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# Berlin, Deutsche Oper Berlin, Adriana Lecouvreur konzertant - mit Anna Netrebko, IOCO Kritik, 07.09.2019
- URL: https://www.ioco.de/berlin-deutsche-oper-adriana-lecouvreur-konzertant-mit-anna-netrebko-ioco-kritik-07-09-2019/
- Published: 2019-09-07T07:00:25.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:06.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Oper & Operette, Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Berlin

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[Deutsche Oper Berlin](http://www.deutscheoperberlin.de/?ref=ioco.de)

![Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/deutsche_oper_berlin_c_leo_seidel_588.jpg)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

# ***ADRIANA LECOUVREUR* konzertant - Francesco Cilea (1866–1950)**

## **Anna Netrebko - Eine Diva ist eine Diva ist eine Diva**

von **Kerstin Schweiger**

**Adrienne Lecouvreur** betritt die Bühne und das Publikum liegt ihr spätestens nach den ersten Tönen zu Füßen. Die Darstellerin von **Adrienne Lecouvreur** steht hoch in der Gunst des Publikums und erobert ihre Zuhörer im Handstreich.

***Besprochene Vorstellung - 4\. September 2019***

So mag es sich um 1717 in der wenige Jahrzehnte zuvor gegründeten **Comédie Francaise** in Paris zugetragen haben, als die junge **Adrienne Lecouvreur,** Tochter einer Wäscherin und eines Hutmachers, dort in den Dramen des französischen Hofdichters **Jean Racine** auftrat und höchste Anerkennung und Zuneigung für ihren damals neuen unpathetischen Darstellungsstil erhielt.

So mag es 1913 gewesen sein, als die große französische Tragödin **Sarah Bernhardt** für ihre Darstellung der historischen Figur **Adrienne Lecouvreur** (nach dem Drama von **Eugène Scribe**) in einem Stummfilm gefeiert wurde.

Und so ist es in 2019, wenn **Anna Netrebko** die Bühne der **Deutschen Oper Berlin** betritt und mit großer Geste, tiefer Sprechstimme und einem Buch in der Hand eine Theaterrolle memorierend die erste Arie der **Adriana** beginnt. Auf drei Erlebnis-Ebenen vollzieht sich dabei das gleiche Bild und gibt den perfekten Rahmen für diese Aufführung.

![Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/adrianalecouvreur81_hfcorbellinetrebkoneu-1.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Adria Lecouvreur hier Alessandro Corbelli und Anna Netrebko © Bettina Stöß

## **Anna Netrebko - Sie kam, sah und - sang!**

Presse und Fans hatten bis kurz vor der ersten von zwei konzertanten Aufführungen von **Francesco Cileas** Operndrama ***Adriana Lecouvreur*** an der **Deutschen Oper Berlin** spekuliert, ob Sopran-Superstar **Anna Netrebko** tatsächlich nach Berlin kommen und die Titelpartie singen würde. Hatte die Sängerin doch im vergangenen Sommer mehrfach Aufführungen, u.a. auch eine von drei konzertanten Aufführungen bei den Salzburger Festspielen abgesagt. Doch sie kam sah und - sang!

**Francesco Cilea** (1866–1950) galt neben Puccini als ein möglicher Nachfolger in der Verdi-Tradition. ***Adriana Lecouvreur*** ist sein bis heute bekanntestes Werk mit zwei populären großen Sopran-Arien („*Ecco … Io son l'umile ancella*“ und *„Poveri fiori“*). Nicht zuletzt die lyrischen, virtuosen Gesangspartien machen das Stück bis heute zu einem wiederkehrenden Klassiker der Opernliteratur. Selbst **Giuseppe Verdi** soll mit dem Gedanken gespielt haben, ein Musikwerk über die Schauspielerin zu schreiben. Denn der Diven-Kult zieht. Gilt doch Titelpartie der Adriana gilt als Meisterstück jeder großen Sopranistin. Und so hat sich **Netrebko** in den vergangenen Jahren auf großen Bühnen der Welt in berührenden Interpretationen der ***Adriana*** zueigen gemacht. Szenisch in der Metropolitan Opera in New York und an der Wiener Staatsoper, konzertant erst vor wenigen Wochen bei den Salzburger Festspielen.

Das unübersichtliche Eifersuchtsdrama (nach einer Vorlage von Eugène Scribe, der es 1849 in einem Theaterstück über ***Adrienne Lecouvreur*** dramatisierte), in dem Veilchen mit Nebenwirkungen eine Rolle spielen, und das sich auf die historische Figur der französischen Schauspielerin ***Adrienne Lecouvreur*** bezieht, die ab 1717 an der Comédie Française in Paris ein gefeierter Star war, endet für die Titelheldin jedenfalls tödlich. **Adrienne** und die **Fürstin von Bouillon** sind beide in den **Grafen Moritz von Sachsen** verliebt. Am Ende stirbt **Adrienne,** mutmaßlich durch einen giftigen Veilchenstrauß der Nebenbuhlerin, nachdem ***Moritz*** sich zu ihr bekannt hat.

