Leipzig, Oper Leipzig, Spielplan Januar 2018 – Der Ring, Puccini und mehr, IOCO Aktuell

Dezember 13, 2017 by  
Filed under Oper Leipzig, Pressemeldung, Spielpläne

Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Highlights der Oper Leipzig im Januar 2018

  • DER RING DES NIBELUNGEN – JAHRESAUFTAKT MIT TOPBESETZUNG
  • LIEBE IN ZEITEN DER REVOLUTION: DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG DES MUSICALS DOKTOR SCHIWAGO
  • STRAUSS MEETS KORNGOLD: DES OPERETTENWORKSHOPS MIT DER
  • OPERETTE DAS LIED DER LIEBE
  • PUCCINI-WOCHENENDE
  • SALUT D’AMOUR: MUSIKALISCHER SALON

DER RING DES NIBELUNGEN von Richard Wagner

ZUM JAHRESAUFTAKT MIT TOPBESETZUNG

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Auch 2018 sind Wagners epische Themen von Liebe und Hass zwischen alten Göttern und neuen Helden nicht von der Leipziger Opernbühne wegzudenken. Gleich zum Auftakt des Jahres 2018 präsentiert die Oper Leipzig Wagners Ring des Nibelungen als geteilten Zyklus. Die Aufführungen finden am 6./7. Januar sowie am 13./14. Januar jeweils um 16 Uhr auf der Opernbühne statt. Am Pult des Gewandhausorchesters steht für alle vier Teile Prof. Ulf Schirmer, Generalmusikdirektor und Intendant der Oper Leipzig.

Die Besetzung für den Ring-Zyklus 2018 weist namhafte Gäste des internationalen Opernparketts auf, darunter Stefan Vinke (Titelpartie in »Siegfried«), Christiane Libor (Brünnhilde in der »Götterdämmerung«), Daniela Köhler (Sieglinde), Thomas J. Mayer (Wotan), Thomas Mohr (Siegfried in der »Götterdämmerung«) und Peter Sidhom (Alberich in »Götterdämmerung«). Die szenische Umsetzung lag in den Händen des Regieteams Rosamund Gilmore (Inszenierung), Carl Friedrich Oberle (Bühne) und Nicola Reichert (Kostüme).

Termine:

Rheingold, Samstag, 6. Januar 2018, 16 Uhr
Walküre, Sonntag, 7. Januar 2018, 16 Uhr
Siegfried, Samstag, 13. Januar 2018, 16 Uhr
Götterdämmerung, Sonntag, 14. Januar 2018, 16 Uhr


LIEBE IN ZEITEN DER REVOLUTION:

DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG DES MUSICALS »DOKTOR SCHIWAGO«

Am Samstag, 27. Januar 2018, 19 Uhr feiert das Musical Doktor Schiwago in der Musikalischen Komödie seine deutschsprachige Erstaufführung. Mit Doktor Schiwago schuf Boris Pasternak nicht nur einen epochalen Roman von Weltrang, sondern auch die Vorlage für David Leans oscarprämierte Hollywood-Verfilmung mit Omar Sharif. Mit ihrem Broadway-Musical erweckte die zweifache Grammy- Gewinnerin Lucy Simon sein größtes Werk 2006 wieder zum Leben und entwarf dafür einen zeitgemäßen Sound voll emotionaler Balladen und russischer Klänge.

Die tragische Lovestory rund um den dichtenden Arzt Jurij Schiwago wird nun unter der Regie von Cusch Jung, Chefregisseur der Musikalischen Komödie, erstmalig als Musical in Deutschland zu erleben sein. Die Besetzung der Titelpartie mit Jan Ammann, einem der gefragtesten Musical-Stars unserer Zeit, lässt die Herzen zahlreicher Musical-Fans schon jetzt höher schlagen.
Aufgewachsen im russischen Zarenreich, gerät Jurij Schiwago in den Wirren von Krieg und Revolution zwischen die Fronten. So steht er als unabhängiger Freigeist nicht nur zwischen zwei Regimen, sondern auch zwischen zwei Frauen – seiner Ehefrau Tonia und der geheimnisvollen Lara. Aber Jurij ist nicht Laras einziger Verehrer: Neben ihm kämpfen auch Laras Jugendfreund Viktor Komarovskij und ihr Ehemann Pascha Antipov, Führer der Roten Armee, um ihr Herz… Cusch Jung inszeniert die ergreifende Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund einer jede Individualität hinwegfegenden Revolution, in der Liebe und Poesie als Zeichen der Menschlichkeit umso stärker leuchten.

Premiere: Samstag, 27. Januar, 19 Uhr, Musikalische Komödie
Weitere Aufführungen: 28. & 30. Jan. / 6., 8. & 9. Feb. / 10. & 11. Mär. / 19. & 20. Mai / 26. & 27. Jun. 2018


STRAUSS MEETS KORNGOLD

ABSCHLUSSKONZERT DES OPERETTENWORKSHOPS MIT DER OPERETTE »DAS LIED DER LIEBE«

Der Deutsche Musikrat richtet nach einjähriger Pause im Jahr 2018 gemeinsam mit der Musikalischen Komödie erneut den »Operettenworkshop für junge Dirigenten« aus. Drei junge Kollegen des Dirigentenforums des Deutschen Musikrates erhalten dabei die Möglichkeit, sich als Dirigenten zu präsentieren. Am Ende des Workshops steht das öffentliche Abschlusskonzert am Samstag, 6. Januar 2018, 19:30 Uhr, und Sonntag, 7. Januar 2018, 15 Uhr.
Bis heute ist die Musikalische Komödie eines der führenden Häuser im Bereich Operette und Musical im deutschsprachigen Raum. Nach dem Abschied von Ehrendirigent Roland Seiffarth als langjähriger Leiter des Operettenworkshops liegt die künstlerische Leitung nun in den Händen von Chefdirigent Stefan Klingele, der gemeinsam mit dem Musikrat ein neues Konzept für den Workshop entwickelt hat. Im Zentrum steht dabei die Erarbeitung eines kompletten Werks, das sowohl für die Dirigenten als auch für das Orchester neu ist. Es ist also für beide Seiten – und ebenso für das Publikum – eine Entdeckungsreise.
Auf dem Programm steht Erich Wolfgang Korngolds Operette Das Lied der Liebe nach Melodien aus »Das Spitzentuch der Königin« von Johann Strauß (Sohn) als konzertante Aufführung. Die Musik des Komponisten, der zahlreiche Operetten instrumentierte, steht für Klangsinnlichkeit in der Orchesterbehandlung und ist damit prädestiniert für den Operettennachwuchs. Um seine Spielschulden zu begleichen, geht Frauenschwarm und Herzensbrecher Graf Richard von Auerspach (Adam Sanchez) mit seinem Vetter Fürst Franz von Auerspach einen Deal ein: Während sich Franz aus dynastischen Gründen mit Baronin Paulette (Lilli Wünscher) zu vermählen gedenkt, soll
Richard dessen Ex-Geliebte, die Hofschauspielerin Lotte Hohenberg, für eine Zeit aus dem Verkehr ziehen und mit ihr eine kleine Vergnügungsreise nach Capri unternehmen. Als sich Richard jedoch Hals über Kopf in eine schöne Unbekannte (Paulette!) verliebt, kommt schließlich doch alles anders als geplant. Paulettes Schwager Gigi (Andreas Rainer) nimmt die Liebe eher von der leichten Seite und vergnügt sich währenddessen abwechselnd mit dem Stubenmädchen Tini (Nora Lentner) und der Tänzerin Lori (Mirjam Neururer).

Termine: Samstag, 6. Januar 2018, 19:30 Uhr, Musikalische Komödie
Sonntag, 7. Januar 2018, 15:00 Uhr, Musikalische Komödie


KLEINE KOMÖDIE: IVAN UND DIE FRAUEN

SOLOPROGRAMM MIT CUSCH JUNG  IM JANUAR 2018

Cusch Jung ist nicht nur Regisseur, Choreograf, Darsteller, sondern im Rahmen der Reihe »Kleine Komödie« im Venussaal der Musikalischen Komödie auch Autor seiner eigenen One-Man-Show. In der Realsatire Ivan und die Frauen spielt Jung einen verzweifelten Junggesellen, der anscheinend noch immer nicht die richtige Frau in seinem Leben gefunden hat und stattdessen gehörig unter dem Pantoffel seiner Mutter steht. Diese hat ihm schon so manche Liebesaffäre vereitelt. Auf einer zweistündigen Reise durch sein missglücktes Liebesleben erzählt Ivan auf humorvolle Weise von seinen Liebesabenteuern und lässt seine verflossenen Frauen in bekannten Hits, Schlagern und Chansons wieder auferstehen. Am Piano begleitet wird Cusch Jung dabei von dem virtuosen australischen Pianisten und Komponisten Paul Hankinson. Ein Abend voller Witz, Humor, Melancholie und weltbekannten Melodien.

Termine: Samstag, 20. Januar 2018, 19 Uhr, Venussaal, Musikalische Komödie
Sonntag, 21. Januar 2018, 15 Uhr, Venussaal, Musikalische Komödie


PUCCINI – WOCHENENDE

Die Opern von Giacomo Puccini ziehen seit mehr als 100 Jahren ein Riesenpublikum in ihren Bann. Die Oper Leipzig widmet dem Werk des Komponisten vom 26. bis 28. Januar 2018 ein ganzes Wochenende. Drei der schönsten und tragischsten Frauengestalten Puccinis sind an drei aufeinanderfolgenden Abenden an der Oper Leipzig zu erleben: Tosca, Turandot und Madama Butterfly. Seinen weiblichen Opernfiguren gehörte Puccinis ganzes Mitgefühl. Es heißt, er habe um sie geweint, wenn er ihre Arien komponierte.

Termine:

Tosca«, Freitag, 26. Januar 2018, 19:30Uhr, Opernhaus
Turandot, Samstag, 27. Januar 2018, 19 Uhr, Opernhaus
Madama Butterfly, Sonntag, 28. Januar 2018, 18 Uhr, Opernhaus


SALUT D’AMOUR: MUSIKALISCHER SALON

Salonmusik ist Kult. Bis heute hat die leicht verschmitzte und doch elegante Unterhaltungsmusik des jungen 20. Jahrhunderts nichts von ihrem Charme und Glanz verloren. Das Neue-SalonOrchester-Leipzig, ein Zusammenschluss experimentierfreudiger Musiker des Gewandhausorchesters und des MDRSinfonieorchesters, hat sich diesem Genre mit Leib und Seele verschrieben. Vor genau zehn Jahren veröffentlichten die Musiker um Sebastian Ude unter dem Titel Salut d’Amour ihre erste gemeinsame CD, eine wahre Liebeserklärung an die Salonmusik. Anlässlich des Jubiläums lädt das Orchester am Samstag, 27. Januar, 15 Uhr zu einem Konzert zwischen Tango und Walzer, Swing und Jazz. Komplettiert wird das Ensemble wie schon auf der CD durch das Gesangsduo Jana Hruby und Stephan Gogolka. Gewandhausbratschist Henry Schneider weiß in seinen augenzwinkernden Moderationen so manches Histörchen zu berichten. Der Eintritt kostet 10 €. Vor dem Konzert besteht die Möglichkeit zu Kaffee und Kuchen.
Termin: Samstag, 27. Januar 2018, 15 Uhr, Konzertfoyer Opernhaus

Pressemeldung Oper Leipzig

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Minden, Stadttheater Minden, Siegfried von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 12, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Minden

Stadttheater Minden 

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Wagner-Wunder in Ost-Westfalen.

Siegfried von Richard Wagner am Stadttheater  Minden

Von Guido Müller

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Seit 2015 wird am Stadttheater Minden, der Weserstadt, Richard Wagners Der Ring des Nibelungen durch dasselbe Team mit wesentlicher Unterstützung des Richard Wagner Verbandes Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie und zahlreicher regionaler Mäzene und Sponsoren erarbeitet. Treibende Kraft hinter diesem Mammut-Projekt und die Gesamtleitung liegt bei Frau Dr. Jutta Hering-Winckler vom Mindener Wagner Verband.

Diese großartige Initiative ostwestfälischen Bürgersinns und vor allem die sensationell gute Qualität der Aufführungen fand schon breite große positive Beachtung in den Feuilletons und auch überregionalen Medien. Auf Rheingold 2015 und Die Walküre 2016 folgte in sieben Vorstellungen – einschließlich der Generalprobe als Schulvorstellung-  Siegfried 2017, der dritte Abend der Tetralogie.

Vor allem musikalisch ist die besuchte vorletzte Vorstellung ein Ereignis. Dazu trägt neben der vorzüglich präzise, leidenschaftlich und die großen Bögen musizierenden Nordwestdeutschen Philharmonie unter dem langjährigen Chefdirigenten an der Oper Chemnitz und Wagner-Spezialisten Frank Beermann stark der Sänger der Titelpartie bei. Thomas Mohr singt und spielt den Siegfried in dieser Vorstellung nicht nur. Er verkörpert mit allen Fasern seiner Persönlichkeit und mit seinen enormen stimmlichen Möglichkeiten den jungen Pubertierenden auf dem Weg zum Erwachsen werden in allen Facetten bis zum Erwachen der Sexualität an der Seite Brünnhildes.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Die erwachende Frau auf dem von Feuer umgürteten Felsen, das der junge Furchtlose durchschritten hatte, hält der junge Siegfried ja zunächst in einem der vielen durch die kunstvolle, psychologisch fein ziselierte Regie vom Altmeister Gerd Heinz zugleich urkomischen undtief berührenden Momente für seine Mutter. Äußerlich entspricht Thomas Mohr zunächst kaum dem Klischee des tumben, muskelbepackten germanischen blonden Drachentöters. Um somehr kann Mohr die Rolle in den psychischen Facetten frei und fein ausspielen und auch alle komischen Aspekte darstellen, die dem Regisseur Gerd Heinz ein ganz besonderes Anliegen in diesem drittenTeil der Tetralogie sind.

Richard Wagner hielt diesen Ring-Abend für sein publikumswirksamstes und unterhaltsamstes, gar sein populärstes Einzelwerk. Das Werk enthält zudem im Rahmen der vier Teile viele Elemente eines Scherzos. Der Rezensent gesteht gerne, dass er sich hier der Meinung des Bayreuther Meisters anschließt.

Gerd Heinz legt großen Wert auf eine möglichst realistische und textnahe Darstellung. Die einzigen Verfremdungen liegen eigentlich in zwei Elementen: er verlegt die Handlung und Kostüme ins 19.Jahrhundert, nachdem er Rheingold und Walküre in frühere Jahrhunderte angesiedelt hatte (praktikables variables Bühnenbild mit dem großen umgreifenden Ring und geschmackvolle Kostüme: Frank Philipp Schlößmann). Zudem sind Gerd Heinz die komischen und märchenhaften Elemente dieser Oper besonders wichtig.

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Noch bedeutsamer für die Optik dieser Inszenierung, wie bereits in den zwei voraus gehenden Teilen des Rings, spielt das große Ring-Orchester, das im schönen Jugendstil-Theater von Minden nicht in den Orchestergraben passen würde, auf der Hinterbühne mehr oder weniger stark angeleuchtet hinter einem Gazevorhang. Auf diesen durchsichtigen Vorhang werden immer wieder Videos mit sichbewegenden Symbolen des Rings und Muster zur weiteren Erklärungprojeziert (sehr ansprechende und nicht vordergründige Videogestaltung: Matthias Lippert).

So ist fast während der ganzen Oper das Orchester zu sehen. Dies steht allerdings den ursprünglichen Absichten Wagners vom unsichtbaren Orchester entgegen, wie er es im Bayreuther Festspielhaus realisierte. Erst während des intimen großen Schlussduetts der Oper verschwindet das Orchester hinter dem Vorhang fast ganz im Dunkel

Damit sucht diese Produktion sicher vor allem die enorme Rolle herauszustellen, die das große vielstimmige und vielfarbige Orchester gerade auch im Siegfried im Zwiegespräch auch mit dem Gesang spielt. Zugleich ist es sängerfreundlicher, wenn die Sänger näher an der Rampe und dem Publikum singen als hinter oder über das Orchester hinweg, teilweise sogar auf Wendeltreppen, Aufbauten vor dem Bühnenportaloder von Seitenbalkonen. Das unterstützt auch die Textverständlichkeit und Spielnähe in vielen Szenen. Allerdings wird diese Stellung des Orchesters auf der Hinterbühne möglicherweise akustische Probleme für die Besucher oben und hinten auf den beiden Rängen bedeuten, die ich von meinem vorzüglichen Platz in der sechsten Reihe des Parketts aus nicht beurteilen kann.

Zudem steht der Dirigent mit dem Rücken zum Geschehen, so dass vor allem über Gehör und Bildschirme der Kontakt zu den Sängern besteht. Doch nichts wackelt in der Koordination. Hier macht sich die große Routine und Erfahrung von Frank Beermann mit Wagner-Opern bereits seit 2002 in Minden bemerkbar. Auch als musikalischer Chef am Opernhaus Chemnitz von 2007 bis 2016 wuchs er zu einem der „besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit“ (Eleonore Büning 2015)  heran.

 Stadttheater Minden / Siegfried -  hier Oliver Zwarg ist Alberich  © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Der Sänger der Titelpartie des Siegfried Thomas Mohr gab in Minden sein Debüt in dieser Rolle. Während des ersten Aufzugs dieser sechsten und vorletzten Vorstellung des Mindener Siegfried-Marathons bemerkte ich, dass irgend etwas nicht ganz so stimmen kann, wie ich es von den stimmlichen Möglichkeiten diesen immer sehr intelligent und wortdeutlich interpretierenden, äußerst differenziert und strahlend frisch singenden großartigen Wagner-Tenors kenne.

Als Siegmund und Parsifal u.a. an den Opernhäusern von Halle (Saale) und Leipzig konnte ich ihn schon mit glänzenden Erfolgen bei Publikum und Kritik erleben. Und ich gestehe, er war der Hauptgrund meiner Reise zum Stadttheater Minden. Aber die Stimme klang leicht belegt und immer wieder suchte der Sänger im munteren Spiel des ersten Aufzugs mit Mime und am realistisch bedienten Blasbalg am rechten Bühnenrand, im Feilen und Schmieden des Schwertes Nothung am Amboss den Blick zum Dirigenten.Vor dem zweiten Aufzug wurde Thomas Mohr dann angesagt, dass er unter einem jahreszeitlich bedingt starken Infekt leide. Trotz starker Medikamente sei er indisponiert. Doch ab jetzt schien der Druck auf den Sänger genommen. Frei und besonders schön sang der Tenor nun gerade die mir besonders lieben lyrischen Stellen des zweiten Aufzugs,so dass sich  der berühmte Gänsehauteffekt einstellte.

Stadttheater Minden / Siegfried - 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Sichtlich gilt auch dem Charaktertenor Thomas Mohr die besondere Zuneigung diesem, im Vergleich zum ersten Aufzug mit den berüchtigten Schmiedeliedern weniger heroischen zweiten Aufzug voller Naturpoesie. Nur einmal hatte ich eine Schrecksekunde, als die Stimme leicht weg brach. Doch vielleicht war dies auch nur ein Moment der großen emotionalen Rührung, der auch Siegfrieds Monologe in diesem Aufzug ähnlich wie sein Gefühl der großen Einsamkeit und Verlassenheit nachder Ermordung Fafners und Mimes auszeichnet. Hier hat Thomas Mohr seine größten Augenblicke an diesem Abend wie später im Duett mit Brünnhilde.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mohr diese Partie mit enormer Kraft, Konzentration, Differenzierung und Professionalität bis zum Ende dessich ins Hymnische steigernden Schlusses des Liebesduetts mit Brünnhilde gesungen und gestaltet hat. Über den Tenor der Uraufführung zitiert das Programmheft aus den Tagebüchern Cosima Wagners in einer erstaunend lächelnd machenden Parallele: „Siegfried geht gut vonstatten, man will behaupten, daß Herr Betz gar nicht heiser gewesen! Solche Wesen mögen andere ergründen,wir verstehen sie nicht.“

Thomas Mohr ebenbürtig seine Kollegen, unter denen ich zunächst den herausragenden finnischen Tenor Dan Karlström vom Opernhaus Leipzig als Mime nennen muss, der die Rolle nicht nur fein und eherkomisch als hinterlistig oder lächerlich, eher anrührend und als intellektuellen Tüftler denn heimtückisch und blöd spielt und wirklich belcantös singt. Sein Bruder und Schwarz-Alberich Oliver Zwarg hingegen besitzt die ganz große dunkle Dämonie und brutale stimmliche Eruption des sozial Ausgestoßenen und Verachteten. Im Jägerkostüm führt er seinen Nachwuchs Hagen als Jüngling gleich mit sich, um seinen Plänen zum Erwerb der Weltherrschaft durch den Ring und dem Untergang der Lichtalben Götter näher zu kommen. Stimmlich vermag es dieser Sänger mit jedem Ton durch Mark und Bein zu erschüttern. Eine bayreuthwürdige Weltklasse-Leistung!

Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Seinen Gegenspieler Wotan singt der bereits in seinem göttlichen Habitus stark erschütterte Wanderer, den der in dieser Partie auf großen Bühnen (zuletzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe LINK ZU MEINER BESPRECHUNG) bewährte Heldenbariton Renatus Mészár strahlend und mit elegantem stimmlichen Profil auch in seinem im vom Regisseur zugewiesenen Habitus als Clochard verkörpert. Darunter leidet lediglich ab und zu die sprachliche Verständlichkeit.

Über eine erstaunlich deutliche Diktion der Wagner-Sprache verfügen die übrigen Sänger und Sängerinnen  – sogar der Waldvogel der herrlich trällernden und akrobatischen Julia Bauer. Deren Rolle fällt ja leider oft dem reinen Koloraturgesang zum Opfer, obwohl ihre Botschaften an Siegfried doch von großer Bedeutung für seinen künftigen Weg sind. Doch auch in ihrem Fall war Gerd Heinz die Wortverständlichkeit im Detail besonders wichtig. So, wenn Siegfried den zunächst optisch eindrucksvoll durch einen großen, sich ringelnden und aufbäumenden, durch mehrere phosphorisierende Glieder mit darin verborgenen Statisten des Ratsgymnasiums Minden verkörperten Drachen Fafner ersticht. Nachdessen Tode leckt Siegfried das Drachenblut und versteht nun den Gesang des Waldvögleins, das ihn zunächst zum Hort und Ring in der Drachenhöhle und später zur Braut führt. Fafner singt der erfahrene James Moellenhof, das langjährige Mitglied der Oper Leipzig, mit profundem Bass.

Es ist ein großer berührender Augenblick der Inszenierung, wenn Fafner sich im Sterben als Schattenriss aus dem Dunkel wie ein großer Unternehmer des Manchester-kapitalismus erhebt, dann das Licht strahlend auf ihn geworfen wird und wir mit Siegfried erschüttert in ihm den sterbenden Riesenmenschen erkennen (immer wieder bedeutsame,aber nicht aufdringliche Lichtgestaltung: Michael Kohlhagen).

Nachdem Siegfried den Drachen und den sich in seinen Mordabsichten verplappernden Tüftler-Zwerg Mime in einer Art Notwehrexzess aus dem Weg geräumt hat, streckt sich Siegfried unter einer Linde aus. Wirkommen zu einer der schönsten und berührendsten Szenen des Ring. Siegfried spürt das Alleinsein und ersehnt sich durch die Führung des Gesangs des Waldvogels „ein gut Gesell“ herbei. Thomas Mohr gestaltet diese Szene mit wundervoller Hingabe und lyrischer Zärtlichkeit,wie sie auch einem Lied von Franz Schubert anstehen.

Und der Waldvogel antwortet mit den herrlich gedichteten Worten: „Lustig im Leid sing‘ ich von Liebe, wonnig aus Weh‘ web‘ ich mein Lied:nur Sehnende kennen den Sinn.“  Wer denkt hier nicht an Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, die Wagner während der mehrjährigen Unterbrechung ab 1857 an der Komposition von Siegfried schuf.

Zu Beginn des stürmischen dritten Aufzugs weckt der Wanderer-Gott Wotan zunächst die Urmutter Erda herauf (die souveräne Janina Baechle, die mit dieser Rolle u.a. bereits regelmäßig an der Wiener Staatsoper auftritt). Mit Erda hatte Wotan die Tochter Brünnhilde gezeugt. Ihr Göttervater Wotan hatte ihr selber die Göttlichkeit genommen, als er sie zum Ende der Walküre in den Schlaf auf dem von Feuer umbrandeten Felsen bannte und sie dem ersten Furchtlosen bestimmt. Erda zieht sich entsetzt über Wotans Machenschaften zu ewigem Schlafzurück. Wotan trifft anschließend auf den ihn furchtlos verhöhnenden Siegfried, der ihm im Kampf den Speer zerschlägt. Damit ist für Siegfried der Weg frei zum Walkürenfelsen. Dort erblickt erzum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Sie lehrt ihn das Fürchten. Aber nur kurz, denn er küsst sie wach und glaubt in ihr zunächst der Mutter zu begegnen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Brünnhildes Erwachen „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ gestaltet die prächtig aussingende amerikanische Sopranistin Dara Hobbs zu einem strahlend hellen Sonnenhymnus. Dara Hobbs ist eine bereits auf verschiedenen Opernbühnen in den USA und in Deutschland (Frankurt/M., Bonn, Essen, Chemnitz, Regensburg, Bayreuth) erfahrene hochdramatische Sopranistin mit junger stimmlicher Frische u.a. der großen Wagner-Partien Senta, Sieglinde, Isolde und Brünnhilde, die sie nun in allen drei Ring-Opern in Minden und demnächst in Chemnitz verkörpern wird.

Im kammerspielartig intensiven Zusammenspiel mit Thomas Mohr entfalten nun beide stimmlich und darstellerisch die ganze Vielfalt dieses Sich-Näherns und Mißverstehens, des erotischen Neckens, körperlichen Anstachelns und emotionalen Sich-Ergebens, des Verängstigten und des Verschmelzens einer Liebesbegegnung. Auch hier spart Gerd Heinz nicht an Komik der Gesten – einschließlich des Faltens der Hände zum einträchtigen Flehen gen Himmel.

Am Ende großer Beifall und Standing Ovations des teilweise weit angereisten Publikums für alle Sänger, das Orchester, den Dirigenten und die Statisten. Auch die Bühnentechnik leistet Großartiges.

Das Fazit: Der Ring in Minden ist wirklich vor allem ein musikalisches Wunder. Im September 2018 wird eine fesselnde Götterdämmerung zu erwarten sein und 2019 schließlich zweimal die gesamte Tetralogie des Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden aufgeführt werden.

Nicht unerwähnt bleiben muss, last but not least, vor allem da kein Dramaturg der Produktion genannt wird, dass es ein vorzüglich informatives Programmbuch gibt, redaktionell gestaltet von Udo Stephan Köhne und Christian Becker. Es beinhaltet nicht nur das Textbuch, die Namen und Bilder wirklich aller Beteiligten – auch hinter der Bühne – und die üblichen ausführlichen Informationen zu den Künstlern sondern auch eine Chronologie sowie Richard Wagners Briefe zur Entstehungsgeschichte der Oper, ein Gespräch von Udo Stephan Köhne mit dem Regisseur Gerd Heinz und ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte, zur Musik, wie zum Inhalt und Text.

Im Rahmen des Mindener Ring-Zyklus wird vom 3. bis 23.9.2018 Richard Wagners Die Götterdämmerung folgen und 2019 sind im September und Anfang Oktober zwei Ring-Zyklen der Tetralogie geplant. IOCO freut sich, ab jetzt mit verschiedenen Korrespondenten dabei sein zu können und darüber zu berichten.

Wagnerianer und alle Neugierigen, die Wagners spannendes Welt-Musiktheater an vier Abenden ohne große Verfremdungen des Regietheaters kennenlernen wollen, sollten sich die Termine in Minden (3. bis 23.9.2018)  vormerken.

Nach dem Ende der sommerlichen Festspiele in Bayreuth Ende August lässt sich aber auch das Bedürfnis nach einer vorzüglichen musikalischen Interpretation Wagners auf lustvollste Weise im Frühherbst in Minden stillen. Die sängerische Besetzung auf höchstem Niveau, der Ensemblegeist und die herausragende musikalische Leitung von Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie dürften dem „ostwestfälischen Wagner-Wunder“  bereits heute Kultstatus unter Kennern verleihen.

 

Wuppertal, Oper Wuppertal, Surrogate Cities / Götterdämmerung, IOCO Kritik, 19.09.2017

September 22, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Surrogate Cities / Götterdämmerung von Heiner Goebbels

 Ruppig – Glattes Stadtleben: Goebbels, Wagner, Gospel

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal zeigt mit Surrogate Cities / Götterdämmerung innovatives Musiktheater: Es verwebt in dem Stück glattes wie kantiges Alltagsleben einer Stadt mit der Sagenwelt Richard Wagners, um in groovigem Gospel spektakulär zu enden. Stampfende, stoßende Musik von Heiner Goebbels öffnet den Abend, wechselt zu Richard Wagners Götterdämmerung um sich in den lyrisch dramatischen Horatian Songs von Heiner Goebbels überraschend mit packender Synthese aufzulösen.

Trailer der Oper Wuppertal  zu Surrogate Cities

Surrogate Cities hat den ambivalenten Charakter städtischen Lebens zum Thema; neben anregenden Themen auch das, was eine Großstadt mit seinen Widersprüchen nicht bieten kann. Es geht mir … darum, mit der glatten, abweisenden Oberflächlichkeit … auch an tiefere Schichten von Stadtgeschichte zu kommen“, so Heiner Goebbels wenig konkret über sein Werk, welches er mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Lichtgestaltern, Sounddesignern umsetzt. Heiner Goebbels (*1952), Regisseur, Komponist und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, komponierte, produzierte Surrogate Cities 1994, zur 1200 – Jahrfeier Frankfurts. Inzwischen ist Surrogate Cities ist inzwischen ein herausragendes Werk postdramatischer Musik. 2014, zum Ende von Goebbels Amtszeit als Leiter der Ruhrtriennale, fand in Duisburg eine choreographisch-szenische Neuproduktion von Surrogate Cities Ruhr statt. Im Mai 2017 war Surrogate Cities bei den KunstFestSpielen Herrenhausen zu erleben.

Für die Oper Wuppertal verbindet der amerikanische Regisseur Jay Scheib das Werk von Heiner Goebbels mit Musik, Themen und Personen aus dem 3. Akt von Richard Wagners Götterdämmerung. Eine Verbindung, die Goebbels überraschend differenziert sieht: „Mich interessiert an Wagner eher seine Musik und weniger die Narrationen“. Jay Scheib dazu: „Städte geraten außer Kontrolle, werden kurzsichtig … Surrogate Cities verbinde ich mit einem Zustand der Ortslosigkeit … öffnet eine Welt der Spekulation ohne Halt … ist, wie Götterdämmerung, eine Fundgrube für Unterschiede, unangenehme Wahrheiten, Einsamkeit und der Innovation.

