Münster, Theater Münster, La Revolution #1 – Wir schaffen das schon, IOCO Kritik, 03.05.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Nation als tragischer Held und Opfer

Die Französische Revolution spannend im Theater Münster

VON HANNS BUTTERHOF

Ein Hauch von Schulfernsehen weht durch Münsters Großes Haus. Auf dem Stundenplan in Geschichte steht die Französische Revolution von 1789 mit Jo Pommerats aktuellem Erfolgsstück La Revolution #1 – Wir schaffen das schon. Stefan Otteni hat es spannend inszeniert und zeigt viel aktuell Wiedererkennbares. Aber die Nation an Stelle eines tragischen Helden ist zu abstrakt, um zu berühren.

 Theater Muenster / La Revolution - Noch glauben die konservativen Kraefte, sie schaffen das schon © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Noch glauben die konservativen Kraefte, sie schaffen das schon © Oliver Berg

Otteni und seine Ausstatter haben sich viel einfallen lassen, um die Aktualität des Stücks deutlich zu machen. Die Einheitsbühne Peter Sciors ist einen moderner, mit hellem Holz getäfelter Parlamentssaal, in dem die Abgeordneten diskutieren – die Damen im Kostüm, die Herren im Anzug (Kostüme: Sonja Albartus). Die Redner treten aus dem Zuschauerraum auf, aus dem mitunter zustimmende oder empörte Zwischenrufe erklingen. Und eine Rampe führt durchs gesamte Parkett, von der die Zuschauer direkt angesprochen werden, als wären sie als Abgeordnete dabei, und die Sprache in Isabelle Rivoals Übersetzung ist unbedingt heutig. Der jeweilige Schauplatz, das Versailler Schloss, die National- oder eine Bürgerversammlung in Paris, wird durch eine Leuchtschrift angezeigt.

Theater Muenster / La Revolution - Enttäuschte Bürger greifen zu den Waffen © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Enttäuschte Bürger greifen zu den Waffen © Oliver Berg

Die berühmten Namen der Revolution fehlen, es treten typisierte Charaktermasken auf. Als die engstirnigen, letztlich hilflosen Konservativen treten der überhebliche Adel, der bornierte Klerus und das aufgeblasene Militär auf. Auf Seiten der Bürger finden sich der vorsichtige Reformer (Christian Bo Salle), der später Opfer der radikalisierten Bürger werden wird, der ehrgeizige Opportunist (Daniel Rothaug), der an der Basis in Jeans für sich wirbt, aber darunter schon den Anzug für höhere Aufgaben trägt, und die Radikale (Carola von Seckendorff), die auch die Gewalt des Mobs als Gegengewalt rechtfertigt – und alle sind von hohem Wiedererkennungswert.

Historisch eindeutige Kontur und persönlichen Ausdruck gewinnen nur der passive, schwankende König Ludwig XVI. (Hubertus Hartmann) und seine von allem genervte Frau Marie Antoinette (Regine Andratschke). Premierminister Müller (Ilja Harjes), der seinem Chef beflissen den Teppich ausrollt, ist der Unglückliche, der weiß, was notwendig wäre. Aber er kann die Ereignisse nicht mehr aufhalten, die sich wie eigengesetzlich rasch von der Reformation hin zur Revolution entwickeln.

Theater Muenster / La Revolution - Dem Koenigspaar sind die Zuegel entglitten © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Dem Koenigspaar sind die Zuegel entglitten © Oliver Berg

Die Bewegung geht von der Basis aus. Das erst schüchterne Engagement der Bürger wandelt sich, der Enttäuschung folgt mit dem Hunger die Verbitterung, Bewaffnung ist der nächste Schritt. Der Terror kündigt sich an, zunehmend sind Explosionen zu hören. Aber der Ablauf des Geschehens folgt keinem Plan, ihr tragischer Held und Opfer ist die abstrakte Nation. Das ist spannend zu sehen, berührt aber nicht; die Aktions- und Spielenergie der Schauspieler steht in keinem Verhältnis zum Erfahrungsgewinn. Höchstens der deutsche Titel „Wir schaffen das schon“ wirkt da wie eine bittere Prognose zu den aktuellen Hoffnungen, unsere aktuellen Krisen steuern und bewältigen zu können.

Nach fast vier informativen Stunden großer Beifall des Premierenpublikums für das engagierte Spiel des Ensembles und das Regieteam.

Theater Münster, La Revolution #1 – Wir schaffen das schon:  Die nächsten Termine:  11.5., 19.5. und 31.5. jeweils um 19.00 Uhr, am 28.5. um 15.00 Uhr.

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Münster, Theater Münster, Romeo und Julia von Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 09.11.2016

November 9, 2016 by  
Filed under Ballett, Kritiken, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Kein Gott steht den Liebenden bei

Tanztheater: Hans Henning Paars pessimistische Version von „Romeo und Julia“ begeistert

von  HANNS BUTTERHOF

Theater Münster / Romeo und Julia © Oliver Berg

Theater Münster / Romeo und Julia © Oliver Berg

Am Anfang steht ein eindrucksvolles Bild der Vergeblichkeit. Zeitlupenartig verlangsamt rennt Keelan Whitmore als Pater Lorenzo auf der Stelle. Er wird nicht rechtzeitig ankommen, um das Unheil aufhalten zu können, das über Hans Henning Paars pessimistischer Version des Ballettklassikers „Romeo und Julia“ am Großen Haus des Theaters Münster liegt.

Paar erzählt die Shakespeare-Tragödie der beiden Liebenden aus den verfeindeten Familien der Capulets und Montagues zur life gespielten Musik Sergej Prokofjews schnörkellos in klaren Bildern als fulminantes Handlungs-Tanztheater. In dynamischen Ensembleszenen kämpfen die jungen Männer der beiden Parteien athletisch mit Kampfsportgesten und wirbelnden Pirouettenflügen miteinander. Und zur schleppenden, düster grundierten Musik des Maskenballs bei den Capulets tanzt das von Anna Siegrot phantasievoll kostümierte Ensemble wunderbar zeremoniell einen grausigen Totentanz.

Einzelne Figuren sind klar konturiert wie der Mercutio Alessio Sannas, ein witzig eleganter Draufgänger mit tollen Sprüngen, oder der kantige, engherzige Kraftprotz Tybalt (Adam Dembczynski), der Mercutio im gnadenlosen Kampf tötet. Ihn rächt der erst noch versöhnungswillige Romeo in hemmungslos aufflammender, brutaler Wut.

Der Romeo Mirko De Campis ist anfangs ein noch etwas verspielter junger Mann. Erst himmelt er oberflächlich eine  Video-Schönheit an. Dann aber umflattert er auf dem Maskenball verliebt die kleine weiße Elfe, von der er noch nicht weiß, dass sie Julia ist.

Theater Münster / Romeo und Julia auf dem Maskenball © Oliver Berg

Theater Münster / Romeo und Julia auf dem Maskenball © Oliver Berg

Was offenbar beide anzieht, ist ihr Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Romeo gehört als Montague sowieso nicht auf einen Ball der Capulets, und aufmüpfig hatte sich Julia (Maria Bayarri Pérez) schon vorher anhaltend ihrer Kostümierung verweigert. Sie will nicht so angepasst sein wie ihre überdrehte Mutter, die Elizabeth Towles völlig extrovertiert und beständig an ihrer Figur herumkorrigierend sehenswert karikiert.

Ganz in sich gekehrt tanzen dann De Campi und Maria Bayarri Pérez ihre Liebesszene losgelöst und vertrauensvoll, bevor es es in schnellen Schritten auf das tragische Ende zugeht.

Wie Stefan Veselka mit dem Sinfonieorchester Münster in der mitreißenden Musik Prokofjews,  so unterstreicht Paar die Unausweichlichkeit dies unheilvollen Endes durch die bedrohliche, wie mit rostigen Schleusentoren umbaute Einheitsbühne Anna Siegrots. In dieser Welt, für die sich wohl Gott in Gestalt eines von Paar hinzuerfundenen Bühnenarbeiters (Tomasz Zwoniak) nicht interessiert, haben Individualität und Liebe keine Chance. Der wohlmeinende Pater Lorenzo wird immer zu spät kommen. Von Hanns Butterhof

Theater Münster, Tanztheater Romeo und Julia: Die nächsten Termine: 11.11. und 16.12., jeweils 19.30 Uhr, am 26. und 31.12.2016 um 19.00 Uhr.

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