> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Berlin, Deutsche Oper Berlin, Parsifal - Mythen und Karfreitagszauber, IOCO Kritik, 07.05.2019
- URL: https://www.ioco.de/berlin-deutsche-oper-berlin-parsifal-mystischer-karfreitagszauber-ioco-kritik-07-05-2019/
- Published: 2019-05-07T07:00:06.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:54:40.000Z
- Author: Karin Hasenstein
- Tags: Ballett, Tanz & Bewegungskunst, Konzert & Liederabend, Spielplan, la traviata, Mozart, Wagner, Premiere, Schwanensee, Rusalka, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, wolfgang amadeus mozart, Premieren, Berlin

![deutscheoperberlin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/08/deutscheoperberlin.jpg)

[Deutsche Oper Berlin](http://www.deutscheoperberlin.de/?ref=ioco.de)

![Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/deutsche_oper_berlin_c_leo_seidel_588.jpg)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

# *Parsifal* \- Richard Wagner

 ***Mythen und Karfreitagszauber in Charlottenburg*** 

von **Karin Hasenstein**

Mit dem Bühnenweihfestspiel **Parsifal,** dem “summum opus” **Richard Wagners,** wurden am 26\. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet. Die ersten Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war **Wagner** erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des ***Parsifal,*** ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz *“Amerikanisch sein wollend”*. Der Entschluss, den ***Parzival*** zu beginnen, reifte am 25.01.1877, am 23.02\. wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03.1877 der Name ***Parzival*** in ***Parsifal*** geändert. In der Zeit vom 14.-19.03\. verfasst**e Richard Wagner** die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1\. Aufzuges. Am 25.12\. wurde das Vorspiel zum 1\. Aufzug im **Haus Wahnfried** anlässlich **Cosimas** Geburtstags uraufgeführt.

Die Arbeiten am 2\. und 3\. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882\. **Wagner** beendete die Partitur des 3\. Aufzuges am 13.01.1882 und erhielt vom **Verlag Schott** für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

**Parsifal - Richard Wagner** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Am 26\. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des ***Parsifal*** bei den **Bayreuther Festspielen.** In der letzten Aufführung dieser Festspiele dirigierte **Wagner** ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3\. Aufzug zu Ende.

Das Festspielhaus in Bayreuth wurde eigens für das **Bühnenweihfestspiel *Parsifal*** erbaut. Man könnte auch umgekehrt sagen, der **Parsifal** wurde für das Festspielhaus geschrieben. Es heißt, nirgends kann man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach **Wagners** Wunsch sollte der ***Parsifal*** für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen.

*“Dort darf der *Parsifal* in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”,* schrieb er 1880 an **König Ludwig II. von Bayern**. *“Nie soll der *Parsifal* auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.”* Er konnte es nicht.

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der ***Parsifal*** nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einer speziellen ***“Lex Parsifal”*** sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu **Wagners** 100\. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe **Richard Wagners, Cosima,** einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als *“Lex Cosima”* betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar **Kaiser Wilhelm II.** bemühte.

![Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/2019waparsifal31_jovanovich-groissboeck_bettina-stoess-neu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

So versiegte mit dem 1\. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie **Wagner,** nämlich die Tantiemen aus den Werken **Richard Wagners**, die - einschließlich des Weltabschiedswerks ***Parsifal,*** nun überall nachgespielt werden durften.

Am 24\. Dezember 1903 hatte **Heinrich Conried,** der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, ***Parsifal*** erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des ***Parsifal*** außerhalb von Bayreuth ließ sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das **Deutsche Opernhaus** Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen **Deutschen Oper Berlin,** bringt den ***Parsifal*** am Neujahrstag 1914 heraus, viele andere Häuser folgen.

**Thomas Mann** musste nach seinem **Parsifal**\-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “*Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.”* Damit mag der Autor Recht gehabt haben. Der Kraft des ***Parsifal*** kann man sich nur schwer entziehen.

\----------------------------------------

So war es auch am Karfreitag 2019 an der **Deutschen Oper Berlin,** als das Publikum mit **Elena Pankratova *(Kundry),* Günther Groissböck (*Gurnemanz)*, Derek Welton (*Klingsor*)** und **Paul Kaufmann (*3\. Knappe***) zudem fast die halbe Besetzung der Bayreuther Festspiele 2018 erlebte

Auch hier schwebte die Frage im Raum, ob nach dem ersten Aufzug des ***Parsifal*** applaudiert werden darf, noch dazu am Karfreitag, dem stillsten aller christlichen Feiertage. Nach einem Moment der Stille setzte an diesem Karfreitag nur zögerlicher Applaus ein, doch die Gruppe der Applaudierenden setzte sich schließlich durch. Das soll nicht gewertet werden; ein jeder soll dies für sich allein entscheiden. ***Parsifal*** ist ein Bühnenweihfestspiel; kein Gottesdienst, keine Liturgie, letztlich ist er “nur” Theater, die Kunst des “*so tun als ob”.*

**Richard Wagner** erfindet nichts wirklich selbst, er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des ***Parzival* Wolfram von Eschenbachs.** **Wagner** benannte die Figur des **Parzival,** wie er bei **Wolfram von Eschenbach** heißt, eigenmächtig in ***Parsifal*** um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort *“fal”* in etwa “*rein”* bedeutet und “*parsi”* dem deutschen Wort *“Tor”* entspricht. Diese Etymologie, die **Wagner** von dem Publizisten **Joseph Görres** übernommen hatte, stellte sich später als falsch heraus, klingt aber gut.

**Wagner** bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem ***Heiligen Gral,*** in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei **Eschenbach** war der Gral noch ein wundertätiger Stein.

Im ersten Akt des **Parsifal** erzählt **Gurnemanz** die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche. Die Gralsritter müssen keusch sein; so kommt die Moral in die Welt. **Klingsor** will besonders keusch sein; aus tiefer innerer Überzeugung, weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst. Er errichtet ein Gegenreich, **Klingsors** Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

**Amfortas** bewaffnet sich mit dem *Heiligen Speer* und missbraucht die Reliquie als Waffe. **Kundry** verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Verführerin. ***Kundry*** stellt aber auch die Verbindung zwischen beiden Reichen dar, da sie sowohl **Gurnemanz** und den Gralsrittern als auch Klingsor dient. **Amfortas** leidet an einer nicht heilenden Wunde: ein Synonym zu ***Klingsors*** Kastrationswunde.

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/12/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

***Parsifal*** unterscheidet sich von anderen Opern **Richard Wagners**. Er ist doch "religöser". **Wagner** verwendet hier religiöse Elemente, weihevolle Musik, Monstranz-enthüllung (Gralsenthüllung), Taufe, christliches Abendmahlsritual und entwickelte die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. In *“Religion und Kunst”* schreibt er: *“Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.”*

***Opulente Bilderflut mit christlichen Symbolen und Ritualen***

Regisseur **Philipp Stölzl** bringt in seiner Berliner ***Parsifal-*** Inszenierung (Premiere 2012) viele christliche Symbole und Rituale greifbar und realistisch auf die Bühne und nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise. Mittels zahlreicher *“Tableaux vivants”* erzählt der Film- und Opernregisseur bildgewaltig die an eigentlicher, stattfindender Handlung armen, aber an erzählter Handlung sehr reichen Oper und kommentiert so immer wieder eben diese erzählte Handlung.

Während des von **Donald Runnicles** sehr langsam genommenen Vorspiels öffnet sich der Vorhang und man blickt auf eine kahle Felsenlandschaft, wie aus einem Hollywood -Monumentalfilm. Links ein Berg, obenauf eine angedeutete Burg der Gralsritter, rechts ein Berg mit einem Kreuz, die Assoziation zu Golgatha drängt sich auf und ist sicherlich gewollt. Wir werden Zeuge einer Kreuzigungsszene, sehen römische Soldaten, Ritter, einfaches Volk, der Speer wird dem Gekreuzigten in die Seite gestochen, das Blut im Kelch beziehungsweise Gral aufgefangen. Immer wieder “baut” **Stölzl** diese lebenden Bilder, lässt sie bisweilen sehr lange im Freeze, bis sie sich wie wieder auflösen. Dank des Opernballetts und der Statisterie der Deutschen Oper entstehen so eindrucksvolle Massenszenen, die eine faszinierend hypnotische Wirkung auslösen.

Bei viereinhalb Stunden Aufführungsdauer wirkt die Bilderflut der Inszenierung massiv, zumal sie bisweilen von der Musik ablenkt, statt sie zu unterstreichen. Es “passiert” sehr viel auf der Bühne, der Zuschauer kann der Bilderflut nur schwer folgen. Leider gehen so auch liebevolle Details verloren; in einem so großen Haus wie der **Deutschen Oper Berlin** nicht unproblematisch. So ist über große Entfernungen zur Bühne manchem Besucher nicht erkennbar, dass alle Protagonisten auf der Bühne Kreuzigungsmale an den Händen tragen.

Die aufwändigen Kostüme (**Kathi Maurer**) reichen historisierend von Zeiten der Kreuzritter bis hin zu “heutiger” Kleidung im 3\. Aufzug. Zwischen dem ersten und dritten Aufzug vergehen viele Jahre der Irrfahrt ***Parsifals***, so ist die Kleidung letztlich alt, gebraucht, beschmutzt und drückt aus: *die Gesellschaft ist nicht in der Lage, sich zu erneuern, der Erlöser ist (noch) nicht in Sicht.* Mit den realistischen Kostümen, dem, was wir für typische Kleidung der Ritter betrachten und jenem, was wir als modern oder heutig ansehen, wird die Klammer vom ersten zum dritten Aufzug hergestellt.

![Festspielhaus Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2016/09/festspielhaus-bayreuth-foto-ioco1neu_2.jpg)

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Der zweite Aufzug ist da herausgenommen, wie auch ***Klingsors*** *Zaubergarten* nicht in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Platz zu verorten ist. Hier nimmt Stölzl eine Anlehnung an Exotismus des 19\. Jahrhunderts in der Oper vor. Zwischen den Felsen des ersten und dritten Aufzuges sehen wir nun eine Art Tempel, etwa in der Art der Hochkulturen Südamerikas. Auch die Kostüme haben nun einen gänzlich anderen Charakter, Baströcke, Fell, Knochenschmuck dominieren das Bild. Wilde brutale Rituale vollziehen sich, ***Klingsor*** erscheint als Herrscher über ein Naturvolk, der im Blutrausch seinen Opfern das Herz aus der Brust reißt, von den ***Blumenmädchen*** extatisch verehrt. Sind diese anfangs noch verhüllt, legen sie später ihre Gewänder ab und werden zu exotischen Schönheiten, die ***Parsifal*** verführen sollen.

Regisseur **Stölzl** stellt den **Parsifal** in einen Kontext christlicher Mythen. Er illustriert, kommentiert, überlässt es aber dem Zuschauer, eine Lösung zu finden. Wie der Gral zu deuten ist, muss jeder für sich selbst eine Antwort finden. Häufig bleibt **Stölzl** eng am Text, kommentiert oder illustriert das Erzählte in eindeutiger Weise. An manchen Stellen durchbricht er jedoch dieses Vorgehen. So wäscht **Kundry Parsifal** nicht die Füße, **Gurnemanz** salbt ihm nicht das Haupt. Während dieser doch für den Verlauf der Handlung sehr zentralen Szene steht **Kundry** weitab von ***Parsifal*** ohne inneren oder äußeren Bezug zu ihm. Die Taufe vollzieht sich in einem Wasserbecken im Felsen, das im ersten Aufzug **Amfortas** als Bad diente, in einer großen Menschenmenge. Wir alle sind **Kundry,** bedürfen der Erlösung. Das in den Tableaux sehr gekonnt eingesetzte Licht kommt hier von einer Straßenlaterne und hinterlässt Stirnrunzeln und Fragezeichen beim Betrachter.

Wenig zu deuten gab es jedoch an der eindeutig großartigen musikalischen Gesamtleistung. Die größte Partie dieser Oper nimmt **Gurnemanz** ein. Der österreichische Bass **Günther Groissböck**, der in dieser Rolle bereits bei den **Bayreuther Festspielen** und an der **Opéra National de Paris** sowie **De Nationale Opera Amsterdam** Erfolge feierte, füllte die Rolle stimmlich wie darstellerisch hervorragend aus. **Groissböck** beeindruckte wieder durch außerordentlich deutliche Diktion, wodurch die langen Erzählungen des ***Gurnemanz*** eine enorme Präzision und Spannung erhalten. Jedes Wort, jede Silbe ist perfekt verständlich und macht ein Mitlesen der Übertitel überflüssig. **Groissböck** gestaltete diese große Partie vom ersten *“He! Ho! Waldhüter…”* bis zum großen Monolog im dritten Aufzug mit großem Ausdruck und perfekt geführten Legati. Er überzeugte mit großer Wandlungsfähigkeit in der Stimme sowohl in den tiefen dunkel timbrierten Lagen als auch mit Brillanz in den sicher geführten Spitzentönen.

![Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/05/2019waparsifal95_wessels-jovanovich_bettina-stoessneu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Ebenfalls als Bayreuther ***Kundry*** bekannt ist **Elena Pankratova**. Mit ihrem warmen vollen Sopran bot sie auch in Berlin wieder eine überaus überzeugende sängerische wie schauspielerische Leistung und zog das Publikum mit ihrer enormen Bühnenpräsenz in ihren Bann. Mit großer Wandlungsfähigkeit gibt sie die Dienerin der Gralsritter, gestaltet unglaublich expressiv *“Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust”* und lässt scheinbar mühelos die ***Kundry-***Schreie erklingen, die in ihrer Intensität dem Zuhörer einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Sehr berührend gerät auch die Szene mit **Parsifal* “..sie beut dir heut’ als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kus*s”. **Elena Pankratova** beeindruckt ebenso mit lyrischer Leichtigkeit in den Pianissimo-Stellen wie auch mit dramatischer Gestaltung und großer Strahlkraft.

Der Amerikaner **Brandon Jovanovich** schien sich als ***Parsifal*** zunächst ein wenig zurückzuhalten, bevor mit dem Ausbruch *“Amfortas! Die Wunde!…”* vielleicht ein bisschen zu sehr aufdrehte. Sehr ergreifend und intensiv gestaltete er Stellen wie *“Erlöse, rette mich aus schuldbefleckten Händen!*“ oder “nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!“ In den mittleren Lagen beeindruckte Jovanovich durch seine große Stimme und Durchschlagskraft, an den sensiblen Stellen wie “*Wie büß’ ich Sünder meine Schuld?”* stünde ihm etwas mehr Pianokultur ganz gut zu Gesicht. Insgesamt steht ihm der Naturbursche, der reine Tor, der ***Parsifal*** ist, gut. Einzig der amerikanische Akzent, der stellenweise noch etwas stark durchklingt, stört das Gesamtempfinden. In seinem “*Sonntagsanzug”* wirkte dieser **Parsifal** bisweilen etwas verloren und wie ein Fremdkörper, was aber auch an der Personenregie liegen mag. Warum er letztlich der ersehnte Erlöser ist, vermittelte sich der Rezensentin in dieser Regie nicht.

Eine überaus erfreuliche Besetzung war **Mathias Hausmann** als **Amfortas.** Mit seinem feinen, warm timbrierten Bariton stellte er den gebrochenen und von seinem nicht enden wollenden Leid gezeichneten Schmerzensmann ***Amfortas*** sehr überzeugend dar und nimmt das Publikum für sich ein. Sehr berührend gerät “*Mein Vater! Hochgesegneter der Helden!”*

Der australische Bassbariton **Derek Welten** war in der Rolle des ***Klingsor*** auch in Bayreuth zu erleben. Er vereint gekonnt die Gegensätze der Rolle, die brutale Darstellung als Herrscher über ein Naturvolk, der blutige Rituale vollzieht, wie das bemitleidenswerte Opfer seiner eigenen Verstümmelung. Mit großer Energie und geschmeidiger Wendigkeit verbindet er seine enorme stimmliche wie darstellerische Präsenz zu einer großen Gesamtleistung. Auch **Andrew Harris** überzeugte souverän in der Rolle des **Titurel** mit seinem angenehmen dunklen Timbre und durch seine starke Bühnenpräsenz. Geradezu luxuriös besetzt waren ***1.*** und ***2\. Gralsritter*** mit **Burkhard Ulrich** und **Byung Gil Kim.**

**Donald Runnicles** führte das Orchester der **Deutschen Oper Berlin** mit sicherem Dirigat durch die viereinhalbstündige Vorstellung. Er wählte bewusst ruhige bis sehr ruhige Tempi und erreichte mit 1:45 Std. im ersten Aufzug exakt die Aufführungsdauer, die **Richard Strauss** 1933 in Bayreuth benötigte.

Das zumindest im ersten Aufzug sehr ruhige Tempo wurde von der Rezensentin als sehr angenehm empfunden und die Verfechter der These, dass sich Weihe vor allem durch Langsamkeit ausdrückt, müssen hier auf ihre Kosten gekommen sein. Bisweilen vermittelte sich jedoch der Eindruck, dass einzelne Sänger im Tempo stellenweise gerne etwas vorangegangen wären. Besonders berührend und überzeugend gerieten die Verwandlungsmusiken.

Der erfahrene Generalmusikdirektor der **Deutschen Oper** setzte die Reinheit und Tiefe der Partitur gekonnt um und lotete diese dynamisch vom zartesten Pianissimo bis zum Fortissimo in den großen Chorszenen klug aus. Besonders erfreulich trat die Solo-Oboe im 3\. Aufzug bei *“Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön!“* hervor, wie insgesamt die Holzbläser aber auch das tiefe Blech und die Harfen an diesem Abend überzeugen konnten.

**Parsifal** lebt nicht zuletzt auch von den beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter. Chor und Extrachor der Deutschen Oper beeindruckten einmal mehr durch Klangschönheit und gute Textverständlichkeit und gaben den Chören viel Intensität sowohl im ersten Aufzug im Unisono bei “Zum letzten Liebesmahle” als auch am Ende des dritten Aufzuges *“Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!”.* Musikalisch vermittelte sich der Zauber, der von ***Parsifal*** ausgeht, dem Publikum am Karfreitag 2019 stark: es dankte den Solisten, allen voran **Pankratova** und **Groissböck**, mit lang anhaltendem begeisterten Applaus.

Die bildgewaltige Inszenierung von **Philipp Stölzl** vermag nicht durchgängig zu überzeugen, sie ist aber sehr wirkungsvoll zwischen Hollywood-Monumentalfilm und Oberammergauer Passionsspielen einzuordnen. Zuschauern, welche sich gerne einmal **Parsifal** mit aufwändig reicher Bilderflut auf der Bühne hingeben möchten, sei diese Produktion für die kommende Spielzeit 2019/20 durchaus ans Herz gelegt.

\---| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |---