Baden Baden, Festspielhaus, Kammermusik – Fauré Quartett, 10.12.2017

Dezember 5, 2017 by  
Filed under Festspielhaus Baden-Baden, Konzert, Pressemeldung

logo_baden_baden

Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Bonbon für Kammermusik-Liebhaber
Das Fauré Quartett spielt ausgewählte Klavierquartette am Sonntag, den 10. Dezember 2017 um 11 Uhr im Festspielhaus Baden-Baden.

Historisch gesehen ist das Klavierquartett eine noch recht junge Kunst. Zwar sind die Werke, die für diese Besetzung geschrieben wurden, häufig von ausgesprochen hoher Qualität. Dennoch war es mutig von den vier Musikern, sich ausgerechnet als Klavierquartett einen Namen machen zu wollen. Als „Fauré Quartett“ haben Dirk Mommertz (Klavier), Erika Geldsetzer (Violine), Sascha Frömbling (Viola) und Konstantin Heidrich (Violoncello) von Anfang an mit ihren Interpretationen überzeugt, so dass sie bald nach der Gründung des Quartetts von der Deutschen Grammophon unter Vertrag genommen wurden: ein seltener Ritterschlag für ein junges festes Kammerensemble.

Festspielhaus Baden-Baden / Faure Quartett - © Mat Hennek

Festspielhaus Baden-Baden / Faure Quartett – © Mat Hennek

Es ist schon ein paar Jahre her, seit die Musiker das letzte Mal im Festspielhaus reüssierten – damals mit Mozart. Nun bringen sie ein Programm mit, das eines der schönsten Werke der Gattung ins Zentrum rückt: Schumanns Klavierquartett in Es-Dur.

Herrlichste Cello-Kantilene

Schumanns Opus 47 entstand als letztes großes Werk im „Kammermusikjahr“ des Komponisten 1842. Die Musik präsentiert im langsamen Satz die vielleicht herrlichste Cello-Kantilene der Romantik. Zuvor erklingt das Choral-Zitat „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Schumann hat die Melodie bereits in seinem Heine-Liederkreis auf die Worte “Und anfangs wollt’ ich fast verzagen” verwendet – ein typischer Zug dieses Komponisten, der seine Musik stets sehr subjektiv durchdrang.

Kommentierende Selbstzitate findet man auch in Gustav Mahlers Musik zur Genüge. Von diesem Komponisten spielt das Fauré Quartett den „Quartettsatz in a-Moll“, den der Musiker bereits mit 16 Jahren vollendete. Diese Musik ist weit mehr als eine Jugendarbeit – hier regt sich bereits eine ganz eigene Stimme. Dieser „Quartettsatz“ von 1876 ist in den letzten Jahren sehr beliebt geworden und schmückt heute viele Konzertprogramme.

Es ist eine feste Tradition im Festspielhaus Baden-Baden, dass die Künstler der Matinee ein zeitgenössisches Kammermusikwerk aufführen. Für das Fauré Quartett hat der bekannte japanische Komponist Toshio Hosokawa (*1955) die Auftragskomposition „The Water of Lethe“ (2016) geschrieben.

Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden – Karten Hier :
Karten Kaufen 

Heilbronn, Württembergisches Kammerorchester, Case Scaglione neuer Chefdirigent des WKO, ab 2018

Württembergisches Kammerorchester

Württembergisches Kammerorchester / WIKO Heilbronn © Fotostudio M42

Württembergisches Kammerorchester / WKO Heilbronn © Fotostudio M42

Case Scaglione neuer WKO Chefdirigent

Württembergisches Kammerorchesters Heilbronn

Am gestrigen Donnerstag hat der Stiftungsrat der Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn Case Scaglione einstimmig zum neuen Chefdirigenten des Klangkörpers mit Beginn der Saison 2018/2019 berufen.

Madeleine Landlinger, Intendantin Württembergisches Kammerorchester Heilbronn: „Mit Case Scaglione haben wir einen zukünftigen Chefdirigenten für das WKO gewonnen, der nicht nur begnadet talentiert und fokussiert ist, sondern der absolut für seine Arbeit brennt. Das steckt an – die Chemie zwischen dem Orchester und ihm hat von Anfang an gestimmt. Wir haben während unseres Suchprozesses auf diesen berühmten „Klick“ gehofft. Ich bin gespannt auf unseren gemeinsamen Weg und den Ausbau der Stärken des WKO unter seinem Dirigat.

Württembergisches Kammerorchester / Case Scaglione und Intendantin Madeleine Landlinger © Ralf Seidel

Württembergisches Kammerorchester / Case Scaglione und Intendantin Madeleine Landlinger © Ralf Seidel

Der Vertrag ist auf vier Jahre angelegt und läuft bis 2022. Der 34-jährige Amerikaner tritt die Nachfolge von Ruben Gazarian an, der das Württembergische Kammerorchester Heilbronn seit 2002 leitet. Case Scaglione ist damit der dritte Chefdirigent in der Geschichte des Orchesters, das 1960 von Prof. Jörg Faerber gegründet wurde.

Case Scaglione: „Ich könnte mich nicht glücklicher schätzen. Für mich war das erste Treffen mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn magisch – mit seinem unverwechselbaren Klang, seiner musikalischen Flexibilität und der unglaublichen Spielfreude hat mich das WKO förmlich verzaubert. Ich kann es kaum erwarten, bis ich mit den Musikern und Intendantin Madeleine Landlinger starten kann, um gemeinsam den Erfolgsweg dieses exzellenten Orchesters weiterzuführen.“

Der 1982 geborene Amerikaner hat bisher zweimal mit dem WKO zusammengearbeitet: Im Abschlusskonzert der Heilbronner Abonnementreihe 2015/2016, mit dem Case Scaglione gleichzeitig sein Deutschlanddebüt feierte und beim umjubelten Gastspiel des WKO in der Liederhalle Stuttgart vor wenigen Wochen im Mai 2017.

Konstanze Felber-Faur, Vorsitzende des Orchestervorstands Württembergisches Kammerorchester Heilbronn: „Seine klare Klangvorstellung, die musikalische Genauigkeit und die durchdachte und energiereiche Arbeitsweise haben uns Musiker alle von Beginn an überzeugt. Jetzt blicken wir voller Spannung und Vorfreude auf unsere erste gemeinsame Saison 2018/2019.“

Die Suche nach einem neuen Chefdirigenten lag federführend in der Hand von Intendantin Madeleine Landlinger. Ihr zur Seite stand eine Findungskommission unter Vorsitz des Stiftungsratsvorsitzenden der Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn Ralf Peter Beitner. Ihr gehörten außerdem Aleksandar Maletic (Vorsitzender des Orchestervorstands), Ministerialrat Christoph Heinkele (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg), die Heilbronner Bürgermeisterin Agnes Christner (Stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn), und Andrea Meyer-Borghardt (Dirigentenforum des Deutschen Musikrats) als externe Beraterin an.

Ralf Peter Beitner, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn und der Findungskommission: „Die Entscheidung für Case Scaglione ist das Ergebnis einer mehrmonatigen, sehr gründlichen Suche. Unsere Musikerinnen und Musiker haben eine ganz Reihe von Kandidaten professionell bewertet und damit die Auswahl geprägt. Ich erwarte nun ein sehr fruchtbares Miteinander. Mit Case Scaglione beginnt eine neue Ära für das Württembergische Kammerorchester Heilbronn.“

Der amerikanische Dirigent Case Scaglione, geboren 1982 in Houston/USA, studierte bei David Zinman an der American Academy of Conducting in Aspen/USA, wo er den James Conlon Prize gewann. 2010 wurde er mit dem Aspen Conducting Prize ausgezeichnet und 2011 erhielt er den Dirigentenpreis der Solti Foundation US. Er war 2011 einer der drei Dirigier-Stipendiaten in Tanglewood, ausgewählt von James Levine und Stefan Asbury. Im selben Jahr wurde er zum Associate Conductor beim New York Philharmonic berufen – eine Stelle, die Alan Gilbert speziell für ihn wieder eingeführt hatte. Seit 2015 hat er seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt nach Europa verlagert und lebt mit seiner Frau in Berlin. Er wird zu Gastdirigaten weltweit eingeladen, u.a. zum Orchestre National d’Île de France, Orchestre de Chambre de Lausanne, Kristiansand Symfoniorkester, Brno Philharmonic, Orchestre Philharmonique du Luxembourg, China Philharmonic Orchestra, Shanghai und Guangzhou Symphony Orchestras und mehr.

Agnes Christner, Bürgermeisterin der Stadt Heilbronn und Stellvertretende Stiftungsratsvorsitzende der der Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn: „Ein neuer Chefdirigent für das WKO, ein neuer künstlerischer Botschafter der Stadt Heilbronn! Seine Internationalität passt zu Stadt und Region, die Weltoffenheit lebt und Unternehmen von Weltrang beheimatet. Wir freuen uns auf den Neu-Heilbronner Case Scaglione und sind gespannt auf die musikalischen Impulse, die er in unserer Stadt aber auch auf zahlreichen Gastspielen mit unserem musikalischen Aushängeschild WKO setzen wird.“

Zwei der weltweit renommiertesten Dirigenten, die wichtige künstlerische Wegbegleiter, Mentoren und Partner in Case Scagliones Karriere sind, gratulieren ihm zur Chefposition beim Württembergischen Kammerorchester Heilbronn:

Alan Gilbert, Chefdirigent des New York Philharmonic und designierter Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters, gratuliert Case Scaglione: „Case Scaglione ist einer der talentiertesten Dirigenten der jüngeren Generation, und mein Vertrauen in ihn ist mit den Jahren nur gewachsen. Er besitzt eine tiefe, kultivierte musikalische Sensibilität, die perfekt zu diesem wunderbaren Orchester passt, und ich kann es kaum erwarten, zu hören, was diese Partnerschaft in den kommenden Jahren hervorbringen wird.“

Jaap van Zweden, Chefdirigent des Dallas Symphony Orchestra und des Hong Kong Philharmonic sowie designierter Chefdirigent des New York Philharmonic: „Es freut mich außerordentlich, dass Case die Gelegenheit erhält, Chefdirigent dieses wunderbaren und angesehenen Kammerorchesters zu werden! Meiner Meinung nach ist Case die richtige Wahl. Er bringt neue Energie mit und ist ein talentierter Dirigent. Die Tradition dieses Kammerorchesters und Cases außergewöhnliche Fähigkeiten werden meiner Ansicht nach eine großartige Zusammenarbeit ergeben.“


Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn (WKO) setzt mit stilsicherer künstlerischer Vielfalt und dem gelebten Ideal kammermusikalischen Musizierens Maßstäbe. Seine emotionale und sinnliche Klangkultur besticht im Ausreizen einer reichen Farbpalette von ätherischer Transparenz bis hin zum leidenschaftlich romantischen Klang. Als musikalischer Partner überzeugt das Orchester mit starker Wandlungsfähigkeit und der Kunst des musikalischen Dialogs auf Augenhöhe. Damit hat sich das WKO als eines der gefragtesten Kammerorchester etabliert. Seit 2002 prägt Ruben Gazarian als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter diesen Stil. Mit Beginn der Saison 2018/2019 wird Case Scaglione neuer Chefdirigent des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn.

Als überzeugter Touring-Klangkörper ist das Orchester auf zahlreichen nationalen wie internationalen Konzertpodien unterwegs. Höhepunkte der letzten Jahre waren u.a. die Royal Albert Hall in London, das Concertgebouw Amsterdam, die Victoria Hall in Genf, das Tschaikowsky Konservatorium Moskau, das Théâtre des Champs-Elysées in Paris, der Musikverein Wien, die Philharmonie Berlin, die Hamburger Laeiszhalle und die Philharmonie Köln sowie Auslandstourneen durch Korea, Kambodscha, China oder Spanien. In der Saison 2017/2018 geht das WKO auf eine 11-konzertige Tournee durch China.

Das Orchester setzt auch zu Hause auf musikalische Vielfalt mit höchstem Qualitätsanspruch. Dafür stehen seine Abonnementkonzerten in Heilbronn und Ulm, die innovative Konzertreihe redblue meets klassik in Kooperation mit INTERSPORT, die KSK-Kammermusikreihe unter der Pyramide, regelmäßige Musiktheater-Kooperationen mit dem Theater Heilbronn und das Musikvermittlungsprogramm KOPFHÖRER für Babys, Schulkinder und Jugendliche.

Seit seiner Gründung 1960 durch Prof. Jörg Faerber arbeitet das WKO mit den renommiertesten Künstlern zusammen und fördert stets auch junge Nachwuchstalente – im Konzert und für CD-Aufnahmen: Kolja Blacher (CD), Rudolf Buchbinder, Mojca Erdmann, Juan Diego Floréz, James Galway (CD), Augustin Hadelich, Sharon Kam (CD), Felix Klieser (CD), Katia & Marielle Labèque, Sabine Meyer (CD), Nils Mönkemeyer, Sergei Nakariakov (CD), Andreas Ottensamer, Alina Pogostkina, Linus Roth (CD), Christine Schäfer, Olga Scheps, Herbert Schuch, Daniel Müller-Schott, Carolin Widmann und Frank Peter Zimmermann (CD) musizieren u.a. mit dem WKO.

Davon zeugt auch die reiche und stets wachsende Diskografie des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn: 2017 veröffentlicht das Orchester mit Kolja Blacher und Leonard Bernsteins „Serenade“ sowie Joseph Haydns Violinkonzert C-Dur einen SACD-Beitrag zum Bernstein-Jahr (Coviello Classics). Unter der Leitung von Ruben Gazarian ist mit der Saxophonistin Asya Fateyeva das Album „Bachiana“ mit Werkadaptionen von Johann Sebastian Bach und Heitor Villa-Lobos erschienen (Berlin Classics). Die Aufnahme von Mieczys?aw Weinbergs Flötenkonzert Nr. 2 sowie Werken von Jind?ich Feld und Mikis Theodorakis mit Solistin Kathrin Christians (Hänssler Classic) setzt das Bestreben des WKO fort, selten gehörte Werke auf CD zugänglich zu machen. 2015 hat das WKO bereits einen Teil zum Gesamtaufnahmeprojekt der Violinwerke Weinbergs von Geiger Linus Roth beigesteuert. Weitere CD-Partner der letzten Jahre sind Hornist Felix Klieser mit der Aufnahme „Horn Concertos“ und Sharon Kam mit „OPERA!“, auf der Bearbeitungen aus dem Opernrepertoire für Klarinette und Kammerorchester zu hören sind. Als CD-Angebot für die ganze Familie hat das WKO zwei Andersen-Märchen, vertont von Andreas N. Tarkmann und erzählt von Juri Tetzlaff, eingespielt (Coviello Classics).

Die Aufnahme mit Werken von Johann Christian und Johann Wilhelm Hertel (Coviello Classics) wurde mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. Zu den Aufnahmen mit Chefdirigent Ruben Gazarian gehören außerdem u.a. „simply strings“ mit Musik von Britten, Bartók, Janácek und Sibelius sowie die Gesamteinspielung der Sinfonien Beethovens. Des Weiteren erschienen eine CD mit Wagners „Siegfried-Idyll“ und Bruckners Streichquintett und eine CD mit Werken armenischer Komponisten unter dem Titel „Armenian Classic“ (Bayer Records).

Träger des Orchesters ist seit 2012 die Stiftung Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, ermöglicht von 21 Gründungsstiftern. Sie sichert die Zukunftsfähigkeit des Klangkörpers durch nachhaltige Weiterentwicklung des Orchesterangebots in der Region, auf dem nationalen und internationalen Markt.

Änderungen bzw. Kürzungen bedürfen der Abstimmung mit dem Orchesterbüro des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn. PMWKO

 

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Kammermusikfest – 6 Std. Ausnahmekünstler, IOCO Kritik, 12.03.2017

März 14, 2017 by  
Filed under Elbphilharmonie, Konzert, Kritiken

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

„Kammermusikfest!“
Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik
6-stündiges Programm voller Ausnahmekünstler

Von Sebastian Koik

Sabine Meyer, Renaud Capuçon, Daniel Müller-Schott, Sergei Nakarjakow, Quatuor Modigliani, Cello Duello, Michael Riessler und viele Musiker mehr. Was im Vorfeld schon spannend klingt, wird in der Elbphilharmonie zu einem wahrlich großartigen Fest der Kammermusik voll von unvergesslichen Höhepunkten.

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Kammermusikfest © Claudia Hoehne

Das Konzert am 4.3.2017 beginnt ähnlich wie das Elbphilharmonie-Eröffnungskonzert ein paar Wochen zuvor. Die Suite für Violoncello solo Nr.3 von Bach wird Satz für Satz von jeweils einem anderen von insgesamt acht Cellisten gespielt, die im ganzen Saal der Elbphilharmonie verteilt sind. Das Schöne an diesem Arrangement ist, dass ein Gefühl für den besonderen Raum der Elbphilharmonie geschaffen wird. Der Zuschauer wird sich des Raumes stärker bewusst, nimmt ihn deutlicher wahr. Auch hört der Zuschauer, dass der Klang von den Cellos im obersten Rang genauso gut ist wie von der Bühne. Puristisch betrachtet lenkt der „Show-Effekt“ einer solchen Verteilung der Instrumente im Raum nicht gerade wenig von der Musik ab. Da das Spiel mit dem Raum nicht übertrieben wurde und es eine nette Geste ist, der Spielstätte beim ersten Besuch eine Referenz zu erweisen, kann man das aber durchaus so machen.
Im zweiten Stück des Abends spielt Sergei Nakarjakow mit wunderbar weichem und sehr edlem, warmen, angenehm tiefen Klang Flügelhorn. So elegant hat man dieses Instrument noch nie gehört! Er spielt zusammen mit seiner Schwester am Flügel ein Schumann-Stück, das ursprünglich für Klarinette geschrieben wurde, von dem auch Versionen für Cello oder Violine bekannt sind, aber so wie heute auf dem Flügelhorn nur sehr, sehr selten zu hören ist. – Es gibt wohl auch niemanden, der das auf diesem Instrument besser spielen kann als Sergei Nakarjakow. Sein Spiel ist das erste Highlight des Kammermusikfests.
Danach spielen Renaud Capuçon an der Violine und Daniel Müller-Schott am Cello ein sehr virtuoses Stück von Johann Halvorsen nach einem Thema von Georg Friedrich Händel. Besonders der Geigenpart ist halsbrecherisch und wird von Capuçon ganz bravourös gemeistert. Das zweite Highlight des Abends.

Hamburg / Elbphilharmonie_Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott © Claudia Hoehne

Danach tritt das Quartett Quatuor Modigliani mit einem Streichquartett von Antonín Dvorák auf. Es ist ein sehr, sehr schönes Stück – ganz besonders der zweite Satz! Herrlich, wie vor allem die Geigen und die Bratsche hier singen! Zum Schluss singt dann das Cello solo und die beiden Violinen und die Viola machen den Rhythmus. Das Quartett spielt ganz wunderbar und sprüht geradezu vor Musikalität! Das macht enorm viel Spaß! Für mich bereits der dritte große Höhepunkt im erst vierten Auftritt.

Im fünften Stück singt die Sopranistin Christiane Karg die Bacchiana brasileira Nr. 5 von Heitor Villa-Lobos. Die Sängerin präsentiert sich hier mit sehr viel Atem und sehr schönen, wechselnden Stimmfarben – zunächst warm und später heller, metallischer, härter. Das ist klasse gesungen und sehr schön begleitet von den acht Cellisten aus dem ersten Stück. Der nächste Höhepunkt.

Der zweite Programmblock des Abends ist drei Stücken von Franz Schubert gewidmet. Der Moderator und Vereinsvorsitzende Ludwig Hartmann erzählt, dass ursprünglich Menahem Pressler Pianist des heutigen Abends sein sollte, dieser aber dann doch schweren Herzens absagen musste, weil er gerade in Übersee an einer neuen Aufnahme arbeite. Leider war es ihm nicht machbar für diesen Abend nach Hamburg zu kommen. Dafür hat Menahem Pressler bereits fest für ein Konzert am 3. April 2018 in der Laeiszhalle zugesagt. Vertreten wird Pressler heute Abend vom ebenfalls sehr renommierten Pianisten Ian Fountain. Christiane Karg und Ian Fountain präsentieren gemeinsam eine Liedgruppe aus fünf Schubert-Liedern und es ist der erste Auftritt des Tages, der für mich nicht überzeugend ist. Das ist irgendwie schon gut gesungen, doch werden die Figuren der Lieder von der Sängerin für mich nicht wirklich verkörpert, nicht wirklich eine Geschichte erzählt, wie das bei geglückten Interpretationen von Schubert-Liedern der Fall ist. Auch der Pianist überzeugt mich in diesen Liedern nicht. Sein Spiel erscheint mir zu zögerlich und seltsam gebremst. Es fehlt Frische und Spritzigkeit. Am besten gefällt „Gretchen am Spinnrade“, das Christiane Karg mit sehr viel Leidenschaft singt, aber auch hier ist sie für mich nicht in der Rolle drin.

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Christiane Karg und Ian Fountain © Claudia Hoehne

Deutlich besser gefällt mir der Pianist im folgenden Stück, für das er gemeinsam mit Renaud Capuçon und Daniel Müller-Schott auf der Bühne steht. Ian Fountain spielt hier quirlig und spritziger als zuvor. Auch hat er in dem Stück vom Komponisten den meiner Meinung nach besten Part zugedacht bekommen – die beiden hervorragenden Streicher können in diesem Klaviertrio nicht wirklich glänzen.
Der ganz große Höhepunkt des Abends folgt mit Schuberts Oktett F-Dur D 803, das von Sabine Meyer an der Klarinette angeführt wird und neben den Quatuor Modigliani-Quartett noch aus dem Hornisten Bruno Schneider, Dag Jensen am Fagott und Knut Erik Sundquist am Kontrabass besteht. Das sind alles ganz wunderbare Musiker! Sie spielen so herrlich spritzig, quirlig-frisch und lebendig, dass es eine wahre Freude ist! Und auch sie genießen das Musizieren unter Gleichgesinnten, der Spaß am Musizieren ist diesen Ausnahme-Musikern deutlich anzusehen! Das ist ein absoluter kammermusikalischer Leckerbissen! Strahlend schön der Klang der Klarinette. Schöner kann eine Klarinette nicht klingen, als dieses Instrument in den Händen dieser Weltklasse-Künstlerin Sabine Meyer! Der Kontrabassist ist ebenfalls Weltklasse. Einen besseren Kontrabassisten habe ich noch nie zuvor gehört. Großartig auch die vier jungen Herren von Quatuor Modigliani. Herrlich anzuschauen, mit wie viel Spaß sie musizieren und herrlich, wie die Bläser und ganz besonders die Klarinette in diesem Stück oft mit den Streichern in einen wunderbaren Dialog treten. Es herrscht eine wunderbare Spannung im Musizieren dieser zusammengewürfelten Formation. Toll auch das Horn und das Fagott. Das wunderbare Schubert Oktett in dieser unübertrefflichen Besetzung ist für mich das Herzstück des Abends. Dieser achte von insgesamt vierzehn Auftritten des Abends ist für sich allein schon ein kammermusikalisches Fest par excellence!

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Quatuor Modigliani, Sabine Meyer, Bruno Schneider, Dag Jensen, Knut Erik Sundquist © Claudia Hoehne

Und es geht weiter mit musikalischen Höhepunkten. Im zehnten Auftritt des Abends ertönt unter anderem eine großartig klingende Drehorgel. Zusammen mit den Klarinettisten vom Trio Clarone und Michael Riessler klingt das ganz fantastisch. Sabine Meyer spielt zwei ganz wunderbare und hochvirtuose Klarinettensoli. Das ist das Beste und Schönste, was ich jemals auf der Klarinette gespielt gehört habe! Danach ein großartiges Solo auf der Bassklarinette von Michael Riesler. Ebenfalls ein Fest. Danach ein sehr spannender Teil, in dem mehrere Klarinetten wundervoll von der Drehorgel begleitet werden und schönste und sehr faszinierende, ungewöhnliche Klangwelten erschaffen werden. Auch hier haben all‘ die hervorragenden Musiker auf der Bühne sichtlich großen Spaß am gemeinsamen Musizieren.

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Trio Clarone und Michael Riessler, Pierre Charial an der Drehorgel © Claudia Hoehne

Danach tritt das Cello Duello mit Jens-Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt auf, das bereits 25-jähriges Bühnenjubiläum feierte. Sie spielen maximalvirtuose Stücke von Joseph Haydn und Niccoló Paganini und meistern diese wunderschöne Musik ganz großartig! Auch dieser Auftritt ist für sich allein schon ein großes kammermusikalisches Fest! Die technisch extrem anspruchsvolle Musik wird nicht nur spieltechnisch grandios gemeistert, sondern auch mit herrlicher Musikalität gespielt! Diese spielerische Klasse, diese enorme Meisterschaft des Instruments ist fast unwirklich gut, erscheint fast wie nicht von dieser Welt. Das ist atemberaubend und ein weiterer unvergesslicher Höhepunkt des Abends. Diese Musik könnte ich ewig hören! Es ist bereits 5 Stunden und 15 Minuten nach Konzertbeginn und von Müdigkeit ist keine Spur. Ich bin hellwach und begeistert.

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Cello Duo_Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt © Claudia Hoehne

Im folgenden Auftritt brilliert Renaud Capuçon mit Geigenspiel mit extrem viel Seele. Christiane Karg und Ian Fountain neben ihm musizieren nicht schlecht, überzeugen aber nicht so ganz.
Im dreizehnten und vorletzten Auftritt des Abends tritt wieder Sergei Nakarjakow auf. Er spielt das extreme Virtuosität forderndes Stück „Carneval in Venedig“ von Jean-Baptiste Arban, das er souverän meistert. Es ist das wohl technisch anspruchsvollste Trompetenspiel, das ich jemals gehört habe und es wirkt bei ihm so selbstverständlich, natürlich und leicht. Er kann so spielen, dass es wie von zwei Instrumenten gespielt erscheint. Er kann eine Stimme spielen und wie magisch spielt er parallel dazu mit unfassbarer Geschwindigkeit eine zweite Stimme. Es wirkt fast wie die Aufhebung physikalischer Gesetze. Das Trompetenspiel von Sergei Nakarjakow ist ein unvergessliches Erlebnis.

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Sergei Nakarjakow und Vera Okhotnikova © Claudia Hoehne

Zum Abschluss gibt es von den vier jungen Herren des SIGNUM Saxophone Quartet noch etwas andere, jazzigere Klänge ein wenig abseits vom klassischen Kammermusik-Repertoire. Das ist zwar technisch sehr, sehr gut gespielt, vermag mich aber anders als so gut wie alles andere am heutigen Abend gehörte nicht zu berühren.
Um 18 Uhr begann das Kammermusikfest in der Elbphilharmonie und um kurz nach Mitternacht endete es. Unterbrochen von zwei Pausen gab es in vierzehn Auftritten mehrere Stunden lang Kammermusik in hoher bis höchster Qualität. Keinen Moment war es langweilig. Auch nach Stunden kam keine Müdigkeit auf. Die Zeit verging im Fluge. Das Publikum war hellauf begeistert.

Das erste Kammermusikfest der wunderbaren Hamburgischen Vereinigung von Freunden der Kammermusik in der Elbphilharmonie war ein ganz wundervolles und unvergessliches Musikereignis, das voll von musikalischen Höhepunkten der absoluten Extraklasse war. Ein ganz, ganz großes Lob den Veranstaltern für die großartige Musikerauswahl und Programmgestaltung für das Kammermusikfest. Und ein riesengroßer Dank für 95 Jahre Bereicherung der Hamburger Kulturlandschaft mit weit mehr als 1000 auf die Beine gestellten Konzerten. Danke für diese Freude schenkende ehrenamtliche Arbeit, die das Leben vieler Musikfreunde in Hamburg schöner macht.

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, 2. Kammerkonzert am 16.10.2016

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin KaufholdHessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

2. Kammerkonzert am 16. Oktober 2016

Harmoniemusik der Klassik

  • Joseph Haydn (1732 – 1809) Divertimento B-Dur (»Feldparthie«), arrangiert für Bläseroktett von Chris Nex
  • Wilhelm Friedemann Bach (1710 – 1784) 5 Konzertstücke für 2 Klarinetten, 2 Hörner und 2 Fagotte
  • Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) Trio C-Dur für 2 Oboen und Englischhorn
  • André-Frédéric Eler (1764 – 1821) Quartett für 2 Klarinetten, Horn und Fagott
  • Johann Nepomuk Hummel (1778 – 1837) Oktett-Partita in Es-Dur

Harmoniemusik der Klassik steht auf dem Programm des 2. Kammerkonzerts am 16. Oktober, um 11.00 Uhr. In verschiedenen Kombinationen von drei bis acht Blasinstrumenten musizieren je zwei Oboisten, Klarinettisten, Hornisten und Fagottisten des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden im prunkvollen Foyer. Die Kammermusikvereinigung lenkt wie in vielen ihrer Konzerte auch hier den Blick auf wichtige aber selten gespielte Künstler: Der Komponist Wilhelm Friedemann Bach (der »Hallesche Bach«), der in Paris am Conservatoire lehrende André-Frédéric Eler und der Mozart-Schüler Johann Nepomuk Hummel. Daneben erklingen Werke der bekannten Größen Beethoven und Haydn.

Oboe Frieder Uhlig, André van Daalen Klarinette Tomas Eckardt, Bernhard Hens Horn Jens Hentschel, Andrew Young Fagott Peter Brechtel, Oskar Münchgesang.

Sonntag, 16. Oktober 2016  11:00 Uhr,  Foyer Großes Haus,  Eintritt 12 Euro / ermäßigt 6 Euro; PMHSttW

 

Nächste Seite »