> ## Content Index
> Fetch the complete content index at: https://www.ioco.de/llms.txt
> Use this file to discover other available public pages before exploring further.

# Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tannhäuser - Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.08.2019
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-2019-tannhaeuser-richard-wagner-ioco-kritik-28-08-2019/
- Published: 2019-08-28T07:00:13.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:57:48.000Z
- Author: Redaktion
- Tags: Konzert & Liederabend, Beethoven, Robert Schumann, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Schumann, Bayreuth

![Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/08/1-bayreuth-festspielhaus-foto-patrik-kleinneu.jpg)

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

[Bayreuther Festspiele](http://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)

# ***Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg***

# ***Tobias Kratzers furiose Deutung - mit Witz und Tiefgang***

von **Patrik Klein**

In der letzten Vorstellung einer Produktion der Festspielsaison auf dem **Grünen Hügel** dabei zu sein, wie am **25.8.2019** im **Tannhäuser,** birgt eine Reihe von Vorzügen. Musikalisch und szenisch durften sich alle Beteiligten nach intensiven Probenwochen und bis dato fünf Aufführungen weiterentwickeln und verbessern. Der interessierte Wagnerfreund konnte die Eröffnung der Festspiele im Livestream im Internet verfolgen, sah danach die Aufzeichnung dieser Aufführung im öffentlichen Fernsehen noch einmal und machte sich zudem ein Bild von unterschiedlichsten Interpretationen und Bewertungen in den öffentlichen Medien. Eine vorgefasste Meinung musste sich folgerichtig einstellen.

 ***IOCO -*  Auch bei der *Tannhäuser* Dernière - Bayreuther Festspiele 2019**

Aber weit gefehlt: Sitzt man denn nun auf seinem Platz im **Festspielhaus,** mittig in Reihe 25 und lauscht, schaut mit höchster Konzentration in Richtung Bühne, wo nichts, aber auch gar nichts vom Geschehen dort ablenkt, so ist die Wirkung der Musik und der optischen Komponente dichter, unter die Haut gehender, eindringlicher und berauschender. **Richard Wagner** wusste sehr genau, was er damals tat, als das Festspielhaus 1876 eröffnet wurde und seine Idee vom Gesamtkunstwerk Realität zu werden begann.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-1-tann_2019_1_i_enriconawrath_1neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

**Wagners** fünfte vollendete Oper **Tannhäuser,** die er ab 1842 komponierte, stand 2019 auf dem Spielplan der **Bayreuther Festspiele**. Sie beruht auf zwei ursprünglich unabhängigen Sagen, der von **Heinrich von Ofterdingen** und dem ***Sängerkrieg auf der Wartburg*** zur Zeit Landgraf **Hermanns I. von Thüringen** einerseits, sowie der vom ***Tannhäuser,*** der für sein Verweilen im Venusberg Vergebung bei **Papst Urban IV.** suchte. Wagner kam auf die Idee, sie zu einer Handlung und die Figuren des **Heinrich von Ofterdingen** und des ***Tannhäuser*** zu einer Gestalt zu verschmelzen. Das Textbuch und die Partitur entstanden mit Unterbrechungen innerhalb von drei Jahren, die Uraufführung fand am 19\. Oktober 1845 im **Königlich Sächsischen Hoftheater** in Dresden statt. Mehrere Umarbeitungen, Ergänzungen und Kürzungen führten zu unterschiedlichen Fassungen des Werkes. Wagner war nie ganz zufrieden mit seinem **Tannhäuser,** wollte ihn noch einmal komplett überarbeiten. *„Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“.* Dazu kam es aber nicht mehr. In Bayreuth wird die sogenannte Dresdner Fassung von 1860 gespielt, die durch einige Kürzungen der Urfassung gekennzeichnet ist.

Zwei Debuts gab es zu feiern. Regisseur **Tobias Kratzer,** 39-jähriger deutscher Opern- und Schauspielregisseur, hatte bereits mehrere erfolgreiche Wagnerinterpretationen in seiner Vita zu verzeichnen. Er bringt mit seiner sehr nahe an **Wagners** Text angesiedelten ironischen und damit distanziert grenzüberschreitenden, temporeichen, farbenfrohen, tiefsinnigen und mit Videosequenzen unterstrichenen Interpretation des Tannhäusers das Publikum zum Schmunzeln, zum Lachen und Staunen, hält ihm humorvoll den Spiegel vor, ohne ins Triviale, Banale oder Oberflächliche abzugleiten. Kratzer sieht die Oper als ein Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener, aber zum Scheitern verurteilten Lebenskonzepte und Kunstformen, die Welt der anarchischen Venus mit einem tragi-komischen **Tannhäuser** im Horrorclownkostüm einerseits und die Welt der Hochkultur auf dem Bayreuther Festspielhügel mit dem einst aus dem Sängerensemble entlassenen und später zurückkehrenden **Tannhäuser.** Das Stück endet erlösungslos und tragisch.

Auch **Valery Gergiev** dirigierte zum ersten Male auf dem **Grünen Hügel**. Der wegen seiner politischen Ansichten und angeblichen "Putinnähe" nicht unumstrittene Maestro wurde noch bei der Eröffnungspremiere von einigen Zuschauern ausgebuht. Es gab anscheinend zu wenig Proben und zu viele parallele Aufgaben für ihn neben **Bayreuth** u.a. in **Salzburg** und **Verbier**. Dadurch wurde er der anspruchsvollen Akustik und den klanglichen Besonderheiten des **Bayreuther Festspielgrabens** nicht ganz gerecht. Einige Male war das Orchester schleppend hinter die Sänger geraten, aber auch bei der Interpretation der Orchestermusik wirkte der Klang oft ohne Linie, wenig gebunden und etwas glanzlos. In der letzten von sechs Aufführungen, von denen er eine wegen eines familiären Trauerfalls nicht dirigieren konnte und **Christian Thielemann** spontan einspringen musste, sind die akustischen Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und Sängern bzw. Chor weitgehend ausgeräumt. **Gergiev** lässt das **Festspielorchester** insgesamt temporeicher, luftiger und straffer erklingen. Er findet auch konsequent seinen dynamischen Interpretationsansatz, der sich durch eine gewisse Reduzierung der Linie und dafür einer des Öfteren staccatoartigen Rhythmenbetonung auszeichnet. Das Publikum feiert ihn am Ende mit frenetischem Beifall, der doch noch, warum auch immer, von einigen Buhs durchsetzt ist.

**Tobias Kratzer** und sein Team (**Rainer Sellmaier**, Bühne und Kostüme; **Reinhard Traub**, Licht und **Manuel Braun**, Video) machen bereits im **Vorspiel** deutlich, unter welchem Motto sie ihre Interpretation sehen wollen. **Wagners** früh in seiner Revolutionszeit entstandenes Zitat "*Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen*" begegnet uns immer wieder an diesem Abend im **Festspielhaus**.

**Tannhäuser 2019 - Gespräch mit Klaus Florian Vogt, Travestieshow ...** youtube Trailer von KlassikRadio **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Statt den **Hörselberg** bei Eisenach im 13\. Jahrhundert zu erblicken, fliegt man im Video-Drohnenflug über die **Wartburg**, Thüringens Wälder und über grünzerschneidende Asphaltstraßen. Ein altes klappriges Citroenwohnmobil aus den 1970er Jahren mit gelbgrünem Plastikhasen (Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung) auf der Dachfront (eine Anspielung auf **Schlingensiefs** Parsifalhasen? Oder auf **Joseph Beuys** Performance von 1965 *„Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“?*) rauscht durch das satte Grün. Hier denkt man unweigerlich an die serbische Performancekünstlerin **Mirina Abramovic**, die eine Art fließenden Übergang zwischen Kunst und dem realen Leben markiert. *Die wilde Fahrt* führt vorbei an einer Biogasanlage, an deren Hinweisschild ein Beschäftigter ein Plakat überklebt mit der Aufschrift *"mangels Nachfrage geschlossen"* (**Sebastian Baumgarten**s **Tannhäuser** von 2011?). Ein Clown winkt aus dem vorbeirauschenden Citroen.

