Münster, Theater Münster, „Je suis Fassbinder“ von Falk Richter, IOCO Kritik, 05.09.2017

Oktober 5, 2017 by  
Filed under Kritiken, Schauspiel, Theater Münster

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Psychogramm der „Je suis …“ – Generation

 Je suis Fassbinder  von  Falk Richter

„Deutschland im Herbst 2016“

Von Hanns Butterhof

Das Kleine Haus des Theater Münster zeigt Falk Richters postdramatisches Stück „Je suis Fassbinder“ („Deutschland im Herbst 2016“). Es spürt zwei lange Stunden reichlich turbulent und wirr der geistigen Situation der Zeit nach und fragt, wie in einer Zeit der Wirrnis Kunst gemacht werden kann. Dabei entsteht überraschend ein kritisches Psychogramm der „Je suis …“- Generation.

Theater Münster / Je suis Fassbinder - hier: Fassbinder und seine Truppe loten Befindlichkeiten aus © Oliver Berg

Theater Münster / Je suis Fassbinder – hier: Fassbinder und seine Truppe loten Befindlichkeiten aus © Oliver Berg

Was die aktuelle geistige Situation angeht, hat Ausstatterin Ilka Meier mit ihrem Bühnenbild eine sehr treffende Darstellung der Polarisierung unserer Gesellschaft geschaffen. Quer durch das Kleine Haus hat sie eine Wohnung mit Bade-, Wohn- und Schlafzimmer gebaut und das Publikum davor und dahinter plaziert. Keine Seite kann die gesamte Spielfläche einsehen. Die eine Hälfte sieht nicht, was im Bad, die andere nicht, was im Schlafzimmer vor sich geht, und so ist jede Seite wie auf einem Auge blind.

Zumeist im Wohnzimmer verhandeln Rainer Werner Fassbinder (Ilja Harjes), der Kultregisseur des Neuen Deutschen Kinos der 70er Jahre, und seine Entourage ihre Befindlichkeiten. Alles wird mit einer Live-Kamera aufgenommen und soll in seiner Authentizität einen Film über den Deutschen Herbst 2016 ergeben, gültig wohl auch für 2017. Die undifferenzierte Diskussion wesentlich über die Flüchtlingskrise dreht sich wirr im Kreis und zeigt letztlich nur, dass die gegensätzlichen Positionen unüberwindlich sind.

Ausgerechnet der autoritäre Clanchef Fassbinder verteidigt empfindsam und gutmenschlich Demokratie, westlich liberale Lebensart und die humane Pflicht, Flüchtlingen zu helfen. Verständnislos steht er seiner Mutter, später seinem Liebhaber (beide: Garry Fischmann) und der Schauspielerin Claudia (Claudia Hübschmann) gegenüber. Sie alle bestehen auf ihrer Unsicherheit und Angst und wünschen sich einen starken, aber unbedingt guten Führer, Macron mit Gruß voraus!

Theater Münster / Je suis Fassbinder © Oliver Berg

Theater Münster / Je suis Fassbinder – hier: Fassbinder und sein Liebhaber verstehen sich nicht – vlnr: Garry Fischmann und Ilja Harjes © Oliver Berg

Neben jeder Menge Situationskomik bezieht das Stück seinen Witz aus dem Auseinanderklaffen von Fassbinders demokratisch-liberaler Rhetorik und seinem autoritären Verhalten samt der dazugehörigen grotesken Blindheit gegenüber dem diffusen Beziehungsgefüge seiner Truppe. Während er die Authentizität des Handelns fordert, weist er seinen Schauspielern ihre Rollen zu und spart nicht mit menschenverachtenden Sprüchen. So setzt er seinen Leuten Schweinchen- und Katzenmasken auf, nötigt einen (Jonas Riemer), sich nackt auszuziehen, und weist Argumente seines Liebhabers damit zurück, dessen einziges Kapital sei doch sein Körper.

Die sanften Gitarrenklänge von Ilja Harjes ironisieren die flammende Wahlkampf-Rede gegen die AfD am Ende des Stücks durch einen Hauch von Heilsarmee. Erst hier wird deutlich, dass es Max Claessen in seiner Regie um ein kritisches Psychogramm der alt gewordenen, einst gesellschaftskritischen Fassbinder-Generation und deren Kinder geht, für die „Je suis…“- Generation ein passender Begriff sein dürfte. Er macht die angelernte Empfindsamkeit und Liberalität im politischen Diskurs sichtbar, die keine Basis im Verhalten derer hat, die sich auf jedes Signal hin reflexhaft mit der kostenfreien Identifizierung „je suis …“ als Betroffene zeigen.

Theater Münster – Alle Karten Hier :
Karten Kaufen

Münster, Theater Münster, La Revolution #1 – Wir schaffen das schon, IOCO Kritik, 03.05.2017

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Nation als tragischer Held und Opfer

Die Französische Revolution spannend im Theater Münster

VON HANNS BUTTERHOF

Ein Hauch von Schulfernsehen weht durch Münsters Großes Haus. Auf dem Stundenplan in Geschichte steht die Französische Revolution von 1789 mit Jo Pommerats aktuellem Erfolgsstück La Revolution #1 – Wir schaffen das schon. Stefan Otteni hat es spannend inszeniert und zeigt viel aktuell Wiedererkennbares. Aber die Nation an Stelle eines tragischen Helden ist zu abstrakt, um zu berühren.

 Theater Muenster / La Revolution - Noch glauben die konservativen Kraefte, sie schaffen das schon © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Noch glauben die konservativen Kraefte, sie schaffen das schon © Oliver Berg

Otteni und seine Ausstatter haben sich viel einfallen lassen, um die Aktualität des Stücks deutlich zu machen. Die Einheitsbühne Peter Sciors ist einen moderner, mit hellem Holz getäfelter Parlamentssaal, in dem die Abgeordneten diskutieren – die Damen im Kostüm, die Herren im Anzug (Kostüme: Sonja Albartus). Die Redner treten aus dem Zuschauerraum auf, aus dem mitunter zustimmende oder empörte Zwischenrufe erklingen. Und eine Rampe führt durchs gesamte Parkett, von der die Zuschauer direkt angesprochen werden, als wären sie als Abgeordnete dabei, und die Sprache in Isabelle Rivoals Übersetzung ist unbedingt heutig. Der jeweilige Schauplatz, das Versailler Schloss, die National- oder eine Bürgerversammlung in Paris, wird durch eine Leuchtschrift angezeigt.

Theater Muenster / La Revolution - Enttäuschte Bürger greifen zu den Waffen © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Enttäuschte Bürger greifen zu den Waffen © Oliver Berg

Die berühmten Namen der Revolution fehlen, es treten typisierte Charaktermasken auf. Als die engstirnigen, letztlich hilflosen Konservativen treten der überhebliche Adel, der bornierte Klerus und das aufgeblasene Militär auf. Auf Seiten der Bürger finden sich der vorsichtige Reformer (Christian Bo Salle), der später Opfer der radikalisierten Bürger werden wird, der ehrgeizige Opportunist (Daniel Rothaug), der an der Basis in Jeans für sich wirbt, aber darunter schon den Anzug für höhere Aufgaben trägt, und die Radikale (Carola von Seckendorff), die auch die Gewalt des Mobs als Gegengewalt rechtfertigt – und alle sind von hohem Wiedererkennungswert.

Historisch eindeutige Kontur und persönlichen Ausdruck gewinnen nur der passive, schwankende König Ludwig XVI. (Hubertus Hartmann) und seine von allem genervte Frau Marie Antoinette (Regine Andratschke). Premierminister Müller (Ilja Harjes), der seinem Chef beflissen den Teppich ausrollt, ist der Unglückliche, der weiß, was notwendig wäre. Aber er kann die Ereignisse nicht mehr aufhalten, die sich wie eigengesetzlich rasch von der Reformation hin zur Revolution entwickeln.

Theater Muenster / La Revolution - Dem Koenigspaar sind die Zuegel entglitten © Oliver Berg

Theater Muenster / La Revolution – Dem Koenigspaar sind die Zuegel entglitten © Oliver Berg

Die Bewegung geht von der Basis aus. Das erst schüchterne Engagement der Bürger wandelt sich, der Enttäuschung folgt mit dem Hunger die Verbitterung, Bewaffnung ist der nächste Schritt. Der Terror kündigt sich an, zunehmend sind Explosionen zu hören. Aber der Ablauf des Geschehens folgt keinem Plan, ihr tragischer Held und Opfer ist die abstrakte Nation. Das ist spannend zu sehen, berührt aber nicht; die Aktions- und Spielenergie der Schauspieler steht in keinem Verhältnis zum Erfahrungsgewinn. Höchstens der deutsche Titel „Wir schaffen das schon“ wirkt da wie eine bittere Prognose zu den aktuellen Hoffnungen, unsere aktuellen Krisen steuern und bewältigen zu können.

Nach fast vier informativen Stunden großer Beifall des Premierenpublikums für das engagierte Spiel des Ensembles und das Regieteam.

Theater Münster, La Revolution #1 – Wir schaffen das schon:  Die nächsten Termine:  11.5., 19.5. und 31.5. jeweils um 19.00 Uhr, am 28.5. um 15.00 Uhr.

Theater Münster – Karten Hier :
Karten Kaufen