Münster, Theater Münster, Die Csárdásfürstin – Operette mit Trauerrand, IOCO Kritik, 14.12.2017

Dezember 15, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

Operette mit Trauerrand

Von Hanns Butterhof

Emmerich Kálmán muss den Ersten Weltkrieg übersehen haben. Diesem Eindruck kann man sich nicht entziehen, wenn man die beiden Kálmán-Operetten Die Csárdásfürstin von 1915 in Münster und Die Zirkusprinzessin von 1926 in Osnabrück besucht. In beiden Aufführungen wird Kálmán entschieden korrigiert, der Krieg auf die Bühne gebracht und ein happy end verweigert.

Der Krieg bricht in Kálmán-Operetten in Münster und Osnabrück herein

Am Großen Haus des Theaters Münster lässt Mareike Zimmermann „Die Csárdásfürstin“ 1917 in einem Lazarett voller Kriegsversehrter spielen, und erzählt die Handlung in Rückblicken.

Das schöne Bühnenbild, das Bernd Franke für „Die Csárdásfürstin“ gebaut hat, stellt das Varieté „Orpheum“ dar, auf dessen Bühne die Sängerin Sylva Varescu einst Triumphe gefeiert hat. Jetzt ist es zum Lazarett umfunktioniert, auf der Bühne des Gründerjahrebaus hält eine strenge Oberschwester Wache, und das Parkett ist mit weißen Klinik-Krankenbetten gefüllt.

Theater Münster / Die Csardasfuerstin - hier Sängerin Sylvia Varescu vor Kriegsversehrten © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfuerstin – hier Sängerin Sylvia Varescu vor Kriegsversehrten © Oliver Berg

Sylva Varescu (Henrike Jacob) ist als Truppenbetreuung an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Von dem ehemaligen Direktor des Etablissements, Feri von Kerekes (Gregor Dalal), am Klavier begleitet, begeistert sie die Verwundeten in ihren blauen Kranken-Uniformen (Kostüme: Isabel Graf), sofern sie an Krücken und mit von Giftgas blinden Augen noch gehfähig sind.

Unter ihnen ist auch der notorische Womanizer Graf Boni (Erwin Belakowitsch), der sich gerade ein weiteres Mal, den Arm in einer lächerlich überflüssigen Schlinge, vor dem Einsatz an der Front drückt. Boni muss den steten Wechsel zwischen dem von der Regie erfundenen Jetzt der Kriegszeit und dem besseren Damals ihrer Varieté-Zeit moderieren, in der „Die Csárdásfürstin“ eigentlich spielt. Das zwingt den Grafen zeitweise zu einem rasanten Umdekorieren seiner Armschlinge im Jetzt zum schicken Halstuch im Damals und zurück ins Jetzt.

Theater Münster / Die Csardasfürstin - hier die berühmte Sängerin Sylvia Varescu © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfürstin – hier die berühmte Sängerin Sylvia Varescu © Oliver Berg

Im Licht der Erinnerung erscheint die Liebesgeschichte zwischen Sylva Varescu und dem jungen Fürst Edwin von Lippert-Weylersheim (Garrie Davislim) als Parallelaktion zu La Traviata. Nur dass Sylvia aus Bürger-Stolz, weil sie meint, doch nicht um ihrer selbst willen geheiratet zu werden, auf die Hochzeit und ihr Liebesglück mit dem Fürstenspross tapfer verzichtet. Henrike Jacobs‘ Sylvia Varescu ist eine starke Frau, temperament-, aber wenig glutvoll, als laste auf ihr auch in den Episoden der glücklichen Vergangenheit schon das Wissen um das unglückliche Ende.

Garrie Davislim als ihr hochadeliger Verehrer Edwin, der ihr die Hochzeit verspricht, sich dann aber von seinem standesbewussten Vater zur Verlobung mit der ebenbürtigen Jugendliebe Stasi (Kathrin Filip) drängen lässt, bleibt blass, tenorale Feurigkeit bringt er nicht auf. Schattenhaft erscheint er nur noch als Erinnerungsbild mit Blumenstrauß auf der Balustrade. Es ist völlig verständlich, dass Kathrin Filip, als Komtesse Stasi eine kecke, selbstbestimmte Soubrette, sich von Edwin ab- und dem Graf Boni zuwendet, der sie auch äußerst anziehend findet.

Erwin Belakowitsch ist als Boni nicht nur der Liebling der Mädis vom Chantant, sondern auch des Publikums, und erhält für seine unbekümmerte Buffo-Rolle dessen besonderen Applaus.

Theater Münster / Die Csardasfürstin von Emmerich Kalman © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfürstin von Emmerich Kalman © Oliver Berg

Mareike Zimmermann inszeniert mit sehr viel Gefühl das Gesamtgeschehen auf der Bühne, auf der nie jemand nur herumsteht und auf seinen Einsatz wartet; da spielt auch der von Inna Bartyuk trefflich eingeübte Chor gut mit. Aber den einzelnen Charakteren fehlen merklich differenziertere, für eine Operette nicht unwichtige Zwischentöne.

Das ganze Konzept, die Geschichte der „Csárdásfürstin“ von einem dazuerfundenen Ende her zu erzählen, ist fatal. Das erforderliche Hin- und Herblenden zwischen den Zeitebenen lässt die Einheit der Operettenhandlung in einzelne Szenen und Gesänge zerfallen. Ihre Moderation erzwingt entschleunigende Momente, die verhindern, dass die Handlung mit ihrer dazugehörigen Musik den Sog entfalten können, der eigentlich kaum zu vermeiden ist. Wenn dann noch bei den ausgelassensten Szenen oder dem fürstlichen, von Tomasz Zwoniak sinnfällig choreographierten Verlobungsball noch immer die Krankenbetten herumstehen, in denen diskret gestorben wird, legt sich ein Trauerrand um die gesamte Operette, gegen den das Ensemble so tapfer wie vergeblich ansingt.

Auch Stefan Veselka am Pult des Sinfonieorchesters Münster kann als Opfer des Regiekonzepts angesehen werden. Es unterbricht den Melodienfluss immer wieder, unterstützt die einzelnen Lieder nicht zwingend durch das Bühnengeschehen und lässt es somit nicht zur vollen Wirkung kommen.

Der Gewinn, dass die grauenvolle Zeitgeschichte in das Stück hineingeholt wird, ist relativ bescheiden; dass die Werteordnung, die von den adeligen Kreisen vertreten wird, schon zerbrochen ist, enthält die Operette bereits überdeutlich. Dass der Krieg diesen Befund amtlich gemacht hat, ist oberlehrerhafte Verdeutlichung, auf die verzichten kann, wem es um die Operette und nicht um die Ausstellung von gutmenschlicher Gesinnung zu tun ist.

Die Csárdásfürstin am Theater Münster: Weitere Vorstellungen 19.12.; 31.12.2017; 18.1.; 24.1.; 26.1.; 30.1.; 9.2.; 4.3.; 18.3.2018

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Münster, Theater Münster, Der Kaufmann von Venedig – Shakespeare, IOCO Kritik, 09.12.2017

Dezember 9, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Der Kaufmann von Venedig – Ein Heiden-Spaß

Moralinsaure Polit-Bonbons in knallbunter Komödien-Verpackung

Von Hanns Butterhof

„Ihr seid alle Verbrecher!“, schallt es von der Bühne des Großen Hauses Münster ins Publikum, und „Unmenschen!“. Stefan Otteni hat William Shakespeares Schauspiel Der Kaufmann von Venedig  mit dessen Text  „Die Fremden“ angereichert und provokant ins Heute versetzt. Das reichlich moralinsauer mit aktuellen politischen Problemen aufgepeppte Stück mit Publikumsbeschimpfung ist hinreißendes Theater.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig - hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Peter Scior hat dazu eine große flache Schüssel auf die Bühne gesetzt, in der sich die gerade nicht beschäftigten Schauspieler als vergnügungssüchtiges junges Volk herumfläzen und amüsiert zuschauen, was so passiert.

Da bürgt der Venezianische Kaufmann Antonio, ein ekelhaft chauvinistischer Melancholiker (Christian Bo Salle), für die Schulden, die er für seinen Freund Bassanio (der wunderbar extemporierende, für den erkrankten Bálint Tóth eingesprungene Maximilian Scheidt) aufgenommen hat. Das Geld leiht ihm der Jude Shylock (Christoph Rinke), ein kühler Geschäftsmann im dunklen Zweireiher (Kostüme: Sonja Albartus), dem Antonio in vielen Formen seine Verachtung gezeigt hat. Shylock findet für seine Rache eine krasse Form: im Fall, dass die Schuld nicht pünktlich getilgt wird, will er ein Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios schneiden. Der Fall tritt ein.

