Salzburg, Salzburger Festspiele 2022, AIDA - Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 18.08.2022

Salzburg, Salzburger Festspiele 2022, AIDA - Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 18.08.2022
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Salzburg Das grosse Festspielhaus @ Marco Borelli
Salzburg Das grosse Festspielhaus @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele

AIDA - Giuseppe Verdi

Aida  - an der Zeit orientiert, in der wir heute leben

von Daniela Zimmermann

Shirin Neshat, Regisseurin, hatte bereits 2017 AIDA  in Salzburg inszeniert. Damals mit Anna Netrebko als großer Star. Damals, es war die erste Operninszenierung von Shirin Neshat, stand Verdis Komposition im Vordergrund. Die Salzburger Neuinszenierung 2022 (hier besprochene Vorstellung vom 12.8.2022) ist zusätzlich von ihrer künstlerischen Handschrift geprägt. Shirin Neshat ist Künstlerin, Designerin und Video Filmerin mit einem interessanten Background, passend zu der Oper AIDA. Aufgewachsen im religiös geprägtem Iran, dann zur Ausbildung nach New Yorck, wo sie auch heute lebt. Verlust der Heimat, Migration, Rassismus, Sehnsüchte nach der Heimat, sie hat all diese Probleme selbst erlebt, die sich in der Salzburger AIDA wiederfinden.  „Die Erfahrungen als Bildende Künstlerin und Filmemacherin werde ich nuancierter und visuell provokanter einbringen. Mein jetziger Blick auf Aida ist einer, der sich spezifischer an der Zeit orientiert, in der wir leben“, sagt die Regisseurin. Für sie hat der Stoff heute eine noch stärkere Dringlichkeit bekommen.

AIDA - Trailer - Salzburger Festspiele 2022 youtube Salzburger Festspiele [ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Ihre Inszenierung spielt sich auf zwei  Ebenen ab: einmal die  Vergangenheit mit  dem Thema der Oper und als Kontrast die Neuzeit,  filmisch dargestellt.  In den Filmen herrschen  Niqab oder Burka, mit „Priestern“, deren blutrünstiges, machtvolles Verhalten Amneris zum Ende durchschaut und verflucht; es spiegelt den heutige Iran;  islamisch kraftvoll verkörpert durch die Kleidung der in schwarz-orange gehüllten Geistlichen mit langen Bärten.

Die Kostüme gestaltete Tatyana von Walsum: schlicht, die heutige Zeit abbildend. Die strenge Uniform des Radames, militärisch profan, gefiel wenig, weder in Farbe, noch im Stil; wenig inspirierend für diese so tragende Rolle.  Streng islamisch die Kleidung des Chors.

Die Regisseurin Neshat arbeitet viel mit ihren eigenen Videos. Das Bühnenbild ein monumentaler  Ytong Kubus, Christian Schmidt, siehe Foto, der sich drehen, und  auch als Projektfläche bestens geeignet ist. Ein Video, Rappture,  auf Deutsch Entrückung, soll Anfang und Ende der Oper wie eine Klammer verbinden. So zeigt ein Video Frauen in traditioneller Niqab Kleidung ein Boot besteigen und gleiten  hinaus aufs Meer: das Ziel, ihr Schicksal bleibt offen. In einem anderen Video graben Beduinen-Frauen mit den Händen im Wüstensand  ein Grab. Hier wird eine Symbolik zu Aidas Sehnsucht zu ihrer Heimat hergestellt. Zwischen den Akten projizieren die Videos große, eindrucksvolle Einzelbilder: schwarz-weiße Gesichter erzählen auf den  Vorhang eine Geschichte. Interessant auch das Video, wo ein Leichnam relativ lange durch die Wüste getragen wird. Ein Symbol für die vielen Kriegstoten? Zum Schluss wird der Trauermarsch durch die Realität eingeholt. Die Bahre wird im Sand am rauschenden Meer abgelegt und ihr entsteigt Aidas Vater Amonasro.

Salzburg / AIDA hier Elena Stikhina (Aida), Statisterie, Tänzer*innen © SF / Ruth Walz
Salzburg / AIDA hier Elena Stikhina (Aida), Statisterie, Tänzer*innen © SF / Ruth Walz

Jeder Krieg ist mit vielen Toten und Verwundeten verbunden, darum ist AIDA eine sehr aktuelle Oper. Dort bekriegen sich die Äthiopier mit den viel stärkeren Ägyptern. Krieg und Kriegshelden auch das gehört zusammen. Hier in AIDA ist es Radames, der das Ägyptische Heer, auserwählt von der Göttin Isis, anführt, und siegt. Für die Regisseurin ist selbst ein siegreicher Krieg kein Anlass zum Feiern. Krieg ist immer mit viel Leid und Trauer und Verlusten verbunden.  Deshalb wird auch der große Triumph Radames nicht gefeiert. Er wird schlicht geehrt, aber das, zur triumphaler Musik Verdis.

Radames Herz gehört Aida, der Äthiopierin, die unerkannt als Sklavin der Königstochter Amneris am königlichen Hof, des Köngs II Re lebt. Amneris ist ebenfalls dem jungen Helden Radames in Liebe verfallen. Während ihre Liebe nicht erwidert wird, glüht Radames Herz für die Äthiopierin Aida. Aida selbst befindet sich in einem schrecklichen Zwiespalt der Gefühle: ihrer großen Liebe zu Radames, Ägyptens Held, der zugleich große Feind ihres geliebten Heimatlandes Äthiopien ist.

Salzburg / AIDA hier Piotr Beczala (Radames), Elena Stikhina (Aida), © SF / Ruth Walz
Salzburg / AIDA hier Piotr Beczala (Radames), Elena Stikhina (Aida), © SF / Ruth Walz

Zur Siegerehrung werden auch die Gefangenen Äthiopier vorgeführt, darunter ihr Vater Amonasro. Kaltherzig benützt er die Liebe seiner Tochter zu Radames und erpresst sie geschickt, Radames das Kriegsgeheimnis seiner Truppenbewegung zu entreißen. Letztlich aus Liebe hat Radames Vaterlandsverrat begangen und Amneris erwischt beide in dieser Situation. Eifersüchtig und wütend übergibt sie ihn den geistlichen Richtern. Radames lehnt jede Verteidigung ab. Amneris versucht ihn vergebens zu retten. Sie weiß, dass sie einen Fehler begangen hat und all ihr Bitten findet kein Gehör. Radames wird zum Tode, lebendig zu begraben, verurteilt. Aida teilt freiwillig mit ihm sein Schicksal. Im gemeinsamen Tod, den sie gemeinsam gewählt haben, finden sie zusammen.

Elena Stikhina ist Aida: Die ganz große dramatische Stimme muss sich noch etwas entwickeln. Ihre Stimme ist aber sehr  farbenreich und lyrisch, womit sie die  Zerrissenheit der Aida bestens gestaltet.  Amneris wird dargestellt von Eve-Maud Hubeaux, kurzfristig in diese Produktion eingesprungen. Sie singt die Rolle klanglich perfekt und ihr gesanglicher Höhepunkt ist am Ende des 4. Aktes, wo sie verzweifelt, eifersüchtig, abgewiesen, sich  ihren Schmerz heraussingt. Sie hat sehr viel Bühnen-Ausstrahlung.

Und welch ein Gewinn: Einer der größten Tenöre unserer jetzigen Zeit Piotr Beczala debütiert mit Radames in Salzburg.  Zum ersten Mal in einer für ihn ganz neuen, dramatischen Rolle. Das ist ihm auch furios gelungen und so war er nicht nur der Held Radames auf der Bühne, sondern auch der musikalische Held des Abends. Seine Stimme ist feurig und lyrisch sanft zugleich, mit schönen Piani. Stimmlich sehr kräftig Luca Salsi als Amonasro. Erwin Schrott singt den Ramfis mit klarer Stimme. Roberto Tagliavini singt auf hohem Niveau den König Il Re.

Großartig die Chöre. Konzertvereinigung Wiener Statsopernchor, unter der Leitung von Huw Rhys James. Sie alle haben so mitgespielt, die ganze Aufführung mitgestaltet und wunderbar gesungen!

Die Wiener Philharmoniker spielten wie immer brillant. Dirigent Alain Altinoglu dirigiert diese AIDA eher brav, solide; das lyrisch empathische der Komposition funkelt nur wenig. Doch Verdis Komposition bleibt  immer hinreißend und erklärt ihren wohl  ewig bleibenden Erfolg, wie auch nun in Salzburg.

So empfand es auch das Publikum, welches die auffällige Inszenierung und das Ensemble lang und lautstark bejubelte.

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