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# Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Die Meistersinger von Nürnberg - Richard Wagner, IOCO Kritik, 07.08.2019
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-2019-die-meistersinger-von-nuernberg-richard-wagner-ioco-kritik-07-08-2019/
- Published: 2019-08-07T08:00:20.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:57:06.000Z
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Oper & Operette, Kritiken, Turandot, giacomo puccini, Puccini, Bayreuth

![Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/08/1-bayreuth-festspielhaus-foto-patrik-kleinneu.jpg)

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

[Bayreuther Festspiele](http://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)

# ***DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG* \- Richard Wagner**

#### **\- Das Leben als Kunstwerk -**

von **Uschi Reifenberg**

![Richard Wagner © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/richard-wagner-foto-ioconeuneu2018.jpg)

Richard Wagner © IOCO

Seit ihrer Premiere im Jahr 2017 hat der Regisseur **Barrie Kosky** seine ***Meistersinger*** Inszenierung im Sinne des einzigartigen Bayreuther Werkstattgedanken zu den diesjährigen **108\. Wagner Festspielen i**n exzellenter Weise weiterentwickelt, vertieft und perfektioniert. Sowohl die die ideale Sängerbesetzung als auch die ausgefeilte Regie mit ihrer überbordenden Komik, den zündenden Ideen und überraschenden Wendungen, stoßen in ihrer Ausgewogenheit auf einhelligen Jubel beim Festspielpublikum, und lassen die Meistersinger ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangieren.

**Barrie Kosky,** Intendant der **Komischen Oper Berlin** und für seine Inszenierungen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, nimmt in der Riege der Bayreuther ***Meistersinger*** Regisseure eine Ausnahmestellung ein. Seit der Bayreuther Erstaufführung der Oper im Jahr 1888 lag deren Umsetzung auf der Bühne ausschließlich in den Händen der Familie **Wagner,** zuletzt inszenierte die Festspielleiterin **Katharina Wagner** 2007 das Werk ihres Urgroßvaters. **Barrie Kosky,** gebürtiger Australier mit jüdischen Wurzeln, war nun berufen, sich als erster „Außenstehender“ mit diesem ambivalenten und ideologisch „belasteten“ Stoff auseinanderzusetzen. Dieses ist ihm bekanntlich in höchstem Maße gelungen.

**Bayreuth 2018 - *Die Meistersinger von Nürnberg -* Richard Wagner**youtube Trailer der Deutsche Grammophon **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Der Regisseur zeigt in seiner vielschichtigen, herrlich komischen, ironischen aber auch tiefgründigen Deutung die untrennbare Einheit von Leben, Werk und Wirkungsgeschichte **Richard Wagners,** seine exzessive Selbstinszenierung und -stilisierung, und die teilweise grotesken Spielarten von **Wagners** hemmungslosem Narzissmus. **Wagner** ästhetisierte sein Leben in fortdauernder Theatralisierung und Selbsbespiegelung, umgekehrt wurden seine Werke auf allen Ebenen von seinen realen Erfahrungen, Kunstanschauungen und politischen Reflexionen gespeist und durchdrungen.

In den Meistersingern befragt **Wagner** seine Kunstästhetik und sich selbst, Anteile seiner Persönlichkeit finden sich in den männlichen Protagonisten **Sachs** und **Walther,** bei **Kosky** auch im ***Lehrbuben David*** wieder. Die Figuren mutieren zu Projektionen sowie zu verschiedenen Ausprägungen von **Wagners** *alter ego.* Immer wieder identifiziert sich **Wagner** mit ***Sachs,*** unterschreibt als dieser in Briefen, oder bezeichnet **Cosima,** die er zwei Jahre nach der Uraufführung 1868 heiratet, als ***Eva,*** der weiblichen Hauptrolle in seiner Oper. In **Wagner**, dem Revolutionär der 1848-er Jahre spiegelt sich **Walther von Stolzing,** der für Fortschritt und Aufbruch steht. In **Hans Sachs** findet sich ***Wagner*** als künstlerischer Idealtypus der reiferen 1870-er Jahre, Vermittler der Tradition, Vorbild in einer bürgerlichen Gemeinschaft und weiser Überwinder des Wahns nach der persönlichen ***Tristan*** Tragödie in seiner Beziehung zu **Mathilde Wesendonk.**

![Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/m1neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im Zentrum steht darüberhinaus Nürnberg als ambivalenter Topos deutscher Geschichte und idealisierter Sehnsuchtsort der Romantik. Die Heimatstadt von **Albrecht Dürer** und **Hans Sachs** war in der Renaissance eines der bedeutendsten Zentren des Humanismus, der Reformation und der Kunst. Für **Wagner** sollte dieses idealisierte Nürnberg, *„in Deutschlands Mitten“* gelegen und Symbol früherer Macht- und Kunstentfaltung des deutschen Reiches, zu neuer Blüte der Künste auferstehen angesichts einer als verhängnisvoll erlebten Gegenwart. Der zunächst gescheiterte Traum vom deutschen Nationalstaat, vollendete sich mit der Reichsgründung 1871 und sollte sich als Kulturnation definieren (*„Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst*“).Die Frage nach einer deutschen Identität beschäftigte Wagner intensiv und schlug sich in zahlreichen Schriften nieder. In seinem Essay *„Was ist deutsch“* von 1865 setzte er sich mit Inhalten der deutschen Kunst und Politik auseinander, dessen Thesen direkt in die ***Meistersinger*** einflossen. Nürnberg formierte sich für **Wagner** zum idealen Ort einer deutschen Kulturstätte. Für die Nationalsozialisten lag es auf der Hand, an die alte Nürnberger *„Reichsherrlichkeit“* anzuknüpfen und sie installierten dort ihre Reichsparteitage. In der Folge ließen die Alliierten 1945-49 in Nürnberg die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfinden.

Auch darauf nimmt **Kosky** im 2\. und 3\. Akt seiner Inszenierung Bezug: Schon zu Beginn der Ouvertüre (ver)führt der Regisseur das Publikum mitten hinein in eine fiktive Szene der Familie **Wagner** im **Haus Wahnfried,** wie sie sich möglicherweise zugetragen haben könnte. Dabei verfährt **Kosky** zwar historisch frei, aber trifft dennoch exakt den Kern und zeigt ein Genrebild, das vor Witz, Pointen, Einfällen und Sachkenntnis nur so strotzt.

Wir schreiben das Jahr 1875, im Saal des **Hauses Wahnfried** herrscht hektische Betriebsamkeit: **Richard Wagner** ist außer Haus, die Hunde Gassi zu führen, seine Gattin **Cosima** liegt mit einem Migräneanfall im Bett, findet sich aber später doch noch ein. Es wird **Hermann Levi** erwartet, seines Zeichens GMD in München, jüdischer Abstammung und Uraufführungsdirigent des **Parsifal.** Ebenso **Franz Liszt,** Vater, Schwiegervater, und Klavierlegende. Alle Figuren bevölkern nach und nach den Saal, die Bühnenbildnerin **Rebecca Ringst** hat den Wohnraum **Wagners** kongenial nachgebildet. Urkomisch ist es, wie Maestro **Richard Wagner,** stets im Zentrum des Geschehens, alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Wagners ausufernde Eitelkeit wird- bei aller Ironie -dennoch liebevoll vorgeführt, wenn er etwa **Franz Liszt** seine neusten Duftcreationen unter die Nase reibt, **Cosima** ihr Lenbach Porträt offeriert, oder sich kindlich über ein neues Paar Schuhe freut.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/mei_120719_218_enriconawrath_presseneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Jetzt beginnt ein Spiel im Spiel, ***Die Meistersinger von Nürnberg,* Wagners** neue komische Oper kann sogleich von der Familie aufgeführt werden. **Kosky** nimmt hier Bezug auf **Wagners** legendäre Rezitationsvorstellungen, bei denen er alle Rollen seiner neu komponierten Musikdramen selbst rezitierte und vor Publikum aufführte.

Die Rollen sind klar verteilt: Wagners multiple Persönlichkkeit spaltet sich auf in den Schusterpoeten Hans Sachs, den jungen Ritter ***Walther von Stolzing*** und den Lehrbuben **David,** **Cosima** wird zu **Eva,** **Franz Liszt** zu ***Pogner*,** das Dienstmädchen zu **Magdalena,** **Hermann Levi** wird widerwillig in die Rolle des Stadtschreibers **Sixtus Beckmesser** gedrängt, gedemütigt und als jüdischer Außenseiter im Laufe der Oper immer weiter stigmatisiert.

Das Wohnzimmer wird zur Kirche, der Choral angestimmt und Levi/Beckmesser zu den christlichen Ritualen genötigt. Da entsteigen dem Konzertflügel weitere kleine Wagner- Doubles, alle identisch gewandet in Gehrock und Samt Barett, ebenso die lustig- aufgekratzte Truppe der Meistersinger in Renaissance Kostümen und Dürer- Locken. Auch **Walther von Stolzing** als **Wagners** *alter ego,* krabbelt aus dem Flügel, eine Anspielung auf **Katharina Wagners *Meistersinger*** Inszenierung, in welcher ***Stolzing*** ebenfalls dem Flügel entstieg als schönes Sinnbild für die schöpferische Inspiration.

Auch die Lehrbuben, die immer zum richtigen Zeitpunkt für ihre Einsätze die Saaltüre öffnen, tragen historische Kostüme aus dem 16\. Jahrhundert, vom Kostümbilder **Klaus Bruns** farbenfroh und edel gestaltet. Das Renaissance Ideal sickert nun nach **Wahnfried** hinein und nimmt von seinen Bewohnern Besitz, die sich in inszenatorischer Selbstüberhöhung darstellen.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/mei_120719_kraenzle_enriconawrath_.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die überdrehten ***Meistersinger*** sind weniger an einem Kunstdiskurs über Tradition und Fortschritt interessiert als an Nürnberger Lebkuchen und Tee. **Barrie Kosky** jagt sie - zur Freude des Publikums - temporeich und virtuos von einer Pointe zur nächsten, lässt den Lehrbuben seine Unterweisung ***Walthers*** durch Duftproben verschiedener Parfümfläschchen olfaktorisch unterstreichen. Sachs beteiligt sich als einziger nicht am Treiben der Meister-Spassgesellschaft und registriert nachdenklich die einhellige Ablehnung von **Walthers** Gesang durch die Meister, vor allem durch ***Beckmesser.*** Mit wachsendem Interesse und Erstaunen erkennt er in Walther das große Talent, das es zu fördern und zu unterstützen gilt.

Am Ende des 1\. Aktes, wenn **Stolzings** Meisterweise im allgemeinen Tumult untergeht, gefriert die Szene plötzlich zu einem Standbild und fährt nach hinten. Gleichzeitig senken sich seitlich Wände herab, die als Kulisse des Schwurgerichtssaals des Nürnberger Justizpalastes auszumachen sind. Zurück bleibt ein GI und ein einsamer ***Sachs*** im Zeugenstand, eine Vorwegnahme des Schlussbildes. Ratlosigkeit.

Der 2\. Akt spielt nun in den Wänden des Nürnberger Schwurgerichtssaals. Zeitsprung. Wir befinden uns 70 Jahre später. Man sieht das ausgeräumte Mobiliar des **Wahnfried** Saales übereinander gestapelt, ein Hinweis auf dessen teilweise Zerstörung 1945 und die Evakuierung, im Hintergrund leuchtet eine Uhr mondhell. **Sachs** benutzt dieses Mobiliar als Arbeitsplatz und repariert fröhlich hämmernd Beckmessers Schuhe. Wenn er in seinem Flieder-Monolog über das Erlebte in der Singschul’ reflektiert und sich über seine Empfindungen klar zu werden versucht, verströmt die Szene allerdings wenig *„Johannisnacht-Poesie“.* Auf Innehalten und Kontemplation wird zugunsten eines auch hier forcierten Aktionismus leider verzichtet.

