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# Baden - Baden, Festspielhaus - Osterfestspiele 2018, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.04.2018
- URL: https://www.ioco.de/baden-baden-festspielhaus-osterfestspiele-2018-parsifal-von-richard-wagner-ioco-kritik-03-04-2018/
- Published: 2018-04-04T16:00:54.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:44:55.000Z
- Author: Uschi Reifenberg
- Tags: Musicalwelten & Bühnenzauber, Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten

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[Festspielhaus Baden - Baden](http://www.festspielhaus.de/?ref=ioco.de)

![Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/festspielhaus_baden-baden-foto-festspielhaus.jpg "Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden")

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

# **Parsifal von Richard Wagner**

***Glanzvoller Abschied in Grau***

Von **Uschi Reifenberg**

Mit **Richard Wagners *Weltabschiedswerk,*** dem *Bühnenweihfestspiel* ***Parsifal***, nahm auch **Sir Simon Rattle,** scheidender Chefdirigent der **Berliner Philharmoniker,** Abschied von den **Osterfestspielen Baden-Baden.** Sechs Jahre lang verwandelten der Stardirigent und das Weltklasse Orchester alljährlich zur Osterzeit die ***Stadt an der Oos*** in ein glanzvolles Mekka für Festivalbesucher aus aller Welt. Einmalig an den **Osterfestspielen** in Baden-Baden ist, dass die **Berliner Philharmoniker** über eine Woche lang quasi omnipräsent in vielfältigsten Besetzungen an unterschiedlichen Spielorten die ganze Stadt bespielen und in Kammermusikbesetzungen, Kinderoper, Sinfoniekonzerten oder großer Oper zu hören sind.

**Wagners** letztes Werk, sein *„Opus summum“* und wohl auch sein vielfältigstes und rätselhaftestes, ist ein einzigartiges Konglomerat aus philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Thesen und in seiner Vieldeutigkeit durchlässig für die unterschiedlichsten Deutungen.Die Welt in ihrer existenziellen Ausweglosigkeit wird geschildert mit Fragen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, aber auch zu Erneuerung und Erlösung, **Wagners** Lebensthema.

Nach **Wagners** Auffassung hatte die Religion ihre Funktion in der säkularisierten Gesellschaft des 19\. Jahrhunderts eingebüßt und nun sollte an ihre Stelle die Kunst treten, um die metaphysischen Bedürfnisse als Sinn- und Deutungslieferant zu bedienen. **Wagner** schreibt 1880: „*Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten ist, den Kern der Religion zu retten...“* **Wagner** als Religionsstifter und ***Parsifal*** als Kunstwerk, das die erlösungsbedürftige Menschheit zu erneuern im Stande wäre. 1882 wurde der **Parsifal** im **Bayreuther Festspielhaus** uraufgeführt. **Wagner** verfügte, dass sein Werk nur dort zur Aufführung kommen sollte. 30 Jahre lang sollte es auch so sein.

![Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/parsifal_sgould_kundry_rdonose_cmonikarittershausneu.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Der verdeckte Orchestergraben, der sogenannte “*mystische Abgrund“*, erzeugt jenen einzigartigen Mischklang, der nur in Bayreuth zu erleben ist und für welchen **Wagner** den **Parsifal** geschaffen hat. Im **Festspielhaus Baden-Baden,** dem größten Opern- und Konzerthaus Deutschlands, gelingt **Sir Simon Rattle** auch ohne verdeckten Orchestergraben ein Klangwunder der besonderen Art. **Sir Simon** näherte sich - wie er in einem Interview erwähnte - der **Parsifal** Partitur sozusagen retrospektiv aus der Sicht des Komponisten **Claude Debussy,** der sich, gemäß dem traditionellen Tonsatz, ein Orchester ohne Bass- Fundament wünschte.

***Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere***

Gleichsam gelingt dem Dirigenten und seinem Orchester ein impressionistisches Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere, weich strömend und mit sensibelster Ausbalancierung. Samtige Streicherklänge, ätherische Holzbläsersoli scheinen aus dem Nichts zu entstehen und sich wieder zu verflüchtigen, Linien bis in feinste Verästelungen durchgehört. Transparenz und kammermusikalische Ausformung sind Rattles besonderes Anliegen. Manchmal scheint die Musik aber auf der Stelle zu treten und man hätte sich mehr Stringenz und Zielorientiertheit, mehr dramatischen Zugriff und Auskostung der wagnerischen Höhepunkte gewünscht.

![Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/gurnemanzf-jselig_ejansson_ncooper_iciobano_igillig-c-monikarittershausneu.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Für die Inszenierung konnte die 82-jährige Regie-Legende **Dieter Dorn** gewonnen werden. Der mit Preisen hochdekorierte, ehemalige Intendant der **Münchner Kammerspiele**, inszenierte bereits 1990 in Bayreuth (***Der fliegende Holländer***), 1993 an der MET ( ***Tristan und Isolde***) und 2014 in Genf ( ***Der Ring des Nibelungen***). **Dieter Dorn** bleibt mit seiner Parsifal Inszenierung nah am Text und erzählt die Geschichte linear als eine zeitlose Parabel, ohne ihr gewaltsam eine Deutung aufzuzwingen, aber auch, ohne Antworten zu geben. Im Zentrum der Handlung steht für ihn ***Kundry,* Wagners** ambivalenteste Frauenfigur, die schon während des Vorspiels einsam am Boden kauert. Als ihr von seltsamen Gestalten verschiedene weibliche Requisiten angeboten werden, Symbole für unterschiedlichste Identitäten, lehnt sie ab. Am Ende bleibt sie als Einzige vor dem geschlossenen Vorhang zurück und blickt fragend ins Publikum. Gefangen im ewigen Kreislauf, ausgesperrt und auf Erlösung hoffend?

![Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/richard-wagner-foto-ioconeu.jpg)

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Für das Gralsgebiet im 1\. und 3\. Akt finden **Dieter Dorn** und seine Bühnenbildnerin **Magdalena Gut** einen offenen, werkstattartigen Raum, der an eine Probebühne erinnert, in welcher riesige Holzplatten und Rampen aufgebaut sind. Auf den Holzplatten sind skizzierte Landschaften zu erkennen, sie werden von gesichtslosen Gestalten in grauen, zerlumpten Gewändern (Kostüme: **Monika Staykova**), hin- und hergeschoben. Die vorherrschende Farbe für alle 3 Akte ist grau in verschiedenen Abstufungen (Lichtregie: **Tobias Löffler**). Die Gralsgemeinschaft scheint eine Gesellschaft der Kraftlosen, Ziellosen zu sein, in Auflösung begriffen, unfähig zur Erneuerung, in Beckettscher Manier in der ewigen Wiederkehr des Gleichen verharrend. Ein schöner Regieeinfall ist der Tod des textgetreu auftretenden Schwanenpaares, der, vom sich ins Gralsgebiet verirrenden, unwissenden, reinen Toren ***Parsifal*** absichtsvoll verursacht wird.

Für die *Gralsenthüllung* im 1\. Akt werden die Holzgerüste zu einer Art Theater- Zuschauergalerie zusammengeschoben, auf welcher die Gralsritter wie Theaterbesucher Platz nehmen und der qualvollen Zeremonie des leidenden ***Amfortas*** unbeteiligt beiwohnen. Der *Gral* ist ein strahlend weiß leuchtender Kelch, der in einem Holzschränkchen hereingetragen wird. Anschließend werden Brot und Wein verteilt wie bei einer Armenspeisung. Das *Zauberschloss* im 2\. Akt wird dargestellt durch riesige Zinnen, auf welchen ***Klingsor*** in eine weiße Kristallkugel starrt. Dieses Tableau ist in blaues Licht getaucht und lässt kurzzeitig Raum für Magie und Mystik. Die Blumenmädchen mit ihren grell bunten Blumen Accessoires - der einzige Farb Lichtblick dieser Inszenierung - werden nun wieder von der Einheitsfarbe grau kontrastiert. ***Kundry*** versucht als blonde Diva in weiß ***Parsifal*** zu verführen, der Speerwurf ***Klingsors*** wird durch einen gelungenen Lichteffekt in Szene gesetzt.

Im 3\. Akt befinden wir uns wieder im Werkstatt Provisorium, in welchem nun die Holzgerüste genauso beschädigt wirken wie die Bewohner und von diesen noch ziel- und planloser hin und her geschoben werden. ***Gurnemanz,*** nun lemurenhaft- gespenstisch wirkend, holt **Kundry** ins Leben zurück, indem er sich ihr erotisch nähert. ***Parsifal*** findet als schwarzer Ritter in voller Rüstung zurück ins Gralsgebiet und der Karfreitagszauber erblüht lediglich im Orchestergraben, vom Schnürboden weiße Papierschnipsel herunterwehen und von Erneuerung und Erlösung künden. Die Zusammenführung von Speer und Kelch, ***Amfortas‘*** Heilung und ***Parsifals*** Enthüllung des Grals als neuer Heilsbringer, kann die Gralsgemeinschaft aber scheinbar nicht in jene Zukunft führen, die der in ihren Grundfesten erstarrten Gesellschaft die erlösende Erneuerung bringen könnte.

![Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2018/04/amfortas_geraldfinley_choere_c-monika-rittershausneu.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Gesungen wird in dieser Produktion wie erwartet auf hohem Niveau. **Franz - Josef Selig** ist ein Bilderbuch ***Gurnemanz*** mit hell timbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass, idealer Textverständichkeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Zeigt er sich im 1\. Akt noch als viril-jugendlicher Lehrmeister, so findet er im 3.Akt zu jenem schmerzvoll- resignativen Weltwissen, das den reifen Wagner Helden Ihre jeweils ureigene Prägung verleiht. **Steven Gould,** einer der besten **Wagner** Tenöre unserer Zeit, präsentiert sich in der Rolle des ***Parsifal*** in Bestform. Als jugendlich- naiver reiner Tor bis zum mitleidvoll- Wissenden schlägt er einen glaubhaften Entwicklungsbogen und lässt die große Erweckungsszene im 2\. Akt mit heldischer Strahlkraft und erschütternder Intensität zu einem Höhepunkt werden. Die Figur der ***Kundry* \- Wagners** komplexe Frauengestalt- wird von **Ruxandra Donose** in der Herzeleide-Erzählung mit schönem lyrischen Timbre und feinen Legatobögen versehen. Die dämonisch-zwielichtige Seite, die Zerrissenheit dieser erlösungssüchtigen Verführerin bleibt **Donose** in ihrer Interpretation allerdings schuldig. **Evgeny Nikitin** im Rocker Outfit ist als bezopfter ***Klingsor*** eine Idealerscheinung. Mit schneidender Diktion und stählernem Bariton versprüht er jede Menge Dämonie und lässt an stimmlicher Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig. **Gerald Finley** als ***Amfortas*** ist in der Darstellung seines Leidens ein idealer Schmerzensmann mit exemplarischer Textausdeutung und perfekter Phrasierung. In seiner großen Klage im 1\. Akt kann er allerdings mit seinen Erbarmen- Rufen wenig Mitleid hervorrufen.

**Robert Lloyd** als siecher Gralskönig ***Titurel*** ist mit immer noch mächtigem Bass eine Idealbesetzung und die perfekt ausbalancierten und herrlich singenden Blumenmädchen sind eine pure Freude. Der **Philharmonia Chor Wien** (Leitung: **Walter Zeh**) wartet mit mächtiger Klangkultur auf.

Das Publikum spendete begeistert Beifall und stehende Ovationen nach dieser letzten Parsifal Vorstellung, vor allem für Orchester und Dirigent und freut sich auf ein Wiedersehen mit den **Berliner Philarmonikern** im nächsten Jahr.

\---| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |---