Wien, Wiener Staatsoper, Premiere LES TROYENS – Hector Berlioz, 14.10.2018

Oktober 2, 2018  
Veröffentlicht unter Oper, Premieren, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

LES TROYENS –  HECTOR BERLIOZ

Premiere 14. Oktober 2018


Zur Premiere und Produktion


Les Troyens eröffnet am Sonntag, 14. Oktober 2018 den Premierenreigen in der Spielzeit 2018/2019 an der Wiener Staatsoper: Nach fast 40 Jahren kehrt Hector Berlioz’ Grand Opéra in fünf Akten in der Produktion von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Alain Altinoglu zurück auf die Bühne des Hauses am Ring.

Berlioz komponierte die Oper in den 1850er Jahren. Für den antiken Stoff von Vergil – für den Helden Aeneas, seine Flucht, für Kassandra und Dido begeisterte er sich seit seinen Jugendtagen und auch das Libretto zu Les Troyens schuf der Komponist selbst, basierend zum Großteil auf Passagen ausVergils Aeneis und einer Szene aus Shakespeares Der Kaufmann von Venedig. Es entstand kein gewöhnliches Opernwerk, sondern ein radikaler und in seinem Umfang überaus mutiger Entwurf mit einem antik-epischen Umfang. Nur wenige Opernhäuser können sich heute an das Werk heranwagen, zu groß ist der Aufwand, zu gewaltig sind die Anforderungen, die sich stellen – rund 100 Choristen, 85 Orchestermusiker, Statisten, ein Kinderchor, ungewöhnlich viele Gesangsrollen, Tänzer. Schon in seiner Entstehungs- bzw. Uraufführungszeit war Les Troyens alles andere als ein Repertoirestück und so sind auch heutzutage die internationalen Premieren eher dünn gesät, wie Staatsoperndramaturg Oliver Láng im Monatsmagazin Prolog erläutert. 1863 wurde in Paris erstmals der zweite Teil der Oper gespielt – es kam zu keiner kompletten Uraufführung, der erste Teil folgte erst 1879 – zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten. An der Wiener Staatsoper wurde Les Troyens bisher nur neunmal in doppelteiliger Form gespielt (Österreichische Premiere und Erstaufführung 1976 unter Gerd Albrecht in einer Inszenierung von Tom O’Horgan, mit Guy Chavet, Christa Ludwig und Helga Dernesch), ab den 1980er-Jahren spielte man fünf Mal den zweiten Teil – zuletzt am 26. April 1981.

Hector Berlioz © IOCO

Hector Berlioz – Paris © IOCO

Musikalisch geleitet wird die Premierenserie von Alain Altinoglu. Der französische Dirigent, Musikdirektor des Théâtre de la Monnaie in Brüssel, debütierte 2011 mit Roméo et Juliette an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier weiters noch Vorstellungen von Don Carlo, Don Giovanni, Falstaff, Faust, Salome und Simon Boccanegra, Le nozze di Figaro beim Oman-Gastspiel der Wiener Staatsoper 2013 sowie die Premieren von Macbeth (2015) und Pelléas et Mélisande (2017). Les Troyens dirigiert er nun an der Wiener Staatsoper zum ersten Mal. Im Gespräch mit Dramaturg Andreas Láng für das Staatsopernmagazin Prolog beschreibt er das Stück so: Les Troyens ist die größte und gewaltigste französische Oper, quasi – ohne sie formal, inhaltlich oder stilistisch vergleichen zu wollen – die französische Götterdämmerung. […] In diesem Werk manifestiert sich – zwar auf wunderbare Weise, aber dennoch – der gesamte Größenwahn und die besondere Verrücktheit von Hector Berlioz. Diesen Größenwahn Berlioz’ findet man nicht nur in den Trojanern, sondern „nahezu in seinem kompletten Œvre: Er liebte ganz einfach riesengroße Orchesterbesetzungen, eine Vielzahl an Solisten und Statisten, überdimensionale Chöre.“ Bis auf kleine Striche in den Ballettnummern wird Les Troyens in dieser Premierenproduktion im Haus am Ring komplett gezeigt.

