Osnabrück, Theater Osnabrück, Nathan der Weise von G. E. Lessing, IOCO Kritik, 10.03.2017

März 11, 2017 by  
Filed under Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Nathan der Weise, das dramatische Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing von 1879, ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Das Licht der Aufklärung erlischt

Pessimistischer „Nathan der Weise“ im Theater am Domhof

Von Hanns Butterhof

Lessings Dramatisches Gedicht Nathan der Weise von 1879 ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Theater am Domhof Osnabrück /  Nathan der Weise - Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Regisseur Schnizer und seine Ausstatterin Christin Treunert lassen das Stück in einem Flüchtlingslager spielen. Die Moslems beten mitten auf dem Platz, in einer Hütte hinten singen die Juden, während daneben die Katholiken versuchen, alle übrigen mit penetranten Bekenntnissen ihres Glaubens zu übertönen; Toleranz sieht anders aus.

Welche Aufgabe für die Regie, szenisch glaubhaft zu machen, dass gerade in einer so beengten, explosiven Lage nur Toleranz eine Chance zum menschlichen Miteinander eröffnet! Schnizer inszeniert stattdessen pessimistisch deren Chancenlosigkeit.

Das nur einer oberflächlichen Aktualisierung geschuldete Bühnenbild macht es schwer, an die Figuren und ihre Geschichte zu glauben. Da kehrt der reiche Kaufmann Nathan (Ronald Funke) mit seinen Waren ausgerechnet in ein Flüchtlingslager zurück. Der Sultan Saladin (Andreas Möckel) hat noch nicht gemerkt, dass er jetzt im Zelt und auf Kosten seiner Schwester Sittah (Marie Bauer) lebt; er interessiert sich mehr für religiöse Themen. Und wessen Gefangener kann der junge Tempelherr (Niklas Bruhn) in diesem Niemandsland sein?

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise - Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Selbsterhaltung, Eigeninteresse und religiöse Scheuklappen bestimmen die Handlungen im Camp, überdeutlich beim christlichen Patriarchen (Klaus Fischer) und Daja (Cornelia Kempers), der katholischen Erzieherin Rechas (Elaine Cameron), der Ziehtochter Nathans. Auch Nathan ist so aufbrausend wie vorsichtig, wenn er dem forschen, großsprecherischen Saladin seine Ringparabel erzählt; weise erscheint er nie. Und der Tempelherr bringt für seine Liebe zur kindlich aufgedrehten Recha ihren Ziehvater Nathan in Lebensgefahr. Wenn am Ende alle schreiend ihren je eigenen Gott loben und im Theater das Licht ausgeht, erlischt auch das Licht der Aufklärung.

Wegen der mit den Zelten des Camps zugestellte Bühne müssen die Schauspieler viele unmotivierte Wege gehen, um an den schmalen Streifen an der Rampe anzukommen, von wo sie dann szenisch unlebendig ins Publikum reden müssen. Trotzdem berühren in alldem einige Szenen unmittelbar. Etwa wenn der dankbare Nathan die Brandflecken auf der Uniformjacke des Tempelherrn küsst, die von der Rettung Rechas aus Nathans brennendem Haus stammen. Da empfindet man mit Nathan Dankbarkeit und leidet mit ihm daran, dass der junge Krieger diese Geste aus Judenverachtung zurückweist. Hier spricht die Aufführung ein Gefühl für allgemeine Menschlichkeit an und macht erfahrbar, wie sich Intoleranz und Vorurteil zerstörerisch darauf auswirken. Dieses Gefühl zu befördern, nicht mit Verweis auf Aktualität „realistisch“ zu dekonstruieren, wäre im Sinn von Lessings „Nathan“.

Nathan der Weise in Osnabrück: Die nächsten Termine: 14. , 30.3. und 5.4.2017  jeweils 19.30 Uhr, am 30.4.2017 15.00 Uhr im Theater am Domhof.

 Theater im Domhof – Karten Hier:
Karten Kaufen

Osnabrück, emma – Theater, Dantons Tod von Georg Büchner, IOCO Kritik, 08.03.2017

März 8, 2017 by  
Filed under Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

theater_osnabrueck_logo

Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 Dantons Tod von Georg Büchner

Wenn das Private politisch tödlich wird
Revolutionspanorama als psychologisches Kammerspiel

Von Hanns Butterhof

emma Theater Osnabrück / Die pralle Lebenslust der Kommune © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Die pralle Lebenslust der Kommune © Uwe Lewandowski

Wenn es in Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod der Kommune Dantons buchstäblich an den Kragen geht, sitzt das Publikum so dicht um die Spielfläche, als gehörte es dazu; es bekommt zur gerade lautstark abgehenden Party sogar ein Schnäpschen gereicht. In der Nahperspektive von Regisseur Alexander Charim verengt sich Büchners politisches Breitwand-Panorama der Französischen Revolution im emma-theater fesselnd auf ein psychologisches Kammerspiel.

Alexander Charim und sein Ausstatter Ivan Bazak wollen deutlich kein Illusionstheater. Leere Türrahmen trennen Wohn- und Schlafzimmer einer 68er Kommune, über eine flache Reihe von Ziegelsteinen gelangt man in die Küche mit Che-Poster an der Wand, wo später Robespierre zwanghaft seine Silberlöffel glänzend wichsen wird. Wann und wo eine Szene spielt, wird angesagt.

emma Theater Osnabrück / Die letzte Zigarette vor der Guillotine © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Die letzte Zigarette vor der Guillotine © Uwe Lewandowski

Im Zentrum des stark gekürzten und auf nur vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen konzentrierten Stücks stehen die Antipoden Danton und Robespierre. Die Nebenfiguren sind nur schlaglichtartig charakterisiert: Die freier Liebe und Ideen anhängenden Kommunarden, der idealistische Desmoulins (Valentin Klos), der Theoretiker Lacroix (Thomas Kienast), die sanften Julie (Helene Stupnicki) und die mit vollem Körpereinsatz liebende Lucille (Monika Vivell) stehen dem kalten Ideologe St. Just (auch Thomas Kienast) auf Seiten Robespierres gegenüber.

Janosch Schulte als Danton ist von Beginn an gedankenblass angekränkelt. Selbst wenn er kommunekuschelig mit allen im Bett liegt oder mit der Grisette Marion (ebenfalls Monika Vivell) verkehrt, steht er wie neben sich. Schulte macht eindringlich den Grund seiner letztlich für ihn und seine Anhänger tödlichen Handlungsunfähigkeit deutlich : Seit er nicht mehr an die Berechtigung dafür glaubt, als Justizminister der jungen revolutionären Republik die gefangenen Monarchisten hinrichten zu lassen, zweifelt er grundsätzlich am Sinn allen Handelns. Aus dem Partylöwen Danton ist ein Melancholiker geworden.

emma Theater Osnabrück / Dantons Kommune im Gruppenbett © Uwe Lewandowski

emma Theater Osnabrück / Dantons Kommune im Gruppenbett © Uwe Lewandowski

Auch sein Gegenspieler Robespierre, von dem Stefan Haschke ein fesselndes Portrait zeichnet, ist kein selbstbewusster Tatmensch. Er steigert sich erst durch laute Zustimmung in seinen schreienden Extremismus hinein. Über eigene Skrupel wegen seines Terrors lässt er sich von Scharfmachern wie St. Just (ebenfalls Thomas Kienast) hinwegtragen. Weil der asketische Saubermann aber seine Sexualität nicht unter Kontrolle bekommt, wendet der seinen Selbsthass gegen Danton, den er als lustvoll in sich ruhenden Lebemann verkennt. Aus diesem Missverständnis wird das Private tödlich politisch. Robespierre liefert Danton und Genossen der Guillotine aus, ihre liebenden Frauen folgen ihnen in den Tod.

Das engagierte Ensemble und Büchners überwältigende Sprache machen Dantons Tod  in Charims interessanter Deutung zu einem tollen Theatererlebnis.

Dantons Tod im emma – Theater, Osnabrück: Die nächsten Termine: 11., 14., 21. und 26.3., jeweils 19.30 Uhr

 Theater im Domhof – Karten Hier :
Karten Kaufen

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Wiener Philharmoniker_Brahms-Glanert-Mahler, IOCO Kritik, 10.2.2017

Februar 11, 2017 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Ätherischer Streicherklang aus der Tiefe der Unterwelt

Wiener Philharmoniker und Semyon Bychkov 

Von Sebastian Koik

Für ihr erstes Konzert in der Elbphilharmonie am 22.1.2017 haben die Wiener Philharmoniker ein Programm mit starkem Hamburg-Bezug zusammengestellt: Mit Johannes Brahms und Detlev Glanert sind zwei der drei Komponisten des Abends Söhne der Stadt; Gustav Mahler lebte und wirkte sechs Jahre lang in Hamburg und dirigierte in dieser Zeit unfassbare 715 Opernvorstellungen.

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Das Konzert beginnt mit Johannes Brahms/ Detlev Glanert: Vier Präludien und Ernste Gesänge. Brahms stellte die Texte für die Gesänge aus der Bibel zusammen und wollte darin Trauer und Trost ausdrücken. In den ersten drei Gesängen geht es um den Tod, im vierten Gesang um Liebe als erlösende Kraft. Dieses letzte große Werk von Brahms wird als die Quintessenz seines Liedschaffens angesehen. Detlev Glanert, der in Deutschland meistgespielte lebende Opernkomponist, hat Brahms‘ Gesänge für Orchester umgeschrieben und sie durch Präludien miteinander verbunden. Er ist beim Konzert anwesend.

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Deckenreflektor © Patrik Klein

Gleich zu Beginn wird deutlich, dass wir es mit einem besonderen Orchester zu tun haben. Die vielen Geigen und Bratschen klingen im ersten Präludium unglaublich ätherisch, ja himmlisch. Unvergleichlich schön. Der erste Gesang führt sofort mit den ersten Zeilen in das Thema Tod ein: „Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch.“ Der Bassbariton Johan Reuter singt beim ersten Lied auf eine derart außerirdisch klingende Weise, dass man meinen könnte, er stünde mit beiden Füßen kraftvoll auf dem Boden der Unterwelt. Sehr sonor, mit viel Bass, angenehm warm vibrierend und die Luft wunderbar zum Schwingen bringend. Johan Reuter singt wie mit dem Odem einer anderen Welt. Er setzt die Musik und die Stimmungen ganz hervorragend um und ist eine Idealbesetzung für die Ernsten Gesänge. Dieses erstes Lied kann man sich nicht besser gesungen vorstellen. Das ist ganz große Kunst der Lied-Interpretation

Das zweite Präludium erklingt schmerzerfüllt und leitet perfekt passend das nächste Lied ein. Der sehr einsam klingende Gesang ist getränkt von Leiden, Unglück und Verzweiflung, singt von Unrecht und dem schrecklichen Bösen „das unter der Sonne geschieht“. Das dritte Präludium lässt an Dantes Inferno denken, an Chaos, an Schmerz, ein aus den Fugen geratenes Dasein. Das darauf folgende Lied wirkt zunächst anklagend, leidend, von Schmerz gepeinigt. „O Tod, o Tod, wie bitter bist du“, heißt es in den ersten und wiederholt in den mittleren Zeilen. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, wechseln das Orchester und der Sänger zu extrem friedlichen und versöhnlichen Tönen. Das Orchester ist jetzt weit ausladend und verströmt Ruhe, Frieden, Licht, Schönheit. Der Tod wird jetzt mit seiner erlösenden Kraft gesehen. Der Gesang endet mit: „O Tod, o Tod, wie wohl tust du!“ Der Gesang von Johan Reuter ist im Erdboden fest verwurzelt und verankert und setzt die Musik und Gefühlslagen ganz wunderbar um.

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hmburg / Semyon Bychkov © Patrik Klein

Das vierte Präludium beginnt mit großer Nervosität und Unruhe, doch bevor der Gesang des vierten Liedes einsetzt, herrscht Harmonie. Der Gesang des letzten Liedes erklingt zum Schluss in einem Ton der Versöhnung, der Erkenntnis, des Friedens. Auch die sonstige Musik strahlt jetzt Frieden, Ruhe, Harmonie aus. Es wird das Bild einer unbeschwerten Idylle, einer reinen und unschuldigen Welt, einer Welt in Liebe gemalt. Textlich enden die Gesänge mit einem Hohelied auf Glaube, Hoffnung, Liebe, „aber die Liebe ist die größeste unter ihnen“. Dann ein Ausblenden. Ein schöner Ausklang aus der Welt der Vier ernsten Gesänge zurück in unsere.

In der zweiten Konzerthälfte steht Gustav Mahler mit der Sinfonie Nr.1 D-Dur Titan auf dem Programm, ein Werk das Mahler nach der ersten Aufführung in Budapest als zweites 1893 in Hamburg präsentierte. Damals erklang es im Konzerthaus Ludwig am Millerntorplatz an der Reeperbahn, diesmal in der erst vor wenigen Tagen eröffneten Elbphilharmonie.
Es beginnt mit der musikalischen Umsetzung von Stille. Aufgefächert über fünf Oktaven halten die Streicher den Ton a. “Im Anfang war das Nichts.“ Es klingt, als sei das Universum leer, als befinde man sich in einer Zeit vor der Erschaffung der Welt. Es herrscht eine sehr schöne Spannung! Cello-Klänge lassen an eine Ursuppe denken. Dann die erste Melodie, der Beginn „richtiger“ Musik. Doch nach den wunderschön gemalten Bildern und mysteriösen Stimmungen zu Beginn des Sinfonie spielt das berühmte Orchester ab jetzt zwar auf einem sehr guten Niveau, aber meist mit unvollkommenem Tempo und Timing und mit suboptimaler Spannung und Musikalität. Nicht straff, nicht spritzig, nicht quirlig und lebendig genug.

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gratulation für Semyon Bychkov und Wiener Philharmoniker © Patrik Klein

Beim Komponieren zitiert Mahler gerne, sich selbst und andere. In seiner ersten Sinfonie zunächst das Lied Ging heute morgen übers Feld, das er vier Jahre zuvor komponiert hatte. Im zweiten Satz stimmt Mahler einen Bauerntanz an, der zwischen derbem Volkston und graziler Kunstfertigkeit oszilliert. Im dritten Satz stimmen zunächst ein Kontrabass und eine Pauke den Kanon Bruder Jakob an, in den nach und nach weitere Stimmen aus dem Orchester einsteigen – das Ganze als Trauermarsch in Moll verwandelt. Es erklingen ein Tanz, ungarische Czardas-Tanzmusik. ein schön komponierter Walzer, doch leider wird das alles nicht lebendig genug gespielt. Es springt kein Funke über.

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Hamburg / Gustav Mahler © IOCO

Über den vierten Satz der Sinfonie schreibt Mahler:Mit einem entsetzlichen Aufschrei beginnt der letzte Satz, in dem wir unseren Helden mit allem Leid der Welt in furchtbarstem Kampfe sehen. Immer wieder bekommt er eins auf den Kopf vom Schicksal, und erst im Tode erringt er den Sieg. Herrlicher Sieges-Choral.“ Und herrlich, wie das Orchester diesen Kampf, Sieg und Choral spielt! Am Lebendigsten, Kraftvollsten, Musikalischsten spielen die Wiener Philharmoniker am heutigen Abend in den lauten, schnellen und klangmächtigen Passagen, in Passagen wie diesem letzten Satz des Titan.
Das Orchester und der durchgeschwitzte, erschöpft und müde wirkende Dirigent Semyon Bychkov erhalten viel Applaus und Jubel. Als Zugaben werden Antonín Dvoráks Slawischer Tanz e-Moll (c-Moll) op. 72/2 und Johann Strauß‘ (Sohn) Tritsch-Tratsch-Polka op. 214 gespielt.

Elbphilharmonie Hamburg – Karten Hier:
Karten Kaufen

Hamburg, Elbphilharmonie, Juwel der Kulturlandschaft – Die Eröffnung, IOCO Aktuell, 14.1.2017

Januar 14, 2017 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, IOCO Aktuell, Konzert

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

„Im Rausch der neuen Klänge“

Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg

Eröffnungskonzert im Juwel der Kulturlandschaft – 12.1.2017 –  Beginn einer neuen Zeitrechnung in der Hansestadt mit furiosen musikalischen Akzenten

Von Patrik Klein

Da sitzt man nun nach vielen langen Jahren der Geduld, des Hoffens und Ärgerns in bequemen Sitzen des großen Saals der Elbphilharmonie Hamburg, kommt aus dem Staunen über die herausragende Wirkung der wunderschönen Konzerthalle nicht heraus und kann kaum erwarten, den ersten Ton zu vernehmen.

Was hatte es doch in den letzten Jahren Schlagzeilen der negativen Art gegeben: Über unprofessionelles Management in Führungsetagen des Bauherren, der Architekten und der Baufirma, über Schlamm-schlachten und Naivitäten. Das war mehr als ärgerlich und ist nun endgültig Vergangenheit. Bald wird man es vergessen haben und sich nur noch der atemberaubenden, transparenten Akustik und der wunderschönen Architektur des neuen Hamburger Wahrzeichens widmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Eröffnungskonzert © Michael Zapf

Seit einigen Wochen kann man die Plaza, die dort integrierten Restaurants, Cafes und das Luxushotel in luftiger Höhe öffentlich betreten und staunen über den herrlichen Ausblick auf den Hafen und die Speicherstadt Hamburgs. Die 80 Meter lange Rolltreppe „Tube“ bringt den interessierten Besucher sanft in etwa zwei Minuten auf die Aussichtsplattform. Man wird entschleunigt vom Alltag und tritt ein in eine aufregende Kulturlandschaft mit spektakulärer Architektur.

: Je 2100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und davon

Und nun ist es so weit: Je 2100 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und davon immerhin je 500 glückliche Losgewinner dürfen bei den beiden Eröffnungskonzerten am 11. und 12.1. 2017 zugegen sein. Für die beiden Konzerte hat es keine Tickets im freien Verkauf gegeben. Auch aus dem Programm hatte man bis zum 11.1. ein kleines Geheimnis gemacht. Musik aus verschiedenen Epochen von der Renaissance bis zur Gegenwart, von Cavalieri bis Rihm seien dabei, konnte man im Vorfeld vernehmen. „Das wird ein vielfältiges Programm ohne Blockbuster als Hommage an dieses fantastische Konzerthaus“ so die Charakterisierung der musikalischen Folge durch den Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonieorchesters Thomas Hengelbrock.

Elbphilharmonie Hamburg / Thomas Hengelbrock © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Thomas Hengelbrock © Michael Zapf

Top Stars der Klassikszene sind angekündigt, von denen jedoch Jonas Kaufmann krankheitsbedingt und zuletzt auch Anja Harteros zurückziehen. Mit Pavol Breslik und Hanna-Elisabeth Müller können vom Intendanten der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter adäquate „Einspringer“ verpflichtet werden.

In den beiden Begrüßungsreden vom Bürgermeister der Stadt Hamburg Olaf Scholz und dem Intendanten der Elbphilharmonie Christoph Lieben-Seutter spricht man freudig von der Fertigstellung des Hauses, von den vielseitigen Erwartungen, vom umfangreichen und breitbandigen Programm und vom Wunsch, jedes Hamburger Schulkind wenigstens einmal in seiner Schulzeit in dieses Haus zu bringen. Angesichts der Tatsache, dass die komplette Saison seit Monaten restlos ausverkauft ist und Kartenwünsche aus aller Welt täglich die Posteingänge fluten, eine wirkliche Herausforderung.

Elbphilharmonie Hamburg / Schlussapplaus © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Schlussapplaus © Patrik Klein

Aber was macht das alles schon, wenn nach dem ersten Riesenbeifall beim Aufzug der Musiker des NDR Elbphilharmonieorchesters es ganz leise wird und der Chefdirigent des Hauses Thomas Hengelbrock den Taktstock erhebt. Die ersten Töne erklingen erlösend und wohltuend im Saal. Und sie erklingen nicht vom Orchesterpodium, sondern aus einem der vielen Ränge dieses weinbergartigen Prachtkonzertsaales. Oboist Kalev Kuljus eröffnet mit „PAN“ aus den Sechs Metamorphosen nach Ovid von Benjamin Britten. Und wie das klingt! Glasklar und glockenrein dringt es ans Ohr, mit kurzem Nachhall, fast sakral wirkend.

Es folgt ein atemberaubendes, mutiges, die Möglichkeiten des Saales auslotendes Programm mit pausenlos aneinandergereihten musikalischen Besonderheiten aus vier Jahrhunderten. Und draußen für die Besucher ohne Eintrittskarte wird mit hohem technischen Aufwand das Haus im Rhythmus der Musik mit Licht- und Videoinstallationen in Szene gesetzt.
Henri Dutilleuxs „Appels – Echos – Prismes“ aus Mystère de L´Instant setzt mit allerfeinsten Streichernuancen beginnend erstmalig das Orchester in Szene. Ein beinahe atonaler Klang, der von der „weißen Haut“ des Saales echofrei aufgelöst wird. Niemand wagt zu husten oder zu rascheln, denn das hört man hier bis in den letzten Winkel. Der große Saal fordert auch Disziplin von allen.

Beim nächsten Stück geht es in die Renaissance: Emilio de Cavalieri/ Antonio Archilei mit Dalla piu alte sfere aus La Pellegrina. Es folgt eine Klangauslotung mit Harfinistin (Margret Köll) aus einem der Weinbergränge und stimmschönem Solo des Countertenors Philippe Jaroussky. Seine wunderschöne, an sich recht kleine Stimme wirkt hier saalfüllend – atemberaubend.

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Simon Fowler

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Simon Fowler

Bernd Alois Zimmermann mit Photoptosis/Prelude für großes Orchester lässt an Schiffs- und Hafenklänge denken. Hier kann man erstmals die im Haus fast unsichtbar angebrachte Orgel gespielt von Iveta Apkalna hören, denn sie ist wie ein Instrument im Orchester integriert.

Überleitungslos mit großer Geste vom Maestro am Pult, konzentrieren sich die Hörorgane wieder in den Weinberg und lassen Jacob Praetorius mit Quam pulchra es erschallen. Das Ensemble Praetorius mit Gesangsquintett, 2 Streichern, 3 Blechbläsern und einer ungewöhnlichen Renaissance-Laute (Theorbe) erzeugen einen wieder völlig anderen, zauberhaften Klang.

Elbphilharmonie Hamburg / Ensemble Praetorius © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Ensemble Praetorius © Michael Zapf

Rolf Liebermanns Furioso Groove andeutend wie bei einer perfekten Jazzband erklingt vor dem erneuten Schwenk in die Anfänge der Musik mit Giulio Caccinis Amarilli mia bella aus Le nuove musiche. Countertenor und Harfe lassen erneut den Saal aus dem Weinberg akustisch erstrahlen.
Der erste Teil des Programms wird mit Olivier Messiaens 10. Satz: Finale aus der Turangalila-Sinfonie mitreißend beendet. Ein fast „schräger“, filmmusikähnlicher Klang, unterstrichen durch ein Tasteninstrument namens Ondes Martenot (eines der ersten elektronischen Instrumente überhaupt), „wobbelartig“ klingend wie bei einer Fender Stratocaster, lässt das Publikum zur Pause toben.

Nach der Eröffnung des zweiten Konzertteils durch Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal, wird das Kernstück der Eröffnung gebracht. Nahtlos „attacca“ schließt sich die Uraufführung von Wolfgang Rihms Reminiszenz, Triptychon und Spruch in memoriam Hanns Henny Jahnn, eigens für die Eröffnung komponiert an. Seit März 2016 ist die Komposition fertig, die an den 1959 verstorbenen Hamburger Schriftsteller, Verleger und Orgelbauer Hans Henny Jahnn erinnert. Im Zentrum des viertelstündlichen Werkes vertont Rihm eine kurze Passage aus Jahnns unvollendeter Romantrilogie Fluß ohne Ufer. Mit einer bildmächtigen Sprache umkreist der Text die Begegnung mit dem Tod. Pavol Breslik zeigt sein volles tenorales Klangbild, das an Fritz Wunderlich erinnert und lässt alle Farben seiner wunderschönen Stimme erstrahlen. Pavol Breslik ist ein absoluter Spitzentenor unserer Zeit und erfüllt alle Erwartungen der Zuhörer.

Elbphilharmonie Hamburg / Pavol Breslik © Neda Navaee

Elbphilharmonie Hamburg / Pavol Breslik © Neda Navaee

Mit dem Schlußchor über Schillers Ode An die Freude (4. Satz: Presto) aus Beethovens 9. Sinfonie d-Moll op. 125 wird das spannende Programm beschlossen. Die Solisten Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Mezzosopran), Pavol Breslik (Tenor) und Sir Bryn Terfel (Bass-Bariton) singen das „Seid umschlungen, Millionen“, das man auch hier als kleine Spitze an die Entwicklung dieses Hauses missverstehen könnte, makellos. Die Chöre vom NDR und Bayerischen Rundfunk überzeugen durch absolute Sicherheit bei den Einsätzen und feine Phrasierung und Gestaltung der nicht leichten Chorpassagen, die der Meister der Wiener Klassik 1824 komponiert hat. Mein Platz mittig direkt hinter den Damen und Herren des Chores, Auge in Auge mit dem Dirigenten hat meine Beherrschung in Bezug auf ein Mitsingen enorm gefordert.

Elbphilharmonie Hamburg / Schlußapplaus für Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl, Pavol Breslik, Bryn Terfel © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Schlußapplaus für Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl, Pavol Breslik, Bryn Terfel © Michael Zapf

Der schweißgebadete Thomas Hengelbrock, sichtlich ergriffen vom Ergebnis des Musikprogramms, lässt den Taktstock ganz langsam sinken. Noch eine Weile herrscht Stille im Saal, gefolgt von einem riesigen Beifall mit Jubelrufen und Standing Ovations.
Nach über zweieinhalb Stunden Konzertrausch durch neue, bisher so nie gehörte Klänge, wo der Raum zur Zeit wird, fragt man sich emotional überwältigt: Was durfte man an diesen Tag erleben?

Ein neues Wahrzeichen einer vielseitigen Weltstadt? Ein achtes Weltwunder? Eine Sinfonie aus Stein und Glas? Das schönste Schiff der Welt, das nie den Hafen verlassen wird? Es dürfte zumindest eine Riesenchance mit unglaublicher Perspektive für die positive Erweiterung des Kulturlebens in Hamburg werden. Die Hansestädter und Besucher aus aller Welt dürfen sich freuen.

 Elbphilharmonie Hamburg – Alle Karten Hier :
Karten Kaufen

Nächste Seite »