**Walther** und **Eva** verstecken sich hinter **Cosimas** Bild, das Duell zwischen **Sachs** und **Beckmesser,** dessen Ständchen für die angebetete Eva Hans Sachs nach den Regeln der Kunst durchkreuzt, wird zum Rollentausch der beiden Antagonisten. Der Dialog zwischen **Sachs** und **Beckmesser** hat längst die argumentative Ebene der Kunstdiskussion verlassen, steigert sich bis ins Wahnhafte, und ruft die gewaltbereiten Nürnberger Bürger auf den Plan. Es entwickelt sich ein nächtlicher Albtraum, die Uhr läuft rückwärts, der Wahn ist in vollem Gange, ein greller Beleuchtungswechsel verändert die Szene (Licht: **Frank Evin**). Als Projektion eines grotesken Antisemitismus Klischees wird Beckmesser nun eine Judenmaske aufgesetzt, die wohl der Nazi-Hetzschrift *„Der Stürmer“* entstammt. **Beckmesser** wird zum „Tanzjuden“ degradiert, das Grauen gipfelt in einem Pogrom. Die gleiche riesige Judenfratze bläst sich als Ballon bedrohlich über der Szene auf und fällt dann in sich zusammen, nur noch sichtbar sind eine Kippa und ein Judenstern.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/mei_120719_015_stolzing-eva-enriconawrath_neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im 3\. Akt ist der Schwurgerichtssaal nun detailgetreu eingerichtet, im Hintergrund prangen die Flaggen der vier Siegermächte. ***Sachs*** sitzt in der vorderen Reihe an einem gedeckten Tisch und sinniert über den Wahn der vergangenen Nacht. Resigniert rätselt er in seinem Monolog über den Verlust des bürgerlichen Traums eines heilen Nürnberg, aber auch über das Ausbrechen der rohen Gewalt. Er nimmt Abschied von der eigenen Liebeshoffnung und sublimiert diese in seiner Kunst, die nicht nur als persönliches, sondern auch als gesellschaftliches Korrektiv fungiert. Sensibel formt ***Sachs*** aus ***Stolzings*** noch vagem Morgentraum eine Meisterweise, die sowohl nach Inhalt als auch nach Form den Kunstregeln entspricht und das Potenzial zur Weiterentwicklung in sich trägt. **Wagner** führt den Diskurs über Genialität und Regelhaftigkeit sozusagen mit sich selbst. Den traumatisierten ***Beckmesser*** quälen die Gespenster der letzten Nacht, aus allen Ecken kriechen kleine Judengestalten hervor, die ihn bedrängen. Eine gemobbte, ausgegrenzte und tragische Figur. Vielleicht eine Projektion von **Wagners** Feindbildern, seinen antisemitischen Obsessionen und unbewältigten Ängsten.

Die Festwiese wird wieder von historischen Figuren in alten Kostümen bevölkert, die fröhlich die deutsche Geschichte als „*Spiel im Spiel“* feiern. Fahnen werden geschwenkt, Wagners und seine Doppelgänger tanzen um **Cosimas** Bild und das plötzliche „*Einfrieren“* des bunten Treibens zu einem riesigen Gemälde im Stil von **Pieter Bruegel** spielt wieder mit der historischen Ebene. Die Huldigung des Wach-auf-Chors ist nun wieder an den Komponisten **Wagner** gerichtet, Stolzing fährt aus dem Zeugenstand herauf und triumphiert mit seinem fertigen Preislied, macht sich dann aber nach seinem Sieg mit ***Eva*** aus dem Staub. Beckmesser hingegen wird nach seinem misslungenen Vortrag vom Volk entfernt, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, deren höchstes Gut die Kunst und ein tolerantes Miteinander sein will. Was mit ihm geschieht, bleibt offen. **Wagner** singt nun mit eindringlichen Gesten seine Apologie: *„Verachtet mir die Meister nicht*“ im Zeugenstand, als Verteidiger seiner selbst und seiner Kunsttheorie. Er wendet sich an das Publikum, ganz allein auf der dunklen Bühne, die nur erhellt ist von einem grellen Spot. Ein beklemmendes Bild.

Zu den Worten: *„Ehrt eure deutschen Meister“* hebt sich die Rückhand nach oben, und herein fährt auf einer Tribüne ein Sinfonieorchester mit Chor. **Wagner** dirigiert seine Oper zu Ende, das letzte Wort hat die Kunst. Freispruch für **Richard Wagner?**

Das Sängerensemble triumphierte auf der ganzen Linie und sang fast ausnahmslos auf Weltklasse Niveau. Allen voran der phänomenale **Michael Volle** als **Hans Sachs/Wagner.** Er ist gleichsam die Inkarnation des Schusterpoeten und durchdringt die Riesenpartie bis in die feinsten Verästelungen von Wort und Ton. Perfekte Textverständlichkeit, Omnipräsenz und Gestaltungskraft verschmelzen bei ihm zu einem einzigartigen Rollenporträt. Die Variabilität seines Baritons besticht in seiner Durchschlagskraft aber auch in seinen leisen und introvertierten Momenten.

Der **Walther von Stolzing/ Wagner** ist -ebenso wie der ***Lohengrin-* Klaus Florian Vogt** auf den Leib geschrieben. Sein Ausnahmetenor hat an Strahlkraft und Metall dazugewonnen und verfügt über eine breite Farb-und Ausdrucksskala. Seine Rollengestaltung beeindruckt durch Tiefe und Differenziertheit, wie er etwa in der Schusterstube nach und nach zu seinem eigenen künstlerischen Stil findet, sich an die Ausgestaltung seines *Meisterliedes* herantastet, ist beispielhaft. **Vogt** baut die Preislied Bögen wunderbar auf, setzt an mit feinsten Piani und verfügt auch noch auf der Festwiese über genügend Kraftreserven, um als strahlender Sieger aus dem Wettbewerb hervorzugehen. Als besonderer Regieeinfall erhielt **Wilhelm Schwinghammer** als **Nachtwächter** Unterstützung: Der ehemalige Hornist **Klaus Florian Vogt** verschaffte **Schwinghammer** mit gekonnt geblasenem Nachtwächterhorn die nötige Aufmerksamkeit am Ende des 2\. Aktes.

![Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/08/mei_130719_317_eva-und-sachs-enriconawrathneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Als   **Levi/Beckmesser** lieferte **Johannes Martin Kränzle** eine grandiose Leistung. Diese komplexe Figur wird von **Kränzle** mit allen denkbaren Facetten ausgestattet, vielschichtig in der Darstellung des gedemütigten Juden, als auch in der Überheblichkeit seiner vermeintlichen Kunstausübung, aber nie karikierend. Eine tragische Gestalt, ein Außenseiter, der in seiner eigenen Regelwelt gefangen bleibt. Kränzle singt ihn mit seinem edlen, weichen Bariton subtil und facettenreich, höhensicher, mit präzisen Koloraturen im Ständchen.

**Günther Groissböck** gab dem **Liszt/ Pogner** sonore Noblesse und edle Größe und gestaltete seine Ansprache im 1\. Akt mit balsamischer Tiefe, weichen Bögen und perfekter Textverständlichkeit. Seinen väterlichen Gefühlen gab er mit viel Sensibilität und lyrischer Empfindung Ausdruck. Der **David** von **Daniel Behle** war ein idealer ***Lehrbube.*** Sein beweglicher, tragfähiger und koloratursicherer Tenor umschiffte mühelos alle Klippen der Meisterweisen und strahlte in schwärmerischer Emphase als junger Liebhaber.

**Emily Magee** in den Rollen von ***Cosima/Eva*** zeigte sich einerseits exaltiert und charmant als auch kindlich-kapriziös und selbstbewusst. Sie wartete mit silbernen Spitzentönen auf, ließ im Duett mit Sachs im 2\. Akt keine Zweifel an ihrem starken Willen, lediglich das dramatische Aufblühen ihrer Ansprache an Sachs im 3\. Akt geriet etwas blass. Als **Magdalena** mit viel Ausstrahlung beeindruckte **Wiebke Lehmkuhl** und entfaltete ihren voluminösen und tragfähigen Mezzo mit samtiger Tiefe und vorbildlicher Diktion. **Wilhelm Schwinghammer** sorgte als **Nachtwächter** mit baritonaler Durchschlagskraft und perfekter Textverständlichkeit für Ruhe und Ordnung.

**Daniel Schmutzhard** sang die Koloraturen der Tabulatur in seiner Rolle als ***Pogner*** bestechend klar und gab dem Meister Autorität und Profil, ebenso hervorragend in Spiel und Stimme die übrige Meisterriege: **Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Ralf Lukas, Andreas Hörl** und **Timo Riihonen.** Nicht zu vergessen **Ruth-Alice Marino** an der ***Beckmesser*** \- Harfe sowie die quirligen und differenziert singenden Lehrbuben.

In den ***Meistersingern*** wird dem Chor eine gewichtige Rolle zugewiesen. Das Volk als Entscheidungsträger bei einem Wettbewerb vergibt sozusagen den Publikumspreis. Der einzigartige Klangkörper unter der Leitung von **Eberhard Friedrich** bewies wieder einmal, dass er zu den Spitzenchören weltweit zählt.

Der Dirigent **Philipp Jordan** setzte ganz auf Leichtigkeit und straffe Tempi. Das Vorspiel kam ohne Pathos aus mit fein musizierten Holzbläsersoli und samtenem Streicherklang. Es muss kein „*Stahlbad in C-Dur“* werden, aber mehr Blechbläserbrillanz und Strahlkraft hätte man sich auf der Festwiese gewünscht, ebenso etwas mehr kontrapunktische Transparenz. Einige Zäsuren wurden stark ausgedehnt, was dem großen Bogen bisweilen abträglich war.

Eine großer, denkwürdiger Opernabend bei den Bayreuther Festspielen! Der frenetische Schlussapplaus ließ das Festspielhaus erbeben, grenzenloser Jubel für die Protagonisten, Chor, Dirigent und Orchester.

***Die Meistersinger von Nürnberg, Bayreuth:*** besprochene Vorstellung: 31.Juli 2019

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