„Die Trojaner-Partitur lebt jedenfalls von diesen kreativen Klangfarben- und Instrumentenkombinationen, die Berlioz zu entwickeln imstande war. […] Atmosphäre, Stimmungen, Lokalkolorit, Charakteristika durch Klänge zu zaubern, darin war Berlioz ein nicht zu übertreffender Meister“, charakterisiert der Dirigent die Partitur und betont schlussendlich auf die Frage, ob Les Troyens die Entwicklung der Operngeschichte beeinflusste: „Hector Berlioz hat mit anderen Werken sicherlich Einfluss auf die Musikgeschichte genommen, aber mangels einer bald einsetzenden gewichtigen Rezeptionsgeschichte – zumal in Frankreich – konnten die Trojaner nicht wirklich große Veränderungen hervorrufen oder gar den Beginn einer neuen Tradition markieren. Und so steht diese Oper wie ein – riesiger – Diamant vor uns.“

Sir David McVicar inszeniert – er brachte diese Produktion, die die Wiener Staatsoper als Koproduktion mit dem Londoner Royal Opera House, der Mailänder Scala und der San Francisco Opera zeigt – 2012 in London heraus und entwickelt seine Regie nun für Wien weiter. Les Troyens ist nach Tristan und Isolde, Adriana Lecouvreur, Falstaff und zuletzt Ariodante seine fünfte Arbeit am Haus am Ring. Im Konzeptionsgespräch betonte er die Majestät und Schönheit dieser Oper, die er als ungewöhnliches und sehr individuelles Werk der Operngeschichte sieht. Die zentrale Geschichte über Krieg und Auswirkungen von Krieg, das Zusammenprallen der Ereignisse der Geschichte mit den persönlichen Schicksalen Einzelner zeigt eine Form der Hoffnungslosigkeit. Das ganze Stück ist durchzogen von einer pessimistischen Einstellung, die durch große Freude und große Liebe kurz aufgehellt wird.

Die Produktion ist im 19. Jahrhundert angesiedelt und bezieht sich auf Kriege, die zu dieser Zeit – also zur Zeit Berlioz’ – stattgefunden haben. Troja erinnert hier stark an eine Stadt des 19. Jahrhunderts, und auch die Kostüme – geschaffen vom deutschen Kostümbildner Moritz Junge – erinnern an das zweite französische Kaiserreich. Das Karthago der Dido wiederum ist eine eher mythische Welt, die in der Produktion David McVicars an den Nahen Osten erinnert – auch diese wurzelt aber im 19. Jahrhundert. Im Schlussbild erscheint ein riesiges Kriegerstandbild auf der Bühne, das quasi aus den Ruinen des trojanischen Pferdes entstanden ist – aus den Ruinen des Krieges wird ein neuer Krieg entstehen.

Das Bühnenbild für Les Troyens stammt von Es Devlin. Mit Les Troyens ist erstmals eine ihrer Arbeiten an der Wiener Staatsoper zu sehen. In Österreich ist die international gefragte englische Künstlerin u. a. für ihr Bühnenbild für die aktuelle Carmen-Produktion der Bregenzer Festspiele bekannt.

Für das Lichtdesign zeichnen Wolfgang Goebbel und Pia Virolainen verantwortlich, die Choreographie kreierte Lynne Page.


Die Besetzung


Alle Solistinnen und Solisten geben in der Premiere ihr Staatsopern-Rollendebüt:

Den Enée verkörpert Brandon Jovanovich. Les Troyens ist nach seinem Debüt 2016 als Don José (Carmen) und Auftritten als Sergej (Lady Macbeth von Mzensk) die erste Staatsopern-Premiere des US-amerikanischen Tenors. Sein Rollendebüt als Enée – zugleich seine erste Berlioz-Partie – gab er 2016 in San Francisco: „Das Werk und die Rolle sind umwerfend schön […]. Und je länger ich mich in das Stück vertiefte, umso deutlicher sind die Kostbarkeiten hervorgetreten.“ Im Interview mit Andreas Láng für den Prolog erzählt er zur Aktualität der in der antiken Sagenwelt verorteten Handlung: „Genau genommen werden sogar die ganz wesentlichen Themen und Konflikte der Menschheit durchdekliniert: Der Umgang mit den Hilfesuchenden […], dann die Einstellung zu einer – möglicherweise – vermeintlichen Bestimmung, es geht um Liebe in vielerlei Hinsicht und um Opfer, die man zu bringen müssen glaubt. Viele von den hier angesprochenen Themen wirken in unser privates Leben hinein.“

Dem österreichischen Publikum ist Brandon Jovanovich weiters durch Auftritte als Sergej und Hermann (Pique Dame) bei den Salzburger Festspielen und Cavaradossi (Tosca) bei den Bregenzer Festspielen bekannt. An der Wiener Staatsoper wird er im November 2018 noch den Prinzen in Rusalka sowie im April/Mai 2019 den Florestan in Fidelio verkörpern.

Als Didon singt Joyce DiDonato ihre erste Premiere im Haus am Ring. An der Wiener Staatsoper war sie bisher erst an zwei Abenden zu erleben: Als Rosina in Il barbiere di Siviglia 2009 sowie mit einem Solistenkonzert 2016. Ihre erste Begegnung mit der Didon hatte sie im Zuge einer Gesamteinspielung für Warner Records. „Mir war zudem klar, dass ich sie dann aber unbedingt auch szenisch verkörpern wollte – schließlich handelt es sich bei Didon um eine vollblütige tragische Figur – sowohl in ihrer Position als Königin als auch als Frau – deren Umsetzung auf der Bühne eine wunderschöne und zugleich lohnende Herausforderung darstellt. […] Didon ist schließlich ein derartig profunder und komplexer Charakter, dass ich wohl bei jeder Auseinandersetzung mit ihr, ja bei jeder Vorstellung neue Eindrücke gewinnen werde. Berlioz gelang mit Didon durch seine unglaublich reiche Partitur das Porträt einer zutiefst menschlichen Gestalt, die nie vollständig zu erforschen sein wird.“ Auch sie sieht die Aktualität des Stoffes: „Ich glaube, dass dieses Sujet kaum aktueller sein könnte! Es geht um ein Volk, das aus seiner Heimat fliehen musste und um Asyl ansucht – es geht um Flüchtlinge. Didon erkennt heldenmütig, dass diejenigen, die das Leid erfühlen, jenen niemals den Rücken kehren können, die Hilfe benötigen. Ich finde, es geht um eine Einstellung, die man sich immer wieder neu vor Augen führen sollte.“

Als Cassandre ist Anna Caterina Antonacci zu erleben – ihr Staatsoperndebüt gab sie 1999 als Donna Elvira in Don Giovanni (Festwochen-Vorstellungen im Theater an der Wien). Die aus Ferrara (Italien) stammende Sängerin debütierte als Rosina (Il barbiere di Siviglia) in Arezzo und eröffnete damit eine Weltkarriere: Auftritte führten sie u. a. an die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden, das Teatro Comunale in Bologna, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Teatro dell’ Opera in Rom, an die San Francisco Opera, zum Glyndebourne Festival, an die Bayerische Staatsoper, nach Paris. Aktuelle Projekte umfassen u. a. Charlotte in Valencia und Barcelona, Elle (La Voix humaine) in Bologna, San Francisco, Turin, Liège, Susanna (Sancta Susanna) in Paris, Cassandre (Les Troyens) an der San Francisco Opera, Carmen in Turin, Chimène (Le Cid) in Paris, Iphigénie (Iphigénie en Tauride) in Hamburg.

Den Chorèbe verkörpert Adam Plachetka – dem Staatsopernpublikum als langjähriges Ensemblemitglied bestens bekannt durch seine Auftritte u. a. als Masetto und Don Giovanni (Don Giovanni), Guglielmo (Così fan tutte), Figaro und Conte d’Almaviva (Le nozze di Figaro), Dulcamara (L’elisir d’amore) und Malatesta (Don Pasquale). Les Troyens ist bereit seine siebte Premiere im Haus am Ring nach Don Apostolo Gazella (Lucrezia Borgia), Melisso (Alcina), Masetto (Don Giovanni), Publio (La clemenza di Tito), Hercule (Alceste) und Harlekin (Ariadne auf Naxos).

Seine zweite Premiere im Haus am Ring singt der italienische Tenor Paolo Fanale, der in Les Troyens als Iopas zu erleben sein wird. An der Wiener Staatsoper debütierte er 2016 als Fenton in der Falstaff-Premiere (in der Inszenierung von David McVicar) und sang hier weiters den Nemorino (L’elisir d’amore).

In den weiteren Partien sind Jongmin Park als Narbal, Rachel Frenkel als Ascagne, Benjamin Bruns als Hylas, Alexandru Moisiuc als Priam, Orhan Yildiz als Griechischer Heerführer, Marcus Pelz und Ferdinand Pfeiffer als Erster bzw. Zweiter trojanischer Soldat, Igor Onishchenko als Soldat/Mercure und Donna Ellen (anstelle von Jane Henschel) als Hécube zu erleben.

Les Troyens ist außerdem die erste Premiere dreier neuer Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper: Szilvia Vörös verkörpert (anstelle von Margarita Gritskova) die Anna – sie debütierte kürzlich als Flora in La traviata im Haus am Ring, Peter Kellner den Panthée und Lukhanyo Moyake den Hélénus. Als Schatten des Hector stellt sich außerdem Anthony Schneider dem Staatsopernpublikum vor.

Es spielt das Orchester der Wiener Staatsoper, es singen der Chor der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Thomas Lang sowie der Slowakische Philharmonische Chor, es tanzt das Wiener Staatsballett.

Les Troyens „live at home“ sowe im Radio
Radio Ö1 (+ EBU) strahlt Les Troyens am 20. Oktober 2018 ab 19.30 Uhr aus, aufgezeichnet am 14. und 17. Oktober 2018 in der Wiener Staatsoper.
Die Vorstellung am 4. November 2018 (anstelle der Premiere, wie ursprünglich angekündigt) wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit in höchster Ton- und Bildqualität übertragen.


Kurzinhalt


Das trojanische Volk freut sich, nach langen Jahren der Belagerung, über den unerwarteten Abzug der Griechen. Das zurückgelassene riesige Holzpferd wird, entgegen aller Warnungen der Seherin Kassandra, in die Stadt gebracht. Diesem entsteigen in der Nacht griechische Soldaten – die Stadt Troja fällt. Aeneas, von Hecors Schatten angeleitet, gelingt mit einigen Getreuen und dem Schatz Trojas die Flucht. Er soll, so die Vorgabe, in Italien ein neues Reich gründen.

Karthago, von der verwitweten Königin Dido beherrscht, lebt in Wohlstand. Aeneas und seine Krieger treffen – zunächst inkognito – ein. Aeneas hilft den Karthagern im Kampf gegen Rebellen und erobert das Herz der Dido. Doch die Liebe der beiden wird durch die Pflicht der Weiterreise nach Italien gestört. Aeneas, bedrängt von allerlei geisterhaften Aufforderungen, verlässt Dido, die sich mit dem Ausruf „Unsterbliches Rom!“ das Leben nimmt. Die Karthager schwören dem Volk des Aeneas ewigen Hass.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

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