Nun erstmals real auf der Bühne des Festspielhauses erblickt man die Insassen des Fahrzeugs. Am Steuer dieses antibürgerlichen Ensembles lenkt Göttin **Venus** die Geschicke der Mitfahrenden. Beifahrer ist **Tannhäuser** im Clownoutfit und zwei weitere Figuren, zum einen der frühreife **Oskar Matzerath** aus **Günter Grass´ *Blechtrommel*** *,* dem die Erwachsenenwelt gar nicht gefiel, dargestellt von dem wunderbaren Bremer Schauspieler **Manni Laudenbach** und zum anderen eine *Drag-Queen,* also ein Mann im Outfit einer Frau, dargestellt von dem Künstler **Le Gateau Chocolat*.* Brause aus dem Tütchen lutschend, voller Lust, Energie und einer gewaltigen Portion Übermut genießen sie zügellos die Reise. Als das Benzin zur Neige geht, nichts mehr zu Essen in der Kühlbox verbleibt, steuert man ein Fast Food Restaurant an, bestellt Burger ohne zu zahlen, stiehlt Benzin aus Fahrzeugen in einer Tiefgarage, klemmt Zettel mit **Wagners** Motto hinter die Wischerblätter, treibt das kriminelle Handeln auf die Spitze, in dem man einen Wächter kurzerhand überfährt, weil dieser sie erwischt und stellen will.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-2-tan_150719_025_enriconawrath_presseneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Dem im Clownkostüm steckenden **Tannhäuser** wird das nun doch zu viel. Gedankenvertieft wird er mit **Botticellis** Kunstwerk „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485 in Verbindung gebracht. Das Quartett landet mittlerweile an einem verkitschten Überbleibsel deutscher Märchenkultur, einem Eingangshäuschen eines Freizeitparks mit Parkplatz und noch geschlossener Imbissbude, Zwergen im Vorgarten und **Frau Holda** aus dem Giebelfenster lugend. Als die **Sirenen** von der glühenden Liebe zu singen beginnen, packen die drei Insassen ihr Picknick aus, die Burger King Krone mittlerweile auf dem Schopfe der Drag-Queen sitzend. **Tannhäuser** hingegen ist nachdenklich und traurig. "*Zu viel. Zu viel. O dass ich nun erwachte*".

**Stephen Gould** leistet in dieser Festspielsaison Unglaubliches. Neben dem **Tannhäuser** wuchtet er noch einige **Tristanrollen** mit Bravour und Durchhaltevermögen auf die Bühne des Festspielhauses. Das gab es in **Bayreuth** bislang lediglich in den 1960er Jahren, zu **Wolfgang Windgassens** Zeiten, als dieser nahezu alle Heldentenorpartien inne hatte. Völlig unbeeindruckt von dieser Mammutaufgabe wirkt seine stählerne und kraftvolle Spinto-Stimme fokussiert, durch Textverständlichkeit und Formgebung geprägt, absolut sauber und spielerisch leicht. Selbst im dritten Aufzug gelingt ihm, da er seine Kräfte gut aufgeteilt hatte, die "Romerzählung" mit frischer, hoher Strahlkraft und feiner Diktion. Dafür bekam er am Ende des Abends entsprechend großen Beifall des Bayreuther Publikums.

Im **ersten Aufzug** nun hält der Protagonist **Wagners** Partitur des **Tannhäusers** als Symbol einer geregelten Kunst und der konkurrierenden Lebensform zur Welt der ***Venus*** in den Händen. Er beklagt die Situation voller Sehnsucht und träumt von seiner Vergangenheit auf der Wartburg. Er reißt seine Clownperücke vom Schopfe, verlangt nach dem Duft und Klang des Waldes und nach dem Heil **Marias*,* der Gegenfigur der **Venus*.* Er packt die **Tannhäuser*partitur* in seinen Rucksack, überwindet die heftige Gegenreaktion der Göttin **Venus,** die noch einmal erfolglos alle ihre Verführungskünste aufbringt und ihn sogar noch einmal in den Bus zerrt. Aber es ist zu spät. **Tannhäuser** hat sich entschieden, sein Heil in der Gemeinschaft, aus der er einst entlassen wurde, zu suchen. **Venus** verflucht eifersüchtig das männliche Geschlecht.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-3-tan_150719_092_enriconawrath_presse_neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Die erfahrene russische Mezzosopranistin **Elena Zhidkova,** die als ***Venus*** für die bei den Proben verletzte **Ekaterina Gubanova** einspringen musste, singt und vor allem spielt die Rolle der "wieselflinken", oft komischen und geschmeidigen **Venus** mit körperlichem Einsatz, einer Brise Sexappeal und vor Allem einer superb geführten Stimme. Mit viel Kraftaufwand gelingt ihr der dynamische Bogen von der verliebten Verführerin bis zur aufbrausenden Matriarchin, was jedoch besonders im dritten Aufzug etwas auf Kosten der Textverständlichkeit geht. Auch sie erhält am Ende vom Publikum reichliche Beifallsstürme.

Alleine auf der Bühne liegend begegnet **Tannhäuser** nun dem jungen **Hirten** (in Bayreuth ist der Hirte eine junge Türschließerin in blauer Uniform), der mit dem Fahrrad anhält, den Sonderling im Clownkostüm neugierig betrachtet und versucht, ihn durch seinen Gesang aufzumuntern. **Katharina Konradi,** unlängst Ensemblemitglied und Publikumsliebling an der **Staatsoper Hamburg,** gab ihr kurzes, aber bravouröses Bayreuthdebut mit strahlend klarer, feinst geführter Sopranstimme.

Der erste Chor der **Pilger** erklingt bei sich öffnendem Bühnenbild, welches eine Kopie des **Bayreuther Festspielhauses** mit herannahenden "Wagnerianern" in Abendkleidern, Smoking und Programmzettel freigibt. "*Am hohen Fest der Gnad\` und Huld, in Demut sühn ich meine Schuld*" klingt es aus ihren Kehlen. Darf man sich als regelmäßiger Hügelgast hier bereits ertappt fühlen? **Tannhäuser** ist weiter im Dialog mit dem jungen **Hirten,** dabei den "Pilgern" zuschauend. Er trifft nun auf den Jagdtross des **Landgrafen*.* Es sind seine ehemaligen Sängerkollegen, aus deren Mitte er aus zu vermutenden Gründen entlassen wurde. Männer in historischen Kostümen, eben die Darsteller des **Tannhäusers** auf dem **Grünen Hügel** mit Künstlerzugangsberechtigtenausweis und Flaschenbier*. *Heinrich** ist in seinem Clownkostüm kaum für sie zu erkennen. Unsicher ob Freund oder Feind begegnen sie sich. Als er schließlich erkannt wird, fordern sie **Tannhäuser** zum Verbleib bei ihnen auf, auch wegen **Elisabeth**. Diese erscheint, mustert ihn und gibt ihm eine heftige Ohrfeige. Da muss also etwas in der Vergangenheit gewesen sein. Doch die Schmeicheleien der ehemaligen Sängerkollegen zeigen Wirkung. Anhand der Partitur erkennt ***Tannhäuser*** seine schöne ehemalige Welt der "Bayreuther Hochkultur" wieder und will zurück zu ***Elisabeth.*** Der Clownmantel fliegt im hohen Bogen ins Gras des gepflegten Festspielrasens, währenddessen der alte Citroen vorfährt und die drei Insassen ratlos auf das Geschehen blicken.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-4-tan_150719_008_enriconawrath_presseneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

In der ersten einstündigen Pause gewähren die Künstler um **Le Gateau Chocolat** den vielleicht ratsuchenden, diskutierenden und sich erholenden Festspielpilgern am Teich unterhalb des Opernhauses einen Einblick in ihre Kunst. Die *Drag-Queen* singt *„Dich teure Halle…*“ transponiert für Bassbariton, aber auch einige kabarettartige Stücke, während **Oskar** mit dem Gummiboot und mit Megaphon bewaffnet durch den Teich pflügt. **Venus** hat am Ufer inzwischen das immer wiederkehrende Motto gepinselt und tanzt wie in Trance zu den verstärkten Rhythmen aus den Lautsprechern.

Im **zweiten Aufzug** sehen wir uns als Fiktion dem Theater im Theater gegenüber gestellt. Die Bühne ist horizontal geteilt. Auf der oberen Fläche bringen Videoprojektionen Einblicke hinter die Kulissen und im unteren Teil erblickt man den historischen Festsaal der Wartburg. Wir befinden uns zunächst in den Katakomben des **Festspielhauses.** **Elisabeth** schminkt sich in ihrer Garderobe und bereitet sich auf ihre Hallenarie vor. Nervös und voller Lampenfieber läuft sie hinter der Bühne auf und ab. Inspizient und Bühnenarbeiter im routinierten Arbeitsprozess öffnen den Vorhang.

**Lise Davidsen**, die 32jährige lyrisch-dramatische Sopranistin aus Norwegen singt die Partie der **Elisabeth** mit atemberaubender Leichtigkeit, sowohl mädchenhaftem Feingespür aber auch metallischem Glanz und dramatischen Ausbrüchen in den ihr mühelos geratenen Spitzentönen. Eine wirkliche Entdeckung bei diesen Festspielen und eine Ankündigung einer großen Karriere, wenn man sie im Opernzirkus nicht vorschnell verheizt. Auf die **Sieglinde** im neuen **Bayreuther Ring 2020** darf man sich bereits jetzt freuen. Am Ende der Vorstellung erntet sie mit Abstand die größten Beifallskundgebungen.

**Wolfram*, *Tannhäuser** und **Elisabeth** begegnen sich nun auf den Brettern, die diese Welt zu bedeuten scheinen. **Wolfram** bleibt im Hintergrund und beobachtet eifersüchtig den Dialog der beiden einander Begehrenden. **Tannhäuser*s* Fortgang in die konkurrierende Welt des „**Hörselberges“** hatte bei ihr tiefe Wunden hinterlassen und sogar einen gescheiterten Selbstmordversuch ausgelöst*. *Tannhäuser** versucht seine Rückkehr zu erklären*. *Wolfram** ist verzweifelt, während sich das Liebespaar in die Arme fällt. Nun erscheint der **Landgraf*,* gesellt sich zu der nachdenklichen **Elisabeth** und erläutert ihr das bevorstehende Sängerfest, bei dem sie dem Gewinner als Braut dienen soll.

Der dänische Bass **Stephen Milling** ist an diesem Abend mit gediegener und großer Stimme bei der Sache. Wuchtig und dennoch fein geführt mit genauer Phrasierung gestaltet er textverständlich den Führer des Landes, der seine Nichte dem hehrsten Sänger und Künstler verspricht.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-5-tann_2019_2_ii_enriconawrath_neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Trompeten erschallen beim Einmarsch der **Edlen** des Landes. Die Blicke hinter die Kulissen in den Videoprojektionen mischen die verschiedenen Sichtweisen zu einem ungewöhnlichen, reizvollen Zuschauerempfinden. **Venus*, *Oskar** und **Le Gateau Chocolat** treffen auf dem **Grünen Hügel** ein und versuchen während der Vorstellung in das verschlossene Gebäude einzudringen. Wir sind in permanent medienwirksamer Zeit "Live". Erst mit einer Leiter über den Mittellogenvorbau und Königsbalkon des Hauses gelingt ihnen der Eintritt über ein unverschlossenes Fenster. Noch bevor sie einsteigen, wird ein Banner mit **Wagner**s frühem Motto über dem Geländer ausgerollt. Währenddessen besingt man im Inneren die teure Halle, die die Kunst und den Frieden bergen soll. Unerkannt und unbedrängt schleichen sich die Eindringlinge in die Garderoben, überwältigen eine **Edeldame,** in deren Kostüm **Venus** schlüpft und sich polternd in die zelebrierende Menge mischt. **Chocolat** läuft durch den Gang mit Bayreuths Dirigentenportraits und bleibt kurz vor den Fotos von **James Levine** und **Christian Thielemann** stehen. **Oskar** und die **Drag-Queen* v*erstecken sich in den Kulissen. Der Landgraf stellt die Frage nach der Ergründung des Wesens der Liebe an die anwesende Ritter- bzw. Sängerschaft und verspricht dem Sieger seine Nichte zur Frau. **Venus** lässt ihren Emotionen überdeutlich freien Lauf und fällt zudem wegen grober Unkenntnis der eingespielten Rituale unangenehm auf.

**Wolfram von Eschenbach** beginnt bei Harfenklängen mit seinem Vortrag und gibt seine Vorstellung vom Wesen der Liebe zum Besten. **Venus** gähnt gelangweilt von seiner Kunst. **Tannhäuser** hingegen schmunzelt und scheint anderen Gedanken zu folgen. Seine Sängerkollegen klopfen ihm Mut machend auf die Schultern, bevor er auf das Sängerpodium tritt. Deutlich emotionaler, frischer und moderner klingt sein Vortrag, den er direkt an ***Elisabeth*** richtet, nicht ohne immer wieder Einwürfe seiner konkurrierenden Mitstreiter zu parieren.

Die Sängerschaft der Wartburg wird gestaltet von **Daniel Behle** als **Walther von der Vogelweide** mit solidem Tenor, **Kai Stiefermann** als ***Biterolf*** mit sicher geführter Baritonstimme, dem Spanier **Jorge Rodriguez-Norton** als **Heinrich der Schreiber** mit sicherer, glänzender Tenorstimme und **Wilhelm Schwinghammer** als ***Reinmar von Zweter,*** der neben der Rolle des Nachtwächters in den Meistersingern und seinem phänomenalen **Titurel** in Bayreuths laufender Parsifalproduktion, seinen tiefen Bass eindrucksvoll zur Geltung bringt.

