Lübeck, Theater Lübeck, Musical-Star Gitte Haenning im Gespräch, IOCO Aktuell, 30.12.2017

Dezember 30, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 Gitte Haenning  „JAZZ IST MEINE GROSSE AFFINITÄT“

Gitte Haenning ist Norma Desmond, Hauptdarstellerin, in Sunset Boulevard, dem Musical von Andrew Lloyd Webber. Rolf Brunckhorst (RB) sprach mit dem populären Musical-Star im Theater Lübeck

Gleich zu Beginn spricht Gitte über das Theater, zitiert Brecht und Schiller, die das Theater als Lehranstalt verstanden. „Wenn man es im Theater schafft, dann schafft man es auch besser im Leben. Shakespeare hat gesagt: „The world is a stage and the stage is the world“. Das Theater kann allerdings auch böse, unangenehm, psychopathisch und pervers sein. Ich gehe gern ins Theater, bin aber kein Fan von modernem Regietheater, wobei ich hier in Deutschland gutes Regietheater erleben kann. Manchmal fliege ich nach Kopenhagen, um zu sehen, wie dort der Stand ist;  z.B. habe ich dort vor vier Jahren einen Hamlet gesehen, der sehr gelobt wurde, aber ich fand es schlecht, es gab darin gute Protagonisten, aber der Hamlet war schlecht und die Mutter war auch schlecht. Ich versuche, den Stand in Deutschland und Dänemark zu vergleichen, deshalb sah ich mir in Kopenhagen auch den Woyzeck an, ein Freund spielte mit und war sehr unzufrieden mit dem Regisseur, der schlecht gelaunt und noch im Jet-lag war, von unten ins Mikrofon rülpste und nicht bereit war, mit den Schauspielern über das Regiekonzept zu diskutieren, er war der Ansicht, ‘die Schauspieler haben das zu tun was ich sage‘. Und das ist eben die harte Seite des Berufs. Das Theater kann eine Heilanstalt sein, aber auch eine Irrenanstalt, es zeigt das Leben.“

Sunset Boulevard am Theater Lübeck – Mit Gitte Haenning

Gitte führt eine Mitarbeiterin im Theater an, die erzählte, jeden Abend ins Theater gehen zu müssen, ohne das Theater nicht leben zu können. Rolf Brunckhorst führte ein weiteres Beispiel für die soziale Verantwortung des Theaters an: Viele Opernfans, die vor Jahren noch an der Theaterkasse stundenlang Schlange standen, um Premierenkarten zu bekommen, sind nun frustriert, weil es die meisten Karten nun online zu kaufen gilt, und online kann man keine Menschen treffen. Nach einleitenden Gedanken kam das Gespräch auf die aktuelle Internet-Kultur. Gitte steht dieser ganzen Internet-Kultur skeptisch gegenüber, sie nutzt z.B. Facebook nicht selbst, das machen andere für sie, aber sie ist dennoch erstaunt über die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Nun wenden wir uns dem eigentlichen Anlaß unseres Gespräches zu, ihrer Rolle der Norma Desmond. „Ich habe sofort Nein gesagt, als das Angebot kam. Ich habe Schwierigkeiten, deutsche Texte zu lernen und sagte ihnen, sie seien nicht gut bedient mit mir. In meinen eigenen Konzerten habe ich Textbücher, und hier in Lübeck sagten sie, sie würden mir Monitore aufstellen, und das haben sie dann auch gemacht. Ich dachte, okay, let’s give it a try, denn das Theater ist ja eine Lehranstalt, und ich trage ein großes Drama in mir, ähnlich wie meine Schwester, und auch meine Mutter wäre eine großartige Schauspielerin gewesen, aber sie hat sich geopfert für die Familie. Mein Vater fühlte sich berufen, Liedermacher zu werden, er war eigentlich Silberschmied. Ich selbst wurde in die Musikbranche fast hineingezwungen, daher habe ich eine etwas ambivalente Auffassung vom Showbusiness. Ich bin eigentlich eher introvertiert, scheu, und ich muß längeren Zulauf haben, ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und sofort sagt: „Yes“. Aber Lübeck hatte mich angesprochen, sie wollten unbedingt mich“. Rolf Brunckhorst erinnert sich, wie sehr er sich gefreut hatte, als er von dieser Besetzung erfuhr: Sunset Boulevard und dann noch mit Gitte !

 Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte Haenning im Gespraech mit Rolf Brunckhorst © Patrik Klein

Gitte zu Sunset Boulevard: Es ist ein gelungenes Webber-Musical, ich bin eigentlich kein Fan von Webber, aber ich mag Jesus Christ Superstar, Cats und eben auch dieses. Ich hatte Tell me on a Sunday gemacht und dafür sogar einen Preis bekommen, danach mochte ich es auch, aber am Anfang fand ich es nicht so toll. Ich mag Stephen Sondheim lieber, z.B. Gypsy oder Sunday in the Park with George. Sondheim schreibt Musik und Libretto, beides, und es ist rund für mich. Hier bei Lloyd-Webber ist es selten rund, furchtbar eckig, nicht sehr jazzy, aber ab und zu gibt es ein paar jazzige Einlagen, z.B. bei Betty Schafers kleinem Solo im 1. Akt“. RB ergänzt, daß wohl die gesamte Filmmusik durch den Jazz geprägt sei, worauf Gitte erwidert: „Ohne Jazz geht gar nichts, Jazz ist meine große Affinität. Ich hatte so viele Jazz-Erlebnisse als Teenager in Kopenhagen mit großen Jazz-Musikern. Bei seinem eigenen Musikgeschmack muß man seinem Herzen oder seinem Bauch folgen.“ Aber zurück zu Lloyd-Webber: „ Wie gesagt hatte ich einen Preis bekommen für „Bleib noch bis zum Sonntag“, und er wollte, daß ich dieses Stück überall in Europa mache, z.B. auch in Amsterdam und in Skandinavien. Ich hatte Lloyd-Webber in meiner Fernsehshow und er machte wieder einen Anlauf, mich für dieses Projekt zu gewinnen, aber ich hatte den Eindruck, daß er das Musical noch gar nicht fertig geschrieben hatte. Jedenfalls hatte er für seinen Bruder im ersten Akt ein langes Cello-Solo komponiert und ich hatte keine Lust, so lange auf meinen Auftritt zu warten, und am Ende sollte ich noch ein Duett mit seinem Bruder singen. Ich hatte keine Lust und habe dann Angelika Milster dafür empfohlen (sie lacht), die übrigens auch die Norma Desmond singt, in Gera.“

Auf die Frage nach Zukunftsplänen antwortet Gitte:  „Ich bin mit meiner Band ausgebucht, aber ich habe die Vision von einem Musical sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meine Freunde Rolf Kühn und Katrin Briegel schreiben es und es wäre eine tolle Rolle für mich.“ RB  schlägt als weitere mögliche Rolle für Gitte die Schankwirtin in Le Misérables vor: „Nein, das mag ich nicht, das ist mir zu sentimental. Mein Schwager ist auch ganz begeistert von Les Misérables, aber er ist ein alter Kommunist gewesen und er hat diese romantischen Träume von arm und reich. Nein, für mich wäre das nichts, aber ich kenne andere süße Schauspielerinnen, die in dieser Rolle Erfolg haben würden“.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard - hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard – hier Schlussapplaus mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Auf die Frage, ob es möglicherweise ein weiteres Angebot aus Lübeck gäbe, antwortet Gitte: „Nein, darüber habe ich auch noch nicht nachgedacht, und anderes ist mir im Moment wichtiger, und ich denke auch, wichtig ist es, daß „Sunset Boulevard“ hier weiterhin ein Erfolg ist mit sehr viel Qualität. Das Ensemble hier ist wunderbar und ich habe mich sofort wohl gefühlt mit diesen Kollegen, mit Steffen Kubach habe ich mich von Beginn an gut verstanden, und er ist bezaubernd  in seiner Rolle. Rasmus Borkowski und ich haben sehr viel Spaß, er ist ein wunderbar authentischer Darsteller mit so viel Wärme. Und er will vor allem kein typisches Musical-Produkt sein, er nimmt die Schauspielerei sehr ernst.“ R.B.  unterbricht und sagt: „Das habe ich gemerkt, als er zu Norma sagt: Ich wollte Dir nie weh tun.“ Gitte fährt fort: „Ja, wir haben bei den Proben oft zu ihm gesagt, Du mußt etwas böser werden. Er sieht so liebend aus mit so viel Tiefe“. „Es ist ein Abgrund für ihn, einerseits so fies zu sein, aber doch nicht allzu fies.“ Gitte: „Genau das ist es, das macht er gut, das kriegt er alles hin, und es freut mich sehr, daß Sie das sagen. – Ich werde hier getragen vom Chor, der Chor zeigt  viel Herzenswärme, auch die Arbeiter auf den Bühne geben alles für mich, das ist ein gutes Gefühl für mich und das gibt mir Kraft“.

Das Gespräch wendet sich anderen Rollen zu: Gitte berichtet von ihrer Papagena in Mozarts „Zauberflöte“ in Berlin, die für sie transponiert worden ist, obwohl es nach Aussage der anderen Solisten gar nicht nötig war. Und dann noch von Offenbach Orpheus in der Unterwelt, in der sie die Rolle der Juno mit René Kollo in Trier sang.

„Ich bin ohnehin kein großer Opernfan, ich habe Wagner-mäßig viel von Harry Kupfer in Berlin  gesehen, aber da meiste fand ich furchtbar und ich habe sehr gelitten. Als Dänin wollte ich wissen, wie es ist mit der deutschen Kultur, und wann immer ich Zeit hatte, bin ich in die Oper gegangen. So habe ich in Hamburg „Tristan und Isolde“ gesehen und habe auch wieder sehr gelitten. Ein anderes Mal sah ich „Tristan und Isolde“ in einer Inszenierung von Götz Friedrich und das war toll, das Bühnenbild war nur blauer Himmel und ein Berg, es war eine wunderbare Atmosphäre, da kommt die eigene Phantasie ins Spiel.  Aber René Kollo, den habe ich gemocht, er war hervorragend als Wagner-Sänger, er liebt Wagner, aber ich verstehe einfach nicht, wie man Wagner lieben kann (sie lacht). Meine Eltern hatten damals versucht, mich an die Oper heranzuführen, aber es hat nicht geklappt, ich dafür viel zu unruhig, ich war immer mehr für Jazz.“

An dieser Stelle unterbricht uns die Kantinenwirtin, und weist auf die fortgeschrittene Uhrzeit hin. Wir fügen uns, beenden das Interview. Vielen Dank, Gitte, für dieses intensive Gespräch.

Das Gespräch fürhte Rolf Brunckhorst

Stuttgart, Oper Stuttgart, Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach, 22.12.2017

Dezember 18, 2017 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

  Orpheus in der Unterwelt Jacques Offenbach

Wiederaufnahme am 22. | 28. | 31. Dezember 2017 10 | 24. | 27. Januar 2018

Am Freitag, 22. Dezember 2017, hebt sich um 19 Uhr wieder der Vorhang für Jacques Offenbachs „Opéra bouffe“ Orpheus in der Unterwelt in der Inszenierung von Armin Petras. Ans Pult des Staatsorchesters kehrt Hans Christoph Bünger zurück, der hier neben Orpheus in der Unterwelt bereits Jean-Philippe Rameaus Platée dirigierte.

youtube Video zu Orpheus in der Unterwelt an der Staatsoper Stuttgart

Anders als im antiken Mythos beginnt Offenbachs 1858 in Paris uraufgeführte „Opéra bouffon“ nicht mit dem jähen Tod von Orpheus‘ geliebter Braut Eurydike auf dem Hochzeitsfest, sondern mit den Streitereien des Ehepaares, dessen glückliche Tage längst vorüber sind: Man betrügt sich gegenseitig mit Schäfern und Nymphen, alles läuft auf eine baldige Scheidung hinaus. Und so ist Orpheus auch zunächst erleichtert, als Eurydikes Geliebter, der sich als Unterwelt-Gott Pluto entpuppt, sie zu sich in den Hades entführt. Erst als die Öffentliche Meinung mit der Drohung einschreitet, Orpheus‘ Ruf zu ruinieren, erklärt er sich zähneknirschend dazu bereit, Eurydike aus dem Hades zurückzuholen.

 Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Die Rollen des Orpheus und des Eurydike verkörpern erneut Daniel Kluge und Josefin Feiler aus dem Stuttgarter Solistenensemble. Auch die weiteren Gesangsrollen sind mit Ensemblemitgliedern besetzt: Stine Marie Fischer als Öffentliche Meinung, André Morsch als Aristeus / Pluto, Kammersänger Michael Ebbecke als Jupiter, Maria Theresa Ullrich als Juno, Esther Dierkes als Venus, Kammersängerin Catriona Smith als Diana, Kammersänger Heinz Göhrig als Merkur sowie Kammersängerin Yuko Kakuta und Aoife Gibney alternierend als Cupido. Die Schauspieler André Jung und Max Simonischek kehren als Styx beziehungsweise Mars / Bacchus auf die Stuttgarter Opernbühne zurück.

Staatsoper Stuttgart / ORPHEUS IN DER UNTERWELT - André Jung (Styx), Josefin Feiler (Eurydike) und Daniel Kluge (Orpheus) © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / ORPHEUS IN DER UNTERWELT – André Jung (Styx), Josefin Feiler (Eurydike) und Daniel Kluge (Orpheus) © Martin Sigmund

Offenbachs 1858 in Paris uraufgeführte „Opéra bouffe“ parodiert den antiken Mythos vom thrakischen Sänger und bringt an der Grenze zwischen Drama und Tragödie stets das Komische zum Vorschein. Anders als im antiken Mythos beginnt sie nicht mit dem jähen Tod von Orpheus‘ geliebter Braut Eurydike auf dem Hochzeitsfest, sondern mit den Streitereien des Ehepaares, dessen glückliche Tage längst vorüber sind: Man betrügt sich gegenseitig mit Schäfern und Nymphen, alles läuft auf eine baldige Scheidung hinaus. Und so ist Orpheus auch zunächst erleichtert, als Eurydikes Geliebter, der sich als Unterwelt-Gott Pluto entpuppt, sie zu sich in den Hades entführt. Erst als die Öffentliche Meinung mit der Drohung einschreitet, Orpheus‘ Ruf zu ruinieren, erklärt er sich zähneknirschend dazu bereit, Eurydike aus dem Hades zurückzuholen. PMStOSt

Orpheus in der Unterwelt:  Vorstellungen : 22. | 28. | 31. Dezember 2017 10 | 24. | 27. Januar 2018

 

 

 

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Orpheus in der Unterwelt – Olympischer Betriebsausflug, IOCO Kritik, 09.12.2016

Dezember 8, 2016 by  
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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Sigmund

Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach

Olympischer „Betriebsausflug“ in neue Welten mit ungeahnten Folgen

Premiere von Orpheus in der Unterwelt am 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

Von  Peter Schlang

Der antike Mythos um Orpheus und Eurydike lieferte quasi den Ur-Stoff für die Entstehung der Gattung Oper, egal ob man Jacopo Peris um 1600 entstandene Euridice (Die erste „Oper“ überhaupt war Peris 1598 erstmals aufgeführte Dafne) oder Claudio Monteverdis 1607 uraufgeführten Orfeo als den Prototyp des Musiktheaters betrachtet. Mit diesem neun Jahre nach dem Gattungserstling vorgestellten Werk hatten sich Monteverdi und die noch junge Form erstmals einer gewissen musikdramatischen Vollkommenheit angenähert.

Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Seit diesen Anfängen um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lieferte der Plot um den thrakischen Sänger und seine bei ihrer Hochzeit völlig unerwartet aus dem Leben gerissene junge Frau noch etliche Male die Vorlage für ein musikdramatisches Werk, sei es Oper, Operette oder Ballett. Auch Jacques Offenbach hat sich in seiner am 21. Oktober 1858 in Paris zur Uraufführung gelangten Opéra bouffé dieses Sujets angenommen und daraus eine seiner wildesten, vergnüglichsten und beliebtesten Operetten geschaffen, was seinerzeit sein in finanzielle Schieflage geratenes Musiktheater Les Bouffes Parisiens vor dem Ruin rettete. Er und seine Librettisten Ludovic Halévy und Hector Crémieux parodierten mit ihrer Fassung des griechischen Stoffes den Lebensstil und die Realitätsferne der gesellschaftlichen und kulturellen Eliten im 2. Kaiserreich und kritisierten deren Überheblichkeit und Bürgerferne im Paris der 1850er Jahre.