Es scheint richtig, das Stück konzertant anzusetzen, **Cileas** farbige, emotionale Musik eignet sich bestens für den dramatischen Gestus, bei dem **Anna Netrebko** darstellerisch aus dem Vollen schöpft, auch ohne Bühnenbild, Kostüme und eine Inszenierung. Die Theater-auf-dem-Theater-Thematik der Oper lässt die Partie der ***Adriana*** zu einer Paraderolle für **Anna Netrebko** werden. Und die macht sie sich von Beginn an zu eigen. Wie es zur Zeit der echten ***Lecouvreur*** am Theater Usus war, sorgte sie auch für pompöse Kostüme.

![Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur - hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/adrianalecouvreur181_hfrowanhuangnetrebkoborovkoakhmetshinaneu.jpg)

Deutsche Oper Berlin / Adriana Lecouvreur - hier : Padraic Rowan, Ya-Chung Huang, Anna Netrebko, Vlad Borovko, Aigul Akhmetshina und Orchester © Bettina Stöß

In einem fließenden grünen Gewand (es folgen im Laufe des Abends ein orangefarbenes glitzerndes und ein schlichtes schwarzes) schreitet **Netrebko** zur Tat, mit der ersten Arie *„Io son l’umile ancella“* als bescheidene Dienerin der Kunst, wie es im Stück heißt, setzt sie den Maßstab für alles Kommende. Voll, tief in der Mittellage und dunkelst gefärbt, führt sie die Stimme mühelos in die Höhe, vom Fortissimo ins Pianissimo und zurück. Stimmlich und darstellerisch zieht sie alle Register, deklamiert, gestikuliert, gibt pantomimisch eine große Theaterszene im Hintergrund und räumt sogar dabei einmal ein Notenpult der Kollegen beiseite, wenn es das dramatische Schreiten entlang der Rampe stört.

An ihrer Seite wirft sich **Yusif Eyvazov** als ***Moritz von Sachsen,*** darstellerisch empathisch, mit Spannung und Verve in die Rolle. Er tritt in große Fußstapfen, was die Erwartungen des Publikums betrifft. In der Uraufführung 1902 in Mailand sang **Enrico Caruso** die Partie, seine Interpretation war maßgeblich für den Erfolg der Oper. Stimmlich hat er keine Mühe, die geforderten Höhen zu erreichen, seine große Arie *"L'anima ho stanca"* klingt makellos.

Doch auch **Adrianas** Mezzo-Gegenpart in Gestalt der **Fürstin von Bouillon** ist eine musikalisch dankbare Partie. **Olesya Petrova** ist gestalterisch viel feiner als **Netrebko,** mit vollem Mezzo-Sopran zeichnet sie musikalisch und gestisch ein differenziertes Bild der zwischen Rache, Liebe und Besorgnis schwankenden **Fürstin von Bouillon**. Ihr zur Seite eine der Entdeckungen des Abends: **Patrick Guetti** verströmt als **Fürst von Bouillon** eine so profunde wie warme und elegante Baßstimme, dass es eine Freude ist, ihn in den Ensembles herauszuhören.

Das Konzertzimmer der **Deutschen Oper** ist ein starker Resonanzraum, so gerät der gesamte Abend ein bisschen zu sehr auf die Fortissimo-Ebene, was schade ist, denn das Stück hat viele Parlando-Stellen, schnelle gesungene Dialoge mit Witz und Esprit. **Michelangelo Mazza** und das Orchester der **Deutschen Oper Berlin** gestalten die Tonsprache **Cileas,** die neben einem großen wiederkehrenden Schicksalsmotiv filmmusikhafte Anklänge fast vorwegnimmt, sehr farbenreich und emotional. Das Orchester läuft in langen Passagen zu voller Phonstärke auf. **Netrebko** und **Eyvazov** halten mühelos mit.

Aus dem spielfreudigen Ensemble ist **Alessandro Corbelli**  als treu ergebener Inspizient **Michonnet Adriana** ein anrührender Begleiter mit stimmlicher Noblesse. Ein großsprecherischer **Abate di Chazeuil** mit textlichem Biss ist **Burkhard Ulrich.** Ein exzellentes Quartett frischer, gewandter Stimmen bieten als Theaterkollegen der großen ***Lecouvreur,* Aigul Akhmetshina *(Mademoiselle Dangeville)*, Vlada Borovko *(Mademoiselle Jouvenot)*** und **Ya-Chung Huang *(Poisson*** *)* sowie **Padraic Rowan** (**Quinault**). Der Chor der **Deutschen Oper Berlin** ist nur an wenigen Stellen, dort jedoch stimmgewaltig in die Aufführung eingebunden.

*Nachdem *Adriana* in einer letzten dramatischen Szene einen melodischen Bühnentod gestorben ist, rufen die Fans in der *Deutschen Oper* einer der derzeitig bewundertsten Sängerinnen der Welt lautstark ihre Verehrung entgegen. Publikum und Akteure baden gleichermaßen im anhaltenden Schlussapplaus: jenseits und diesseits der Rampe schwingen Seelen im Gleichklang. Friede, Opernfreude, Einigkeit auf der Deutungsebene: so darf Oper auch mal sein.*

\---| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |---