Köln, Oper Köln, Hohe Auslastung inmitten des Bauskandals, IOCO Aktuell, 19.07.2017

Juli 19, 2017 by  
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Oper Köln

 Köln / Interimspiestaette StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / Interimspiestaette StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Oper Köln  – Hohe Auslastung in Ersatzspielstätte

  Saison 2016/17 – Gesamtauslastung 82,19%

 Von Viktor Jarosch

Intendantin Meyer meldet hohe Auslastung der Oper Köln im StaatenHaus!

Kennen Sie eigentlich alle Ersatzspielstätten, in welchen die Oper Köln seit 2013 ihre Produktionen zeigte? Man verliert leicht den Überblick. Oberlandesgericht, Palladium, Musical Dome, Offenbachplatz, Trinitatiskiche und mehr. Seit 2016 ist das Staatenhaus Spielstätte der Oper Köln bis 2022. Vielleicht.  Die geplante Sanierung (Kosten und Dauer) der Oper Köln werden sich bis 2022 mehr als verdoppelt haben: Von vier auf zehn Jahre, von  €270 Mio auf €570 Mio. Ex-Intendant Uwe Laufenberg flüchtete 2013 derweil nach Wiesbaden und karikierte nachtragend damalige Kölner Verhältnisse in seinem Buch Palermo.

Oper Köln / Intendatin Birgit Meyer im Staatenhaus © IOCO

Oper Köln / Intendatin Birgit Meyer im Staatenhaus © IOCO

Birgit Meyer, Intendantin der Oper Köln, meldete nun, zum Abschluss der Saison 2016/17, der zweiten Spielzeit im wenig zentralen Interimsspielort Staatenhaus auf der Deutzer Rheinseite, eine überraschend hohe Gesamtauslastung von 82,19 % bei 107.058 verkauften Karten.  »Es ist uns ein Anliegen, den Opernliebhabern aus Köln und der Umgebung im Staatenhaus eine so hohe Qualität zu liefern, wie man sie bei der großen Tradition der Oper Köln erwarten darf. Die Besucherzahlen zeigen es: Das für unterschiedlichste Formate geeignete Staatenhaus mit seinen drei Sälen ist dem Publikum zu einer festen Adresse für szenisch und musikalisch überzeugende Opernabende geworden.«

Zwölf Produktionen der Oper Köln in der Saison 2016.17 verbuchten eine Auslastung von über 90 %. Spitzenreiter, was die Publikumsnachfrage betraf, waren »Opern-Klassiker« wie Puccinis Turandot (100 %) und Verdis Falstaff (97,75 %), beide im großen Saal 1, aber auch die außergewöhnliche, bildstarke Produktion Das Lied der Frauen vom Fluss in der Regie von Carlus Padrissa (La Fura dels baus) konnte in Saal 3 insgesamt 97,73 % verbuchen.

Auch bei den Wiederaufnahmen war das Interesse groß. Puccinis La Bohème landete beispielsweise bei einer durchschnittlichen Auslastung von 90,74 %, Carl Orffs Die Kluge – eine Oper in der neuen Reihe »Oper für Jung und Alt« – bei 96,20%. In der Kinderoper erzielte die Uraufführung der Jazzoper Die Heinzelmännchen zu Köln von Ingfried Hoffmann eine 99,67 prozentige Auslastung. Die Premiere von Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen für Kinder und Erwachsene folgte mit 95,88 %.

 

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 12.06.0217

Juni 13, 2017 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach

 In Lutters Weinschänke leben Hoffmanns Phantasmagorien

Von Viktor Jarosch

E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) schrieb, zeichnete, malte kunstvoll: Anregend wie provokant. Erfolgreich als Jurist, Zeichner, Karikaturist, Schriftsteller, Komponist litt Hoffmann sehr unter der nach-Napoleonischen Restauration Preußens. In Frankreich avancierte Hoffmann früh zum Klassiker, dort von Heinrich Heine, Victor Hugo, Honoré de Balzac verehrt. In Deutschland dagegen blieb Hoffmann lange höchst umstritten: Goethe unterstellte Hoffmannfieberhafte Träume eines … kranken Gehirns“; Nobert Koenig folgte der preußischen Restauration als er 1890 zu  E.T.A. Hoffmann in seiner Deutschen Literaturgeschichte schrieb:  „..unter dem Einfluss wüster Orgien wurde der Hang zum Dämonischen (..in Hoffmann..) immer stärker.. zu großem fähig, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich und seine Gaben in Zaum und Zucht zu halten“

 Jacques Offenbach Grabstaette in Paris © IOCO

Jacques Offenbach Grabstaette in Paris © IOCO

Jules Barbier und Michel Carré, grosse Bewunderer von E.T.A. Hoffmann, Franzosen nicht Deutsche, schufen aus Hoffmanns Werken Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Klein Zaches schon 1851 das fantastische Drama Les Contes D´Hoffmann, darin sie Hoffmann selbst zum Mittelpunkt machten. Barbiers und Carrés Phantasmagorie inspirierte den Kölner neu–Pariser   Jakob Jacques“ Offenbach (1819 – 1880) zu seiner Oper Hoffmanns Erzählungen. Jules Barbier schuf dazu das Libretto. Doch als Offenbach  schon 1880 starb hinterließ nur unfertiges, keine eindeutige, authentische Partitur. Allein der  Klavierauszug zu Hoffmanns Erzählungen ist authentisch, von Offenbach. Léon Carvalho und Ernest Guiraud stellten Offenbachs Werk zur Uraufführung 1881 fertig. Bis heute wurde die Oper nach angeblichen oder tatsächlichen Skizzen Offenbachs immer wieder überarbeitet, in vielen Versionen auf die Bühne gebracht. Doch Komposition und Libretto der tragisch-komischen Allegorien zu Liebe, Einsamkeit und Tod in Hoffmanns Erzählungen lassen unverwechselbar Offenbach wie E.T.A. Hoffmann spüren. Hoffmann Erzählungen wurde ein großer Erfolg, auch in Deutschland. In Frankreich ist Les Contes D´Hoffmann nach Bizets Carmen heute die meistgespielte Oper.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Hoffmann und die Muse © PEDRO MALINOWSKI

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Hoffmann und die Muse © PEDRO MALINOWSKI

Lutters Weinschänke in Berlin ist Dreh- und Angelpunkt in der MiRProduktion von  Hoffmanns Erzählungen. Die von Alkohol wie Fantasien verwebten Zerrbilder des Hoffmann, seine Begegnung mit dem Kunstmensch Olympia, der Sängerin Antonia und der Schlemil-abhängigen Giulietta, all dies bilden Michiel Dijkema, Regie, Jula Reindell, Kostüme und Stephanie Meier, Licht, in Lutters Weinschänke ab. Dort war Hoffmann  tatsächlich oft Gast. Die Weinschänke spiegelt Hoffmanns wahres Leben wieder, dort hatte er seine Trinkgenossen, dort wirkten Hoffmanns reale Frauen Stella, die Muse wie seine Zerrbilder, Olympia, Antonia, Giulietta. 

So zeigt das MiR mit den ersten Takten Lutters Weinschänke, in farbig-fettes Licht getaucht, noch leer, Stühle, ein Tisch. Die Muse (Almut Herbst) erklärt die Gefahren einer bürgerlichen Ehe bis Lindorf  (Urban Malmberg), in schwarz glänzendem Kostüm bedrohlich wirkend, einer Wolke entsteigt. Mit wohltimbriertem Bariton beginnt Lindorf im MiR mit Jacques Offenbachs  romantische Phantasmagorie: Lärmende Besucher und Trinkgenossen in Lutters Weinschänke fordern von dem liebeskranken Hoffmann das Lied von Klein Zaches: Joachim Bäckström, in Deutschland noch wenig bekannter, junger Schwede, beginnt mit dieser Arie ein starkes Rollendebut als Hoffmann im MiR: Darstellerisch wie stimmlich ungewöhnlich präsent: Mit bruchlos strahlend jungem Tenor und gut verständlichem Französisch zeichnet Bäckström  Hoffmann Gefühle schon in der populären frühen Arie des Klein Zaches in verblüffender klarer Diktion und kraftvoll lyrischer Romantik. Bäckströms wohl timbrierte Stimme formte mit Beginn den mitreißenden Charakter dieser Hoffmann-Produktion, in einem insgesamt stimmstarken MiR- Ensemble.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Olympia © PEDRO MALINOWSKI

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Olympia © PEDRO MALINOWSKI

Im zweiten Bild um die tanzende wie singende Kunstpuppe Olympia (Dongmin Lee) und den Augenhändler Coppelius (Urban Malmberg) wird die Weinschänke um zwei riesige Augen ergänzt. Hoffmann kann nun, mit Kunstbrille des Coppelius, die Welt sehen, wie er sie möchte. In wunderbar filigraner wie skurriler Choreographie (Dramaturgie Anna Grundmeier) verwandelt sich die zunächst reglose Olympia in eine tanzende wie singende Puppe, welche auch mit Hoffmann tanzt. Auffällig die Choreographie zu diesem Bild: Das in klassisch blaue Gewänder gekleidete Ensemble agiert ebenso mechanisch auf kleine Zeichen der Olympia. Die anspruchsvolle, von Dongmin Lee mit warm lyrischem Sopran lebendig vorgetragene Koloraturarie „Les oiseaux dans la charmille“, begeistert das MiR Publikum, viel Beifall. Der Chor, gut eingestellt  von Alexander Eberle, schließt das zweite Bild, Hoffmann verhöhnend: „Er liebte einen Automat“.  Im dritten Bild um die dem Gesang verfallene Antonia  und ihren sie schützenden Vater, den Rats Crespel,  gestalten Instrumente, Cello, Kontrabass die Weinschänke. Antonia  (Solen Mainguené) läßt, der Partitur folgend, ihrer Stimme mit  „Ma mère, ma mère, son âme m’appelle“ “wunderbar freien Lauf“. Joachim Maaß integriert, überzeugt als als Crespel  darstellerisch wie stimmlich.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Hoffmann und Giulietta © PEDRO MALINOWS

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Hoffmann und Giulietta © PEDRO MALINOWS

Das vierte Bild um die habgierige Kurtisane Giulietta (Petra Schmidt) verwandelt die Weinschänke in laszives Venedig: Giulietta, in eindeutigem Kleid und mit Augenbinde eine sichtbar professionelle Kurtisane, und wie die Gäste mit erotisierenden Spielchen beschäftigt, eine über den Protagonisten hängende, gelegentlich feuerspuckende Gondel, den Canale Grande andeutende rot-weiße Säulen. Mitreißend gesungen von Giulietta und Chor die hochromantische Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour, Schöne Nacht, du Liebesnacht“. Doch auch Urban Malmberg, hier als Dappertutto  beschwört Giulietta erneut in lyrisch ergreifender Arie mit seinem Diamanten „Tourne, tourne, miroir“ um das Spiegelbild des Hoffmann, verliert Hoffmann seinen Schatten, von Joachim Bäckström erneut mitreissend gesungen: „ Ô Dieu! de quelle ivresse“Im fünften Bild finden sich der betrunkene vom Erzählen benebelte Hoffmann, sein Gegenspieler Lindorf, die Muse wie die weiblichen Trugbilder in Lutters Weinschänke.

Musiktheater im Revier/  Hoffmanns Erzaehlungen _ Ensemble zum Premierenapplaus © IOCO

Musiktheater im Revier/ Hoffmanns Erzaehlungen _ Ensemble zum Premierenapplaus © IOCO

Die Entstehung von Hoffmanns Erzählungen ist spannend wie komplex; ähnlich viele Optionen bestehen, die Oper zu inszenieren. Das MiR macht Lutters Weinschänke  zum plausiblen Fixpunkt um Hoffmanns Traum- und Zerrbilder von Frauen. Erneut überrascht und begeistert, welch große Produktion das MiR erneut erfolgreich stemmte. Das plausible Hoffmann-Regiekonzept, wunderbare Stimmen, Lichteffekte und reiche Choreographie rissen das Publikum zu Beifallsstürmen hin. In der folgenden Premierenfeier wurden die Beteiligten, einschließlich Intendant Schulz, ausgiebig gefeiert.

Hoffmanns Erzählungen: Weitere Vorstellungen im MiR: 18.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017, 30.6.2017, 9.7.2017, 3.9.2017, 17.9.2017, 24.9.2017

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Hagen, Theater Hagen, Der fliegende Holländer – Spannendes Psychodrama, IOCO Kritik, 09.05.2017

Mai 10, 2017 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Der fliegende Holländer von Richard Wagner

Psychodrama auf weiter Wasserlandschaft

Von Viktor Jarosch

Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski, in denen Heinrich Heine 1831 schreibt „Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann“, begegneten Richard Wagner früh. Er rühmte „die von Heine erfundene Behandlung der Erlösung…..die ihm alles in die Hand gab, die Sage zu einem Opernsujet zu benützen.“ Doch zu seiner Oper inspirierte Wagner wohl erst seine traumatische Flucht vor Gläubigern von Riga nach London, 1839, vier Wochen auf einem kleinen Segelschiff, mehrfach von lebensbedrohenden Stürmen bedroht. Im Januar 1843 in Dresden mit mäßigem Erfolg uraufgeführt, überarbeitete Wagner das Werk mehrfach. Es wurde zum bleibenden Welterfolg. Mystische Erzählungen, Sagen reizten Wagner fortan sein ganzes Leben. 1850 schrieb er: „Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er…für alle Zeiten unerschöpflich ist“. So begann mit dem Holländer auch Wagners dichterische Laufbahn., „ich fürchtete entdecken zu müssen, daß ich gar nicht mehr Musiker sei.“

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Der Fliegende Holländer, eine der meistgespielten Opern der Welt, wird im Theater Hagen ungewöhnlich inszeniert. Die Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship kupfern als Regie-Duo in Hagen nicht die alte Sage ab; sie nehmen die Zwänge menschlicher Gemeinschaften, den Mythos von ewiger Liebe, der Forderung nach ewiger Treue unter die Lupe. Als Einakter, ohne Pause, in archaischen Bildern erzählen Beverly und Rebecca Blankenship in ihrem Holländer eine Geschichte von den Schattenseiten der Gesellschaft, in der Angst vor Fremdem und der eigenen dunklen Seite wie ein Gespenst umgeht. Der Holländer wird im Theater Hagen zum Ausdruck des Unterbewussten. Das Verruchte, der Hass, das Vorurteil einer Dorfgemeinschaft soll durch seine Person verkörpert werden. Ein ungewöhnlicher Regieansatz, stellt er doch besondere Anforderungen nicht nur an das Ensemble auf der Bühne sondern auch an die Besucher in den Rängen. Doch es lohnt sich, ihm zu folgen.

Theater Hagen / Der Holländer - Joachim Goltz © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Holländer – Joachim Goltz © Klaus Lefebvre

In seiner Ouvertüre läßt Richard Wagner in musikalischem Sinnbild die Handlung vorüber ziehen. In Hagen ziehen zur düsteren Chromatik der Ouvertüre massiv drohende Gewitterwolken über den Bühnenvorhang. Doch dann, eine atemberaubende Überraschung: Geöffnet zeigt sich im Halbdunkel auf der Bühne eine unendliche Wasserlandschaft, das Meer (Bühne Peer Palmowski). Hintergrund und Seiten der Bühne sind abgedunkelt, nicht einsichtig. 24.000 Liter beständig reflektierendes Wasser auf dem Bühnenboden erzeugen eine somnambul dramatische Grundstimmung, durch wechselnde Lichteffekte gesteigert. Ein einzigartiger Regieeinfall in der Theaterwelt: Meer, Sturm und Unterbewusstes sind die durchgängigen Paradigmen dieser Inszenierung. Kinder spielen zur Ouvertüre im Wasser, finden eine Frauenleiche. Menschen aus dem Dorf zerren die Kinder von ihrem Fund weg. Die Frauenleiche im Wasser: Eines der Opfer des Holländers? Ein Opfer des vom Holländer wie vielen Männern gepriesenen Mythos um ewige Frauentreue; welcher doch, so Holländer selbst, „zahllose – weibliche – Opfer“ ins Verderben führte. In Hagen ist die Frauenleiche auch Pschychogramm einer Lebensgemeinschaft, welche durch Verhaltenszwänge Individuen in ihrer Mitte bedrängt und auch vernichtet.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Die Bühne wird in Hagen zu einem symbolischen Ort, einem psychologischen Raum der Dorfgemeinschaft, welcher die Grenzen zwischen Realität, Traum und Wunsch verwischt. Der fliegende Holländer in Hagen: Ein Psychodrama. So beherrschen mit dem ersten Aufzug farbig blitzende Wasserwogen das Bühnenbild. Segeltaue fallen von Bühnenhimmel. Die Dorfgemeinschaft, die Matrosen, alle auf der Bühne in Gummistiefeln, ergreifen die Taue, arbeiten geräuschvoll („Hohoje!..“) fallen in tiefen Schlaf. Der Holländer taucht in schwarzen Mantel eher unauffällig unter den schlafenden  Gemeinschaft auf. „Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr“, werden in Hagen zu einem eher unbewußten Ausdruck von Ängsten und Freuden. Der Holländer ist ihr sichtbar gewordenes Unterbewusstsein, des Hasses auf Daland, ist dunkle Seite der Psyche der Dorfgemeinschaft. Zwangsläufig zeigt die Regie auch kein Schiff des Holländers „mit blutroten Segeln“ auf der Bühne. Stattdessen zerrt der Holländer später eine tote Frau an ihren Haaren durch Wasser: Eine von der Dorfgemeinschaft Verteufelte. Unendliche Wasserwelten, Nebelschwaden im Bühnenhimmel wie auf dem Wasser, drohend changierende, rote, schwarze wie blaue Lichtfetzen (Licht Hans-Joachim Köster) verwandeln in Hagen die  Bühnenhandlung nicht zur Wiedergabe einer alten Sage sondern zum Ausdruck, Symbol unterbewusster emontionaler Zwänge und Verwerfungen in menschlichen Gemeinschaften.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer - Holländer und Senta © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer – Holländer und Senta © Klaus Lefebvre

Im zweiten Aufzug dominiert in der Wasserwelt ein übergroßer Seetauknoten; kein Kamin, keine Spinnstube. Die Spinnerinnen werden zur Dorfgemeinschaft „Summ und brumm, du gutes Rädchen, munter, munter dreh dich um„, ziehen diese den Knoten im Kreis. Senta hält ein Buch mit dem Bild des Holländer, sinniert, den verwunschenen Mann zu erlösen. Erik allein offfenbart reales Leben, in sinnlicher Zärtlichkeit wie durch seine Eifersucht. Senta, gefangen in Träumen den Holländer zu erlösen und dadurch das Verruchte der Dorfgemeinschaft zu verlassen, erwidert Erik nur schematisch, fast widerwillig. Die Hagener Inszenierung endet, indem der Holländer, das Unterbewußtsein, sich wieder in der Dorfgemeinschaft zurück zieht, darin aufgeht. Senta, dagegen, als Regelbrecherin, muss sterben, wird ausgestoßen.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer - Holländer und Daland © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer – Holländer und Daland © Klaus Lefebvre

Das Philharmonische Orchester Hagen unter Mihhail Gerts fand seinen Weg in die komplexe Wagner-Komposition zur Ouvertüre noch etwas verhalten, nüchtern wenn auch kräftig. Doch die Klang-Balance reussierte: Zunehmende Dramatik, starke Einzelleistungen ließen die Komposition Richard Wagners strahlen. Kernig kräftig sangen die großen Chöre, (Wolfgang Müller-Salow). Mirko Roschkowski beherrschte seine anspruchsvolle Tenorpartie als Erik mit stets frischem lyrischem Belcanto, gab dieser Premiere stimmliche Dominanz. Joachim Goltz zeigte als Holländer darstellerisch und stimmlich große Präsenz. Auch die Solisten des Theater Hagen, Rena Kleifeld als Mary, Rainer Zaun als Daland und Veronika Haller als Senta füllten ihre Partien darstellerisch wie stimmlich zumeist gut aus.
Eine ungewöhnliche Inszenierung im Theater Hagen: Die Sage um den fliegenden Holländer wird in Hagen inmitten einer einmaligen Wasserlandschaft zum Psychogramm einer Dorfgemeinschaft, in welcher Verruchtes, Hass und Vorurteile stets präsent sind. Der Regieansatz; für Besucher wie Ensemble anspruchsvoll wie optisch ungewöhnlich reizvoll. Das Premierenpublikum dankte mit großem Beifall.

Der fliegende Holländer im Theater Hagen:  Weitere Vorstellungen: 19.5., 24.5., 31.5.; 9.6., 17.6.; 2.7. (18.00 Uhr), 13.7.2017 – jeweils 19.30 Uhr

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Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Tristan und Isolde – Ekstase wider Stille, IOCO Kritik,

März 8, 2017 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Komplexer Mythos in „gerader Erzählweise“

Tristan und Isolde von Richard Wagner

Von Viktor Jarosch

Intendant Michael „Furchtlos“ Schulz und Opernstar Torsten Kerl als „Matchmaker“ – er hat eine besondere Beziehung zu Gelsenkirchen – bringen mit  Tristan und Isolde eine höchst komplexe Produktion ins Revier. Mit kleinem Etat schafft das MiR ein künstlerisches Mammutprojekt, vor dem große Theater mit vielfachem Etat zurückschrecken. Der Lohn: Eine starke Tristan-Inszenierung, eine begeisternde Premiere, ausverkauftes Haus für die kommende Vorstellungen und eine Ausstrahlung, welche weit über die Grenzen des Ruhrgebiets wirkt.

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Kerl, Foster, Malmberg, Herbst, Herrenchor © Forster

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Kerl, Foster, Malmberg, Herbst, Herrenchor © Forster

Der uralte Mythos um Tristan und Isolde kennt keine Verfasser. Seine Macht bezieht der Mythos aus kollektiver Wahrnehmung, aus Archetypen, nicht aus individuell ästhetisch gestalteten Kunstwerken. Im 5. Jahrhundert fanden fragmentarische Versionen der Legende um Tristan und Isolde ihren Weg in die Literatur der Länder Europas; 1210 veröffentlichte in Deutschland erstmals Gottfried von Straßburg den Versroman Tristan; Adaptionen folgten. Der Zauber des Mythos Tristan ergriff auch den Mythen-getriebenen Richard Wagner schon um 1840.

Von der mittelalterlichen Sage blieb in der Oper Wagners nur der Name und ein wenig äußerer Rahmen: Wagner machte so Morold zu Isoldes getötetem Verlobten; in der Sage dagegen ist Morold ein irischer Riese, welcher aus Cornwall junge Mädchen und Jungen holt. Wagners unerfüllbare Liebesleidenschaft zu der verheirateten Mathilde Wesendonck wie die Philosophie Schopenhauers waren ihm Schmerz wie Inspiration: Seine Tristan-Komposition wird von Sehnsucht nach  unbedingtem Tod, von schrankenloser Leidenschaften ohne Rücksicht auf Riten und Gesetzen der Welt getrieben; von Gedanken, welche damals wie heute  psychopathische Züge haben, welche als krankhaft im sozialen, als Todsünde im religiösen Sinne gelten.

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Malmberg, Kerl, Foster, Herbst, Herrenchor © Forster

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Malmberg, Kerl, Foster, Herbst, Herrenchor © Forster

Richard Wagner begann 1857 mit dem Werk Tristan und Isolde: Die Komposition des Nibelungenringes war in eine Schaffenskrise geglitten. Doch auch die Schöpfung von Tristan und Isolde sollte von Krisen begleitet werden: Erst im Juni 1865 sollte die Uraufführung in München stattfinden. Die Dichtung zu Tristan hatte Wagner 1857 in wenigen Monaten geschrieben, die Partitur dagegen dauerte Jahre: Das Mystische ist Mittelpunkt der Komposition; dies auszudrücken öffnet Wagner zu romatischer Musik auch das Tor zur Atonalität. Bereits in den ersten sieben Takten des Vorspiels werden alle zwölf Töne der Halbtonleiter verwendet: Mystisches – Auflösung, Verschwimmen, Verdämmern – zeigend. Wagner komponiert in Tristan und Isolde neue, bis dahin unbekannte Klangwelten mit verzehrender Expressivität, ein Gleichgewicht zwischen Ekstase und Stille.

Regisseur Michael Schulz bringt eine wohltuend klassische Inszenierung, in „gerader Erzählweise“ (Dramaturgie Gabriele Wiesmüller), mit griffiger Personenregie, blendender Besetzung und neutralen Kostümen (Renée Listerdal) auf die Bühne des MiR. Fokus sind Psyche, Mystik und Wagners komplexe Partitur. Schulz meidet angestrengte abstrakte Interpretationen auf der Bühne sondern lenkt Blick und Gedanken der Besucher mit konkreter Einfachheit der Bühnenbilder unabgelenkt auf die in Musik und Dichtung deutlich werdende Zerrissenheit der handelnden Charaktere. Im ersten Aufzug: Eine höhengeteilte Bühne (Kathrin-Susann Brose) bildet im Halbdunkel des Unterdecks eine klagende Isolde und Brangäne ab, während über ihnen, auf dem Oberdeck, vor schwarzem Mast (Tristan lehnt wie in Trance an ihm) und hohen weißen Segeln, freudige Seemänner die kommende Ankunft in Cornwall besingen. Sanfte Lichteffekte (Patrick Fuchs) verwischen Bewußtes mit Unbewußtem, stärken das unvergängliche Phänomen der Tristan-Partitur.

 Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Torsten Kerl im dritten Aufzug © Forster

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Torsten Kerl im dritten Aufzug © Forster

Akribisch getragene Eleganz zeichnen Vorspiel wie die folgenden Aufzüge der Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann. Sanft wie einfühlsam spielte das Orchester, zumindest zu Beginn der fünf Stunden–Oper, ohne Myterienmalerei. Tristan ist keine leise Oper, die Erfahrungen am MiR waren begrenzt. Und doch gelingt es Dirigent und Orchester die Partitur der so handlungsarmen Oper schon in der Premiere sehr expressiv auszumusizieren, Wagners Werk tonmalerisch zu interpretieren. Ein klagender Junger Seemann (Ibrahim Yesilay) eröffnet das anspruchsvolle Psychodrama im MiR, unsichtbar in lyrisch reiner Unschuld „Westwärts schweift der Blick, ostwärts streicht das Schiff“. Wut, Enttäuschung und Verzweiflung bringt die Bayreuth-erfahrene Catherine Foster als Isolde schon im ersten Aufzug der Premiere, sicher in hochdramatischer aber kontrollierter Diktion, von „Wer wagt mich zu höhnen!“ über das berühmte Liebesduett des zweiten Aufzugs und das „O sink hermieder, Nacht der Liebe“ bis zum gemeinsamen Liebestod und ihrem „Isolde ruft: Isolde kam, mit Tristan treu zu sterben“. Torsten Kerl, weltweit gesuchter Wagner-Sänger, beherrscht seine schwere Partie des Tristan souverän; bei aller Dramatik strahlt auch immer wieder tenoraler Charme in wunderbarem Timbre. Die riesige Partie bewältigt Torsten Kerl kraftvoll wie auffällig textsicher, speziell im besonders fordernden dritten Aufzug, als er mit fiebrigen Visionen, von Melot verletzt, am Boden liegt. Doch auch die MiR Ensemblemitglieder Urban Malmberg als Kurwenal und Almuth Herbst als Brangäne beherrschten in ihren Debüts ihre großen Partien und rundeten mit einem stimmlich sicheren wenn auch etwas salbungsvoll braven Phillip Ens als König Marke die ungewöhnliche Premiere Tristan und Isolde im MiR ab.

 Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Der liebestod im dritten Aufzug © Forster

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Der Liebestod im dritten Aufzug © Forster

Stürmischer Applaus, viele Bravos, Bravas, Bravi des voll besetzten Hauses belohnten Intendant Michael Schulz wie Initiator Torsten Kerl für ihr gewagtes wie erfolgreiches Experiment Tristan und Isolde inmitten des Reviers. Doch auch die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann wie die hoch geforderten Ensemblemitglieder des MiR wurden für ihre gelungene Beiträge hörbar belohnt.

Tristan und Isolde im MiR, Gelsenkirchen: Termine :  Premiere 04. Mär. 2017 17:00-22.00 Uhr, 12. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 19. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 26. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 08. Apr. 2017 17:00-22:00 Uhr, 07. Mai. 2017 16:00-21:00 Uhr, 13. Mai. 2017 17:00-22:00 Uhr, 04. Juni. 2017 16:00-21:00 Uhr

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