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# Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Der fliegende Holländer: Einer Matrix entstiegen, IOCO Aktuell, 01.08.2012,
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-der-fliegende-hollander-einer-matrix-entstiegen-ioco-aktuell-01-08-2012/
- Published: 2012-08-01T16:00:28.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:01:43.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: richard wagner, Klassik, Fliegende Hollaender, Wagner, Bayreuth

## ![](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2009/01/ioco.png) **Aktuell**

[Bayreuther Festspiele](http://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)

***Der Fliegende Holländer* von Bayreuth: Der Verlust eines Mythos** **Spannung einer Seminararbeit; Einer Matrix entstiegen** 

![Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2012/08/bayreuth-festspielhaus-fotograf-lothar-spurzem.jpg "Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem")

Bayreuth Festspielhaus © Lothar Spurzem

Glaubt man den Beschreibungen der Website der **Bayreuther Festspiele** zur Handlung des ***Fliegenden Holländer*,** so war 2012 eine sehr klassische Inszenierung zu erwarten. Man liest dort: **Dalands* Schiff wurde auf der Heimfahrt vom Sturm überrascht und ankert in einer Bucht, um günstiges Wetter abzuwarten. Die Mannschaft begibt sich zur Ruhe. Auch der von Daland als Wache eingeteilte Steuermann schläft ein („Mit Gewitter und Sturm“). – Mit blutroten Segeln naht in schneller Fahrt ein schwarzes Schiff und wirft neben Dalands Fahrzeug Anker. Ein bleicher Mann in dunkler Kleidung..... Es ist der *fliegende Holländer,* der wegen einer Gotteslästerung dazu verdammt wurde, ruhelos die Meere....*

![Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Franz Selig (Daland) und Samuel Youn (Holänder) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2012/08/der-fliegende-hollaender-bayreuth_franz-selig-daland-samuel-youn-hollaender2c-bayreuther-festspiele_enrico-nawrath.jpg "Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Franz Selig (Daland) und Samuel Youn (Holänder) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath")

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer \_ Franz Selig (Daland) und Samuel Youn (Holänder) © Bayreuther Festspiele\_Enrico Nawrath

Doch, die Bayreuther Ankündigungen zum ***Fliegenden Holländer*** haben mit der dortigen Bühnenwirklichkeit nichts gemein. *Schiff, Anker, blutrote Segel*: Alles Fehlanzeige in der diesjährigen *Holländer-*Inszenierung. *Einen bleichen Mann in dunkler Kleidung* gibt es dort wirklich nicht. Die Bühnenwirklichkeit, in Bayreuth wie vielen anderen Musiktheatern, gleicht bei Neuinszenierungen einer Wundertüte. Der Inhalt wird erst nach Öffnen deutlich. Eine Wundertüte ist ehrlich: Sie täuscht keine falschen Inhalte vor. Bayreuth wie andere Musiktheater und deren Regisseure sind weniger korrekt: Sie verbiegen ursprüngliche Handlungsinhalte von Opern radikal und berufen sich selbst-erhöhend auf vermeintliche Gedanken und Vorgaben der jeweiligen Komponisten. Auch **Richard Wagner´s** "*Holländer"* erfuhr in Bayreuth diese populäre Unbill. Dort wurde 2012 auch *Holländer*\-Mythos zu Grabe getragen. Eine glatt-flotte neue *Holländer*\-Realität wurde geschaffen: *Ein Unternehmer namens Daland hat schon bessere Zeiten gesehen hat, Ventilatoren produziert er, Holländer ist ein frustrierter Spekulant..*.. Die vorsätzliche Täuschung des Theaterbesuchers ist nur eine Handbreit entfernt. Tröstlich, die großartige Komposition **Richard Wagners** wurde, bisher, noch nicht *geschliffen*.

![Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Samuel Youn (Holländer) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2012/08/der-fliegende-hollaender-bayreuth_2012_samuel-youn-hollaender-a-pieczonka-senta-c-bayreuther-festspiele_enrico-nawrath.jpg "Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Samuel Youn (Holländer) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath")

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer \_ Samuel Youn (Holländer) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele\_Enrico Nawrath

Regie dieses entmythisierten ***Fliegenden Hollänger*** führte der junge, wenig bekannte **Jan Philipp Gloger**, 31, dessen einzige bisherigen Opern-Inszenierungen ein *Figaro* in Augsburg und *eine Alcina* in Dresden waren. **Gloger** brachte am 25\. Juli 2012 den *Fliegenden Holländer* als Kapitalismusdrama: Die Protagonisten, eigentlich Matrosen, sind im ersten Bild Manager in Maßanzügen, bringen als Geschenk teure Designerkleider mit. Die Bühne gleicht einem Rechenzentrum mit Schaltkreisen und Datenkabeln und video-schimmernden Chips, welche im Takt der Musik leuchten und blitzen. Im zweiten Akt sieht man die Frauen der Geschäftsleute in einer Lagerhalle des Unternehmers *Daland*, Ventilatoren in Kartons verpackend. Alle sind glücklich, nur zwei nicht: *Senta*, die Tochter des Wirtschaftsbosses *Daland* und der *Holländer*. *Senta* bastelt ein Holländerschiff aus Pappe. *Holländer*, mit Rollkoffer voller Geld, von Prostituierten und Dienstboten gelangweilt, zündelt mit Banknoten. Ihr gemeinsamer Ausweg aus der Konsumwelt ist der Selbstmord: *Senta* ersticht sich mit einer Schere.

