Reinhard Keiser – Ein großer Barockkomponist wird geehrt, IOCO Portrait, 02.12.2017

Dezember 4, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Portraits

 

 Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Stadtkirche St. Georg Teuchern / Ehrung von Reinhard Keiser © Guido Müller

Reinhard Keiser – Mitteldeutscher Komponist des Barock

Ehrung in Teuchern – Stadtkirche St. Georg

Von  Guido Müller

In Teuchern, dem nahe Halle (Saale) gelegenen Geburtsort des großen mitteldeutschen Barock-Opernkomponisten  Reinhard Keiser (1674 – 1739) und Vorgängers Händels und Telemanns an der Hamburger Oper am Gänsemarkt findet jährlich mit einem prominent besetzen Konzert eine Ehrung des mitteldeutschen Komponisten  statt.

 Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Teuchern / Reinhard Keiser Gedenkstätte © Reinhard-Keiser-Verein Teuchern

Am 12.11.2017  waren der Barock-Opernspezialist und bekannte Tenor Knut Schoch aus Hamburg und der Dirigent, Keiser-Spezialist und u.a. fest an der Komischen Oper Berlin verpflichtete Chitarrone-Spieler und Lautenist Thomas Ihlenfeldt aus Bremen mit einem spannenden und  ausgefallenen Programm  Wer in Liebesfrüchten wählet. … Arien aus Hamburger Opern zu Gast. Der durch zahlreiche Gesamtaufnahmen Keisers bekannte Kenner seines Werks, Thomas Ihlenfeldt moderierte  launig und führte mit interessanten Kommentaren durch das Programm.

Das humorvolle Programm war außer Keiser selbst vor allem seinen Vorläufern und älteren Zeitgenossen an der Gänsemarkt-Oper gewidmet. Den Anfang machte der 1650 in Warschau geborene Lautenist und Viola da Gamba Spieler Jakob Kremberg (+ 1718), Schüler von Heinrich  Schütz und erster Pächter der Oper, mit drei stark text-akzentuierten und  italienisch geprägten Liedern.

Johann Wolfgang Franck (1644 – 1710) komponierte außer  Opern wie  Aeneas  häufig stark volkstümliche und zeitgemäße Sujets, wie in den Jahren der Türken-Gefahr vor Wien die Oper Cara Mustafa, die später in Hamburg sogar als zu türkenfreundlich verboten wurde. In diesem Werk   findet sich die erste niederdeutsch verfasste komische Arie der   Hamburger Oper.

Hamburgische Staatsoper - Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser - Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Hamburgische Staatsoper – Heute / Wirkungstätte von Reinhard Keiser – Bedeutendstes deutsches Theater um 1700, in der Barockzeit © IOCO

Besonders beliebt sicher schon beim Hamburger Publikum um 1700 war das moralisierende Recipe: Edler Tee, der gut für Gesundheit und Tugend, gegen alle Plagen helfe und Jugend erhalte. Es folgen drei von Franck und Georg Böhm vertonte religiöse Lieder des Theologen, Librettisten und Textdichters Heinrich Elmenhorst (1632 – 1704), dem es gelang, vor allem mit seiner Streitschrift Dramatoligia von 1688 die Bedenken der Pietisten gegen die Oper in Hamburg auszuräumen. Daran schlossen sich das Morgen- und Abendlied des mit Elmenhorst befreundeten Lüneburger Organisten Georg Böhm (1661 – 1733) an, die direkt nichts mit der Oper zu tun haben.

Auf ein religiöses Reiselied Francks folgen zunächst eine Arie von Keiser aus Masagniello furioso und dann aus Heraclius. Das letztere „Ich kenn ein hübsches Mädchen“  wird auf der Barockgitarre begleitet.

Dann folgt mit Johann Sigismund Kusser (1660 – 1727) der interessanteste Zeitgenosse Keisers, ein wahrer kosmopolitischer Europäer, der u.a. auch in Dublin wirkte. Bei dem Vorläufer Keisers hört man in seiner Oper Erindo bereits viel französischen Einfluss. Zwischen dem französisch geprägten Menuett  Was bewegt dich und der Branle devillage O höchst gewünschte Lust hat die Arie „Zu euch muss ich wiederkommen“ sowohl liedhafte Elemente wie kunstvolle italienische Verzierungen und Stilelemente.

Knut Schoch © Knut Schoch

Knut Schoch © Knut Schoch

Hier kann Knut Schoch in ganz besonderem Maße sein hohes und vornehmes Stilbewußtsein für diese hochbarocke deutsche  Arienkunst zeigen, die sich in einer sehr intelligenten Gestaltung äußert. Sein gepflegter und vornehmer, dabei durchaus kräftiger, leicht baritonal eingefärbter Tenor singt nicht nur sehr elegant im Legato auf der Linie des Atems sondern trifft auch den jeweiligen spezifischen Ton dieser kleinen Arienkunstwerke sehr genau. Dabei singt Schoch äußerst  textverständlich. Langsam und vornehm zurückhaltend steigert er von Arie zu Arie seine äußerst geschmackvolle Verzierungskunst der Koloraturen und Triller. Hier singt zum Beispiel die weltberühmte amerikanische Mezzosopranistin und Händel-Preisträgerin 2018 JoyceDiDonato ihre ausgewählten, äußerst virtuosen Keiser-Arien sehr viel stärker mit der Emphase der italienischen Opera seria.

Zu Höhepunkten dieses stilistisch äußerst abwechslungsreichen Hamburger Arien-programms gestalten Knut Schoch und Thomas Ihlenfeldt auf der Chitarrone dann die dramaturgisch geschickt an das Ende des Programms gesetzten Keiser-Arien der lustigen, dem Arlecchino der italienischen Stehgreifposse verwandten Figur aus Der geliebte Adonis. Damit hat Keiser wie später auf besonders geniale Weise Georg Philipp Telemanns eine mythologisch-historischen Opernstoffe für das zahlende Hamburger Bürgertum mit volksnahen Elementen aufgelockert. Dabei hat Keiser mit seinem kongenialen Textdichter sich oft auch moralisierend über die Hamburger Pfeffersäcke und die hohe Minne der italienischen Opera seria lustig gemacht.

In den Opernhäusern Italiens und den aristokratischen Hofopern außerhalb Frankreichs setzte sich nämlich damals um 1700 der ganz andere Typ der Opera seria oder des Dramma per musica durch, bei dem zur  Auflockerung nur zwischen den Akten Intermezzi gespielt wurden. Im 17. Jahrhundert überwog auch in Italien noch die in Hamburg wie auch damals in Leipzig oder Braunschweig üblich bleibende Mischform mit ernsten allegorisch-historischen Figuren und meistens als Dienstpersonal oder Exoten gezeichneten komischen oder halb ernsten Figuren.

Der geliebte Adonis ist die erste erhaltene Hamburger Oper von Reinhard  Keiser. Sie zeigt sogleich wie im Fall Telemanns ihre große Bühnentauglichkeit, die auch heute noch das Publikum unmittelbar anzusprechen, zu unterhalten und zu berühren vermag. So wie Bayreuth seine Richard-Wagner-Festspiele hat würde Hamburg ein Keiser-Telemann-Festival oder ein Gänsemarkt-Opernfestival gut zu  Gesicht stehen.

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Grabstätte Georg Friedrich Händel in Westminster Abbey © IOCO

Auch Georg Friedrich Händel und der im 18. Jahrhundert in ganz Europa angesehenste, in Hamburg-Bergedorf geborene Opernkomponist Johann Adolph Hasse (Händel und Bach waren außerhalb ihres engeren Wirkungskreises vor allem als Orgel- und Cembalo-Virtuosen bekannt) starteten ihre Karriere in Hamburg am Gänsemarkt.

Hamburgs Oper am Gänsemarkt war von 1678 bis 1738 das erste und  wichtigste bürgerlich-städtische Theater im gesamten deutschen Sprachraum. Mit zweitausend Plätzen übertraf es alle zeitgenössischen Theaterräume. Die Menge der an diesem Hause wirkenden Opern-komponisten und Literaten ist innerhalb der Opernlandschaft Europas einzigartig.

In den beiden komisch-moralisierenden und frivolen Arien Ein Mädchen ist wie Wind und Ein Mädchen und ein Orgelwerk zeigt der Tenor Knut Schoch (Tenöre nahmen in der deutschen Oper den Platz der Kastraten in der damaligen italienischen Oper ein) noch mal abschließend dem dankbaren und aufmerksamen Publikum seine intelligente und tonschöne Kunst der komischen Gestaltung. Keiser appelliert daran, Mädchen wie Orgelwerke mit Bedacht zu bespielen. Das begeisterte Publikum erklatschte  sich von beiden Künstlern als Zugabe nochmal eine Wiederholung des Abendliedes von Georg Böhm Nun will ich mich zu Bette legen.

Es wäre zu wünschen, dass dieses vielfältige, stilistisch mannigfaltige Hamburger Barock-Arien-Programm von beiden Künstlern und Spezialisten der Hamburger Gänsemarkt-Oper auf CD eingespielt würde, so wie viele frühere Werke von Keiser, die auch in Teuchern  aufgeführt  wurden, als CD vorliegen.

Kontakt: Reinhard-Keiser-Förderverein, Vorsitzender  Bertram Adler (Weißenfels).

Webadresse:   http://www.reinhard-keiser-verein.de/start.htm  

Theater / Konzerte – Alle Karten Hier
Karten Kaufen

Halle, Händel Festspiele 2018 – Fremde Welten, IOCO Aktuell, 21.11.2017

Händel Festspiele Halle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Festspiele 2018  –  „Fremde Welten“

Programm der Händel-Festspiele 2018 veröffentlicht – Mezzosopranistin  Joyce DiDonato Händelpreisträgerin 2018

Von Guido Müller

Vom 25. Mai bis zum 10. Juni 2018 ist Halle an der Saale wieder Schauplatz der glanzvollen und weltweit größten Händel-Festspiele. Unter dem Motto Fremde Welten werden an 17 Festspieltagen über 100 Veranstaltungen im Haupt- und Nebenprogramm in der Geburtsstadt des Komponisten und der Umgebung stattfinden, um den großen Sohn der Stadt zu feiern und ganz besondere Musikveranstaltungen an authentischen Orten erlebbar zu machen.

Händel Festspiele 2018 © Händel Festspiele

Händel Festspiele 2018 © Händel Festspiele

Mit der Neuproduktion von Berenice, Regina d’Egitto HWV 38 am ersten Festspieltag in der Oper Halle schließt sich nach fast 100 Jahren  die letzte Repertoirelücke: In der Heimatstadt des Komponisten werden  alle seine 42 Opernwerke erklungen sein, nachdem mit Orlando die  Händel-Opern-Renaissance in Halle im Jahr 1922 begann.

Die Premiere von Berenice, Regina d’Egitto (25.5.) unter der musikalischen Leitung von Jörg Halubek und in der Inszenierung von Jochen Biganzoli mit den Händel-Festspielorchester Halle wird nach der Hallischen Händel-Ausgabe aufgeführt – genau wie acht weitere  Werke.

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminter Abbey © IOCO

Grabstätte von Georg Friedrich Händel in Westminter Abbey © IOCO

Die Händel Festspiele 2018 präsentieren in acht Opern, drei weiteren szenischen Aufführungen, drei Oratorien, sechs Festkonzerten und mehreren genreübergreifenden Veranstaltungen 15 ECHO Klassik-Preisträger. Hiertreffen sich die Stars der internationalen Barock- musikszene.

Live zu erleben sind u. a.: die mehrmalige ECHO Klassik- und Grammy-Gewinnerin und neue Händel Preisträgerin 2018 Joyce DiDonato (26.5.), die Sopranistinnen Julia Lezhneva (6.6.) und Sophie Karthäuser (27.5.), die Mezzosopranistinnen Magdalena  Kožená (31.5.) und Ann Hallenberg (9.6.), die Altistin Nathalie Stutzmann (2.6.) sowie die Countertenöre Max Emanuel Cencic (8.6.) und Xavier Sabata (3.6.).

