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# Baden-Baden, Festspielhaus, Orphée et Eurydice - Hamburg Ballett, IOCO Kritik, 03.10.2019
- URL: https://www.ioco.de/baden-baden-festspielhaus-orphee-et-eurydice-hamburg-ballett-ioco-kritik-03-10-2019/
- Published: 2019-10-04T14:00:28.000Z
- Updated: 2023-09-06T12:58:44.000Z
- Author: Peter Schlang
- Tags: Premieren, Premiere, Pressemeldungen & Nachrichten, Kritiken, Oper & Operette, Baden-Baden

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[Festspielhaus Baden - Baden](http://www.festspielhaus.de/?ref=ioco.de)

![Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2015/03/festspielhaus_baden-baden-foto-festspielhaus.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

# ***Orphée et Eurydice -* Ballettoper - John Neumeier**

## **Herbstfestspiele - Festspielhaus Baden-Baden**

von **Peter Schlang**

Die Premiere von **Christoph Willibald Glucks** Oper **Orpheus und Eurydice** am 27\. September 2019 im [ **Festspielhaus Baden-Baden** ](https://www.festspielhaus.de/?ref=ioco.de)läutete nicht nur eine neue Ära ein, nämlich jene des (erst) zweiten Intendanten in der Geschichte des größten Opern- und Konzerthauses Deutschlands. Mit dem offiziellen Amtsantritt von **Benedikt Stampa**  und der ersten Produktion unter seiner Leitung begannen gleichzeitig die diesjährigen **Herbst-Festspiele**, die bis zum 6\. Oktober 2019 sechs Ballettaufführungen und drei Konzerte für ihre Besucher bereit halten.

 **Orphée et Eurydice - Christoph Willibald Gluck** youtube Trailer des Hamburg Ballett \_ John Neumeier **\[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet \]**

Das Thema hätte für den Auftakt einer neuen Direktion kaum besser gewählt werden können, geht es doch in der in Baden-Baden zu sehenden Fassung **John Neumeiers** von **Glucks** Oper als Ballettoper um die Kraft und Wirkung von Musik, ja um die Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit der Kunst. **John Neumeier** hatte diese auf der französischen Fassung von **Glucks** Oper basierende Ballettversion vor zwei Jahren als Koproduktion seines eigenen Hauses, der **Hamburger Staatsoper,** mit der Lyric-Opera of Chicago, wo die Ballettoper am 23\. September 2017 auch ihre Premiere erlebte, und mit der **Los Angeles Opera** kreiert. Von Hamburg, wo **Neumeiers** Fassung erstmals am 3\. Februar 2019 gezeigt wurde, kam sie nun für drei Aufführungen an die Oos. Neben dem in erster Linie dieses Projekt tragenden **Hamburg Ballett John Neumeiers** waren für diese Baden-Badener Aufführungen zwei Ensembles aus dem badischen Landesteil engagiert worden, die nicht nur zu den Aushängeschildern der sog. historisch-informierten Aufführungspraxis gehören, sondern auch unbedingt genannt werden müssen, wenn es um den herausragenden musikalischen Ruf der Gegend am Oberrhein geht: Das **Freiburger Barockorchester** und das **Vocalensemble Rastatt.**

**John Neumeier,** der für seine Schöpfung nicht nur die Choreografie und Inszenierung schuf, sondern auch für Bühnenbilder, Kostüme und Beleuchtung verantwortlich zeichnet, erweiterte die von **Glucks** Fassungen bekannte Handlung um eine Rahmenhandlung: Orpheus oder **Orphée,** wie er in der am **2\. August 1774** in Paris herausgekommenen Fassung heißt, wird zum Choreografen, der sein neues Ballett ***Die Toteninsel*** probt, das von dem gleichnamigen Gemälde **Arnold Böcklins** inspiriert ist. Die Hauptrolle darin soll **Orphées** Ehefrau **Eurydice** übernehmen, die temperamentvolle, aber etwas unzuverlässige Prima Ballerina der Compagnie. Nachdem sie zu spät zur Probe kommt und deswegen von ihrem Mann zur Rede gestellt wird, reagiert sie äußerst angefressen, ohrfeigt gar ihren Mann und verlässt empört die Probe. Kurz darauf kommt ***Eurydice*** bei einem Autounfall ums Leben. Ob durch den Streit mit ihrem Mann aus dem Gleichgewicht und um ihre Aufmerksamkeit gebracht oder durch einen tragischen Zufall, bleibt offen.

![Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/09/orphee-hamburg-ballett-18_c_-kiran-west.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée © Kiran West

Gepeinigt von Schmerz und Reue erinnert sich **Orphée** an seine Hochzeit mit **Eurydice,** gerät aber darüber so sehr in Verzweiflung, dass er völlig aus der Fassung gerät. Der Liebesgott **Amour,** bei **Neumeier** der Choreografie-Assistent **Orphées,** tröstet seinen Chef, indem er ihn an die mythische Reise von *Orpheus in die Unterwelt* erinnert. Diese bekannte Handlung läuft nun in der Gedankenwelt bzw. inneren Vorstellung Orphées ab, der die gleichen Ängste und Qualen ausstehen muss wie sein mythologisches Vorbild und am Ende seine geliebte Frau zum zweiten Mal verliert. Trost wächst ihm erneut durch **Amour** zu, der ihn davon überzeugt, dass **Eurydice** in seiner Liebe zu ihr und vor allem in dem von ihm zu erschaffenden Ballett, also in der Kunst, weiterleben wird,

Dieser Eingriff in **Glucks** Opernvorlage gelingt durchaus ohne Brüche und erlaubt ein schlüssiges *„Theater auf dem Theater“.* Dies wird nicht nur dadurch möglich, dass die von **Neumeier** gewählte Pariser Fassung zahlreiche zusätzliche instrumentale Teile enthält, die der Choreograf und Regisseur für seine Ballettszenen geschickt zu nutzen weiß. Auch die Doppelung des Sängerpaares durch die famose Tänzerin **Anna Laudere** und ihren kongenialen Partner **Edvin Revazov** verleihen der Handlung Anschauungskraft und dramatische Stringenz. Tänzerisch-dramaturgisch funktioniert dies in den beiden ersten Akten recht gut, im dritten Akt scheinen jedoch Phantasie und Ausdrucksmittel des Choreografen und seiner Compagnie fast aufgebraucht zu sein, so dass sich hier wenig neue Erkenntnisse einstellen und eine gewisse Ermüdung breit macht.

Was die Personenführung der drei Sänger betrifft, hegt der aufmerksame Beobachter von Anfang an den Verdacht, dass der Regisseur **Neumeier** nicht so recht zu wissen scheint, was er mit den Darstellern der drei Solorollen anfangen soll. So lässt er diese meist etwas unbeteiligt am Bühnenrand herumstehen oder –sitzen, was zwar die Beobachterrolle von **Orphée** und **Amour** in der Binnenhandlung unterstreichen mag, aber kaum zur Verdeutlichung der Handlung oder gar zur packenden Zeichnung der Personen beiträgt. Diese darstellerischen, nicht von ihnen zu verantwortenden Defizite machen zumindest die beiden Sängerinnen ohne jede Einschränkung wett. Die in Rom geborene **Arianna Venditelli** präsentiert sich von anfänglichen leichten Schärfen in der Höhe abgesehen als sinnliche, jugendliche **Eurydice** mit klangschöner, biegsamer und weicher Stimme, der man ihre sorgfältige Ausbildung in der Alten Musik jederzeit anmerkt. Fast noch mehr gilt dies für ihre Sopranistinnen-Kollegin **Marie-Sophie Pollak** als **Amour,** welche die beschriebene darstellerische Einschränkung durch ein höchst farbiges, in allen Registern ansprechendes und mühelos in die Höhe zu führendes Organ mehr als ausgleicht.

![Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/orphee-et-eurdice-41-foto-kiran-westneu.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Auch in den Trios mit **Eurydice** und **Orphée** im dritten Akt und den Duetten mit dem „Sänger-Choreografen“ im ersten und dritten Akt zeigt die Sängerin ihre zu allergrößter Hoffnung Anlass gebenden musikalischen und auch schauspielerischen Anlagen. Als einziger Wehmutstropfen in diesen ausgezeichneten sängerischen Solistenleistungen muss leider der Darsteller **Orphées**, an diesem Abend ist dies der russische Tenor **Dmitry Korchak**, angesehen werden. Technisch durchaus begabt, scheint seine Stimme in Klang und Ausdruck eher für größere, dramatische Rollen des italienischen und russischen Fachs geeignet zu sein. Für die eher lyrischen, kammermusikalischen Passagen des Orpheus bzw. **Orphée** fehlten ihm zumindest an diesem Baden-Badener Premierenabend Farbigkeit, Wandlungsfähigkeit und Gespür für Stimmungen und Nuancen im Ausdruck. Das erwies sich gerade auch und vor allem bei den Duetten und Trios mit seinen beiden Partnerinnen als bedauernswertes Defizit.

Abgesehen von den oben erwähnten und nicht nur vom schreibenden Beobachter wahrgenommenen leichten Schwächen der Choreografie gegen Ende der Aufführung zeigt sich die **Hamburger Compagnie** jederzeit als das, was ihren Ruf rund um die Welt ausmacht: Ein charismatisches, tänzerisch allen Anforderungen gewachsenes, ausdrucksstarkes und mitreißendes Tanzkollektiv, aus dem neben den bereits erwähnten Darstellern des Protagonistenpaares vor allem das Trio der Höllenhunde von **Aleix Martinez, Lizhong Wang** und **Marcelino Liabao** hervorzuheben sind.

Auch als Ausstatter darf man **John Neumeier** ein großes Kompliment machen. Dies gilt nicht nur schönen und schlüssigen Einfällen wie dem Zitat des Kahnes, mit dem **Charon** die Toten über den Acheron bringt oder der Zypresse, die Erde und Unterwelt verbindet. Vor allem die von **Neumeier** konzipierten „*halben Quader“* bzw. Dreiecks-Elemente entpuppen sich als hilfreiche wie formschöne Gestaltungselemente. Durch Drehen und Schieben werden sie zu variablen Auftritts- und Hintergrund-Flächen, die zudem durch eine perfekt eingesetzte Beleuchtung interessante und äußerst ästhetische Szenen ermöglichen. Dazu passen die aufwändigen, die fließenden Bewegungen betonenden, meist weit geschnittenen Gewänder der Tänzerinnen und Tänzer.

![Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West](https://storage.ghost.io/c/38/f5/38f5739d-f8a2-4e7b-96ed-d56cfbedb61b/content/images/ioco-oper/mein-content/dateien/uploads/2019/10/orphee-et-eurdice-27-foto-kiran-westneu.jpg)

Festspielhaus Baden-Baden / Orphée et Eurydice © Kiran West

Musikalisch ist die Baden-Badener Aufführung ein großer Genuss, ja, was die beiden erwähnten musikalischen Kollektive betrifft, ein Ereignis allererster Klasse. Das **Freiburger Barockorchester,** hier unter der Leitung des in Sachen historisch-informierter Aufführungspraxis bestens erprobten italienischen Dirigenten **Allesandro De Marchi**, wird auch an diesem Abend seinem herausragenden Ruf als eines der weltbesten Originalklangensembles gerecht. Dass es jederzeit in der Lage ist, in allen Stimmungen und inhaltlich-dramatischen Abstufungen einen betörenden, reinen und dennoch aufregenden und mitreißenden Klang zu entfalten, ist bekannt und wird ja auch von Musikbegeisterten in aller Welt geschätzt und gelobt.

Neu war hingegen, wenn es auch so erwartet werden durfte, dass die Freiburger auch als Ballettorchester eine tadellose Figur abgeben und mit allergrößter Präzision und Klangschönheit agieren können. So lieferten sie den Tänzerinnen und Tänzern auf der Bühne die makellose Folie, die den Tanz erst zu dem werden lässt, was sich Komponist und Choreograf erträumt haben mögen.

Kongenial auch das von **Holger Speck** einstudierte Vocalensemble Rastatt, das seinem Ruf als hochspezialisiertem, mit außergewöhnlicher Klangreinheit und –schönheit singender Chor bei all seinen Einsätzen voll gerecht wurde.

Dies ist umso erstaunlicher, als der Chor bei diesem Projekt hinter dem Orchester ganz statisch im Graben postiert ist. Dass die gut zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger dennoch so klangschön und jederzeit verständlich artikulieren, zeugt von ihrer großen Meisterschaft und Professionalität.

So überwiegen am Ende dieser gut zweistündigen Aufführung die Freude über und Dankbarkeit für ein optisches und musikalisches Ereignis von außerordentlichem Format. Allerdings stehen ihnen die Zweifel darüber entgegen, ob die Tanzfassung einer Oper tatsächlich so viele neue Erkenntnisse bringt, wie es Aufwand und Idee nahe legen und rechtfertigen würden. Der Beobachter entscheidet sich dann doch eher für das Original…

**Weitere Aufführungen dieser Produktion nach Erscheinen dieser Besprechung nur noch auf Anfrage in Hamburg und möglicherweise an anderen Orten.**

\---| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |---