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# Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tristan und Isolde - Richard Wagner, IOCO Kritik, 20.08.2019
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-2019-tristan-und-isolde-richard-wagner-ioco-kritik-20-08-2019/
- Published: 2019-08-20T07:00:44.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:57:30.000Z
- Author: Julian Fuehrer
- Tags: Oper & Operette, Konzert & Liederabend, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Premieren, Bayreuth

![Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/08/1-bayreuth-festspielhaus-foto-patrik-kleinneu.jpg)

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

[Bayreuther Festspiele](http://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)

# ***Tristan und Isolde -*** **Richard Wagner**

**„Lass den Tag dem Tode weichen!“**

von   **Julian Führer**

![Richard Wagner © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/wagner_richard-wagner-foto-ioconeu.jpg)

Richard Wagner © IOCO

Die Handlung ist schnell erzählt: ***Isolde*** und ***Tristan*** lieben sich, ihre Liebe wird entdeckt, sie widerspricht den Konventionen der Gesellschaft, beide sterben. Um **Richard Wagner**s *„Handlung in drei Aufzügen“* ranken sich Geschichten und Legenden. Aus **Wagner**s Biographie heraus wurde das Liebespaar ***Tristan und Isolde*** mit **Wagner** selbst und **Mathilde Wesendonck** in Bezug gesetzt. Die Inszenierung von **Claus Guth** in Zürich (2008) und Düsseldorf (2010) war ganz diesem biographischen Ansatz verpflichtet. Andere wiederum betonen den musikgeschichtlichen Quantensprung, den die Partitur des ***Tristan*** darstelle; das Ausbrechen aus der bis dahin auch bei **Wagner** vorherrschenden harmonischen Struktur und die stark von Chromatik geprägte ganz neue Klangsprache. Ein dritter wesentlicher Aspekt der ***Tristan***\-Rezeption ist der ‚mörderische‘ Charakter der Partitur. Die Uraufführung des 1859 vollendeten Werkes war für 1862/1863 in Wien geplant, wurde jedoch nach über 70 Proben abgesagt; der ***Tristan*** der schließlich 1865 in München erfolgten Uraufführung, **Ludwig Schnorr von Carolsfeld**, starb wenige Wochen nach der Uraufführung mit nur 29 Jahren. Die Dirigenten **Felix Mottl** und **Joseph Keilberth** brachen während ***Tristan***\-Vorstellungen am Pult zusammen und starben.

![ Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan und Petra Lang als Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/tris_060719_348_enawrath_presseneu1.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan und Petra Lang als Isolde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

***Tristan und Isolde* \- 2015 von Katharina Wagner inszeniert**

Die Bayreuther Inszenierung von **Katharina Wagner**, die 2015 Premiere hatte und 2019 zum letzten Mal gezeigt wird, spitzt die Vorlage ihres Urgroßvaters noch einmal zu. Im ersten Aufzug ist ein Treppenlabyrinth zu sehen (Bühne: **Frank Philipp Schlößmann** und **Matthias Lippert**). Als der Vorhang sich öffnet, drängen ***Tristan*** (**Stephen Gould**) und ***Isolde*** (**Petra Lang**) bereits einander entgegen, mühsam von ihren jeweiligen Vertrauten ***Kurwenal*** (**Greer Grimsley**, am besuchten Abend mit einigen Intonationsproblemen) und ***Brangäne*** (souverän und ebenso stimmlich wie darstellerisch überzeugend: ***Christa Mayer***) gehindert. Die Liebe der beiden Protagonisten zueinander wird bei **Richard Wagner** an die Einnahme eines Liebestranks gebunden, doch wusste bereits **Thomas Mann**, dass dieser Liebestrank nur der Sichtbarmachung einer längst bestehenden Beziehung gilt. Wer den Text genau liest – und das hat **Katharina Wagner** zweifellos getan –, kann nicht über ***Isolde***s mehrfache Bekenntnisse ihrer Liebe zu ***Tristan*** hinweggehen, bevor der Liebestrank ins Spiel kommt. ***Tristan*** seinerseits ist im ersten Akt deutlich weniger von einem Willen getrieben als die nach Liebe und Rache dürstende ***Isolde***. ***Tristan*** ist auch in der Vorlage merkwürdig passiv und in jedem Akt bereit, sein Leben von ***Isolde*** oder König ***Marke***s Gefolgsmann ***Melot*** beenden zu lassen.

***Isolde*** fordert Rache für einen von ihr so empfundenen Verrat ***Tristan***s. Sie war mit dem Iren ***Morold*** verlobt gewesen, der im Kampf gegen Kornwall umgekommen ist. Aus Mitleid pflegt sie einen Krieger, von dem sie erst später bemerkt, dass er es war, der ihren Verlobten erschlug. Um Rache zu nehmen, erhebt sie die Waffe gegen den Verwundeten, ihre Blicke treffen sich, und sie ist unfähig, ihn zu töten. Der wieder gesund gepflegte ***Tristan*** erscheint nun einige Zeit später in Irland und will ***Isolde*** seinem Herrn König ***Marke*** als Braut zuführen. ***Isolde*** ist sprachlos ob des Verrats ***Tristan***s; gleichzeitig weiß sie, dass sie ***Marke*** wird heiraten müssen, wenn sie ihr Leben nicht beendet. Die Konsequenz ist für die im ersten Akt immer wieder vor Wut und Leidenschaft schäumende ***Isolde*** die Einnahme eines Todestranks und ein gemeinsames Gehen in den Tod mit dem geliebt-gehassten ***Tristan***.

![ Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan, Isolde, Melot, Brangäne, König Marke © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/tris_060719_293_enawrath_pressegutneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : Stephen Gould als Tristan, Isolde, Melot, Brangäne, König Marke © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Das Vorspiel zum ersten Aufzug wird vom Orchester unter **Christian Thielemann** erst sehr leise (im Auftakt zu leise), dann zunehmend dramatisch genommen. Das Orchester drängt chromatisch vorwärts, doch wird der berühmte ***Tristan-***Akkord keiner Auflösung zugeführt – dies geschieht erst am Ende des dritten Aktes.

Während langer Zeit (im Zwiegespräch zwischen ***Isolde*** und ***Brangäne*** wird hier die Vorgeschichte erzählt) versuchen ***Brangäne*** und ***Kurwenal*** in dieser Inszenierung eine direkte Begegnung der beiden Hauptfiguren zu verhindern; ***Kurwenal*** blockiert hierfür auch Wege im Treppenlabyrinth, während ***Isolde*** durch das Zerreißen ihres Brautschleiers keinen Zweifel daran lässt, dass sie die Eheschließung mit König ***Marke*** nicht geschehen lassen wird. Hochfahrend in ihrer Art, ironisiert sie in **Petra Lang**s Interpretation stimmlich die Aussagen ***Brangäne***s und ***Tristan***s. In einem entscheidenden Moment macht sich ***Isolde*** ein fahrbares Element des Bühnenbildes zunutze, um sich von den Vertrauten zu lösen und auf ***Tristan***s Ebene zu fahren. Im Text passt das zu ***Brangänes*** erschrockener Frage „*Was sinnst du? Wolltest du fliehn?“* ***Isolde*** tritt ***Tristan*** mit dem Todestrank (nicht dem Liebestrank!) gegenüber und fordert ihn auf, sich ihr zu stellen. Zum langen Orchesterzwischenspiel, das die erste direkte Begegnung der beiden Personen in diesem Stück illustriert, küsst ***Isolde Tristan*** – exakt zur Regieanweisung *„Isolde ist mit furchtbarer Aufregung in seinen Anblick versunken“.* ***Tristans*** erste Worte „Begehrt, Herrin, was ihr wünscht“ werden von ***Isolde*** mit „*Wüsstest du nicht, was ich begehre, da doch die Furcht, mir’s zu erfüllen, fern meinem Blick dich hielt?*“ erwidert – im Kontext von Bühnenbild und Inszenierung schlüssig. In kaum verklausulierten Worten gesteht sie ***Tristan*** ihre Liebe und äußert ihre Forderung, gemeinsam Sühne zu trinken: „*Was hast du mir zu sagen?“* ***Tristan*** weicht ***Isolde*** aus, willigt aber in die gemeinsame Einnahme des Tranks ein. Bei Wagner vertauscht ***Brangäne*** den Todestrank gegen den Liebestrank und löst damit die weitere dramatische Entwicklung aus; in der aktuellen Bayreuther Deutung hält ***Isolde*** tatsächlich den Todestrank in Händen, da die Verbindung zu den auf dem Bühnenboden verbleibenden Vertrauten unterbrochen ist.

Die folgende Szene ist optisch bezwingend gelöst: Die lange Orchesterpassage, die die Einnahme und das Wirken des Liebestranks illustriert, wird hier dahingehend zugespitzt, dass sich ***Tristan*** und ***Isolde*** jeweils den tödlichen Trank reichen, aber niemand zuerst trinken will. Parallel zum Kulminationspunkt des Orchesters verschütten beide Hand in Hand den Todestrank: Sie wollen sterben, gemeinsam, aber nicht in diesem Augenblick. Gemeinsam zerfetzen sie die Reste von ***Isoldes*** Brautschleier und reagieren nicht mehr auf die Warnungen der Vertrauten. **Stephen Gould** verkörpert einen zumindest stimmlich sehr kraftvollen ***Tristan***, der mühelos die tosenden Wogen des Orchesters übertrifft, während diese Figur in ihren Bewegungen unsicher wirkt und der vorantreibenden ***Isolde*** nicht gewachsen ist.

![ Riccardo Wagner _ hier eine Gedenktafel in Venedig © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/richard-wagner-tale-an-seinem-haus-venedigneu.jpg)

Riccardo Wagner \_ eine Gedenktafel in Venedig © IOCO

Das Vorspiel zum zweiten Aufzug ist sehr dramatisch bewegt; in Kornwall bei König ***Marke*** angekommen, wird eine nächtliche Jagdgesellschaft veranstaltet, die ***Tristan*** heimlich verlassen will, um ***Isolde*** zu treffen. Bei **Katharina Wagner** spielt die Lichtregie von **Reinhard Traub** eine bedeutende Rolle. ***Isolde*** und ***Brangäne*** befinden sich in einer Art Gefängnishof, der mit Folterinstrumenten zugestellt ist und von Suchscheinwerfern ausgeleuchtet wird. Hinter den Suchscheinwerfern erkennt man König ***Marke*** und seine Leute. In der Partitur **Richard Wagner**s ist von dem Licht die Rede, das ***Isolde*** löschen soll, um ***Tristan*** das Zeichen zu geben, dass er ungefährdet kommen kann; in der aktuellen Bayreuther Deutung wird das Licht von den Suchscheinwerfern verkörpert. ***Isolde*** ist sich vollkommen klar darüber, dass sie beobachtet wird. Wie im ersten Akt sind die Vertrauten im gleichen Raum anwesend; bei ***Tristan***s Auftritt, zu dem sich das Orchester und die Gesangstimmen buchstäblich überschlagen, bemühen sich ***Kurwenal*** und ***Brangäne***, angesichts von ***Marke***s Scheinwerfern das Liebespaar zu trennen, doch vergeblich. Ein langer Dialog thematisiert immer wieder das Licht, das als feindlich wahrgenommen wird, und zelebriert die Nacht als Gegenwelt. Licht und Tag werden ***Marke*** zugeordnet, Dunkelheit und Nacht hingegen dem Liebespaar, das sich unter einer Plane ***Marke***s Blicken mehr schlecht als recht entzieht und mit Plastikleuchtsternen die Illusion einer ungestörten Liebesnacht herbeiphantasiert. Dass diese eine Liebesnacht nur im Tod münden kann, ist beiden klar, nur sieht man dies selten so deutlich wie in dieser Umsetzung.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : vl Isolde, Brangäne (Christa Mayer), Kurwenal (Greer Grimsley) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/tris_050719_023_enawrath_presseneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tristan und Isolde - hier : vl Isolde, Brangäne (Christa Mayer), Kurwenal (Greer Grimsley) © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Das Orchester beruhigt sich zunehmend. ***Tristan*** und ***Isolde*** singen jetzt gemeinsam „*O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib Vergessen, dass ich lebe, nimm mich auf in deinen Schoß, löse von der Welt mich los“* – ihre Liebe ist ausweglos, der einzige Ausweg ist der gemeinsame Tod, es kann nur noch um den Weg dorthin gehen. ***Tristan*** und ***Isolde*** stehen nun mit dem Rücken zum Publikum; in einer raffinierten Projektion scheinen sie als Figuren in eine andere Welt hinüberzugleiten wie **Cocteau**s ***Orphée***, der durch Spiegel in die Welt des Todes hinübergehen konnte. Die Phrase „*Nie-wieder-Erwachens wahnlos hold bewusster Wunsch*“ markiert dieses endgültige Hinübergleiten in eine Welt ohne äußerliche Bedrohung. Obwohl die Stimmen nach hinten singen, kommen sie im Publikum perfekt dosiert an – sicherlich ein großer Probenaufwand.

Was das Orchester unter **Christian Thielemann** hier leistet, ist kaum in Worte zu fassen: Bratschen und Celli zart, fast pointillistisch wie in einem Werk des Impressionismus, leise, doch stets präsent, dabei in einem nie unterbrochenen Legato und immer fließend. ***Brangäne***s Ruf ist allein schon ein Meisterwerk der Instrumentationskunst: zwei erste Violinen spielen eine Stimme, zwei weitere erste Violinen eine zweite Stimme, je zwei zweite Violinen haben ebenfalls eine Stimme, dazu begleitet die Hälfte der ersten und zweiten Violinen, während die Bratschen geteilt sind und deren erste Hälfte eine Art Waldweben spielt – dies alles in einem Dreivierteltakt, der kaum wahrnehmbar ist. Das eigentliche Klangwunder des Bayreuther Festspielhauses besteht darin, dass von den Orchesterstimmen jede einzelne Note genau hörbar ist, während der begleitende ‚Teppich‘ die Stimmen umspielt. Dies gelingt aber nur mit dem richtigen Dirigenten.