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Götterdämmerung – Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Die schwer greifbare Einführung zu Surrogate Cities mag den Besucher noch verunsichern. Faszination, Spannung greift jedoch mit dem Betreten des Zuschauerraumes, mit dem ersten Blick auf die Bühne (Kathrin Wittig). Die Bühne, der Orchestergraben ist hoch gefahren, ist in drei Segmente geteilt: Das große, 80–köpfige Orchester ist geteilt: Vorne die Streicher und zwei Harfen; die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. In der Bühnenmitte, die beiden Orchesterteile trennend, ein fünf Meter breiter Streifen. Hier findet die Handlung statt: Links ein langer, festlich gedeckter Tisch, darunter eine Hochzeitstorte. Offensichtlich hatte eine Hochzeit, ein Fest stattgefunden. Rechts daneben eine kleine Kammer mit Sitzecke, Waschbecken, Dusche, Mikrowelle. Ein kleiner Monitor in der Kammer zeigt während der 2,5 stündige Aufführung in Endlosschleife einen fliegenden Raben. Zwei 10 x 4 Meter große Leinwände über und neben der Bühne kündigen Live-Video-Techniken an. Eine Frau (Hannah Usemann) bewegt sich während der Vorstellung mit großer Kamera auf der Bühne; filmt die Handlung und überträgt sie auf die großen Bildschirme. So pendelt, jagt der Blick des Besucher immer gebannt von Orchester oder Bühne oder Projektionen auf den Leinwänden. Unverstellt von gewohnten Ritualen (Dramaturgie Jana Beckmann).

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Die Festgesellschaft – Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Die gut sichtbaren Musiker wirken modern, sympathisch, werden Teil der Inszenierung, Teil der Festgesellschaft: Männer in gepflegten weißen Dinner-Jackets mit Fliege, Frauen in hellen Abendkleider. Sie beginnen den Surrogate Cities Abend mit stampfender Musik von Heiner Goebbels. Dann die Handlung: Ein Mann in Helm und verschmutzter Motorradkleidung betritt, frustriert, wütend wirkend die Bühne, geht in die kleine Kammer, sein Apartment. Er zieht Helm, Kluft und Kleidung aus, duscht sich, zieht sich wieder an. Dann wäscht er Hemd und Hose, steckt diese in einen Plastikbeutel: setzt vor seiner Kammer Blumen ein, findet dort in einem Schlammhäufchen ein Ring (erster, zarter Bezug zu Wagner), sucht in seinen Schallplatten, legt Rheingold auf. Das Orchester springt kurz von Goebbels Stakkati zum Reingold-Motiv. Eine Stimme: „Wer in einer Stadt lebt, sollte nichts für selbstverständlich nehmen.“ Als um seine Existenz kämpfender Städter wird in so Wuppertal in dunkler Kleidung als Hagen (Lucia Lucas) wahrnehmbar; er nimmt einen Speer von der Wand.. In den benachbarten Festraum „schwebt“ nun in elegantem Abendkleid eine sichtbar von Albträumen geplagt wirkende junge „Lady“, in den benachbarten Festraum. Sie betrachtet ein Schwert welches an der Wand hängt. Dazu die Stimme: „Sie ist gerannt! Warum? Wenn du rennst, siehst du aus wie….!“ Festgäste, Choristen in weißen Anzügen. Trommelwirbel, vielschichtige Klangbilder Heiner Goebbels wie Projektionen machen Frust, seelische Zerrissenheit sichtbar. Die Live-Kamera überträgt Mimik, Sandhäufchen, Frust oder Akteure; wirft alles vergrößert auf die riesigen Leinwände. Städtischer Alltagsfrust wird in lebendiger Dramatik sichtbar.

Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Oper Wupptertal / Surrogate Cities – Götterdämmerun – Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Doch nun wird die Sagenwelt Wagners deutlich: Die Rheintöchter (Woglinde Ralitsa Ralinova, Wellgunde Liliana de Sousa, Floßhilde Arina Lucas) erscheinen als verarmte Stadtbewohner. Mit abgebrochenen Zähnen und in billig wirkender Goldlametta-Kleidung, Zigarette in der Hand, suchen sie den Festraum offensichtlich nach Mitnehmbarem ab, lyrisch verzweifelt singend: „Rheingold! Klares Gold! Wie hell du uns einstens strahlest, hehrer Stern der Tiefe!“ Endgültig mitreißend wird Wagners Götterdämmerung als Siegfried (Ronald Samm, Foto) in der Festgesellschaft von Surrogate Cities ankommt. Siegfried begegnet den Rheintöchtern (Wellgunde Ein goldner Ring ragt dir am Finger..“) mit heldisch starkem Tenor und prächtiger Präsenz packend und durchgehend sicher: „Denn giert ihr nach dem Ring, euch Nickern geb ich ihn nie!“

Götterdämmerung, die Komposition Wagners und ein starkes Ensemble bestimmen nun musikalisch. Johannes Prell führt das Sinfonieorchester Wuppertal in nicht erwartete Sinnlichkeit, gibt ihm und dem Ensemble Raum für Gestaltung und Dramatik. Hagen (Lucia Lucas) mit mächtigem Bariton lebt in seiner Partie: „So singe, Held!“; Siegfried reißt mit, sorgt für Staunen: „Mime hieß ein mürrischer Zwerg, in des Neides Zwang zog er mich auf..“. Das junge Ensemble und Orchester machen Surrogate Cities zu einem in dieser Kraft unerwarteten Stimmfest, alle Partien sind blendend besetzt: Annemarie Kremer als Brünnhilde mit leuchtendem Sopran, Jenna Siladie als Gutrune in wunderbarer Lyrik und Sebastian Campione als Gunther, wenn er mit viel Präsenz auf der Riesenleinwand und gut sitzender Stimme wenigstens etwas Mitgefühl für den sterbenden Siegfried ausdrückt. Siegfried stirbt ermordet unübersehbar auf dem Festtisch. Doch die Festgesellschaft feiert, mit Champagner, in weißen Smoking. Die Live-Kamera zeigt dazu statisch eine umgefallene Kaffeetasse auf der riesigen Leinwand. Die Feiernden interessiert Sterben und Kämpfen nicht; gelangweilt schlendern sie am toten Siegfried vorbei nach draußen.  Pause.

Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cities – Götterdämmerung – Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Surrogate Cities / Götterdämmerung verläuft auch weiterhin faszinierend wie überraschend: Die Rheintöchter töten Wagner-treu Hagen, entreißen ihm den Ring, die letzten zarten Töne der Götterdämmerung erklingen. Die Bühne leert sich, auf der Leinwand die Musiker in ihren weißen Gewändern. Stille, Ende? Das Publikum möchte klatschen, doch, Musik von Heiner Goebbels erklingt wieder. Die amerikanische Soul- und Gospelsängerin Elisabeth King erscheint und singt in coolem Outfit und mächtigem, unter die Haut gehendem Timbre (man glaubt Mahalia Jackson zu hören) die von Heiner Goebbels komponierte Parabel aus der römisch antiken Welt, die Three Horatian Songs. Surrogate Cities schließt in dieser Parabel einen Kreis der zeigt, auch in einem Leben voller Oberflächlichkeit und Unrecht bestehen die universalen ethischen Grundsätze  der Menschheit. Auch wenn man sie nicht immer sieht oder umsetzt.

