Wien, Wiener Staatsoper, PREMIERE LULU – ALBAN BERG, 03.12.2017

November 23, 2017 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 

PREMIERE  LULU von  ALBAN BERG

TEXT ALBAN BERG NACH FRANK WEDEKIND

Premiere:  Sonntag, 3. Dezember 2017, 17.00 Uhr

Am Sonntag, 3. Dezember 2017 feiert Alban Bergs Lulu in der dreiaktigen, von Friedrich Cerha komplettierten, Fassung Premiere an der Wiener Staatsoper. Die Inszenierung von Willy Decker ist dem Staatsopernpublikum seit ihrer Premiere am 12. Februar 2000 bekannt – diese stand bis 2005 insgesamt 21 Mal auf dem Spielplan des Hauses am Ring, allerdings in der zweiaktigen Version. Lulu, basierend auf Frank Wedekinds Tragödien Erdgeist und Die Büchse der Pandora, konnte von Alban Berg nicht fertiggestellt werden und gelangte erst nach seinem Tod 1937 in Zürich zur Uraufführung. Es etablierte sich die Aufführungstradition, das Stück als zweiaktiges Fragment zu zeigen, bei der den ersten beiden Akten die letzten zwei Teile von Bergs Symphonischen Stücken angehängt wurden. Auch die Wiener Premiere 2000 folgte dieser Tradition. Zum ersten Mal wurde Lulu an der Wiener Staatsoper 1968 aufgeführt; in einer Inszenierung von Otto Schenk, Karl Böhm am Dirigentenpult und KS Anja Silja in der Titelpartie.

Die Orchestrierung des 3. Aktes vervollständigte schließlich Friedrich Cerha, die Weltpremiere der dreiaktigen Fassung fand 1979 in Paris statt. Am 24. Oktober 1983, unter der musikalischen Leitung des damaligen Direktors Lorin Maazel und mit Julia Migenes als Lulu, kam die dreiaktige Version zur Erstaufführung im Haus am Ring. Für die kommende Premiere kehrt Willy Decker zurück an die Wiener Staatsoper, um seine gefeierte Lulu-Inszenierung in der dreiaktigen Fassung zu präsentieren. Für das Haus am Ring schuf der international gefragte deutsche Regisseur noch Inszenierungen von Billy Budd, Die Tote Stadt und Idomeneo (im Theater an der Wien). Weitere Regiearbeiten führten ihn u. a. nach Amsterdam, Berlin, zu den Salzburger Festspielen und an die Dresdner Semperoper.

Seine Gedanken zu Lulu erläuterte Willy Decker im Programmheft für die Premiere 2000: „Lulu provoziert Unsicherheit – alles und jeder um sie herum verliert unter ihrem Einfluss Boden unter den Füßen, strauchelt und stürzt. Lulu, die Person, und Lulu, das Stück, sind auf Verunsicherung angelegt. […] das Stück beschreibt die Grundspannung zwischen Männlich und Weiblich als einen immerwährenden Kampf – der Ort dieses Kampfes und damit der Ort des Stückes ist die Arena.

Musikalisch geleitet wird die Premierenserie von Ingo Metzmacher. An der Wiener Staatsoper debütierte er 2009 mit der Neuproduktion von Lady Macbeth von Mzensk und leitete hier in weiterer Folge noch Vorstellungen von Parsifal; zuletzt wieder Lady Macbeth von Mzensk im Mai 2017. Der deutsche Dirigent ist gegenwärtig Intendant der KunstFestSpiele Herrenhausen in Hannover.

Die Ausstattung der Produktion stammt von Wolfgang Gussmann. Lulu ist neben Billy Budd und Die Tote Stadt die dritte Zusammenarbeit für die Wiener Staatsoper des deutschen Bühnen- und Kostümbildners mit Willy Decker; außerdem kreierte er die Ausstattungen von Moses und Aron sowie Lohengrin.