Für musikalischen Hochgenuss sorgen darüber hinaus international renommierte Ensembles wie Il Pomo d’oro unter der musikalischen Leitung von Maxim Emelyanychev mit Arianna in Creta u.a. mit Karina Gauvin, Ann Hallenberg, Kristina Hammarström, Maite Beaumont und Andreas Wolf (9.6.), John Butt mit dem Dunedin Consort (27.5.) mit Samson als Erstaufführung der solistischen Fassung von 1743) und  das La Cetra Barockorchester unter der Leitung von Andrea Marcon mit einem Festkonzert und dem Messiah (31.5. und 1.6.).

Händel Festspiele Halle / Händel Startmotiv © Händel Festspiele Halle

Händel Festspiele Halle / Händel Startmotiv © Händel Festspiele Halle

Wie in den vergangenen Jahren werden Brücken zu anderen  Musikgenres wie dem Jazz sowie der elektronischen Musik und der Rockmusik geschlagen. Ferner gibt es in mehreren Konzerten einen  spannenden musikalischen Dialog mit anderen Kulturen, z. B. mit   türkischer und persischer Musik.

Das Motto der Händel-Festspiele 2018 Fremde Welten ist überall präsent. Auch die Internationale Wissenschaftliche Konferenz  beschäftigt  sich mit dem Thema. Händel lernten im Laufe seines Lebens fremde Sprachen, Länder, Kulturen und Religionen kennen. In seinen musikalischen Werken überschritt er immer wieder Grenzen. Damit entführt er die Zuhörer in ferne Gegenden und manchmal auch in Märchenwelten. Ist Händels Welt uns heute fremd geworden, oder gibt es nicht auch Vieles, was uns vertraut ist? Die Händelfestspiele laden dazu ein, diesen spannenden Fragen nachzugehen.

Ein Jubiläum steht auch auf dem Programm: 1968 war das Goethe-Theater Bad Lauchstädt erstmals Aufführungsort der Händel-Festspiele. Die historische Spielstätte hat sich in den 50 Jahren zu einem festen Bestandteil der Festspiele etabliert. Im nächsten Jahr werden im Goethe-Theater die renommierte Lautten Compagney Berlin unter der musikalischen Leitung von Wolfgang Katschner  Händels Serenata Parnasso in festa HWV 73 (26.5.) und das Prager Barock-ensemble Musica Florea das Opern-Pasticcio Muzio Scevola HWV 13 auf die Bühne bringen. Dabei ist Muzio Scevola erstmals seit dem 18. Jahrhundert in einer szenischen Gesamtaufführung zu erleben.

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Eine deutsche Erstaufführung wird es am 8.6. im Carl-Maria-von-Weber-Theater in Bernburg geben. Das Bach Consort  Wien mit Rubén Dubrovsky und ausgezeichnete   Solisten werden Händels Oreste HWV A 11 u.a. mit Ray Chenez in der Inszenierung von Kay Link aufführen (2.6.). Christophe Rousset wird u.a. mit Xavier Sabata und Sandrine Piau am 3.6. Rinaldo in der späten Fassung von 1731 zur Erstaufführung bringen. Das Anhaltische Theater Dessau bringt eine Neuproduktion von Giulio Cesare in Egitto  (8.6.).

Die Händel-Festspiele gehen im kommenden Jahr aber auch ganz neue Wege. Neben den bewährten und immer beliebter werdenden Baroque Lounges wird es erstmals einen Poetry Slam zum Thema Fremde Welten geben. Dabei drängt sich zunächst die Frage auf: Barockmusik   und Poetry Slam – geht das überhaupt? Die Händel-Festspiele sind   gespannt und nehmen sich ein Beispiel an Händel.

Des Weiteren wird die Zusammenarbeit mit dem London  Handel Festival ausgebaut. Die Handel Singing Competition hat schon manche internationale Gesangskarriere hervorgebracht. Erstmalig stellen sich zwei Preisträger des Gesangwettbewerbes 2017 in einem Lunch-Konzert im Händel-Haus in Halle vor. (2.6.).  Der Eintritt ist kostenfrei – wie bei einer Vielzahl von Veranstaltungen bei den Händel-Festspielen 2018. So dürfen sich Besucher auf die nun mittlerweile 16. Orgelnacht, auf ein Nachtkonzert, auf die Internationale Wissenschaftliche Konferenz, auf Vorträge zu ausgewählten Veranstaltungen, auf Handel for Brass auf dem Domplatz und auf das Fest für die ganze Familie im Hof des Händel-Hauses freuen, ohne dafür Eintritt zu bezahlen.

Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendant der Händel-Festspiele freut sich sehr: „Das ist weltweit einmalig: acht verschiedene, szenische Produktionen mit Barockmusik kann man in nur17 Tagen erleben. Es erklingen Werke, die in dieser Form seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr zu erleben waren oder die besondere Erst- oder sogar Uraufführungen sind. Und darüber hinaus schlagen wir Brücken zu anderen Musikgenres und anderen Kulturen. Ich freue mich, dass wir wieder ein großes Barockmusikfest feiern können, das seinesgleichen sucht. Für die Unterstützung dieses großartigen Festes danke ich  herzlichst der Stadt Halle, dem Land Sachsen-Anhalt und dem Bund, aber auch den zahlreichen Partnern, Förderern und Sponsoren, stellvertretend Lotto Sachsen-Anhalt, der Ostdeutschen  Sparkassenstiftung  sowie der Saalesparkasse. Obwohl wir uns in diesem Jahr mit dem ‚Fremden‘ befassen, zeigt all dies, dass uns über 250Jahre nach   Händels Tod die Musik des halleschen Komponisten nichtbefremdet, sondern weiterhin tief berührt.“

Händel Festspiele Halle / Joyce DiDonato © dpa Händel Festspiele Halle

Händel Festspiele Halle / Joyce DiDonato © dpa Händel Festspiele Halle

Den Händel-Preis der Stadt Halle des Jahres 2018, vergeben durch die Stiftung Händel-Haus, erhält die US-amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Das Kuratorium der Stiftung Händel-Haus unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiegand würdigen damit ihre herausragenden Verdienste um die Pflege von Händels Musik. Der Händel-Preis wird Joyce DiDonato zu ihrem Festkonzert In War and  Peace– Harmony through Music am 26.5.2018 in der Georg-Friedrich-Händel Halle überreicht.

Erst kürzlich durfte sich Joyce DiDonato in der Elbphilharmonie Hamburg ihren bereits vierten ECHO Klassik als Sängerin des Jahres abholen. Für ihr Album In War and Peace, welche vornehmlich Händel-Stücke beinhaltet, bekommt sie nun schon die nächste Auszeichnung. Den Händel-Preis erhält sie für ihre langjährigen und überragenden Händel-Interpretationen. Somit trägt sie zur weltweiten Popularität des großen Sohnes der Stadt Halle (Saale) bei, sagt Clemens Birnbaum, Direktor der Stiftung Händel-Haus und Intendant der Händel-Festspiele.

Westminster Abbey in London ©IOCO

Westminster Abbey in London ©IOCO

Joyce DiDonato gehört zu den größten Mezzosopranistinnen ihrer Zeit. Geboren ist die mehrfache ECHO Klassik- und  Grammy-Preisträgerin am 13.2.1969 in Prairie Village im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas. Ihr Repertoire reicht von Händel bis hin zur zeitgenössischen  Musik. Für diese Vielfältigkeit wird sie weltweit geachtet und gefeiert. Joyce DiDonato ist auf den berühmtesten Opernbühnen der Welt zu Hause – egal ob in London, Mailand, Wien, Paris, Barcelona, Berlin, Amsterdam, New York, Chicago, San Francisco oder Tokio – sie sorgt überall für Faszination beim Publikum und bei Kritikern. Zudem steht sie auch als Konzertsängerin weltweit auf der Bühne und arbeitet immer wieder mit Spitzenmusikern und -ensembles zusammen. Mit ihrer Vielzahl an Aufnahmen  beispielsweise mit dem Ensemble Il Complesso Barocco von Alan Curtis, William Christies Les Arts Florissants und  Antonio Pappano sowie mit ihren ausgedehnten Tourneen durch Europa, Asien und Nord- und Südamerika erlangte sie Weltruhm. Musikalisch geht Joyce DiDonato immer wieder neue Wege und lässt sich von vielen künstlerischen Einflüssen  inspirieren.

Mit ihrem Bühnenprogramm In War and Peace – Harmony  through Music setzt sie außergewöhnliche Akzente und ist damit genau am Puls der Zeit. Begleitet wird sie bei ihrem Festkonzert bei den Händel-Festspielen 2018 vom ausgezeichneten Ensemble Il Pomo d’oro unter der  musikalischen Leitung von Maxim Emelyanychev.

Programm der Händelfestspiele Halle –  www.haendelfestspiele-halle.de 

Händelfestspiele Halle – Karten hier ab 24.11.2017
Karten Kaufen

Halle, Staatskapelle Halle, Beethoven – Schostakowitsch: Musik ist Revolution, IOCO Kritik, 16.11.2017

November 16, 2017 by  
Filed under Händel Halle, Hervorheben, Konzert, Kritiken

Staatskapelle Halle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Händel Halle in Halle, der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels © Haendelhalle

Staatskapelle Halle – Beethoven – Schostakowitsch

Beethoven – Drittes Klavierkonzert, Schostakowitsch – Elfte Symphonie  Staatskapelle Halle – Herbert Schuch und Josep Caballé-Domenech

„Musik ist Revolution!“

Von Guido Müller

Unter der musikalischen Leitung von GMD Josep Caballé-Domenech spielte der vielfache  Preisträger und 1979 in Rumänien geborene Pianist Herbert Schuch zunächst das große Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven in c-moll aus der Zeit der Komposition der dritten Symphonie Eroica 1803/04. Beethoven hatte dieses Konzert für seine eigenen Auftritte als Symphonie mit konzertierendem Pianoforte komponiert. Die konzertante Struktur wird zum  Programm. In  diesem Konzert wird es von Herbert Schuch, die Staatskapelle Halle und ihr GMD Josep Caballé-Domenech maßstabsetzend und zutiefst berührend in inniger Übereinstimmung umgesetzt. Für seine Einspielung des Dritten Klavierkonzertes hat der Pianist 2013 den renommierten ECHO-Klassik Preis erhalten. Mit seinen dramaturgisch durchdachten Konzertprogrammen und CD-Aufnahmen hat sich Schuch als einer der interessantesten Musiker seiner Generation einen herausragenden Ruf erworben, den er  in  Halle glänzend bestätigt.

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händelhalle © Guido Müller

Mit männlich-schlanker Eleganz spielt Herbert Schuch im einleitenden Satz den ersten  Einsatz, keineswegs mit aggressiv-virtuosem triumphierend-heroischem Gestus sondern mit  der  ihm eigenen Nachdenklichkeit. Den großen heroisch-virtuosen Gestus spart er sich in  durchdachter Dramaturgie für die Kadenz auf, in der Schuch sein ganzes Können zeigt. Dies  zeigt  sich bei ihm ganz besonders charakteristisch im zärtlichen Mittelteil und nach einem  geradezu lisztmässigen Aufschwung höchster Virtuosität im aufregendsten Innehalten auf  Pianissimo  vor dem Wiedereinsetzen und Aufschwung des Orchesters: ein höchstspannungsvoller Augenblick, der das gebannte Publikum den Atem anhalten lässt.

Das darauf folgende Largo gestalten Schuch und Domenech im intimsten Zwiegesang mit  der Staatskapelle Halle zum Höhepunkt des Klavierkonzertes. Die von Ralf Mielke und Gabriele Knappe gespielten Flöten atmen mit dem Pianisten auf unnachahmlich perfekte Weise.

Das abschließende Rondo musizieren Solist und die Streicher und Bläser der Staatskapelle in kunstvollster sich abwechselnder Rhetorik. Der Satz atmet den eleganten Witz Wiener Salons der Vormetternichzeit mit geradezu harlekinmäßiger Spielfreude. Besonders gefällt dabei die perfekte Wienerische Klarinettenseligkeit von Frank Hirschinger und  Anja Starke im Wechselgesang mit dem Pianisten.

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Als Zugabe krönte der Ausnahmepianist Herbert Schuch seinen glänzenden Auftritt in Halle überaus geschmackvoll und intelligent mit der letzten Komposition Beethovens aus den Bagatellen innig, virtuos und mit dem für den Meister aus Bonn charakteristischen Humor. Nicht enden wollende Ovationen und Getrampel des Publikums für den würdigen Freund und legitimen jugendlichen Fortführer der großen deutschen Pianistentradition Alfred Brendels.

Beethoven verstand sich als ersten Komponisten, der sich selbst als bewusst politisch handelnder Menschverstand. Er analysierte die gesellschaftlichen Vorgänge und versuchte, sie aktiv mitzugestalten, mit seiner Musik in sie einzugreifen. Das verbindet in diesem sehr hintersinnig komponierten Konzertprogramm Dmitri Schostakowitsch mit ihm.

Am 3. Oktober 1957 wurde Schostakowitschs Elfte Sinfonie in der Sowjetunion uraufgeführt. Stalin ist seit vier Jahren tot. Endlich kann es Schostakowitsch wagen, sich  kritisch der Geschichte Russlands zu widmen: Thema seiner Elften  ist der Petersburger  Blutsonntag am 9. Januar 1905, das Massaker an  demonstrierenden unbewaffneten Arbeitern und solidarischen Demonstranten, das die Palastwache des Zaren zu verantworten hatte. Die Menschen wollen  dem autokratisch herrschenden Zaren eine Petition für menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Rede- und Pressefreiheit und die Schaffung einer Volksvertretung  überreichen. Plötzlich schossen Soldaten in die friedlich betende Menschenmenge und es  sterben nach unterschiedlichen Angaben zwischen 130 und 1000 Menschen. Am Ende der Symphonie steht die Hoffnung auf bessere Zeiten und auf politische Veränderungen.

Das Konzert der Staatskapelle Halle kann als Erinnerung an den 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution und die Opfer verstanden werden. Die Elfte  Symphonie „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch hat sehr gegensätzliche Interpretationen erfahren. „Vater, was wenn sie dich deswegen aufhängen?“ soll der Sohn Maxim Schostakowitsch nach der Generalprobe 1957 seinen Vater gefragt haben. Wie sehr oft legt Dmitri Schostakowitsch äußerlich eine falsche Spur mit dem Programm. Die Symphonie ist zumindest als doppelbödig zu bezeichnen.

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Josep Caballe Domenech © Falk Wenzel

Das Uraufführungsdatum 30. Oktober 1957 verdeutlicht, aus welchem offiziellen Anlass die Elfte komponiert wurde: nämlich zur Gedenkfeier des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution 1917.

Der in der Stalinzeit vom Regime als „formalistisch“ abgekanzelte und daher nach Rehabilitierung strebende Schostakowitsch wählte folglich das „linientreue“ Thema der auf  Befehl des  Zaren blutig niedergeschlagenen 1905er „Revolution“ in St. Petersburg. Wenn man etwas weiter denkt und die Musik betrachtet – die Darstellung des Massakers und die gewaltige Totenklage – ist es naheliegend, dass nicht nur das blutige Niedermetzeln der  Demonstranten 1905 durch die Zarentruppen gemeint war, sondern ebenso – oder sogar nur – die blutige Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die sowjetischen Truppen  im Jahre 1956, also im Jahr vor der Komposition.

Zudem liegt es nahe darüber hinaus an die Millionen Opfer des Stalinismus zu  denken, auch an die Opfer des Aufstandes in der DDR am 17.6.1953. Allerdings verzichtet Dmitri Schostakowitsch auf allzu offensichtliche Anspielungen oder Zitate ungarischer Musik und Rhythmen. Doch der erste Satz in einem von dem Dirigenten im großen Bogen gehaltenen Anspannungen lässt wahrhaft an die Eiszeit der Stalinzeit denken.

Schostakowitsch äußerte sich zu dieser Frage angeblich Salomon Wolkow in den Memoiren gegenüber so: „Mir scheint, dass sich in der russischen Geschichte vieles wiederholt. Natürlich wiederholt sich ein Ereignis nicht in genau  derselben Weise. Selbstverständlich sind da Unterschiede. Aber vieles wiederholt sich trotzdem. Das Volk denkt und handelt in vielem ähnlich. … Diese Wiederholbarkeit wollte ich in der Elften Symphonie zeigen. Ich komponierte sie 1957, und sie bezieht sich auf die Gegenwart, auch wenn sie den Titel Das Jahr 1905 trägt. Sie handelt vom Volk, das den Glauben verloren hat, weil der Kelch der Missetaten übergelaufen war. So begegnen die Eindrücke meiner Kindheit denen des reifen Lebensalters. Und natürlich haben die Ereignisse meines reifen Lebens mehr Gewicht“.  Zitat nach dem ausgezeichneten Beitrag von Verena Großkreutz im Programmheft.

Deutlicher geht es auf den ersten Blick kaum. Das wahre Thema der Elften wäre dann die blutige Unterdrückung des Ungarn-Aufstands 1956 durch die Sowjets. Bezeichnend ist dann aber wiederum, dass dieses „wahre“ Programm von den sowjetischen Kulturaufsichtsbeamten  nicht erkannt wurde. Schostakowitsch erhielt für seine Elfte sogar den Lenin-Preis. Durch  einen Beschluss des ZK der KPdSU vom 28. Mai 1958 wurde er schließlich offiziell rehabilitiert. Er wurde Mitglied der KPdSU und komponierte1961 aus „Dankbarkeit“ die Zwölfte Symphonie Das Jahr 1917, die er Lenin widmete. Das erlaubt eine ganz andere Sicht auf den sowjetischen Komponisten, der sich eventuell direkter in seiner Kammermusik äußerte als in der repräsentativen Großsymphonik.

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Staatskapelle Halle in der Händel Halle © Guido Müller

Schostakowitsch baute in diese Sinfonie zwei der 1951 von ihm komponierten  Lieder aus „10Poème für Chor a cappella“ ein, ansonsten kaum eigene melodische Erfindungen sondern zahlreiche in der Sowjetunion populäre revolutionäre Lieder, und zwar unter anderem der polnischen Arbeiter-Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts im Finale. Im ersten Satz Der Palastplatz: Adagio erklingen der Choral Herr, erbarme dich unser und   das Gefangenenlied Gib acht!,  die Schostakowitsch auch am Ende  des zweiten Satzes mit  dem Massaker Der 9. Januar: Allegro – Adagio – Allegro – Adagio wieder aufgreift. Diesen Satz steigert Caballé-Domenech  grandios theatralisch mit der furios aufspielenden Staatskapelle mit prächtig strahlendem Blech der sechs Trompeten, drei Posaunen, Tuba und einem sechsfach  besetzten großartig präzisen Schlagwerk.

Bereits im ersten Satz hatte der erste Fagottist Kay Stöckel mit seinem elegisch singenden Instrument stark beeindruckt und steigert dies im dritten Satz Ewiges Angedenken: Largo noch einmal phänomenal.  Dieses Requiem für die Toten über den Revolutions-Trauergesang Unsterbliche Opfer gestaltet Caballé-Domenech mit der Staatskapelle Halle in noch gesteigerter Parallele zum Largo des Klavierkonzerts zum sich ständig wandelnden Klagehöhepunkt des Konzerts. Im direkten Anschluß  an das Massaker des zweiten Satzes greift dieser Übergang in der Gestaltung durch Caballé-Domenech ans Herz. Hier verströmen dann aufeinander folgend und sich ergänzend die Kontrabässe, Celli, ersten und  zweiten Violinen unter dem in Leningrad geborenen ersten Konzertmeister und Kammervirtuosen Arkadi Marasch und vor allem die besonders klangschön homogen spielenden Bratschen herzergreifenden Wohlklang. Dieses populäre Lied hatte auch schon Edmund Meisel in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin verwendet. Schostakowitsch selbst hat es außerdem in Podrugi  (Girlfriends) verwendet, und Benjamin Britten in A russian funeral. Am Ende erklingt die Melodie nochmals im Choral der Blechbläser.

Die semantische Vieldeutigkeit von Musik wird nach den eher einfach und klar aufgebauten  ersten drei Sätzen im trotzig insistierenden Finale  besonders deutlich, indem es ironisch, satirisch, bissig, grotesk, operettenmäßig, polystilistisch aufblitzt. Es wird geradezu körperlich ungemütlich in den bösartigen Zuspitzungen von dröhnend-heroisch vorgebender Finalthematik mit vulgär erscheinenden Steigerungen wie auf KPdSU- Befehl erfüllte Kompositionsforderungen. Darauf antwortet das Englischhorn mit einem einsamen Klagegesang (hervorragend Markus Stein), das für mich zaghafte Hoffnung ausdrückt.

Der Dirigent Semyon Bychkov macht im Begleittext zu seiner Aufnahme der Elften eine sehr interessante Beobachtung, die hier abschließen soll: Die Antwort zum Inhalt der Sinfonie liegt in den letzten Kodatakten des Schlusssatzes. Zwei Gruppen aus zwei Noten werden abwechselnd auf den Röhrenglocken angeschlagen: G-B und G-H, die […] große und kleine Terz […] Zusammen bilden sie das Thema der im zweiten Satz erklingenden Fuge, die  das Massaker des Blutsonntags […] darstellt. Bevor die Sinfonie abrupt zum Stehen kommt, hört man als letztes die kleine Terz. Es gibt keinen Sieg, nicht für die, die an jenem Tag ihr Leben ließen, noch für die zahllosen Millionen, die ihnen in den nächsten Jahrzehnten in das Grab folgten. Das ist Schostakowitschs Auffassung über 1905 aus der Warte von 1957.

Mehr als verdienter Jubel des Publikums in der fast voll besetzten Georg-Friedrich-Händel-Halle für das hochkarätig musizierte Symphoniekonzert der Staatskapelle Halle und ihren GMD Josep Caballé-Domenech, dass  ihre besondere Leistungskraft für große  symphonische Werke damit wieder einmal nachdrücklich unter Beweis gestellt hat. Damit  kann es mit benachbarten Weltklasseorchestern beachtlich gut konkurrieren.

Theater und Orchester Halle – Karten Hier
Karten Kaufen

Halle, Theater Halle, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 20.09.2017

September 21, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater und Orchester Halle

halle.jpg

Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

Fidelio von Ludwig van Beethoven

„Das „narzistische“ Stadttheater. Volten über das Thema Freiheit“

Von Guido Müller

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Wenn es im Fidelio was zu Lachen gibt, Slapstick, humanistischer und kapitalismuskritischer Ernst um einen diffizilen Freiheitsbegriff nebeneinander liegen, dann hat sich das derzeitige Enfant terrible des Kulturlebens der Händelstadt und Opern-Intendant Florian Lutz der feierlichen Sache von Beethovens musikalisch heterogener, mit dramaturgischen und textlichen Schwächen behafteter Hymne auf Gattentreue und Freiheit angenommen.

Diese Inszenierung stellt das sonst kaum reflektierte abstrakte Problem der Endfassung von Fidelio ins Zentrum, dass die Rettung des Individuums (Staatsgefangener Florestan) und die Erringung der Freiheit nicht durch die Frau (Leonore bzw. Fidelio) sondern letztlich in fast religiöser Überhöhung („Heil!“) nur durch eine höhere politische Macht (der Auftritt des „Ministers“) und Gerechtigkeit wie Wiederherstellung der (alten?) Ordnung ermöglicht wird.

Die „Große Oper“ Fidelio befragt den Freiheitsbegriff in allen Facetten. Und das gelingt dem Team um Florian Lutz durch eine sehr sinnliche, kurzweilige, vor Einfällen sprühende, überaus opulent ausgestattete und vor allem zum Schluß der Oper oft die Aufmerksamkeit durch die Reizüberflutung der Video- und Texteinspielungen überfordernde Inszenierung.

Im zweiten Aufzug tritt das selbstironisch gezeichnete Ebenbild des in seinem Büro Akten und Bilanzen wälzenden und zugleich die Oper Fidelio mit der Darstellerin der Leonore inszenierenden Intendanten Florian Lutz gleich selber auf als Florestan, zusammen mit Kopien seiner beiden Dramaturgen im Kerker des kapitalistischen Effizienz- und Spardrucks auf die Kultur: „Oh welch Dunkel hier“. Der singende, inszenierende und managende Intendant in einer Person. Ironischer Stadttheater-Narzismus. Von Depression keine Spur.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Bereits zu Beginn der Oper hatte der kulturpolitische Manager-Geschäftsführer im üppigen Ancien-Regime-Kostüm mit Allonge-Perücke (Don Pizzaro: Gerd Vogel) über Video seine neoliberale Botschaft vom Ende des Wohlfahrts- und Kulturstaats verkündet: und somit auch vom Ende des „narzistischen Stadttheaters“ – ein Seitenhieb auf den Aufsatz des Geschäftsführers der Theater, Oper und Orchester Halle GmbH Rosinski über das „depressive Staatstheater“. Anschließend beim Gefängnispersonal vulgo Sängerpersonal des Stadttheaters setzt er es gleich auf der Bühne durch Freistellungen in die Praxis um

Mit diesem Kunstgriff der aktualisierten Zwischentexte, teilweise auf Videos, die sich im Subtext der kulturpolitischen Diskussion um die Oper Halle und die neue künstlerische Leitung beziehen, umgeht der Regisseur die Peinlichkeiten des Urtextes der Oper. Allerdings thematisiert Lutz bewußt mit einer Parodie auf die TV-Sendung „Bares für Rares“ neue Peinlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im marktbestimmten Zeitalter des Ausverkaufs von Kultur und Geschichte.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Diese Inszenierung nimmt zunächst nichts ernst außer der totalen Kunstform Oper, verkörpert in erster Linie durch die ergreifend und differenziert gerade auch im Lyrischen singende und die Lichtgestalt der Oper bravourös verkörpernde Anke Berndt als Leonore. Wie schon in ihren Wagner-Partien gefällt mir an dieser seit vielen Jahren dem Ensemble der Oper Halle angehörenden Sängerin ganz besonders, dass ihre Stimme nie dramatisch drückt sondern immer im Belcanto bleibt.

Zur Ouvertüre bricht sie im auf den Vorhang projezierten Video (Iwo Kurze) aus dem Opernhaus Halle aus in ihrer 30 Kilo schweren Rokoko-Prachtrobe (Kostüm: Andy Besuch) und mit riesigem Haaraufbau und irrt durch Halle und Schloßparks auf der Suche nach ihrem Mann Florestan im Gefängnis.

Das naturalistische Bühnenbild von Martin Miotk zeigt im ersten Aufzug ein schönes malerisches Piranesi-mäßiges Gebäude mit großer Treppe, Eisentoren und herumliegenden Skeletten. Eine Augenweide als wirklich prächtiges Staatsgefängnis! Leonore entschlüpft dem tollen Rokokokostüm, das in den Schnürboden gezogen wird und später zur Rettung der Kultur versteigert wird. Sie verkleidet sich als Mann um im Gefängnis arbeiten zu können.

Zur Rettung ihres Mannes sollte Leonore als Fidelio dann später im eleganten Gehrock der Beethoven-Napoleon-Zeit im zweiten Aufzug in den Kerker des im Untergeschoss liegenden Intendantenbüros eindringen. Dort zeigt sie sich durch die heutigen Interieurs von laufendem TV und Smartphone stark verstört. Oper nicht nur mit doppeltem Boden.

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Schließlich erschießt Leonore dort im wehenden Negligé à la Wilhelmine Schröder-Devrient, einer berühmten Verkörperung der Rolle im 19. Jahrhundert, nicht nur den Tyrannen Pizarro sondern gleich danach alle Darsteller auf der Bühne einschließlich des Intendanten Florian ( Lutz ) alias Florestan. Ende der Oper?

Nein, dies ist nur eine der zahlreichen dialektischen und spielerischen Volten, die der Regisseur zunächst zum Amüsement und dann zur wachsenden Verwunderung und Empörung von Teilen des Publikums in dieser Inszenierung schlägt.

Florian Lutz zitiert damit sowohl ironisch das optisch opulente alte Opernspektakel eines Jean-Pierre Ponnelle, Otto Schenk oder Michael Hampe, das gar als verstaubtes Totengerippe auch Marzelline mal zum Tänzchen im wunderschön gemalten Kulissengefängnishof dient. Genauso nimmt er auch die Mätzchen des Regietheaters beispielsweise mit dem hundertfach abgedroschenen Chor der Herren im taubenblauen Blazern mit Smartphone und Aktenkoffer auf die Schippe, der als Touristengruppe den Gefangenenchor mit Kopfhörern und Textblättern singend und staunend das Gefängnis besichtigt. Eine Parodie auf die vielen Männerchor-Festkonzerte, in denen die „Hits“ der Gefangenenchöre von Beethoven oder Verdi so schmalzig wie gedankenlos zum Besten gegeben werden

Florian Lutz ist ein dezidierter Gegner des überintellektuellen Dramaturgen-Regietheaters. Ich würde ihn eher als post-postmodernen Regisseur mit fast barock-rheinischer Lust an Sinnlichkeit und intellektuellem Spiel bezeichnen, wenn es denn eine Schublade sein soll. Bereits 2012 schrieb in der „Deutschen BühneDetlev Brandenburg anlässlich der Bonner „Norma“ Inszenierung von Florian Lutz über diesen Inszenierungsstil: Frank Castorf begann früh damit, Stadttheater-Inszenierungen zu Theaterspektakeln von so radikaler Unmittelbarkeit zu machen, dass der Text nur noch sehr weit im Hintergrund das Geschehen inspirierte. Und Regisseure wie Christoph Marthaler, Nicolas Stemann, Stefan Pucher, Matthias Hartmann oder in der Oper Hans Neuenfels, Peter Konwitschny, Sebastian Baumgarten oder Florian Lutz sprengen das Erzählkontinuum durch heftig und unverhofft über die Zuschauer hereinbrechende ästhetische Ereignisse, die ihre Inszenierungen gleichsam performativ aufladen.“ Ich sehe Florian Lutz durchaus in diesem Zusammenhang, auch wenn manche ihn gerade in Mitteldeutschland nicht in einer Linie mit dem „guten“ „alten“ Peter Konwitschny sehen wollen.

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Zum großen feierlich oratorienmässigen Schlußtableau des Fidelio (Chor und Extrachor grandios einstudiert von Rustam Samedov) tritt der Deus-ex-machina-Minister Don Fernando auf, verkörpert vom sowohl balsamisch wie auch autoritär markant singenden und in der Oper Halle in vielen Rollen bewährte Bass Ki-Hyun Park. Da denkt man unverzüglich, ob auch die in argen finanziellen Nöten steckende Theater-Opern-Orchester-Halle-GmbH am Ende durch ein Eingreifen des Landes Sachsen-Anhalt gerettet wird.

Dazu werden ununterbrochen vor dem Chor, der in eleganter und opulenter Ancien-Regime-Garderobe mit hohen Perücken auf dem Podest gestaffelt ist, und vor den davor posierenden Solisten auf den durchsichtigen Gazevorhang in Videosequenzen Stimmen und Texte von Bürgern in Halle zu ihren individuellen Begriffen und Erfahrungen von und mit Freiheit und Beziehungen eingespielt. Diese starke Collage zur Musik hat mich in der Wechselwirkung ganz stark berührt.

Das löste sichtlich bei einem Teil der Zuschauer ganz andere emotionale Reaktionen aus, die empört brüllen „Wir wollen Musik hören!“ oder „Das ist nicht Beethoven!“ Einen solchen Opernskandal hat das Opernhaus Halle schon lange nicht mehr erlebt. Mit diesem Spiegel der sehr persönlichen Meinungen von Menschen auf den Straßen von Halle in den Videos entwickeln einige Besucher sichtlich großes Unbehagen. Als sich das Regieteam um Florian Lutz daher zum Schlußapplaus dem Publikum stellt, wird es mit zahlreichen Buh-Rufen empfangen, auf die laute Bravo-Rufe und starker Beifall antworten.

Christopher Sprenger leitet die Staatskapelle Halle mit frischem und geschwinden Zugriff passend zur Inszenierung. Das Pathetische wird durchgängig vertrieben, schon indem auf die sonst immer als Zwischenmusik vor dem Schlußbild verwandte dritte Leonoren-Ouvertüre mit dem berühmten Trompetensignal verzichtet wird. Während zu Beginn die Bläser schon mal leicht wackeln gelingt der Schlußchor mit dem Orchester trotz schwieriger Sichtverhältnisse grandios abgestimmt und überwältigend schön musiziert. Das zeigt Sprengers Begabung in der Koordinierung großer Chorszenen mit den Solisten und dem Orchester, die er schon im Luther-Projekt mit den Bach-Kantaten an der Oper Halle gezeigt hatte.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Ines Lex als Marzelline singt sich mit ihrem glockenhellen Sopran und ihrer Spielfreude in die Herzen der Zuschauer und erhält den stärksten Beifall – sicherlich nicht zuletzt auch dank ihres entzückenden Zofenkostüms.  Jaquino wird von Robert Sellier sowohl als Liebhaber wie in einer akrobatischen Paketnummer als DHL-Bote sehr präsent dargestellt und differenziert gesungen. Gerd Vogel im Prachtkostüm des Pizarro und als gefährlicher kalter Geschäftsführer vermag nach leichter Unsicherheit in der Auftrittsarie, die der Premierennervosität geschuldet sein mag, das dunkle und bedrohliche Profil seiner Rolle prägnant und präsent zu verkörpern. Der einzige Gast Hans-Georg Priese in der Rolle des Florestan strahlt vor allem in seiner Auftrittsarie mit eindrucksvollem tenoralen Glanz und lyrischer Differenzierung. Er fügt sich sehr gut ins Ensemble ein.

Der Rocco von Vladislav Solodyagin liefert mit flexiblem und tonschönem Bass nicht nur eine beeindruckende Studie eines Goya-mässigen Gefängniswärters sondern auch die eines zeitgenössischen Sicherheitsbeamten.

Zum Spielzeitauftakt zeigt die Oper Halle einen unterhaltsamen und stellenweise witzigen, opulenten Fidelio, voller ironischer Anspielungen auf die kulturpolitische Gefährdung der Oper in der Saalestadt und kluger Überlegungen zum Thema Freiheit und was Kunst im 21. Jahrhundert darf. Die musikalische Qualität ist solide und zeigt die hohe Qualität des Ensembles und wird sich in den Folgevorstellungen sicher noch steigern. Unbedingte Besuchsempfehlung!

Fidelio an der Oper Halle: Nächste Vorstellungen am 24.9., 22.10., 28.10., 15.11., 9.12., 25.12.2017, 5.1., 14.1.2018

Theater und Orchester Halle – Karten Hier:
Karten Kaufen