbilder werden zum Sinnbild für Vergänglichkeit: ein vergängliches Leben, eine vergängliche Jugend, eine vergängliche Liebe …

**Benjamin** definierte den Begriff der *„Aura“,* als „*einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag*“. Die Aura besteht gerade aus der Einmaligkeit und der in sich getragenen Geschichte eines Kunstwerks. Folgerichtig ist das zweite Bild im *Café Momus* eine nachkolorierte Bild-Postkarte, die das Lebensgefühl, die Aura, einer antibürgerlichen hedonistischen Bohème in einem stilisierten **Toulouse-Lautrec**\-Paris abbildet. Varieté-Tänzerinnen, Transvestiten, Nonnen, Kellner, Dandys und Damen, kreisen vor einem fotografischen Paris-Panorama auf der Drehbühne wie auf einem Cabaret angerichtet, vor dem Publikum.

Das *Cafe Momus* könnte aber genauso gut der *Kit Kat Club* im Film-Musical ***Cabaret*** sein oder das ***Moka Efti,*** wenn am Ende dieses Bilds das gesamte Ensemble an der Rampe tanzt. Der legendäre Nachtclub im Berlin der 20er Jahre ist uns durch die Serie Babylon Berlin wieder ins Bewusstsein gerückt.

![Komische Oper Berlin / La Bohème - Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/01/7054_drama2019010_2165_ikofreese_drama_berlin_deneuneu.jpg)

Komische Oper Berlin / La Bohème - Auf dem Bild: Nadja Mchantaf (Mimì), Günter Papendell (Marcello), Vera-Lotte Böcker (Musetta) © Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Chor und Kinderchor meistern die schnellen Tempi aus dem Graben mit Bravour. Gestalterisch groß zeichnen die Chorsolisten ein lebendes Sittenbild von **Toulouse-Lautrecs** Postkarten-Paris. Beeindruckend die offenen laufenden Umbauten im Momus-Bild. Die Stage-Hands verschmelzen mit der Szene, bei drehender Bühne zieht ein Panorama-Paris am Zuschauer vorbei.

Ein junges Ensemble aus einem Guss verkörpert mit vibrierender Lebendigkeit Liebe und Leiden der Figuren zwischen Lebenslust und Überlebenskampf: **Nadja Mchantaf** gibt nach ihren großen Erfolgen als ***Rusalka, Cendrillon*** und ***Tatjana*** ihr Rollendebüt als ***Mimì,*** an der Seite von **Jonathan Tetelman** als ***Rodolfo.*** **Mchantaf** singt die Partie der ***Mimi*** hinreißend mit leichten großartigen Pianissimi, zerbrechlich und genau pointiert mit klarem höhensicheren Sopran. Als ***Musetta*** und ***Marcello*** sind die Ensemblemitglieder **Vera-Lotte Böcker** und **Günter Papendell** zu erleben. Beide voller Spielfreude, mit schönen, klaren durchsetzungsstarken Stimmen. Das vor Spielfreude sprühende Quartett der Freunde ist komplettiert durch **Philipp Meierhöfer** und **Dániel Foki.**

**Kosky** befreit die handelnden Figuren von ihren im Laufe von Abertausenden Aufführungen weltweit seit der Uraufführung 1896 eindimensional gewordenen Rollen-Klischees. Stattdessen erlegt er ihnen auch widersprüchliche Charakterzüge auf. ***Marcello*** taumelt sehr betrunken durch die Welt, die er mit der Kamera festhält. ***Rodolfo*** findet auch angesichts von ***Mimis*** Sterben nicht zu Gesten der Empathie oder konkreter Hilfe, hilflos nur in seinem eigenen Leid. *Mimi* ist eine toughe selbstbewusste junge Frau, eine Asphaltblume am Montmartre, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, im Karokleid und in Springerstiefeln stolpert sie in ***Rodolfos*** Leben.

Das Verhältnis von Jugend zum Tod ist neben der Fotografie **Koskys** zweites großes Thema. Wechselnden Emotionen, 100%er Liebe, Eifersucht und Hass geben sich die sechs Protagonisten mit dramatischer Grandezza, Humor und Verve hin. Wendepunkt und Schlüsselmoment im dritten Bild ist die Zerstörung der Kamera durch **Musetta** in ihrer Wut auf den untreuen ***Marcello.*** Danach ist Schluss mit Selfies. Das letzte Foto entsteht in der Katastrophe. Die *Bohèmiens* stehen hilflos und sehen ***Mimi*** beim Sterben zu. ***Mimi*** stirbt einen schweren Tod, kämpft, und erstarrt im Sitzen. Das Bild friert eint, im Tode fotografiert, bleibt diese Katastrophe für immer konserviert. Erinnerungen an eine bereits vergangene Zukunft.

Als Intendant hat **Barrie Kosky** die **Komische Oper** zu einem offenen innovativen Opernhaus gemacht. Im Vorfeld der Premiere ließ **Kosky** im **rbb** verlauten, dass seine Intendanz 2022 definitiv zuende ist, er der **Komischen Oper** aber möglicherweise verbunden und in Berlin bleibe. Für die Berliner Opernszene wäre das ein Hoffnungsschimmer, denn **Kosky** zählt zu den Regisseuren, die Oper für das Heute verstehbar machen, ein Storyteller modernen Formats für Geschichten mit zeitloser Botschaft.

**La Bohème** an der **Komischen Oper,** Berlin; die weiteren Vorstellungen 2.2.; 8.2.; 14.2.; 17.3.; 22.3.; 30.3.; 4.4.2019 und mehr

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