Surrogate Cities / Götterdämmerung ist eine ungewöhnliche Produktion der Oper Wuppertal. Mut und Können beweist Intendant Berthold Schneider, ein solch komplexes, schwer umsetzbares Stück auf den Spielplan seines Hauses zu setzen. Nicht nur IOCO war begeistert über das von Jay Scheib umgesetzte Werk. Auch das Publikum feierte Surrogate Cities / Götterdämmerung, Inszenierung, Ensemble und Orchester ausgiebig und lautstark.

Surrogate Cities / Götterdämmerung an der Oper Wuppertal: Weitere Vorstellungen 1.10.2017, 14.10.2017

 

Karlsruhe, Badisches Staatstheater, Siegfried: Aus der Rumpelkammer ins Nichts, IOCO Kritik, 31.08.2017

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Badisches Staatstheater Karlsruhe

 

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Siegfried von Richard Wagner

„Aus der Rumpelkammer der Geschichte ins Nichts“

Von Guido Müller

Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat sich beim Schmieden von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen 2017/18 für das neuerdings häufiger gewählte Modell entschieden, die vier Abende vier verschiedenen Regisseuren anzuvertrauen (wie auch beim nächsten Ring in Bayreuth). Auf die Walküre des amerikanischen Regisseurs Yval Sharons und des deutschen Bühnenbildners Sebastian Hannack folgte nun für Siegfried ein isländisch-litauisches Regie- und Bühnenduo.

Siegfried – Trailer des Badischen Staatstheater Karlsruhe

Dem jungen isländischen Schauspielregisseur Thorleifur Örn Arnarsson geht es in seiner szenischen Interpretation vom zweiten Tag des Wagnerschen Bühnenfestspiels nicht nur um eine Rückkehr zu Wagners isländischen Quellen in der Edda und dessen starkem Bezug auf Grimms Kinder- und Hausmärchen, sondern gleichzeitig auch um eine konsequente Umsetzung als Komödie mit teilweise slapstickartigen Elementen. Arnarsson zielt auf eine größtmögliche Entfesselung der Fantasien aller Beteiligten auf, hinter und vor der Bühne, also auch des Publikums und der Kritik. Zugleich sucht er damit auch altes Theater gegen neues postdramatisches zu stellen wie den in der Oper thematisierten Generationenkonflikt zwischen den Jungen (Siegfried und Brünnhilde) und den Alten (Mime, Wotan, Fafner).

In seiner ungewöhnlichen Regie“führung“ überlässt Arnarsson den Sängern nach allgemein gehaltenen Richtungsangaben die ihm von seinem litauischen Bühnenbildner Vytautas Narbutas zur Verfügung gestellten rund 500 Requisiten, aus denen sie ihre Kostümierung und Werkzeuge entnehmen und spielerisch wie multiperspektivisch mit den Objekten ihre Rolle selbst finden. Diese Regiemethode hat den Effekt, dass man unbeholfene Einfälle dann den Sängern in Rollendebüts zuschreiben kann wie die Schmiedebemühungen Jung-Siegfrieds mit Raspel, Feuer, Blasebalg und Amboss, die auch aufgrund unzureichender Requisiten ebenso unbeholfen oder lächerlich wirken, wie in der großen Auseinandersetzung zwischen dem Wanderer und Siegfried im dritten Aufzug das Spritzen des jungen Rüpels mit der wohl aus den Proben übrig gebliebenen Kunststoff-Wasserflasche gegen den Göttervater Wotan als abgehalfterten Alt-Schauspieler. Praktischerweise kann der in dieser Oper besonders geforderte Tenor damit zugleich immer mal wieder einen Schluck Wasser trinken.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner_Erik Fenton als Siegfried_ Matthias Wohlbrecht als Mime © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner Erik Fenton als Siegfried, Matthias Wohlbrecht als Mime © Falk von Traubenberg

Wenn Siegfried seine Bemühungen, den Gesang des Waldvogels zu imitieren statt auf einer Flöte auf einem verstimmten Klavier mit Wagner-Büste produziert, mag das originell wirken, ohne das man nun weiß, wer auf den Einfall gekommen ist. So bleibt das Auge zumindest im ersten Aufzug ständig beschäftigt alleine schon mit den Bemühungen die hunderte Objekte im Halbdunkel der Bühne zu identifizieren.
Hier gestaltet Matthias Wohlbrecht stimmlich, wortverständlich und spielerisch ein packendes und spannendes Portrait des Mime. Er reißt damit im Spiel den zunächst noch stimmökonomisch verhalten, eher lyrisch als heldentenoral, dann mit großer Kondition bis zum Ende immer strahlender singenden Erik Fenton als Siegfried mit. Und selten erlebt man das Frage-Antwort-Spiel zwischen Mime und dem Wanderer/Wotan im ersten Aufzug so spannend.

Ähnlich originell wirkt immer wieder der Einsatz des Schachspiels mit sich selbst beim Wanderer oder dem darstellerisch und gesanglich großartigen Jaco Venter aus dem Hausensemble als Alberich.
Rollenerfahrene Darsteller des Wotan/Wanderer wie der stimmlich mit charaktervoller Durchschlagskraft singende und darstellerisch erstklassige Renatus Meszar haben bei diesem Regiestil einen Vorsprung gegenüber Debütanten wie dem vorzüglich singenden und zunehmend immer deutlicher artikulierenden Gast Erik Fenton als Siegfried und der berückend und höhensicher in jeder Stimmlage zutiefst berührenden Brünnhilde der Heidi Melton. Ebenfalls als Gast in allen drei Brünnhilden im Karlsruher Ring ist sie gesanglich das Ereignis des Abends. Sie glänzte bereits 2016 als Sieglinde bei den Bayreuther Festspielen und später in Hong Kong und hat seitdem die Brünnhilde konzertant in New York und Wien gesungen.

 Die balsamisch schön tönende Katharine Trier als Erda und Avandil Kapsel als Fafner und der höhenstrahlende Waldvogel der Uliana Alexyuk zeugen von der hohen gesanglichen Qualität des Ensembles am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried - Jaco Venter als Alberich, Renatus Meszar als Wanderer / Wotan © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried – Jaco Venter als Alberich, Renatus Meszar als Wanderer / Wotan © Falk von Traubenberg

Der litauisch-isländische Bühnenbildner Vytautas Narbutas stellt der Inszenierung einen stark dominierenden, großen schloßartigen, musealen und oft bedrückend stickig-dunklen Raum mit Dachterrasse und Rundkuppel wie beim Berliner Reichstagsgebäude zur Verfügung. Neben der Bühne befindet sich an der rechten Seite ein kleiner enger Raum als eine Art Leitzentrale mit Bildschirmen für die Manipulationen Wotans und seine Gehilfen, die dort die „Züchtung“ Siegfried wie in der Truman-Show beobachten.

Die gerade in Siegfried sonst bildstark präsente Natur wird hier durch die fantasievoll-bunten Kostümkreationen der Performerin Sunneva Ása Weisshappel repräsentiert, oft durch am Trapez auf- und nieder schwebende tanzende Wesen mit wehenden Schleiern. Im Fall des herabschwebenden Waldvogels und der Raben wirkt das passend, ihr Drachengestell erinnert schon mehr an Geisterbahn. Gerade im zweiten Aufzug und zu Beginn des dritten Aufzugs wirkt die Enge des Museums voll Plunder aber eher drückend auf die Stimmung und erlaubt keine Assoziationen zu freier Natur.
Das ist aber nur konsequent aus Sicht des Regisseurs, für den das ganze Stück bis auf das Ende in einem musealen Käfig der untergehenden Welt Wotans und Mimes spielt. Erst im letzten Aufzug, nachdem Siegfried vom Waldvogel die Partitur der Oper geschenkt bekommt, merkt er, dass er eine Figur in einem Stück ist, das ein Anderer geschrieben hat. Und Siegfried reißt die Papierwände des Museums ein und schiebt kraftvoll die Kulissen an den Rand, um seinen Weg in die Welt, die Freiheit und zu Brünnhilde zu suchen. Dies ist ein großartiger befreiender Moment in dieser Inszenierung.

Leider setzt sich Siegfried dann aber in der Bühnenmitte auf einen Stuhl an einen großen alten Küchentisch, die aus dem Museum übrig geblieben sind. Und in Erstarrung träumt oder sinniert er sich die weitere Handlung herbei, in der er Brünnhildes von Feuer umgürteten Felsen in luftiger Höhe erklimmt, die Braut befreit und zum Leben wach küsst. Diese für mich zu den großartigsten Momenten der Operngeschichte zählende Szene bleibt nun denn aber gänzlich der Musik, seinem Gesang und später einigen peinlich-kitschig wirkenden Bergweltvideos und riesigen weiblichen Kussmündern auf der Videoleinwand im Hintergrund überlassen.
Da fragt man sich, ob die Inszenierung hier ins „Nichts einer Welt ohne Götter, Moral, Gesellschaft, Ideologien, kurz: das Wagnis totaler Freiheit“ führt (Dramaturgie: Boris Kehrmann / Katharina John) oder ob hier die Fantasie des Inszenierungsteams erschöpft war und ganz dem Zuschauer überlassen bleibt.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner, Heide Melton als Brünnhilde © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner, Heide Melton als Brünnhilde © Falk von Traubenberg

Wie eine Dea ex machina taucht dann buchstäblich in letzter Sekunde zu ihrem Gesangseinsatz aus dem Bühnenboden herausfahrend Brünnhilde brustbepanzert mit geflochtenem Haar wie eine Kreuzung aus Heidi von der Alm und traditioneller Walküre mit mütterlichem Touch auf und besingt strahlend schön das Licht der Sonne. Die Sängerin findet dann auch allerlei Brauchbares in den restlichen Museums-Requisiten am vorderen Bühnenrand. Siegfried hingegen scheint nun endlich nach langem Märchentraum gereift und erwachsen geworden. Und nun gibt es Rampensingen wie im Opernmuseum.

Zugleich ist aber glücklich musikalisch der Weg frei für eines der großartigsten Liebesduette nicht nur des Wagnerschen Klangkosmos. Die Stimmen von Erik Fenton und Heidi Melton steigern sich nun gegenseitig auf das Grandioseste. Im Liebes- und Todesrausch zwischen tiefster existentieller Einsamkeit und Angst wie höchster Entrückung und Liebeshoffnung scheinen ihre Stimmen sich im tristanmäßigen Verschmelzen von „leuchtender Liebe und lachendem Tod“ zutiefst ergreifend zu entgrenzen.
Während die Inszenierung insgesamt eher heterogen, teilweise unbeholfen wirkt, verdienen sich die größten Meriten der Aufführung neben den Sängern die vorzügliche Badische Staatskapelle unter der Leitung des GMD Justin Brown.

In größtmöglicher Feindifferenzierung der weit aufgefächerten und oft geradezu kammermusikalisch behandelten Instrumentalstimmen und der sinnlichen Farben und Naturlaute der für Orchester und Dirigenten im Ring besonders anspruchsvollen Siegfried-Partitur wird unter Justin Browns hellwacher Leitung betörend intensiv musiziert. Dabei werden in der Durchsichtigkeit und Struktur Feinheiten deutlich, die bei anderen Dirigenten oft so nicht auffallen. Zugleich werden aber auch bis zum herrlichen Finale die großen Spannungsbögen dieser an dialogischen Konversationen und Auseinandersetzungen besonders reichen Oper gehalten: zwischen Mime und Siegfried, Mime und Wanderer, Mime und Alberich, Siegfried und Waldvogel, Siegfried und Fafner, Wanderer und Erda, Wanderer und Siegfried, Siegfried und Brünnhilde. Damit steht und fällt die Qualität einer Siegfried-Vorstellung.

Der erstklassigen Badischen Staatskapelle unter Justin Brown wäre lediglich eine Verstärkung einiger Instrumentengruppen wie den Harfen zu gönnen, die Orchester wie die Staatskapelle Dresden oder das Gewandhausorchester Leipzig als Weltklasseorchester bei Wagner auszeichnen. Doch ist das ein Detail in Anbetracht einer Spitzenleistung, die vielversprechend in erster Linie von der musikalischen Seite her auf die Fortsetzung mit der Premiere der Götterdämmerung am 15.10.2017 neugierig machen, die Tobias Katzer inszenieren wird, der in Karlsruhe bereits mit Wagners Die Meistersinger von Nürnberg großen Erfolg hatte und der 2019 zu den Bayreuther Festspielen den Tannhäuser auf die Bühne bringen wird. Die kompletten Ring-Zyklen sind für Karlsruhe im März und Mai 2018 angekündigt. Dafür läuft der Vorverkauf bereits.

Siegfried von Richard Wagner: Besuchte Vorstellung im Juli 2017; Nächste Vorstellung am 3.12.2017, 10.5.2018.

 

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