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# Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Walküre - Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.10.2020
- URL: https://www.ioco.de/berlin-deutsche-oper-berlin-die-walkuere-richard-wagner-ioco-kritik-14-10-2020/
- Published: 2020-10-13T17:00:53.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:05:01.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Berlin

![deutscheoperberlin](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/08/deutscheoperberlin.jpg)

[Deutsche Oper Berlin](http://www.deutscheoperberlin.de/?ref=ioco.de)

![Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/deutsche_oper_berlin_c_leo_seidel_588.jpg)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

# ***Die Walküre*  \- Richard Wagner**

 **\- Nothung steckt im Fahrstuhl fest -**

von **Julian Führer**

![Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/12/richard-wagner-berliner-tiergarten-foto-rainer-maassneugnaz-neu.jpg)

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Ein neuer ***Ring*** ist eine Herausforderung für jedes Haus, auch eine Visitenkarte. Im Erfolgsfall entstehen legendäre Deutungen, die über lange Zeit im Repertoire bleiben; dies war beispielsweise an der **Deutschen Oper Berlin** mit **Götz Friedrichs** Inszenierung von 1984/1985 der Fall, die bis 2017 gezeigt wurde. Gescheiterte Interpretationen belasten wiederum das Repertoire auf Jahre, denn kaum ein Haus hat die Ressourcen, um den Spielplan noch einmal mit vier Wagner-Premieren zu belasten. An der **Deutschen Oper Berlin** wurde dem Publikum der Abschied vom *‚Zeittunnel‘* aus den achtziger Jahren damit versüßt, dass gleich ein neuer ***Ring*** angekündigt und **Stefan Herheim** als Regisseur benannt wurde, dessen Bayreuther **Parsifal** von 2008, eine ausgesprochen vielschichtige Interpretation, über weite Strecken auch als ästhetisch ansprechend wahrgenommen wurde.

**Stefan Herheims** Ansatz in Bayreuth war die Überlagerung verschiedener Ebenen – die von **Wagner** komponierte Handlung, gleichzeitig aber auch die deutsche Geschichte mit vielen Uniformen und Hakenkreuzen, die Lebensgeschichte **Wagners** von der ***Villa Wahnfried*** bis zur Totenmaske sowie die Geschichte der Werkinterpretation mit dem Nachbau der Gralsszene von 1882 – auch in Berlin sollten sich verschiedene Ebenen überlagern. In dieser Besprechung wird vereinzelt auf diese Bezüge hingewiesen, natürlich sollte eine Deutung sich aber auch unmittelbar erschließen können. Das **Rheingold** konnte aufgrund der Umstände noch nicht gezeigt werden, so dass bei manchem vielleicht noch eine Erläuterung folgen wird, wenn die anderen Teile der Tetralogie im Zyklus zu sehen sein werden.

**Das Rheingold - Deutschen Oper Berlin** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Als der Vorhang sich öffnet, sehen wir ***Sieglinde* (Lise Davidsen**) sichtlich verzweifelt allein (bzw. fast allein) zu Haus, umgeben von einer großen Menge Koffern. Auf der Bühne zu sehen ist im Prinzip das aus Koffern nachgebaute Halbrund von **Arnold Böcklins** **Toteninsel.** Das Motiv haben **Patrice Chéreau** und sein Bühnenbildner **Richard Peduzzi** in ihrer berühmten Bayreuther Inszenierung des **Ring des Nibelungen** ebenfalls verwendet (*allerdings erst in der überarbeiteten Inszenierung, wie sie ab 1977 gezeigt und auch verfilmt wurde*), dort im dritten Akt der **Walküre** sowie in **Siegfried** und **Götterdämmerung** – hier also schon zu Beginn. In der Mitte des so begrenzten Raumes ist ein Konzertflügel zu sehen. Es scheint sich um eine Art Grubenhaus aus Koffern zu handeln, da es zur Eingangstür ein paar Stufen nach oben geht (wie beispielsweise auch schon in der Inszenierung von **Peter Hall** in Bayreuth 1983). Für die Bühne zeichnen **Stefan Herheim** selbst und **Silke Bauer** verantwortlich.

Als die Musik etwas später beginnt, sehen wir während des Vorspiels zum ersten Akt erst einen recht wölfisch aussehenden Hund, dann steigt **Sieglinde** auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt unklar). **Sieglinde** hat offenbar ein behindertes Kind, das viel mit einem Messer spielt. **Siegmund** kommt herein wie in einer konventionellen Inszenierung. Der erste Kuss zwischen den beiden **Wälsungen** findet deutlich früher als von **Wagner** eigentlich geplant statt, nämlich als **Sieglinde** dem Fremden Met (hier allerdings nur schlechten Supermarktwhisky) anbietet und **Siegmund** „*Schmecktest du mir ihn zu?“* antwortet. In der Musik ist die tiefe Sympathie (und mehr als das) bereits deutlich zu hören, und Sieglinde geht an dieser Stelle über die Linderung der größten Not hinaus, zeigt also mehr Sympathie als nötig und geht mithin aktiv auf **Siegmund** zu (so war es auch vor einigen Jahren in Freiburg zu sehen). Damit das Kind nicht stört, bekommt es eine Dose Cola, aber es wird die Zweisamkeit des Wälsungenpaars immer wieder torpedieren. So richtig nimmt man ***Siegmund*** die existentielle Not allerdings nicht ab; auch als **Hunding** eintritt, ist das für ihn kein entscheidender Moment – für das Kind hingegen weit mehr, denn der Knabe warnt die beiden vor dem Heimkehrer; für einen jungen Menschen von sehr begrenztem geistigen Horizont ein erstaunlich feiner Sinn für Psychologie...

**Die Walküre - hier - Lise Davidsen ist Sieglinde** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Hunding** zieht seinen Jagdmantel aus und trägt drunter eine gemütliche Strickjacke. Er wirft einen Holzscheit in den Souffleurkasten, worauf es von dort aufzuglühen scheint und nach mehr Feuer aussieht **(Herheim** hat diesen Trick bereits für den Gral in seinem Bayreuther **Parsifal** verwendet, wie überhaupt die Lichtregie von **Ulrich Niepel** sehr stark an diese Inszenierung, vor allem deren dritten Akt erinnert). Das Kind fasst schnell Vertrauen zu **Siegmund,** der den ersten Teil seiner Lebensgeschichte eigentlich dem Kind und den zweiten Teil Sieglinde erzählt. Hunding fasst nach Siegmunds „*Den Vater fand ich nicht“*, als leise **Wotans** Motiv in E-Dur aus dem Graben ertönt, das Schwert an – er hat also bereits verstanden, mit wem er es tun hat, und er weiß auch, wer das Schwert in den Stamm bzw. in den Flügel gestoßen hat *(woher eigentlich?*). Beim dritten Teil seiner Erzählung ist klar, dass er sich schon längst um Kopf und Kragen geredet hat. Während **Hunding** mit dem Kind recht grob umgeht und vor allem Spaß hat, wenn er seinem Kleinen Schnaps einflößt, empfindet der Knabe, der im übrigen sehr wälsungisch aussieht (*warum sind Wälsungen eigentlich immer blond?*), ungebremste Sympathie mit **Siegmund,** umarmt ihn mehrfach, und **Siegmund** ist ihm gegenüber ebenfalls freundlich, wenn auch etwas irritiert ob dessen Verhalten.

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/01/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Gegen Ende von **Siegmunds** Monolog, als **Hunding** ihm gewissermaßen sein Todesurteil eröffnet, zerren **Siegmund, Sieglinde** und der Junge am Schwert, das im Flügel steckt. Der Rest ist konventionell: **Sieglinde** würzt **Hundings** Gutenachtdrink etwas nach. **Siegmund** findet sich alleine auf der Bühne wieder, steigt auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt abermals unklar, aber wirkt irgendwie dynamisch). **Sieglinde** kommt im roten Hausmantel zurück, um **Siegmund** zu berichten, dass da ein Schwert ist – das wissen aber bereits alle, die Handelnden ebenso wie das Publikum. Hier wie auch später zieht **Herheim** immer wieder Blicke oder Erkenntnisse vor und entwertet damit das von **Wagner** gesetzte *‚Timing‘* und die enthaltenen Spannungsbögen. **Sieglinde** stürzt sich Siegmund in die Arme, während Hunding schläft und während ein paar Koffer durch die Gegend purzeln und einen Weg nach draußen freimachen. Auf einer weißen Plane (es sieht wirklich schön aus, als sie entfaltet wird) werden erst eine grüne Naturprojektion im Stile von **Herheims** Bayreuther **Karfreitagszauber** und dann der Wonnemond selbst gezeigt.

Der packendste, aber wohl auch der umstrittenste Moment des ersten Aufzugs war kurz vor Ende zu sehen: Nach **Siegmunds** *„Ich fass‘ es nun“* moduliert die Musik fast in jedem Takt, es ist keine feste Tonart mehr auszumachen, das Liebesentsagungsmotiv ertönt (bei **Donald Runnicles** mit interessanten Crescendi in den Tuben), musikalisch läuft alles auf den Moment zu, in dem **Siegmund** das Schwert aus der Esche bzw. dem Konzertflügel ziehen wird. Was macht eigentlich **Sieglinde** (*meist steht oder kniet sie etwas seitlich, um ihrem Partner die Bühne zu lassen*)? **Sieglinde** nimmt bei **Stefan Herheim** das Messer, hält ihrem Sohn die Augen zu, bringt es aber erst nach mehreren Anläufen fertig, dem eigenen Kind (*genau zum C-Dur des ‚schneidenden Stahls*‘) die Kehle durchzuschneiden. **Sieglinde** strahlt **Siegmund** an, der das Schwert herausgezogen hat und dies alles nicht weiter kommentiert, sondern den toten Jungen mit **Sieglindes** rotem Hausmantel zudeckt. Wieso erstaunt **Siegmund** diese blanke Aggression nicht? Und wozu eigentlich das Schwert, wo Sieglinde doch aus **Hundings** Schlafgemach ein Gewehr mitgebracht und außerdem das Messer des Jungen in Händen hält? Und wenn **Sieglinde** schon so aggressiv sein kann, warum wird dann nicht **Hunding** im Schlaf erledigt? ***Fricka*** hätte niemanden gehabt, der im zweiten Akt fromm für sie hätte streiten können. Dass **Siegmund** das Schwert nun aus dem Flügel ziehen kann, ist ebenfalls erstaunlich; es mag sein, dass **Wotan** hier seine Finger im Spiel hat und **Siegmund** von sich aus gar nicht dazu in der Lage wäre. Der Schluss des ersten Aktes gerät dann etwas peinlich (*nicht zum ersten Mal, *Wagner* wird hier gar zu deutlich*): **Siegmund** balanciert zu „*So blühe denn Wälsungenblut*“ hüpfend auf einem Bein, während er versucht, möglichst schnell aus seiner Hose zu kommen, um sich dann auf dem Flügel über **Sieglinde** herzumachen (**Lise Davidsen** kennt das bereits von ihrem Bayreuthdebüt als **Elisabeth** im **Tannhäuser** 2019).

**Die Walküre - hier - Brandon Jovanovich is Siegmund** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

In diesem ersten Akt ist die Personenführung recht genau. Das hinzuerfundene behinderte Kind zieht natürlich erhebliche Aufmerksamkeit auf sich, durchaus nicht ohne Ermüdungserscheinungen des Publikums, denn dieses Kind hat kein großes Handlungsrepertoire. Da das Kind nun einmal da ist, muss **Herheim** zu ihm aber auch eine Geschichte erzählen, und dass diese letztlich auf seine Ermordung durch Sieglinde zuläuft, lässt sich dramaturgisch und musikalisch kaum rechtfertigen. Wir wissen nach diesem ersten Aufzug nicht, was das eigentlich für Leute sind, zu welcher Zeit sie leben, außer dass die Dosencola und Supermarktwhisky im Hause haben und Koffer aus etwa der Mitte des 20\. Jahrhunderts als Hausmauer haben. Das Orchester trägt zunächst auch nicht viel zum Spannungsaufbau bei, zu gedehnt sind die Tempi, die **Donald Runnicles** anschlägt, und man merkt dem Orchester an, dass es über ein halbes Jahr lang nicht zusammengespielt hat. Ein zunächst durchwachsener Eindruck also, wäre da nicht Lise Davidsens Sieglinde mit einer Stimme wie die junge **Astrid Varnay** – ungemein durchschlagskräftig, quer durch alle Lagen differenziert und textverständlich und in ihrer schieren Größe dem Haus an der Bismarckstraße vollkommen angemessen. **Brandon Jovanovich** begann die Partie des **Siegmund** sehr baritonal und kam im Laufe des Abends zunehmend in Fahrt. Die ‚großen‘ Töne sang er zuverlässig an, die Zwischentöne und kurzen Noten waren oft, aber nicht immer gut zu hören. **Andrew Harris** zeichnete ***Hunding*** direkt mit einer eigentlich sehr kultivierten Führung der Stimme, doch stets auch mit drohendem Unterton. Auf der Bühne wirkt er nicht so mächtig wie einst Matti Salminen, aber **Hunding** muss auch nicht aussehen wie **Bud Spencer**, um ***Siegmund*** überlegen zu sein.

Der Kofferhalbkreis ist optisch sehr dominant und als Metapher für die im Ring des Nibelungen immer wieder thematisierte Flucht (wie es das Programmheft darlegt) gedacht, vor allem hat er aber das Verdienst, sehr sängerfreundlich zu sein. In der Tat, und das hat **Stefan Herheim** sehr treffend beobachtet, sind die ersten beiden Teile des Ring voller Fluchtgeschichten und -motive: im **Rheingold** fliehen, wenn man will, die **Rheintöchter** vor **Alberich** und dann **Alberich** vor den **Rheintöchtern,** vor allem dann **Freia** vor den **Riesen**, die Nibelungen und **Mime** vor **Alberich,** in der ***Walküre*** dann **Siegmund** vor den Verfolgern, dann **Siegmund** und **Sieglinde,** später **Brünnhilde** und **Sieglinde,** dann **Sieglinde** allein, als sich **Brünnhilde Wotans** Rache bietet. Es wird spannend sein zu sehen, ob dieses Motiv auch in den verbleibenden beiden Teilen der Tetralogie auf der Bühne eine Rolle spielen wird, denn Siegfried flieht nun einmal nicht, ganz im Gegenteil.

![DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre - hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2020/10/walkuere_119jovanovichdavidsenneu.jpg)

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre - hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund © Bernd Uhlig

Auch der zweite Aufzug beginnt zunächst ohne Musik: Im Souffleurkasten rumort es, **Wotan** steigt heraus (*gegen Ende des *Rheingolds* ist er wohl über den Souffleurkasten in die Unterbühne zu *Erda* hinabgestiegen, so das Programmheft*). **Wotan** ordnet gut gelaunt seine Hose, er hat auch die Noten zu **Die Walküre** dabei (*inzwischen auch schon oft gesehen zuletzt 2019 im Bayreuther Tannhäuser von *Tobias Kratzer**), setzt sich an den Flügel und klimpert, während das Orchester einsetzt. Auf dem Flügel liegen noch **Siegmund** und **Sieglinde**, der er das Schwert in die Hand drückt. **Hunding** tritt mit Gefolge auf und beugt sich über seinen toten Sohn. ***Hunding*** und sein Gefolge kämpfen jetzt schon (im Einklang mit der Musik) mit *Siegmund,* allerdings – wozu dann noch der zweite Aufzug?

**Brünnhilde** sieht aus wie eine Karikatur, eine Klischee-Walküre mit Brustpanzer über weißem Nachthemd und mit Flügelhelm (die Kostüme entwarf **Uta Heiseke**), dazu Vokuhilaperücke in Wälsungenblond (das war bereits be**i Götz Friedrich** so). **Nina Stemme** kommt aus dem Kellergeschoß des Flügels hochgefahren und singt ihren kurzen ersten Auftritt ohne Schwierigkeit. Von links und rechts kommen die anderen **Walküren** in etwas abgerissener Kleidung hinzu, turnen etwas mit ihren Speeren herum und entsorgen **Sieglindes** und **Hundings** totes Kind. **Fricka** nimmt natürlich auch den Fahrstuhl, wie alle Lichtalben ist auch sie in Weiß, mit ebenfalls weißem Koffer und weißer Widderkappe auf dem Kopf, allerdings mit giftigem Knusperhexengesicht. Weil der Streit eine ernste Angelegenheit ist, verliert **Fricka** zwischendurch ihren Mantel und trägt darunter das gleiche Nachthemd wie alle Damensoli des Abends. **Annika Schlicht** bietet einen ganz großen Auftritt, textverständlich, intonationssicher und überaus souverän. Schade nur, dass sie in dieser Inszenierung eine recht eindimensionale Giftspritze mimen muss**. John Lundgren** agiert als **Wotan** etwas schmierig (spätestens seit **Frank Castorf** ist dieser Charakterzug bei **Wotan** bestens bekannt).

**Die Walküre - hier - John Lundgren ist Wotan** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Anders als in anderen Inszenierungen erfahren wir aber nichts darüber, wie das persönliche Verhältnis von Fricka zu Wotan und umgekehrt eigentlich ist. Zu „*Entzieh‘ ihm den Zauber*“ setzt sich **Fricka** an den Flügel und klimpert dann den *Walkürenritt,* während **Brünnhilde** sich von rechts einen Weg durch die Koffer bahnt. Unvergesslich, wie frühere Brünnhilden (damals Namen wie **Gwyneth Jones, Janis Martin, Hildegard Behrens, Evelyn Herlitzius**) in der Vorgängerinszenierung zu dieser Stelle jauchzend durch den Zeittunnel gestürmt sind... Mit **Fricka** sind nach und nach ca. 30 Statisten (Männer, Frauen, Kinder, alle Altersstufen) aufgetreten, kostümiert wie in einem Trümmerfilm der Nachkriegszeit oder auch wie im dritten Akt von Herheims eigenem Bayreuther Parsifal, anscheinend auf der Flucht, zumindest unterwegs, jedenfalls nehmen sie sich dann erstaunlich viel Zeit, um **Wotan, Fricka** und **Brünnhilde** zuzuhören. Als **Wotan** seiner Tochter offenbaren will, was ihn antreibt, lässt er die Statisterie etwas auf Abstand gehen. **Wotans** Monolog verläuft dann eigentlich so wie immer: **Wotan** sitzt, **Brünnhilde** kniet.

Zu *„Nur eines will ich noch: das Ende“* ging bei **Götz Friedrich** das Licht auf der Bühne aus, **Wotan** (damals Sängerpersönlichkeiten wie **Simon Estes** ode**r Robert Hale**) stand in seiner Verzweiflung völlig alleine auf der 30 Meter tiefen Riesenbühne, reduziert auf einen Lichtkegel, umgeben von Finsternis, im Grauen der Selbsterkenntnis auf sich allein geworfen. Bei **Herheim** geht zu diesen Worten das Saallicht an – und bleibt dann bis zu **Brünnhildes** Todverkündigung erst einmal brennen. Das hat **Herheim** schon bei seinem Bayreuther Parsifal gemacht, was damals **Uwe Eric Laufenberg** so gut gefallen haben muss, dass er diesen Trick 1:1 kopiert hat (Bayreuth 2016). Dort war es allerdings auch schlüssiger und kürzer. Hier sieht man minutenlang ein aufgrund der bekannten Maßnahmen sehr reduziertes und diszipliniert Maske tragendes Publikum, das sich hoffentlich eben nicht kollektiv das Ende dieser Vorstellung herbeiwünscht.

**Siegmund** und **Sieglinde** treten auf; mit **Sieglindes** letzten Worten (*„Siegmund, ha!*“) sinkt sie zusammen; Brünnhilde war die ganze Zeit auf der Bühne und hat die beiden beobachtet. Wenn **Siegmund** und **Sieglinde** sich küssen, wird es **Brünnhilde** ganz heiß im Unterleib (*alles nicht ganz einfach, wenn man Panzer trägt*). **Sieglinde** sieht den Schild der Walküre (*erst lachende, dann weinende Maske, gab es das nicht schon bei Willy Decker in Dresden?*), erschrickt. Als sie schläft, erblickt **Siegmund** die **Walküre** und mustert sie minutenlang, bevor es „*Siegmund, sieh auf mich!“* heißt – wieder nimmt Herheim eine Bühnenhandlung vorweg und muss dann mit einem unsinnig gewordenen Text auskommen.

Die tieftraurige Todverkündigung, Auslöser für den Wendepunkt der ganzen Tetralogie, war dennoch der Höhepunkt des Abends. **Brünnhilde** hat ein Leichentuch dabei, mit dem **Siegmund** flirtet (seit **Patrice Chéreau** ein beeindruckender Effekt, auch schon von Götz Friedrich und anderen kopiert), inzwischen werden vier große Kofferberge hochgezogen (die sehen aber eher aus wie große Luftballons, sie erinnern etwas an den **Tannhäuser** von **Kirsten Harms** an der **Deutschen Oper Berlin,** der ebenfalls mit der Höhe spielte), ohne dass die Bühne dadurch bedeutend verändert würde. **Nina Stemme** sang beeindruckend und konnte hier zeigen, dass sie nicht nur die Spitzentöne, sondern auch die tiefe Lage mit großer Sicherheit beherrscht. Das Orchester hatte nun endlich auch zu einem echten Zusammenspiel gefunden mit schönen Harfen, scharfen Dissonanzen der Bläser und dramatischen Einsätzen auf den Punkt.

Der Rest des Aktes geriet dann wieder recht konventionell bis wenig überzeugend – **Wotan** setzt sich zum Kampf mit den Noten an den Flügel, ***Sieglinde*** hat von **Siegmund** die Augen verbunden bekommen (wie das Kind in ***Madama Butterfly***) und sieht nicht, was geschieht, **Hunding** erscheint mit Gefolge (das **Chéreau** und **Friedrich** auch hatten, aber nur im ersten Akt gezeigt haben), und weil ihm **Siegmund** einen Koffer zuwirft, verliert **Hunding** kurz vor dem Kampf sein Gewehr. Dieser wirklich läppische Regieeinfall wird auch dadurch nicht besser, dass **Hundings** Gefolge durchaus mit Gewehren bewaffnet ist, ihm aber keines zu reichen vermag. Beim Kampf zwischen ***Hunding*** und **Siegmund** qualmt es Bühnendampf wie in alten Zeiten**. Brünnhilde** kommt mit dem Flügelfahrstuhl aus der Unterbühne, **Wotan** lässt **Siegmunds** Schwert tatsächlich zerspringen, **Hunding** erschlägt **Siegmund** erst mit einer Art Baseballschläger (wie in **Castorfs *Götterdämmerung***) und erledigt den Rest dann mit **Brünnhildes** Speer, denn die hat **Sieglinde** schon per Konzertflügel mit in den Keller genommen. Anrührend ist, wie Siegmund sich im Todeskampf in die Richtung von **Sieglindes** rotem Hausmantel schleppt, dort aber nicht mehr ankommt. Hunding stirbt, weil **Wotan* „Geh!“* sagt, und unfreiwillig komisch ist es, wenn **Hundings** Gefolge dann einer nach dem anderen auf **Wotans** Wink eine Platzpatrone in die Luft feuert und tot umfällt. Man hat schon effektvollere Statistenentsorgungen gesehen!

Wir wissen nach zwei Aufzügen eigentlich immer noch nicht, was das für Leute sind, in welcher Zeit, welchem Raum und welcher Gedankenwelt sie leben. Ob das nachzuholende **Rheingold** hier wirklich Klarheit schaffen wird? Soll das alles nur ironisch sein, weil es im Halbfertigen eines Theaters auf dem Theater verharrt? Ist **Wotan** nun ein Gott oder nur ein etwas öliger Klavierspieler? **Wotan** schaut recht teilnahmslos zu, wie sein Sohn (und im ersten Akt auch sein bislang einziger Enkel) getötet werden, wie er insgesamt emotionslos erscheint. Betrifft das, was wir erlebt haben, nur die Statisterie und das Publikum der **Deutschen Oper,** oder geht es um essentielle Weltprobleme? Warum müssen **Siegmund** und **Hunding** wirklich sterben? Dass Leute aus dem Klavier gekrochen kommen, sieht man derzeit in Bayreuth bei **Barrie Koskys *Meistersinger von Nürnberg,*** wo sie es allerdings nur während weniger Augenblicke im ersten Akt tun – und auch dort ist der Gag schnell verraucht. Nach dem zweiten Aufzug gab es Buhrufe, die wohl der Regie galten, und viele Bravos für das Sängerensemble.

**Die Walküre - hier - Nina Stemme ist Brünnhilde** youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Zum dritten Aufzug** erwartet man wie zuvor ein stummes Vorspiel auf dem Theater und ist dann umso überraschter, als bei eingeschaltetem Saallicht der Vorhang aufgeht. Da stehen die acht **Walküren,** blättern in den Noten, die auf dem Flügel aufgeschlagen liegen (das Bühnenbild hat sich nicht verändert), vor allem schwatzen sie mit den Kollegen von der Statisterie, die jetzt die toten Helden mimen sollen. Auf einmal setzt die Musik ein (die Walküren schwatzen noch etwas weiter, das irritierte Publikum teilweise auch), dann begeben sich alle rasch auf Position – die Walküren greifen zu Helm und Speer, wie sich das gehört, und die toten Helden stellen sich halt tot. Es wird viel mit den Speeren gefuchtelt, die einzelnen Texte der Walküren sind in dieser Umsetzung natürlich noch sinnloser als sonst, zumal alle bereits vor Ort sind. **Die Walküren** werfen ausgelassen mit stilisierten Heldenpuppen (das gab es in dieser Art auch schon in Freiburg in der Inszenierung **Frank Hilbrichs** zu sehen, dort allerdings interpretatorisch zu Ende gedacht). Über dem Bühnengeschehen geht fast verloren, dass dieses Stück im Orchester sehr effektvoll gespeilt und dass vom gesamten Walkürenensemble ganz exquisit gesungen wird.

Die toten Helden ihrerseits sind ziemlich untot und machen sich an die **Walküren** heran. Unter ihnen sind auch der Sohn **Hundings** und **Sieglindes** (w*ar bei Sieglindes Mord denn eine Walküre im Spiel?*) und, etwas im Hintergrund, der tote Siegmund selbst, der allerdings genauso agiert wie alle anderen Zombies und keine Reaktion zeigt, als Sieglinde auftritt – der Sohn hingegen schon. Der untote Sohn bedroht wie schon im ersten Aufzug seine Mutter mit dem Messer, und wie im ersten Aufzug weicht er auf ihr Zeichen stets zurück, aber was er in dieser Gesellschaft zu suchen hat, bleibt diffus. So sind neun Tote auf der Bühne, dazu neun **Walküren** und **Sieglinde** – es geht nicht auf, weder gedanklich noch mathematisch im Zahlenraum bis zehn. Da neun Herren auf der Bühne sind, muss wohl eine der **Walküren** noch jemand für **Brünnhilde** mitgenommen haben (wohl **Siegmund,** denn für den wäre sie zuständig gewesen). Ein kleiner Regieeinfall also mit vielen ungelösten Fragen dahinter, unnötig und inkonsequent.

**Brünnhilde** und **Sieglinde** fliehen nicht, das wäre auch nicht sinnvoll, denn **Wotan** steht schon längst auf der Bühne und schaut grimmig der ganzen Szene zu – auch diese abermalige Vorverlegung eines Auftritts in Einfall von zweifelhaftem Wert. Allenfalls mag Wotans Präsenz unterstreichen, dass **Sieglinde** ohne **Wotans** stillschweigende Duldung diesen Aufzug wohl kaum überleben würde. **Sieglinde,** schwanger von **Siegmund** und von der Aussicht auf Rettung beflügelt, singt „*oh hehrstes Wunder“*, von **Brünnhilde** lustvoll am Klavier begleitet (ans Klavier dürfen wohl nur Lichtalben, und **Brünnhilde** spielt weniger Klavier als **Wotan** und **Fricka**). Wer hier **Lise Davidsen** gehört hat, mag nur noch an künftige Isolden und Brünnhilden denken und ist glücklich, dass es solche Stimmen gibt. Dass **Sieglinde** vor sehr kurzer Zeit be**i Stefan Herheim** noch ein anderes eigenes Kind getötet hat, wäre hier vielleicht zu thematisieren, aber genau hier setzt die Auseinandersetzung mit diesem Regieeinfall aus, der nämlich nach vorne rechts abgeht und verschwunden bleibt. Solange die **Walküren** auf der Bühne sind, haben mal sie, mal die toten Helden die Speere in der Hand, dabei stets von **Wotan** per Handzeichen dirigiert, und irgendwann haben die toten Helden dann solche Lust auf ihre Wunschmädchen, dass sie sich gegen deren Wunsch auf sie stürzen, bis diese dann endlich im Nachthemd abgehen dürfen (die Herren der Statisterie räumen derweil liegengebliebene Kostümteile und Requisite zusammen, vielen Dank).

**Die Walküre - geniesst hier mit IOCO die Premiere der Walküre**youtube Trailer Deutsche Oper Berlin **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der Dialog **Wotans** und **Brünnhildes** bleibt dann wieder konventionell: **Wotan** steht, **Brünnhilde** kniet oder sitzt. Die Statisten mit den Trümmerfilmgesichtern kommen wieder dazu, um mit viel Geduld den ganz entscheidenden Argumenten zu lauschen, die Nina Stemme in mustergültiger Diktion quer durch alle Lagen textverständlich darlegt, während John Lundgren nun auch zu einer klaren Deklamation gefunden hat und sich in seiner Abschiedsszene noch einmal steigert. Zum *‚Feuerzauber‘* wird ein Tuch geschwenkt, ein bisschen Projektion, das war’s. Die gezackten weißen Laken, auf die das Feuer projiziert wird, nehmen übrigens die Zeichnung von **Böcklins *Toteninsel*** noch einmal auf. **Wotan** fährt auf einer Art Kran einmal nach oben (wie be**i La Fura dels Baus** 2007 in Valencia) und wieder abwärts, dann noch einmal auf die Höhe des geöffneten Konzertflügeldeckels, und in dem sehen wir zu grandiosen Musik **Sieglinde** im Kindbett, assistiert von einem Männlein (**Mime?**) im Wagner-Outfit mit Samtbarett und großer Hakennase. Als das Kindlein da ist, wird die Nabelschnur mit ***Nothungs*** Trümmern durchschnitten, dann nimmt der Mann Sieglinde das Kind weg, und erst da stirbt sie (warum und woran eigentlich?). **Wotan** sieht, was **Sieglinde** widerfährt, es scheint ihn aber auch nicht hier sonderlich zu berühren. Was er daraus macht – da müssen wir bis zur Premiere des Siegfried Geduld haben. Stefan Herheim scheint eine Neigung zu Livegeburten in Instrumentalpassagen zu haben, in seinem Bayreuthe**r Parsifal** sah man im Vorspiel Herzeleide zu As-Dur und c-Moll niederkommen, damals assistiert von Gurnemanz. Plastikbabys oder -föten in der Schlussszene gab es auch schon in der Lohengrindeutung (dem manchmal so genannten „*Rattengrin“*) von **Hans Neuenfels** zu sehen (Bayreuth 2010).

Die Antike kannte die literarische Gattung des Cento – ein Gedicht, bestehend aus Versatzstücken anderer Gedichte, ein Neuarrangement von Bekanntem zu Neuem also. Was **Stefan Herheim** an der **Deutschen Oper Berlin** zeigt, ist ein Amalgam aus guten oder weniger guten Einfällen, die meist anderswo auch schon zu sehen waren. Das noch ausstehende **Rheingold** wird vielleicht erklären, wozu man Koffer auf der Bühne braucht (und warum diese teilweise in die Luft schweben können). Was diese **Walküre** nicht zeigt, ist das Verhältnis der Figuren untereinander, die existenziellen Konflikte, die man eigentlich nur **Sieglinde** im ersten Akt abnimmt, was natürlich auch der phänomenalen Leistung der **Lise Davidsen** geschuldet ist. Was **Wotan** damit zu tun hat, warum *sic*h **Fricka** einmischt, was dieses **Walhall** genau ist, der Konflikt von Macht und Liebe, die ungeheure Tragik, die am Ende den Tod des Liebespaars **Siegmund** und **Sieglinde,** das Ende der innigen Beziehung von **Wotan** und **Brünnhilde** und ihr Abschied auf immer, wohl auch das Ende der Kommunikation zwischen **Wotan** und **Fricka** und für **Wotan** das Ende aller Pläne, Träume und Visionen bedeutet – das endet in seichter, billiger Ironie. Dass **Wagner** das Stück in der Liebestonart *E-Dur* enden lässt, verpufft auf der Bühne wie vieles andere auch. Ob diese Inszenierung wie ihre Vorgängerin über 30 Jahre hinweg vor stets ausverkauftem Haus zu sehen sein wird, erscheint nach diesem Einstand doch höchst fraglich.

**Die Walküre** an der **Deutsche Oper Berlin;** die weiteren Termine 11.10.; 13.11.; 15.11.2020 und mehr

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