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# Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Meistersinger von Nürnberg, IOCO Kritik, 29.08.2018
- URL: https://www.ioco.de/bayreuth-bayreuther-festspiele-2018-die-meistersinger-von-nuernberg-ioco-kritik-29-08-2018/
- Published: 2018-08-29T07:00:05.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:48:22.000Z
- Author: Marcus Haimerl
- Tags: Kritiken, Bayreuth

![Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2017/08/1-bayreuth-festspielhaus-foto-patrik-kleinneu.jpg)

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

[Bayreuther Festspiele](http://www.bayreuther-festspiele.de/?ref=ioco.de)

# ***Die Meistersinger von Nürnberg***

***In Haus Wahnfried - Mit Richard Wagner, Hermann Levi, Franz Liszt***

von **Marcus Haimerl**

![Richard Wagner Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/richard-wagner-foto-ioconeuneu.jpg)

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

![ Barrie Kosky © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/barrie-kosky-intendant-ko-berlin-c-ioconeu-1.jpg)

Barrie Kosky © IOCO

Wieviel Autobiografisches steckt in **Richard Wagners *Meistersinger von Nürnberg***? Diese Frage wirft der australische Regisseur **Barrie Kosky** in seiner Inszenierung für die Bayreuther Festspiele in den Raum. Auch die Stadt Nürnberg wird hier zum zentralen Thema: von der von **Wagner** idealisierten mittelalterlichen Stadt über die Stadt der Reichsparteitage und der 1935 ausgerufenen Rassengesetze bis hin zu den Nürnberger Prozessen.

Der erste Aufzug zeigt den unglaublich detailgetreu nachgebildeten großen Saal des ***Haus Wahnfried*** (Bühne: **Rebecca Ringst**), eine Einblendung verrät, dass es sich um den 13\. August 1875 handelt und Kapellmeister **Hermann Levi** erwartet wird. Auch **Franz Liszt** ist auf dem Weg. Dem Klavierspiel **Wagners** entsteigen, einer Inspiration gleich, kleine Doppelgänger **Wagners,** schließlich auch ***David*** und ***Stolzing,*** welche ebenfalls große Ähnlichkeit mit dem Komponisten aufweisen. Schon bald wird jedoch klar, welche Richtung die Inszenierung nehmen wird. Während des Chorals („*Da zu Dir der Heiland kam*“) feiern alle Beteiligten einen improvisierten Gottesdienst, deren Rituale **Hermann Levi** nicht folgen kann. **Wagner** und **Liszt** weisen **Levi** an, dennoch wird dieser als Außenseiter vorgeführt, er soll es auch bis zum Finale bleiben.

![Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/mei_110718_002_enriconawrath_1neu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Richard Wagner und Cosima in Haus Wahnfried © Enrico Nawrath

Die beiden dominierenden Bilder, **Richard Wagners** Porträt von **Cäsar Willich** und **Cosimas** (eigentlich erst vier Jahre später entstandenen) Porträts **Franz von Lenbachs.** Diese dienen später als Gemerk und an der Rückseite wird ***Beckmesser*** seine Kreidestriche anbringen. Denn **Wagner** teilt den Anwesenden ihre Rollen zu: **Richard Wagner** ist **Hans Sachs** (und eigentlich sowohl ***Stolzing*** als auch ***David*), Franz Liszt** wird **Veit Pogner** und ***Cosima*** zu ***Eva,*** **Hermann Levi,** Sohn eines Landesrabbiners, wird zu ***Sixtus Beckmesser*** und eine Dienerin die ***Magdalene.*** Auch die Meister entsteigen, in historischen Gewändern, dem Klavier. Doch dieser erste an Slapstick gemahnende Aufzug endet bedrohlich. Die Szene friert ein und **Richard Wagner/*Hans Sachs*** entsteigt diesem Bild, welches in den Bühnenhintergrund fährt und den Blick auf den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse freigibt.

In diesem Ambiente finden auch die beiden restlichen Aufzüge statt. Anstelle des Kunstrasens, welcher bei der Neuinszenierung 2017 den zweiten Aufzug beherrschte, findet sich auf der linken Seite der Bühne das aufgestapelte Mobiliar des **Haus Wahnfried,** so wie 1945 die Besatzer **Wahnfried „**entrümpelt“ haben. Die Zimmerpflanze inmitten dieses Möbelhaufens wird kurzerhand zum Fliederbusch. Unter dem Porträt **Wagners** aus dem ersten Aufzug wird **Sixtus Beckmesser** verprügelt, man setzt ihm einen großen Kopf auf, welches den geschmacklosen antisemitischen Karikaturen des dritten Reichs ähnelt, und lässt ihn als Demütigung vor den Bürgern Nürnbergs tanzen. Dieselbe Fratze entsteigt in Form eines überdimensionalen Ballons dem Zeugenstand am Bühnenrand, welcher gegen Ende des Aufzugs den Kopf neigt, sodass für das Publikum nur noch die Kippa mit Davidstern erkennbar ist.

![Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/mei_-beckmesser-und-sachs-gut-enriconawrathneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

Der dritte Aufzug findet in dem nunmehr voll eingerichteten Gerichtssaal statt. An einem einzelnen Schreibtisch im Vordergrund sitzt **Hans Sachs** und sinniert über den deutschen Wahn und beklagt die Massenschlägerei in seinem lieben Nürnberg. In Gestalt **Franz von Lenbachs** Porträt wird **Cosima** von **David** in den Zeugenstand gestellt, ehe sich die Festwiese als ein von historisch gewandeten und Fahnen schwenkenden Bürgern Nürnbergs bevölkerter Gerichtssaal herausstellt. Der Auftritt der einzelnen Meister wird mit Applaus begrüßt, welcher Sixtus Beckmesser jedoch versagt wird. Hans Sachs, wieder in Gestalt von Richard Wagner, steht für seine Ansprache („*Verachtet mir die Meister nicht“*) im Zeugenstand alleine auf leerer Bühne. Der Chor wird in Form eines Orchesters nochmals hereingefahren, welches von ***Hans Sachs* / Richard Wagner** dirigiert wird. Als diese Phantasmagorie verschwindet, bleibt **Wagner** erneut alleine, dirigierend auf der Bühne zurück und es bleibt dem Volk/Publikum überlassen, über **Wagners** Antisemitismus zu richten.

**Barrie Kosky** gelingt stellenweise eine humorvolle Inszenierung (ja, man hört auch ***Wagnerianer*** kurz auflachen), an einigen Stellen wiederum bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die Entscheidung darüber, ob die Regiearbeit von **Barrie Kosky** Sinn macht, ob sich eine Inszenierung der ***Meistersinger*** zwangsweise mit Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen muss, kann dem Besucher nur selbst überlassen bleiben.

![Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/mei_-eva-und-sachs-_enriconawrathneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Eva und Hans Sachs © Enrico Nawrath

**Philippe Jordans** leichte, beinahe spritzige und manchmal fast kammermusikalische Klanggestaltung harmoniert mit der manchmal humorvollen Inszenierung was bereits beim pantomimisch gestalteten Vorspiel zum 1\. Akt bewusst wahrgenommen wird und selbst im dritten Akt kommt **Jordan** ohne großen Pomp aus. Auch der von **Eberhard Friedrich** einstudierte Chor agierte in gewohnter Weise auf Spitzenniveau.

Mit seinem sehr hellen aber kraftvollen Tenor, klangschön und sehr lyrisch begeistert **Klaus Florian Vogt** erneut das Publikum als Ritter ***Walther von Stolzing.*** **Daniel Behle** singt mit tenoraler Strahlkraft einen intensiv berührenden, schwärmerischen **David** und überzeugt auch darstellerisch in allen Facetten. Auf einem ebenso hohen Niveau erlebt man **Wiebke Lehmkuhl** in der Partie der ***Magdalene*** mit jugendlichem Charme. Die Altistin verfügt über eine schöne, klare Höhe und ein angenehmes warmes Timbre in Mittellage und Tiefe. Anstelle der im Vorjahr eher wenig bejubelten **Anne Schwanewilms** erlebt man in diesem Jahr **Emily Magee** in der Partie der ***Eva,*** die das Publikum leider auch nicht richtig begeistern konnte. Die amerikanische Sopranistin klingt hier leicht gepresst und kann auch nicht mit Textverständlichkeit punkten. Allerdings muss man auch sagen, dass es die Regie der Partie Eva, vor allem im ersten Aufzug als an Migräne leidender ***Cosima,*** nicht besonders einfach macht. **Günther Groissböck** ist mit seinem kräftigen, sonoren Bass eine Luxusbesetzung für die Partie des ***Veit Pogner.***

![Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/08/mei_stolzing-und-co-_enriconawratneu.jpg)

Bayreuther Festspiele 2018/ Die Meistersinger von Nürnberg © Enrico Nawrath

**Johannes Martin Kränzle** als geschundener Stadtschreiber ***Sixtus Beckmesser,*** wird in **Koskys** Inszenierung zum Sympathieträger, der mit viel Witz und schönem Bariton der Rolle einen ganz besonderen Charakter verleiht. Diese grandiose Leistung, die ihresgleichen sucht, wird lediglich von **Michael Volle** als ***Hans Sachs*** übertroffen. Mit unglaublicher Souveränität, kraftvoll, nuanciert braucht **Volle** den Vergleich mit namhaften Vorgängern nicht zu scheuen. An seiner Leistung wird man wohl künftige Interpreten dieser Partie messen müssen.

Aber auch die Meister, **Tansel Akzeybek (*Kunz Vogelsang*), Armin Kolarczyk (*Konrad Nachtigall*), Daniel Schmutzhard (*Fritz Kothner*), Paul Kaufmann (*Balthasar Zorn*), Christopher Kaplan (*Ulrich Eisslinger*), Stefan Heibach (*Augustin Moser*), Raimund Nolte (*Hermann Ortel*), Andreas Hörl (*Hans Schwarz*)** und **Timo Riihonen (*Hans Foltz*)** sorgten für einen außergewöhlichen musikalischen Abend, welcher vom Publikum mit Ovationen bedacht wurde. Dieser Abend wird vom musikalischen Standpunkt aus (vielleicht auch aus szenscher Sicht), noch lange im Gedächtnis der Festspielbesucher bleiben.

\---| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |---