Hamburg, Elbphilharmonie, Mahler Chamber Orchestra – Neue Musik, IOCO Kritik, 13.06.2017

Juni 14, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mahler Chamber Orchestra und Teodor Currentzis 

Spektakulärer Tanz in ferne Welten und meditative Stille

Von Sebastian Koik

Das Mahler Chamber Orchestra ist nach ihrem Besuch im Februar am 7. Juni 2017 zum zweiten Mal in der Elbphilharmonie zu Gast, diesmal ausschließlich mit Neuer Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diesmal unter der Leitung von Teodor Currentzis, der als einer der aufregendsten und gehyptesten Dirigenten der Gegenwart gilt und vom Magazin Opernwelt  zum aktuellen Dirigenten des Jahres gekürt wurde. Als Enfant terrible und Rebell wird er oft bezeichnet, er gilt als radikal und kompromisslos in seinen musikalischen Vorstellungen und ging für ungestörtes Arbeiten nach Perm in die russische Provinz, von der aus er die Bühnen der Welt erobert und gefeierte Aufnahmen einstudiert. Er hat den Ruf eines Musikbesessenen, der auch von seinen Mitstreitern größte Leidenschaft und Nachtschichten fordert.

Teodor Currentzis kommt in Hamburg in extravagantem Gothic-Look mit hautengen Hosen und Stiefeln auf die Bühne – und mit großer Ausstrahlung und Charme. Und alleine seine Performance am Pult ist das Eintrittsgeld wert. Besonders im zweiten Teil des Abends ist es ein spektakulärer und schöner „Tanz“ den er auf der Bühne aufführt. Er tänzelt zur Seite, nach hinten und stößt auch mal wie im Fechtkampf nach vorne. Ohne Taktstock arbeitend, erinnert er beim expressiven Gestikulieren mit seinen Armen an einen Magier beim Rezitieren von Zaubersprüchen. Und der Zauber wirkt. Er bildet eine enge Einheit mit den Musikern, führt mit großer Spannung durch das anspruchsvolle Programm. Currentzis atmet mit dem Chor und dem Orchester. So aktiv und körperlich der Dirigent auch agiert, die Musik, die erklingt, ist über weite Strecken wie eine lange Meditation, ruhig und asketisch, fremd und fern. Ätherisch, verträumt, vergeistigt.

Das Konzert beginnt mit einem knapp vierminütigen Wachmacher von Luciano Berio für ein Blechbläserquintett. Danach ist die Aufmerksamkeit im Saal ganz oben und das Publikum gespannt auf das Kommende.

Es folgt Lux aeterna von Györgi Ligeti, der Chor klingt körperlos, gespenstisch, unheimlich, wie aus einer anderen Welt oder einem Totenreich herübergesungen, auch könnte man sich vorstellen, dass es auf irgendwelchen seltsamen Planeten in den fernsten und dunkelsten Ecken des Weltraums so klingen könnte. Ähnlich dachte auch der Filmemacher Stanley Kubrick und nutze diese Musik neben zwei weiteren Ligeti-Werken für seinen legendären Film 2001: A Space Odyssey. Manchen Musikexperten gefiel das nicht, weil wieder einmal avantgardistische Musik dafür herhalten musste, um Gefahr, Bedrohung oder auch nur Unerklärliches zu signalisieren. Ligeti sah das unkritischer und entspannter, und das obwohl er von Kubrick weder um Erlaubnis für die Verwendung seiner Musik gefragt wurde, noch dafür bezahlt wurde. Obwohl er beim Komponieren nie an kosmische Dinge gedacht habe, fand Ligeti seine Stücke hervorragend platziert und ideal zu Kubricks Weltraumfantasien passend. Den Musikklau bei Ligeti wiederholte Kubrick übrigens bei zwei weiteren seiner filmischen Meisterwerke: bei The Shining und Eyes Wide Shut.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Sophia Burgos und Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Ligetis in 2001: A Space Odyssey eingegangenes Werk gehört dem Typus an, den der Komponist als zugleich „statisch“ und „kontinuierlich fließend“ bezeichnete. Einerseits wirkt die Musik wie Vorgänge, die stark gedehnt und wie in Zeitlupe ablaufen, andererseits verbirgt sich hinter der konstanten atmosphärischen Stimmung und dem unveränderlichen Charakter der Musik eine mikroskopische Welt kleingliedriger Bewegungen. Der Eindruck ist der einer Musik ohne Anfang und Ende, wie einem Ausschnitt aus einem unendlichen Kontinuum. Damit hat Ligeti seine kompositorische Intention hervorragend umgesetzt: „die Schaffung eines illusorischen musikalischen Raumes, indem das, was ursprünglich Bewegung und Zeit war, sich als Unbewegliches und Zeitloses darstellt“. Seine schwebenden Klangfelder und die scheinbare Ereignislosigkeit dieser Musik waren eine kleine Revolution für die Chormusik. Auch heute, 51 Jahre nach ihrer Entstehung hat diese Musik nichts von ihrer fremdartigen Wirkung verloren. Doch auch wenn das anfangs interessant und faszinierend klingt, außer den Fans dieser speziellen Musik, können viele im Publikum offenbar nicht viel damit anfangen, die Unruhe im Publikum ist groß und obwohl vor dem Konzert alle noch gesund schienen, bricht plötzlich das große Husten aus – was bei dieser fragilen Musik den noch nicht ausgestiegenen Zuhörern das Dranbleiben stark erschwert.

Als drittes Stück des Abends steht Lonely Child vom Franco-Kanadier Claude Vivier auf dem Programm, der in Darmstadt und Köln bei Karlheinz Stockhausen studierte. Ursprünglich sollte Barbara Hannigan den Sopran singen, doch leider musste sie nur fünf Tage vor dem Konzert absagen. Die meisten Besucher werden die Besetzungsänderung erst mit Blick ins Programmheft festgestellt haben und zunächst enttäuscht gewesen sein, so wie meine Sitznachbarn, die explizit wegen Barbara Hannigan aus Süddeutschland angereist waren. Stattdessen singt die puertoricanisch-amerikanische Sopranistin Sophia Burgos, die in ihrer Ausbildung wesentliche Impulse von ihrer Mentorin Barbara Hannigan erhielt, sicher auch zum heutigen Programm.

Denn als junge Studentin war die ursprünglich eingeplante Barbara Hannigan fasziniert und beeindruckt von Viviers Musik, aber auch etwas verwirrt. Als sie sich erstmals auf die Aufführung von Lonely Child vorbereitete, suchte sie Marie-Danielle Parent auf, die Sängerin, für die Vivier 30 Jahre zuvor das Stück geschrieben hatte. Im Gespräch erfuhr sie viel über das Lied und den Komponisten. Marie-Danielle Parent charakterisierte Claude Vivier als einen Menschen, der als Komponist die Reinheit eines Kindes hatte und der als Mann mit dem Feuer spielte. Sie betonte, wie wichtig es sei, in diesem Stück mit dem Gesang zwei Seiten zu verkörpern: Die Kinderwelt und die leidenschaftliche und auch verzweifelte Welt der Erwachsenen. Der Text von Lonely Child ist sehr persönlich, stark von Viviers Biografie geprägt: Es ist teils das Wiegenlied einer idealisierten Mutter, teils ein Gebet an die Jungfrau Maria, teils ein Liebeslied, das an den Tadzio, den schönen Knaben aus Thomas Manns Der Tod in Venedig gerichtet ist.

Der Text ist sehr beruhigend und tröstend, soll sicher in den Schlaf führen. Es versichert dem Kind, dass er nicht alleine sein wird, in der Nacht „werden sanfte Feen kommen, um zu tanzen mit dir“, „Schwalben werden deine Schritte führen“. Das Lied entführt in eine Märchenwelt, erzählt von Merlin, Zauberern, Trapezkünstlern, den Sternen, der Fee Carabosse und ihrem Jadepalais sowie der Königin der blauen Morgenstunde. Am Ende heißt es: „Zärtlich werden deine grünen Augen aus den Fetzen alter Geschichten schöpfen, um eine zu schaffen, die wahrhaft die deinige ist …“.  Der Text ist Französisch, unterbrochen von zwei Passagen in einer Fantasiesprache, die Vivier erfand, und sich aus Sprachen ableitet, die er auf seinen Reisen durch Südostasien hörte, wohl vor allem Malaysisch.

Sofort mit den ersten von Sophia Burgos gesungenen Tönen dürfte jegliche Skepsis im Publikum verschwunden sein. Die junge Sopranistin begeistert sofort mit wunderschönem Gesang, der erdenfern klingt und in ein Reich der Träume entführt. Sie berührt mit verzauberter, feenartigen Stimme, glockenhell, klar, intensiv, substanzreich. Souverän, sehr expressiv und dramatisch artikuliert sie die Worte und Laute in der exotischen Fantasiesprache. Auch in tieferen Lagen singt sie gut, allerdings nicht ganz so magisch und berührend wie in mittleren und höheren Registern. Es ist ein Erlebnis, Sophia Burgos zuzuhören, die in den letzten zwei Jahren viele hochgelobte und ausgezeichnete Auftritte hatte und in Hamburg ihren exzellenten Ruf bestätigt. Sie ist am Anfang ihrer Karriere, nach ihrem Master- Abschluss am renommierten Bard College bildet sie sich aktuell weiter fort und macht in Basel einen Master in Zeitgenössischer Musik. Von dieser begnadeten und leidenschaftlichen Sopranistin dürfte in Zukunft noch viel zu hören sein!

Das Orchester spielt die langsam dahinfließende Musik makellos, immer wieder erklingen ungemein effektvolle Glockenschläge, einmal urgewaltige Paukenschläge. Es ist große Spannung in der Komposition und in der Umsetzung.

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Mahler Chamber Orchestra mit Teodor Currentzis © Daniel Dittus

In der zweiten Hälfte ertönt das etwa einstündige Werk Coro von Luciano Berio, über das der Komponist sagt, dass er darin „sehr unterschiedliche volkstümliche Techniken und Klanggesten aus verschiedenen Kulturkreisen präsentiert und gelegentlich kombiniert, ohne Bezug auf bestimmte einzelne Lieder“ zu nehmen. Textliche Grundlage sind Texte und Dichtungen aus indianischen Sprachen, aus Polynesien, Afrika, Lateinamerika, Persien, dem Balkan, Piemont und Venedig. Es sind schöne Zeilen darunter:

Aus Gabun:
Es ist so schwer Ein Lied zu machen
Wünsche erfüllt zu bekommen
Ich gehe oft zu diesem Lied zurück
Ich will es oft wiederholen

Aus Persien:
Komm in meine Nähe
Auch wenn du ein Messer hast
Um mich zu verwunden
Die Nacht ist lang
Zu lang

Von den Sioux-Indianern:
„Gewähre du mir diesen Tag
Jetzt – hier …

Aus Kroatien:
Ich gehe wohin meine Gedanken gehen
Ach, gegen die Liebe kommt nichts an

Innerhalb der Texte aus aller Welt wird in unterschiedlicher Länge immer wieder eine Zeile aus einem Klagetext vom chilenischen Dichter und Schriftsteller Pablo Neruda über die Schrecken der Welt wiederholt und sich auf den Militärputsch gegen Salvador Allende in Chile im Jahre 1973 bezieht: „Kommt und seht das Blut auf den Straßen.“

In der Musik ist große Spannung, sie klingt mal unheimlich, mal bedrohlich und manchmal ertönen sehr vielschichtig unterschiedliche Stile gleichzeitig. Es gibt eine sehr schöne Stelle, in der Sänger und Instrumente nur je einen Ton erzeugen und im Zusammenspiel daraus eine Melodie im Stile kraftvoller Minimal Music entsteht. Ungewöhnlich ist die Anordnung der Musiker, die Sänger und Instrumentalisten sitzen durchmischt nebeneinander, Berio wollte Stimme und Instrument verstärken. Zusammen klingen die Stimmen des Musicaeterna Chores enorm stark und schön. Jeder im Chor hat in diesem Stück auch solistische Aufgaben, immer wieder erheben sich einzelne Sänger und singen allein. Einige von ihnen klingen als Solisten ein wenig dünn, doch viele von ihnen haben eine sehr kraftvolle, klare, substanzreiche Stimme und überzeugen oder begeistern als Solisten. Besonders die griechische Sopranistin Eleni Lydia Stamellou beeindruckt mit einer zauberhaften Performance auf allerhöchstem Niveau und in vollkommener Schönheit. Bei den Herren sticht besonders der Bass Viktor Shapovalov mit einem intensiven und berührenden Solo hervor.

Die Umsetzung von Coro ist bis auf winzige Abstriche bei einigen Gesangs-Solisten auf allerhöchsten Niveau. Das Stück selbst ist für den durchschnittlichen Konzertbesucher aber schon sehr schwere Kost und begeistert nur Liebhaber dieser speziellen Neuen Musik. Auch viele für Neues offene Hörer steigen im Verlauf der sechzig Minuten aus. Die meisten Gesichter sehen gelangweilt aus. Es gibt Besucher, die einschlafen, und nicht wenige aus dem Publikum verlassen während des Stückes den Saal, einige sogar fluchtartig und klettern dafür sogar über Sitze – eine unrühmliche Premiere in der Elbphilharmonie.

Die verbleibenden Zuschauer spenden den wunderbaren Musikern großen Beifall. Fans der Musik jubeln. Und sie erleben als Zugabe Immortal Bach, eine Bearbeitung des Bachchorals Komm, süßer Tod von  Knut Nystedt. Das singt der Musicaeterna Chor absolut grandios, packend und gefühlvoll. Vielleicht wurde das Stück nie schöner gesungen als von diesem Chor in diesem Moment. Danach ist der Applaus so richtig begeistert und es gibt Standing Ovations.

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Berliner Philharmoniker – Anton Bruckner, IOCO Kritik, 13.05.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Berliner Philharmoniker in Elbphilharmonie

 Welklasse-Orchester überwältigt mit Bruckners 8

Von Sebastian Koik

Am 7. Mai 2017 waren die Berliner Philharmoniker, das wohl berühmteste deutsche Orchester erstmals Gast in der inzwischen ebenso berühmten Elbphilharmonie. Das Konzert beginnt mit Surcos einem kurzen Stück von Simon Holt, welches die Berliner Philharmoniker zwei Tage zuvor in der Hauptstadt Berlin uraufführten. Surcos ist eines der kurzen Auftragswerke, die deren scheidender Chefdirigent Simon Rattle selbst liebevoll als »Tapas«, musikalische »Appetithäppchen« bezeichnet. Das Stück dauert nur sechs Minuten, schreitet in dieser Zeit gleichmäßig und zügig voran und gibt der Harfe eine prominentere Rolle. Die Berliner musizieren alles auf den Punkt, mit großer Spannung. Das Stück selbst hinterlässt beim Publikum aber keinen größeren Eindruck, der im Saal anwesende britische Komponist erlebt einen etwas zurückhaltenden Applaus.

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker - Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker – Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Nach dieser kleinen Vorspeise dann das Hauptgericht: Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll, eine der mächtigsten Sinfonien der Musikgeschichte: Monumental in Besetzung, Lautstärke und Dauer. Ein Hören dieser gewaltigen Musik würde einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Schöpfer erwarten lassen. Doch Anton Bruckner war ein sehr unsicherer, zaudernder Komponist, von seiner Arbeit oft nicht überzeugt und durch Meinungen anderer leicht aus der Bahn zu werfen.

1887 hatte Bruckner nach dreijähriger Arbeit seine 8. Sinfonie abgeschlossen und zeigte sie dem Münchner Hofkapellmeister Hermann Levi. Dieser, eigentlich ein Freund seiner Musik, kritisierte das neue Werk stark. Zweieinhalb Jahre rang Bruckner mit einer Neufassung und ließ kaum einen Takt der ersten drei Sätze unverändert. Vor einer Aufführung stellt sich bei den starken Unterschieden der beiden Fassungen die Frage, welcher man den Vorzug gibt. Was hat mehr Gültigkeit, die ursprüngliche Intention des Komponisten oder die letzte Version?

Am häufigsten aufgeführt wird die zweite Fassung Bruckners von 1890. Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker entschieden sich für eine dritte Version, die der österreichische Musikwissenschaftler und Dirigent Robert Haas im Jahre 1939 anfertigte. Haas hatte mit sich hierbei vorgenommen aus der zweiten Fassung Bruckners jene Änderungen herauszufiltern, die dieser nicht aus eigenem Antrieb, sondern unter dem Einfluss seines Umfelds vorgenommen hatte. Er versuchte, den Ausdruckswillen Bruckners freizulegen ohne ihm das Recht auf Meinungsäußerung zu nehmen.

Und dann beginnt das Spektakel! Bruckners Komposition geizt nicht mit Reizen, ist voller Schönheit und Kraft. Das ist Musik, die sehr viel Spaß macht! Die Berliner Philharmoniker machen ihrem herausragenden Ruf alle Ehre: Besser kann man das nicht spielen! Es ist ein perfekter Vortrag. Die vielen Instrumentalisten spielen mit größter Präzision und Musikalität alles auf den Punkt. Mit großer Spannung in der Musik und Sensibilität für Dramatik werfen sie sich furchtlos in laute Passagen und spielen mit feinster Zärtlichkeit in den leiseren Stellen.

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker - Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker – Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Im zweiten Satz gibt Rattle ein minimal suboptimales Tempo vor, man wünscht sich einen Hauch mehr Spritzigkeit. Der Rest der knapp eineinhalb Stunden sind Musizieren in absoluter Perfektion! Von allen Instrumentengruppen, jedem einzelnen Musiker. Bin ins kleinste Detail wie einem superpräzisen Paukisten, der sich anders als manche seiner Kollegen in anderen Orchestern keine Spur scheut so richtig draufzuhauen. Die Berliner Philharmoniker strahlen in jedem Moment extrem viel Souveränität aus und ihre enorme Konzentration ist fast greifbar.

Der Applaus zu Schluss ist schon groß, doch wer häufig Konzerte besucht, erkennt, dass er in seiner Intensität deutlich geringer ist, als es die sensationelle Leistung des Orchesters verdient hätte. Vielleicht erscheinen die Berliner Philharmoniker manchen Zuhörern zu übermenschlich, zu perfekt, um sie so richtig sympathisch zu finden. – Vielleicht sind viele der Zuschauer aber auch noch zu überwältigt und ein wenig sprachlos von der vollkommenen Intensitäts-Orgie, die sie gerade erlebten.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Mariza – Die Welt des Fado, IOCO Kritik, 22.04.2017

April 22, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mariza:   Fado – In der Elbphilharmonie

„Von 0 auf 100 in einer Silbe“

Von Sebastian Koik

Am Abend des 15.4.2017 ist Hamburg und nicht Lissabon Welthauptstadt des Fado. Mariza, die gegenwärtig berühmteste und erfolgreichste Vertreterin dieser portugiesischen Weltschmerz-Musik ist zu Gast in der Elbphilharmonie. Aufgewachsen ist sie im Mouraria-Viertel in Lissabon, der Wiege des Fado. Vor rund 200 Jahren entstand dort dieses Genre durch heimgekehrte Seeleute, die ihre mitgebrachten Einflüsse vor allem aus Brasilien, aber auch anderen Teilen der Welt mit der portugiesischen Gefühlslage vermischten. Fado-Lieder handeln meist von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, vergangenen Zeiten oder der Sehnsucht nach besseren Zeiten –  und vor allem von der saudade, der portugiesischen Form des Weltschmerzes. Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“, „Fernweh“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Mariza hat diese Musik schon als Kleinkind aufgesogen. Sie sang schon als Kleinkind für die Gäste im Restaurant der Eltern. Als Teenagerin interessierte sie sich für andere Musikstile und erst mit Mitte 20 wendete sie sich wieder dem Fado zu und wurde in sehr kurzer Zeit sehr erfolgreich.

Das Konzert beginnt Mariza A capella mit einem sehr, sehr leidenschaftlich gesungenen Fado. Und schon nach Sekunden hat ihre Stimme das große Rund der Elbphilharmonie erobert. Dann kommen die Gitarren dazu, in der klassischen Besetzung des Genres: eine klassische Gitarre, eine portugiesische Gitarre und einem Bass. Besonders die beiden Gitarristen José Manuel Neto und Pedro Jóica begeistern den ganzen Abend über mit virtuosem und musikalischem Spiel. Die ersten Stücke des Abends sind alles traditionelle Fado-Stücke und Mariza trägt sie mit einer gewaltigen Gefühlsintensität in der Stimme vor. Für das Publikum ist es ein Bad in ganz großen Gefühlen.

Bei ihrem Lieblings-Fado „Primavera“ vermag die schöne Portugiesin mit ihrer ausdrucksstarken Stimme ganz besonders zu rühren und sogar zu erschüttern. Es ist ein Stück von Amália Rodrigues, Portugals 1999 verstorbenen größten Sängerin aller Zeiten und der Liedtext ist ein schönes Beispiel für die Inhalte der bewegenden Musik:

„Frühling“

„All die Liebe, die uns verband, als wäre sie aus Wachs, ward zerbrochen und zerstört.
Oh weh, verhängnisvoller Frühling, wär‘ ich nur, wär’n wir nur an diesem Tag verschieden.
Und so weit ward ich gestraft weinend nur mit mir zu leben, welch ein Leben, ohne dich.
Dabei jedoch nicht zu vergessen, was ich einst mit dir besessen und an jenem Tag verlor.
Hart ist das Brot der Einsamkeit, ist nur das, was wir bekommen, and’re Nahrung ist genommen.
Was zählt schon, ob das Herz ja sagt oder nein, wenn das Leben weiter geht.
Die ganze Liebe, die uns verband, ward zerbrochen und zerstört, in Entsetzen umgewandelt.
Keiner spreche mir vom Frühling, wär‘ doch nur an diesem Tag für uns des Lebens Schluss gewesen.“

Und dieser große Schmerz und die Sehnsucht kommen auch ohne den Text rüber, werden allein durch den gefühlsintensiven Gesang vermittelt.

Nach diesem intensiven Lied kommt ein Schlagzeuger dazu. Mariza bringt Stücke ihres neuen Albums Mundo, in dem sie sich vom Fado löst und von südamerikanischen Rhythmen geprägte Popmusik präsentiert. Die Musik hat nicht die Kraft, Gefühlstiefe, Intensität und Leidenschaft des Fado. Die Stücke sind schwächer, das Instrumentale wirkt oft recht beliebig, doch Mariza macht mit oft Fado-artigem Gesang auch diese Stücke zu etwas Nettem und manchmal dann doch auch Besonderem. Marizas Stimme kann jeder Musik Zauber verleihen und je mehr sie mit ihrer Fado-Intensität singt desto besser wird die Musik.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Dann singt sie mit Meu Fado Meu einen ihrer eigenen Fado-Klassiker. Und das wird dann wieder zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Es ist fast unglaublich, mit welcher Dynamik Mariza Fado singt: Von einer Silbe auf die andere kann sie von hauchzart leise zu extrem gefühlsgeladen und sehr laut wechseln. Sie vollbringt mit scheinbar größter Selbstverständlichkeit gewaltigste Intervallsprünge in Tonhöhe, Lautstärke und Intensität. Dann kommt leider wieder das Schlagzeug dazu und aus Fado-Zauber wird wieder belangloserer Fado-Pop.

Als vorletztes Stück des Abends zeigt Mariza mit einem traditionellen Fado noch einmal ihre große Stärke: Sie kann innerhalb eines Momentes den Charakter und die Stimmung der Musik komplett ändern. Sie lässt innerhalb lange sehr langsamen Gesanges wie aus dem Nichts und ganz ohne Anlauf eine extrem gefühlsintensive Tsunami-Welle auf das Publikum los. Markerschütternd. In Momenten wie diesen kann man sich oft kaum beherrschen und fängt von Gefühlen übermannt fast an zu weinen.

Am Ende gibt es zwei Mal Standing Ovations von fast dem kompletten Saal und ohrenbetäubenden Applaus und Jubel für die Gefühls- und Charme-Offensive von Mariza.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Philharmonisches Staatsorchester – Strauss, Korngold, Dvorak, IOCO Kritik, 31.03.2017

März 31, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

 Don Juan  von Richard Strauss, Korngold…

Philharmonisches Staatsorchester  und Lorenzo Vietti begeistern

Von Sebastian Koik

 Richard Strauss rechts und Hugo von Hofmannsthal um 1915

Richard Strauss rechts und Hugo von Hofmannsthal um 1915

Das Konzert des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg am 26.3.2017 in der Elbphilharmonie beginnt mit der Tondichtung Don Juan, dem Versdrama von Nikolaus Lenau symphonisch nachempfunden. Mit Don Juan gelang dem erst 25-jährigen Hofkapellmeister Richard Strauss (1864 – 1949) 1889 in Weimar der Durchbruch als Komponist; mit Don Juan hatte er zu seinem eigenen Stil gefunden.

Angeleitet wird das Orchester vom jungen Schweizer Dirigenten Lorenzo Vietti, der für den im Oktober 2016 im hohen Alter von 92 Jahren verstorbenen Sir Neville Marriner einsprang. Im Jahr 2016 leitete Vietti öfter als Vertretung renommierte Klangkörper wie beispielsweise das Royal Concertgebouw-Orchester so gut, dass er jetzt auch von vornherein für große Häuser wie die Staatskapelle Dresden engagiert wird.

Und dieser junge Vietti beginnt das Konzert furios! Extrem expressiv, überaus energisch gestikulierend und sich regelrecht in die Musik werfend treibt er das Orchester zu Höchstleistungen an. Einen solch wilden Tanz eines Dirigenten habe ich noch nicht erlebt. Und das sieht nicht nur spektakulär aus, sondern ist auch hoch wirksam: Vom ersten Ton an spielt das Orchester mit größtem Feuer und Leidenschaft. Spritzig, hochpräzise und mit großer musikalischer Spannung. Das Orchester bringt einerseits eine gewaltige Energie auf die Bühne und trifft trifft andererseits auch die zärtlich-sanften Töne ganz exzellent. Der erste Satz ist eine so gut wie perfekte Vorstellung, besser kann man diese großartige Musik kaum spielen! Das macht enormen Spaß und ist eine weitere Sternstunde im neuen Hamburger Musiktempel.

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Nach diesem wilden Ritt spielt das Orchester als zweites Stück Antonín Dvoráks Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104. Das Konzert schrieb Dvorák zwar in Amerika, doch es sollte keine „amerikanische“ Musik werden wie seine Symphonie aus der Neuen Welt, sondern ist geprägt von seiner übergroß gewordenen Sehnsucht nach seiner Heimat in Böhmen, in die er dann nach drei Jahren in Amerika im Jahre 1995 zurückkehren sollte. Auch dieses zweite Stück beginnt das Orchester mit viel Leidenschaft und großer musikalischer Spannung. Den Solo-Part spielt der vielfach ausgezeichnete Julian Steckel mit flinken Fingern und großer Präzision. Vietti dirigiert nicht mehr so unfassbar energisch wie beim Don Juan im vorigen Stück und die Musik könnte auch eine Winzigkeit schneidiger und spritziger gespielt werden.

Auch den langsam-leisen zweiten Satz spielen Orchester und Solist sehr, sehr gut, können aber nicht mehr das mitreißende Feuer vom ersten Stück des Abends entfachen. – Dass in der Elbphilharmonie regelmäßig das Gruppenhusten zelebriert wird, sehr oft zwischen den Sätzen geklatscht und während des Konzerts fotografiert wird ist man inzwischen gewohnt und hofft einerseits auf bessere allgemeine Gesundheit des Publikums und einen Lerneffekt bei den Besuchern, doch als mitten in diesem leisen Satz plötzlich ein Baby zu schreien anfängt, ist man dann doch überrascht. Glücklicherweise verlässt die Mutter mir ihrem Kind zügig den Saal.

Glänzender Höhepunkt des dritten Satzes ist das exzellente und begeisternde solistische Geigenspiel des Konzertmeisters Konradin Seitzer! Der ebenfalls sehr gute, aber über weite Strecken nicht wirklich packende Schlusssatz endet mit einem sehr schönen Finale. Als Zugabe vor der Pause spielt Julian Steckel den Marsch Musik für Kinder von Sergej Prokofjew.

Hamburg und die Elbphilharmonie © Michael Zapf

Hamburg und die Elbphilharmonie © Michael Zapf

Als drittes Stück des Programms gibt das Philharmonische Staatsorchester Erich Wolfgang Korngolds Sinfonietta H-Dur op. 5. Korngold war musikalisch frühreif, galt als Genie und Phänomen und versetzte schon als Kind Größen wie Gustav Mahler und Richard Strauss mit seinen Kompositionen in Erstaunen. Die Sinfonietta op. 5 verfasste er als Vierzehnjähriger. Sowohl mit diesem Stück als auch mit mehreren Uraufführungen feierte Korngold große Erfolge in Hamburg. Einen Teil der frühen Bewunderung verdankte Korngold allerdings sicher seinem jungen Alter. Vielleicht nicht ganz ohne Grund gab es bis zum heutigen Abend fast 100 Jahre lang keine symphonische Darbietung dieses Stückes in Hamburg. Auch werden keine Aufnahmen des Stückes angeboten. Die Komposition vermag mich über den Großteil der Spielzeit kaum zu berühren und mitzunehmen. Das Orchester spielt gut. Der Konzertmeister hat im 5. Satz ein paar sehr schöne Solo-Passagen, in denen er wieder zu begeistern weiß. Wirklich sehr gelungen finde ich dann aber das Finale, in welchem das Orchester das Publikum mit enorm viel Kraft und herrlich schönem Spiel berauscht.

 

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