Derweil wirbt Bassanio erfolgreich um die superreiche Portia (Sandra Bezler). Wer sie heiraten will, muss vorher eine Probe bestehen. Drei Kandidaten scheitern, bevor Bassanio Erfolg hat: der Prinz von Hannover (Ilja Harjes), eine menschenfeindliche Karikatur, von den Zuschauern auf der Bühne und im Saal hässlich verlacht, dann ein stürmischer Prinz aus Kasachstan (Garry Fischmann) mit Pelzmütze und nackter Brust und schließlich der Prinz von Marokko (Zainab Alsawah).

Als Alsawah, eine in Damaskus geborene Schauspielerin, ihren Text ausufernd weitgehend auf Arabisch spricht, ertönt aus dem Zuschauersaal erst einzeln, dann vermehrt die aggressive Forderung „Sprich deutsch!“. Erregung, Unruhe und weitere Zurufe im Saal, denen Alsawah mit Shylocks Text die Forderung nach gleichem Recht aufgrund gleichen Menschseins entgegenschleudert und dem Publikum vorwirft, dessen Aggressionen zielten auf sie als Muslima. Das ist etwas ungenau, aber der geglückte Inszenierungscoup macht einen Heidenspaß.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig_ hier: Große Ähnlichkeit - Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Große Ähnlichkeit – Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

So wickelt Otteni leicht moralinsauer noch weitere aktuelle Themen in die Komödienverpackung, bis Shylock schon das Messer ansetzt. Da wird der Jude noch einmal richtig aufs Kreuz gelegt, begleitet von den feixenden jungen Leuten, die ihren gruseligen Spaß auf Kosten des Heiden haben.

Sie haben nichts aus den humanistischen Anmutungen des immer wieder eingeflochtenen Shakespeare-Textes „Die Fremden“ gelernt. Ebenso wenig hätte das beschimpfte Publikum diese nicht erspielten Belehrungen nötig gehabt. Mit ihnen hat Otteni es sich zu leicht gemacht und offene Türen eingerannt, aber einen fesselnden Theaterabend mit jeder Menge Diskussionsstoff geschaffen.

Nach drei Stunden anhaltende Ovationen für ein ausgesprochen spielfreudiges Ensemble, besonders für Maximilian Scheidt.

Der Kaufmann von Venedig am Theater Münster: Die nächsten Termine: 13.12.; 14. 12.; 30.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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Münster, Theater Münster, DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN – Emmerich Kálmán, 02.12.2017

November 21, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN von Emmerich Kálmán

»Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht, ob es morgen nicht schon zu spät!«

Premiere: Samstag, 02. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Zeitreise in das k.u.k. Budapest vor knapp einhundert Jahren: Die erfolgreiche Chansonette Sylva Varescu, der als Fürstin des heißblütigen ungarischen Csárdás die Herzen zufliegen, gibt ihre Abschiedsvorstellung im Varieté. Sie ist dem jungen Wiener Fürstensohn Edwin Lippert-Weylersheim leidenschaftlich zugetan. Den wollen seine Eltern jedoch mit seiner Cousine, Komtesse Stasi, verheiraten. Doch so schnell gibt die temperamentvolle Titelheldin nicht auf!

DIE CSÁRDÁSFÜRSTIN ist Emmerich Kálmáns (1882–1953) weltweit populärstes Stück, dessen zahlreiche Klassiker den hohen musikdramatischen Rang der CSÁRDÁSFÜRSTIN ausmachen und bis heute ihre fortdauernde Anziehungskraft bewahren. Kálmán, der Melancholiker der leichten Muse, erschafft eine Koketterie mit dem eben nur scheinbaren Welten-Unterschied des Varietés und des gestrigen Adels. So entstand – inmitten des Ersten Weltkrieges – ein heiterer Operettenrausch mit gedankenvollen Zwischentönen in Moll.

Musikalische Leitung: Stefan Veselka, Inszenierung: Mareike Zimmermann, Choreografie: Tomasz Zwozniak, Bühne: Bernd Franke, Kostüme: Isabel Graf, Choreinstudierung: Inna Batyuk, Dramaturgie: Ronny Scholz

BESETZUNG:  Leopold Maria, Fürst von und zu Lippert-Weylersheim Christoph Stegemann,  Anhilte, Leopold Marias Frau Suzanne McLeod, Edwin Garrie Davislim
Komtesse Stasi Kathrin Filip, Graf Boni Káncsiánu Erwin Belakowitsch, Sylva Varescu, Csárdásfürstin Henrike Jacob, Feri von Kerekes, genannt Feri Bácsi Gregor Dalal
Eugen von Rohnsdorff Dirk Schäfer, Opernchor des Theaters Münster, Sinfonieorchester Münster

Öffentliche Probe:    Dienstag, 21. November, 18.30 Uhr , Großes Haus

Csardasfürstin im Theater Münster:  Weitere Vorstellungen im Dezember: Samstag, 09. Dezember, 19.30 Uhr, Dienstag, 19. Dezember, 19.30 Uhr, , Sonntag, 31. Dezember, 15.00 Uhr und 19.00 Uhr, PMThMü

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Münster, Theater Münster, Ballett Bach.Immortalis von Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Bach.Immortalis – Ballett von  Hans Henning Paar 

Getanzte Hommage an Bach

Von Hanns Butterhof

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Dem unsterblichen Barock-Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) widmet Münsters Tanzchef Hans Henning Paar sein neues Tanzstück „Bach.Immortalis“ am Großen Haus des Theaters Münster. In dreizehn Szenen tanzt das Ensemble aus je sechs Tänzerinnen und Tänzern zu zwölf life gespielten Kompositionen Bachs. Zu einer Szene hat der Dirigent des Abends, Thorsten Schmid-Kapfenburg, die Eigenkomposition „Reflexionen über B-A-A-C-H-H“ beigesteuert.

Am Beginn liegt  Jason Franklin zu dem Bach-Choral „Komm, süßer Tod“ wie ein nacktes Neugeborenes auf dem Rücken. Dann windet er sich wie ein Falter aus seinem Kokon, erarbeitet sich und feiert mit großem Schwung den aufrechten Gang, und sinkt dann langsam wieder in sich zusammen.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Die Szene dürfte Paars Ausdruck für sein Programm sein, im Tanzen den Menschen zu zeigen als Summe dessen, was vor uns geschah, was jetzt geschieht und nach uns geschehen wird, wie das Textbuch sinngemäß Salman Rushdie zitiert.

Was dann folgt, erfüllt dieses Programm nicht zwingend. Im rasanten Wechsel der Szenen dominieren die Ensembles. In Paars typischer athletischer Handschrift jagen die Tänzerinnen und Tänzer in Alltags-Kleidung  über die mit einer halbrunden, matt goldenen Wand abgeschlossene Bühne (Bühne und Kostüme: Isabel Kork). Innerhalb der Ensembles finden und trennen sich Paare, es wechseln individuelle mit kollektiven Gesten, und Vokabular aus dem klassischen Ballett wie Pirouetten, Hebungen und Sprünge mischt sich mit dem des freien Tanzes.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Der Mensch ist nicht immer nur ernst und auf das Jenseits ausgerichtet. So tanzen zur schwungvollen Polonaise aus der Orchestersuite in h-Moll vier Paare über die Bühne. Sie scheinen nicht mehr ganz nüchtern, haben lustige kleine Karnevalshütchen auf den Köpfen und Scherz-Flöten im Mund. Deren schräges Tröten setzen sie am Ende dem Wohlklang Bachs und der Angst vor dem Tod entschlossen entgegen.

Irritierend untänzerisch sind die Beschwörungen barock Gekleideter im Bühnennebel. Einer von ihnen trägt langsam zum Mittelsatz des Zweiten Brandenburgischen Konzerts einen Koffer herein, während das Ensemble sich wie erinnernd rückwärts bewegt. Und wenig plausibel sind die Projektionen alter schwarz-weißer Familienfilme auf eine vom Schnürboden heruntergelassene Videowand oder in einen Koffer hinein, in dem dann ein laufendes Kind zu sehen ist. In spannungsreichem Gegensatz dazu erklingt Schmid-Kapfenburgs Bach-Reflexion, die in ihrer anfänglichen Dynamik und dem spätromantischen Zur-Ruhe-Kommen dem Leben zum Tode hin schmerzlich Ausdruck verleiht.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Aus den rasenden Ensembles ragen die stilleren Paartänze und Soli heraus. Vor allem ergreift das Duett der ausdrucksstarken Maria Bayarri Pérez mit dem eleganten Keelan Whitmore als das innige Bild eines Paares, in dem er sie hält, trägt und hebt. Das kann tänzerisch ganz für sich stehen wie auch ein langes, intensives Solo von Elizabeth Towles zwischen den nicht immer sinnvoll vom Schnürboden mal mehr, mal weniger hoch herabgelassenen Lastenzügen.

Nach neunzig pausenlos getanzten Minuten galt der begeisterte Beifall des Publikums dem aufopfernd kraftvollen Tanz des Ensembles und der kleinen Besetzung des Sinfonieorchesters Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Bach.Immortalis – Ballett am Theater Münster; Die nächsten Termine: 3.12., 15.12. und 22.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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