München, Residenztheater, Mauser von Heiner Müller, IOCO Kritik, 02.12.2017

Dezember 2, 2017 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

 Mauser von Heiner Müller

„Die Menschwerdung des Menschen“

 Von Hans-Günter Melchior

Vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Sie besuchen ein Stück, das und dessen Autor Sie einigermaßen zu kennen glauben und dem Sie sich gewachsen fühlen. Und dann geraten Sie in ein Minenfeld von Theorien und Meinungen, von formalen Besonderheiten und Experimenten und es wird ein richtig schwieriger Abend, aus dem Sie nur schwer einen Weg hinaus in eine rationale Erklärung finden.

So kann es Ihnen bei dem Stück Mauser von Heiner Müller in der Inszenierung Oliver Frljic´s im Marstalltheater in München widerfahren.

Ein Lehrstück? Vielleicht. Vielleicht auch nur ein Stück zum Nachdenken, das sein aggressives Lehr- und Lernziel, sofern es eines hat, verfehlt. Weil es an Selbstzweifeln leidet. Weil es zwischen Revolution und Evolution schwankt und sich unter diesem großen Fragezeichen duckt. Und damit die Frage offen lässt.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Christian Erdt, Nora Buzalka, Franz Paetzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann © Konrad Fersterer

Es handelt vom russischen Bürgerkrieg, der mit der Oktoberrevolution von 1917 begann und mit der Gründung der Sowjetunion 1922 endete. Mauser oder einfach A muss sich vor einem Revolutionstribunal verantworten, weil ihm das Töten zum Selbstzweck wurde, für ihn eine „Arbeit wie jede andere“ ist, die sich vom revolutionären Ziel gelöst hat. Es wird ihm (von einem Chor) angesonnen, geradezu einsichtig in seine Hinrichtung einzuwilligen.

Aber er, der seinen Vorgänger B exekutierte, weil dieser aus Mitleid konterrevolutionäre Bauern laufen ließ, will leben. Er pocht darauf, ein Mensch zu sein. „Ein Mensch – Was ist das?“ fragt widerständig das Stück. Steht der Mensch am Ende der Revolution als dessen Ergebnis? Oder wird er von der Revolution als Humanwesen geopfert? Und: ist dieses Opfer also sinnlos, weil am Ende der Revolution nichts weiter als die Revolution selbst steht, die sich zum einzigen Ziel des Kampfes gemacht hat? Kann man Humanität durch Inhumanität, durch Terror erkämpfen? Heiligt der Zweck die Mittel und bleibt letztlich der Zweck in den Mitteln stecken? Ein Fragengebirge, das den frommen Himmel ideologischer Selbstgewissheiten kratzt.

„Das Gras müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt“, heißt es mehrfach im Stück. An diesem inneren Widerspruch leidet die revolutionäre Theorie. Denn durch das Ausreißen verdorrt gerade erst das Gras.

Brecht fand in seinem Stück Die Maßnahme noch eine eindeutige Antwort: der echte Revolutionär stimmt bedingungslos seiner Hinrichtung zu, weil er gegen seinen revolutionären Auftrag verstoßen hat. Heiner Müller zögert hingegen mit der Antwort…

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier Alfred Kleinheinz © Konrad Fersterer

In der Regie von Oliver Frljic´ überwiegen indessen die implizierten formalen Elemente des Stücks. Ziel, so Müller in Anlehnung an Brecht, ist es nicht, die Zuschauer zu belehren, diese sind grundsätzlich sogar entbehrlich. Vielmehr sind es die Schauspieler selbst (und im Wesentlichen allein diese), die im Vollzug des Spielereignisses aus dem Stück Erkenntnisse gewinnen. Dieser Absicht dient auch der Umstand, dass die Rollen ständig wechseln. Jeder Schauspieler schlüpft gleichsam im Wechsel in die Rolle eines anderen, um aus der Perspektive des Anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn zu erzielen.

Sofern Zuschauer sich eingefunden haben, zwingt dies freilich zu den erkenntnisvermittelnden Aktionen des sogenannten performativen Theaters. Konkret heißt das, dass Interaktionen zwischen Zuschauern und Schauspielern stattfinden. Die Schauspieler verlassen den künstlerischen Sakralraum der Bühne und wenden sich direkt an einzelne Zuschauer, mit denen sie zumindest symbolisch interagieren. Während auf bzw. hinter Bühne das überdimensionale Gesicht Heiner Müllers (ein bekanntes Foto) mit der obligatorischen Zigarre das Geschehen beobachtet. Auf der Bühne selbst befindet sich außer einigen Utensilien aus der proletarischen Romantik, z.B. ein Holzpflug, nur eine gelegentlich hereingefahrene Pritsche, auf der „lebendige“ oder zum Leben erweckte Leichen liegen und zu spielen anfangen.

Mauser von Heiner Müller: Weitere Vorstellungen
Marstall – 11.12.2017 – 12.01.2018

In mehr als der Hälfte des Stücks sind die Schauspieler (allesamt großartig und bewundernswert virtuos, sowohl in ihren körperlichen wie auch sprachlichen Aktionen: Nora Buzalka; Christian Erdt; Marcel Heupermann; Alfred Kleinheinz und Franz Pätzold) völlig nackt. Dieser Umstand soll den Lernaspekt, dem sich die Schauspieler (und nicht, wie gesagt, die Zuschauer) unterwerfen verdeutlichen: die Belehrung vermittelt sich nämlich nicht nur unter sprachlichen und argumentativen Gesichtspunkten, sondern vor allem auch in körperlichen Erfahrungen. Wobei die körperliche Erfahrung durchaus eine gewisse Eigenständigkeit behauptet und quer zur Ideologie steht. So ist auch das exzessive Holzhacken zu verstehen, dem sich die Darsteller mit sichtbarer Anstrengung unterziehen. Der Regisseur hierzu im Interview, das im Programmheft abgedruckt ist: „Vielleicht kann man den Kampf der Körper gegen die Ideologien auch als Kampf der Körper mit dem Text beschreiben, also zwischen den Bedeutungen, die vom Text erzeugt, und den Bedeutungen, die die Körper erzeugen.“ Und weiter: „Indem sich die Körper nicht mehr dem Text unterwerfen, behauptet das Theater eine gewisse Autonomie oder Eigenwertigkeit, weil es sich einer zu gängigen, zu einfachen Lesbarkeit wiedersetzt.“ Dabei ist Frljic´ im Gegensatz zu Müller der Auffassung, dass der nackte Körper keineswegs eine nicht mehr hinterfragbare Individualität darstellt, sondern selbst noch Träger einer Ideologie ist.

Verstörend der Schluss: auf einer Grabstele, die den Namen Heiner Müller trägt, steht Müllers Kopf in Eis geformt. Die Frau des Ensembles zerhackt diesen Eiskopf mit wuchtigen Axthieben, bis nur noch Stücke übrig bleiben. Der Älteste aus der Gruppe der Revolutionäre nähert sich mit einem Whiskyglas. Er wirft sakrilegisch einen Eisbrocken aus dem zerhackten Kopf in seinen Whisky. Danach kracht die Hintergrunddekoration mit Müllers Foto in sich zusammen und es wird stockdunkel im Theater. Heiner Müllers Absturz. Der Regisseur glaubt nicht an den von Zweifeln gepeinigten Autor. Und er glaubt nicht an die Veränderungsfähigkeit- und willigkeit einer/unserer Gesellschaft.

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller - hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Residenztheater München / Mauser von Heiner Mueller – hier vl Nora Buzalka, Christian Erdt, Alfred Kleinheinz, Marcel Heupermann, Franz Paetzold © Konrad Fersterer

Ein Abend auf der Höhe der formalen Diskussion des modernen Theaters. Verwirrend, aber nicht falsch. Mit über Kreuz gezogenen Ideen, aber nicht sinnlos. Historisch und zugleich zeitnah. Die politischen, ideologischen und religiösen Fanatismen unserer Zeit werden geradezu gedanklich-assoziativ aufgewirbelt. Das prinzipielle Problem wird deutlich: ist diese Gesellschaft strukturell und inhaltlich in der Lage, sich selbst zu hinterfragen? Kann eine gesellschaftliche Veränderung hin zur sozialen Gerechtigkeit mit friedlichen (demokratischen) Mitteln erlangt werden? Oder lassen sich Veränderungen nicht ohne Kampf, Gewalt und Terror herbeiführen? Revolution oder Evolution? Kommen wir aus diesen Verwicklungen heil heraus, solange wir noch nicht die Menschen sind, die wir sein sollen?

Keinen Vorwurf an den, der daran zweifelt. Der Kampf steht uns noch bevor. So oder so. Aber die Sehnsucht geht nach dem Frieden.

„Ein Mensch – Was ist das?“ Von der Vollkommenheit besessen in seiner unabänderlichen Unvollkommenheit. Teufel und Engel zugleich.

Eine gewisse angestrengte Ratlosigkeit mischt sich in den freundlichen Beifall. Auf der Straße stolpert man über kleinste Steine, weil der Kopf so schwer geworden ist.

Münster, Theater Münster, Ballett Bach.Immortalis von Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Bach.Immortalis – Ballett von  Hans Henning Paar 

Getanzte Hommage an Bach

Von Hanns Butterhof

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Johann Sebastian Bach in Weimar © Gallée

Dem unsterblichen Barock-Komponisten Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) widmet Münsters Tanzchef Hans Henning Paar sein neues Tanzstück „Bach.Immortalis“ am Großen Haus des Theaters Münster. In dreizehn Szenen tanzt das Ensemble aus je sechs Tänzerinnen und Tänzern zu zwölf life gespielten Kompositionen Bachs. Zu einer Szene hat der Dirigent des Abends, Thorsten Schmid-Kapfenburg, die Eigenkomposition „Reflexionen über B-A-A-C-H-H“ beigesteuert.

Am Beginn liegt  Jason Franklin zu dem Bach-Choral „Komm, süßer Tod“ wie ein nacktes Neugeborenes auf dem Rücken. Dann windet er sich wie ein Falter aus seinem Kokon, erarbeitet sich und feiert mit großem Schwung den aufrechten Gang, und sinkt dann langsam wieder in sich zusammen.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Jason Franklin © Oliver Berg

Die Szene dürfte Paars Ausdruck für sein Programm sein, im Tanzen den Menschen zu zeigen als Summe dessen, was vor uns geschah, was jetzt geschieht und nach uns geschehen wird, wie das Textbuch sinngemäß Salman Rushdie zitiert.

Was dann folgt, erfüllt dieses Programm nicht zwingend. Im rasanten Wechsel der Szenen dominieren die Ensembles. In Paars typischer athletischer Handschrift jagen die Tänzerinnen und Tänzer in Alltags-Kleidung  über die mit einer halbrunden, matt goldenen Wand abgeschlossene Bühne (Bühne und Kostüme: Isabel Kork). Innerhalb der Ensembles finden und trennen sich Paare, es wechseln individuelle mit kollektiven Gesten, und Vokabular aus dem klassischen Ballett wie Pirouetten, Hebungen und Sprünge mischt sich mit dem des freien Tanzes.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Ensemble © Oliver Berg

Der Mensch ist nicht immer nur ernst und auf das Jenseits ausgerichtet. So tanzen zur schwungvollen Polonaise aus der Orchestersuite in h-Moll vier Paare über die Bühne. Sie scheinen nicht mehr ganz nüchtern, haben lustige kleine Karnevalshütchen auf den Köpfen und Scherz-Flöten im Mund. Deren schräges Tröten setzen sie am Ende dem Wohlklang Bachs und der Angst vor dem Tod entschlossen entgegen.

Irritierend untänzerisch sind die Beschwörungen barock Gekleideter im Bühnennebel. Einer von ihnen trägt langsam zum Mittelsatz des Zweiten Brandenburgischen Konzerts einen Koffer herein, während das Ensemble sich wie erinnernd rückwärts bewegt. Und wenig plausibel sind die Projektionen alter schwarz-weißer Familienfilme auf eine vom Schnürboden heruntergelassene Videowand oder in einen Koffer hinein, in dem dann ein laufendes Kind zu sehen ist. In spannungsreichem Gegensatz dazu erklingt Schmid-Kapfenburgs Bach-Reflexion, die in ihrer anfänglichen Dynamik und dem spätromantischen Zur-Ruhe-Kommen dem Leben zum Tode hin schmerzlich Ausdruck verleiht.

 Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Theater Münster / Ballett BACH.IMMORTALIS hier Maria Bayarri Pérez, Keelan Whitmore © Oliver Berg

Aus den rasenden Ensembles ragen die stilleren Paartänze und Soli heraus. Vor allem ergreift das Duett der ausdrucksstarken Maria Bayarri Pérez mit dem eleganten Keelan Whitmore als das innige Bild eines Paares, in dem er sie hält, trägt und hebt. Das kann tänzerisch ganz für sich stehen wie auch ein langes, intensives Solo von Elizabeth Towles zwischen den nicht immer sinnvoll vom Schnürboden mal mehr, mal weniger hoch herabgelassenen Lastenzügen.

Nach neunzig pausenlos getanzten Minuten galt der begeisterte Beifall des Publikums dem aufopfernd kraftvollen Tanz des Ensembles und der kleinen Besetzung des Sinfonieorchesters Münster unter Thorsten Schmid-Kapfenburg.

Bach.Immortalis – Ballett am Theater Münster; Die nächsten Termine: 3.12., 15.12. und 22.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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München; Gärtnerplatztheater – Wiedereröffnung nach fünf Jahren Sanierung, IOCO Aktuell, 20.10.2017

Staatstheater am Gärtnerplatz München

München / Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

München / Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 

Sanierung – Die Reise ins Unbekannte, IOCO Aktuell, 17.07.2012

Das Gärtnerplatztheater feiert seine Wiedereröffnung

„Endlich wieder im Stammhaus“

Von Daniela Zimmermann

„Eine Reise ins Unbekannte“ schrieb IOCO im Juli 2012, als das Gärtnerplatztheater zur Sanierung seine Pforten schloss. Fünfeinhalb Jahre lang wurde seither an dem 1865 unter König Ludwig II. erbauten Staatstheater mit seinen 893 Zuschauerplätzen auf drei Rängen saniert. Zu seiner Gründungszeit war  das Theater berühmt für prachtvolle   Ausstattung, Dekoration und Bühnenbild. Es war seither nicht die erste Sanierung des Hauses, aber eine dringliche. Die Technik der Bühne  und die Beleuchtung waren für moderne Aufführungen nicht mehr geeignet. Dazu kamen neue Anforderungen an Brandschutz, Heizung, Probenräume, neue Bestuhlung und mehr. Mit der Sanierung wurde im Rückteil des Theatergebäudes ein neues Gebäude für Werkstätten, Proberäume und Probenbühne errichtet. €71 Millionen sollte 2012 die Sanierung kosten; auf etwa €125 Millionen belaufen sich die tatsächlichen Sanierungskosten 2017: Mehrkosten  +€54 Millionen, +76%.

Der Gärtnerplatz in München / Zur Eröffnung des Theaters geschmückt © D Zimmermann

Der Gärtnerplatz in München / Zur Eröffnung des Theaters geschmückt © D Zimmermann

Am 15. – 16.10.2017 wurde die Wiedereröffnung des traditionsreichen Gärtnerplatztheaters gefeiert: Schon vor dem Theater ging es festlich zu. Abendliche Wärme eines wunderschönen Herbsttages belebte die Stimmung. Figuren auf Stelzen zur Begrüßung, die Fassade des Theaters beleuchtet, dazu der wunderbare Gärtnerplatz. Festlich gekleidete Menschen mit Sektglas, fröhlich gestimmt und voller Erwartung. Alle wollen die Eröffnung feiern. Eine berührende Atmophäre.

Gefeiert wurde die Wiedereröffnung mit einer Galavorstellung. Die  Besucher bewegten sich voller Bewunderung durch die sanierten Räume des Theaters . Alles dort erstrahlte in einem eigenen, wiedererstandenen Glanz. Josef Köpplinger, seit 2013 Intendant des Hauses,  sprach über den Kulturauftrag des Theaters, über die Liebe und Schönheit der Kunst, deren Bestimmung verbindet. Fünf Jahre der Improvisation auf Ersatzspielstätten endeten an diesem Tag. Auch für Josef Köpplinger ein Tag der Rückkehr in die Theaternormalität.

Die Galavorstellung war so gestaltet, dass alle Sänger, Tänzer, Chorist/innen, Kinderchor und das siebeundsiebzig Musiker umfassende Orchester mit ihren drei Dirigenten Anthony Bramall, Andreas Kowalewitz und Michael Brandstätter auftreten.  Bevor aber die Künstler ihr Kunst präsentierten ging der neue  Vorhang auf: Nach oben und nicht, wie gewohnt, zur Seite. Das Publikum bestaunte sich zunächst selbst: In einem riesigen Spiegel auf der Bühne. Der Ansprache von Intendant Köpplinger folgte ein Film, der die jahrelange Sanierung  des Hauses in all seinen Einzelheiten beeindruckend beschrieb.

Gärtnerplatztheater München / Der neue Bühnenvorhang © D Zimmermann

Gärtnerplatztheater München / Der neue Bühnenvorhang © D Zimmermann

Sigrid Hauser übernahm die Moderation des Abends. Sie überraschte mit einem interessanten Zitatenfundus,wie einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1907, als es einen richtigen Kampf gab, um die hundertfünfzig Karten einer Vorstellung der Lustigen Witwe. Aber Shakespeare, Heinz Ehrhardt und selbst Goebbels trug Sigrid Hauser mitreißend  launisch vor.

Aus dem Musical The Frogs hielt dann das Ensemble die Ansprache an das Publikum. Mit der Suite aus Star Wars präsentierte sich das Orchester. Und so ging es weiter, einzeln, im Duett, mit dem Chor; alle sangen und tanzten wie immer erstklassig, brillant. Besonders anrührend der Vortrag von Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner aus Anatevka  Ist es Liebe. Aus der Dreigroschenoper der Kanonensong. Die Bühne bewies hier die neue Technik, als eine Jazzband von unten nach oben gefahren wurde, um auf der Bühne ihre Instrumente auszuleben. Elaine Ortiz spielte überraschend auf der Gitarre und sang ein Lied aus ihrer Heimat. Mozart mit Figaros Hochzeit durfte natürlich auch nicht fehlen und selbstverständlich auch nicht Verdi, Donizetti, Rossini, Lehar und Johann Strauß.

Donner und Blitz, die beliebte Polka von Strauß war geschaffen für das starke Ballett des Gärtnerplatztheaters. Den Schluss von Carmina Burana brachte der Chor wunderbar und kraftvoll vor. Daniel Prohaska und Camille Schnoor sangen „Lippen Schweigen“  aus der Lustigen Witwe, ein Vorgeschmack auf die erste reguläre Aufführung im neuen Haus, um sodann mit dem gesamten Ensemble und Brüderlein und Schwesterlein aus der Fledermaus auszuklingen. Die Champagnerlaune auf der Bühne passte zu diesem beschwingten Abend. Irving Berlin mit seinem „There’s No Business Like Show Business” beendete die Wiedereröffnungsfeier.

Gärtnerplatztheater München / Zum Abschied in goldene fließende Tropfen gehüllt © D Zimmermann

Gärtnerplatztheater München / Zum Abschied in goldene fließende Tropfen gehüllt © D Zimmermann

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Doch der prickelnde Galaabend wie die in fließenden Goldfarben angestrahlte Theaterfassade hatten hohe Erwartungen, Neugierde auf kommende Produktionen des Gärtnerpatztheaters geweckt.

Münster, Theater Münster, Die Katze auf dem heißen Blechdach, IOCO Kritik, 14.10.2017

Oktober 14, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Katze auf dem heißen Blechdach  von Tennessee Williams

Liebloser Kampf um Geld und Status

VON HANNS BUTTERHOF

Frank Behnke hat an Münsters Großem Haus Tennessee Williams’ Theaterklassiker „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ von 1955 fesselnd inszeniert. Das Stück atmet den Geist des amerikanischen Psychotherapie-Traums, das Aussprechen bisher zurückgehaltener Wahrheiten sei heilend, und lebt davon, diese Wahrheiten ans Licht zu bringen.

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach - Die Beziehung zwischen Brick und Margaret ist zerstört © Marion Bührle

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach – Die Beziehung zwischen Brick und Margaret ist zerstört © Marion Bührle

Schon die Feier für den 65. Geburtstag von Big Daddy (Wilhelm Schlotterer), einem schwerreichen Südstaaten-Plantagenbesitzer, beginnt mit einer Lüge. Ihm und seiner Frau Big Mama (Carola von Seckendorff) wird vorgemacht, er sei gesund. Alle anderen Familienmitglieder aber wissen, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. In einer Arena mit Blick auf weites Land, die Martin Miotk für das Stück sinnig gebaut hat, findet unter der trügerischen Decke einer Familienfeier der Kampf um das Erbe von Big Daddy statt.

Im Werben um die Gunst des Erblassers platzen alle möglichen Lebenslügen. Es kommt heraus, dass alle Männer ihre Frauen hassen. Das überrascht vor allem beim Erstgeborenen Gooper (Christian Bo Salle). Die Muster-Ehe des ewig zurückgesetzten, narzisstisch gekränkten Advokaten mit seiner bösen Frau Mae (Ulrike Knobloch) ist leere Konvention. Sie zielt mit ihren fünf Kindern, kleinen blonden Bestien, nur darauf ab, Big Daddys Wohlwollen zu gewinnen. Dass dabei ihre pure Geldgier zutage kommt, hat keine ihre Kälte heilenden Folgen.

Konventionell verlogen ist auch die Ehe Big Daddys. Der vitalistische Polterer träumt recht bieder von einer außerehelichen Affäre und offenbart seinen Hass auf seine anfangs immer quietschige, nervend das Ei9nhalten von Konventionen fordernde Frau. Aber in ihr steckt erstaunlich viel  Substanz; resolut nimmt sie im Augenblick seiner Schwäche Big Daddys Interessen gegen Gooper und Mae wahr, so dass er am Ende doch mit ihr zusammen bleibt.

Dass der jüngere Sohn Brick (Joachim Foerster) mit seiner Frau Margaret (Sandra Bezler)  weder eine intakte eheliche Beziehung noch Kinder hat, liegt offen zutage. Aber es ist sein Geheimnis, warum sich das ehemalige Sport-As ganz aus dem Lebenskampf verabschiedet und exzessiv dem Alkohol ergeben hat. Mit verglastem Blick hört er nicht auf die Reden der anderen und humpelt, an Leib und Seele verletzt, auf Krücken über die Bühne.

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach - Brick und Big Daddy sagen sich die Wahrheit © Marion Bührle

Theater Münster / Die Katze auf dem heissen Blechdach – Brick und Big Daddy sagen sich die Wahrheit © Marion Bührle

Im Gegensatz zu ihm hat Margaret (Sandra Bezler) noch nicht kapituliert. Sie ist die Katze, die es auf dem heißen Blechdach dieser Familie aushält, ohne abzuspringen. Aber es bleibt offen, ob sie aus Liebe zu Brick bleibt,  oder ob die aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Frau nur katzenzäh ihren sozialen Status verteidigen will. Ob es ihr gelingt, Brick doch ins Bett zu locken und mit ihm den ersehnten Enkel zu zeugen, bleibt offen.

Bricks Weigerung, die verlogenen familiären und gesellschaftlichen Rituale, den lieblosen Kampf um Geld und Status mitzumachen, ist bewegend nachvollziehbar. Am Ende scheint die Hoffnung auf, durch das offene Aussprechen der wahren Gründe für seinen Selbst- und Lebensekel könnte seine Ehe ins Lot gebracht, er wieder gesellschaftsfähig und Big Daddys respektabler Erbe werden.

Dieser Schluss zielt auf die Integration in die Gesellschaft mit ihren Konventionen, nicht auf die Beseitigung ihrer Zwänge, die so zu persönliche Macken verharmlost werden, die eine kleine Therapie heilen kann.  Viel Beifall für das spielfreudige Ensemble.

Die Katze auf dem heißen Blechdach im Theater Münster; die nächsten Termine: 13.10. und 7.12. um 19.30 Uhr, 26.11. um 15.00 und 26.12.2017 um 19.00 Uhr.

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