Nürnberg, Staatstheater Nürnberg, Italienerin in Algier von G. Rossini, IOCO Kritik, 03.04.2017,

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Staatstheater Nürnberg

Staatstheater Nürnberg © Ludwig Olah

Staatstheater Nürnberg © Ludwig Olah

Im Land des gekauften Lächelns

 Die Italienerin in Algier – Als herrlich schwarze Komödie

Von Hanns Butterhof

Die Zukunft, in der Laura Scozzi Rossinis „Italienerin in Algier“ spielen lässt, ist reine Gegenwart. Mächtige reiche Männer, die sich für die Größten halten, wollen noch immer mehr von allem, vor allem Frauen. Und derer, die sie dann haben oder kaufen, sind sie bald überdrüssig, weil sie sie schon haben oder weil ihr Sex und ihr Lächeln so käuflich sind. Märchenhaft kommt dann eine Frau daher, die so stark ist, dass sie diese Männer erst schwach und dann zum Affen macht.

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier - Die Bedienung von Männergelüsten, Tanja Brunner und Chor © Ludwig Olah

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier – Die Bedienung von Männergelüsten, Tanja Brunner und Chor © Ludwig Olah

In der wunderbar stimmig aktualisierten Aufführung in Nürnberg ist die europäische Wirtschaft zusammengebrochen. Die Arbeitsimmigranten zieht es übers Mittelmeer, etwa ins prosperierende Algier, wo sie Zustände wie in Kuwait vorfinden. Ihnen werden die Pässe abgenommen und sie arbeiten im Haushalt wie bessere Sklaven.

Der Hausherr Mustafà (Marcell Bakonyi) ist ein schwerreicher Wirtschafts-Boss. Er ist seiner Ehefrau Elvira (Ina Yoshikawa) überdrüssig und nicht nachhaltig befriedigt von den vielen einheimischen bezahlten Mädels, die ihm mit oder ohne Reizwäsche (Kostüme: Tal Shacham) auf dem Konferenztisch oder im lasziven Flokati-Bett zu Willen sind. Da muss eine emanzipierte Europäerin Abhilfe schaffen.

 Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier_Isabella_Ida Aldrian wird von Haly_Wonyong Kang aus Flüchtlingsunterkunft abgeholt © Ludwig Olah

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier_Isabella_Ida Aldrian wird von Haly_Wonyong Kang aus Flüchtlingsunterkunft abgeholt © Ludwig Olah

Aus der Flüchtlingsunterkunft wird Mustafà von seinem Bodyguard Haly (Wonyong Kang) die Italienerin Isabella (Ida Aldrian) zugeführt, die auf der Suche nach ihrem Geliebten Lindoro (Martin Platz) ist. Die erst in der Küche zum blutigen Schlachten eines Hasen eingesetzte resolute Schöne zähmt den selbsternannten Frauenbändiger, indem sie ihn lockend zurückweist. Wird er handgreiflich, schlägt sie ihn mit der Poree-Stange. Mit Gummimaske als Catwoman-Domina fesselt sie ihn schließlich ans Bett und lässt seine Prostituierten-Gang sich mit genüsslicher Rache an ihm abarbeiten. Natürlich gelingt ihr am Ende mit Lindoro die Flucht zurück nach Italien, nicht ohne die italienischen Arbeitssklaven befreit und mitgenommen zu haben.

Laura Scozzi inszeniert die an sich schreckliche Geschichte als herrlich schwarze Männerphantasie- Komödie. Schon über den running gag muss man lachen, einem Pärchen (Selina Lettenbichler und Pawel Dudus), das sich während der Handlung und ohne unmittelbare Verbindung mit ihr permanent prügelt und wieder versöhnt. Mal endet sie mit einer Axt, mal er mit dem Dolch in der Brust. Ein wüste Keilerei löst sich zu einem Quicky an der Wand auf – und man wird des Schreckens dieser Szenen nicht gewahr.

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier_ Die Prostituierten rächen sich an Mustafa © Ludwig Olah

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier_ Die Prostituierten rächen sich an Mustafa © Ludwig Olah

Entsprechend geht es mit der Handlung. Wohin man blickt, ist Ausbeutung aller Art. Aber im prächtig das Lob seines Herrn singenden Chor (Einstudierung Tarmo Vaask) wird sie nur sehr zurückhaltend sichtbar, bei den ausgesprochen reizenden Frauen bemerkt man sie wie im wirklichen Leben gar nicht mehr; so unverkrampft daherkommenden Sex sieht man selten auf der Bühne. Laura Scozzi bedient das männliche Macho-Auge umfassend bis hin zu einem vollendeten Striptease. Die auftrumpfende Männlichkeit beschämt sie dann unaufdringlich mit dem Triumph der weiblichen Klugheit, den sie mit einem Tritt seiner Frau in den Unterleib Mustafàs bekräftigt.

Auf der sich beständig drehenden Bühne Natacha Le Guen de Kerneizons mit dem kühlen Ensemble von Schlaf- und Konferenzzimmer, von Küche und Bedientenkabuff  rollt die Handlung schlüssig und wie am Schnürchen ab. Nur nach der Pause hängt die Intrige etwas durch, weil aufwendig plausibel gemacht werden muss, warum sich Mustafà so primitiv übertölpeln lässt. Aber da wird sehr schön deutlich, dass es seine Sehnsucht nach einem nicht gekauften Lächeln ist, die ihn in die Ehren-Loge der Pappadaci  treten lässt.

In der Welt, die Laura Scozzi mit der „Italienerin in Algier“ zeigt, hat Liebe keinen Ort. Bodyguard Haly und Elviras Kammerfrau Zulma (Irina Maltseva), die stimmlich zusammengehören, werden kein Paar. Lindoro und Elvira verweigern sich Mustafás Heiratsgebot, weil sie sich nicht lieben. Und es gibt keine Liebesarie von Isabella und Lindoro. Das Land des nicht gekauften Lächelns ist Utopie.

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier - Isabel hält Mustafa auf Distanz © Ludwig Olah

Staatstheater Nuernberg / Italienerin in Algier – Isabel hält Mustafa auf Distanz © Ludwig Olah

Die Solisten singen und spielen erfreulich unkomödiantisch überdreht. Ida Aldrian beglaubigt die resolute Italienerin mit glänzenden Mezzo-Koloraturen, aber der sehr jungenhafte Tenor Martin Platz’ lässt eher vermuten, dass sie sich aus mütterlicher Sorge um ihn statt aus Liebe nach Algier aufgemacht hat. Marcell Bakonyi verkörpert passend den umtriebigen Playboy Mustafà ohne bodenständige Bass-Grundierung. Ina Yoshikawa gefällt mit beweglichem Koloratur-Sopran wie besonders auch Wonyong Kang als Haly und Irina Maltseva als Zulma.

Volker Hiemeyer am Pult der Staatsphilharmonie Nürnberg dirigiert sängerfreundlich, treibt das turbulente Geschehen mit pulsierendem Rossini-Schwung  mitreißend voran und verführt gegenüber dem Geschehen auf der Bühne zu eher genießerischer statt kritischer Haltung.

Nach fast drei Stunden italienisch gesungener, englisch und deutsch übertitelter Musik viel Beifall für eine insgesamt sehr gelungene, schlüssig aktualisierte „Italienerin in Algier“.

Die Italienerin in Algier (L’Italiana in Algeri):  Weitere Vorstellungen  15.4.2017 19.30 Uhr, 17.4. und 23.4.2017 19.00 Uhr

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Verona, Arena di Verona, Festival 2017 – 23. Juni bis 27. August, IOCO Aktuell, 30.03.2017

März 30, 2017 by  
Filed under Arena di Verona, IOCO Aktuell, Oper

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

 Verona 2017 – Aida, Rigoletto, Butterfly….
Große Oper in römisch antikem Amphitheater

Die Arena di Verona lädt Sie 2017 zum 95. Opernfestival nach Verona ein, vom 23. Juni bis 27. August 2017, an 47 Abenden, an denen in der Tradition der Arena klassische Opern aufgeführt werden. Mit großartigen Inszenierungen, eigens für das römische Amphitheater geschaffen. Nahezu 600.000 Besucher zählt das einnehmendste Opernfestival der Welt jedes Jahr.

Arena di Verona / Stimmungsbild zur Pause in der Arena di Verona © IOCO

Arena di Verona / Stimmungsbild zur Pause in der Arena di Verona © IOCO

Seit 1913, zum 100. Geburtsjahr des populärsten aller Opernkomponisten dem sensiblem Menschenfreund Giuseppe Verdi, finden in der antiken Arena di Verona über zwei Monate dauernde Opernfestspiele statt. 2017 machen 47 Vorstellungen und 600.000 Theaterbesucher  die Festspiele in der Arena di Verona zum größten Opernereignis der Welt. Stimm- und Lebensfreude sind die Merkmale dieses Opernfestivals. Verona feiert dies Festival im humanen Geiste Giuseppe Verdis, „lebendig, mitten im Volk“.

Die Arena di Verona wurde 30 n.Chr. erbaut. Von einem Erdbeben im Jahr 1117 schwer zerstört sind die Umfänge heute 138 x 109 Meter. 45 Stufenränge mit 45 Zentimeter Höhe und Tiefe bieten 22.000 Besuchern Platz. Die Arena di Verona – nach dem Kolosseum in Rom und der Arena von Capua – das drittgrößte der erhaltenen antiken Amphitheater. Wo 1278 die letzten gegen die Inquisition kämpfenden Katharer hingerichtet wurden, wo früher Gladiatoren mit Löwen kämpften schwelgen heute lebensfrohe Musikliebhaber.

 Die Stiftung Arena di Verona heißt ihr Publikum zum 95. Opernfestival der Arena von Verona, vom 23. Juni bis 27. August 2017 herzlichst willkommen: Auf dem Spielplan 47 Aufführungen, 5 Opern und 2 Galaabende.

Arena di Verona / AIDA - Die phantastische Inszenierung 1995 von Franco Zeffirelli geschaffen © IOCO

Arena di Verona / AIDA – Die phantastische Inszenierung 1995 von Franco Zeffirelli geschaffen © IOCO

Das OpernfestivaI 2017 wird am 23. Juni  mit einer neuen, mit Spannung erwarteten Inszenierung von Nabucco eröffnet; die Oper wird insgesamt an 12 Abenden dargestellt; es folgt die Staroper des Festivals der Arena Aida, die seit ihrer ersten Aufführung im Jahr 1913 immer auf dem Spielplan stand. Verdis Meisteroper wird in zwei unterschiedlichen Inszenierungen dargestellt, die die Zusammenhänge zwischen Tradition und Moderne unterstreichen, mit denen die Oper das Publikum erobern will. Die erste Inszenierung, auf der Bühne der Arena an 8 Abenden, wird von der katalanischen Künstlergruppe La Fura dels Baus signiert; sie hatte auch das Jahrhundertfestival eröffnet und ist von den atemberaubenden, bühnentechnologischen Erfindungen von Carlus Padrissa und  Àlex Ollé geprägt; Regieassistentin und Choreographin Valentina Carrasco, Bühnenbild von  Roland Olbeter, Kostüme von Chu Uroz, Licht von  Paolo Mazzon.

 Verona / Im Casa di Giulietta zu Verona_ auf deutsch leider zur Julia geworden © IOCO

Verona / Im Casa di Giulietta zu Verona_ auf deutsch leider zur Julia geworden © IOCO

Die zweite Inszenierung, mit 9 Darstellungen auf dem Spielplan, ist die traditionsreiche Gestaltung der Aida, die 1982 von Gianfranco de Bosio geschaffen und im Rahmen von 20 Festivals wiederholt wurde; sie lehnt sich an die historische Aufführung aus dem Jahr 1913 von Ettore Fagiuoli an. Die Choreographie stammt von Susanna Egri.

Die dritte Oper auf dem Spielplan ist Rigoletto; sie wird an 5 Abenden unter der Regie von Ivo Guerra, mit dem Bühnenbild von Raffaele del Savio und den Kostümen von Carla Galleri dargestellt.

Es folgen die 6 Aufführungen der Madama Butterfly, der japanischen Tragödie in drei Akten nach Musik von Giacomo Puccini. Die geglückte Inszenierung aus dem Jahr 2004 stammt von Franco Zeffirelli, der auch Regie und Bühnenbild zeichnet, Kostüme vom Oskarpreisträger Emi Wada und choreographische Gestaltung von Maria Grazia Garofoli. Letzte Oper auf dem Spielplan des Opernfestivals 2017 ist Giacomo Puccinis Tosca, die an 5 Abenden in der von Hugo de Ana 2006 geschaffenen Inszenierung aufgeführt wird; er zeichnet auch  Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht.

 Arena di Verona / Rathaus und AIDA Kulissen auf dem Vorplatz © IOCO

Arena di Verona / Rathaus und AIDA Kulissen auf dem Vorplatz © IOCO

Der Spielplan wird durch zwei Galaabende bereichert: für Sonnabend, 21. Juli, ist eine prominente Gala Domingo – Antología de la Zarzuela mit die schönsten Melodien von die spanische Zarzuelas und für Dienstag, 15. August die Gala 9. Symphonie von Beethoven. Wie immer wirken auch anlässlich des Opernfestivals 2017 Künstler und Techniker der Stiftung Arena di Verona mit, zusammen mit zahlreichen Mimen und Statisten.

Beginn der Darstellungen des 95. Opernfestivals der Arena von Verona: 21.00 Uhr in den Monaten Juni und Juli, 20.45 Uhr im August. Die beiden Galaveranstaltungen beginnen um 22.00 Uhr.

Auskünfte – Pressebüro Fondazione Arena di Verona – Via Roma 7/D, 37121 Verona tel. (+39) 045 805.1861-1905-1891-1939 – fax (+39) 045 803.1443

ufficio.stampa@arenadiverona.itwww.arena.it

Karten – Via Dietro Anfiteatro 6/B, 37121 Verona Tel. (+39) 045 59.65.17 – Fax (+39) 045 801.3287 – Email biglietteria@arenadiverona.it  Call Center (+39) 045 800.51.51 – www.arena.it – Vorverkauf Geticket

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München, Bayerische Staatsoper, Andrea Chenier mit Kaufmann + Harteros, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 27, 2017 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros © Wilfried Hösl

 „Leben in Leiden und Umbrüchen“

Andrea Chenier von Umberto Giordano

Von Daniela Zimmermann

Die Französische Revolution wird oft als Wiege unserer heutigen Demokratie gefeiert. Doch der Umsturz der damaligen Machtverhältnisse war eine „normale“ Revolution: Brutal, mörderisch und oft ungerecht. Lange hatten geknechtete Untertanen die Willkür der Oberschicht, meist des Adels, ertragen. In diese Zeit des absoluten, gnadenlosen Umsturzes führt uns die Oper Andrea Chenier von Umberto Menotti Maria Giordano (1867 –1948), welche erstmals an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt wurde.

Regisseur Philipp Stölzl, als Filmregisseur bekannt, nutzt in seiner Inszenierung die vielseitigen Gestaltungsmöglichkeiten des Films. Stölzl und Heike Vollmer (Bühnenbild) teilen die Bühne in vier neben- wie übereinander angeordnete Segmente, mit sich teilenden Räumen, einem wuseligen  überdimensionierten Puppenhaus ähnlich, dessen Bewohner in historisch üppigen Kostümen (Anke Winkler) beständig und in vielen Facetten das grausame Leben in der Zeit der Revolution, das Morden und Quälen, sehr konkret abbilden.

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier © Wilfried Hösl

Das erste Bild führt uns Luxus wie Elend der Vor-Revolutionszeit vor Augen. Oben im Schloss, ganz in buntem Rokokoambiente, tanzt ausgelassen die adelige Oberschicht eine Gavotte. Unter ihnen schuftet das einfache Volk in dunklen Räumen. Der Dichter Andrea Chenier (Jonas Kaufmann) gerät in die adlige Gesellschaft. Doch mit Gedichten auf die Liebe und der Sympathie für die Unterdrückten fühlt er sich dort deplatziert

Maddalena (Anja Harteros) die sensibel, verträumte Tochter der Gräfin von Coigny (Doris Soffel), empfindet scheue Wärme für Chenier, sie verliebt sich in ihn. Doch auch Carlo Gerard (Luca Salsi), der von den Gedanken der Revolution radikal erfasste Diener der Gräfin Coigny empfindet für Maddalena. Carlo Gerard ist das grausame Gesicht der Revolution: verliebt in Maddalena, eifersüchtiger Rivale von Andrea Chenier; vor keiner Gewalt zurückschreckend, um Maddalena zu gewinnen; im Dunkel der Pariser Kanalisation duelliert sich Gerard mit Chenier. Allein Maddalenas standhafte Liebe zu Chenier, überzeugt Gerard von ihr abzulassen. Er ändert seine Meinung und versucht Chenier, vor dem Tribunal zu verteidigen, leider vergebens. Das Volk will Cheniers Tod.

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier - L. Salsi A. Harteros © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier – L. Salsi A. Harteros © Wilfried Hösl

Spannend stellt Stölzl den Erfolg der Revolution in seinen Bildern dar: Oben herrscht jetzt das Volk; unten wird der verarmte Adel vertrieben, gefoltert, getötet.  Auch Andrea Chenier wird inzwischen von der Revolution verfolgt, die Liebe zu Maddalena läßt ihn bleiben, er wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Maddalena folgt traumatisiert wie liebend Andrea Chenier in den Tod; beide enden unter der Guillotine.

Dieser Abend bescherte dem Publikum eine außerordentliche Stimmenpracht. Allen voran Jonas Kaufmann, wieder voll genesen, lässt seine kräftige, wohl timbrierte Tenorstimme warm, mit großer Strahlkraft und Leidenschaft erklingen. Keine Spur der,  in vermeintlichen „Fachkreisen“ so merkwürdig intensiv, nahezu innig diskutierten Stimmkrise war zu erkennen. Die Partie des leidenden, liebenden und stolzen Dichters Andrea Chenier stellt Kaufmann überzeugend und differenziert dar.

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier - J. Kaufmann A. Harteros © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier – J. Kaufmann A. Harteros © Wilfried Hösl

Anja Harteros als Maddalena glänzt mit reiner Sopranstimme voller Lyrik und Melancholie, wie auch mit dramatischer Wucht; sie singt mit spürbar großen Gefühlen. Zart beginnt sie ihre große Arie „La mama morta“, um dann zum Ende das Publikum mit wunderbarer Intensität zu beeindrucken. Den Leiden der Maddalena gibt ihre Stimme spürbaren Ausdruck, ist gemeinsam mit Jonas Kaufmann gefeierter Star des Abends.

Im dramatischen Beziehungsdreieck mit Chenier und Maddalena agiert Luca Salsi als Carlo Gerard als gieriger wie liebender Revolutionsfunktionär. Mit kräftigem,  sinnlichem Bariton, ist er ebenfalls gefeierter Sänger dieser Vorstellung.

Die weiteren Partien der Produktion sind ebenfalls blendend besetzt. Omer Meir Wellber dirigierte das  Bayerische Staatsorchester mit viel Enthusiasmus trotzdem sensibel, differenziert und gibt somit den Solisten wie auch dem Chor großen Raum zu musikalischer Entfaltung.

Andrea Chenier im Nationaltheater München: Eine ungewöhnlich vielschichtige Inszenierung die das Grauen der französischen Revolution, von einem starken Ensemble wunderbar auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper gebracht.

Der stürmische Beifall des  Publikums wollte nicht enden.

Andrea Chénier an der Bayerischen Staatsoper, München: Weitere Vorstellungen 30.3.2017, 2.4.2017, 28.7.2017, 31.7.2017

Hamburg, Elbphilharmonie, Beethoven – 9 Sinfonien in 5 Tagen, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 25, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Die neun Sinfonien Beethovens in 5 Tagen

 Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela – Leitung Gustavo Dudamel

„I VIVA Beethoven“

Von Patrik Klein

Die jüngste Revolution der klassischen Musik hat 1975 in Venezuela stattgefunden. Das Projekt nennt sich El Sistema und schafft tausenden von Kindern und Jugendlichen eine Zukunftsperspektive, indem sie kostenlos ein Instrument lernen können. Über 800.000 Kinder haben bislang an dem Projekt teilgenommen. Die Spitze dieser Bewegung ist in dem mittlerweile erstklassig gewordenen Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela zu sehen, dem Gustavo Dudamel seit 1999, damals 18-jährig, als Chefdirigent vorsteht.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Der Elbphilharmonie Hamburg und seinem Intendanten Christoph Lieben-Seutter ist es gelungen, im Rahmen einer großen Tournee durch Europa, das Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela für die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens in Hamburgs neuen Konzertsaal zu bringen. In chronologischer Reihenfolge wurden die Sinfonien an 5 Tagen, vom 19.3. bis 23.3.2017 zur Aufführung gebracht.
Am 19.3.2017, dem ersten Abend, gibt man die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 2, die wegen der relativen Kürze von ca. 30 Minuten mit den Ouvertüren zu Egmont und Coriolan angereichert werden. In noch recht kleiner Besetzung erklingen die ersten Klassiktöne aus dem rhythmisch-feurigen Südamerika. Das wundervolle Orchester mit den jugendlichen, mittlerweile erwachsen gewordenen Musikern spielt elegant, supersympathisch und entfesselt. Die vom Komponisten angelegten schnellsten Menuettstrukturen, damals bei den Uraufführungen in Wien von der Konzertkritik geächtet und verrissen, werden mit südamerikanischem Temperament gespielt, so dass jeder Menuetttänzer unweigerlich aus der Kurve fliegen würde. Ein Auftakt nach Maß bereits nach dem ersten Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Beethovens dritte und vierte Sinfonie dann am zweiten Abend mit deutlich größerer Besetzung, wie z.B. 6 Kontrabässen, 4 Hörnern, 4 Querflöten und entsprechender Streicherverstärkung. Die Eroica gilt als eine der komplexesten Werke Beethovens. Die danach gegebene vierte eher als so etwas wie eine kompositorische Verschnaufpause. Gespielt werden sie beide in jedem Falle meisterhaft vom Orchester, angeleitet von einem der derzeit energetischsten und gefragtesten Dirigentenstars auf unserem Globus, Gustavo Dudamel. Und nach dem Konzert hatte man den Eindruck „Was kann es schöneres geben, als glücklich und beseelt aus einem großartigen Konzert in der Elbphilharmonie zu kommen?“ Es macht grenzenlosen Spaß Dudamels Musikern beim Spielen zu lauschen…spielfreudig, feinsinnig, aufbrausend mit südamerikanischem Temperament, feinste Streicherflächen, sauberste Horn- und Trompetenklänge und eine Leichtigkeit, die man so noch nicht vernommen hat. Gustavo Dudamel braucht auch überhaupt keine „Showeffekte“. Im Gegenteil, er ist hier absolut nicht der „Stardirigent“ mit „Allüren“, sondern ein Primus inter pares. Kein einziges Mal nimmt er den Jubel der 2100 begeisterten Zuhörer auf dem Dirigentenpodium an, sondern er gesellt sich, immer fast ein wenig schüchtern wirkend, zu seinen Orchestermusikerinnen und -musikern.

Wien / Ludwig van Beethoven - Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Wien / Ludwig van Beethoven – Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Am dritten Abend dann die Schicksalssinfonie Nr. 5 und die Pastorale Nr. 6 in einem Konzert. Beethoven haderte hier mit seiner beginnenden Taubheit, und man wirft ihm vor, dass er dem „Schicksal in den Rachen greifen will“. Das Genie Beethoven hat hier aus dem recht einfachen Kern aus drei Achteln und einer Halben einen ganzen Satz aus diesem Motiv heraus entwickelt. In fast jedem der 500 Takte des Kopfsatzes ist es zu hören. Hier komponierte er, wie Kinder mit Legosteinen bauen. Und das Orchester aus Venezuela spielt es wunderbar klar, feinsinnig, manchmal wuchtig und temperamentvoll. Im Block S, gut 25 Meter vom Dirigenten entfernt in bester Position sitzend und hörend, mischt sich der überaus transparente Klang zu einer vollkommenen Einheit. Das Konzert wird live gestreamt auf Facebook und Youtube und kann jederzeit abgerufen werden. Bei der durchaus wunderschönen Pastoral-Sinfonie, die an das Landleben erinnern soll, dann doch die ersten etwas schwächeren Momente der Konzertserie. Die besonders stark besetzten Blechbläser fahren ihre Instrumente in den äußersten Grenzbereich und übertönen oft viel zu stark und manchmal nicht ganz im Takt die herrlichen Streicher. Diese Lautstärke ist in dem wunderbaren Konzertsaal gar nicht notwendig, aber so geht es auch einmal einem Top-Orchester, das hier zum ersten Mal die Tücken der Akustik kennenlernt.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Der Abend vier der Konzertreihe besteht nun aus den beiden Sinfonien Nr. 7 und Nr. 8. Der Anfang der siebenten ist wie eine Orgie des Rhythmus in einem fröhlichen 6/8-tel Takt, wie ein Besuch in der Werkstatt des Komponisten. Sie stellt Beethovens pure Energie der Vortriebskraft dar. Lust an knackigen Rhythmen und treibende Schlägen werden bis ins Exzessive gesteigert. Hier zeigt sich wieder die fantastische Stärke des Orchesters mit einer Mischung aus Disziplin und lateinamerikanischem Musikgefühl angeheizt durch den Maestro am Pult, sich steigernd in einen wahren Spielrausch ganz im Sinne des Meisters. Manchen Besuchern ist es wohl doch zu viel des Guten und vielleicht etwas zu uneuropäisch. Die verhältnismäßig kurze achte Sinfonie folgt nach der Pause. Sie ist ihm ein wenig heiter geraten, wirkt ein wenig harmlos nach dem Energiefeuerwerk von vorhin. Doch der Eindruck täuscht: Beethoven sprüht hier vor Witz und geht munter zur Sache. Es entwickelt sich ein stattliches Thema, das wenig später völlig aus dem Takt fällt. Das ruhig fließende Seitenthema bringt den Satz denn doch voran, allerdings in einer untypischen Tonart. Am Ende scheint sich Beethoven selbst zu persiflieren, in dem er nicht auf den Punkt für einen Schlussakkord kommt. Bei der Uraufführung war das Publikum entsetzt und bezeichnete das Werk als „furorelos“. Dass es das nicht ist, konnte man durch das formschön aufspielende Orchester beeindruckt erleben.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Und so unprätentiös wie sie spielen, kommen sie am letzten Abend wieder auf die Bühne. Nicht fein säuberlich nacheinander wie bei allen anderen Orchestern, sondern mal in Reihe, mal mit einer Minute Pause, beim Hereinkommen sich bekreuzigend wie manche Fußballer vor dem Elfmeterschuß. Der Konzertmeister erscheint erst nachdem das Orchester sitzt und empfängt den ersten höflichen Begrüßungsapplaus. Beethovens musikalisches Weltkulturerbe kann beginnen. Finale! Es ist so weit: Beethovens Opus magnum, seine neunte und letzte Sinfonie steht auf dem Programm und bildet den würdigen Abschluss einer außergewöhnlichen Konzertwoche in der Elbphilharmonie. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Beethovens gewaltiges Spätwerk wurde 1824 in Wien uraufgeführt. Zehn Jahre Inkubationszeit mit Skizzen, Änderungen und seinen berühmten Wutausbrüchen hat es gebraucht, bis es fertig war. Beethoven war mittlerweile völlig taub und hat seine Komposition nie gehört. In Wien war man Haydn gewohnt und musste nun den „tauben Grobian“ aus Bonn ertragen. Der Komponist war sich seiner Sache absolut sicher und ohne Perücke, mit zerzausten Haaren, schlecht gelaunt und einer Sinfonie in absoluter Überlänge gelang es ihm dennoch, seine Genialität erfolgreich darzustellen. Genial, weil er es perfekt verstand, mit simplen Motiven durch Wiederholungen und Weiterentwicklungen Dynamik und Lage zu variieren, Tonarten und Rhythmen permanent zu ändern und immer wieder auf die simplen Ausgangsformen zurückzukommen.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

 Der erste Satz beginnt mit einer „Ursuppe“ und der Idee eines Themas, welches sich zu einer explosiven Geste mit 16-Tonraumumfang entwickelt. Das Thema setzt sich aus verschiedenen Motiven zusammen und wird permanent variiert, immer wieder das „Freude-Thema“ andeutend. „Fratzenhafter“ der zweite Satz mit einem Schluss, der damals skandalös empfunden wurde. Ein Schnitt, als wenn der Stecker gezogen wird. Im dritten Satz wieder langsam, elegisch, pastoral, mit Pastellfarben das „Freude-Thema“ erneut andeutend. Im vierten Satz dann mit Chor und Solisten Schillers Ode an die Freude im Fokus. Die Insel der Seligen mit paradiesischen Zuständen als Zukunftswunsch und Appell an die Menschheit.

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Dudamels Orchester aus Venezuela spielt in allergrößter Besetzung mit unglaublicher Dynamik und Spielfreude. Gänsehaut bekommt man, wenn man die 8 Kontrabässe im vierten Satz oft fast alleine hört und das gesamte Podium als Resonanzboden dient. So leise, dass es fast unhörbar klingt, baut Dudamel eine unerhörte Spannung auf, dass minutenlang kein Huster oder Papierraschler wahrzunehmen ist. Den Hörnern, der Posaune und dem Pauker gelingen dann doch manchmal die Temperamentausbrüche zu heftig und auch etwas zu schnell im Takt. Fantastisch die Streicher, die Flöten, Fagotte und Oboen. Der Chor der Europachorakademie aus Mainz mit seinem Leiter Joshard Daus liefert ein grandioses Ergebnis aus Klarheit, Textverständlichkeit und Musikalität ab. Die Solisten, allesamt aus Übersee (Julianna di Giacomo, Tamara Mumford, Joshua Guerrero und Soloman Howard) geben sich allergrößte Mühe mit leichten Problemen bei der Textverständlichkeit und Intonation. Insgesamt ein würdiger Abschluss einer grandiosen Konzertreihe durch die „Spitze des Eisberges“ der Bewegung El Sistema. Das Hamburger Publikum dankt es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Standing Ovations.

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