Wenn ***Isolde*** alleine singt, betont sie die Liebe; wenn ***Tristan*** alleine singt, betont er den Tod. Von ihm geht auch die Phrase aus „*So starben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End‘, ohn‘ Erwachen, ohn‘ Erbangen, namenlos in Lieb‘ umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe zur zu leben*“. Auf der Bühne herrscht zunehmende Todessehnsucht, durch ***Brangäne***s Warnung aus der Ferne, die Nacht neige sich dem Ende zu, noch verstärkt. ***Isolde*** singt „*Lass den Tag dem Tode weichen! … Ewig währ‘ uns die Nacht!“:* Das Paar versucht sich die Pulsadern aufzuschlitzen, während das Orchester zunehmend unruhig wird, von **Christian Thielemann** immer weiter angetrieben. ***Tristan*** und ***Isolde*** knüpfen sich zwei Schlingen, und zu den Worten „ewig, endlos höchste Liebeslust!“ lassen sie sich in die Schlingen fallen, als zu einem ungemein dissonanten Akkord des gesamten Orchesters ***König Marke*** und seine Mannen auftreten und den gemeinsamen Tod des Paares unmöglich machen.

***Tristan*** kommentiert das Auftreten seines Herrn einzig mit „*Der öde Tag zum letzten Mal!*“. Der folgende Monolog ***König Marke*s** (vom Orchester sparsam, aber mit sehr weicher Bassklarinette begleitet) ist eine Anklage an ***Tristan***s Adresse, aber auch Ausdruck von Verzweiflung und Selbstanklage. **Georg Zeppenfeld** ist ein jugendlicher ***Marke*** mit balsamischer Stimme, die in allen Lagen perfekt zur Rolle passt. ***Marke***, der auf ***Melot***s Betreiben ***Tristan*** ausspioniert hat, verliert in ***Tristan*** seinen treuesten Gefolgsmann, in ***Isolde***, die ihn sichtlich nicht will, die Braut, und durch sein Verhalten die Ehre. **Christian Thielemann** lässt die Bratschen und Celli gemäß der Partitur in einem das Festspielhaus vibrieren lassenden Fortissimo tremolieren, als ***Marke*** sich seiner Situation bewusst wird: *„Die kein Himmel erlöst, warum mir diese Hölle?“* Er erhält keine Antwort, ***Tristan*** spricht nur mit ***Isolde***, die ihrerseits im gesamten Stück nie ein Wort zu ***Marke*** spricht. Die Liebenden haben mit der Welt des Tages nichts mehr zu tun. ***Tristan***, von ***Melot*** mit einer Augenbinde versehen, erwartet in jedem Augenblick den Tod. ***Marke*** packt ***Isolde*** und zerrt sie mit sich fort, dabei drückt er ***Melot***, ***Tristan***s Freund, das Messer für den tödlichen Streich in die Hand. ***Tristan***, der nichts sehen kann, spricht noch zu ***Isolde***, die längst nicht mehr auf der Bühne ist, und wird dann von ***Melot*** niedergestreckt. Ein starkes Bild.

Im dritten Aufzug ist die Bühne zunächst praktisch leer. Rechts am Rand liegt der bewusstlose ***Tristan***, umgeben von ***Kurwenal*** und einigen Getreuen mit Grablichtern. Das Vorspiel nimmt **Christian Thielemann** gemäß der Partituranweisung im Forte (und nicht im Fortissimo wie manche andere) Scheinbar endlos in die Höhe steigende Terzen und traurige Figuren in Streichern und Holz münden in ein mehrminütiges Englischhornsolo, das perfekt ausgeführt war und nur durch die Huster des Publikums gestört wurde. Es folgt ein fast 45-minütiger Monolog ***Tristan***s, nur selten durch einen Einwurf ***Kurwenal***s unterbrochen. ***Tristan*** hat erhebliche Mühe zu begreifen, wo er sich eigentlich befindet, fragt dann nach ***Isolde*** – als ***Kurwenal*** ihm eröffnet, dass ***Isolde*** unterwegs zu ihm ist, brechen bei ihm alle Dämme.

**Tristan und Isolde - Christian Thielemann - hier 2016 im Interview - Gedanken zu Bayreuth, Tristan und mehr** youtube Trailer von BR Classic **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Das Orchester peitscht hoch, **Stephen Gould** wächst über sich selbst hinaus. Sicher ist diese Partie ‚mörderisch‘, allerdings hatte **Wagner** selbst im zweiten und dritten Aufzug Striche von insgesamt fast 170 Takten gesetzt, die allerdings bis heute meist gespielt werden, weil der Uraufführungs-***Tristan*** **Schnorr von Carolsfeld** darauf bestand, die gesamte Partie ohne Striche zu singen. **Stephen Gould** scheint über unbegrenzte Kräfte zu verfügen. Dieser Ausnahmesänger, der in dieser Festspielsaison auch noch alle Vorstellungen des ***Tannhäuser*** singt, hat aber nicht nur Kraft, sondern auch die Möglichkeit, seine Stimme zu verändern; nur selten stemmt er die Töne, meist phrasiert er in nachvollziehbarer Weise. Dass im dritten Akt des ***Tristan*** kein Belcanto gefragt ist, versteht sich von selbst. Hier fiebert ein tödlich Verwundeter im Todesrausch, und so hört es sich auch an, während **Christian Thielemann** im Graben jedes Kammerflimmern und jeden Fieberschub hör- und erfahrbar macht. Auf der Bühne sieht man immer wieder ***Isolde*** in einer Art dreieckigem Zelt, doch sind diese ***Isolde***n mal kopflos, mal brechen sie auseinander, mal fallen sie von weit oben auf die Bühne und verschwinden ebenso abrupt im Dunkel, wie sie aufgetreten sind. Dieser Kniff der Regie ist eigentlich eher simpel, aber auch sehr wirkungsvoll. Als ***Isolde*** endgültig zu kommen scheint, sieht ***Tristan*** im Wahn (und mit ihm das Publikum) mehrere ***Isolde***n gleichzeitig.

Die nächste Szene wird von **Katharina Wagner** eher klassisch inszeniert: ***Tristan*** stirbt tatsächlich bei ***Isolde***s Ankunft. Bald treten König ***Marke*** und ***Melot*** in Begleitung ***Brangäne***s auf, ***Melot*** und ***Kurwenal*** sterben gewaltsam. ***Isolde*** nimmt ***Marke*** nicht wahr und hört auch ***Brangäne*** nicht zu. Die Regie geht hier über die Worte ***Marke***s hinweg, der eigentlich von ***Brangäne*** über den Liebestrank in Kenntnis gesetzt worden ist und sein verzeihendes Bedauern äußert. Es bleibt der berühmte „Liebestod“. ***Isolde*** steigert sich in eine weltvergessene Verfassung hinein und *„sinkt, wie verklärt, in Brangänes Armen sanft auf Tristans Leiche*“, so jedenfalls die Regieanweisung. **Petra Lang** singt diese Passage eher zurückhaltend, aber nicht aus stimmlicher Erschöpfung heraus. Sie hält ihren toten ***Tristan*** im Arm und singt, vom fast durchgehend sehr leise und zart spielenden Orchester begleitet, bis zu ihrem letzten Ton. Als das Sehnsuchtsmotiv zum letzten Mal ertönt, packt ***Marke*** seine Braut ***Isolde*** und zerrt sie mit sich fort – wie schon zum Schluss des zweiten Aktes. Das Ende der Nacht bedeutet für beide den Tod: für ***Tristan*** als Ende der physischen Existenz, für ***Isolde*** das Ende der Liebe und ein Leben an der Seite eines ungeliebten und durchaus herrisch-brutalen Mannes, gleichsam ein emotionaler Tod. Fassungslos blickt ***Brangäne*** ihrer Herrin nach und schaut dann auf ***Tristan***s Leiche, während **Christian Thielemann** im Orchester den Schlussakkord formt, lange ausgehalten und im zweiten H-Dur-Akkord mit starker Grundierung in den tiefen Streichern.

Allein dieser Schlussakkord hätte den Besuch gelohnt. Die Inszenierung, die oft als düster kritisiert wurde, hat ein Konzept und eine bis zum Ende durchgehaltene Charakterisierung der Personen, sie stellt eine teilweise Neudeutung zur Diskussion und liefert damit mehr als manch andere Bayreuther Inszenierung des letzten Jahrzehnts. Für **Christa Mayer**, **Georg Zeppenfeld**, **Petra Lang** und **Stephen Gould** gab es viele Ovationen und Bravos, für **Christian Thielemann** kannte der Jubel des Publikums keine Grenzen.

\---| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |---