Rostock, Volkstheater, Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 20.12.2107

Dezember 20, 2017 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

„Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht …“

Von Thomas Kunzmann

… „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“, „Machen wir’s den Schwalben nach“ – die Evergreens aus Emmerich Kálmáns erfolgreichster Operette  tönten 2017 in mehr als 10 deutschen Städten. Mehrmals wurde das Werk verfilmt, unter anderem mit Marika Rökk und Johannes Heesters, aber auch mit Anna Moffo und René Kollo. Jetzt kam die Neustrelitzer Inszenierung von Stephan Brauer aufgefrischt und neu besetzt nach Rostock ans Volkstheater. Lediglich den Diener Miksa (Christoph Deuter) brachte Brauer mit.

Dass in Rostock eher große Titel Publikumsmagneten sind, ist nicht neu. Nicht nur die Premiere und die ersten beiden Vorstellungen sind so gut wie ausverkauft, auch die anderen der insgesamt acht angesetzten Termine sind schon ungewöhnlich gut gebucht, noch ehe das erste Bild oder gar eine Kritik zu lesen war. Amüsement? Läuft!

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin - hier Claudia Sorokina als Sylva Varesku und Roman Martin als Graf Boni Káncsiánu © Thomas Hätzschel

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin – hier Claudia Sorokina als Sylva Varesku und Roman Martin als Graf Boni Káncsiánu © Thomas Hätzschel

Der Adelige Edwin will die Sensation des Varietés, die „Csárdásfürstin“ Sylva Varescu heiraten, was seine Eltern unbedingt zu verhindern gedenken. Schließlich wäre er bereits mit Comtesse Stasi verlobt.

Angestaubte Operette für ein überaltertes Publikum? Mitnichten! Brauer verpasst dem Stück eine wohltuende Frischzellenkur, indem er den Kitsch mit Bravour umschifft und durch feinsinnigen bis deftigen Humor ersetzt. Die Handlung, verlegt ins Savoy der 30er Jahre, baut dennoch auf den Wiener Charme, gespickt mit etwas Lokalkolorit, wenn Silva Varescu den Zug nach Triest besteigen will, um von dort mit AIDA nach Amerika zu reisen. Schon das übergroße Portrait der Hauptdarstellerin ziert ein knallroter Kussmund, der an das Logo der Rostocker Reederei erinnert. Oder der Zigeuner-Primas, der passend mit einem aus Bukarest stammenden Geiger der Norddeutschen Philharmonie besetzt wird. Die charmant-witzigen Dialoge verdichtet Brauer zu slapstickartiger Komik, bei der der die Handlung vorantreibende Graf einen exzellenten Michael „Boni“ Herbig abgibt. Gummibärchen inklusive.

Claudia Sorokina besticht bei ihrem Rostocker Debüt als Titelheldin mit glockenhellem Sopran und souveräner Sicherheit in den Höhen, wobei ihr die intimen Szenen mehr zu liegen scheinen denn die feurigen Auftritte. In den Duetten passt sich James J. Kee als Edwin ihr angenehm an, lediglich in seinen Soloarien schmettert er wie gewohnt – zur allgemeinen Freude des Publikums.

Schon mehr als 20 Jahre singt Roman Martin den Grafen Boni und glänzt als routinierter Entertainer. Wie er tanzt, steppt und schauspielert, wie er das gesamte Ensemble mit seiner Spielfreude mitreißt, das ist den Besuchern regelmäßig einen Extra-Applaus wert. Ebenbürtig agiert die mannstolle Komtesse Stasi (Katharina Kühn), die den Ränkespielen nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch ordentlich etwas entgegenzusetzen hat. Grzegorz Sobczak als Feri von Kerekes kann nach Peter Mihailow (Zar und Zimmermann) und Dandini (Aschenputtel) sein komödiantisches Talent voll ausleben und überzeugt mit geradlinigem Bariton erneut das Rostocker Publikum. Präzision ebenso beim kleinen Opernchor (Einstudierung Frank Flade), die Einsätze kommen punktgenau, harmonisch und rhythmisch sauber.

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin - hier Roman Martin und das Ensemble © Thomas Hätzschel

Volkstheater Rostock / Die Csárdásfürstin – hier Roman Martin und das Ensemble © Thomas Hätzschel

Auch nach über 100 Jahren ist die Oberflächigkeit der Spaßgesellschaft am Rande des Abgrunds, die vorgetäuschte heile Glitzerwelt der Kunst und die voyeuristische Skandal-Gier der Öffentlichkeit ohne echte Anteilnahme  hochaktuell. Das Verhältnis zwischen den Reichen und Schönen zu den aufstrebenden Sternchen betrachtet man indes dieser Tage zusätzlich etwas argwöhnisch. Dagegen bleiben tiefe Gefühle naturgemäß eher auf der Strecke. Die Bühne von Manfred Breitenfellner ist von einem Schachbrettmuster geprägt und deutet sowohl das spielerische, als auch die strategische Ausgefeiltheit der Intrigen an. Und wenn man nichts hineininterpretieren möchte, dann lässt man sich einfach prächtig unterhalten: Kopf aus! Es lebe die Show!

Volker M. Plangg am Pult ist ausgewiesener Experte für die leichte Muse und führt die Norddeutschen Philharmonie exzellent durch die an Tempiwechseln reiche Partitur. Die stücktypische, fast übertriebene Dynamik kann schon mal dazu führen, dass der Taktstock in der ersten Reihe landet.

Für die nötige Spritzigkeit in den revueartigen Szenen sorgt die Tanzcompagnie. Einmal mehr sollte dem Rostocker Publikum klar geworden sein, welch Verlust mit deren Abwicklung Ende der Saison 2018/19 einherginge.

Die  Csárdásfürstin am Volkstheater Rostock –  weitere Termine 03. Dezember 2017, 15:00 Uhr,  Donnerstag. 07. Dezember 2017, 15:00 Uhr,  Samstag, 16. Dezember 2017, 19:30 Uhr, Donnerstag, 23. Dezember 2017, 18:00 Uhr, Samstag, 25. Dezember 2017, 18:00 Uhr

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Lübeck, Theater Lübeck, Musical Sunset Boulevard – Mit Gitte, IOCO Kritik, 10.12.2017

Dezember 11, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 SUNSET  BOULEVARD von Andrew Lloyd-Webber

 Prickelnde Wiederaufnahme mit Gitte Haenning

Von  Rolf Brunckhorst

Das Theater Lübeck hat dankenswerterweise sein Erfolgsstück aus der letzten Spielzeit, das Musical Sunset Boulevard  von Andrew Lloyd-Webber, wieder aufgenommen, und das in der exakt selben Besetzung wie vor einem Jahr. Die Inszenierung mit einer großen Multifunktionstreppe bietet immer noch einen vorzüglichen Rahmen für die Ereignisse am Sunset Boulevard. Ein kleines Highlight stellte der Luxus-Oldtimer dar, den Norma Desmond am Paramount Studio abliefern soll und der sich als einfaches Gestell entpuppt, das die Sänger sich quasi unter den Arm klemmen konnten, um eine Autofahrt zu simulieren –  Applaus auf offener Szene!

youtube Video zu Sunset Boulevard mit Gitte Haenning am Theater Lübeck

Zur Handlung: Im Pool einer luxuriösen Villa treibt ein Leichnam. Es ist der junge Drehbuchautor Joe Gillis, erschossen nach einer verhängnisvollen Affäre mit der früheren Stummfilmdiva Norma Desmond. Im Rückblick erzählt Joe, wie es zu dem tragischen Vorfall kam: Norma lebt zurückgezogen auf ihrem Anwesen am Sunset Boulevard. Ihre goldenen Zeiten als Filmstar sind vergangen, die Ära des Stummfilms ist vorbei und Normas Ruhm längst verblasst. Doch sie, süchtig nach dem Scheinwerferlicht, lebt in der Erinnerung an ihre schillernde Vergangenheit und glaubt fest an ein Comeback. Als sie die Bekanntschaft mit Joe Gillis macht, keimt ihre Hoffnung auf einen neuen Film auf. Doch der Schein trügt – es entspinnt sich ein Netz von Abhängigkeiten……..

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Den ersten großen Applaus hatte GITTE HAENNING schon für ihre Auftrittsarie „Nur ein Blick“ entgegennehmen können, und Gitte erwies sich auch in dieser Spielzeit wieder als Top-Besetzung der Norma Desmond. Es war faszinierend anzusehen, wie sie die zentrale Freitreppe in immer neuen Bewegungsabläufen auf und ab eilte. Man vergleiche z.B. den ersten Auftritt auf der Treppe, den sie mit ihrem neuen Scriptboy noch scheinbar unbeteiligt und ungerührt absolviert, mit dem letzten Auftritt, wenn die total verwirrte Norma Desmond sich auf den Treppenstufen (ihrer Bühne) präsentiert. Gitte konnte alle diese unterschiedlichen Seelenzustände überzeugend ausdrücken. Auch stimmlich bot Gitte eine exzellente Leistung, ihr unverkennbares Timbre kann sich in den Soloszenen prächtig entfalten. Gittes Intensität in dramatischen Höhepunkten ist schier unglaublich.

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Ensemble © Olaf Malzahn

Darin war ihr Bühnenpartner RASMUS BORKOWSKI als Joe Gillis ebenbürtig, wenn er singt, kann man sich im Sessel zurücklehnen und entspannen, alle schwierigen Passagen und Spitzentöne kommen tonschön zu Gehör. Darüber hinaus ist er ein gewandter Darsteller, der fast schon zu freundlich erscheint, wenn er Norma zum Abschied sagt: „Ich habe Dir nie weh tun wollen“KATRIN HAUPTMANN in der Rolle der Betty Schaefer entspricht dem äußeren Idealbild eines amerikanischen Möchtegern-Glamourgirls, ihre Stimme ist durchweg präsent und allen technischen Schwierigkeiten singt sie sicher entgegen. Vierter im Quartett der Publikumslieblinge ist STEFFEN KUBACH als Max von Mayering, der einen sonoren Kavaliersbariton vorführte, dem weder in der Höhe noch in der Tiefe irgendwelche Grenzen anzumerken waren. Wohl besetzt waren auch die Rollen des Cecil B. DeMille (MICHAEL WALLNER), Sheldrake (RUDOLF KATZER), Artie Green (GRZEGORZ SOBCZAK), sowie GUILLERMO VALDES, der in gleich drei kleineren Rollen zu gefallen wußte.

 Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Theater Lübeck / Sunset Boulevard hier Applausfot mit Gitte Haenning © Patrik Klein

Das faszinierende dieser Auflistung ist, daß der Rezensent bei keinem der Solisten Einschränkungen machen oder Einwände erheben muß, es war eine vorbildlich geschlossene Ensembleleistung, an der selbstverständlich LUDWIG PFLANZ am Dirigentenpult mit seinem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck einen großen Anteil hatte. Von der Klangqualität des Orchesters konnte man sich in den zahlreichen Zwischenspielen und den Akt-Einleitungen überzeugen. Ein Pauschallob auch für die Mitglieder des Chores und des Balletts, die die Massenszenen stimmlich und tänzerisch vorbildlich im Griff hatten. Falls Sunset Boulevard keine dritte Auflage erleben sollte, könnte die Intendanz vielleicht ein anderes Top-Musical in Betracht ziehen. Das Publikum schien derselben Meinung zu sein, denn es gab am Ende Jubel für alle Beteiligten, Standing Ovations und zahlreiche Bravos – ein wirklich Abend.

Sunset Boulevard am Theater Lübeck: Weitere Vorstellungen 31.12.2017 15.00 und 19.30 Uhr; 13.01.2018                                             

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Rostock, Volkstheater Rostock, La Cenerentola von Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 10.09.2017

Oktober 10, 2017 by  
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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

 La Cenerentola / Aschenputtel von Gioacchino Rossini

Wahrlich märchenhafter Saisonstart in Rostock

Von Thomas Kunzmann

„Damit endet die Kräfte zehrendste Probenzeit meiner gesamten Sänger-Laufbahn. Aber ich bin sehr stolz und dankbar, diesem tollen Team anzugehören. Was für eine geile Produktion!“ schreibt Don Magnifico Oliver Weidinger, der dienstälteste Sänger im Ensemble im Sozialen Netzwerk und lässt damit bereits im Vorfeld den immensen Aufwand und Detailreichtum erkennen, mit dem Anja Nicklich aufwarten wird. In ihrer dritten Rostocker Produktion nimmt sie sich eines Märchenstoffs an und unterlegt die zauberhaft schöne Musik dieser Belcanto-Oper mit einer feinsinnig überarbeiteten Handlungslinie. In den Obertiteln werden lediglich einige kommentierende Zeilen eingeblendet. Das stört nicht, gedanklich spinnt man sogar die Sätze, vom Bühnengeschehen befeuert, zum vollständigen Märchen.

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

Im Hause des verarmten Don Magnifico lebt Angelina, genannt Cenerentola. Gedemütigt, vom Vater verleugnet und misshandelt, zur Hausarbeit verdammt und geplagt mit zwei eitlen Stiefschwestern, die sich geradezu manisch nach Reichtum und gesellschaftlicher Anerkennung sehnen. Als einzigen Freund stellt ihr die Regisseurin anstelle der fleißigen Täubchen eine Maus zur Seite. Die ist zwar nicht ganz so fleißig, aber voller Hingabe, Witz und natürlich höchst loyal.

Auf der Suche nach der rechten Frau für seinen Prinzen findet Alidoro in Cenerentola das gutherzige, aber schüchterne Mädchen, das ihm passend erscheint und beginnt, sie auf ihrem Weg mit allerlei Zauberei zu unterstützen. So lässt er drei Kürbisse mit fantastischem Inhalt erscheinen, führt ihr den Prinzen zur Erlösung zu, hält die zanksüchtigen Stiefschwestern so gut es geht im Zaume und ist auch sonst immer rechtzeitig zur Stelle, wenn die Handlungsträger drohen, sich in die falsche Richtung zu bewegen. Dass dabei Don Ramiro seinen Dandini auffordert, bei der Prinzen-Darstellung zu übertreiben, macht diesen zwar besonders plakativ, zeigt aber auch, wie sein Umfeld den Regenten sieht: als Spieler, selbstverliebt und eitel. Und so verwundert es nicht, dass die zur selbstbestimmten Frau gereifte Magd am Ende denn doch eine unerwartete Entscheidung trifft.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola_ Tisbe und Clorinda mit ihren zahlreichen Verehrern © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola_ Tisbe und Clorinda mit ihren zahlreichen Verehrern © Thomas Häntzschel

Die Inszenierung sprudelt regelrecht über vor kleinen und großen Ideen, Slapstick, literarischen und cineastischen Zitaten von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ über „Feivel“, „Die Schöne und das Biest“ bis hin zu „Der Bachelor“. Nicht lose aneinandergefügt oder platt, sondern verwoben zu einem eigenen, konsistenten Opernmärchen-Universum, das einen von der ersten bis zur letzten Note im Bann und die Darsteller in permanenter Bewegung hält. Weidinger hat nicht zu viel versprochen.

Der Bühnenhalbkreis von Antonia Mautner Markhof mit dem abgeblätterten Charme früheren Reichtums überrascht immer wieder mit Türen, Öffnungen und Mauseloch und verbessert die Akustik des Hauses deutlich. Er steht sowohl für Magnificos Herrenhaus als auch des Prinzen Schloss – offensichtlich ist es um dessen Reichtum nicht so gut bestellt. Auch der in die Jahre gekommene Intarsienfußboden, der an Tanzsäle in Disney-Märchen erinnert, birgt einige Überraschungen. Die liebevollen Kostüme von ländlich schlicht bis aufwendig verspielt, verwegen bis dandyhaft charakterisieren die Protagonisten, ohne sie unangenehm zu überzeichnen – ein Märchen eben!

Volkstheater Rostock / La Cenerentola findet ihren Prinzen © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola findet ihren Prinzen © Thomas Häntzschel

Manfred Hermann Lehner dirigiert die Norddeutsche Philharmonie sicher und mit Schwung durch die anspruchsvolle Partitur und lässt den Sängern genügend Platz, sich zu entfalten. Lediglich ein Holzbläser setzt die Stimmungsschwankungen auf der Bühne auch im Orchester eigenwillig um. Gesanglich bietet das Volkstheater eine sehr ausgeglichene Leistung mit eigenem Ensemble und Gästen, aus denen sich besonders der stählerne Bass-Bariton des Alidoro als ruhender Pol hervorhebt. Der Don Ramiro des Tschechen Václav Cikánek (für den erkrankten Theodore Browne) besticht durch Sicherheit in den anspruchsvollen Höhen, lässt ansonsten allerdings etwas Kraft vermissen. Von überzeugender Leichtigkeit und darstellerischer Vielfalt geprägt führt Eloïse Cénac-Morthé die Angelina liebevoll durch die Handlung. Die stumme Rolle des Marco Geisler als Maus avanciert binnen Sekunden mit perfekter Pantomime zum unbestrittenen Publikumsliebling, während Tisbe und Clorinda in wunderbarer Expressivität ihre immer neuen Gemeinheiten ausleben dürfen und darin ebenso viel Spielfreude versprühen wie Grzegorz Sobczak als Dandini.

Standing Ovations am Ende, ein wohlverdienter, lang anhaltender Applaus, der mit dem Auftritt des Regie-Teams nochmals anschwillt und hoffentlich im Königreich nachhallt.

La Cenerentola am Volkstheater Rostock;  weitere Termine 14.10.2017, 10.11.2017, 25.11.2017, 14.12.2017, 27.12.2017, 6.1.2018, 14.1.2018, 2.2.2018

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Silberlinge, viele, für das Volkstheater Rostock ?

Apropos Königreich: anders „märchenhaft“ geht es einmal mehr in der Rostocker Kulturpolitik zu. Der Theaterneubau ist schon lange beschlossen und nun ward auch ein Ort für die Errichtung des Kulturtempels gefunden. Beim Blick ins Stadtsäckerl strahlten mögliche 25 Millionen Silberlinge aus der Zukunft, denn die Stadt wird bald nicht nur schuldenfrei sein, sondern ordentliche Überschüsse erwirtschaften. Weitere 25 Millionen sollen aus dem Lande hinzufließen.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola - Marco Geisler als Maus und Aschenputtel Eloise Cénac-Morthé © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola – Marco Geisler als Maus und Aschenputtel Eloise Cénac-Morthé © Thomas Häntzschel

Da kam ein Baumeister des Wegs – offensichtlich nicht in Diensten des Königs – und plante und rechnete und kam zu dem Ergebnis, dass das Wunschschlösschen doppelt so viel kostet, als wie Silberlinge in der Kasse gezählt wurden. „Das ist aber gemein!“, dachte sich der König, der das alles sowieso nicht wollte, „aber wenn wir nun ganz woanders bauten, dann könnten wir noch einmal rechnen?“ und bringt ein Gebiet jenseits des großen Flusses, da, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, ins Gespräch. Das wären zwar nicht gleich „Sieben auf einen Streich“, aber doch so … drei oder vier? Ein Theater – womöglich sogar ein kritisches, passte nämlich so gar nicht in sein Konzept einer idyllischen maritimen Linie an seinem Hafen. Und er müsste auch keinen Aufstand der fahrenden Gesellen befürchten, denen er dafür den Rummelplatz wegnähme. Und toll sieht es auch aus. So aus der Ferne. Vielleicht kannte er das vom Königreich im Norden? Dort gab es einen großen, guten Zauberer, der der Königsstadt ein Theater schenkte und auf die andere Flussseite stellte.

Mürrisch mochte der alternde König womöglich sein, weil sich seine Regentschaft dem Ende neigt und er noch immer keine Halle zu seinem Gedächtnis erschaffen hatte. Und wohl auch, weil ihm sein Volk per Abstimmung bei der Verlegung eines Schiffes in seinen Stadthafen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Und dass die Kapelle seines Schrumpftheaters so hartnäckig auf die Einhaltung früherer Versprechen pocht, das nervt ihn auch.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola - Aschenputtel - Ensemble © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola – Aschenputtel – Ensemble © Thomas Häntzschel

Plötzlich trat ein junger Ratsherr mit der Idee aus dem Schatten seiner Bedeutungslosigkeit und meinte, man könne ja einmal prüfen, ob nicht das alte Gemäuer neu angestrichen werden könne oder alternativ vielleicht eine abseitige Werfthalle ein dauerhafter Ersatz wäre. Eine böse Fee hatte ihm scheinbar einen Vergessenstrank gereicht, denn seit über fünf Jahren schrieb er sich auf die Standarte, der Neubau solle doch bis zum 800-jährigen Jubiläum des Königreiches fertig gestellt sein. Diese tolle Idee seines Ratsherren freut bestimmt den König, denn er weiß, dass die Farbe nicht reicht. Und die Halle kann er selbst nicht ungestraft ins Spiel bringen, profitierten doch seine Herzöge am meisten davon. Jetzt müsste eigentlich Alidoro auftreten, der die Guten unterstützt und die Bösen im Zaume hält. Aber das Märchen ist ja auch noch nicht zu Ende.

Und der augenscheinliche Unterschied beider Märchen? Anja Nicklich hat eine schöne Vision, setzt sie konsequent um – und alle haben Freudentränen in den Augen.

 

Rostock, Volkstheater Rostock, Uraufführung – La Signora Doria – Eine Kriminaloper, IOCO Kritik, 26.6.2017

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - James J. Kee als Giacomo Puccini , Jamila Raimbekova als Signora Doria © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – James J. Kee als Giacomo Puccini , Jamila Raimbekova als Signora Doria © Thomas Häntzschel

Uraufführung La Signora Doria – Kriminaloper

 Nach dem Roman „Der Fall Doria“ von Sophia Mott

La Signora Doria am Volkstheater Rostock;  weitere Vorstellungen: 30.6.2017, 7.7.2017, 9.7.2017, 14.7.2017, 16.7.2017, 20.7.2017, 22.7.2017 (IOCO Hinweis:: Die Produktion ist sehr gut besucht. Karten rechtzeitig reservieren!)

Von Thomas Kunzmann

Mecklenburg-Vorpommern  wartet seine vielen Besucher mit vielfältiger Event-Kultur aber leider auch desolaten Theatern auf. Doch während Störtebeker in Ralswiek, Tony und Maria in Schwerin oder Die Piraten in Grevesmühlen den unberechenbaren Wetterkapriolen ausgeliefert sind, Prebberede sich vom Regensommer 2011 nie erholt hat, soll es die Rostocker Theaterbesucher und ihre Gäste im Sommer in eine alte Schiffsbauhalle auf der ehemaligen Neptunwerft, die Halle 207, ziehen.

Eine gute Idee, möchte man meinen, ist doch die Akustik der Halle 207 bekanntermaßen deutlich besser als in dem seit Jahrzehnten bewirtschafteten Provisorium Volkstheater. Und die neue Intendanz unter Joachim Kümmritz macht einige Nägel mit Köpfen. Auf fünf Jahre ist die Halle für die Sommerbespielung unter Vertrag. Sogar die Schiffe der Blauen Flotte legen für einige Veranstaltungen an, um den Gästen aus Warnemünde die Zufahrt zu erleichtern. Mit Sonderförderungen konnte geeignete Technik installiert werden, die ansonsten auch für das Stammhaus genutzt werden kann. Platz ist für bis zu 720 Gäste und statt einer einzigen Inszenierung gibt es fünf verschiedene. Denn neben dem Eröffnungsprogramm La Signora Doria wird es Moby Dick als Kinderstück gegeben, ROCK’N’ROSTOCK als Tanztheater, das 10. Philharmonische Konzert wird in die Halle verlegt. Ein Belcanto-Abend unter der Moderation von NDR-Kultur-Journalist Hans-Jürgen Mende steht auf dem Plan.

Zufall oder Absicht – auf den Tag genau vor 2 Jahren war es Mende, der gemeinsam mit den Weltstars Manuela Uhl, Klaus Florian Vogt und Roman Brogli-Sacher im Volkstheater das Programm „Wagner mit Wut“ organisierte, um auf die prekäre Lage des Volkstheaters in der einst „Bayreuth des Nordens“ genannten Stadt hinzuweisen. Alles andere als förderlich war lange Zeit Oberbürgermeister Roland Methling und man schickte damals in der Pause reichlich dreihundert Luftballons mit guten Wünschen in den Himmel. Der günstig stehende leichte Wind trug sie tatsächlich Richtung Rathaus. Und nun, zwei Jahre und ein Intendant später, wird die Werfthalle 207 wieder genutzt, wie letztmals unter Peter Leonard im Juli 2014. Die Halle gehört einem Verein, dessen Vorsitz der Oberbürgermeister innehat. Aber niemand macht einen Skandal daraus.

Ein richtig großer Skandal war hingegen im Jahre 1909 der Tod des Dienstmädchens Doria im Hause des berühmten Komponisten Giacomo Puccini. Dem Maestro wurde eine Liebesbeziehung zu ihr nachgesagt, die eifersüchtige Ehefrau machte der jungen Signora das Leben zur Hölle, worauf Doria sich das Leben nahm. In der Rostocker Kriminaloper entdecken die den Tod der Signora Doria ermittelnden Kommissare Sigrid Hansen (Renate Krößner) und Oskar Kowalewski (Paul Lücke) einige Ungereimtheiten. Sigrid Hansen verdingt sich kurzerhand (wie herrlich ist doch Theaterfantasie) in Puccinis Diensten und geht dem alten Fall nach. Sie erlebt, wie Puccini aus den Geschehnissen in seinem Umfeld die Inspiration für seine Opern zieht. Ganz beiläufig erhält man Einblicke in das ausschweifende Leben eines der  erfolgreichsten Komponisten der Operngeschichte.

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - James J. Kee als Puccini © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – James J. Kee als Puccini © Thomas Häntzschel

Rainer Holzapfel, der mit Killing Orpheus bereits im letzten Jahr einen Opern-Thriller in Neustrelitz etablierte, nimmt sich in Rostock nun des Buches Der Fall Doria an und verdichtet Krimi, Arien und Beziehungsdramen zu einer eigenen Geschichte. Das schlichte Bühnenbild von Olaf Grambow, das sich in vier Stunden auf eine der anderen Vorstellungen umbauen lässt, besteht aus einigen schrägen Auf- und Abgängen, Stegen und passt sich bestens in die Architektur des Gebäudes ein. Mit einem alten Klavier für den Meister, Stühlen und zwei Schreibtischen für die Kommissare ist die Ausstattung komplett. Im Hintergrund, gut hör- und sichtbar, das Orchester.

Dauergast und nun festes Ensemblemitglied James J. Kee gibt den mal selbstbewussten, mal charmanten, mal melancholischen Hausherren Giacomo Puccini. Der mitunter allzu kräftige Tenor bringt den Opernsängern La Boheme bei. Ob Ironie oder nicht – er selbst war 2012 noch Marcello im Theaterzelt. Jamila Raimbekova, damals Mimi, heute Doria/Butterfly besticht mit zartem Sopran. Einen stählernen Bariton bewies Grzegorz Sobczak bereits als Titelfigur in Zar und Zimmermann und bestätigt hier stimmlich wie mit seiner Bühnenpräsenz nochmals seine Qualitäten, auch er ein Neuzugang im festen Ensemble.

Ob Opernkenner oder neugieriger Gast des Abends – unvergessen wird allen jedoch die „Rodolfo-Arie“ des Newcomers Chulhyun Kim bleiben, von dem man sich sehnlich ein abendfüllendes Programm wünscht.

Volkstheater Rostock / La Signora Doria - Anna-Maria Kalesidis als Puccinis Ehefrau und Jamila Raimbekova als Dienstmaedchen Doria  © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Signora Doria – Anna-Maria Kalesidis als Puccinis Ehefrau und Jamila Raimbekova als Dienstmaedchen Doria  © Thomas Häntzschel

Der Klang der Norddeutschen Philharmonie unter Manfred Hermann Lehner kommt erwartungsgemäß farbenreich und detailgetreu zur Geltung. Schwelgerisch nimmt das Orchester die Sänger ebenso wie das Publikum mit. Auch Kommissarin Hansen kann sich der ergreifenden Magie der Musik nicht entziehen; Träume verweben sich mit der Wirklichkeit. Die Sogwirkung von Puccinis Musik setzt bereits nach wenigen Takten ein und hält lang an, damals ebenso wie heute. So ist der Besuch dieser Rostocker Uraufführung kein Experiment: Die wunderbare Musik wirkt nur für sich, auf Jeden.  Nur Hingehen muss man!

Das taten, unter anderem vom maritimen Flair der Werfthalle 207 angezogen, ca. 80 neugierige Mitarbeiter der Kreuzfahrtreederei AIDA und brachten zur Unterstützung des Theaters einen großzügigen Scheck mit, überreicht an den Intendanten durch Pressesprecher des Unternehmens Hansjörg Kunze. Und auch Weiterführung der Reihe „AIDA-Konzerte für Teens“ wurde an diesem Abend besiegelt.

Historie trifft auf moderate Moderne: neues Leben in der alten Halle, Puccinis Hits verschmelzen mit zeitgemäßer Kriminologie und Rostocks traditionsreiches Volkstheater setzt weiter auf leicht Verdauliches für Stadt und Besucher.

La Signora Doria am Volkstheater Rostock;  weitere Vorstellungen: 30.6.2017, 7.7.2017, 9.7.2017, 14.7.2017, 16.7.2017, 20.7.2017, 22.7.2017

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