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# Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus, GLUCK FESTSPIELE 2024 - Teil II, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-margrafliches-opernhaus-gluck-festspiele/
- Published: 2024-06-04T18:41:11.000Z
- Updated: 2026-06-23T09:38:36.000Z
- Description: In den Bayreuther Gluck Festspielen 2024, stellt Intendant Michael Hofstetter die Frage nach dem Verhältnis von Mächtigen zur Menschlichkeit. Für eine tiefgehende und künstlerische Auseinandersetzung, die die menschliche Psyche ausleuchtet, hat Hofstetter einen Opernstoff gewählt
- Author: Ljerka Oreskovic Herrmann
- Tags: Kritiken

La clemenza di Tito von Wolfgang Amadeus Mozart, Markgräfliches Opernhaus, Bayreuth, 09.05\. bis 18.05.2024.

 von **Ljerka Oreskovic Herrmann**

In den Bayreuther **Gluck Festspielen 2024,** 09.05\. bis 18.05.2024, stellt der Geschäftsführende Intendant **Michael Hofstetter** die Frage nach dem Verhältnis von ***Mächtigen zur Menschlichkeit.*** Für eine tiefgehende und künstlerische Auseinandersetzung, die die verschiedenen Aspekte der menschliche Psyche ausleuchtet, hat **Hofstetter** einen Opernstoff gewählt, der dies auf besonders eindringliche Weise thematisiert: ***La clemenza di Tito*.** Das Libretto **Pietro Metastasios *La clemenza di Tito*** versinnbildlicht dies in besonderer Weise: *"Können Herrscher Milde öffentlich zeigen, sollten sie sogar in besonderem Maße dazu fähig sein?"* **Michael Hofstetter** wählte zwei Kompositionen von ***LA CLEMENZA DI TITO*** aus,die in ihrer Gegenüberstellung besonders reizvoll sind:[**Christoph Willibald Glucks** Version (Teil 1 - link HIER, bei ***IOCO*** bereits veröffentlicht)](https://www.ioco.de/bayreuth-markgrafliches-opernhaus/) und, hier unten folgend, ***La clemenza di Tito*** von **Wolfgang Amadeus Mozart.**

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/La-Clemenza-di-Tito-Mozart_11.05.24_photo-Beth-Chambers-7neu.jpg)

***LA CLEMENZA DI TITO,** Bayreuth hier das Ensemble @ Beth Chambers

**Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi,** besser bekannt unter seinem Psyeudonym **Pietro Metastasio,** war ein vielbeschäftigter Dichter und Librettist des 18\. Jahrhunderts, dessen Werke für eine bestimmte Art von Musik konzipiert waren. Doch mit der Opernreform von **Christoph Willibald Gluck,** einem größer werdenden Orchester, der Verwendung von Gesangsnummern und zunehmend auch von Ensembles waren neue Textdichtungen gefragt. **Metastasios *La clemenza di Tito***gelangte mit der Musik von **Antonio Caldara** 1734 zur Uraufführung, **Glucks** Vertonung erfolgte 1752\. Sein Werk erklang zur Eröffnung der diesjährigen **Gluck Festspiele** im **Markgräflichen Opernhaus** Bayreuth. Zwei Tage später konnte man **Wolfgang Amadeus Mozarts *La clemenza di Tito*** erleben. Dass **Glucks** Oper nicht szenisch umgesetzt wurde, spielte keine Rolle, interessant war die Gegenüberstellung musikalisch und in der Ausgestaltung der Handlung. **Glucks** optimistische Grundstimmung ist bei **Mozart** einer anderen gewichen. Dazwischen liegen nicht nur fünfzig Jahre Entwicklungen in der Musik und den Anforderungen an das Libretto sowie den gesellschaftspolitischen Folgen der Französischen Revolution zugrunde, sondern auch die persönlichen Erfahrungen des Salzburger Komponisten.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/Mozart-Wien-NEUKLEIN.JPG)

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien @ IOCO

**Mozart** kam 1790 bei der Krönung von **Leopold II.** zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in Frankfurt nicht zum Zuge, die Festmusik ***La missa solenne*** schrieb stattdessen der gleichaltrige **Vincenzo Righini.** Die Enttäuschung **Mozarts** meint man fast in der Festoper zu spüren, der Ton klingt dunkler, weniger optimistisch, alle Protagonisten leiden – an sich und an den anderen. **Mozarts *La clemenza di Tito*** wurde im September 1791 in Prag uraufgeführt, der Anlass war die Krönung **Leopolds II.** zum böhmischen König – verbunden mit der Vision oder auch Mahnung, ein Herrscher dürfe seine Macht nicht missbrauchen. Dabei war **Leopold II.** ein durchaus aufgeklärter Monarch, der zuvor als Großherzog der Toskana, wo er sich nicht nur persönlich wohl und zuhause fühlte, Reformen angestoßen hatte – auf die dort noch heute mit einem gewissen Stolz zurückgeblickt wird. Und nicht zuletzt wurde er als ein *„Titus-gleicher“* Kaiser angesehen, der für eine lange Friedenszeit sorgen wird; doch **Leopold II.** starb verfrüht und unerwartet 1792, **Mozart** bereits ein Vierteljahr vorher im Dezember 1791.

An der Bearbeitung von **Metastasios** nicht mehr zeitgemäßem Libretto durch **Caterino Tommaso Mazzolà** hat **Mozart** mitgewirkt. Und auf den Komponisten ist auch zurückzuführen, dass der ursprüngliche zweite Akt beinahe komplett entfiel, dafür das Ende des ersten Aktes – das Kapitol brennt – einen äußerst starken theatralischen Moment erzeugte. Seine Oper trägt die Bezeichnung *„Dramma serio“* und bildet den triumphalen Schlusspunkt der Opera seria, weist aber in eine neue Richtung, da **Mozart** vielmehr an den Charakterportraits der Protagonisten interessiert war. ***Titus,*** die titelgebende Partie, steht dabei nicht so sehr im Mittelpunkt wie ***Vitellia,*** ihre Figurenzeichnung dominiert das Werk. Sie ist die treibende Kraft hinter der Palastintrige, hierin gleichen sich beide Opern, aber ihr Agieren ist durchaus etwas „gemeiner“ und ihr Leiden umso heftiger. Gemeinsam mit ***Sesto***, auch bei ihm steht die psychologische Figurenerforschung für **Mozart** im Vordergrund, bildet ihr Handeln und Austarieren den Kern der Handlung und beiden schrieb er virtuose Arien.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/La-Clemenza-di-Tito-Mozart_11.05.24_photo-Beth-Chambers-6neu.jpg)

***LA CLEMENZA DI TITO,** Bayreuth hier das Ensemble @ Beth Chambers

In Kooperation mit dem **Theater J.K. Tyla Pilsen** und dem **Stadttheater Fürth** und unter der musikalischen Leitung von **Michael Hofstetter** zeigt sich **Mozarts *Titus*** frisch und modern, ja aktuell. Die Frage nach dem Zusammen-hang von Macht und Menschlichkeit stellt sich in einer packenden Inszenierung auch der Regisseur und Bühnenbildner **ROCC.** Der europaweit arbeitende Slowene hat an der *Janáček Academy of Music and Performing Arts* in Brno studiert, weiterführende Studien führten in unter anderem zu rosalie – der zu früh verstorbenen Stuttgarter Künstlerin – an die Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Sein Einheitsbühnenbild ist reduziert, aber wirkungsvoll und passt hervorragend auf die Bühne des **Markgräflichen Opernhauses.** Ein langgezogener weißer Tisch (gewisse Assoziationen könnten sich einstellen!), Stühle und das entsprechende Licht, für das **Kai Fischer** sorgte, reichen um die unterschiedlichsten Stimmungen zu evozieren und Raum zu bieten für Festlichkeit und zugleich Verhandlungs- und Leidensschauplatz in einem zu sein. Auch bei **ROCC** bleibt der Thron (in diesem Fall ein Stuhl) leer, einzig das Tatwerkzeug – der Dolch – wird prominent und ehrfurchtsvoll darauf platziert, was die Frage nach dem Urheber der Tat unweigerlich aufwirft.

***Vitellia*** ist eine verführerische und durchaus zärtliche Frau, sie hat aber auch eine herrische Seite, die von Sesto praktisch blinden Gehorsam fordert. Das Kostüm – **Belinda Radulović** schuf recht zeitlose Kleidung – unterstreicht und sorgt für Wirkung: ganz in der Signalfarbe rot gehalten, ist es Ausdruck ihrer Verführungskunst, aber auch ihres ungestümen Wesens. **Francesca Lombardi Mazzulli,** spielfreudig und gesanglich wunderbar ausgelotet, zeigt die unterschiedlichen Aspekte ***Vitellias*** – auch ihre Leidensbereitschaft. Und da wären wir wieder bei **Gluck**, denn der erste Akt endet mit einer Klageszene, die an den Komponisten der Vorklassik gemahnt.

***Sesto*** wiederum ist eher als ein weicher und wohlmeinender junger Mann angelegt, ***Vitellias*** Ansinnen stürzt diesen in einen nicht aufzulösenden Konflikt zwischen freundschaftlicher Treue und Liebe. **Mozart** hat diese Partie von einem Mezzosopran singen lassen; die Zeit der Kastraten war endgültig vorbei. **Vero Millers *Sesto*** gibt dieser Figur eine bemerkenswerte und überzeugende innere Größe, stimmlich und darstellerisch beeindruckend, und hat neben der dominanten Vitellia in jeder Hinsicht Bestand.

![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/2024/06/La-Clemenza-di-Tito-Mozart_11.05.24_photo-Beth-Chambers-8neu.jpg)

***LA CLEMENZA DI TITO,** Bayreuth hier Vitellia @ Beth Chambers

Auch die anderen Mitwirkenden überzeugen, allen voran die Sopranistin **Barbora Polášková de Nunes-Cambraia** als ***Annio,*** dessen Zerrissenheit sie ausdrucksstark zur Geltung bringt, wie auch **Jakub Hliněnský** als ***Publio.*** Hervorzuheben ist **Akiho Tsujii,** die kurzfristig die Partie der ***Servilia*** übernehmen musste, und dies mit einer bravurösen Leistung meisterte; mit glockenhellem Sopran verlieh sie ihrer Figur Kontur und auch dramatische Ausdruckskraft.

***Titus’*** dritte Arie gelingt **Khanyiso Gwenxane** berührend schön, auch seine Gefühlslage schwankt zwischen Edelmut und Rachegedanken. **Mozart** hat diese Partie einem Tenor anvertraut, was die Ambivalenz der Figur umso mehr unterstreicht. Sein *„Kaiser“* ist zögerlich, schwankt zwischen Machtanspruch und Menschlichkeit. Der Chor wird nicht zuletzt einen entscheidenden Anteil (Lobpreisung des Herrschers am Ende der Oper) an der Wendung haben, indem er an den Menschen, nicht an den Herrscher, appelliert. ***Titus*** entscheidet sich für Milde und begnadigt alle Schuldigen – auch ***Vitellia,*** die sich als Anstifterin zu erkennen gibt. **Mozart** gönnt auch ihr Erlösung und einen versöhnlichen Schluss.

Unter der Leitung von **Michael Hofstetter** sangen und spielten der Chor und das Orchester des **J.K. Tyla Pilsen,** die ebenso wie das Regieteam und alle Mitwirkenden mit großem Applaus bedacht wurden.

Dass die beiden Werke in kurzer Abfolge zu erleben sind, ist das Verdienst von Hofstetter. Und auch, dass **Glucks *Titus*** einen rechtmäßigen Platz neben dem bekannteren Werk **Mozarts** zuerkannt bekommen sollte. Die Kombination der beiden gleichnamigen Opern illustrierte auf eindrucksvolle Weise, wie gut **Mozart** seinen **Gluck** kannte. Die Weiterentwicklung von längst überholten (aristokratisch-zeremoniellen) „Themen“ beglaubigt die Musik **Mozarts** zutiefst. Gleichermaßen auch die von **Gluck,** die das Zeremonielle (und zur Konvention erstarrte nicht nur in der Musik) in sehr menschliche Gefühlsregungen kanalisieren konnte und dessen Opern wieder zu entdecken und aufzuführen sich lohnt.

## Wie überzeugt ROCCs reduziertes Bühnenbild im Markgräflichen Opernhaus?

ROCCs reduziertes Einheitsbühnenbild aus weißem Tisch, Stühlen und Licht wirkt eindrucksvoll und passt hervorragend auf die Bühne des Markgräflichen Opernhauses.