 Stuttgart / Oper_Orpheus und Eurydike © Martin Sigmund

Anders als in der antiken Vorlage steht weder Orpheus im Mittelpunkt der Handlung noch beginnt diese mit der Hochzeit der beiden Liebenden und dem jähen Tod der Braut. Vielmehr unterstellt Offenbach den beiden einen glücklichen Beginn ihrer Ehe, die allerdings bald ihre Reize einbüßt und in einen tristen, langweiligen Alltag mündet, in dem sich die beiden Partner überdrüssig werden und mit Seitensprüngen Abwechslung in ihr dröges Eheleben zu bringen versuchen. So überrascht es auch nicht, dass beide ein Ende ihrer Ehe herbeisehnen und die im Urstoff angebotene Möglichkeit der Fortsetzung bzw. des Wiederauflebens der Ehe weder für Eurydike noch für Orpheus eine reale Option darstellt. Eine dramaturgisch wie inhaltlich äußerst wichtige Funktion übernimmt die von Offenbach und seinen Autoren eingefügte Figur der Öffentlichen Meinung, die hier die Funktion des Chors im antiken Theater übernimmt. Sie bringt die Handlung an deren entscheidenden Stellen voran und bietet gewisse Möglichkeiten zur Zeit- und Gesellschaftskritik.

 Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Der als Regisseur für die Stuttgarter Neuproduktion gewonnene Intendant des nur einen Steinwurf entfernt liegenden Stuttgarter Schauspielhauses, Armin Petras, nimmt den skizzierten Handlungsfaden ohne Abstriche auf und zeigt von Anfang an sehr anschaulich, wie überdrüssig, ja lästig sich die beiden einstmals Liebenden geworden sind. Allerdings interessiert sich Petras weniger für die private Dimension dieses Ehedramas, sondern untersucht vielmehr dessen gesellschaftliche Aspekte. Konkret rückt bei ihm Eurydike in das Zentrum der Handlung und deren Entwicklung, wozu er Offenbachs Originalhandlung eine Art Prolog voranstellt, den  er in einem sehr gekonnt gemachten Schwarz-    Weiß-Film zu Beginn auf den Bühnenvorhang projizieren lässt. Zu den aus dem Orchestergraben erklingenden bekannten Zitaten aus Christoph Willibald Glucks Orpheus und Eurydike erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer, wie Eurydike zu Zeiten der Pariser Kommune um 1871 als Arbeiterin in einer Textilfabrik werkeln muss, sich dann aber in einem Akt der Emanzipation daran macht, dem Proletariat zu entkommen und gesellschaftlich aufzusteigen. Dabei ist ihr der Musikprofessor und Komponist Orpheus ein willkommener Unterstützer und Förderer, womit die Handlung wieder in die der Originalfassung von Offenbach / Halévy / Crémieux mündet.

Diese wird von Armin Petras und seinem Dramaturgen Malte Ubenauf als Versuch einiger in der erwähnten Pariser Kommune aktiven Frauen gedeutet, nicht nur ihr privates Glück zu finden, sondern auch die bisherige, in ihren Augen ungerechte Gesellschaft zu verändern und eine neue, sozialistisch geprägte zu schaffen. Damit war aber auch das Schicksal der bisher Herrschenden um Napoleon III. besiegelt, die ja laut zeitgenössischen Quellen Offenbach als Vorlage für sein 13 Jahre zuvor aus der Taufe gehobenes Werk, genauer für die dort dargestellte gelangweilte Götterkaste und ihren Anführer Jupiter, gedient hatten.

Dieser Regieansatz mag zunächst etwas befremden, entwickelt aber im Verlauf der gut zweistündigen Handlung eine ziemliche Stringenz. Überhaupt kann man ja, wenn man das Libretto von Orpheus in der Unterwelt genauer liest, darin eine ganze Palette von durchaus schlüssigen Denkansätzen und Deutungsmöglichkeiten entdecken, von denen die jetzt von Armin Petras für seine erste Stuttgarter Musiktheater- und erste Operettenregie überhaupt gewählte nicht die abwegigste ist. Die Konsequenz, mit der er sein Konzept durchzieht und die dadurch gewonnenen und dem Publikum vermittelten Erkenntnisse geben ihm in seiner Wahl Recht und trösten auch über ein gewisses Verlustempfinden hinweg, das den einen oder anderen Zuschauer am Premierenabend und in den folgenden Repertoire-Vorstellungen vielleicht befallen mag. Aber im aktuellen Regietheater gibt es ganz gewiss krampfhaftere und abgehobenere Konzepte, und Petras‘ Idee, das Schicksal Eurydikes vom Ende her zu denken und als die Emanzipationsgeschichte einer nach oben strebenden Arbeiterin zu lesen, entfaltet durchaus Charme und Überzeugungskraft. Außerdem dürfte sie, nicht zuletzt in ihrer Umsetzung, ganz auf der Linie Offenbachs und seiner humorvollen Parodiekunst liegen.

Die für die Stuttgarter Neu-Inszenierung Verantwortlichen hatten sich für die deutsche Textfassung von Ludwig Kalisch (1858) und Frank Harders-Wuthenow (Einlagen von 1874) entschieden. Dies ist dem musikalischen Fluss der Lieder und Arien vielleicht nicht immer so dienlich wie die französische Originalsprache, hat aber für das Publikum deutliche Vorteile, die auch bei dessen spontaner Reaktion auf manche Textstellen hörbar werden. Außerdem bietet diese Entscheidung dem Regisseur die Möglichkeit, die gesprochenen Dialoge in seinem Sinn tagesaktuell zu bearbeiten. Das schafft manch interessanten Gegenwartsbezug, so etwa im Schlussmonolog der Öffentlichen Meinung, und viele zum Schmunzeln anregende Anspielungen, auch wenn es hin und wieder etwas kalauern mag.

Grabmal Fromental Halevy © IOCO

Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Aufführung im Großen Haus am Stuttgarter Eckensee haben die Bühnenbildnerin Susanne Schuboth und ihre für die Kostüme zuständige Kollegin Dinah Ehm. Erstere hat eine funktional wie optisch überzeugende Lösung gefunden und für die irdische Umgebung des ersten Bildes wie für die Vorhölle des 3. Bildes in das vordere Bühnendrittel eine mehrfach gegliederte und mit Öffnungen versehene Wand gestellt. In deren rechter Hälfte deutet während des ersten Bildes ein Häuschen mit Satteldach die bürgerliche Szene an. Die von den Göttern beherrschten Szenen zwei und vier, also Himmel/ Olymp und Unterwelt/Hölle, spielen in einer vertieft angebrachten, kreisförmigen Arena, die, drehbar, der Götterversammlung vielfältige Aktionsmöglichkeiten bietet.

Die von Dinah Ehm entworfenen opulenten Gewänder im Stil unterschiedlicher Epochen bestechen durch ihre Farbigkeit wie durch ihren jeweiligen präzisen Charakterisierungsbeitrag. Beispielhaft sei hier das wunderbare Fliegenkostüm Jupiters erwähnt, in dem der in jeder Hinsicht überzeugend und mit samtig-klar geführter Bassstimme agierende Michael Ebbecke die von Josefin Feiler ebenso souverän verkörperte und in dieser Szene völlig überrumpelte Eurydike summend und tanzend umschwirrt.
Damit seien die musikalische Seite und deren Leitung gewürdigt. Diese lag am Premierenabend wie in den noch folgenden fünf Aufführungen im Dezember in den bewährten Händen des Stuttgarter Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling. Dieser in der neuen wie in der älteren französischen Musik sehr kompetente und erfahrende Dirigent leitet das gut disponierte Staatsorchester und den wie immer äußerst präzise singenden und schauspielerisch alle Situationen und Lagen überzeugend bewältigenden Stuttgarter Opernchor sehr umsichtig und sängerdienlich. Basis dafür ist ein sehr schlanker, durchhörbarer, federnder und luzider Orchesterklang, in dem die einzelnen Stimmen und Klangfärbungen situations- bzw. stimmungsbezogen bestens wahrnehmbar sind. Statt großer, effektheischender dynamischer Sprünge setzt Cambreling auf eine feine Balance der Orchesterstimmen und Stimmungen und findet so für den Abend einen eher kammermusikalischen, sanglichen Duktus.

Neben den bereits erwähnten Darstellern der Eurydike und des Jupiter, die schauspielerisch wie stimmlich etwas aus dem Ensemble herausragen, überzeugen auch die anderen Akteure, allesamt hauseigene Kräfte. So kam an Stelle der aus familiären Gründen bei der Premiere verhinderten Iris Vermillion die ursprünglich erst für die Vorstellungen ab 17. Dezember als Öffentliche Meinung vorgesehene Stine Marie Fischer genauso zu ihrem stimmlich wie schauspielerisch absolut souverän gemeisterten Rollendebüt wie der junge, aus dem Knabenchor der Calwer Aurelius Sängerknaben hervorgegangene Daniel Kluge, der mit seiner hellen, aber niemals scharf klingenden Tenorstimme für sich einzunehmen wusste. Dies galt auch für den überaus präsenten Bariton André Morsch als Pluto, der in den beiden Eckbildern seine großen Auftritte hat, wie auch für den quicklebendigen und höchst komödiantischen Merkur des erneut sehr stark und sicher auftretenden Stuttgarter Kammersängers Heinz Göhrig. Auch die in der Rolle der Juno agierende Maria Theresa Ullrich, Catriona Smith als treffsichere Jagdgöttin Diana und die ungeheuer quirlige und stimmsichere Yuko Kakuta als (vergeblich) Liebe stiftender Cupido sowie die aus dem Stuttgarter Opernstudio kommende junge Sopranistin Esther Dierkes als Venus überzeugten das Premierenpublikum. Dies gilt auch für die beiden zum Stuttgarter Opernensemble gehörenden Schauspieler, von denen der hünenhafte Max Simonischek sowohl die Rolle des Mars als auch jene des zum intensiven Drogenkonsum neigenden Bacchus souverän und sehr komödiantisch ausfüllte. Den größten Applaus des Premierenpublikums aber erhielt sein Kollege André Jung als Höllen- und Hausmeister Hans Styx, was nicht nur an seinem mit viel Schmelz und Lässigkeit vorgetragenen Titel „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ lag. Von Peter Schlang

Oper Stuttgart – Orpheus in der Unterwelt:  Premiere 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

 

Stuttgart, Oper Stuttgart, Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenabch, 04.12.2016

November 3, 2016 by  
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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG „OPER OHNE GRENZEN“ © Martin Siegmund

Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach

Armin Petras inszeniert erstmals an der Oper Stuttgart

Am Sonntag, 4. Dezember 2016, feiert eine der wildesten und vergnüglichsten Operetten Jacques Offenbachs an der Oper Stuttgart Premiere: Orpheus in der Unterwelt. Sie parodiert den antiken Mythos vom thrakischen Sänger und bringt an der Grenze zwischen Drama und Tragödie stets das Komische zum Vorschein.

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Nach seinem gefeierten Dirigat von Hoffmanns Erzählungen in der vergangenen Spielzeit dirigiert Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling nun erneut ein Werk Offenbachs. Armin Petras, Intendant des Schauspiels Stuttgart, wird bei dieser Neuproduktion erstmals an der Oper Stuttgart Regie führen. Susanne Schuboth (Bühne) und Dinah Ehm (Kostüme) zeichnen für die Ausstattung verantwortlich. Als Orpheus und Eurydike geben Daniel Kluge und Josefin Feiler aus dem Stuttgarter Solistenensemble ihre Rollendebüts. Zudem werden etliche weitere Ensemblemitglieder zu erleben sein, so etwa Michael Ebbecke als Jupiter, Maria Theresa Ullrich als Juno, Catriona Smith als Diana, André Morsch als Pluto und Heinz Göhrig als Merkur. Die Schauspieler André Jung und Max Simonischek gastieren als Styx beziehungsweise Bacchus.

 Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Paris / Jacques Offenbach © IOCO

Anders als im antiken Mythos beginnt Offenbachs 1858 in Paris uraufgeführte „Opéra bouffon“ nicht mit dem jähen Tod von Orpheus‘ geliebter Braut Eurydike auf dem Hochzeitsfest, sondern mit den Streitereien des Ehepaares, dessen glückliche Tage längst vorüber sind: Man betrügt sich gegenseitig mit Schäfern und Nymphen, alles läuft auf eine baldige Scheidung hinaus. Und so ist Orpheus auch zunächst erleichtert, als Eurydikes Geliebter, der sich als Unterwelt-Gott Pluto entpuppt, sie zu sich in den Hades entführt. Erst als die Öffentliche Meinung mit der Drohung einschreitet, Orpheus‘ Ruf zu ruinieren, erklärt er sich zähneknirschend dazu bereit, Eurydike aus dem Hades zurückzuholen.

Das Produktionsteam um Armin Petras wird zur Premiere eine neue Fassung des Werkes mit Texten des Regisseurs zeigen. Regisseur Armin Petras über Orpheus in der Unterwelt:  So wie Jacques Offenbach sich in seinem Orpheus an die Potenziale der antiken Mensch-Götter-Beziehung erinnert und das im Hades beziehungsweise Olymp versammelte Personal für eine satirische Gesellschaftsstudie über das Paris des mittleren 19. Jahrhunderts wiederbelebt, bringt es Fernando Pessoa einige Jahre später in seinem Buch Die Rückkehr der Götter auf den Punkt: Die Götter sind nicht gestorben: Unsere Vision von ihnen ist gestorben. Wir sehen sie nicht mehr. Aber die Götter bestehen fort, sie leben, wie sie gelebt haben, mit derselben Göttlichkeit. Ihre Gegenwart vereinfacht und verschönert. Die Wiederauferstehung der vielgestaltigen antiken Götterwelt stellt, und davon berichten Offenbach wie Pessoa, die übermächtigen christlichen Moralstandards in Frage. Wenn richtig und falsch sich aber nicht mehr ohne weiteres auseinanderhalten lassen, entstehen erste Zweifel am Status quo.

Und auch die Öffentliche Meinung gerät in Konfusion. Lag zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon etwas davon in der Luft, was sich nur wenig mehr als zehn Jahre nach der Uraufführung von Orpheus in der Unterwelt in Frankreich ereignen sollte und als ,La Commune‘ in die Geschichtsbücher eingegangen ist? Inmitten der von der Arbeiterschaft initiierten Kurzrevolution von 1871, die wie selten zuvor konkrete Ideen einer demokratisch-sozialen Gesellschaftsordnung mit sich führte, traten auch einige äußerst selbstbewusste Frauen hervor, die sich dem Bürgertum entgegenstellten. Als eine mit diesen Persönlichkeiten verwandte Figur stelle ich mir Eurydike vor. Aus dem Proletariat stammend, durchschreitet sie nach eigener Wahl die verschiedenen Möglichkeiten sozialer Positionierung. Und dies sehr radikal, weil ihr Weg immer aufs Neue der Weg einer Liebenden ist: Auf diese Weise verbindet Eurydike sich mit dem opportunistischen Bildungsbürger Orpheus, dem widersprüchlichen Untergrundchef Pluto und dem herrschenden Tyrannen Jupiter, um schließlich in der Unterwelt, die sie als ihre Heimat erkennt, erneut Wurzeln zu schlagen. Von dort aus ersinnt sie eine Revolution, die ganz andere Auswirkungen haben soll als jene, die kurze Zeit zuvor im Olymp von ein paar gelangweilten Göttern gegen Jupiter geführt wurde und innerhalb weniger Minuten ergebnislos verpuffte.“   PMOSt

Öffentliche Probe:  Samstag, 12.11.2016, 9.45 – 11.30 Uhr, Opernhaus, Regisseur Armin Petras gibt Einblicke in die Probenarbeit.

Einführungsmatinee Sonntag, 27. November 2016, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt interessierten Opernbesuchern einen Einblick in die Konzeption der Neu-inszenierung., Nach(t)gespräche Freitag, 09. Dezember 2016 , Samstag, 07. Januar 2017. Das Produktionsteam beantwortet im Anschluss an die Vorstellung Fragen der Zuschauer.

Einführung vor jeder Vorstellung Eine Einführung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Karten Karten über www.oper-stuttgart.de, Kartentelefon: 0711. 20 20 90, und an der Abendkasse

 

 

 

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