Die Presse im Lande bewertet den Bayreuthe ***Holländer***  höchst durchwachsen:

Die **Rheinische Post** (Wolfram Goertz) sieht, dass „Bayreuth an Publikum verliert, weil manche *Getreue* diese märchenlose Tristesse, die kaum durch kühle Denkschärfe kompensiert wird, nicht mehr ertragen wollen. **Gloger** (der Regisseur, NB IOCO) ist ein Schauspielmann, der keine Ahnung hat, wie man mit choristischen Massen umgeht, ohne dass es wie Turnunterricht aussieht“. Der *„Südwind“* des Steuermanns wird von *„popeligen Propellern allenfalls verschämt herbeigeblasen.*“ *Diese Inszenierung hat kein Brio, keinen Geisthauch, es wirkt fad und ohne End. Nach 15 Minuten hat man sich satt gesehen.*“

**BR-Klassik** (Meret Foster) sieht kein schlüssiges Konzept in der Inszenierung, wenn auch reich an assoziativen Bildern. Unfreiwillig komisch sei die Inszenierung, wenn sich *Senta* Engelsflügel aus Pappe anlegt. Durch fehlende Personenregie wird im zentralen Duett der Beiden szenisch keinerlei Anziehung vermittelt.

Die **Berliner Morgenpost** (Lucas Wiegemann) entdeckt eine stimmige, innovative Interpretation. Der *Holländer* sei untoter Seefahrer, eine Parabel auf eine von ökonomischen Zwängen beherrschte, hektische Zeit. *„Die stimmigen Einfälle des Regieteams sind, wie alle guten Ideen, einfach. Die Inszenierung gibt Anhängern neuartiger Inszenierungen genug Stoff zum Nachdenken, ohne unnötig zu provozieren.“*

![Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Christa Mayer (Mary) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2012/08/der-fliegende-hollaender_-bayreuth_christa-mayer-mary-pieczonka-senta_-c-bayreuther-festspiele_enrico-nawrath.jpg "Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer _ Christa Mayer (Mary) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele_Enrico Nawrath")

Bayreuth Festspielhaus / Der fliegende Holländer \_ Christa Mayer (Mary) und A. Pieczonka (Senta) © Bayreuther Festspiele\_Enrico Nawrath

Der **Münchner Merkur** (Markus Thiel) vermisst in der **Gloger**\-Inszenierung bei allen „Schauwirkungen“ das Mythische des Stücks, das Anderssein des *Holländer*, welcher der „*Daland-Fraktion*“ viel zu ähnlich sieht, als dass „sich hier der Zusammenprall zweier Welten ableiten ließe“. Und sieht „Rückstürze in das Regiemuseale“ bei harmlosen Chorszenen und viel auf den Takt und Punkt inszeniertes. “**Wagner** als Revue ?“ Aber abschließend: **Gloger**, *„ein versierter Handwerker, der es schafft, dass man trotz Einwände gebannt bleibt“.*

Laut der **Süddeutschen Zeitung** (Reinhard Brembeck) verwandelt **Gloger** *„dieses leidenschaftliche tobende Stück“* in ein „schlicht gestricktes Sozialdrama à la **Franz Xaver Kroetz**, gut verständlich und alltagsrealistisch, der aber alles Religiöse und Romantische fehle. Am Schluss hat Kunsthandwerk und Provinz gesiegt.

Die **Neue Zürcher Zeitung** (Peter Hagmann) sieht sängerisch glanzvolles Mittelmaß und eine Produktion, welche nicht in Fahrt gerate, was an **Thielemanns** musikalischer Leitung liege (versteht nicht, dass Orchester zu bändigen) aber auch an der Inszenierung **Glogers**, welche die Spannung einer Seminararbeit habe.

Die **taz** (Regine Müller) beschreibt die Inszenierung bei aller „Eindrücklichkeit der Bilder als konventionell und flach. **Glogers** Deutung sei herzlich brav und verkürze den Stoff ins Handliche: *„Solides Handwerk, aber keine tieferen Einsichten“*.

**Die Welt** (Manuel Brug) sieht **Gloger** als einen *„musterknabenhaften“* Ausgleicher, der, bei Erhaltung von **Wagners** Handlungsgerüst, zeitgenössisch über Motive von Weltekel erzählt, und dabei Materialismus, Ideal und Ernüchterung filettiere. „*In Bayreuth habe der Deutungswind schon stärker geweht“*.

Die **Münchner Abendzeitung** (Robert Braunmüller), Überschrift: *Erlösung unterm Ventilator*, sieht die *Holländer* Produktion als eine der überzeugendsten der letzten Jahre in Bayreuth. „Der junge Regisseur versteht die Beziehung zwischen *Senta* und *Holländer* als eine Liebe zweier Verlorener, …mit anrührenden Momenten“. Andererseits, und auffällig gerade für ein Presseorgan, kritisiert die **Abendzeitung** das Publikum, für die *„ungerecht herzlose Behandlung*“ von **Gloger** und seinem Team, welcher *"sichtlich mit Sängern und Körperlichkeit gearbeitet habe*“. **IOCO** / Viktor Jarosch / August 2012

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