Wuppertal, Wuppertaler Sinfoniker, Neujahrskonzert – Von Babelsberg bis Beverly Hills, IOCO Kritik, 05.01.2018

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Wuppertaler Bühnen

 

Historische Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

Historische Stadthalle Wuppertal © Lars Langemeier

 Neujahrskonzert 2018 –  Julia Jones + Wuppertaler Sinfoniker

 Von Babelsberg bis Beverly Hills

Von Viktor Jarosch

Die  Historische Stadthalle, zur Blütezeit Wuppertal-Elberfeld in 1900 erbaut, ist  eine wenig bekannte doch spektakuläre Rarität: Im Stil der Neorenaissance italienischer Prägung, mit großer Orgel, Orchesternische von 190m²  und 1.550 Plätzen vermittelt es seinen Besuchern besonderes: Optisches wie akustisches Wohlempfinden. Als Konzerthaus setzt es kulturelle Maßstäbe in ganz Europa. Am 1. Januar führte es seine Besucher mit frivoler wie schmissiger Musik in das neue Jahr 2018.

Von Babelsberg bis Beverly Hills

Sinfonieorchester Wuppertal / GMD Julia Jones © Dirk Sengetta

Sinfonieorchester Wuppertal / GMD Julia Jones © Dirk Sengetta

Oberbürgermeister Andreas Mucke stellte in der ausverkauften Stadthalle zunächst Nähe her, zwischen der Verwaltung und Bürgern Wuppertals, indem er die Besucher launisch wohlgemut auf 2018 einstimmte. Doch dann übernahmen zwei Frauen, Wuppertals Generalmusikdirektorin Julia Jones und Starsopranistin Angela Denoke, das Zepter. Sie stellten gemeinsam das Programm Von Babelsberg bis Beverly Hills vor und gestalteten mit dem Sinfonieorchester Wuppertal ein starkes Neujahrskonzert 2018. Sie schufen vor den ersten Ton einen optisch wohltuenden Gegensatz zum berühmten morgendlichen Neujahrskonzert im Wiener Musikverein: Dort, zum Wiener Neujahrskonzert hat nie eine Frau dirigiert; auch gab es im 140-Mann-Orchester der Wiener Philharmoniker bis 1997 keine Frau, nicht eine! Die schrägste, etwas unernste Begründung damals:Frauen können die Geige nicht so lang halten wie Männer“. Inzwischen verlieren sich einige wenige Frauen unter den Wiener Philharmonikern.

Dies Bild aus Wien im Hinterkopf fühlten wir uns mit dem Sinfonieorchester Wuppertal in der Historischen Stadthalle umso wohler. Julia Jones und das Sinfonieorchester Wuppertal begannen mit schmissigen Tönen aus George Gershwins Musical Girl Crazy, einem Medley, der die Besucher schmissig auf Musik der 30er Jahre und 2018 einstimmte.

Sinfonieorchester Wuppertal © Dirk Sengotta

Sinfonieorchester Wuppertal © Dirk Sengotta

Angela Denoke, Star dieses Neujahrskonzertes, ist etablierter Superstar der klassischen Musik. Doch sie kennt sich auch mit Schlagern gut aus: Vor 40 Jahren tingelte sie mit der Kapelle ihres Vater durch die Gasthöfe Stades, machte Tanzmusik. Heute kann sich Denoke große Partien, Salome, Sieglinde, Kundry, Elsa und andere aussuchen; singt auf den großen Opernbühnen der Welt: Scala, Wiener Staatsoper, Salzburger Festspiele, Covent Garden in London, Chicago. Unser besonderes Kompliment gilt so Julia Jones, der es gelang Angela Denoke für das spannende Neujahrskonzert nach Wuppertal zu holen.

Sinfonieorchester Wuppertal hier mit Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

Sinfonieorchester Wuppertal hier mit Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

From Babelsberg to Beverly Hills, das von Angela Denoke und Pianist wie Arrangeur Tal Balshai entwickelte Programm enthält zumeist burleske Schlager- und Revuemusik, aufreizend sanft feminin lasziv, meist von Berliner Komponisten der 1930er Jahre, von Tal Balshai für das Wuppertaler große Orchester arrangiert. Angela Denoke, „Diese Lieder waren mir immer im Ohr…. In London oft als Zugabe… Seither entwickle ich mit Tal (Balshai) immer wieder neue Programme zu diesem Thema“, war „Hauptdarsteller“ des Abends: Wie sie in ihren Opern darstellerisch präsent sein muss, war in den Liedern immer spürbar, das Denoke sie schauspielerisch erfüllen wollte. In elegantem Abendkleid anregend mitnehmend, nutzte sie einzelne Orchestermusiker liebenswert als Darstellungsobjekt („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Sprechen die Männer von Treue, lächle ich immer vor mich hin“  und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ von Friedrich Hollaender oder „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ und „Jede Frau hat irgendeine Sehnsucht“ von Oscar Strauss) verleiteten zum Schmunzeln und zum Lachen. So auch die Lieder von Werner Richard Heymann, Heut gefall‘ ich mir.und wenn man mir das ansieht… kann ich nichts dafür…“, „Irgendwo auf der Welt…“, früher von Hildegard Knef nun von Angela Denoke leidenschaftlich gesungen. Mit dem wehmütigen  Lied von Robert Stolz „Frag nicht, warum ich gehe,…“, schloss Angela Denoke offiziell das Neujahrskonzert 2018 in der Historischen Stadthalle Wuppertal.

Wuppertal / Die Historische Stadthalle hier die Wuppertaler Sinfoniker und Angela Denoke © IOCO

Wuppertal / Die Historische Stadthalle hier die Wuppertaler Sinfoniker, Julia Jones und Angela Denoke © IOCO

Die Begeisterung des Publikums für Von Babelsberg bis Beverly Hills, für die Wuppertaler Sinfoniker, für  Angela Denoke, für Julia Roberts führte zu drei wunderbaren Zugaben und blendender Stimmung auf dem Nachhauseweg!

 

Wuppertal, Oper Wuppertal, Hänsel und Gretel – Ein fröhlich, streitiger Familienalltag, IOCO Kritik, 26.12.2017

Dezember 27, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

 „Ein Familientag – In all seinen Facetten“

Von Viktor Jarosch

Deutschlands heimliche Nationaloper Hänsel und Gretel steht um die Weihnachtszeit auf den Spielplänen vieler Theater. Komponist Engelbert Humperdinck (1854 – 1921), ein großer seiner Zunft, hatte 1879 in Italien Richard Wagner kennengelernt und bis zu dessen Tod in 1883 künstlerisch begleitet. 1882 wirkte Humperdinck an der Uraufführung des Parsifal mit. Nach Richard Wagners Tod bat Cosima Wagner Humperdinck, ihren Sohn Siegfried in Kompositionslehre zu unterweisen und auf die Leitung der Bayreuther Festspiele vorzubereiten. So vermittelt die spätromantische Märchenoper Hänsel und Gretel nicht nur menschliche Grundwerte, Geborgenheit und Harmonie. Die Nähe der  Komposition zum Genius Richard Wagner ist zusätzlicher Ansporn für Regisseure.

Dabei entsprang Oper Hänsel und Gretel geradezu einer Laune des „Kompositionsgottes“. Adelheid Wette, Schwester Engelbert Humperdincks, wollte aus der Grimmschen Märchenvorlage zu Hänsel und Gretel menschlich liebenswertes Haustheater schaffen: Gemeinsam mit Schwager Hermann Wette verminderte sie Grausamkeiten der Grimmschen Märchen mit eigenen, herzenden Versen, welche beherztes Handeln auch belohnen, fügt Sand- und Taumännchen hinzu und überzeugte ihren Bruder, dies zu vertonen. Ein „Kinderstubenweihfestspiel“ nannte Humperdinck Hänsel und Gretel, seine Bayreuther Zeit karikierend. 1893 unter Richard Strauss in Weimar uraufgeführt zählt Hänsel und Gretel heute im deutschen Sprachraum wie weltweit zu den meist aufgeführten Opern. Hohe Ansprüche, Erwartungen wie Risiken begleiten so jede Neuinszenierung von Hänsel und Gretel. Die neue Produktion in Wuppertal löst ein dort seit 2006 gespieltes romantisches Märchen für Groß und Klein ab, in dem Frohsinn und Lebensfreude über alltägliche Nöte siegten

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Gretel frölich zu Hause © Bettina Stöß

Der französisch-italienische Regisseur Denis Krief sucht in seiner Hänsel und Gretel nicht märchenhafte Romantik-Seligkeit. Kriefs Interpretation ist denn dem Irdischen, dem Realen, der Familie als Ganzem, dem Unterbewussten nahe. Schon das erste Bühnenbild ist vielschichtig: Im Vordergrund der Bühne das riesig karge Zimmer der Besenbinders (Foto) durch dessen hintere Bretterwände Reales, Rohre und andere Gegenstände, der Alltag, das Leben erkennbar sind. Die im unbeschwerten Tollen von Hänsel und Gretel (Gretel: Ich liebe Tanz und Fröhlichkeit.., ich bin kein Freund von Traurigkeit..“) sichtbare Leichtigkeit verdrängen die Eltern zum Ende des ersten Bildes, wenn sie, die Knusperhexe „mit kreisender Flasche“ verspottend, auch andere Nöte als ihre Armut andeuten.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier Peter Besenbinder, die Flasche und Projektionen der Träume © Bettina Stöß

So besteht denn der Wald der Inszenierung „in den sich die Kinder verirrten, ohne Stern und Mond“, so die Sorge des Vaters, aus einer Vielzahl rechteckiger, mit Stoff bespannten Gerüste, in deren Hintergrund beständig schwarze-weiße Schattenrisse und Projektionen reitender Hexen jagen. Krief begleitet so die Handlung auf der Bühne mit dem Unbewussten, dem Unterbewusstsein. Auffällig so der „Abendsegen“ des Märchens: Nicht „Vierzehn Engel“, begleiten Hänsel und Gretel in den Schlaf. Kein zu Herzen gehendes Ballett tanzender Engel sondern, von der Hexe entführte?, Kinder in Alltagskleidung spielen zum Schlaf von Hänsel und Gretel auf der Bühne; geben reale Kinderträume wieder (Choreographie Amy Share-Kissiov). Das folgende Hexenhaus ist nur eine spartanische vom Bühnenhimmel herabgelassene Holzwand, ohne bunten Lebkuchen oder Leckereien. Alle Illusion oder Romantik wird in der Inszenierung reduziert; Unterbewußtes, Reales, nicht Märchenwelten drängen durch die Handlung.

Denis Krief interpretiert die Handlung Hänsel und Gretel in Wuppertal denn weniger als romantischen Kindertraum sondern als vielschichtige, aber gut endende Lebensepisode einer ganzen Familie. Gutes Ende andeutend schließt Peter Besenbinder denn die Oper auch erneut vieldeutig: Eine Schnapsflasche auf den Tisch stellend.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – hier schlafend nach dem Abendsegen im Wald © Bettina Stöß

Die ungewöhnliche Inszenierung fordert das Ensemble gleichsam auf, die Wuppertaler Besucher auch darstellerisch einzufangen in einer Märchen- und Projektionswelt, welche sich von gewohnten Inszenierungen erheblich unterscheidet. Doch dies gelingt durch eine liebevolle, nicht provokative Choreopraphie wie auch stimmlich: Catriona Morison ist Hänsel mit frischem gut verständlichem Mezzo; Ralitsa Ralinova als Gretel mit warmen Sopran eine wunderbare spielfreudige Partnerin. Alexander Marco-Buhrmester als Peter Besenbinder mit kraftvollem Bariton und Belinda Williams als sein Weib Gertrud mit sicherem dramatischem Mezzo sind die zerrissen, glücklichen Eltern.

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel - das grossartige Ensemble © IOCO

Oper Wuppertal / Hänsel und Gretel – das grossartige Ensemble © IOCO

Julia Jones gibt mit Hänsel und Gretel eine starke erste Visitenkarte als Operndirigentin in Wuppertal ab. Jones´ und das Sinfonieorchester Wuppertal lassen mit warmen impressionistischen Klängen beständig Humperdincks Nähe zum „romantischen“ Richard Wagners spüren. Das „Knusperhaus der Polyphonie“, seine Kontraste glühen zwischen einfachen Liedmotiven und kompliziertem Wagner-Stil, die Stimmen des Waldes irrlichtern „mit ungeheurem Reichtum am Modulation“ (so Cosima Wagner zu Humperdincks Werk) durch das Wuppertaler Opernhaus und ergreifen. Dirigat und Orchester dieser Produktion verzauberten und befruchten so die komplexe Inszenierung auf der Bühne.

Mit Julia Jones und dem Sinfonieorchester Wuppertal wird diese Hänsel und Gretel in Wuppertal zu einem empfehlenswerten Erlebnis. Das Publikum der ausverkauften Oper Wuppertal bejubelte eine denn Inszenierung, dessen ungewohnte Interpretationen reizvoll sind und zum anregenden Diskussionsstoff für viele Opernfreunde wird.

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Mathis der Maler – Paul Hindemith, IOCO Kritik, 03.11.2017

November 3, 2017 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Mathis der Maler von Paul Hindemith

Das Individuum – Im Bannkreis von Unruhen, Dogmen, Meinungen

Von Viktor Jarosch

Paul Hindemith (1895 – 1963) lebte 1934 in Deutschland, als Adolf Hitler und Alfred Rosenberg die Uraufführung seiner Oper  Mathis der Maler verhinderten, seine Kunst als entartet erklärten und  Joseph Goebbels Hindemith als „atonalen Geräusche-macher“ beschrieb. Hindemith spürte Kommendes und handelte auf die Machtergreifung der Nazis auffällig konkret, nicht künstlerisch verklärt: Eine schon fortgeschrittene Komposition  zu Johannes Gutenberg widmete er kurzerhand um: Nicht mehr dem Erfinder des Buchdrucks sondern Matthias Grünewald, dem Schöpfer des Isenheimer Altars (1514). Hindemiths Mathis, mit realer Wortgewaltigkeit komponiert, lehnt die Oper ungewöhnlich nah an das Genre Schauspiel.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Mathis der Maler  wurde 1938 in Zürich uraufgeführt, wohin Hindemith geflüchtet war. Die Oper reflektiert in unromantisch freier Tonalität mit schroffen Rhythmen,  grellen Dissonanzen und in real direkter Sprache Hindemiths eigene  Gegenwartskrise über die politischen Verantwortung eines Künstlers in unruhigen Zeiten: In der Abgeschiedenheit eines Klosters sinnt Mathis der Maler über seine Pflichten in einem Leben im Umbruch, der  allgegenwärtige Krise der Bauern in der Gesellschaft und der Kirche inmitten der von Protestanten betriebenen Reformation. In sieben Bildern verdichten Hindemith wie Mathis wiederkehrend das zeitlose Thema der Suche nach  dem „richtigen Lebensweg“; im Leiden und der Brutalität von Kriegen, Bereitschaft für persönliche Opfer zu zeigen.

Grünewald (um  1480 – 1531) war zu seiner Zeit eine bekannte Person, als Künstler aber auch als langjähriger Hofbeamter des  Erzbischofs  von Mainz. Bekannt  ist, dass Grünewald Sympathien für die rebellierenden Bauern hegte, dass ihn die Reformen Luthers und sozialutopische Ideen bewegten. Vermutlich über seine Nähe zu aufständischen Bauern wurde  er in Mainz als Hofbeamter des Erzbischofs  entlassen.

MiR Trailer zur Produktion   Mathis der Maler

Regisseur Michael Schulz sieht Mathis der Maler als Oper mit spürbaren Bezügen zur Gegenwart. Der in dieser Oper rauh, unversöhnlich ausgetragene Kampf von Meinungen zum Leben, über  Dogmen der Kirche wie über die Rolle von Künstlern, so Schulz, sind im Heute so aktuell wie ehemals; sie sind auch der laute Kontrapunkt zu einer überbordenden, alles verspassenden Unterhaltungskultur. Schulz inszeniert Mathis der Maler im MiR mit modernen Bildsequenzen, doch mit hohen Torbögen mittelalterliches Klosterambiente austrahlend. Zur Ouvertüre wird der Besucher mit einer packenden Videoprojektion von Ives Klein eingestimmt welche filigran in die Handlung überleitet. 800 (!) Kostümvariationen  (Kostüme Renée Listerdal), gleißende Lichteffekte (Patrick Fuchs), exzellente Personenführung verleihen dem Bühnengeschehen mit streitenden wie sinnenden Protagonisten, von Kardinal,  Mathis, Bauernkriegern, Protestanten wie Kirchenleuten modern lebendige Optik.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Das erste Bild: Der karge kalkfarbene hohe Raum eines mittelalterlichen Klosters (Bühne Heike Scheele). Darin Mathis der Maler, der vor den Augen der MiR -Besucher ein Kunstwerk schafft, welches durch den Opernabend führt: Sichtbar weltabgewandt bestreicht Mathis den Körper einer Frau, mit gleißend blauer Farbe, welchen sie im Folgenden über ein großes Leinentuch rollt, rutscht (Dramaturgie Gabriele Wiesmüller): Dies gerade geschaffene Kunstwerk begleitet, fasziniert über die gesamte Vorstellung.  Mathis´ künstlerische Distanz zu vor den Klostermauern tobenden Zwisten wie Zweifeln bezeugt er in ersten Worten: Entspannt sich in einem Eimer die Füße waschend sinnt Mathis:  „Sonniges Land. Mildes Drängen Schon nahen Sommers. ….  Bist nicht nur eignen Nutzens voll?“. Während im Hintergrund der Chor unsichtbar kraftvoll christliche Lehren verkündet: „Rector potens, verax Deus, qui temperas rerum vices (Allmächtiger Lenker, wahrhafter Gott, der du leitest den Wechsel der Dinge)“. Der geflüchtete Bauernführer Schwalb erscheint, verletzt in Kampfanzug stöhnend:  „Mit Steuern und Zolle wird er – der Bauer – gepresst. Der Bauer steht auf!“  während seine Tochter Regina das hartes Leben beklagt: „Schmutz, Hunger und Leid sind unsere Begleiter“ ihr brutales Leben. Das zweite Bild spiegelt die Zerrissenheit der Gesellschaft wie  Entrücktheit der Eliten in Kirche und Staat ähnlich drastisch wie konkret: In  der Martinsburg in Mainz wird der Empfang des Kardinals zelebriert: Nicht bescheiden, einfach, sondern als elegantes, aufwändiges gesellschaftliches Ereignis. Auf Serviertischen stehen Sektgläser; junge schicke junge Frauen in flotten Kostümen tragen eine Reliquie, welche der Kardinal segnet, derweil die Katholiken und Protestanten untereinander streiten und sich mit Torten bewerfen. Doch Kardinal räsoniert ungerührt wie volksfern: „Empfängt mich in Mainz die Eintracht friedlicher Bürger“.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Die MiR Inszenierung von Mathis der Maler zeigt über die sieben Bilder auf der Bühne den Parcours realen Lebens: Meinungen gepflastert mit Widersprüchen treffen auf Dogmen, sensible Träume, platte Gefälligkeiten oder glattes wie robustes  Vorteilsstreben. So sterben Bauernführer wie Bauern, streiten, bekehren sich Kirchenleute, wandelt der Künstler ungerührt durch als dies Geschehen. Nie verrät Hindemith sein Werk mit jenem betrügerischen Deus ex machina, dem ersehnten „himmlischen  Fingerzeig“ oder gar kollektiver höherer Einsicht. 

Das große MiR Ensemble besticht in diesem schwierigen Werk durch ungewöhnlich sängerische wie darstellerische Präsenz: Die zentrale Partie des Mathis ist monströs, allein schon durch riesige wie schwierige Texte. Urban Malmberg, seit zwei Jahren im MiR – Ensemble, besticht  durch Textsicherheit und weichem Bariton,  wie als  „Egozentriker“ Mathis, des immer nur mit sich selbst beschäftigten Künstlers, der scheinbar unberührt durch die Zeiten des Umbruch wandelt, als eine Art Katalysator für sein Umfeld wirkend. Tobias Haaks, ohnehin  körperlich kräftig, entspricht  mit Kampfjacke und kraftvoller Stimme dem Bauerführer Hans Schwalb.  Auch die Sopranpartien sind bestens besetzt: Yamina Maamar, als reiche Bürgerstochter zwischen Mathis und dem Kardinal verwoben, besteht hochdramatische wie oft innigliche Momente mit Bravour. Bele Kumberger  verbreitet als Regina liebende Präsenz;  das Herz des Besuchers ergreift Kumberger im siebten, schließenden Bild, wenn sie mit seelenreicher Lyrik  „Es sungen drei Engel ein süssen Gesang, Der weit in den hohen Himmel erklang“ von dieser Welt Abschied nimmt. Ebenso überzeugte Martin Hombrich überzeugte in der großen Tenor – Partie als volksferner Kardinal Albrecht von Brandenburg, der letzlich doch seinem Gewissen folgt und sein Amt als Kardinal niederlegt und, konkretes Handeln widerspiegelnd, zum Protestantentum wechselt.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Das nicht große Orchester der  Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann erzeugt den eigenen kraftvollen Mathis – Klang eines großes Orchesters. Dieser volle Klang entstand nicht, weil das Orchester laut war, sondern weil die grandiose Instrumentierung  Hindemiths mit wenigen aber perfekten Blech- und Holzbläsern, bei mitreißenden  Flöten- und Fagott-Soli  einen unendlichen Klangreichtum  von Spätromantik bis zu Barock möglich macht. Welchen die Neue Philharmonie Westfalen als solistisch wie als Orchester nutzte. Im Überschwang der Gefühle könnte man geradezu eine Seelenverwandtschaft zu Hindemith vermuten. Mit dem spielfreundigen und gesangs- starken Ensemble, dem facettenreichen Bühnenbild ist Mathis der Maler ein weiterer Stern in der Krone des MiR, der „Perle des Ruhrgebiets“.

Mathis der Maler im Musiktheater im Revier; weitere Vorstellungen 9.11.2017; 12.11.2017; 26.12.2017, 10.12.2017, 30.12.2017

 

Wien, Volksoper, Fledermaus ist Wien ist Fledermaus, IOCO Kritik, 25.10.2017

Oktober 26, 2017 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Die Fledermaus von Johann Strauss

Ein Rheinländer zieht aus, die Fledermaus in Wien zu erleben

Von Viktor Jarosch

Fledermaus Trailer der Volksoper Wien

Die Fledermaus von Johann Strauss in Wien zu besuchen! Einem Rheinländer erzeugt der Besuch der Fledermaus in ihrer kulturellen Heimat Wien besondere, fast touristische Gefühle. Denn Wiens einzigartige kulturelle Stellung in der Welt ist nicht allein anspruchsvoll-komplexer Kunst eines Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Franz Grillparzer oder Gustav Klimt zuzuschreiben. Deren leicht-gewichtige – gerne nicht ganz ernst genommene – Schwester, die Operette, ganz besonders die Fledermaus, Königin der Operetten, sind bis heute und weltweit erfolgreiche Botschafter von Menschlichkeit und Wiener Lebensfreude. Johann Strauss und Franz Léhar etablierten die Operette als eigene Gattung, stellten in ihren Werken sympathische Durchschnittsmenschen mit gutbürgerlicher Doppelmoral dar; überschaubare Alltagsprobleme werden etwas realitätsfer mit lieben Ungereimtheiten, Lügen und oft tänzerischen Schmankerln  dem natürlich glücklichen Ende zugeführt.

 Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Die eindrucksvolle Grabstätte von Henri Meilhac in Paris © IOCO

Urwienerisch, so irrt man schnell, sei die Fledermaus; denn sie ist französischen Ursprungs; das erfolgreiche Vaudeville Réveillon (1872) von Henri Meilhac (Foto) und Ludovic Halèvy ist ihr Ursprung. Der „Vorabend“ (Heiligabend) zu einem in Frankreich üblichen, ausgelassenen Weihnachtssouper mit Freunden, eine anstehende Gefängnisstrafe, ein Alfred, ein Prinz, ein Gefängnisdirektor sind die Ingredienzien von Réveillon. Johann Strauss zauberte, komponierte aus dieser Vorlage 1874 seine einmalige Wiener Fledermaus.

Strauss´ Fledermaus verwandelt die Vorlage, auch dem Börsenkrach von 1873 geschuldet, in wienerische „Lebenserkenntnisse“: Wenn im richtigen Leben schon vieles falsch läuft: ¾ Takt, ein wenig Lüge, Maske, Kostüme, Polka, falsche Identitäten könnten dem Wiener weiter helfen.

Fledermaus Trailer der Staatsoper Wien

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Grabmal von Johann Strauss Sohn in Wien © IOCO

Also lügt Adele mit Beginn der Operette, dann belügt Rosalinde ihren Mann Eisenstein, der sie ebenso belügt, Dr. Falke belügt beide, Halb- und Unwahrheiten wechseln sich ab; allein Alfred, der Liebhaber, lügt nicht, aber nur aus Eigennutz. Hugo von Hoffmannsthal meinte gar: In der Fledermaus dominiere gar „jenes gewisse Halb-Naive, Lumpige, französisch angehauchte Wienertum“. Seit ihrer Uraufführung am 5. April 1874 im Theater an der Wien ist die Fledermaus von Johann Strauss, Richard Genée und Karl Haffner auf allen Bühnen der Welt unendlich erfolgreich. Im Ausland wurde die Fledermaus, mit ihr das Genre Operette, so zum augenzwinkernden Erkennungsschmaus und Sympathieträger der Stadt Wien wie Österreichs. Auf Augenhöhe mit „seriöser“ Wiener Kunst. Glücklich ist, wer vergisst, was…“ zutiefst Österreichisch?

In den Theatern Wiens ist die Fledermaus immer präsent; auch 2017/18: Die ehrwürdige aber weniger humorige Wiener Staatsoper (30% ihrer Besucher stammen nicht aus Wien) reduziert prallen Fledermaus-Humor traditionell offiziell auf Silvester und einige Folgeabende: 2017 feiert die Staatsoper den Jahreswechsel mit der 150sten Fledermaus Aufführung einer Otto Schenk – Inszenierung aus dem Jahr 1979; mit virtuoser Choreographie und blendenden Ensemble. Das Theater an der Wien hat 2017 Fledermaus frei.

Dafür spielt bürgernahe Wiener Volksoper an der Währinger Straße (1.330 Plätze, 83% Auslastung, 315.000 Besucher/Jahr) 2017/18 die Fledermaus ganzjährig. Doch auch die Fledermaus-Produktion der Volksoper, wie die der Staatsoper, hat lange Tradition: Aus 1987 stammt die Inszenierung mit klassischen Kulissen; 2007 wurde diese Inszenierung von Heinz Zednik szenisch und sprachlich etwas aktualisiert. Alt-barocken, betulichen Wiener Flair verbreitet der große Wohnraum der Volksoper Fledermaus mit dem ersten Bild. Die Kostüme (Doris Engl) sind ebenfalls klassisch wienerisch. Doch ein viriles Ensemble meist Wiener Provenienz verwandelt dies Ambiente zu  einem lebensfrohen, munteren Bühnenereignis.

Volksoper Wien / Die Fledermau - hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermau – hier vlnr Dr Blind, Rosalinde, Eisenstein © barbara pálffy / volksoper

Alfred, Szabolcs Brickner, betet so in seiner ersten Belcantoarie mit hellklar lyrischer Tenorstimme „Täubchen, das enflattert ist, stille mein Verlangen..“ Rosalinde an. Stubenmädchen Adele (Elisabeth Schwarz) wuselt daher, um sich in ihren späteren Arien „Spiel ich die Unschuld vom Lande“, „Mein Herr Marquis“ lustvoll und mitreißend auszuspielen. Dr. Falke erscheint im Gehrock. Die an vulgärphilosophischen Sprüchen so reiche Fledermaus leitet Gabriel von Eisenstein (Carsten Süss) mit seinen „Grinzinger Volksweisheiten“ ein: „Wenn die Ratten dich benagen, hüte dich vor vollem Magen“, um über Dr. Falke (Ben Connor), „Stirbt der Bauer im Oktober, braucht er im Winter koan Pullover“ bis zum Ende durch das Wiener wie Volksopern – Urgestein Gerhard Ernst als Frosch alle möglichen Operetten- Vögel abzuschießen. Die Fledermaus feierte so an der Volksoper fröhliche Urständ. Auch als lebensfroher Rheinländer fühle ich mich an diesem Abend  in der Volksoper pudelwohl.

Volksoper Wien / Die Fledermaus - hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Volksoper Wien / Die Fledermaus – hier Ensemble © barbara pálffy / volksoper

Doch, das gesamte Ensemble des Abends trug zur guten Laune bei: Ulrike Steinsky, Wienerin und langjähriges Volksoper Ensemblemitglied, ist eine szenisch präsente Rosalinde; mit wortdeutlichem Wienerisch beherrscht sie ihre große Partie von tiefen Mezzo-Tönen bis wunderbarem Sopran; federleicht und mit Temperament besonders im Csárdás des Mittelaktes, „Klänge der Heimat“. Die Rachegedanken des Dr. Falke lässt Ben Connor in wohl timbrierten Schmelz erklingen. Annely Peebo lebte in Sprache und wohltönendem Mezzo den russischen Prinz; ebenden Prinz Orlofsky. In elegant klassischen Kostümen tanzt das das Wiener Staatsballett die packende Polka Donner und Blitz. Auch der stotternde Dr. Blind (Jeffrey Treganza) wie der mimisch und stimmlich sichere Daniel Ohlschläger als Gefängnisdirektor Frank begeistern.

Guido Mancusi, das Volksopernorchester und Ensemble entfalten in den vielen Facetten ihrer Fledermaus urtümliches wie feines wienerisches Kolorit, Wiener Charme. Die Besucher der auch an diesem Dienstag vollbesetzte Volksoper feierten Ensemble, Orchester wie ihre Kultur, ihre Fledermaus.

Die Fledermaus an der Volksoper Wien:  Weitere Vorstellungen 13.11.; 30.11.; 4.12.; 31.12.2017; 1.1.2018;  6.2.2018; 15.2.2018,; 5.3.2018

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