Die Sängerbesetzung – durchgehend Rollendebüts an der Wiener Staatsoper Bei der Sängerbesetzung gibt es vorwiegend Rollendebüts am Haus: In der Titelpartie stellt sich Agneta Eichenholz dem Staatsopernpublikum vor. Die aus Malmö (Schweden) stammende Sopranistin studierte in Stockholm und feierte bisher u. a. am Londoner Royal Opera House, Covent Garden, am Teatro Real in Madrid, an der Komischen Oper Berlin, der Oper Frankfurt, in Barcelona, Kopenhagen, Genf, Amsterdam und Basel Erfolge. Zu ihrem vielfältigen Repertoire zählen neben Lulu u. a. Alcina, Fiordiligi (Così fan tutte), Konstanze (Die Entführung aus dem Serail), Gilda (Rigoletto), Juliette (Roméo et Juliette), Violetta (La traviata), Daphne. 2015 debütierte sie als Ellen Orford (Peter Grimes) im Theater an der Wien.

Die Gräfin Geschwitz gibt KS Angela Denoke. Seit ihrem Staatsoperndebüt 1997 als Marschallin (Der Rosenkavalier) ist sie dem Haus am Ring eng verbunden und war bisher in 16 Partien an rund 120 Abenden zu erleben, darunter u. a. in Premierenproduktionen von Lady Macbeth von Mzensk (als Katerina Ismailowa), Parsifal (als Kundry), Die tote Stadt (als Marietta) und Jen?fa (in der Titelpartie).
Als Dr. Schön/Jack the Ripper kehrt KS Bo Skovhus zurück an die Wiener Staatsoper, auch er ist seit seinem Debüt 1991 als Silvio (Pagliacci) ein gern gesehener Gast auf der Bühne des Hauses am Ring. Lulu ist seine 9. Premiere an der Wiener Staatsoper nach den Titelpartien von Jonny spielt auf und Billy Budd, Graf (Capriccio), Danilo (Die lustige Witwe), Barbier (Die schweigsame Frau), Guglielmo (Così fan tutte) und Fritz/Frank (Die Tote Stadt).

KS Franz Grundheber, der bei der Premiere 2000 den Dr. Schön/Jack the Ripper verkörperte, singt erstmals am Haus den Schigolch. Der deutsche Bariton feiert mit dieser Premierenproduktion bereits seine 41jährige Zugehörigkeit zum Haus am Ring, wo er am11. Dezember 1976 als Figaro (Le nozze di Figaro) debütierte und an bisher rund 250 Abenden zu erleben war. Zu seinen meistgesungenen Rollen an der Wiener Staatsoper zählen die Titelpartien von Wozzeck, Der fliegende Holländer, Amfortas (Parsifal), Scarpia (Tosca), Orest (Elektra) sowie Dr. Schön/Jack the Ripper. 2010 wurde er zum Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper ernannt. Den Alwa singt – ebenfalls erstmals an der Wiener Staatsoper – Herbert Lippert. Er trat bzw. tritt seit über 30 Jahren im Haus am Ring, dessen Ensemblemitglied er ist, in bisher mehr als 30 Partien auf, so in den Titelpartien von Lohengrin, Peter Grimes, als Siegmund (Die Walküre), King of Naples (The Tempest), Matteo (Arabella), Tenor/Bacchus (Ariadne auf Naxos), Erik (Der fliegende Holländer), Eisenstein (Die Fledermaus), Paul (Die Tote Stadt), Tambourmajor (Wozzeck).

In den weiteren Partien geben die Staatsopern-Ensemblemitglieder Donna Ellen als Theatergarderobiere/Mutter, Ilseyar Khayrullova als Gymnasiast/Groom, Jörg Schneider als Maler/Neger, Carlos Osuna als Prinz/Kammerdiener/Marquis, Alexandru Moisiuc als Theaterdirektor/Bankier, Maria Nazarova als Fünfzehnjährige, Bongiwe Nakani als Kunstgewerblerin, Manuel Walser als Journalist und Ayk Martirossian als Diener ihre Rollendebüts am Haus. KS Wolfgang Bankl verkörpert wie bereits 2000 den Tierbändiger/Athleten.

Dirigent: Ingo Metzmacher | Regie: Willy Decker, szenische Einstudierung: Ruth Orthmann | Ausstattung: Wolfgang Gussmann, Kostümmitarbeit: Susana Mendoza

Mit: Lulu Agneta Eichenholz°, Gräfin Geschwitz Angela Denoke*, Theatergarderobiere / Mutter Donna Ellen*, Gymnasiast/Groom Ilseyar Khayrullova*, Medizinalrat Konrad Huber, Maler/Neger Jörg Schneider*, Dr. Schön/Jack the Ripper Bo Skovhus*, Alwa Herbert Lippert*, Schigolch Franz Grundheber*, Tierbändiger/Athlet Wolfgang Bankl, Prinz/Kammerdiener/Marquis Carlos Osuna*, Theaterdirektor/Bankier Alexandru Moisiuc*, Fünfzehnjährige Maria Nazarova*, Kunstgewerblerin Bongiwe Nakani*, Journalist Manuel Walser*, Diener Ayk Martirossian*, Orchester der Wiener Staatsoper, Bühnenorchester der Wiener Staatsoper

° Debüt an der Wiener Staatsoper | * Rollendebüt an der Wiener Staatsoper

Premiere:  Sonntag, 26. November 2017, 11.00 Uhr: Einführungsmatinee mit Mitwirkenden der   Reprisen: 6., 9., 12. ?, 15. Dezember 2017 ( WIENER STAATSOPER live at home) Die Premiere am 3. Dezember wird ab 19.30 Uhr live-zeitversetzt auf Radio Ö1 übertragen. PMWStO

 

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

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München, Bayerische Staatsoper München, Premiere Die Gezeichneten von Schreker, 01.07.2017

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München  ©  Wilfried Hösl

  Die Gezeichneten von Franz Schreker

Premiere 1. Juli 2017  Kommende Vorstellungen Dienstag 04.07.2017 – 19.00 Uhr, Dienstag 11.07.2017 – 19.00 Uhr, Samstag 12.05.2018 – 19.00 Uhr, Dienstag 15.05.2018 – 19.00 Uhr, Samstag 19.05.2018 – 19.00 Uhr

Die Gezeichneten, Franz Schrekers hochpolitisches Künstlerdrama, feiert am 1. Juli Premiere. Dirigent Ingo Metzmacher gibt sein Hausdebüt am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Die Produktion von Krzysztof Warlikowski ist die erste Neuinszenierung seit der Münchner Erstaufführung im Jahr 1919

Bayerische Staatsoper / Die Gezeichneten © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Die Gezeichneten © Wilfried Hösl

Zum Werk und zum Komponisten
Die Uraufführung war ursprünglich unter der Leitung von Bruno Walter an der Bayerischen Staatsoper geplant. Wegen des Kriegs wurde sie aber zunächst verschoben und letztendlich aufgegeben und fand erst im August 1918 an der Frankfurter Oper statt. Bald nach der Uraufführung holte Bruno Walter das Werk im Februar 1919 nach München, wohin es nun nach Jahrzehnten des Vergessens zurückkehrt. Schrekers drei große Opern aus seiner Zeit in Wien Der ferne Klang, Der Schatzgräber und Die Gezeichneten sind Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, deren Erfolge Franz Schreker selbst miterlebte. Seine Werke zeichnen sich durch das eigene Verfassen seiner Libretti aus. Schreker überlässt den musikalischen Schaffensprozess dabei ganz seiner Intuition, ohne ein Konzept im Vorhinein festzulegen. Sein Fokus auf die Entwicklung von Utopien in seinen Opern ist auf Schrekers Zerrissenheit zwischen seiner katholischen sowie jüdischen Herkunft zurückzuführen – er fühlte sich zugehörig und anders zugleich. Die Verfemung und Verfolgung im Nationalsozialismus überlebte er nicht.

Zur Inszenierung
Der Regisseur Krzysztof Warlikowski inszenierte an der Bayerischen Staatsoper bereits Eugen Onegin sowie zuletzt die Neuproduktion von Die Frau ohne Schatten, ein Werk das übrigens zeitgleich zu Schrekers Die Gezeichneten komponiert wurde und ebenfalls bei den diesjährigen Opernfestspielen zu sehen ist (2. und 5. Juli).

Bayerische Staatsoper / Die Gezeichneten © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Die Gezeichneten © Wilfried Hösl

Warlikowski erarbeitet gemeinsam mit seinem Kollektiv aus Künstlern wie der Bühnenbildnerin Malgorzata Szczesniak seine eigene Version der Utopie des Elysiums, um die es in Die Gezeichneten geht. Warlikowski lässt sich von berühmten Utopien der Kunstgeschichte inspirieren, wie zum Beispiel Bilder von Leonardo DaVinci oder Metropolis von Fritz Lang.

Das Werk wird in das Hier und Jetzt transferiert, ohne dabei den historischen Kontext zu ignorieren.

Hauptpartien
Die Hauptrolle des Alviano Salvago übernimmt John Daszak, der zuletzt im Januar als Robert Falcon Scott in South Pole zu erleben war. Catherine Naglestad gibt ihr Rollendebüt als Carlotta Nardi. Desweiteren singen Tomasz Konieczny (Capitano di giustizia) und Christopher Maltman (Graf Andrea Vitellozzo Tamare). PMBStOM

 

Münster, Theater Münster, Nike Wagner – Bayreuth und Bonn 2017, IOCO Aktuell, 30.05.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Nike Wagner: Pläne für Bayreuth und Bonn 2017

Den Bonnern ihre „Neunte“

VON HANNS BUTTERHOF

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Nike Wagner © Hanns Butterhof

Bei einem Diskussionsabend des Theaters Münster in seiner kenntnisreich von Dramaturg Wolfgang Türk kuratierten Reihe „Gelehrte im Theater“ sprach Nike Wagner über „Das schwierige Erbe. Bayreuth nach 1945“. Dabei gab die Urenkelin des Dynastiegründers Richard Wagner auch Einblick in das Programm des Gedenkkonzerts zum 100. Geburtstag ihres Vaters, Wieland Wagner (1917-1966). Am 24.7.2017, unmittelbar vor Beginn der Bayreuther Festspiele, wird demnach Hartmut Haenchen das Bayreuther Festspielorchester dirigieren, das die Festspielleitung zur Verfügung stellt, wofür sich Nike Wagner durchaus dankbar zeigt – und in diesem Zusammenhang die unausweichliche Frage nach den Familienkonflikten zu „nicht viel anders als in jeder Familie“ und durch das „allen eigene Interesse am Werk des Urgroßvaters“ relativiert. Beim Gedenkkonzert wird Richard Wagner mit den Ouvertüren zu „Rienzi“ und „Parsifal“ vertreten sein und Stücke der in Bayreuth eher verpönten Komponisten Verdi und Berg umrahmen, die ihr Vater gern inszeniert hatte.

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven_Bonn © IOCO

Zum Bonner „Beethovenfest“, das Nike Wagner seit 2014 leitet, führte sie aus, dass es sich in diesem Jahr vom 8.9. bis 1.10. speziell mit den kleineren Formen befassen wird. Beethovens Erfolg beruhe zwar hauptsächlich auf seinem titanenhaft Männlichen, aber seine späten Streichquartette und Lieder seien noch immer zu entdecken. So sei es Beethoven gewesen, der mit dem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ stilbildend geworden ist – der Titel des diesjährigen Beethovenfestes „Ferne Geliebte“ leitet sich von dem Zyklus ab. Aber die Bonner, erläutert die durchaus humorfähige Dame, sollen auf „ihre Neunte“ nicht verzichten müssen; die Symphonie gibt es zur Eröffnung des Festivals als Aufzeichnung von 1977 der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan am 9.9. beim public viewing auf einer Großleinwand vor dem Bonner Rathaus.

Die Wege zu Beethoven führen aber auch beim diesjährigen Beethovenfest über die Symphonien 2, 4, 7 und 8 und die Klavierkonzerte 3 und 4, und in der Menge der Hochkaräter wird es auch an Stars wie dem Dirigenten Ingo Metzmacher oder den Bamberger Symphonikern nicht mangeln.

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