Münster, GOP Varieté Theater, „impulse“ – Artistisches Trommelfeuer, IOCO Kritik, 19.05.2017

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GOP Variete Theater Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

GOP Varieté-Theater Münster © GOP Münster

Artistisches Trommelfeuer

  „impulse“ Show am GOP Varieté-Theater in Münster überwältigt

Von Hanns Butterhof

Das hat es im Varieté so noch nicht gegeben. „impulse“ ist ein mitreißendes Konzert, ein fesselndes Tanzstück und eine akrobatische Show aus einem Guss. Ohne Worte schlägt „impulse“ über zwei Stunden das Premierenpublikum in seinen Bann, das am Ende begeistert in standing ovations ausbricht.

GOP Münster / Varieté Show impulse © GOP Varieté

GOP Münster / Varieté Show impulse © GOP Varieté

Regisseur Nikos Hippler hat den überwältigenden Sound eigens für „impulse“ arrangiert, und Chris Myland und Dennis MacDao haben für die drei weiblichen und sechs männlichen Artisten eine Bewegungsfolge choreographiert, deren drängender Rhythmus durch die einzelnen Darbietungen und den gesamten Abend fließt.

Den rhythmischen Impuls gibt der Perkussionist Johnny Kay vor, der mitreißend ein wahres Trommelfeuer auf seiner Batterie veranstaltet. Häufig begleiten ihn dabei alle anderen, die immer wieder die Kulissen erklettern, eine meterhohe Wand, die mit etwa hundert verschieden großen Trommelfellen bespannt ist. Auf die schlagen sie mit ihren Trommelstöcken ein und tragen damit zum teils ohrenbetäubenden, aber ungeheuer intensiven Sound von „impulse“ bei.

Dazu wird in vielen Stilarten getanzt, vom Breakdance bis zu schön anzuschauenden Ensembles, in denen sich mehrere Artisten zu einer Körper-Skulptur zusammenfinden.

Die Tänzerinnen und Tänzer haben es nicht leicht, ihre individuellen Besonderheiten herauszustellen wie Sabrina Franz, Katharina Lebedew, deren Handstand-Akrobatik bruchlos aus dem Tanz hervorgeht, oder Dennis McDao, der etwas süßlich mit derwischartigem Kreiseltanz weiße Daunen-Federn aufwirbelt.

GOP Münster / Varieté Show impulse Ensemble © GOP Varieté

GOP Münster / Varieté Show impulse Ensemble © GOP Varieté

Erika Nguyen begeistert durch eine gefühlvolle Luftring-Nummer, und Jimmy Gonzales ruft durch seine mitreißende Trommelstock- und Ball-Jonglage jubelnden Applaus hervor. Absolut originell jongliert er später mit Brotteig, der im Flug in immer kleinere und unregelmäßigere Stückchen zerbricht; schwer zu beherrschen, und einfach wunderbar!

Und auch der anfangs bei seiner Pole-Akrobatik etwas von der Percussion zugedeckte Robert James Webber tritt mit einer ebenso komischen wie unglaublich perfekten Besen-Jonglage ins volle Rampenlicht.

 GOP Münster / Varieté Show impulse Kay © GOP

GOP Münster / Varieté Show impulse Johnny Kay © GOP

Mit seinem Witz und seiner Lebensfreude, die er bei allen seinen Auftritten ausstrahlt, vom Stepptanz bis zum Kreisenlassen der Hula Hoop-Reifen – selbst um seine Nase –, wird Daniel Sullivan zum unangefochtenen Publikumsliebling in einem ausgewogen liebenswerten Ensemble einer sehenswerten, überwältigend dynamischen Show.

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Frankfurt, Oper Frankfurt, Ernst Krenek – Drei Opern, IOCO Kritik, 19.05.2017

Mai 19, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Die drei Opern von Ernst Krenek an der Oper Frankfurt
„Von Diktatoren und Blondinen“

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Die drei Opern – Der Diktator, Schwergewicht oder Die Ehre der Nation und Das Geheime Königreich – wurden 1928 unter der Leitung von Joseph Rosenstock in Wiesbaden uraufgeführt, an der Oper Frankfurt dagegen wurde dieses Triptychon zum ersten Mal gezeigt. Die ursprüngliche Abfolge der Stücke hat David Hermann, der Regisseur der Frankfurter Inszenierung, geändert: das mittlere Stück setzte er an den Schluss, was dem Ganzen ein emotionales und versöhnliches Ende gibt. Bei Krenek, der auch das Libretto verfasste, geht die Machtmaschinerie unaufhaltsam weiter.

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria - Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der Diktator Sara Jakubiak als Maria – Davide Daminani als Diktator © Barbara Aumueller

Der Diktator

Das Bühnenbild erinnert an die Entstehungszeit des Stückes, die Epoche des Art Déco, auch die Kostüme deuten in diese Richtung: Ein nobles Grandhotel am Genfer See, in dem, so Ernst Krenek, „eine blutige Episode aus dem Privatleben eines dem Duce-Typus nachgebildeten Charakters“ geschildert wird. Der Diktator – ein grandioser Davide Damiani – wartet auf den Abgesandten eines kleineren Landes, um diesem den Krieg zu erklären. Charlotte, die blonde und agile Diktatorengattin, wird von Eifersucht geplagt und versucht ihren Mann vom geplanten Kriegsgang und seinen amourösen Abenteuern abzuhalten. Es wird schiefgehen, denn es gibt noch andere Hotelgäste, wie den Offizier und seine Frau Maria. Dieser vom Giftgas erblindete Offizier erzählt Maria von den Schrecknissen des Krieges. Erschüttert schwört sie, sich dafür am Diktator zu rächen. Sie sucht ihn auf, und es folgt ein verbaler Kampf, in dem Maria dem „Charme“ des Diktators fast erliegt, als Charlotte, die die Szene heimlich beobachtet hat, schießt. Sie trifft jedoch nicht ihren Mann, sondern Maria. Der dazu gekommene blinde Offizier wird auf seine Frage: „Maria, hast Du’s getan?“, keine Antwort mehr erhalten.
Vincent Wolfsteiner verleiht der Figur des blinden Offiziers eine vokale Präsenz, die die Versehrtheit an Leib und Leben unterstreicht. Sara Jakubiak, als seine Frau Maria, ist vokal und darstellerisch sehr überzeugend – ihr Schrecken über die Kriegsschilderungen ihres Mannes ist echt. Echt ist auch die emotionale Achterbahn von Charlotte, einer künstlich blondierten und aufgeputzten Frau, der am Ende nur noch die (unsinnige) Verzweiflungstat bleibt. Juanita Lascarros ausgezeichnete Darbietung stellt ihre Figur nie bloß, sondern verleiht der tragischen Rolle eine gewisse Würde.

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator - Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston - Simon Bailey als Adam Ochsenschwan - Statisterie © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Schwergewicht oder.. v.l.n.r. Davide Damiani Der Diktator – Barbara Zechmeister als Evelyne -Michael Porter als Gaston – Simon Bailey als Adam Ochsenschwan – Statisterie © Barbara Aumueller

Schwergewicht oder die Ehre der Nation

Das kürzeste Stück ist eine burleske Operette, alte Filmpossen erweckend, in der es um „Schwergewichte“ der anderen Art geht. Wieder ist eine blonde Frau im Spiel, Erotik und Macht sind auch hier die beiden Pole, was als Spiel im Spiel präsentiert wird. Nur diesmal ist es ein Mann, der Meisterboxer Adam Ochsenschwanz, den die Eifersucht umtreibt. Seinem Drama wohnt der Diktator nebst Entourage als Publikum etwas weiter unten auf der Bühne sitzend bei. Ochsenschwanz weiß um die Untreue seiner blonden, schrill gekleideten und frivolen Frau, die immer wieder mit dem Tanzmeister Gaston zugange ist. Noch jubelt der Diktator über diese Farce, doch als er entdeckt wird, versucht ihn die Truppe auf ihre kleine Bühne zu holen. Anna Maria Himmelhuber, die Tochter von Professor Himmelhuber, der den Boxer mit einer Ehrendoktorwürde auszeichnen will, soll als Lockvogel dienen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen – es gelingt, er wird in einem Austronautenmobile zur Strecke gebracht, nicht ohne zuvor vom Regierungsrat die Auszeichnung „Ehre der Nation“ erhalten zu haben. Am Ende kracht es gewaltig, denn Adam Ochsenschwanz hat tatsächlich Sprengstoff in der Hand.
Simon Bailey ist in jeder Hinsicht ein wundervoller Ochsenschwanz, und weiß in Barbara Zechmeister als blonde, tanzerprobte Gattin Evelyne eine ebenso mitreißende Partnerin an seiner Seite. Michael Porter ist ein geschmeidiger Gaston, Ludwig Mittelhammer ein herrlich unbeholfener Professor Himmelhuber, Nina Tarandek die naiv-verführerische Anna Maria Himmelhuber und Michael McCown überzeugt als Journalist bzw. Regierungsrat.

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Das geheime Koenigreich © Barbara Aumueller

Das geheime Königreich

Mit einer lyrischen Märchenoper en miniature endet der Abend: Ein Zauberwald wird uns dargeboten, in dem die Protagonisten herumirren, um am Ende doch zu einem hoffnungsvollen Schluss zu gelangen. Bis es soweit ist, gibt es ein auf zwei Stockwerke geteiltes, reichlich ramponiertes Haus – hat Ochsenschwanz’ Sprengstoff das Dach weggesprengt? – zu sehen, und den tiefen Fall eines Monarchen – nur ein anderes Wort für „Diktator“. Wie es sich gehört, taucht auch ein Narr auf, der nur in diesem Stück eine Rolle hat, aber wie eine Art Conférencier zuvor die vorhergehenden Spielorte ansagte. Der König verliert seinen Kronreif an ihn, weil er sein Rätsel nicht lösen kann, die „blonde“ Königin giert danach, verliebt sich aber in den gefangenen Rebellenführer, der ebenfalls von diesem Reif träumt. Nun soll dem Narren ebendieser mit Hilfe der drei Damen – die drei Zauberflöten-Damen „winken“ freundlich über die Jahrhunderte – mit vergiften Wein verführt werden, doch dieser wirkt nicht. Erst beim Kartenspiel verliert er die Krone an die Königin, die daraufhin den gefangenen Rebell freilässt; prompt stürmen die anderen das Gebäude, dem König gelingt im Narrenkleid die Flucht in den Zauberwald. Auch der Rebell gelangt dorthin, doch bei dem Versuch, der Königin den Kronreif abzunehmen, verwandelt sie sich – sie trägt ja ein grünes Ritterkostüm – in einen Baum. Die Rebellen erkennen den König nicht und lassen ihn leben, dieser findet endlich seine Erfüllung in der Natur, die nun sein Reich wird. Und weil es ein Märchen ist, endet es mit der wohlmeinenden Aufforderung des Narren: „Auf Wiedersehen!“
Davide Damiani – wie schon im ersten Stück hervorragend – ist der König, Ambur Braid gibt eine herrlich gierige Königin, Sebastian Geyer ist ein grandioser Narr, Peter Marsh singt mit schöner Höhe den schwankenden Rebell, Alison King, Julia Dawson und Judita Nagyová (die drei singenden Damen) sind einfach umwerfend. Michael McCown und Dogus Güney als Revolutionäre sowie Michael Porter als Wächter komplettieren das wunderbare Sängerensemble.

Die musikalische Leitung lag bei Lothar Zagrosek in sicheren Händen, der mit dem Orchester die unterschiedlichen Klangfarben und Kontraste der Stücke hervorragend herausarbeitete. Für das Bühnenbild zeichnete Jo Schramm, für die Kostüme Katharina Tasch und für das Licht Olaf Winter verantwortlich. Für den (nicht sichtbaren) Chor im Geheimen Königreich war Markus Ehmann zuständig.

David Hermanns Inszenierung setzt auf die grotesken, aberwitzigen und auch zwischenmenschlichen Momente, weniger auf den „politischen“ Kontext in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts. Die Verschränkung der drei Stücke – in dem das Personal weitergereicht und damit auch die scheinbar ewige Verbindung von männlicher Macht und weiblicher Verführungskunst durchdekliniert wird – profitiert davon, dass alle Sänger und Sängerinnen beeindruckend sanges- und spielfreudig sind. Sie beglaubigen nachdrücklich, die unglückselige Verquickung von Macht und Eros. Und nach neunzig Jahren hat Kreneks Triptychon nichts von seiner – politischen – Aktualität eingebüßt. Großer, einhelliger Applaus für alle Beteiligten.

Die drei Opern von Ernst Krenek, letzte Vorstellung der Spielzeit 2016/17  am 21. Mai 2017

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Hamburg, Elbphilharmonie, Berliner Philharmoniker – Anton Bruckner, IOCO Kritik, 13.05.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Berliner Philharmoniker in Elbphilharmonie

 Welklasse-Orchester überwältigt mit Bruckners 8

Von Sebastian Koik

Am 7. Mai 2017 waren die Berliner Philharmoniker, das wohl berühmteste deutsche Orchester erstmals Gast in der inzwischen ebenso berühmten Elbphilharmonie. Das Konzert beginnt mit Surcos einem kurzen Stück von Simon Holt, welches die Berliner Philharmoniker zwei Tage zuvor in der Hauptstadt Berlin uraufführten. Surcos ist eines der kurzen Auftragswerke, die deren scheidender Chefdirigent Simon Rattle selbst liebevoll als »Tapas«, musikalische »Appetithäppchen« bezeichnet. Das Stück dauert nur sechs Minuten, schreitet in dieser Zeit gleichmäßig und zügig voran und gibt der Harfe eine prominentere Rolle. Die Berliner musizieren alles auf den Punkt, mit großer Spannung. Das Stück selbst hinterlässt beim Publikum aber keinen größeren Eindruck, der im Saal anwesende britische Komponist erlebt einen etwas zurückhaltenden Applaus.

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker - Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker – Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Nach dieser kleinen Vorspeise dann das Hauptgericht: Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll, eine der mächtigsten Sinfonien der Musikgeschichte: Monumental in Besetzung, Lautstärke und Dauer. Ein Hören dieser gewaltigen Musik würde einen vor Selbstbewusstsein strotzenden Schöpfer erwarten lassen. Doch Anton Bruckner war ein sehr unsicherer, zaudernder Komponist, von seiner Arbeit oft nicht überzeugt und durch Meinungen anderer leicht aus der Bahn zu werfen.

1887 hatte Bruckner nach dreijähriger Arbeit seine 8. Sinfonie abgeschlossen und zeigte sie dem Münchner Hofkapellmeister Hermann Levi. Dieser, eigentlich ein Freund seiner Musik, kritisierte das neue Werk stark. Zweieinhalb Jahre rang Bruckner mit einer Neufassung und ließ kaum einen Takt der ersten drei Sätze unverändert. Vor einer Aufführung stellt sich bei den starken Unterschieden der beiden Fassungen die Frage, welcher man den Vorzug gibt. Was hat mehr Gültigkeit, die ursprüngliche Intention des Komponisten oder die letzte Version?

Am häufigsten aufgeführt wird die zweite Fassung Bruckners von 1890. Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker entschieden sich für eine dritte Version, die der österreichische Musikwissenschaftler und Dirigent Robert Haas im Jahre 1939 anfertigte. Haas hatte mit sich hierbei vorgenommen aus der zweiten Fassung Bruckners jene Änderungen herauszufiltern, die dieser nicht aus eigenem Antrieb, sondern unter dem Einfluss seines Umfelds vorgenommen hatte. Er versuchte, den Ausdruckswillen Bruckners freizulegen ohne ihm das Recht auf Meinungsäußerung zu nehmen.

Und dann beginnt das Spektakel! Bruckners Komposition geizt nicht mit Reizen, ist voller Schönheit und Kraft. Das ist Musik, die sehr viel Spaß macht! Die Berliner Philharmoniker machen ihrem herausragenden Ruf alle Ehre: Besser kann man das nicht spielen! Es ist ein perfekter Vortrag. Die vielen Instrumentalisten spielen mit größter Präzision und Musikalität alles auf den Punkt. Mit großer Spannung in der Musik und Sensibilität für Dramatik werfen sie sich furchtlos in laute Passagen und spielen mit feinster Zärtlichkeit in den leiseren Stellen.

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker - Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Elbphilharmonie Hamburg / Berliner Philharmoniker – Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus

Im zweiten Satz gibt Rattle ein minimal suboptimales Tempo vor, man wünscht sich einen Hauch mehr Spritzigkeit. Der Rest der knapp eineinhalb Stunden sind Musizieren in absoluter Perfektion! Von allen Instrumentengruppen, jedem einzelnen Musiker. Bin ins kleinste Detail wie einem superpräzisen Paukisten, der sich anders als manche seiner Kollegen in anderen Orchestern keine Spur scheut so richtig draufzuhauen. Die Berliner Philharmoniker strahlen in jedem Moment extrem viel Souveränität aus und ihre enorme Konzentration ist fast greifbar.

Der Applaus zu Schluss ist schon groß, doch wer häufig Konzerte besucht, erkennt, dass er in seiner Intensität deutlich geringer ist, als es die sensationelle Leistung des Orchesters verdient hätte. Vielleicht erscheinen die Berliner Philharmoniker manchen Zuhörern zu übermenschlich, zu perfekt, um sie so richtig sympathisch zu finden. – Vielleicht sind viele der Zuschauer aber auch noch zu überwältigt und ein wenig sprachlos von der vollkommenen Intensitäts-Orgie, die sie gerade erlebten.

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Halle, Theater Halle, Herzog Blaubarts Burg – Bremer Freiheit, IOCO Kritik, 09.05.2017

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

  Herzog Blaubarts Burg   und  Bremer Freiheit
„Sinnlichkeit in Pink und Doppelung des Schreckens“

Crossover Inszenierung von Fassbinders Schauspiel Bremer Freiheit und Bartoks Oper Herzog Blaubarts Burg

Premiere 6.5.2017, weitere Vorstellungen 12.5., 21.5., 27.5. und 31.5.2017

Von Guido Müller

Bela Bartoks Operneinakter zum Libretto von Bela Balazs Herzog Blaubarte Burg von 1911 dauert keine Stunde und stellt Opernhäuser immer wieder vor die Herausforderung, ein anderes Werk, häufig eine andere Kurzoper oder ein Ballett damit zu koppeln, um den Opernbesuchern einen vollwertigen Opernabend zu bieten. Dabei stellt das Werk in seinem impressionistischen und expressiven Rausch und seiner Tiefenpsychologisierung schon höchste Anforderungen an das Riesen-Orchester und die zwei Sängerdarsteller des Blaubart und der Judith, die deutlich über Richard Strauss hinaus gehen und die Tür zur modernen Musik des 20. Jahrhunderts weit öffnen. Wegen Unspielbarkeit 1911 in Budapest abgelehnt kam das Werk auch erst 1918 zur Uraufführung.

 Theater Halle / BREMER FREIHEIT © Tobias Kruse

Theater Halle / BREMER FREIHEIT © Tobias Kruse

Am Opernhaus Halle ist die Leitung nun den zunächst ungewöhnlich anmutenden Weg gegangen, den Einakter (in der deutschen Fassung von Wilhelm Ziegler) mit einem frühen Schauspiel von Rainer Werner Fassbinder von 1972 zu verzahnen in einer Crossover-Inszenierung von Thirza Bruncken, die in der Opernregie debütiert.
Wenn man sich bewußt macht, dass auch Bartoks Oper ein gesprochener Schauspiel-Prolog vorangestellt ist (der in Halle den Abend eröffnet und sonst leider oft gestrichen wird) und das Werk zudem der Filmästhetik verwandt ist, wirkt dieses Crossover schon keineswegs mehr so irritierend. Zudem stellt der Prolog die Frage, wo sind eigentlich Bühne und wo Zuschauerraum. Diese traditionelle Trennung mit der Guckkastenbühne versuchen die neuen Produktionen dieser Spielzeit am Musiktheater Halle auf sehr unterschiedliche und originelle Weise aufzuheben.

Das auf den ersten Blick verbindende Element von Schauspiel und Oper ist der Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau, beides Serienmörder. Dargestellt zum Einen in Fassbinders ironisch betitelter „Bürgerlicher Tragödie“ in Gestalt der historischen Massenmörderin Ge(e)sche Margarethe Gottfried, die 1831 in Bremen hingerichtet wurde. Mit dem Ziel der Befreiung aus ihren geschlechtlichen und materiellen Fesseln vergiftet sie nacheinander alle nächsten Angehörigen. Ernsthaft ein Vorbild kann diese Geesche doch für keinen Emanzipationskampf sein. Daher ist das Etikett „Bürgerliches Trauerspiel“ genauso Fassbindersche Ironie wie der Titel Bremer Freiheit und die ganze Handlung schwer ernst zu nehmen.

Theater Halle / Herzog Blaubarts Burg © Tobias Kruse

Theater Halle / Herzog Blaubarts Burg © Tobias Kruse

Bartoks auf einen französischen Märchenstoff zurück gehende Oper rückt auf der anderen Seite symbolistisch-tiefenpsychologisch die verborgenen Wünsche und Begehren des Mannes Blaubart in den Mittelpunkt, denen seine vierte Frau Judith nachspürt. Mit ihrer Liebe will sie die verschlossenen Seelenkammern Blaubarts öffnen und die dunkle Burg erhellen. Am Ende wird sie aber nach dem Blick in Blaubarts Psyche und auf die drei getöteten Vorgängerinnen Morgen, Mittag und Abend zur Nacht erstarren. Blaubart verschwindet ins schweigende ewige Dunkel. Bei allem betörend-baritonalen Schöngesang kann uns dieser narzistische Macho doch kaum echte Bewunderung abverlangen. Der Geschlechterkampf findet keine versöhnliche Lösung in beiden Werken. Geesche wird geköpft, Judith erstarrt und Blaubart versinkt im Nichts. Kein soziales, kein Gender- und kein Märchen-Happy-End …

Die in einem bizzaren, mit Zitaten von Barbie-Puppen-Ästhetik, expressionistischem Stummfilmkino à la Nosferatu und zeitgenössischen TV-Familien-Soaps puppenstilartig bis in die Botox-Masken hinein inszenierten Werke werden durch ein einheitliches Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Christoph Ernst) einer pinkfarbigen Pappmacheburg auf der Drehbühne zusammen gehalten. Dessen geheime Verliese erinnern an das Peiniger-Haus der eingesperrten und gefolterten Natascha Kampusch  und an die Wohnzimmer/Küchen-Ästhetik der Ekel Alfred TV-Serie der 1970iger Jahre „Ein Herz und eine Seele“.

Das öffnet den Blick hinter die Fassaden politischer Korrektheit und bürgerlicher Normalität in das Entsetzen und Exzessive. Das verbindet auch die drei Zeitebenen des mythischen Mittelalters, des frühen 19. Jahrhunderts und der bis heute prägenden 1970iger Jahre dieser Inszenierung. Dieser sezierende Blick in die Abgründe des Menschen, in seine Doppelrolle von Täter und Opfer, in das Erschreckende und die Abgründe des Menschen verbindet Fassbinder und Bartoks Werke, die geradezu sinnliche Lust am Blick auf Obzönität und die Macht des Mordens zeigen, nur getarnt hinter den Masken des Kampfes um die Gleichberechtigung und Freiheit. Die Doppelung der Gleichzeitigkeit von Täter und Opfer, die Janusköpfigkeit des Schreckens, durchzieht den ganzen Abend, der nicht nur Schauspiel und Oper verzahnt sondern auch Extremzustände. Auch die Schauspieler spielen in der Oper Rollen und die Sänger im Schauspiel und doppeln sich über Geschlechterunterschiede hinweg.

Sowohl die Werke wie die konsequent mit verschiedensten Theatermitteln auch der Musikeinspielungen, der Choreographie, des Slapsticks, der Text-Wiederholungen, des Übersprechens, des Films und dem Rollentausch zwischen Männern und Frauen zuspitzende Inszenierung erlauben dem Zuschauer keinen bequemen Theaterabend. Sie gehen unter die Haut. Daher die Empörung und Verstörung, die dieser Abend vielleicht auch gerade wegen der grandiosen musikalischen und guten schauspielerischen Leistungen im Publikum und auch bei mir hinterließ. Darf ein Opernhaus so viel schlechten Geschmack und Grauen slapstickartig zeigen und anprangern? Und dies gerade auch noch in einer Zeit, in der in Halle besorgte Bürger wieder einmal die Verschwendung der Steuergroschen für solche Bühnenexperimente lautstark beklagen, angeführt von einer hiesigen Regionalzeitung. Und in der wieder ernsthaft vor allem von ostdeutscher Seite her um „Leitkultur“ und „deutsche Kulturwerte“ diskutiert wird.

Diese Inszenierung macht deutlich, dass gerade heute die Oper lebendig und risikofreudig solche Experimente eingehen muss, um nicht zur musealen Reservatenkammer zu verkommen, sondern aufzuwecken, peinlich zu peinigen und zu provozieren – wie Bartoks in Ungarn nach der Entstehung sogar verbotene Oper und Fassbinders Stücke in den 1970iger Jahren.
Während das Stück Fassbinders textlich durchaus stark den frühen 1970iger Jahren verbunden eine gewisse Patina angesetzt hat, somit des Pepps der Inszenierung wohl stärker bedarf, bewährt sich in Bartoks immer wieder überwältigender musikalischer Sinnlichkeit und Expressivität seiner Oper die Genialität des Einakters. Schade, dass Bartok nicht wie Puccini ein Opern-Triptychon geschaffen hat.

Die herausragend spielende Staatskapelle Halle unter der straffen und gespannten musikalischen Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech zeigte auf prächtige und berauschende Weise die Qualität der Komposition. Gerd Vogel sang den Blaubart ebenso balsamisch-verführerisch wie bedrohlich-expressiv. Anke Berndt gestaltete souverän und ausdrucksstark den schwierigen gesanglichen Part der Judith. Gedoppelt wurde sie in einigen Sequenzen von der jugendlicheren Gesangsstimme der Felicitas Breest. Alle drei spielten auch in der Bremer Freiheit mit, das wesentlich von den Schauspielgästen Susanne Bredehöft, Thorsten Heidel und Mirco Reseg getragen wurde.
Während Bartoks Oper nach diesem kaum gleichgültig lassenden und unterhaltsamen Abend sicher auch in anderen Koppelungen weiter leben wird, bleibt von diesem Crossover-Experiment der Oper Halle der Eindruck eines bilderreichen, lebendigen Theaterabends, der auch den sinnlichen Reiz der Kombination von Fassbinder-Schauspiel und Bartok-Oper in pink beeindruckend demonstriert hat.

Herzog Blaubarts Burg  und  Bremer Freiheit:  Weitere Vorstellungen 12., 21., 27. und 31.5.2017

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