Hamburg, Elbphilharmonie, Wiener Philharmoniker_Brahms-Glanert-Mahler, IOCO Kritik, 10.2.2017

Februar 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Ätherischer Streicherklang aus der Tiefe der Unterwelt

Wiener Philharmoniker und Semyon Bychkov 

Von Sebastian Koik

Für ihr erstes Konzert in der Elbphilharmonie am 22.1.2017 haben die Wiener Philharmoniker ein Programm mit starkem Hamburg-Bezug zusammengestellt: Mit Johannes Brahms und Detlev Glanert sind zwei der drei Komponisten des Abends Söhne der Stadt; Gustav Mahler lebte und wirkte sechs Jahre lang in Hamburg und dirigierte in dieser Zeit unfassbare 715 Opernvorstellungen.

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Das Konzert beginnt mit Johannes Brahms/ Detlev Glanert: Vier Präludien und Ernste Gesänge. Brahms stellte die Texte für die Gesänge aus der Bibel zusammen und wollte darin Trauer und Trost ausdrücken. In den ersten drei Gesängen geht es um den Tod, im vierten Gesang um Liebe als erlösende Kraft. Dieses letzte große Werk von Brahms wird als die Quintessenz seines Liedschaffens angesehen. Detlev Glanert, der in Deutschland meistgespielte lebende Opernkomponist, hat Brahms‘ Gesänge für Orchester umgeschrieben und sie durch Präludien miteinander verbunden. Er ist beim Konzert anwesend.

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass wir es mit einem besonderen Orchester zu tun haben. Die vielen Geigen und Bratschen klingen im ersten Präludium unglaublich ätherisch, ja himmlisch. Unvergleichlich schön. Der erste Gesang führt sofort mit den ersten Zeilen in das Thema Tod ein: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch.“ Der Bassbariton Johan Reuter singt beim ersten Lied auf eine derart außerirdisch klingende Weise, dass man meinen könnte, er stünde mit beiden Füßen kraftvoll auf dem Boden der Unterwelt. Sehr sonor, mit viel Bass, angenehm warm vibrierend und die Luft wunderbar zum Schwingen bringend. Johan Reuter singt wie mit dem Odem einer anderen Welt. Er setzt die Musik und die Stimmungen ganz hervorragend um und ist eine Idealbesetzung für die Ernsten Gesänge. Dieses erstes Lied kann man sich nicht besser gesungen vorstellen. Das ist ganz große Kunst der Lied-Interpretation

Das zweite Präludium erklingt schmerzerfüllt und leitet perfekt passend das nächste Lied ein. Der sehr einsam klingende Gesang ist getränkt von Leiden, Unglück und Verzweiflung, singt von Unrecht und dem schrecklichen Bösen „das unter der Sonne geschieht“. Das dritte Präludium lässt an Dantes Inferno denken, an Chaos, an Schmerz, ein aus den Fugen geratenes Dasein. Das darauf folgende Lied wirkt zunächst anklagend, leidend, von Schmerz gepeinigt. „O Tod, o Tod, wie bitter bist du“, heißt es in den ersten und wiederholt in den mittleren Zeilen. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, wechseln das Orchester und der Sänger zu extrem friedlichen und versöhnlichen Tönen. Das Orchester ist jetzt weit ausladend und verströmt Ruhe, Frieden, Licht, Schönheit. Der Tod wird jetzt mit seiner erlösenden Kraft gesehen. Der Gesang endet mit: „O Tod, o Tod, wie wohl tust du!“ Der Gesang von Johan Reuter ist im Erdboden fest verwurzelt und verankert und setzt die Musik und Gefühlslagen ganz wunderbar um.

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Das vierte Präludium beginnt mit großer Nervosität und Unruhe, doch bevor der Gesang des vierten Liedes einsetzt, herrscht Harmonie. Der Gesang des letzten Liedes erklingt zum Schluss in einem Ton der Versöhnung, der Erkenntnis, des Friedens. Auch die sonstige Musik strahlt jetzt Frieden, Ruhe, Harmonie aus. Es wird das Bild einer unbeschwerten Idylle, einer reinen und unschuldigen Welt, einer Welt in Liebe gemalt. Textlich enden die Gesänge mit einem Hohelied auf Glaube, Hoffnung, Liebe, „aber die Liebe ist die größeste unter ihnen“. Dann ein Ausblenden. Ein schöner Ausklang aus der Welt der Vier ernsten Gesänge zurück in unsere.

In der zweiten Konzerthälfte steht Gustav Mahler mit der Sinfonie Nr.1 D-Dur Titan auf dem Programm, ein Werk das Mahler nach der ersten Aufführung in Budapest als zweites 1893 in Hamburg präsentierte. Damals erklang es im Konzerthaus Ludwig am Millerntorplatz an der Reeperbahn, diesmal in der erst vor wenigen Tagen eröffneten Elbphilharmonie.
Es beginnt mit der musikalischen Umsetzung von Stille. Aufgefächert über fünf Oktaven halten die Streicher den Ton a. “Im Anfang war das Nichts.“ Es klingt, als sei das Universum leer, als befinde man sich in einer Zeit vor der Erschaffung der Welt. Es herrscht eine sehr schöne Spannung! Cello-Klänge lassen an eine Ursuppe denken. Dann die erste Melodie, der Beginn „richtiger“ Musik. Doch nach den wunderschön gemalten Bildern und mysteriösen Stimmungen zu Beginn des Sinfonie spielt das berühmte Orchester ab jetzt zwar auf einem sehr guten Niveau, aber meist mit unvollkommenem Tempo und Timing und mit suboptimaler Spannung und Musikalität. Nicht straff, nicht spritzig, nicht quirlig und lebendig genug.

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Beim Komponieren zitiert Mahler gerne, sich selbst und andere. In seiner ersten Sinfonie zunächst das Lied Ging heute morgen übers Feld, das er vier Jahre zuvor komponiert hatte. Im zweiten Satz stimmt Mahler einen Bauerntanz an, der zwischen derbem Volkston und graziler Kunstfertigkeit oszilliert. Im dritten Satz stimmen zunächst ein Kontrabass und eine Pauke den Kanon Bruder Jakob an, in den nach und nach weitere Stimmen aus dem Orchester einsteigen – das Ganze als Trauermarsch in Moll verwandelt. Es erklingen ein Tanz, ungarische Czardas-Tanzmusik. ein schön komponierter Walzer, doch leider wird das alles nicht lebendig genug gespielt. Es springt kein Funke über.

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Über den vierten Satz der Sinfonie schreibt Mahler:Mit einem entsetzlichen Aufschrei beginnt der letzte Satz, in dem wir unseren Helden mit allem Leid der Welt in furchtbarstem Kampfe sehen. Immer wieder bekommt er eins auf den Kopf vom Schicksal, und erst im Tode erringt er den Sieg. Herrlicher Sieges-Choral.“ Und herrlich, wie das Orchester diesen Kampf, Sieg und Choral spielt! Am Lebendigsten, Kraftvollsten, Musikalischsten spielen die Wiener Philharmoniker am heutigen Abend in den lauten, schnellen und klangmächtigen Passagen, in Passagen wie diesem letzten Satz des Titan.
Das Orchester und der durchgeschwitzte, erschöpft und müde wirkende Dirigent Semyon Bychkov erhalten viel Applaus und Jubel. Als Zugaben werden Antonín Dvoráks Slawischer Tanz e-Moll (c-Moll) op. 72/2 und Johann Strauß‘ (Sohn) Tritsch-Tratsch-Polka op. 214 gespielt.

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Hamburg, Elbphilharmonie, Juwel der Kulturlandschaft – Die Eröffnung, IOCO Aktuell, 14.1.2017

Januar 14, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

„Im Rausch der neuen Klänge“

Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg

Eröffnungskonzert im Juwel der Kulturlandschaft – 12.1.2017 –  Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Hansestadt mit furiosen musikalischen Akzenten

Von Patrik Klein

Da sitzt man nun nach vielen langen Jahren der Geduld, des Hoffens und Ärgerns in bequemen Sitzen des großen Saals der Elbphilharmonie Hamburg, kommt aus dem Staunen über die herausragende Wirkung der wunderschönen Konzerthalle nicht heraus und kann kaum erwarten, den ersten Ton zu vernehmen.

Was hatte es doch in den letzten Jahren Schlagzeilen der negativen Art gegeben: Über unprofessionelles Management in Führungsetagen des Bauherren, der Architekten und der Baufirma, über Schlamm-schlachten und Naivitäten. Das war mehr als ärgerlich und ist nun endgültig Vergangenheit. Bald wird man es vergessen haben und sich nur noch der atemberaubenden, transparenten Akustik und der wunderschönen Architektur des neuen Hamburger Wahrzeichens widmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Seit einigen Wochen kann man die Plaza, die dort integrierten Restaurants, Cafes und das Luxushotel in luftiger Höhe öffentlich betreten und staunen über den herrlichen Ausblick auf den Hafen und die Speicherstadt Hamburgs. Die 80 Meter lange Rolltreppe „Tube“ bringt den interessierten Besucher sanft in etwa zwei Minuten auf die Aussichtsplattform. Man wird entschleunigt vom Alltag und tritt ein in eine aufregende Kulturlandschaft mit spektakulärer Architektur.

: Je 2100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und davon

Und nun ist es so weit: Je 2100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und davon immerhin je 500 glückliche Losgewinner dürfen bei den beiden Eröffnungskonzerten am 11. und 12.1. 2017 zugegen sein. Für die beiden Konzerte hat es keine Tickets im freien Verkauf gegeben. Auch aus dem Programm hatte man bis zum 11.1. ein kleines Geheimnis gemacht. Musik aus verschiedenen Epochen von der Renaissance bis zur Gegenwart, von Cavalieri bis Rihm seien dabei, konnte man im Vorfeld vernehmen. „Das wird ein vielfältiges Programm ohne Blockbuster als Hommage an dieses fantastische Konzerthaus“ so die Charakterisierung der musikalischen Folge durch den Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonieorchesters Thomas Hengelbrock.

Elbphilharmonie Hamburg / Thomas Hengelbrock © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Thomas Hengelbrock © Michael Zapf

Top Stars der Klassikszene sind angekündigt, von denen jedoch Jonas Kaufmann krankheitsbedingt und zuletzt auch Anja Harteros zurückziehen. Mit Pavol Breslik und Hanna-Elisabeth Müller können vom Intendanten der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter adäquate „Einspringer“ verpflichtet werden.

In den beiden Begrüßungsreden vom Bürgermeister der Stadt Hamburg Olaf Scholz und dem Intendanten der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter spricht man freudig von der Fertigstellung des Hauses, von den vielseitigen Erwartungen, vom umfangreichen und breitbandigen Programm und vom Wunsch, jedes Hamburger Schulkind wenigstens einmal in seiner Schulzeit in dieses Haus zu bringen. Angesichts der Tatsache, dass die komplette Saison seit Monaten restlos ausverkauft ist und Kartenwünsche aus aller Welt täglich die Posteingänge fluten, eine wirkliche Herausforderung.

Elbphilharmonie Hamburg / Schlussapplaus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Schlussapplaus © Patrik Klein

Aber was macht das alles schon, wenn nach dem ersten Riesenbeifall beim Aufzug der Musiker des NDR Elbphilharmonieorchesters es ganz leise wird und der Chefdirigent des Hauses Thomas Hengelbrock den Taktstock erhebt. Die ersten Töne erklingen erlösend und wohltuend im Saal. Und sie erklingen nicht vom Orchesterpodium, sondern aus einem der vielen Ränge dieses weinbergartigen Prachtkonzertsaales. Oboist Kalev Kuljus eröffnet mit „PAN“ aus den Sechs Metamorphosen nach Ovid von Benjamin Britten. Und wie das klingt! Glasklar und glockenrein dringt es ans Ohr, mit kurzem Nachhall, fast sakral wirkend.

Es folgt ein atemberaubendes, mutiges, die Möglichkeiten des Saales auslotendes Programm mit pausenlos aneinandergereihten musikalischen Besonderheiten aus vier Jahrhunderten. Und draußen für die Besucher ohne Eintrittskarte wird mit hohem technischen Aufwand das Haus im Rhythmus der Musik mit Licht- und Videoinstallationen in Szene gesetzt.
Henri Dutilleuxs „Appels – Echos – Prismes“ aus Mystère de L´Instant setzt mit allerfeinsten Streichernuancen beginnend erstmalig das Orchester in Szene. Ein beinahe atonaler Klang, der von der „weißen Haut“ des Saales echofrei aufgelöst wird. Niemand wagt zu husten oder zu rascheln, denn das hört man hier bis in den letzten Winkel. Der große Saal fordert auch Disziplin von allen.

Beim nächsten Stück geht es in die Renaissance: Emilio de Cavalieri/ Antonio Archilei mit Dalla piu alte sfere aus La Pellegrina. Es folgt eine Klangauslotung mit Harfinistin (Margret Köll) aus einem der Weinbergränge und stimmschönem Solo des Countertenors Philippe Jaroussky. Seine wunderschöne, an sich recht kleine Stimme wirkt hier saalfüllend – atemberaubend.

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Simon Fowler

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Simon Fowler

Bernd Alois Zimmermann mit Photoptosis/Prelude für großes Orchester lässt an Schiffs- und Hafenklänge denken. Hier kann man erstmals die im Haus fast unsichtbar angebrachte Orgel gespielt von Iveta Apkalna hören, denn sie ist wie ein Instrument im Orchester integriert.

Überleitungslos mit großer Geste vom Maestro am Pult, konzentrieren sich die Hörorgane wieder in den Weinberg und lassen Jacob Praetorius mit Quam pulchra es erschallen. Das Ensemble Praetorius mit Gesangsquintett, 2 Streichern, 3 Blechbläsern und einer ungewöhnlichen Renaissance-Laute (Theorbe) erzeugen einen wieder völlig anderen, zauberhaften Klang.

Elbphilharmonie Hamburg / Ensemble Praetorius © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Ensemble Praetorius © Michael Zapf

Rolf Liebermanns Furioso Groove andeutend wie bei einer perfekten Jazzband erklingt vor dem erneuten Schwenk in die Anfänge der Musik mit Giulio Caccinis Amarilli mia bella aus Le nuove musiche. Countertenor und Harfe lassen erneut den Saal aus dem Weinberg akustisch erstrahlen.
Der erste Teil des Programms wird mit Olivier Messiaens 10. Satz: Finale aus der Turangalila-Sinfonie mitreißend beendet. Ein fast „schräger“, filmmusikähnlicher Klang, unterstrichen durch ein Tasteninstrument namens Ondes Martenot (eines der ersten elektronischen Instrumente überhaupt), „wobbelartig“ klingend wie bei einer Fender Stratocaster, lässt das Publikum zur Pause toben.

Nach der Eröffnung des zweiten Konzertteils durch Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal, wird das Kernstück der Eröffnung gebracht. Nahtlos „attacca“ schließt sich die Uraufführung von Wolfgang Rihms Reminiszenz, Triptychon und Spruch in memoriam Hanns Henny Jahnn, eigens für die Eröffnung komponiert an. Seit März 2016 ist die Komposition fertig, die an den 1959 verstorbenen Hamburger Schriftsteller, Verleger und Orgelbauer Hans Henny Jahnn erinnert. Im Zentrum des viertelstündlichen Werkes vertont Rihm eine kurze Passage aus Jahnns unvollendeter Romantrilogie Fluß ohne Ufer. Mit einer bildmächtigen Sprache umkreist der Text die Begegnung mit dem Tod. Pavol Breslik zeigt sein volles tenorales Klangbild, das an Fritz Wunderlich erinnert und lässt alle Farben seiner wunderschönen Stimme erstrahlen. Pavol Breslik ist ein absoluter Spitzentenor unserer Zeit und erfüllt alle Erwartungen der Zuhörer.

Elbphilharmonie Hamburg / Pavol Breslik © Neda Navaee

Elbphilharmonie Hamburg / Pavol Breslik © Neda Navaee

Mit dem Schlußchor über Schillers Ode An die Freude (4. Satz: Presto) aus Beethovens 9. Sinfonie d-Moll op. 125 wird das spannende Programm beschlossen. Die Solisten Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Mezzosopran), Pavol Breslik (Tenor) und Sir Bryn Terfel (Bass-Bariton) singen das „Seid umschlungen, Millionen“, das man auch hier als kleine Spitze an die Entwicklung dieses Hauses missverstehen könnte, makellos. Die Chöre vom NDR und Bayerischen Rundfunk überzeugen durch absolute Sicherheit bei den Einsätzen und feine Phrasierung und Gestaltung der nicht leichten Chorpassagen, die der Meister der Wiener Klassik 1824 komponiert hat. Mein Platz mittig direkt hinter den Damen und Herren des Chores, Auge in Auge mit dem Dirigenten hat meine Beherrschung in Bezug auf ein Mitsingen enorm gefordert.

Elbphilharmonie Hamburg / Schlußapplaus für Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl, Pavol Breslik, Bryn Terfel © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Schlußapplaus für Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl, Pavol Breslik, Bryn Terfel © Michael Zapf

Der schweißgebadete Thomas Hengelbrock, sichtlich ergriffen vom Ergebnis des Musikprogramms, lässt den Taktstock ganz langsam sinken. Noch eine Weile herrscht Stille im Saal, gefolgt von einem riesigen Beifall mit Jubelrufen und Standing Ovations.
Nach über zweieinhalb Stunden Konzertrausch durch neue, bisher so nie gehörte Klänge, wo der Raum zur Zeit wird, fragt man sich emotional überwältigt: Was durfte man an diesen Tag erleben?

Ein neues Wahrzeichen einer vielseitigen Weltstadt? Ein achtes Weltwunder? Eine Sinfonie aus Stein und Glas? Das schönste Schiff der Welt, das nie den Hafen verlassen wird? Es dürfte zumindest eine Riesenchance mit unglaublicher Perspektive für die positive Erweiterung des Kulturlebens in Hamburg werden. Die Hansestädter und Besucher aus aller Welt dürfen sich freuen.

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Münster, Theater Münster, Die Zauberflöte von W. A. Mozart, IOCO Kritik, 11.10.2016

Oktober 31, 2016 by  
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Theater Münster

Die Zauberflöte im Theater Münster:  Mozarts letzte Oper „Die Zauberflöte“ ist ein Märchen von der  Rettung der Welt durch Liebe. Der südafrikanische Regisseur Kobie van Rensburg hat ihr mit großartigen Computerbildern und Figuren aus dem Arsenal des Fantasy-Films eine zeitgemäße Form…….

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Rettung der Welt durch die Liebe

Gefeierte Wiederaufnahme von Mozarts „Zauberflöte“ in Münster, die van Rensburg schlüssig ins Fantasy-Milieu verlegt hat.

von HANNS BUTTERHOF

Theater Münster / Die Zauberflöte - Tamina und Pamino © Oliver Berg

Theater Münster / Die Zauberflöte – Tamina und Pamino © Oliver Berg

Mozarts letzte Oper „Die Zauberflöte“ ist ein Märchen von der  Rettung der Welt durch Liebe. Der südafrikanische Regisseur Kobie van Rensburg hat ihr mit großartigen Computerbildern und Figuren aus dem Arsenal des Fantasy-Films eine zeitgemäße Form gegeben und sie an Münsters Großem Haus schlüssig als spektakulären Machtkampf in Star-Wars-Manier inszeniert.

Schon zur Ouvertüre konkurriert die Musik mit der Bühne, auf der großes Kino läuft (Bühne: Kobie van Rensburg, Kerstin Bayer). Computeranimiert jagt eine Raumpatrouille ein Raumschiff durch die Gesteinsbrocken eines Asteroidengürtels. Aus dem angeschossenen Fluggerät rettet sich Pilot Tamino (Youn-Seong Shim) per Fallschirm auf einen unbekannten Stern. Dort muss er sich sogleich gegen einen heftig Feuer speienden Drachen zur Wehr setzen. Nur das Eingreifen dreier bewaffneter Damen (Sara Rossi Daldoss, Lisa Wedekind, Suzanne McLeod; Kostüme: Dorothea Schumacher, Lutz Kemper) rettet ihn.

Krieg herrscht also im Universum. Die Königin der Nacht (Antje Bitterlich), die Witwe des alten Herrschers im Siebenfachen Sonnenkreis, und der von diesem als Verwalter eingesetzte Oberpriester der Isis-und-Osiris-Bruderschaft, Sarastro (Sebastian Campione), streiten um die Macht. Beide wollen Pamina (Henrike Jacob), die von Sarastro entführte Tochter der Königin, als legitime Herrscherin einsetzen. Beide bauen schließlich auf die Hilfe Taminos, und während sie so ihr Eigeninteresse verfolgen, hebt die reine Liebe Paminas und Taminos ihren Sternenkrieg märchenhaft in allseitige Harmonie auf.

Van Rensburg fesselt mit seinen fantastischen computeranimierten Bühnenbildern und Figuren aus dem Fundus des Fantasy-Kinos. Sexy Barbarellas streiten auf Seiten der Königin, weißgepanzerte Sternenkrieger mit Laser-Schwertern halten Sarastros Ordnung aufrecht. Während witzige  Jawa-Kapuzenmännchen und pelzige Ewoks aus Lucas’ Star-Wars-Universum herumwuseln; überbringt der Roboter R2-D2 Zauberflöte und Glockenspiel. Der spitzohrige Mr. Spock steht als erster Priester (Gregor Dalal) Sarastro zur Seite, der die weiße Mähne des guten Gandalf aus Tolkiens „Herr der Ringe“ trägt. Und seine sternflammende Widersacherin röchelt dumpf aus dem Helm des bösen Star-Warlords Darth-Vader, bevor sie hasserfüllt ihre Rache-Arie herausschleudert.

All das fügt sich zu einer überraschend stimmigen Handlung, die verblüffend nah an den Regieanweisungen des Librettos bleibt. Der Ernst des Liebeswegs zur Menschlichkeit, den das künftige Ideal-Herrscherpaar Tamino und Pamina  beschreiten, findet in dieser Welt ebenso Platz wie die Komik und absolute Diesseitigkeit des Vogelfänger-Pärchens Papageno (Gabriel Urrutia) und Papagena (Eva Bauchmüller). Mit aufrichtiger Liebe und etwas Zauber der Musik, so die utopische Botschaft, geht der Sternenkrieg zu Ende. Vielleicht ist aber auch der Verzicht auf hohes Pathos und das Sich Bescheiden mit handfester Sinnlichkeit nach Vogelfänger-Art ein Weg; jedenfalls findet der den stürmischen Beifall des Publikums.

Theater Münster / Münster - Tamino und Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Münster – Tamino und Ensemble © Oliver Berg

Das Ensemble ist ausgewogen gut besetzt. Als Königin der Nacht überzeugt Antje Bitterlich mit unangestrengten Spitzentönen und souveränem darstellerischen Ausdruck. Henrike Jacob gibt einnehmend den Koloraturen Paminas viel lyrischen Schmelz. Youn-Seong Shim ist mit seinem festen, höhensicheren Tenor ein Tamino von Format, der in Gregor Dalal als Erstem Priester einen stimmkräftigen Führer durch alle Prüfungen hat. Sebastian Campione ist ein würdevoller Sarastro, während der jeder Würde bare Papageno Gabriel Urrutias es mühelos zum absoluten Publikumsliebling bringt. Der von Inna Batyuk einstudierte Chor glänzt mit weichem, vollen Klang.

Es ist bewundernswert, wie Fabrizio Ventura mit dem Sinfonieorchester Münster trotz vieler gesprochener Partien und häufigem Zwischenapplaus einen geschlossenen, feinen Mozart-Klangraum schafft und aufrecht erhält. Allerdings legt er durchwegs ein so flottes Tempo vor, dass manche Sänger mehrfach an die Grenze ihrer Artikulationsfertigkeit geraten. Dass er sich erfolgreich dagegen stemmt, die Musik vom effektvollen Bühnenbild und dem Witz der Bühnenhandlung zudecken zu lassen, dankte ihm das von der gesamten Aufführung begeisterte Publikum mit langanhaltendem Beifall. IOCO / Hanns Butterhof / 11.10.2016

Theater Münster Die Zauberflöte: Die nächsten Vortellungstermine: 16.10., 6.12., 29.12.2016 jeweils 19.30 Uhr, 11.12.2016 um 19.00 Uhr.

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Pforzheim, Theater Pforzheim, Premiere Die Hochzeit des Figaro von Amadeus Mozart, 29.10.2016

Oktober 27, 2016 by  
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Theater Pforzheim

Stadttheater Pforzheim © Stadttheater Pforzheim

Stadttheater Pforzheim © Stadttheater Pforzheim

Schillernd, boulevardesk und bravourös

  Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart

 Premiere am Samstag, 29. Oktober um 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen Di, 1.11, Do, 10.11, So, 20.11 und Sa, 26. November 2016, sowie an weiteren Terminen, Einführung 20 Minuten vor der Vorstellung

Pforzheim / Stadttheater_Die Hochzeit des Figaro © Sabine Haymann

Pforzheim / Stadttheater_Die Hochzeit des Figaro © Sabine Haymann

Im Schloss des Grafen Almaviva, Aguasfrescas bei Sevilla, um 1780: Es ist wahrlich ein verrückter Tag: Figaro und Susanna sind mitten in den Hochzeitsvorbereitungen, und alles könnte so schön sein, wäre da nicht der Graf. Er hat ein lüsternes Auge auf Susanna geworfen, macht ihr eindeutige Avancen und pocht dabei auf das alte Herrenrecht auf die erste Nacht. Allerdings kommt ihm seine Gattin – die Gräfin – auf die Schliche. Ihre Ehe ist zwar ein bisschen eingeschlafen, doch möchte sie ihn nicht so einfach aufgeben. Da Susanna aber nicht einmal im Traum daran denkt, sich vom Grafen verführen zu lassen, schmieden die beiden Damen einen Komplott. Ob ihr Plan gelingt, ist anfangs sehr fraglich, da noch weitere Figuren an dieser und an anderen Intrigen mitspinnen: ein dauerverliebter Page, der jedem Rockzipfel hinterherhechelt, ein wortgewandter Rechtsverdreher, der mit Figaro noch eine alte Rechnung offen hat, ein vertratschter Hausdrachen und ein intriganter Musiklehrer …

Figaros Hochzeit zählt zu den schönsten Werken, die Mozart je komponierte und gilt seit seiner Uraufführung im Jahr 1786 als Dauerbrenner. Vier Jahre nach seiner letzten abendfüllenden Oper Die Entführung aus dem Serail stellt Die Hochzeit des Figaro eine komische Oper – eine Opera buffa dar. Sowohl die Handlung als auch die Musik leben von subtilem Humor und psychologischen Scharfblick. Zahlreiche Arien wechseln sich mit Ensemble-Nummern ab und werden verbunden durch Secco-Rezitative. Mozarts Musik erklingt mit einer bis dahin unerhörten Vielschichtigkeit des Orchester- und Stimmsatzes. Die schillernden Ensembleszenen voller Situationskomik changieren mit virtuosen Arien. Dabei offenbaren sie einen tiefen Blick in das Innenleben der Figuren: Es werden Intrigen für und gegen die Hochzeit gesponnen, Kleider und Menschen getauscht, versteckt, überlistet und belogen – kurzum alle menschlichen Unzulänglichkeiten mit einem Augenzwinkern entlarvt.

 Pforzheim / Stadttheater_Die Hochzeit des Figaro2 © Sabine Haymann

Pforzheim / Stadttheater_Die Hochzeit des Figaro2 © Sabine Haymann

Eigentlich kann man Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro als ‚musikalische Komödie‘ bezeichnen. Die künstlerische Direktorin und Regisseurin Caroline Stolz sagt über ihre Inszenierung: „Mich interessiert die wunderbare Kombination von Melancholie und Witz in diesem Stück. Diese Mischung ist ein Charakteristikum aller guten Komödien: Die Figuren dürfen in keinem Augenblick wissen, dass das, was sie tun, komisch ist. Eine wirklich gute Komödie entsteht, wenn die Situationen für die Figuren beängstigend und gefährlich sind und sich auf eine komische Weise entwickeln. Hinzu kommen technische Herausforderungen, die insbesondere den »Figaro« zu einer inszenatorischen Herausforderung machen. Wie ich finde, war Mozart ein genialer Komiker. Seine Musik sprüht in nahezu jedem Takt vor Witz. Ich verehre diese Oper sehr!“

Und Ausstatter Jan Hendrik Neidert ergänzt: „Das Bühnenbild steht ganz im Zeichen eines Objektes – dem Fächer. Dieses jahrtausendealte Requisit erfreute sich auch in Andalusien und den europäischen Höfen größter Beliebtheit. Neben der reinen Funktion, dem Nutzer in der Hitze Kühle zuzuwedeln, assoziiert es Verführungskraft und Koketterie und wurde in der Gesellschaft zum Statussymbol der Weiblichkeit. Gerade in Mozarts Epoche erhielt der Fächer eine brisante Rolle, in dem eine geheime Fächersprache in der Hofgesellschaft Einzug hielt. Codiert wurden nonverbale Signale durch Haltung und Bewegung gesendet, vor allem das Liebesspiel betreffend. Die semitransparente Eigenart des Fächers spiegelt Inhalte wie „Sehen und Gesehen werden“ und das Versteckspiel wider, das die Handlung unterstützt. Alle Räume in der Pforzheimer Inszenierung werden durch große überdimensionale Fächer gebildet. Mit weißer Spitze bespannt, bilden sich die Räume in einem Reigen des Schließens und Entfaltens.“

Karten gibt es ab 16,80 Euro (ermäßigt 8,40 Euro) an der Theaterkasse am Waisenhausplatz unter Tel. 0 72 31/39-24 40, im Kartenbüro in den Schmuckwelten und auf www.theater-pforzheim.de

Mit Paul Jadach, Silvia Micu, Franziska Tiedtke, Cornelius Burger, Danielle Rohr, Manuela Wagner/Gabriela Zamfirescu, Aleksandar Stefanoski, Johannes Strauß, Elisandra Melián und Spencer Mason,  Badische Philharmonie Pforzheim, Chor des Theaters Pforzheim

Musikalische Leitung  Mino Marani, Inszenierung  Caroline Stolz,

Premiere am Samstag, 29. Oktober um 19.30 Uhr, Weitere Vorstellungen am Di, 1.11, Do, 10.11, So, 20.11 und Sa, 26. November 2016, sowie an weiteren Terminen, Einführung 20 Minuten vor der Vorstellung. PMThPf

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