**Venus** ist entzückt. **Oskar** und **Chocolat** treiben sich unentwegt amüsierend, stöbernd in den Hinterbühnen herum. **Tannhäusers** Vortragskühnheit erregt mittlerweile allgemeinen Widerspruch seiner Konkurrenten und der gesamten Zuhörerschaft, so dass er nun die "Katze aus dem Sack" lässt und zugibt, "*höchste Liebe im Venusberg"* kennengelernt zu haben. Mittlerweile hat sich **Venus* i*hres Kostüms als **Edeldame** entledigt und gibt sich der entsetzten Gesellschaft tanzend auf einer Bank zu erkennen.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-6-tann_2019_3_ii_enriconawrath_neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

**Chocolat** und **Oskar** kommen dazu und bringen das Fass zum Überlaufen. Teile der edlen Leute fliehen voller Entsetzen. **Elisabeth** muss einschreiten, um zu verhindern, dass **Tannhäuser** der Selbstjustiz der Gesellschaft zum Opfer fällt. Sie bringt stattdessen Gottes Wille des unglücklich beherrschten Opfers ins Spiel. Beschämt treten die vier Omnibusinsassen vom Sängerpodium und aus dem Rahmen der Bühnenumfassung. ***Tannhäuse*r** und **Venus** umarmen sich nochmals bevor sich **Elisabeth** in Trauer zunächst abwendet. Dann schreitet sie aber zu den vier Ausgegrenzten. Im Video sieht man die Hügelchefin **Katharina Wagner** die Reißleine ziehen und den roten Knopf zur Polizei drücken. Diese erscheint wenig später mit Blaulicht und Martinshorn, erblickt das illegale Banner und betritt die Bühne mit entsicherten Waffen. **Tannhäuser** wird verhaftet und abgeführt. **Venus*, *Oskar** und **Chocolat** sind, wie der Vampir beim Morgengrauen, voller Entsetzen. Sie bleiben vor der mit einer regenbogenfarbenen Flagge verhüllten Harfe alleine zurück.

Der zweite Aufzug hat dann auch wohl die Gemüter der lauschenden und gelegentlich sich die Augen reibenden Zuhörerschaft erregt. Riesiger Applaus und zum Teil heftige Gegenreaktionen prägen die Minuten vor verschlossenem Vorhang.

Das Spiel mit Realität und Illusion von **Tobias Kratzer** geht auch in der zweiten Pause weiter, denn das Banner mit **Wagners** Motto hängt weiterhin und diesmal live über dem Geländer des Mittelvorbaus des Festspielhauses.

Im **dritten** Aufzug kippt die Stimmung völlig, die beiden so verschiedenen Systeme brechen zusammen. Eine Metaebene durch Videoeinspielungen entfällt. Wir befinden uns in einem Tal vor der **Wartburg** auf einem heruntergekommenen Autofriedhof. Man sieht den schrottreifen Citroen und umliegende Trümmerteile. **Oskar** ist zunächst der einzige Mensch auf der Bühne. Er haust in dem Autowrack und kocht sich gerade in seiner alten Blechtrommel Dosensuppe, zerreißt ein mittlerweile bekanntes Plakat und verschwindet mit dem aufgerollten Papier hinter dem Fahrzeug. Die Venusbergidylle ist dahin. Nun erscheint **Elisabeth** nachdenklich und scheinbar **Tannhäuser** suchend. Sie vermutet ihn im Bus, trifft aber nur **Oskar** an, mit dem sie gemeinsam aus seiner Trommel von der Suppe löffeln. Aus dem Off kommt nun neben **Elisabeth** der zweite Gescheiterte **Wolfram** dazu, die Angebetete zurückgewinnen wollend. **Elisabeth** jedoch ist verletzt und wütend auf **Tannhäuser**, der ja fern von ihr im Gefängnis weilt. Der **zweite Chor der Pilger** kündet von der frommen Weise, die der empfangenen Gnade Heil verkünden soll.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-7-tan_110719_404_enriconawrath_presseneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Der **Chor der Bayreuther Festspiele** mit seinen über 150 Mitgliedern aus den besten internationalen Opernchören liefert an diesem Abend wieder eine Weltklasse Leistung ab. Unter der Leitung von **Eberhard Friedrich** bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten, ist er das Maß aller Dinge in Sachen Wagnerchorgesang, Präzision, Textverständlichkeit, Klang und Fülle…alleine wegen ihm lohnt sich bereits eine Anreise nach **Bayreuth**.

Anstatt aus Festspielgästen oder Edelleuten besteht er nun aus rückgekehrten Müllsammlern, Vertreter eines Prekariats ohne politischen Halt, gestrandeten und verwahrlosten Persönlichkeiten. **Tannhäuser** ist nicht dabei. Das steigert **Elisabeths** Verzweiflung noch einmal. **Wolfram** versucht die Situation für sich auszunutzen, in dem er ins Clownkostüm und Maske **Tannhäusers** schlüpft. Davon lässt sich **Elisabeth** blenden und schläft mit ihrem Traumbild auf der Pritsche des alten Citroens. Voller Scham und Verzweiflung und mit heruntergerissener Perücke folgt nun **Wolframs** *"Lied an den Abendstern".*

Der aus dem Schwarzwald stammende Bariton **Markus Eiche** stellt geradezu eine Idealbesetzung des **Wolframs** dar. Sowohl die lyrischen, als auch die dramatischen Elemente beherrscht er wie kaum ein anderer. Besonders deutlich wird dies im dritten Aufzug, als er im Clownkostüm mit **Elisabeth** schläft und anschließend mit emotionaler Tiefe und feinster Stimme den Abendstern besingt. Eine Sternstunde der Gesangskultur. Größter Jubel für ihn am Ende der Vorstellung.

**Elisabeth** lehnt mittlerweile außerhalb des Fahrzeugs an der Karosserie und lässt sich von ***Oskar*** trösten. Die riesige Drehbühne beginnt zu rotieren und setzt ein Reklameschild frei. Man erfährt, dass **Chocolat** aus dem Gespann mit **Venus** und **Oskar** ausschied, Karriere gemacht und sogar eine Uhrenkollektion herausgebracht hat. Dann erscheint, allerdings zunächst unerkannt, **Tannhäuser,** aus dem Knast entlassen, völlig heruntergekommen mit schulterlangen Haaren doch noch. Er kann sich immer noch nicht entscheiden. Will er nun zu **Venus*,* oder doch lieber zu **Elisabeth*. *Wolfram** zieht aus **Tannhäuser*s* mitgebrachten Plastiktüten die Partitur des Werkes, den wahren Halt zur Kunst und liest die aktuelle Stelle der Verwehrung der Buße durch den Papst mit prüfendem Blick vor. **Tannhäuser** tut ihm dies gleich, so dass sich **Wagners** Werk und das Bühnengeschehen aufregend reiben, den möglichen Schluss noch spannender und ungewisser gestaltend. Die Partitur wird zum sich nicht begrünenden Papst-Stab, währen dem der Chor nur aus dem Off erklingt. Der Tannhäuser Klavierauszug landet schließlich zerschmettert und mit herausgerissenen Seiten auf dem Boden. **Venus** erscheint im Outfit einer Putzfrau mit Klettergurt zur Reinigung des riesigen Plakates während dem **Tannhäuser** die Partiturseiten im Blecheimer verbrennt. Sie heißt ihn im **Venusberg** erneut Willkommen, was **Wolfram** verhindern möchte. Der Chor der Pilger erschallt aus dem Hintergrund. **Elisabeth** hat sich indessen selbst das Leben genommen. **Venus** blickt ins Leere. Dem eigenen Ende nahe zerrt **Tannhäuser** die tote **Elisabeth** aus dem Bus, bringt sie in die Position an eine Pietà erinnernd, streicht ihr über ihr blondes Haar und träumt unerlöst und letztmalig videobebildert von einer Flucht mit ihr im Citroenbus.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/bild-8-applaus-patrik-kleinneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Als sich der Vorhang schließt und zunächst ein paar Sekunden andächtige Stille herrscht, löst sich die Anspannung im Publikum, die sich in anhaltenden Bravo- und Buh- Stürmen angesichts der erlebten Inszenierung entlädt. Musikalisch ist sich die Zuhörerschaft einig. Alle Sängerinnen und Sänger, das **Festspielorchester** sowie der **Chor der Bayreuther Festspiele** als auch der Dirigent **Valery Gergiev** werden gefeiert und stürmisch bejubelt.

\---| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |---