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# Berlin, Deutsche Oper Berlin, Lady Macbeth von Mzensk, IOCO Kritik, 19.04.2018
- URL: https://www.ioco.de/berlin-deutsche-oper-berlin-lady-macbeth-von-mzensk-ioco-kritik-19-04-2018/
- Published: 2018-04-21T09:00:18.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:45:13.000Z
- Author: Karin Hasenstein
- Tags: Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Berlin

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[Deutsche Oper Berlin](https://www.deutscheoperberlin.de/?ref=ioco.de)

![Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/deutsche_oper_berlin_c_leo_seidel_588.jpg "Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)")

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

# ***Lady Macbeth von Mzensk* \- Dmitri Schostakowitsch**

***“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”*** 

Von **Karin Hasenstein**

*“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”* fragt sich **Katerina Lwowna Ismailova,** die Titelheldin in **Lady Macbeth von Mzensk,** der zweiten Oper von **Dmitri Schostakowitsch.**

**"Die Hölle auf Erden"**

Die Parallele im Titel zu **Verdis** Oper ***Macbeth*** bzw. zur ***Lady Macbeth*** ist sicher nicht zufällig gewählt. Dennoch hüte man sich davor, die beiden Damen in eine Schublade zu stecken. Während **Verdis *Lady Macbeth*** tatsächlich eine grausame Gestalt ist, wird die sanfte ***Katerina*** erst als Opfer der Umstände zur Mörderin. Der Zuschauer identifiziert sich mit ihr und kann jede Gewalttat nachvollziehen. Die **Deutsche Oper Berlin** zeigt diese Oper in einer Koproduktion mit **Den Norske Opera & Ballett,** Oslo. Regisseur **Ole Anders Tandberg** geht bei seiner Inszenierung sehr eng von der Musik aus, was sich als erfreulich erweist. Das hindert ihn nicht daran, die Handlung in ein Fischerdorf auf eine kleine Insel zu verlegen, jedoch ist diese Welt völlig stimmig und schlüssig durchinszeniert. So stellt sich der Wohlstand des Kaufmanns ***Sinowij Ismailov*** nicht durch reich gefüllte Kornspeicher dar, sondern durch üppige Fischfänge.

![Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/deuoperladymacbeth-0632marcuslieberenz_hfneu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Bühnenbilder **Erlend Birkeland** hat sich dabei klar von der norwegischen Landschaft inspirieren lassen und eine Szene erschaffen, die in ihrer Verlassenheit und Trostlosigkeit ebenso gut in den Weiten Russlands liegen könnte. Überhaupt nutzt **Tandbergs** Inszenierung sehr stark Symbole. Das auffälligste ist wohl die **Banda**, eine Blaskapelle, die immer an besonders dramatischen Schlüsselszenen auftritt und dabei oft ausgesprochen grotesk wirkt, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sich die vermeintlichen Damen bei näherem Hinsehen als Herren entpuppen. Ein weiteres sind die Fische, die anstelle von Kornsäcken gehortet werden. An dieser Stelle ein Kompliment an die Werkstätten der **DOB** für die wunderbar naturgetreuen Fischmodelle, fast glaubt man, den Fischgeruch wahrzunehmen… Im letzten Akt ist es die kahle Insel, die mit ihren nackten Felsen für die Verlorenheit und Ausweglosigkeit der Menschen steht.

**I. Akt: Katerina**, die junge Frau des reichen Kaufmanns ***Sinowij Ismailov,*** beklagt die Leere in ihrem einsamen, langweiligen Leben: *“Ich sterbe noch vor Langeweile…*” Ihr Schwiegervater **Boris** gibt ihr die Schuld an der Kinderlosigkeit der Ehe und klagt sie an, weil sie ihm keinen Erben schenkt. Auf der mit einer kleinen Felseninsel bedeckten Drehbühne stimmt der Chor ein Klagelied an. ***Katerinas*** Ehemann wird als Trottel bezeichnet und von der Regie in Kostümierung **(Kostüme: Maria Geber)** und Personenführung konsequent so dargestellt. ***Boris*** schickt seinen Sohn zu einem entfernten Lagerhaus, die Arbeiter singen, ***Katerina*** soll ihm treu sein, doch tatsächlich weint sie ihm keine Träne nach, da sie in dieser Ehe keine Erfüllung findet.

![Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/deuoperladymacbeth-0920marcuslieberenzneu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Es folgt eine beklemmend intensiv dargestellte Vergewaltigungsszene, in der sich Köchin **Aksinja** gegen die Übermacht der geilen Arbeiter wehren muss, aber kaum eine Chance gegen die zahlreichen körperlich überlegenen Männer hat. ***Katerina*** tritt hinzu und erlöst ***Aksinja*** nach quälenden Minuten voller obszöner Beleidigungen und Demütigungen. ***Boris*** taucht auf und schickt alle wieder an die Arbeit. ***Katerina*** sehnt sich nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe: *“Alles paart sich: der Hengst läuft der Stute nach… wer aber kommt denn jemals zu mir? Wer liebt mich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr kann?”*

Erfüllung naht in Gestalt des neuen Arbeiters **Sergej*.* Auf die leisen Streicher und die sehnsuchtsvolle Klarinette folgt eine krude Beischlafs-Musik, die bereits das Gewalt-Motiv vorstellt und dem Hörer verdeutlicht, dass dieses für ***Katerina*** wohl nicht der Weg zum Glück ist. Hier taucht zum ersten Mal die schräge **Banda** auf, eine ekstatische Musik mit viel Blech und dem für **Schostakowitsch** so typischen Schlagwerk. Figuren und Musik machen sich lustig über den gehörnten Ehemann, der - kaum aus dem Haus - von seiner Frau betrogen wird, die dem Fremden schenkt, was sie ihrem Mann verwehrt.

**II. Akt: *Boris*** schleicht um ***Katerinas*** Schlafzimmer herum. Er erinnert sich seiner Jugend und verspricht *“Heiße Nächte würde ich dir machen!“* In diesem Walzer fühlt man sich unwillkürlich an den Ochs aus dem ***Rosenkavalier*** erinnert, der in der Arie “*Mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang!*“ dem ***Mariandl*** Ähnliches verspricht. ***Boris*** entdeckt, dass Sergej bei ***Katerina*** war. Eigentlich wollte er an ***Katerina*** erfüllen, was seinem Sohn bisher nicht gelang. Als er entdeckt, dass er zu spät kommt, lässt er ***Sergej*** brutal auspeitschen und im Keller einsperren. Auch diese Gewaltszene wird wieder sehr drastisch und detailliert dargestellt, musikalisch illustriert durch Xylophon und Schlagwerk im Rhythmus der Peitschenschläge.

Nun greift auch **Katerina** zu drastischen Mitteln: sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter das Pilzgericht, um ***Boris*** den Schlüssel abzunehmen und ***Sergej*** zu befreien. ***Boris*** fühlt sein letztes Stündlein kommen, man holt den Popen, doch ehe **Boris** beichten kann, hat das Rattengift seine Wirkung entfaltet. ***Katerina*** lenkt den Popen ab und klagt, wer nun für sie sorgen werde. Zur Totenmesse und dem Gebet für ***Boris’*** Seele tritt **Banda** auf; lautes schräges Blech führt die ganze Situation ad absurdum.

**Katerina** schlägt ihr Lager neben ***Sergejs*** auf und verspricht, ihn zu heiraten. Aber sie weiß auch *“Bald ist unsere letzte Liebesnacht”,* denn auch wenn der Schwiegervater beseitigt ist, so weiß sie, dass ihr Mann bald zurückkehren wird. Nun tritt Boris’ Geist auf und verflucht Katerina, seine Mörderin. **Sinowij** kehrt zurück und wird ebenfalls ermordet. Zu ruhiger Moll-Harmonik küssen sich die Liebenden über der Leiche und Katerina beruhigt **Sergej “*Jetzt bist du mein Mann!"*

**III Akt:** Hochzeitstag. Der ***Schäbige,*** auf der Suche nach Alkohol, riecht den Wodka und findet die Leiche. “*Mord! Polizei!”* ruft er und wieder wird die Szene untermalt von der ***Banda.*** Man schwankt zwischen Faszination und dem Gedanken “*Nein, nicht die schon wieder!”* Zum komischen Moment an diesem so ernsten Abend wird der Auftritt der Polizei; vor dem Vorhang dargestellt vom Herrenchor in norwegischen Polizei-Uniformen; mit Bügelbrett und Bügeleisen bewaffnet vermitteln sie - hier herrscht Ordnung! - genau das vermittelt die Nummer *“Ordnung schafft die Polizei!”* Dumm nur, dass man vergessen hat, den Polizeichef zur Hochzeitsfeier einzuladen! So rückt die Polizei eben uneingeladen an, um der Anzeige des ***Schäbigen*** auf den Grund zu gehen.

Die Inszenierung der Hochzeitsfeier spielt wird einmal mehr mit Klischees; Wodka fließt in Strömen, wird gar aus Wasserkanistern “genossen”. ***Katerina*** versucht noch, ***Sergej*** zur Flucht zu überreden, jedoch es ist zu spät und sie werden festgenommen. Auch diese Szene wird von der ***Banda*** kommentiert. Um die wahren Machtverhältnisse noch einmal zu demonstrieren, wird ***Katerina*** im Brautkleid vom ***Polizeichef*** vergewaltigt.

**IV. Akt:** Das kleine Haus auf der Insel ist verschwunden, wir befinden uns in einem Gefangenlager. ***Sergej*** und ***Katerina*** sind auf dem Weg in die Verbannung. Der Chor beschreibt die Strapazen des Weges: *“Wer hat die Meilen gezählt?”* Trauer und Hoffnungslosigkeit in der Musik werden durch eindringliche Bilder auf der Bühne, abgerissene, schmutzige gebrochene Menschen, zum Teil in Unterwäsche, und sensibel eingesetztes Licht, unterstrichen. Die Gefangenen haben jede Hoffnung verloren. Es wird jedoch nicht nur das Einzelschicksal ***Katerinas*** und ***Sergejs*** beschrieben; das ganze Volk wird durch die Darstellung der zur Zwangsarbeit Verurteilten angesprochen.

**Katerina** liebt ***Sergej*** noch immer. Sie besticht eine Wache, damit sie zu ihm gelangen kann. Dieser klagt sie jedoch an *“Du hast mein Leben zerstört!”* Er hat inzwischen eine andere Geliebte und bittet **Katerina** um ihre warmen Strümpfe für **Sonjetka**. Katerina gibt sie ihm aus Liebe und muss schließlich eine Liebeszene zwischen ***Sergej*** und ***Sonjetka*** mit ansehen. Das harte Gegenlicht unterstreicht die Kälte, mit der ***Sergej*** handelt. Der Chor stimmt ein Klagelied an **“** *Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“* ***Katerina*** muss erkennen, dass ***Sergej*** sie nicht mehr liebt; sie verhöhnt. Während die Gefangenen weiterziehen, erwürgt ***Katarina Sonjetka,*** reißt sie mit in die Tiefe, beide ertrinken. Ein Klagelied erklingt, *da capo.*

Der Stoff, den **Schostakowitsch** hier vertont hat, ist schwere Kost. Die Orchestrierung ist, typisch für **Schostakowitsch,** stark in den Holzbläsern besetzt, aber auch das schwere Blech setzt starke Akzente. Mit großem Schlagwerk vermittelt sich die Brutalität der Handlung durch eindringliche Rhythmen und große Dynamik.

![Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/deuoperladymacbeth-7325marcuslieberenz_hfneu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

**Donald Runnicles** führt das Orchester der **Deutschen Oper** souverän durch den Abend. Er präsentiert sich einmal mehr als erfahrener Begleiter für die Solisten mit sängerfreundlicher Dynamik und perfekten Tempi. Der **Chor** sowie die **Herren des Extrachores** (Einstudierung Jeremy Bines) beeindrucken mit deutlicher Diktion und sauberen Wegnahmen und folgen Runnicles‘ Dirigat präzise. Insbesondere im letzten Akt besticht der Chor durch flexible Dynamik und vermittelt mit großem Ausdruck die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen auf ihrem Weg in die Verbannung.

Bei den Solisten sei voran **Evelyn Herlitzius** als ***Katerina*** erwähnt. Die als **Strauss-**Interpretin bekannte Sopranistin verfügt über einen jugendlich-dramatischen Sopran, der wunderbar zur Rolle der ***Katerina*** passt. Im ersten Akt noch mit etwas viel Metall in den Höhen wird ihre Interpretation in den folgenden Akten immer überzeugender und ergreifender. Hinzu kommen ihre starke Bühnenpräsenz und große Glaubwürdigkeit, mit der sie die verzweifelte und zerrissene Persönlichkeit verkörpert. **Sergey Poljakow** ist ihr ebenbürtiger Partner, der die Rolle des ***Sergej*** überzeugend und mit tenoraler Strahlkraft ausfüllt.

**Wolfgang Bankls** kraftvoller Bass passt gut zur Rolle des plumpen und brutalen ***Boris.* Bankl** scheut sich auch nicht vor “schmutzigen” Tönen, die es aber braucht, um diesen Charakter glaubhaft darzustellen. Sehr beeindruckend auch die Szene als Geist, dessen Auftritt fast ein wenig an die Szene des Komturs in ***Don Giovanni*** erinnert. Ensemblemitglied **Thomas Blondelle** gibt den gehörnten Ehemann Sinowij mit lyrischem Tenor und verleiht ihm so viel Tragik, dass er einem fast schon leid tut. Ist es auch eine relativ kleine Rolle, so legt er doch viel Begeisterung hinein und überzeugt das Publikum durch große Spielfreude. **Burkhard Ulrich** hat als ***Schäbiger*** einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt und überzeugt als fieser Verräter. Die Rolle der **Sonjetka** ist mit der Walter-Sandvoss-Stipendiatin **Vasilisa Berzhanskaya** perfekt besetzt.

Alles in allem wurde an diesem Abend eine großartige Ensembleleistung präsentiert, die vom begeisterten Publikum mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi entsprechend gewürdigt wurde. Die Intensität, mit der vor allem **Herlitzius** und **Poljakow** agierten, wirkte lange nach. Ein doppelter Wodka - wie in der Vorstellung - schien auch nach der Vorstellung wahrhaft angebracht.

\---| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |---