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# Berlin, Berliner Ensemble, DIE DREIGROSCHENOPER - Kurt Weill, IOCO Kritik, 08.01.2023
- URL: https://www.ioco.de/berlin-berliner-ensemble-die-dreigroschenoper-bertolt-brecht-ioco-kritik-08-01-2023/
- Published: 2023-01-08T09:55:04.000Z
- Updated: 2023-09-06T13:12:17.000Z
- Author: Peter Michael Peters
- Tags: Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Oper & Operette, Berlin

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![Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2013/06/berliner-ensemble-haus-berlin-c-berliner-ensemble.jpg "Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble")

Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble

[Berliner Ensemble](http://www.berliner-ensemble.de/?ref=ioco.de "Berliner Ensemble") 

## ***DIE DREIGROSCHENOPER (1928)* \- Kurt Weill, Bertolt Brecht**

#### **\- DREI GROSCHEN… UND EIN WELTVERMÖGEN ! -**

von **Peter Michael Peters**

- ***Da ist nun einer schon der Satan selberDer Metzger: er! Und alle anderen Kälber!Der frechste Hund! Der schlimmste Hurentreiber!Wer kocht ihn ab, der alle abkocht? Weiber!Das fragt nicht, ob er will – er ist bereit.Das ist die sexuelle Hörigkeit.Der glaubt nicht an die Bibel, nicht ans BGB.Er meint, er ist der größte Egoist.Weiß, daß wer’n Weib sieht, schon verschoben ist.Und läßt kein Weib in seine Näh:Er soll den Tag nicht vor dem Abend lobenDenn bevor es Nacht wird, liegt er wieder droben.***(Auszug aus **Die Ballade der sexuellen Hörigkeit**)

#### ***Die Geburt einer Gattung…***

Die Geschichte der ***Dreigroschen Oper*** beginnt am 29\. Januar 1728 im **Royal Lincoln’s Inn Fields** **Theatre** in London, wo **John Gay** (1685-1732) und **Johann Christoph Pepusch** (1667-1752), ein Komponist deutscher Herkunft, ihr gemeinsames Werk präsentieren: ***The Beggar’s Opera***. Es ist ein satirisches Musiktheater, eine Art Kabarett-Spektakel in Form einer Oper, die auf eine Reihe von gesellschaftlichen und künstlerischen Ereignissen ihre Ironie abschießt , darunter natürlich auch die italienische Oper. Inspiriert wurde **Gay** durch den Fall **Jack Sheppard** (1702-1724), im Stück ***Macheath*** *„Staatsfeind Nummer 1“*, verraten von einem Rivalen aus dem Londoner *„Milieu“*, einem gewissen **Jonathan Wild** (1683-1725) im Stück ***Mr.*** ***Peachum***, der schon Objekt eines Lustspiels war.

Nach der Ablehnung von **Colley Cibber** (1671-1757), Schwiegervater der berühmten Schauspielerin und Sängerin **Susannah Cibber** (1714-1766), Regisseur des **Drury Lane Theatre**, landete das Stück in die Hände von **John Rich** (1692-1751), der damals für die Bühne des **Lincoln’s Inn Fields** **Theatre** verantwortlich war, der aber jedoch sechs Jahre später auch **Georg Friedrich Händel** (1685-1759) im **Covent Garden** spielte. Bestehend aus einer Ouvertüre, wahrscheinlich aus der Feder von **Pepusch**, populären Arien verschiedener Herkunft, daher der heute gebräuchliche Begriff *„Balladen-Oper“*, nach dem Vorbild der Lustspiele, die z. B. in den Pariser Vororten gespielt wurden, war das Werk mit mehr als sechzig Repräsentationen ein sehr großer Erfolg. Obwohl die Handlung – durch die Charaktere von ***Polly*** ***Peachum*** und ***Lucy Brown*** – der berühmte Krieg der gekreppten Haarknoten zwischen **Francesca Cuzzoni** (1700-1778) und **Faustina Bordini** (1697-1781), zwei rivalisierenden **Händel**\-Primadonnen, parodiert wurde, zielt **Gay** nicht besonders auf **Händel** (für den er das Libretto von ***Acis and Galatea*** *,* 1718 geschrieben hatte) noch auf die italienische Oper im Allgemeinen ab. Sogar zwei große Stars des **Händel**\-Gesangs, die bereits erwähnte Sopranistin **Cibber** und der berühmte Tenor **John Beard** (1716-1791) nahmen später an den Wiederaufführungen teil und sangen ***Polly*** ***Peachum*** bzw. ***Macheath***. ***The Beggar’s*** ***Opera*** löste eine Welle von *„Balladen-Opern“* in England aus, deren Tradition bis ins 20\. Jahrhundert andauerte. Sie wurden regelmäßig in aktualisierten Version wiederbelebt und hatten wohl ihre berühmteste *„Restaurierung“* mit **Benjamin Britten** (1913-1976) durchlaufen, der für die **English Opera Group** im Jahre 1948 eine Version kreierte. Die auch gleichzeitig für andere Wiederbelebungen sorgte und somit auch von vielen anderen Adaptern nachgeahmt wurde.

![Bertolt Brecht vor dem BE © IOCO RM](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/01/bertolt-brecht-foto-rainer-maassneuneu20.jpg)

Bertolt Brecht vor dem BE © IOCO RM

**Bertolt Brecht** (1898-1956) entdeckte dieses Monument des Volkstheaters 1927, als eine neue Londoner Produktion im **Lyric Theatre Hammersmith** spielte und gleichzeitig an seine Existenz erinnerte. **Brecht** vertraute dann die Übersetzung **Elisabeth Hauptmann** (1897-1973) an, leider ist dieser Text im zweiten Weltkrieg verloren gegangen, somit können wir nicht beurteilen, inwieweit sie an dem endgültigen Libretto teilnahm. Während jedoch die **Edition Schott** die Idee hatte, **Paul Hindemith** (1895-1963) eine musikalische Adaption vorzuschlagen, der aber das Angebot ablehnte. Da schlug der Direktor des neuen **Theater am Schiffbauerdamm,** Berlin, **Ernst Josef Aufricht** (1898-1971), **Brecht** vor, sein neues Stück als Theater-Eröffnung zu konzipieren. Die Musik vertraute **Brecht** dem schon berühmten **Kurt Weill** (1900-1950) an, deren avantgardistischer Name bei **Aufricht** Panik auslöste, die sich aber schnell verflüchtigte, als die ersten Songs eintrafen. Der berühmteste aller Songs ***Die*** ***Moritat von Mackie Messer*** wurde zwischen einer wichtigen Probe geboren, wie auch der endgültige Titel erst eine Woche vor der Premiere erfunden wurde. Diese Produktion in einer mittlerweile legendären Szenografie von **Casper Neher** (1897-1962), erweckte beim Publikum eine unbestreitbare Begeisterung. Wir zitieren den berühmten Satz von **Theodor W. Adorno** (1903-1969), Philosoph und Musiker, der erklärte: *„Hier ist* *Gebrauchsmusik, die verwendet werden kann!“* Während sich alle in Berlin an die Kassen drängten und 350 Vorstellungen bis Ende 1930 sicherstellten, war es wohl der größte Theatererfolg der **Weimarer Republik**. Das Werk wurde ab 1929 in Frankfurt, Hamburg, München, Leipzig, Prag, Wien und in Warschau in einer mittlerweile schon klassischen Übersetzung von zwei Dichtern: **Bruno Winawer** (1883-1944) und **Wladyslaw Broniewski** (1897-1962) gespielt. Desgleichen in Paris in der Übersetzung von **Ninon Steinhoff** (1895-1959) und **André de Mauprey** (1881-1939) und auch in Mailand und Moskau, usw.

 **Wie ein Chamäleon: Nico Holonics ist Mackie Messer | Szenen des Berliner Ensemble**youtube Berliner Ensemble **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

**Kurt Weill** verfährt in seiner Partitur mit einer Mischung aus barocken Elementen, abgedroschenen Formeln der Unterhaltungsmusik, Balladen- und Klangformen. Dies durch die Verwendung neuer rhythmischer Prozesse, die der modischen Tänze: Foxtrott, Tango, Shimmy, Boston, Harmonien und Melodien, aber auch mit dem Ziel der Einfachheit und Vereinheitlichung durch diese Mischung aus Farce und Strenge, die man im Theater aller Zeiten und aller Kulturen wieder findet. Eine brillante und scheinbar einfache Mischung – *„Ein Stück mit Musik“* \-, bewusst für singende Schauspieler gedacht, deren wechselnde Reflexionen trotz oder gerade wegen des sofortigen Erfolges zu einer ambivalenten Rezeption geführt haben. Ein Jahr nach der Berliner Uraufführung war die Marke von viertausend Vorstellungen in mehr als fünfzig Theatern überschritten. Vier Jahre später waren es zehntausend in nicht weniger als achtzehn verschiedenen Sprachen! Bis 1933 gab es mehr als 130 europäische Produktionen! Die amerikanische Produktion im **Empire Theatre New York** ebenfalls 1933 brach wegen der Wirtschaftskrise zusammen, während sich Paris im Jahre 1937 eine neue Produktion im **Théâtre de l’Etoile** gönnte. Mit dem großen Star **Yvette Guilbert** (1865-1944) als ***Mrs.*** ***Peachum***, die zusätzlich zwei Songs von **Weill** komponiert bekam. Im Nazi-Deutschland verboten: Die ***Dreigroschenoper*** wird einen besonderen Platz in der Ausstellung *„Entartete Musik“* von 1937 haben. Es gibt drei gefilmte Versionen von der ***Dreigroschenoper***, die erste 1931 von **Georg Wilhelm** **Pabst** (1885-1967) mit **Lenya**, die von **Helmut Käutner** (1908-1980) und **Wolfgang Staudte** (1906-1984) mit **Curd Jürgens** (1915-1982) und **Hildegard Knef** (1925-2002) im Jahre 1962 und die von **Menahem Golan** (1929-2014) ***Mack the Knife***, 1989 mit **Julia** **Migenes** (\*1949).

Sie hat auch zwei Interpretations-Strömungen von unterschiedlicher Bedeutung hervorgebracht: Die erste und beständigste ist wohl die des Musiktheaters, die im Gefolge der ersten Berliner Produktion dokumentiert wurde: Die deutsche Schallplattenfirma **Ultraphon** nahm 1930 große Ausschnitte mit den unvergesslichen ersten Interpreten: **Lotte Lenya** (1898-1981), **Kurt Gerron** (1897-1944), **Erika** **Helmke** (1906-2002), **Erich Ponto** (1884-1957)…, einschließlich dem Dirigenten **Theo Mackeben** (1807-1953) und der **Lewis Ruth Band**. Der rhythmische Akzent, der deklamatorische Sinn, die Präzision der Worte sind es, die das aktuelle **Berliner Ensemble** noch heute mit einer unvergleichlichen Kunst beibehält. Dieser Berliner Charakter prägte sich auch äußerst identisch in den einmaligen großen Interpretationen von **Harald Paulsen** (1895-1954), **Homocord**, 1928 und **Carola** **Neher** (1900-1942), **Orchestrola**, 1929\. Es wird noch verschlimmert im positiven Sinne, indem **Brecht** persönlich ***Die*** ***Moritat von Mackie-Messer*** und das ***Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens*** singt mit seinem eigentümlichen unterstrichenen **„R“**, fast trillernd, typisch für die süddeutsche Tradition von Klagesängern, den Moritatensängers, **Orchestrola**, 1929\. **Ultraphone** gravierte ebenfalls 1930 ein interessantes Tondokument, mit Auszügen der Pariser Uraufführung in der französischen Version mit **Albert Préjean** (1894-1979), **Jacques Henley** (1884-1951) und der deutsch-französischen Sängerin **Margo Lion** (1899-1989). Es zeigt wie sehr das Genie der Sprache den Text und die Musik jedes Mal mit einer anderen Nuance färbt: Auch **Damia** (1889-1978), **Lys Gauty** (1900-1994), **Odette Florelle** (1898-1974), **Marianne Oswald** (1901-1985), **Guilbert** sagen sie es genauso und doch ganz anders! Die zweite Strömung, eine Minderheit verteilt dort eher Opernsänger, was **Weill** *de facto* eine ordentliche musikalische Präsenz verleiht und die theatralische Interpretation manchmal eher in den Hintergrund drängt, den Musiker vom Autor entfremdet. Auch wenn es seine Berechtigung hat: Das Duett der Eifersucht und die Arie der ***Lucy*** ***Brown*** zum Beispiel sind Opernparodien, die aber flexible und trainierte Stimmen erfordern. Die Chance des Kalenders hat diese Option im Juni 2009 nach Paris gebracht und weit vorangetrieben, indem sie im Konzert ***Die Dreigroschenoper*** an authentischen lyrischen Stimmen anvertraut hatte: **Dorothea Röschmann**, **Angelika Kirchschlager**, **Ian Bostridge**, **HK Gruber** als ***Peachum***, der auch den Taktstock des Dirigenten innehatte und der auch die Garantie für eine Kabarett-Atmosphäre darstellte. Aber leider auf (s)einer zu starken wienerischen Seite! Dies sind also die Pariser Inkarnationen eines Meisterwerks, dessen authentische Popularität unverhältnismäßig zu dem geworden ist, was sich seine Autoren zweifellos nicht vorgestellt hatten. Das aus der Tatsache abgeleitet wird, dass die Musik-Gattungen, die später auftauchten oder sich verzweigten und (Jazz, Rock, Varieté, Schlager…) schamlos seine berühmtesten Songs ohne Hemmungen veränderte und kommerziell ausnutzte. Oft verfälschte man ohne Scham die Original-Musik in exotische instrumentale Arrangements oder in andere musikalische Plattitüden, die noch zu Lebzeiten von **Weill** und **Brecht** initiiert wurden. Aus dieser Sicht ist das Schicksal der ***Dreigroschenoper*** und ***The Beggar’s Opera*** seltsam parallel! Leider muss man sagen, selbst auch **Brecht** zögerte nicht seinen Text für gewisse Umstände zu ändern oder anzupassen und das ohne jegliche Einwilligung von **Weill**. Die kritische Partition der neuen **Weill** **Edition** wurde erst 1999 (**RCA**) aufgezeichnet. Es setzt die umfangreichere Besetzung von Holz, Blechblässer, Schlagzeug, Harmonium, Klavier, Celesta, Banjo, Hawaii-Gitarre, Bandoneon, Cello und Kontrabass: 23 Instrumente, gespielt von 15 Musikern… das heißt also das Doppelte der Musiker, wie die am Abend der Premiere. Wie **Stephen Hinton** (\*1974) betont, einer der wichtigsten **Weill**\-Kenner: *„Die Partition dokumentiert nicht getreu die Produktion vom *Theater am* *Schiffbauerdamm*… (…), sondern sie wurde entwickelt, um darüber hinauszugehen! Das Werk ist nicht gleichbedeutend mit der ersten Aufführung“.* Das verhinderte jedoch nichts! Nachdem sie aufgrund der Launen der Geschichte und dann auch der modernen ästhetischen Dogmen der 1950er Jahre fast untergegangen war, kehrte ***Die Dreigroschenoper*** ins Repertoire zurück, um es niemals mehr zu verlassen.

![Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Bettina Hopper (Jenny) und Nico Holonics (Macheath) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/01/gr-5-neu.jpg)

Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Bettina Hopper (Jenny) und Nico Holonics (Macheath) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz

Diese Wiederbelebung ist besonders drei Produktionen zu verdanken, die selbst in die Geschichte eingegangen sind: Die vom **Theatre de Lys** **New York**, 1954, in einer englischen Übersetzung des Komponisten **Marc Blitzstein** (1905-1964) mit freundlicher Unterstützung von **Lenya** und **Weill**. Außerdem die paradoxerweise sehr späte englische Uraufführung im **Royal Court Theatre London**, 1956 und natürlich besonders die Inszenierung von dem großen italienischen Regisseur **Giorgio Strehler** (1921-1997) mit der hinreißenden und unvergesslichen **Milva** (1939-2021) am **Piccolo Teatro Milano**, 1956\. Seitdem gab es unzählige Lesungen und Wiederaufnahmen! Selbst die Sänger zu erwähnen, die sich seit dem Tode von **Weill** und **Brecht** für ***Die Dreigroschenoper*** interessiert haben, wendet sich fast dem Inventar eines **Jacques Prévert** (1900-1977) zu, es gab schon viele von ihnen in den 1930er Jahren, ganz zu schweigen von den vielen Jazz-Formationen und Tanz-Ensembles: **Gisela May** (1924-2016), **Sylvia Anders** (\*1943), **Ute Lemper** (\*1963), **Ingrid Caven** (\*1938), **Nina Hagen** (\*1955), **Max Raabe** (\*1962), **HK Gruber** in Deutschland und Österreich; **Cora Vaucaire** (1918-2011), **Catherine Sauvage** (1929-1998), **Juliette Gréco** (1927-2020), **Boris Vian** (1920-1959), **Léo Ferré** (1916-1993) in Frankreich; **Ella Fitzgerald** (1917-1996), **Louis Armstrong** (1901-1971), **Migenes**, **Theresa Stratas** (\*1938), **Angelina Réaux** (\*1959), **Lou Reed** (1942-2013), **Nick Cave** (\*1957) in den USA, Kanada und Australien; **David Bowie** (1947-2016), **Marianne Faithfull** (\*1946), **Sting** (\*1951), **Elvis Costello** (\*1954) in England. Eine nicht erschöpfende Liste! Sogar einer der führenden Schriftsteller der Beat Generation **William Seward** **Burroughs** (1914-1997) wagte sich dort hin… So ist also ***Die Dreigroschenoper*** ein offenes Werk im ewigen Werden ? Besser noch: Ein zeitloser Spiegel, den unsere Epoche in der großen Unkultur politischer Eliten und gesellschaftlicher Bewusstlosigkeit und dass besonders bei finanziellen Verwerfungen gut zu hören ist. Aber besser noch zu sehen! Absolut! Zweimal zu sehen!

![Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Cynthia Micas (Polly), Constance Becker (Mrs. Peachum), Tilo N'est (Mr. Peachum) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/01/3-gr-6-neu.jpg)

Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Cynthia Micas (Polly), Constance Becker (Mrs. Peachum), Tilo N'est (Mr. Peachum) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz

#### ***DIE DREIGROSCHENOPER - 27\. Dezember 2022 - Berliner Ensemble***

 ***Der Groschen, der schon abgegriffen ist…***

Eine neue äußerst freche und pikante Berliner Version der ***Dreigroschenoper*** an dem Theater ihrer Welturaufführung inszeniert von dem australischen Regisseur **Barrie Kosky**. Absolut! Das Werk wurde hier 1928 mit einem einmaligen Riesenerfolg zum ersten Mal gespielt.

*„Ich bitte hier nicht um eine Oper“*, sagt der berüchtigte Verbrecher ***Macheath*** bei seiner Hochzeit und das schon früh in einem Werk, das zufällig ***Die Dreigroschenoper*** heisst. **Koskys** eindringliche Neuinszenierung von **Weills** und **Brechts** berühmten *„Spiel mit Musik“* für das **Berliner Ensemble**: ***Macheath*** greift dann auf der Suche nach hochzeitlicher Unterhaltung in den Orchestergraben und stiehlt ***Die Dreigroschenoper***\-Partitur vom Dirigentenpult, während er den großen Hit der Show ***Mack the*** ***Knife*** summt und gleichzeitig die Partitur-Seite zerreißt, um dann die Papierfetzen in einen Metalleimer zu werfen und anzuzünden.

Die Zeile *„Ich bitte hier nicht um eine Oper“* stammt aus den 20er Jahren, aber **Weill** und **Brecht** haben das nie geschrieben, ebenso wenig wie ihre wesentliche Mitarbeiterin **Elisabeth Hauptmann**, die mit dieser Produktion nach Jahrzehnten der Vernachlässigung endlich ihren gebührenden Platz bekommt. Doch diese ironische Geste gegenüber einer Kunstform wäre ihnen sicherlich nicht fremd, denn es ist nur eine subtile literarische Hommage in Form einer Textergänzung von **Kosky** selbst und gleichzeitig auch eine lodernde Unabhängigkeits-Erklärung des schöpferischen Menschen im Allgemeinen. Es ist ein Moment zusammen mit vielen anderen in **Koskys** Produktion, die das Sprichwort verkörpert: Regeln zu kennen und sie auch zu brechen!

**Kosky** versteht das Werk äußerst klar: Die Gesellschaftskritik, die sich durch den krassen Text von **Brecht** und **Hauptmann** zieht. Die Art und Weise wie **Weills** Ohrwurm-Melodien diese Ideen in unserem Kopf verankert und dass in einer sehr starken Spannung zwischen dem Wort und der Musik: ***Die*** ***Dreigroschenoper***! Es fordert uns ohne Umschweife auf, sich emotional zu verbinden, während wir ständig an ein feuriges Theater-Feuerwerk erinnert werden!

Er scheint auch zu wissen, dass ***Die Dreigroschenoper*** letztendlich ein Problemstück ist! Es mag das bestimmende Kunstwerk des Berlins der Weimarer Zeit, aber meistens sorgt es auch für eine weniger freudvolle Nacht im Theater. Seine schwindelerregenden Schichten von Satire und Stil neigen dazu, Regisseure zu überwältigen, die die Geschichte fast mit einem lächerlichen Wikipedia-Verständnis erarbeiten: Mit bösartigen Affekten und auch besonders didaktisch auf der vollen Strecke liegen bleiben. Die schlechtesten Produktionen streben nach einem düsteren und vom Sex berauschten Berlin, wie z. B. in **Sam Mendes** (\*1965) -Film-Version des Musicals ***Cabaret*** (1993).

Aber ***Die Dreigroschenoper*** ist nicht, wie **Kosky** in einem Interview sagte: *„*Cabaret* mit ein wenig Intellektualismus!“* Tatsächlich war es im Wesentlichen das Berlin der 1920er Jahre – eine zeitgemäße Geschichte, die trotz der Kulisse der Londoner kriminellen Unterwelt im 19\. Jahrhundert zu einem Phänomen der Popkultur wurde, das als ***Dreigroschen***\-Fieber bekannt ist – aber das Vermächtnis ***Der Dreigroschenoper*** ist wesentlich reicher und weiter verbreitet als das Pop-Phänomen. Besonders in den 1950er Jahren, als eine Produktion in den Vereinigten Staaten von Amerika mit einer langjährigen Adaption des Komponisten **Blitzstein** viel Erfolg hatte.

Cover-Versionen von ***Mack the Knife*** waren im Überfluss vorhanden und sorgten für eine der größten Live-Aufnahmen von **Fitzgerald**. Die poetischen Texte von **Brecht** beeinflussten **Bob Dylan** (\*1941), die Künstlerin **Nan Goldin** (\*1953) nannte ihre Foto-Sammlung ***Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit*** nach einem der Songs aus dem Werk. Und die meta-theatralischen Mittel von der ***Dreigroschenoper*** ist lebendig und gesund: In **Leos Caraxs** (\*1960) letztem Film ***Anette*** (2021) passen Emotion und Kunstfertigkeit eng zusammen in einer bewussten Spannung, die man auf **Brecht** und **Weill** zurückführen könnte.

Trotzdem hängt die Vitalität von der ***Dreigroschenoper*** durch Interventionen und Anpassungen ab. Es sollte niemals, wie es allzu oft der Fall war, als Museumsstück aufgeführt werden. Und **Kosky** behandelt es nie als eins! Stattdessen addiert und subtrahiert er und haucht auch einem Werk neues Leben ein, das es dringend brauchte. Er legt die Exzesse vom 1\. Akt ab und eliminiert beispielsweise ganze Charaktere, um eine erkennbare, aber frisch präsentierte Geschichte zu enthüllen, die sich auf das grundlegendste aller menschlichen Dramen konzentriert: Die Liebe!

![Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Nico Holonics (Macheath) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/wp-content/uploads/2023/01/3-gr-7-neu.jpg)

Berliner Ensemble / Die Dreigroschenoper hier Nico Holonics (Macheath) © Joerg Brueggemann / Ostkreuz

Der Kapitalismus und **Brechts** vernichtende Anklage gegen ihn schwebt immer noch über dem Stück, aber indirekter als eine heimtückische Kraft hinter Beziehungen, die sie schlüpfrig und unzuverlässig macht. Nach Ansicht von **Kosky** nährt und vereitelt es auch ***Macheaths*** pathologisches Bedürfnis, unbedingt geliebt zu werden, sei es von den anderen Bühnen-Charakteren oder sogar vom anwesenden Publikum.

***Macheath*** alias ***Make the Knife***, gespielt von **Nico Holonics** mit unerschütterlicher Freude, aber dennoch mit einer Müdigkeit, die die Dunkelheit hinter seinem sorglosen Auftreten verrät. Er ist kein Mann, der seine Gewohnheiten aufgibt, wie er auch von **Brecht** beschrieben wird. Er verschenkt Eheringe, als wären es gebrauchte Groschen und lächelt, wenn er Frauen sieht, die um ihn streiten. Wie ein gewisser ***Don Giovanni*** (1787) von **Wolfgang Amadeus Mozart** (1756-1791) verliert er nie den Glauben an seine Fähigkeit, sie zu manipulieren, selbst wenn sie ihn eine nach der anderen im Stich lassen.

Die Schauspieler-Sänger, die **Kosky** hier zur Verfügung hat, sind nicht die Stars aus der **Komischen Oper**, sondern die einmalige Truppe des **Berliner Ensembles**. Sie liefern ihre Gesangslinien – perfekt geführt von dem Musikalischen Leiter **Adam Benzwi** am Klavier – mit einem anderen Stil und es ist erfrischend zu sehen, wie das funktioniert: **Holonics** ist ein ***Make the Knife*** mit einem Baby-Gesicht. Absolut! **Cynthia Micas** ist eine fast Pop-Star-ähnliche ***Polly Peachum***. Eine transsexuell gekleidete **Kathrin** **Wehlisch** als ***Tiger-Brown*** bringt einen Hauch von Homo-Erotik in die Beziehung zwischen ***Brown*** und ***Macheath*** *.* Auch **Micas** bringt einen kurzen Atemzug von lesbischer Verbundenheit mit ihrer Rivalin ***Lucy Brown***: Urkomisch von **Laura Balzer** interpretiert! Wie eine Reinkarnation von ***Frau Luna*** (1899) von **Paul Lincke** (1866-1946) kommt **Josefin Platt** als ***Mond über Soho*** hinter einem glitzernden Vorhang hervor und singt die ***Moritat von*** ***Macky Messer***, als würde sie schlafwandeln sein. Während **Constanze Becker** als ***Mrs. Celia Peachum*** ein totaler „Knock-out“ ist und das nicht nur, wenn sie die ***Ballade von der*** ***sexuellen Hörigkeit*** singt in ihrem prachtvollen Pelzmantel gehüllt. Es wäre mehr als interessant, einen dieser Schauspieler in Zukunft an der **Komischen Oper** zu sehen, wenn eine solche Besetzungs-Vermischung möglich wäre. Und dazu gehören natürlich auch **Bettina Hoppe** als ***Jenny*** und **Tilo Nest** als ***Mr. Peachum***! Beide absolut großartig! Interessant ist auch der Chor, der eine pure Luxus-Besetzung ist: **Julia Berger**, **Nico Went**, **Julie Wolff**, **Nicky Wuchinger**, **Tobias Bieri**, **Katharina Beatrice Hierl**, **Dennis Jankowiak**, **Denis Riffel**, **Teresa Scherhag**, **Timo Stacey**. Nur vier von ihnen stehen in einer einzigen kleinen Rolle auf der Bühne, aber alle sind für ihre Interpretation völlig überqualifiziert. Wir können nur hoffen, dass **Kosky** sie während der verlängerten Probenzeit genug kennengelernt hat und sie vielleicht auch einmal in die Behrenstrasse bringt. Denn wie wir uns erinnern können: **Nicky Wuchinger** ist eine der größten Operetten-Freuden der letzten Jahre, den wir im ***Der Vetter von Dingsda*** (1921) von **Eduard Künneke** (1885-1953) gesehen haben. Und das Gleiche gilt für fast alle anderen in dieser Liste. Sollte es zu einem Notfall kommen, könnten sie alle in eine Hauptrolle schlüpfen. Und dass sagt viel aus! Absolut!

Die größte Offenbarung war für uns die Art und Weise, wie **Benzwi** die Schauspieler-Sänger dazu brachte, diese Musik zu singen mit fast beiläufiger und sprachlicher Ausführlichkeit. Die Worte sind hier sehr wichtig und es gibt so viele Nuancen, dass man fast sicher ist, diese überberühmten Songs mehr als einmal und gleichzeitig auch zum ersten Mal hörte. Er erlaubt auch jedem Musiker, das Tempo nach belieben zu ändern, was die Musik atmen lässt und er raut die Töne mit der Band (**Levi** **Hammer**, **James Scannel**, **Doris Decker**, **Vit Polak**, **Otwin Zipp**, **Stephan Genze**, **Ralf Templin**) wirklich auf. Damit diese sogenannte **Weill**\-Rauheit auch sehr aufregend klingt, nicht einfach glatt poliert und allzu vertraut.

Alle diese Beziehungen scheitern normalerweise wegen Geld in irgend einer Weise. Aber ***Macheath*** lässt sich nicht beirren und sucht am Ende nach seiner nächsten Liebesverbindung, als ein hell erleuchtetes Schild von Bühnen-Sparren herunterkommt: **LOVE ME**! Das ist ein weiterer Touch von **Brecht**, eine moderne Version der Projektionen, die **Nehers** Bühnenbild für die ursprüngliche Produktion von 1928 verwendete. Aber was folgt, ist alles **Kosky**! Nach dem augenzwinkernden jubelnden Finale zeigt der ***Mond über Soho*** erneut sein Gesicht und schickt das Publikum düster und angsterfüllt mit einem letzten Vers von **Macky the Knife**, geschrieben von **Brecht** im Jahre 1930, nach Hause: ***Denn die einen sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Lichte. Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.***

***Es war ein extraordinärer emotioneller und künstlerischer Höhepunkt in meinem 8tägigen Aufenthalt in Berlin. Absolut! Bravo! Danke!*** **(PMP/06.01.202)**

#### **[*DIE DREIGROSCHENOPER* im Berliner Ensemble - alle Termine, Karten - link HIER!](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/die-dreigroschenoper?ref=ioco.de)**

Bitte beachten Sie auch das **IOCO-Essay** in sieben Teilen: **KURT WEILL – Hommage an den Künstler und Menschen**.