München, Bayerische Staatsoper, Il trittico von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 03.01.2018

Januar 3, 2018 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Il trittico – Giacomo Puccini

– Gianni Schicchi – Il tabarro – Suor Angelica –

Von Hans-Günter Melchior

Ach ja, es tut mir Leid, stimmt aber doch, oder? wie oft schon empfand man beim Anhören von Puccinis Musik dieses leichte Unbehagen, ganz ähnlich den Gewissensbissen eines Fettleibigen, der an Weihnachten zuviel Süßigkeiten in sich hineinstopft. Die langen Melodienbögen, das Belcanto, ganz nahe am Süßlichen und Gefälligen, die bruchlos aufgehenden Harmonien.

Großes Opernvergnügen

Dieses Mal ist es anders. Man erlebt den Musikdramatiker Puccini, den szenischen Gestalter, der das Geschehen mit rauen, zuweilen rohen Klängen ausstattet, musikalisch – an Wagner erinnernd – ausmalt und die Dissonanzen nicht scheut, wenn sich Tragisches, Zwiespältiges ereignet. Und der mit impressionistischen Valeurs imponiert, wenn sich Hintergründiges zuträgt, mit einem Satz: man staunt über die Modernität dieses Komponisten.

Bayerische Staatsoper / Il trittico - hier in Gianni Schicci das Ensemble © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico – hier in Gianni Schicci das Ensemble © Wilfried Hoesl

Nicht lange braucht man zu suchen, woran dies liegt: am Dirigenten Kirill Petrenko. Er hat das brillante Bayerische Staatsorchester fest im Griff, erlaubt keine Ausrutscher ins Melodramatische oder gar Kitschige, führt straff und in die Komposition hineinhörend. Eine glänzende Leistung, zweifelsfrei, aber so weit sollte man dann doch nicht gehen wie die SZ, nicht gerade einen naiven Wunderglauben strapazieren und gleich von Petrenkos „Wunderhänden“ träumen, denen die Musik gleichsam im Akt des Dirigierens entströmt (da wäre Theodor W. Adornos Aufsatz „Dirigent und Orchester“ in der „Einleitung in die Musiksoziologie“ korrigierend hilfreich gewesen). Die Musik hat immer noch Puccini geschrieben und das Orchester hat sie gespielt und der Dirigent hat sie – großartig – interpretiert. So verhält es sich nunmal in der hierarchischen Ordnung der Kunst. Verbeugung vor Puccini.

Es handelt sich bei Il trittico, wenn man durchaus so will, um ein Triptychon. Freilich fällt es einigermaßen schwer, eine verbindende Idee zu finden, zu unterschiedlich sind die Handlungen, zu disparat die zugrundeliegenden Ereingisse. Der intellektuelle Aufwand, aus den drei Stücken eine Grundidee herauszudestillieren, wirkt verkrampft und führt zu keinem überzeugenden Ergebnis.

Aber ist dies denn überhaupt notwendig? Wo doch jede der drei Opern durchaus einleuchtend und in sich geschlossen für sich spricht. Die Stücke werden von der niederländischen Regisseurin Lotte de Beer beeindruckend und mit sparsamen Mitteln in Szene gesetzt: eben als selbständige Werke:

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Il tabarro mit Eva-Maria Westbroek als Giorgetta, Wolfgang Koch als Michele und Yonghoon Lee als Michele © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Il tabarro mit Eva-Maria Westbroek als Giorgetta, Wolfgang Koch als Michele und Yonghoon Lee als Michele © Wilfried Hoesl

Il tabarro spielt im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Michele ist der Eigentümer eines Lastenkahns, der die Existenzgrundlage für ihn und seine Frau Giorgetta darstellt. Als das gemeinsame Kind stirbt, entfremden sich die Eheleute. Giorgetta verliebt sich in den auf dem Kahn arbeitenden Löscher Luigi. Als ihr Ehemann Michele hinter die ehewidrige Beziehung kommt, erwürgt er Luigi und bedeckt die Leiche mit einem Mantel.

Suor Angelica handelt vom Leben der Schwester Angelica in einem Kloster zum Ende des 17. Jahrhunderts. Angelica ist fürstlicher Herkunft. Als sie ein uneheliches Kind, einen Sohn, bekommt, wird sie von ihrer Tante (ihre Eltern sind bereits gestorben) zur Strafe in ein Kloster gesteckt. Nachdem sie dort bereits sieben Jahre, für die Heilkräuter zuständig, arbeitet, bekommt sie endlich von der Tante den sehnlich erwarteten Besuch. Sie will wissen, wie es ihrem Kind geht. Die Tante teilt ihr kalt und ohne Anteilnahme mit, dass das Kind vor zwei Jahren gestorben sei. In ihrer Verzweiflung vergiftet sich Angelica. Im Todeskampf hat sie die Vision der Muttergottes, die Angelicas Kind in den Armen haltend Mutter und Sohn zusammenführt.

Gianni Schicchi schließlich spielt im Florenz des Jahres 1299. Der reiche Buoso Donati ist gestorben. Die mittellose Verwandtschaft versammelt sich am Totenbett in der Hoffnung, vom Erblasser testamentarisch reich bedacht worden zu sein. Aus dem endlich gefundenen Testament ergibt sich jedoch, dass Donati seinen gesamten Nachlass einem Kloster übereignet. Die leer ausgehende Verwandtschaft ist ratlos und verzweifelt. Der herbeigerufene Erzgauner und gelernte Betrüger Gianni Schicchi, dessen Tochter Lauretta den einst präsumptiven Erben Rinuccio liebt und im Erbfalle heiraten will, kommt auf die Idee, den Leichnam Donatis wegzuschaffen. Er will sich in das Totenbett legen und einem herbeigerufenen Notar vorspiegeln, es handele sich bei ihm, Schicchi, um den – natürlich noch lebenden – Donati, der sein Testament diktieren und notariell beurkunden lassen will. So geschieht es. Schicchi, alias Donati, diktiert dem gutgläubigen (oder bestochenen, die Höhe der Entlohnung spricht für eine Bestechungssumme) Notar seine letztwillige Verfügung, mit der er vor allem und zum übergroßen Anteil sich selbst bedenkt. Er verweist die empört protestierende Verwandtschaft aus dem nun ihm gehörenden Haus.

Besonders Gianni Schicchi überzeugt musikalisch und von der burlesken, temporeichen Handlung her, der geradezu überbordenden Komik, die sich von der Musik auf das Geschehen überträgt.

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Suor Angelica Ermonela Jaho als Angelica sowie Ensemble und Chor © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Il trittico hier in Suor Angelica Ermonela Jaho als Angelica sowie Ensemble und Chor © Wilfried Hoesl

Lotte de Beer hat alle drei Opern in einem Trichter inszeniert, der sich zum Zuschauerraum hin öffnet und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft symbolisieren soll. Eine Art Zeitbehälter. Diese Bühnengestaltung ist aus sich heraus zwar nicht verständlich, man käme als Zuschauer nicht ohne weiteres darauf und ist gut beraten, sich zuvor die Ausführungen der Regisseurin im Podcast des Nationaltheaters anzuhören.

Der insgesamt durchaus gelungenen Inszenierung tut dies freilich keinen Abbruch. Die Regisseurin verzichtet darauf, mit allerlei Performance-Tricks und dem Schnickschnack des Regietheaters Eindruck zu schinden und Tiefgründiges vorzutäuschen, sondern belässt es bei einigen Requisiten, wie etwa einer Luke im Kahn von Il tabarro, den weißen Gewändern der Nonnen in Suor Angelica, oder den clownesken Kostümen in Gianni Schicchi, um Orte und Stimmung des Geschehens zu charakterisieren. Die geschickte Lichtregie tut ein Übriges. Warum allerdings die Szene sich in Il Tabarro und Suor Angelica (wo die wundergläubige und visionäre Handlung besonders am Ende – freilich ohne Verschulden der Regisseurin –  doch arg den Kitsch streift) zum Schluss im Trichter dreht, erschloss sich dem Rezensenten nicht.

Außer dem großartigen Dirigat und der brillanten Orchesterleistung sind Ermonela Jahos wunderschön warmer Sopran und der kernige Bass von Ambrogio Maestri besonders hervorzuheben. Eine Einzelkritik aller Protagonisten würde den Rahmen einer Rezension sprengen.

Insgesamt ein vom Publikum zu Recht begeistert gefeiertes Opernerlebnis. Eine Empfehlung für München-Besucher: sollten Sie im Januar oder Juli hierher kommen, versäumen Sie nicht Il trittico, erkämpfen Sie sich ein Ticket.

Il trittico an der Baerischen Statsoper: Die weiteren Termine 14.7.2018, 16.7.2018

 

München, Bayerische Staatsoper, Premieren Spielzeit 2017 / 2018

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

  Premieren in der Spielzeit 2017 / 18

Das Spielzeitthema der kommenden Saison lautet Zeig mir deine Wunde. Staatsintendant Nikolaus Bachler betont: „Ob positives Wagnis, sich in seiner Verletzlichkeit zu zeigen, oder zweifelnde Wahrheitssuche: Verschiedene Interpretationen liefern den Stoff für unsere sieben Opern-Premieren.“

Opern-Premieren:

26.10.2017 – Le nozze di Figaro
Musikalische Leitung: Constantinos Carydis, Inszenierung: Christof Loy
Mit Christian Gerhaher, Federica Lombardi, Anett Fritsch, Alex Esposito, Olga Kulchynska

17.12.2017 – Il trittico
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Lotte de Beer
Mit Wolfgang Koch, Yonghoon Lee, Ermonela Jaho, Ermonela Jaho, Ambrogio Maestri, Rosa Feola, Pavol Breslik

11.3.2018 – Les Vêpres siciliennes
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber, Inszenierung: Antú Romero Nunes
Mit Carmen Giannattasio, Erwin Schrott, George Petean

21.5.2018 – Aus einem Totenhaus von Fjodor M. Dostojewski
Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Frank Castorf
Mit Peter Rose, Evgeniya Sotnikova, Aleš Briscein, Bo Skovhus

28.6.2018 –  Parsifal von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Pierre Audi
Mit Jonas Kaufmann, Christian Gerhaher, Nina Stemme, René Pape

23.7.2018 –  Orlando Paladino von Joseph Haydn 1732 — 1809
Musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Axel Ranisch
Mit Sofia Fomina, Mathias Vidal, Edwin Crossley-Mercer, Tara Erraught


Ballett-Premieren:

19.11.2017 – Anna Karenina 
Choreographie: Christian Spuck, Komponist: Sergej W. Rachmaninow, Witold Lutoslawski, Sulkhan Tsintsadze und Josef Bardanashvili

14.4.2018 – Portrait Wayne McGregor
Choreographie: Wayne McGregor, Musik: Joel Cadbury, Paul Stoney, Max Richter

4.7.2018 –  Ballettabend – Junge Choreographen
Junge Nachwuchschoreographen kreieren für das Ensemble des Bayerischen Staatsballetts zeitgenössische Werke, PMBayerStoM

 

Berlin, Staatsoper im Schillertheater, Premiere DIE FRAU OHNE SCHATTEN, 09.04.2017

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Staatsoper im Schiller Theater

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

DIE FRAU OHNE SCHATTEN von Richard Strauss

Premiere 9. April 2017 18:00 Uhr, weitere Vorstellungen 13. + 16. April 2017

FESTTAGE-Premiere am 9. April: Richard Strauss’ Die Frau ohne Schatte« in der Regie von Claus Guth ist erstmals in Berlin zu erleben – dirigiert von Zubin Mehta und mit Camilla Nylund als Kaiserin

Bei den diesjährigen FESTTAGEN an der Staatsoper im Schiller Theater ist am 9. April Claus Guths Inszenierung von Strauss’ Die Frau ohne Schatten nach großen Erfolgen an der Mailänder Scala (2012) und am Royal Opera House Covent Garden in London (2014) erstmals in Berlin zu sehen. Musikalisch geleitet wird die Premiere in diesem Jahr vom Ehrendirigenten der Staatskapelle Berlin, Zubin Mehta – ein Strauss-Dirigent par excellence und langjähriger Weggefährte Daniel Barenboims, der die FESTTAGE 1996 ins Leben gerufen hat.

Vor und während des Ersten Weltkriegs schufen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal die märchenhaft-phantastische Oper voller Symbole und Metaphern, die sie selbst als ihr Hauptwerk betrachteten. Regisseur Claus Guth, der mit dieser Inszenierung bereits seine vierte Arbeit an der Berliner Staatsoper zeigt, deutet die Handlung als Traum der Kaiserin, in dem sie auf fantastische Gestalten und magische Wesen trifft. Aus dieser Grundsituation entfaltet sich eine Lesart, die die dunklen Untertöne der mythischen Erzählung betont und tiefe Einblicke in das menschliche Seelenleben gewährt.

Die finnische Sopranistin Camilla Nylund, die in ihrem Repertoire einen Schwerpunkt auf Wagner- und Strausspartien setzt, gibt an der Berliner Staatsoper ihr Rollendebüt als Kaiserin. Ihr zur Seite steht als Kaiser der Tenor Burkhard Fritz. Die Partie der Amme übernimmt Michaela Schuster, die diese Rolle bereits in Mailand und London sang. Die Rolle Baraks wird gesungen von Wolfgang Koch. Als Baraks Frau ist Iréne Theorin zu erleben. Darüber hinaus zählen u. a. Roman Trekel, Evelin Novak, Narine Yeghiyan, Anja Schlosser, Karl-Michael Ebner, Alfredo Daza, Jun-Sang Han, Grigory Shkarupa, Sónia Grané und der Staatsopernchor zum Ensemble. Es spielt die Staatskapelle Berlin.

Das Bühnenbild sowie die Kostüme – zu denen auch aufwendige und fantasievoll gestaltete Tiermasken zählen – stammen von Christian Schmidt. Für die Videoprojektionen zeichnet Andi A. Müller verantwortlich. Beide Künstler verbindet mit Claus Guth eine langjährige und enge Zusammenarbeit.

Zur Vorbereitung auf die Premiere findet am Sonntag, den 2. April um 11 Uhr im Gläsernen Foyer des Schiller Theaters eine Einführungsmatinee mit dem Musikwissenschaftler Christian Schaper statt. Der Eintritt ist frei. PMStOiSCH

Die Premiere wird vom RBB Kulturradio live übertragen.

Staatsoper im Schillertheater – Karten Hier:
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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Lohengrin von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.11.2016

November 26, 2016 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Gepflegte Langeweile aus dem Orchestergraben

Konwitschnys kontroverser Lohengrin begeistert in Hamburg

Wiederaufnahme der Oper Lohengrin von Richard Wagner an der Hamburgischen Staatsoper, besuchte Vorstellung am 24.11.2016

Von Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Roberto Sacca, Ann Petersen, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Roberto Sacca, Ann Petersen, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Die Hamburgische Staatsoper war mal „Opernhaus des Jahres“, eine Auszeichnung von einer internationalen Opernzeitschrift, über die man sicher unterschiedlicher Meinung sein kann wie über die Tatsache, ob je ein Opernhaus diesen Titel verdient hat oder nicht. Nicht zuletzt lohnt sich der Titel rein aus Werbezwecken gewaltig. Hier erhielt Hamburg den Titel Opernhauses des Jahres wegen der erfolgreichen Zusammenarbeit des Generalmusikdirektors Ingo Metzmachers mit dem streitbaren, aber um Werktreue sehr bemühten Regisseur Peter Konwitschny. Zusammen brachten die beiden genau 10 Produktionen auf die Bühne, die das Opernvolk in Hamburg kräftig aufmischten, begeisterten oder zu Wutausbrüchen und Schlimmerem verleiteten. Wagners Lohengrin zählt dazu.

Staatsoper Hamburg r / Lohengrin - Ann Petersen, Tanja Ariane Baumgartner, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Ann Petersen, Tanja Ariane Baumgartner, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Damals in der Lohengrin Premiere B am 21. Januar 1998 konnte man nicht glauben, dass im Parkett die berühmte Prügelszene aus den Meistersingern von Nürnberg von einigen der hanseatischen Kaufleute als Kontrapunkt zum Lohengrin dargestellt wurde. Ein Buhgewitter durchmischt mit Jubelsalven erschütterte das Haus. Viele Besucher waren nur in der Lage, mit offenem Mund dazusitzen, nicht fähig zu applaudieren, zu jubeln oder gar zu protestieren. Die erste Vorstellung hatte damals auch sprachlos gemacht!!!! Was war geschehen?

Konwitschny verlegte die Handlung und die Ritterwelt von Brabant in ein wilhelminisches Klassenzimmer mit flegelhaften Mädels und Buben in kurzer Hose. Der Kinderstube dieser Bühne wurde damit der Weg bereitet zum militärischen Aufrüsten deutschen Landes. Das Ganze wirkte verspielt, geradezu kindisch und man suchte fast vergeblich nach der Ernsthaftigkeit. Es fehlte an sittlicher Reife bei allen. Der Schwanenritter tauchte aus dem Unterboden auf während Elsa im Schrank versteckt neugierig herauslugte und dem „Lehrer“ Lohengrin erwartungsvoll in die Augen schaute. Ob er vielleicht dieses Chaos hier bereinigen kann? Die Schüler kämpften die Intrigen der Handlung mit Holzschwertern. Lohengrin kämpfte dagegen ab dem zweiten Aufzug mit scharfen Waffen.  „Wir haben es hier mit unreifen Menschen zu tun, die große Sehnsucht nach etwas haben, aber nicht wissen, wie sie das leben sollen. Die Jugendlichen erleben die erste Liebe, phantasieren über die Zukunft, und der einzige Erwachsene, Lohengrin, sehnt sich, nachdem er Verantwortung übernommen hat, in die Kindheit zurück. (Peter Konwitschny)

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Roberto Saccá, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Roberto Saccá, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Arno Declair

Als sich die Wogen von 1998 langsam glätteten, der ein oder andere Besucher noch einmal kam, um zu schauen, die Kritiken in den Medien im Wesentlichen positiv waren, wurde die Regiearbeit von Peter Konwitschny mit Preisen überhäuft. Nach dieser Saison und dem Intendanzwechsel zu Simone Young verschwand dann alles was nach Konwitschny roch vom Spielplan. Es brauchte bis 2009, dass sich Frau Young besann und die Oper in neuer Besetzung wieder auf den Plan rief. Eine gute Entscheidung. Und heute unter der nächsten Intendanz aus vormals Basel und München steht Lohengrin wieder auf dem Plan mit dem vom Senat eingekauften „Stardirigenten“ Kent Nagano am Pult.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Wolfgang Koch, Ann Petersen, Tanja Ariane Baumgartner © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Wolfgang Koch, Ann Petersen, Tanja Ariane Baumgartner © Arno Declair

Unweigerlich denkt man an den Lohengrin in Dresden im Mai diesen Jahres, der zuletzt gehörte und gesehene Lohengrin. Dort mit der eher langweiligen Regie von Christine Mielitz , dafür mit Spitzenstars der Oper und Christian Thielemanns überragendem Dirigat am Pult. Anna Netrebko, Piotr Beczala und Co. machten ein Fest der Stimmen und Klänge daraus. Leider wurde dieses Fest in Hamburg nicht (ganz) erreicht. Kent Nagano ist der neue „Stardirigent“ der Hamburgischen Staatsoper. Zumindest wird er hier so verkauft. Es fällt auf, dass er die Konzerte mit den Philharmonikern in der Laeiszhalle und demnächst in der Elbphilharmonie bravourös gestaltet, und dass man manchmal das Gefühl hat, dass ein neues Orchester auf der Bühne steht. Die Stimmung im Orchester ist nach meinen Kenntnissen auch dementsprechend besser gegenüber der Vorgängerin geworden, was man zuletzt unter Simone Young auch im Parkett hören musste.

Bei den Opern ist es insgesamt etwas anders. Es gab die Gelegenheit, Tristan mit Nagano im Mai in Hamburg und kurze Zeit später in Berlin mit Runnicles zu hören und zu vergleichen. In Punkto Sängerfreundlichkeit wurde er durch Herrn Runnicles um Längen geschlagen, auch die Tempi und Dynamik haben in Berlin deutlich besser gefallen. In Hamburg scheint das Orchester der „Star“ zu sein und Sängerfreundlichkeit nicht die erste Priorität zu haben. Im Lohengrin heute das Vorspiel extrem getragen, das Tempo fast parsifalähnlich feierlich, und so ging es weiter durch die 3 langen Akte. Das war sicherlich alles musikalisch akademisch richtig, was er da mit dem Orchester machte, aber es ging in keinster Weise nahe, oder sogar unter die Haut…es war irgendwie blutleer. Was hatte Thielemann in Dresden für Klänge gezaubert, das Orchester anschwellen lassen bis zum Orkan oder leise zurückgenommen, dass nur noch ein Hauch hörbar war. Die Lautstärke sängerfreundlich angepasst wo immer möglich. All das fehlte in der besuchten Lohengrin-Vorstellung vollkommen…gepflegte Langeweile erklang aus dem Graben.

Aber es gibt auch Großartiges zu berichten. Insbesondere der Chor der Hamburgischen Staatsoper hat einen großen Anteil an der musikalischen und darstellerischen Qualität des Abends. Singen und agieren bei den zum Teil halsbrecherischen Aktionen auf der Bühne gelingen präzise und stimmschön. Oft wird dem Dirigenten der Rücken gezeigt und dennoch fantastisch gesungen und agiert. Man spürt förmlich, dass es den Akteuren des Chores einen Riesenspaß machte, damals und heute, die Konwitschnyinszenierung zu gestalten. Alle Achtung für die Sängerinnen und Sänger des Chores unter Eberhard Friedrich, die hier heute den tragenden Part des Abends liefern.

Staatsoper Hamburg / Zu Recht bejubelt; der Chor der Hamburgischen Staatsoper © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Zu Recht bejubelt; der Chor der Hamburgischen Staatsoper © Patrik Klein

Stimmlisch gibt es Gänsehautmomente durch die beiden „Bösewichte“ des Abends. Telramund und Ortrud. Fabelhaft Wolfgang Koch als Telramund, der zur Zeit in Hamburg nebenbei noch den Jochanaan in der Salome gibt. Auch diese Rolle kann man derzeit in Hamburg mit Bewunderung genießen. Koch hat das Hamburger Publikum in der Vergangenheit mit Rollen wie Kurwenal, Don Giovanni, Alberich und Harry Joy (Bliss) verwöhnt. Heute Abend in Topform und unter die Haut gehend. Ihm zur Seite steht die nicht minder eindrucksvolle Ortrud der Freiburgerin Tanja Ariane Baumgartner, die die Rolle mit ihrem wunderschönen Mezzo fantastisch ausfüllt. Sie hatte mich im Juni diesen Jahres mit ihrer Brangäne in Berlin bereits „erobert“. Höhepunkt der Beginn des zweiten Aktes, als ihre Giftpfeile in Richtung Telramund ihre Wirkung zeigen. Musikalisch diese Szene die aufregendste des Abends.

König Heinrich wird vom soliden, aus Bayern stammenden und in Hamburg fest verwurzelten und mit dieser Rolle bayreutherfahrenen Willi Schwinghammer glanzvoll dargestellt. Der Lohengrin von Roberto Saccà wird von dem international gefragten und sehr erfahrenen Deutsch-Italiener ganz ordentlich gesungen. Im ersten Akt wirkte er noch etwas unsicher, vielleicht nicht gut eingesungen und es schwante Schlimmes für den 3. Akt, aber er fing und steigerte sich im Laufe des Abends beachtlich. Ich hatte ihn etliche Jahre nicht mehr gehört, sein extrem lyrischer Klang existiert auch noch immer, aber das „heldische“ Metall hat sich für die dramatischen Stellen besonders im 3. Akt sehr gut entwickelt. Leider hatten Elsa und der Heerrufer irgendwie keinen besonders guten Tag…aber das passiert, leider.

Staatsoper Hamburg / Schlussapplaus Lohengrin, 24.11.2016 © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Schlussapplaus Lohengrin, 24.11.2016 © Patrik Klein

Insgesamt ein annehmbarer, wenn auch nicht musikalisch fesselnder Genuss. Die großartige Inszenierung von Peter Konwitschny hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Dennoch ist sie immer noch hochaktuell und gedankenanregend.
Und die „unreife“ Gesellschaft hat sich zumindest im Parkett der Hamburgischen Staatsoper weiterentwickelt und auf Prügelszenen wie in 1998 verzichtet; immerhin. Freundlicher, einhelliger Applaus nach einem fast 5stündigen Wagneropernabend vor leider wieder nicht vollem Haus. Aber das ist ein anderes Thema, zu dem zu späterem Zeitpunkt etwas zu sagen ist.

Staatsoper Hamburg: Der Lohengrin von Richard Wagner, letzte Vorstellung der Spielzeit 2016/17 am 27.11.16.

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