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# Bayreuth, Bayreuther Festspiele, RIENZI – Richard Wagner, IOCO
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-rienzi-richard-wagner-ioco/
- Published: 2026-08-23T08:30:25.000Z
- Updated: 2026-08-23T08:30:25.000Z
- Description: Erstmals erklingt Wagners „Rienzi“ im Bayreuther Festspielhaus. Andreas Schager, Jennifer Holloway und Nathalie Stutzmann prägen eine musikalisch eindrucksvolle Premiere, während die Regie von Szemerédy/Parditka Macht, Medien und Manipulation ins Heute überträgt.
- Author: Marcus Haimerl
- Tags: Oper & Operette

von Marcus Haimerl

Für ihr Jubiläumsjahr haben die Festspiele eine Entscheidung getroffen, die weit mehr bedeutet als die Aufnahme eines weiteren Wagner-Werkes in den Spielplan. Zum ersten Mal überhaupt erklingt „***Rienzi, der Letzte der Tribunen***“ im Festspielhaus und durchbricht damit einen Kanon, der seit mehr als einem Jahrhundert als nahezu unverrückbar galt. Seit „***Der fliegende Holländer***“ 1901 unter **Cosima Wagner** erstmals auf dem Grünen Hügel gespielt wurde, war dem Repertoire kein weiteres Werk hinzugefügt worden.

Dass die Wahl gerade auf **Wagners** dritte vollendete Oper fällt, besitzt besondere Bedeutung. „***Rienzi***“ ist ein Werk zwischen den Welten: noch stark der französischen Grand opéra verpflichtet und zugleich bereits voller musikalischer Vorahnungen auf den späteren **Wagner**. Die Dresdner Uraufführung 1842 bescherte dem damals 29-jährigen Komponisten den ersehnten Durchbruch und ebnete ihm den Weg zum Amt des Königlich Sächsischen Hofkapellmeisters. Später ging **Wagner** zu seinem Frühwerk zunehmend auf Distanz. In Bayreuth blieb „***Rienzi***“ die Bühne bis heute verschlossen.

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Rienzi, der letzte der Tribunen, 1\. Akt: ****Michael Nagy** (Orsini), ****Michael Kupfer-Radecky** (Cecco del Vecchio), ****Andreas Schager** (Rienzi), ****Gabriela Scherer** (Irene), ****Matthias Stier** (Baroncelli), ****Andreas Bauer Kanabas** (Colonna), ****Festspielchor** und ****Sonderchor** © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Gerade deshalb ist diese Bayreuther Erstaufführung weit mehr als eine Jubiläumsgeste. „***Rienzi***“ erzählt von politischem Aufstieg und Fall, von Freiheit und Macht und von einem Mann, der antritt, Rom eine neue Ordnung zu geben, schließlich aber die Unterstützung jenes Volkes verliert, das ihn zuvor zum Tribunen erhoben hat. Gerade darin liegt eine Aktualität, an der **Alexandra Szemerédy** und **Magdolna Parditka** mit ihrer Bayreuther Inszenierung ansetzen. Gemeinsam für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich, verlegen sie die Handlung in eine heutige, medial bestimmte Gesellschaft. **Politik wird hier vor Kameras und Bildschirmen ausgetragen, Nachrichten verbreiten sich in kürzester Zeit und können gezielt gesteuert und manipuliert werden.** Aus dem mittelalterlichen Volkstribunen wird ein moderner Politiker, dessen Aufstieg zunächst von der Hoffnung auf Veränderung getragen wird. Dabei legen **Szemerédy** und **Parditka** ihre Titelfigur nicht vorschnell fest. Ihr ***Rienzi*** begegnet uns zunächst keineswegs als Tyrann. Sie zeigen vielmehr, wie sich der charismatische Hoffnungsträger im Laufe des Abends verändert und immer stärker isoliert.

Als **Wagner** 1838 mit der Arbeit an „***Rienzi***“ begann, wollte er damit den Durchbruch an einer großen Bühne schaffen. Nach dem Vorbild der französischen Grand opéra entstand ein Werk von gewaltigen Dimensionen: fünf Akte mit Massenszenen, Prozessionen, Ballett und großen Finali. Die erhoffte Aufführung in Paris kam nicht zustande; stattdessen brachte die **Dresdner Hofoper** „***Rienzi***“ am **20\. Oktober 1842** zur Uraufführung und bescherte **Wagner** einen triumphalen Erfolg. Vom späteren **Wagner** scheint dieses Werk zunächst noch weit entfernt. Arien, Ensembles und repräsentative Tableaus bestimmen das Bild, doch manches weist bereits voraus: die wachsende Bedeutung des Orchesters, wiederkehrende musikalische Gedanken und vor allem die dramatische Kraft der großen Chorszenen. Die Handlung führt vom Aufstieg ***Cola Rienzis***, der den verfeindeten römischen Adelsgeschlechtern Frieden und eine neue Ordnung entgegensetzen will, bis zu seinem Sturz. Seine Schwester ***Irene*** liebt ***Adriano***, den Sohn seines Gegners ***Stefano Colonna*** – eine private Beziehung, die mitten durch die politischen Fronten führt. Zunächst vom Volk zum Tribunen erhoben, scheint ***Rienzi*** sein Ziel erreicht zu haben. Doch der Frieden währt nicht lange. Die Auseinandersetzungen mit dem Adel brechen erneut auf, und nach und nach verliert er auch den Rückhalt des Volkes. Am Ende wendet sich die Menge gegen den Mann, den sie zuvor gefeiert hat.

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Rienzi, der letzte der Tribunen, 3\. Akt: ****Gabriela Scherer** (Irene), ****Jennifer Holloway** (Adriano), ****Andreas Schager** (Rienzi), ****Festspielchor** und ****Sonderchor** © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Schon beim Öffnen des Vorhangs machen **Alexandra Szemerédy** und **Magdolna Parditka** deutlich, dass sie an einer historischen Rekonstruktion des mittelalterlichen Rom kein Interesse haben. Ihre Bühne zeigt einen monumentalen, mehrgeschossigen Wohnkomplex aus grauen Wänden, Treppen, Galerien und offenen Räumen. Die Menschen leben dicht nebeneinander und bleiben doch weitgehend für sich. Fast überall stehen Bildschirme, auf denen dasselbe Programm läuft, Mobiltelefone sind ständige Begleiter, Nachrichten und Textbotschaften flimmern über die Monitore. Kommunikation findet weniger unmittelbar als über technische Medien statt. Auch die Politik folgt den Regeln dieser medial bestimmten Welt. Rienzi, Colonna und Orsini stehen für die konkurrierenden Lager; über die künftige Führung wird schließlich öffentlich per Fingerabdruck abgestimmt. Was **Wagner** als Kampf zwischen Volkstribun und römischem Adel erzählt, übersetzen **Szemerédy** und **Parditka** in die Mechanismen einer modernen Gesellschaft, in der politische Entscheidungen untrennbar mit öffentlicher Inszenierung verbunden sind. Das Volk bleibt dabei keine anonyme Masse. Die einzelnen Chormitglieder erhalten eigene Verhaltensweisen, reagieren mit Zustimmung, Skepsis oder Aggression, fotografieren, filmen und kommentieren. So entsteht aus vielen Einzelnen jene Gemeinschaft, die ***Rienzi*** zunächst trägt und sich später gegen ihn wendet. Eine wichtige Rolle spielen dabei die zahlreichen Bildschirme. Obwohl die Menschen voneinander getrennt in ihren Wohnungen leben, sehen sie auf ihren Monitoren weitgehend dieselben Bilder und Nachrichten. Die monumentale Architektur verändert dabei immer wieder ihre Funktion. Die zentrale Treppenanlage ist Wohnraum, öffentlicher Platz und politische Tribüne; ein roter Teppich macht sie zeitweise zur repräsentativen Bühne. **Bernd Gallaschs** Licht und die Videos von **Leonard Koch** verstärken diese Wandlungen. In der Gestaltung der Wohneinheiten taucht zudem wiederholt der Necker-Würfel auf, dessen räumliche Ausrichtung je nach Betrachtung umzuspringen scheint. Seine perspektivische Mehrdeutigkeit passt zu einer Inszenierung, die unterschiedliche Sichtweisen auf dieselbe Wirklichkeit gegeneinanderstellt.

Einen besonderen Akzent setzt die Inszenierung während der Ballettmusik des zweiten Aktes, die zu einer ausgedehnten Pantomime über **Wagners** spätere Werke wird. Aus dem Bühnenboden fährt eine kleine Nachbildung der Bühne des **Bayreuther Festspielhauses** empor. Davor erscheint ein ganz in Gold gekleideter **Wagner-Darsteller**, der an die bekannten Wagner-Skulpturen **Ottmar Hörls** denken lässt. Auf der kleinen Bühne ziehen Figuren aus dem späteren Wagner-Kosmos in historischen Kostümen vorüber: Szenen aus dem **Ring**, aus **Lohengrin**, **Tristan und Isolde**, **Tannhäuser** und den **Meistersingern** werden mit bewusst einfachen Mitteln und viel Ironie nachgestellt. Besonders amüsant ist die Idee, die Wartburg kurzerhand als gelben DDR-**Wartburg** über die Bühne zu tragen. Schließlich richtet sich der Blick auch auf den Bayreuther Festspielalltag: Das Pausengetümmel mit dem Andrang an Imbiss und Toiletten wird selbst zum Teil des Spiels. Was zunächst wie eine vergnügliche Wagner-Parodie wirkt, hat dabei Methode: Ausgerechnet innerhalb des „***Rienzi***“ lässt die Regie jene Werke vorbeiziehen, die dessen Schöpfer erst noch schreiben wird – und verbindet sie ganz nebenbei mit einem ironischen Blick auf das Bayreuther Festspielritual. Nach diesem spielerischen Einschub verdüstert sich der Abend. Vor allem nach dem Attentat verändert sich ***Rienzi***. Misstrauen und Angst gewinnen die Oberhand, Realität, Erinnerung und Vorstellung beginnen, sich zu überlagern. Die einstige politische Tribüne wird dabei immer mehr zum Ort seiner Einsamkeit. Eine besondere Rolle spielt die Beziehung zu seiner Schwester ***Irene***. **Szemerédy** und **Parditka** gehen hier weit über **Wagners** Libretto hinaus und verleihen den Geschwistern eine ungewöhnliche, beinahe verstörende Nähe. Hinzu kommt die von der Regie erfundene Geschichte eines gemeinsamen Kindes, das an Tuberkulose gestorben ist und als stumme Erinnerung immer wieder auf der Bühne erscheint. Zugleich wird aus diesem privaten Verlust politisches Kapital geschlagen: Über die Medien verbreitet sich die falsche Behauptung, ***Colonna*** trage die Schuld am Tod des Kindes. Persönliches Leid und politische Manipulation greifen hier unmittelbar ineinander. Konsequent verändert die Regie schließlich auch das Ende. ***Irene*** bleibt bei ihrem Bruder, obwohl dieser sie auffordert, mit ***Adriano*** zu gehen. Als ***Rienzi*** versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, bringt er es nicht fertig. Schließlich ist es ***Irene***, die ihn ersticht und sich danach die Pulsadern aufschneidet. Aus der ohnehin ungewöhnlich engen Geschwisterbeziehung wird damit ein gemeinsamer Tod, der keinerlei Erlösung verspricht. Noch einmal scheint sich für ***Rienzi*** ein Weg nach oben zu öffnen, doch auch dieses Bild kehrt sich ins Gegenteil: Die Tribüne sinkt hinab, und während ***Rienzi*** verschwindet, setzt sich die Gewalt fort. Sein Tod beendet nichts – lediglich seine eigene Geschichte ist zu Ende.

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Rienzi, der letzte der Tribunen, 4\. Akt: ****Michael Kupfer-Radecky** (Cecco del Vecchio), ****Jennifer Holloway** (Adriano), ****Vitalij Kowaljow** (Kardinal Raimondo ), ****Matthias Stier** (Baroncelli), ****Festspielchor** und ****Sonderchor** © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

**Szemerédy** und **Parditka** gelingt eine schlüssige und über weite Strecken überzeugende Übertragung des Werkes in die Gegenwart. Smartphones, Bildschirme und die schnelle Verbreitung von Nachrichten fügen sich selbstverständlich in ihre Lesart ein und machen das wechselhafte Verhältnis zwischen **Rienzi** und dem Volk auch aus heutiger Perspektive nachvollziehbar. Dabei ist die Inszenierung reich an Details und Anspielungen, von denen sich manche erst auf den zweiten Blick erschließen, ohne dass dies dem Verständnis des Abends im Wege steht. Besonders stark ist die Regie in den großen Chorszenen, der ironisch-verspielten Wagner-Pantomime und in den Bildern von **Rienzis** zunehmender Einsamkeit.

Die Titelpartie stellt enorme Anforderungen, die **Andreas Schager** mit beeindruckender Kraft und Ausdauer bewältigt. Sein durchschlagskräftiger Heldentenor behauptet sich mühelos gegen Chor und Orchester und gibt **Rienzi** das nötige vokale Gewicht. Mitunter setzt Schager seine stimmlichen Reserven allerdings allzu großzügig ein; etwas mehr Zurücknahme und dynamische Abstufung hätten seine Gestaltung noch differenzierter wirken lassen. **Gabriela Scherer** gestaltet ***Irene*** mit großem Einsatz und einem kraftvollen Sopran, der in den dramatischen Passagen bisweilen etwas an Schärfe gewinnt. In den ruhigeren Momenten findet sie dagegen zu wärmeren Tönen und gestaltet das enge Verhältnis zu ***Rienzi*** überzeugend. Zum vokalen Höhepunkt des Abends wird **Jennifer Holloway** als **Adriano**. Mit warm timbriertem Mezzosopran, sicherer Höhe und intensiver Ausdruckskraft macht sie den Konflikt zwischen der Liebe zu ***Irene*** und der Loyalität zur eigenen Familie unmittelbar spürbar. Das Publikum dankt ihr am Ende mit besonders herzlichem Jubel – völlig zu Recht. Auch die weiteren Partien sind ausgezeichnet besetzt. **Andreas Bauer Kanabas** gibt ***Stefano Colonna*** mit sonorem Bass ein markantes Profil, **Michael Nagy** überzeugt als ***Paolo Orsini*** mit charaktervollem Bariton und **Vitalij Kowaljow** verleiht ***Kardinal Raimondo*** mit seinem dunkel timbrierten Bass Würde und Autorität. **Martin Koch**, **Michael Kupfer-Radecky** und **Victoria Randem** runden als ***Baroncelli***, ***Cecco del Vecchio*** und ***Friedensbote*** das durchweg starke Ensemble ab.

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Rienzi, der letzte der Tribunen, 5\. Akt: ****Gabriela Scherer** (Irene) , ****Andreas Schager** (Rienzi) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

**Nathalie Stutzmann** erweist sich am Pult des **Festspielorchesters** als ausgezeichnete Anwältin dieses lange in Bayreuth ausgesparten Werkes. Sie kostet die Pracht der Grand opéra aus, ohne sie in bloße Lautstärke kippen zu lassen, hält die großen Szenen zusammen und findet zugleich überraschend feine, transparente Momente.Das **Orchester der Bayreuther Festspiele** spielt mit der erwarteten Souveränität, lässt die großen Ausbrüche machtvoll aufleuchten und bewahrt dabei stets die klanglichen Konturen. Gerade in den ruhigeren Passagen wird hörbar, wie viel Farbe bereits in diesem frühen **Wagner** steckt. Eine Klasse für sich ist der von **Thomas Eitler-de Lint** einstudierte Festspielchor. **Wagner** macht das Volk in „***Rienzi***“ beinahe zu einer Hauptfigur, und die Bayreuther Sängerinnen und Sänger antworten darauf mit enormer Geschlossenheit und Klangkraft. Selbst in den größten Massenszenen bleiben Text und musikalische Linien klar, zugleich entwickelt der **Chor** jene Wucht, die dieses Werk verlangt. Zusammen mit der anspruchsvollen szenischen Führung ist das eine herausragende Ensembleleistung. Am Ende reagiert das Publikum mit großer Begeisterung. Viel Applaus und Jubel gelten den Solisten ebenso wie **Stutzmann**, **Orchester** und **Chor**; Missfallenskundgebungen bleiben aus. Nach einem langen Abend steht vor allem eine Erkenntnis: Es war höchste Zeit, auch „Rienzi“ die Türen des Festspielhauses zu öffnen. Musikalisch und in ihren stärksten szenischen Momenten zeigt diese erste Bayreuther Inszenierung eindrucksvoll, dass Wagners Frühwerk weit mehr ist als eine historische Fußnote – und seinen Platz auf dem Grünen Hügel durchaus verdient hat.

## [**Infos und Karten: Link hier**](https://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)