Berlin, Deutsche Oper, Le Prophète von Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritk, 31.12.2017

Januar 1, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

 Le Prophète von Giacomo Meyerbeer

Die politische Oper der Stunde – Anatomie der Rebellion

Von Hanns Butterhof

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in .... © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in …. © IOCO

Giacomo Meyerbeers rebellionskritische Oper „Le Prophète“ von 1849 bildet an der Deutschen Oper Berlin den strahlenden Abschluss des auf drei Spielzeiten angelegten Meyerbeer-Zyklus‘, der mit mit „Vasco da Gama“ und „Die Hugenotten“ begonnen hatte. Die Regie von Olivier Py hebt das politische Element der Oper hervor und widmet ihr eindringliche Bilder, ohne dabei voll zu überzeugen. Mehr als die präzise musikalisch und szenisch beschriebenen Umstände des Aufstiegs und Falls des Täufer-Königs Jean de Leyde bewegt die Beziehungsgeschichte zwischen ihm seiner Mutter Fidès.

Die Berliner Aufführung des „Prophète“ verlagert die von Meyerbeers Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps sehr frei behandelte Geschichte des Münsteraner Täuferreichs aus dem 16. Jahrhundert in eine ortsunspezifische Gegenwart. Vor grauen Vorortshochhäusern und in heutigen Kostümen (Ausstattung: Pierre-André Weitz) entrollt sich das Tableau einer blutigen Rebellion gegen eine nicht näher bestimmte Unterdrückung. Sie nimmt ihren Anfang, als Arbeiter begierig die Propaganda dreier missionierender Wiedertäufer aufnehmen, die ihnen soziale Gleichheit, das Recht zu Plünderungen und den Sieg über die Adelsmacht versprechen.

Die zeigt sich in Person des arroganten Grafen Oberthal (Seth Carico), der sich von seinen schwer bewaffneten Bodyguards bedienen und von einer Leibeigenen, ohne sie wahrzunehmen, die Schuhe polieren lässt. Es ist Berthe (Elena Tsallagova), die zur Hochzeit mit dem örtlichen Schankwirt Jean de Leyde die Genehmigung des Grafen benötigt. In seiner Audienz, die er, etwas schäbig, vom Dach eines Mercedes herab hält, verweigert er Berthe diese Erlaubnis und vergewaltigt sie erst im Wagen, dann auf dessen Heck, bevor er sie ganz auf sein Schloss entführt.

Inzwischen haben die Missionare die Ähnlichkeit des Schankwirts mit einem in Münster verehrten Bildnis König Davids erkannt und ihn vergeblich bewogen, als ihr Prophet nach Münster zu ziehen und dort ihr König zu werden. Erst als Oberthal Jean zwingt, ihm die aus dem Schloss geflüchtete Berthe auszuliefern, weil er sonst seine Mutter töten lässt, entschließt er sich dazu, auf das Angebot der Wiedertäufer einzugehen und Rache am Grafen zu nehmen. Das gelingt, wohl auch mit Hilfe der aufgewiegelten Menge; vor rauchenden Trümmern des Mercedes und des Schlosses, die aber auch die Mauern des bestürmten Münsters sein können, zeigt sich Jean de Leyde als Führer seiner Soldateska.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Eindringlich macht der vor allem im Heldischen glänzende Tenor Gregory Kunde die Wandlung Jeans vom Darsteller der Prophetenrolle hin zum Glauben an seine Berufung zum Propheten deutlich. Ihm wächst der Glaube vor allem in der großen Szene zu, in der er erfolgreich seiner bereits geschlagenen und meuternden Truppe den Sieg prophezeit, wenn sie unter seiner Führung erneut gegen Münsters Mauern anstürmt. Es scheint, als seien es die sinistren Wiedertäufer, die ihm weitere Gelegenheiten verschaffen, seinen Glauben an die eigenen übernatürlichen Fähigkeiten zu stärken. Als er bei seiner Krönungsmesse im Dom zu Münster durch Handauflegen nicht nur Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen macht, sondern auch noch einen Toten zum Leben erweckt, sieht man nur, dass sie es sind, die den Darstellern dieser Wunder ihren Lohn zustecken.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Jean ist ihre Marionette, deren sie sich bedienen, um ihren weltlichen Gelüsten unter frommen Vorwänden ausgiebig nachgehen zu können. Erst als sie Jean zu Gottes jungfräulich geborenem Sohn ausrufen und ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, seine Mutter zu verleugnen, wird ihm seine Hybris und die Rolle bewusst, die er im Machtspiel der Wiedertäufer innehat. Zu spät entschließt er sich, seinem Königtum und dem Täufertreiben ein Ende zu setzen.

Unvermutet taucht bei einer szenisch nicht zu Ende geführten Hochzeit zum Ende hin Jeans Verlobte Berthe wieder auf. Elena Tsallagova füllt die kleine Rolle koloraturensicher mit klarem, in den Höhen etwas spitzem Sopran einnehmend aus und harmoniert dabei vorzüglich mit dem variablen Mezzo von Clémentine Margaine als Jeans Mutter Fidès. Während Berthe letztlich nur noch dazu da ist, um Jean mit dem notwendigen Pulver für die Sprengung von Münsters Stadtschloss mitsamt seinen Täufern zu versorgen, wächst Fidès eine entscheidende Funktion zu. Ihr lebensvoller Gesang steht in genauestem Gegensatz zum falschen Glaubenspathos der Täufer, das diese besonders in der pompösen Krönungsszene mit ihrem kirchenliedartigem „Ad nos, ad salutarem undam“ entlarvt. Fidès verkörpert stimmlich glaubwürdig die konservative Alternative zur selbstermächtigten, sich aber auf höhere Mächte berufenden Rebellion. So leicht, wie er den Täufern folgte, folgt Jean nun seiner Mutter, die ihm für seine Reue Vergebung im Himmel verspricht.

Meyerbeers „Le Prophète“ endet restaurativ, das Schlussbild gleicht dem Beginn. Graf Oberthal steht wieder auf dem Podest, auf dem die Geburts- und Todesdaten Jean de Leydes eingraviert sind, und lässt sich von den Bodyguards bedienen. All die viele Gewalt hat nichts an den Verhältnissen geändert, und fast könnte man meinen, das sei auch gut so.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Le Prophète“ ist die Oper der Stunde. Die Figur des Jean de Leyde ist sehr aktuell. Ein letztlich privater Antrieb wächst sich als sich selbst erfüllende Prophezeiung zu dem Glauben aus, zum Tun des allgemein Rechten berufen zu sein. Wenn dann auch noch die Lust hinzukommt, alles zu dürfen, was bislang verboten war – und das zeigt die Regie Olivier Pys überbordend mit schwungvoll choreographierten Kriegsgreueln und Vergewaltigungsexzessen – verstummen auch letzte Selbstzweifel. Wie die Geschichte ist gerade die Gegenwart voll dieser Beispiele, und die Regie hat gut daran getan, sie nicht näher zu konkretisieren, sondern nur genau die allgemeine Anatomie einer Rebellion zu erfassen. In den unverzichtbaren bizarren Ballettszenen wird das Verhältnis von Führer und Mitläufern deutlich. Sie brauchen ihn und seine Berufung auf höhere Mächte, um sich von der Schuld zu entlasten, die sie durch ihr unerhörtes Tun, ihre laufend begangenen Verbrechen auf sich laden.

Dass die Drehbühne fast ununterbrochen kreiselt, wohl um die ewige Wiederkehr des schrecklichen Immergleichen deutlich zu machen, ist eine der störenden Metaphern wie der schweigende Engel mit seinen Sprechblasen-Schildern. In mancher Szene hätte man sich mehr Sorgfalt von der Regie gewünscht. Da verschwinden unmotiviert ganze Menschengruppen, und dass die lieblichen Landfrauen das hungrige Heer der Täufer mit Äpfeln sättigen können, ist nur ein schlechter Witz. Der eigentlich hochspektakuläre Untergang von Münster verpufft als Rotlicht-Spektakel.

Musikalisch ist dieser „Prophète“ reiner Genuss. Die von Jeremy Bines einstudierten Chöre sind voll eindringlicher Wucht, und das Ensemble ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, besonders die drei Wiedertäufer Derek Welton als Zacharie, Gideon Poppe als Jonas und Noel Bouley als Mathisen gefallen. Die Tänzerinnen und Tänzer stellen mit ausgiebig präsentierten schönen Körpern ein eindrucksvoll stummes Bild des Täufertreibens dar, haben aber das Pech, dafür nicht nur begeistert beklatscht, sondern mit moralischem Aplomb ausgebuht zu werden.

Enrique Mazzola am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin dirigiert sängerfreundlich mit viel Aufmerksamkeit für die Bühne. Die turbulenten, für Meyerbeers Grande Opéra charakteristisch die Oberflächenhandlung beschreibenden Szenen malt er kräftig aus, arbeitet dabei aber auch fein das Schräge, Unwahre am Geschehen heraus, wenn etwa der tänzerische Rhythmus nicht zum frommen Gehalt passt. Ihm, dem Orchester und allen an der Aufführung Beteiligten, vor allem aber Clémentine Magaine galt nach mehr als vier Stunden der begeisterte Beifall des Publikums.

Le Prophéte von Giacomo Meyerbeer: Die nächsten Termine an der Deutschen Oper Berlin: 4.1. 2018 um 18.00 Uhr, 7.1. 2018 um 17.00 Uhr

Deutsche Oper, Staatsoper, Komische Oper – Karten Hier
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Berlin, Deutsche Oper Berlin, Premiere Boris Godunow, 17.06.2017

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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

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Premiere Boris Godunow 17. Juni 2017

Fassung von 1869 („Ur-Boris“). Oper in vier Teilen, sieben Bildern von Modest P. Mussorgskij; Libretto von Modest P. Mussorgskij nach Alexander Puschkins gleichnamigem Drama sowie Nikolai Karamsins „Geschichte des russischen Reiches“; Premiere am Royal Opera House Covent Garden am 13. März 2016; Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 17. Juni 2017

In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 2 Stunden 15 Minuten / Keine Pause

Eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, London. Präsentiert von taz.die tageszeitung, kulturradio vom rbb sowie WALL AG
Premiere: 17. Juni 2017
23., 27. Juni; 1., 4., 7. Juli 2017

Die Macht und ihr Preis

„BORIS GODUNOW ist ein Stück über Mussorgskijs damalige Gegenwart und zugleich, in seiner Fokussierung auf das Thema Macht, immer noch höchst aktuell und aussagekräftig für die heutige Situation. […] Mussorgskij beleuchtet die Rolle des Volkes, das neben Boris die zweite Hauptfigur der Oper ist. Ein Volk, das von Mächtigen manipuliert werden kann und das sich dann mobilisieren lässt, um „gegen Feinde“ zu kämpfen – und dabei oft gar nicht so genau weiß, wofür und gegen wen es überhaupt kämpft.“ (Kirill Karabits)

Blut klebt an den Händen Godunows, seine Herrschaft scheint vom Unglück verfolgt. Das Volk leidet Hunger. Intrigen bestimmen das Leben am Zarenhof. Da taucht in Polen ein Mann auf, der behauptet, der ermordete Zarewitsch Dimitrij zu sein. Einst gab Boris den Auftrag, jenen zu töten und damit den letzten Nachkommen Iwan des Schrecklichen zu beseitigen. Die Erinnerung an diese Blutschuld treibt den Zaren in den Wahnsinn.

In Boris Godunow zeichnete Mussorgskij das Porträt eines Menschen, der am eigenen Herrschaftsanspruch und dem dafür in Kauf genommenen Verbrechen scheitert. Doch existiert eine zweite Hauptfigur: das Volk. Einerseits erscheint es als unmündige, unter der absolutistischen Herrschaft leidende Masse, andererseits aber verlebendigt Mussorgskij in vielen kleineren und mittleren Partien Einzelschicksale: Vom intriganten Bojaren Schuiskij über den Chronisten Pimen bis hin zu Menschen aus dem Volk wie die Schenkwirtin, die Bettelmönche Warlaam und Missaïl oder den Polizisten Mitjuch: Sie alle bilden ein Panorama des russischen Volkes, das sich zu Macht und Herrschaft verhält. Das in den politisch unsicheren Zeiten versucht zu überleben – und dabei die eigentliche Antriebskraft politischer Prozesse ist.

Musikalische Leitung Kirill Karabits Inszenierung Richard Jones Szenische Einstudierung Elaine Kidd Bühne Miriam Buether Kostüme Nicky Gillibrand Licht Mimi Jordan Sherin Movement Director Silke Sense Chöre Raymond Hughes Leitung Kinderchor Christian Lindhorst Dramaturgie Sebastian Hanusa Boris Godunow Ain Anger Fjodor Moritz Bouchard / Philipp Ammer (Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) Xenia Alexandra Hutton Xenias Amme Ronnita Miller Fürst Wassili Schuiskij Burkhard Ulrich Andrej Schtschelkalow Dong-Hwan Lee Pimen Ante Jerkunica / Ievgen Orlov Grigorij Otrepjew Robert Watson Warlaam Alexei Botnarciuc Schenkwirtin Annika Schlicht Missaïl Jörg Schörner Gottesnarr Matthew Newlin Nikititsch Andrew Harris Leibbojar Andrew Dickinson Mitjuch Stephen Bronk Grenzpolizist Samuel Dale Johnson Chor, Kinderchor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Pressemeldung Deutsche Oper Berlin

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Berlin, Staatsballett Berlin, Michael Banzhaf – Kammertänzer, IOCO Aktuell, 01.03.2017

Staatsballett Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

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Michael Banzhaf – Kammertänzer

Michael Banzhaf, Solotänzer des Staatsballetts Berlin, wurde am 01. März 2017 vom Berliner Senat zum „Berliner Kammertänzer“ ernannt. Die Verleihung fand im Rahmen des offiziellen Bühnenabschieds nach der Vorstellung von „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“ in der Komischen Oper Berlin statt.

 

Staatsballett Berlin / Tschaikowsky - Michael Banzhaf © Enrico Nawrath

Staatsballett Berlin / Tschaikowsky – Michael Banzhaf © Enrico Nawrath

Im Auftrag des Berliner Senats verleiht der Staatssekretär für Kultur, Dr. Torsten Wöhlert, am 01. März 2017 dem Solotänzer Michael Banzhaf den Ehrentitel Berliner Kammertänzer. „Im Namen des Senats von Berlin und auch ganz persönlich bedanke ich mich für Ihr großes Engagement, Ihre Verbundenheit mit Berlin und die vielen künstlerischen Sternstunden, die Sie uns bereitet haben“, so der Kulturstaatssekretär. Nach der Vorstellung von Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere in der Komischen Oper Berlin, in der Michael Banzhaf seinen offiziellen Bühnenabschied nimmt, wird ihm die Auszeichnung überreicht. „Es bedeutet mir viel, dass ich auch über mein Karriereende hinaus durch diesen wunderschönen und bedeutenden Titel mit dem Ballett in Berlin und den drei Berliner Opernhäusern verbunden bin. Dafür bin ich unendlich dankbar, und es macht mich sehr stolz“, freut sich der Ausnahmekünstler.

Michael Banzhafs Karriere begann 1998, als er direkt nach seiner Ausbildung an der Bosl-Stiftung München in das Corps de ballet der Staatsoper Unter den Linden engagiert wurde. 2001 stieg er dort zum Demi-Solotänzer auf, 2005 zum Solotänzer beim neu formierten Staatsballett Berlin. In seiner 19-jährigen Tänzerkarriere interpretierte er große Rollen wie die des Siegfried in Maurice Béjarts Ring um den Ring oder des Dichters Lenski in John Crankos Onegin.

Die Ehrung Berliner Kammertänzer/in erhielten in Berlin bisher nur Oliver Matz (1995), Raffaela Renzi (1995), Gregor Seyffert (1999) und Vladimir Malakhov (2014). Der seltene Ehrentitel wird vom Berliner Senat für hervorragende künstlerische Leistungen und eine mindestens fünfjährige ununterbrochene Zugehörigkeit zu einem Theater verliehen. PMDStbB

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Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Hugenotten – Lohengrin, IOCO Kritik, 15.2.2017

Februar 15, 2017 by  
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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

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Wem die Stunde schlägt

Meyerbeers Glaubenskriegs-Oper „Die Hugenotten“ erschreckend aktuell

Von Hanns Butterhof

Ku-Klux-Klan-Kreuze brennen, und wehrlose „Ungläubige“ fallen unter Schüssen, die im Namen Gottes von seinen fanatischen,  selbstermächtigten Kriegern abgefeuert werden. Giacomo Meyerbeers Glaubenskrieg-Oper „Die Hugenotten“ von 1836, die von der Deutschen Oper Berlin im Zuge ihrer musikhistorischen Meyerbeer-Erkundung ins Programm genommen wurde, erweist sich als erschreckend aktuell.

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Das große geschichtliche Drama der Bartholomäus-Nacht, in der 1572 Tausende in Paris versammelte Hugenotten von Katholiken ermordet wurden, spielt auf der von Giles Cadie gebauten Bühne unter dem rohen Gebälk eines Dachstuhls. Zur Ouvertüre wird eine schwere Kirchenglocke hinaufgezogen, die von da an nur darauf wartet, wem sie die Stunde schlägt. Die Drohung, die von ihr ausgeht, ist immer spürbar, selbst wenn sie einmal kurz durch einen Vorhang, eine Wand mit finsteren Adelsportraits oder Rokoko-Architektur verdeckt wird.

Die blutige Historie ist die Staffage für eine Liebesgeschichte à là Romeo und Julia. Der  Adlige Raoul de Nangis (Yosep Kang), ein Heerführer der Hugenotten, liebt Valentine de Saint-Bris (Olesya Golovneva), die Tochter des Anführers der Katholiken. Es braucht bei einigen  Verwicklungen vier Akte, bis sich beide ihre Liebe gestehen, und nur wenige Minuten, in denen sie gleich nach ihrer Not-Trauung getötet werden.

Mit einnehmendem warmen Sopran gewinnt Olesya Golovnevas Valentine die Kontur einer liebenden Frau, die sich ihre Gefühle nicht von der Konfession diktieren lässt. Dagegen bleibt die Figur des Raoul blass. Zwar tritt er als Heerführer auf, ist aber eher ein Womanizer, dem selbst Marguerite (Siobhan Stagg), bald Königin von Navarra, fast erliegt. Wohl zu Recht gibt Yosep Kang dem unentschiedenen Salonlöwen wenig heldischen Tenorglanz. Erst im anrührenden Liebesduett mit Valetine im vierten Akt blüht er lyrisch auf. Dabei versäumt er, seine Glaubensbrüder frühzeitig vor der Gefahr zu warnen, die ihnen droht. Für einen Soldaten erstaunlich kampflos fällt er dann an der Seite Valentines.

Spannender als die private und die fünf Stunden der Aufführung rechtfertigend ist die Entwicklung des politischen Hintergrunds. Anfangs steht ein polyphoner, hedonistischer Katholizismus dem strengen Hugenottentum gegenüber, das sich noch im Bürgerkriegsmodus befindet. Während der katholische Lebemann Graf de Nevers (Thomas Lohmann) ein Fest zur Überwindung der Konfessionsschranken gibt, stimmt Raouls Diener Marcel (Ante Jerkunica) unversöhnlich hugenottische Kampflieder an.

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Mit profundem Bass wird Ante Jerkunica stimmlich wie szenisch zur eindrucksvollsten Figur der Oper. Anfangs scheint er nur ein überständiger Sonderling in der liberalen Nachkriegs-Spaßgesellschaft zu sein. Doch in  dem Katholikenführer de Saint-Bris (Derek Welton) hat er ein ebenso fundamentalistisches Gegenstück, das dem Frieden nicht  traut. Es braucht nur die Furcht davor, selbst Opfer der Andersgläubigen zu werden, und schon bricht der Krieg wieder aus. Die erst so sinnenfrohen Katholiken fallen übergangslos im Namen Gottes über die Hugenotten her und ermorden rücksichtslos alle, die nicht auf ihrer Seite stehen. Darunter ist auch de Nevers, dessen Adelsstolz sich gegen das unehrenhafte Komplott seiner katholischen Glaubensbrüder aufgelehnt hatte.

Ohne bemühte Aktualisierung – nur die Kostüme Constance Hoffmanns deuten Überzeitlichkeit an – weist Regisseur David Alden über die Referenz an Meyerbeers vergnügungssüchtiges Opern-Publikum hinaus. Seine „Hugenotten“ zeigen mit den operettenhaften, den Klamauk streifenden Elementen der ersten Akte unsere Gegenwart, in der auch eine hedonistische Gesellschaft ein Friedensgefühl feiert, an das sie selbst schon nicht mehr glaubt und dabei ängstlich auf den Schlag der Glocke wartet.

„Die Hugenotten“ bieten eine Fülle szenischer und musikalischer Reize. Ido Arad am Pult  malt die Gegensätze der Partitur zwischen frommem Choral und mörderischem Kriegsgeschrei, zwischen idyllisch im luftleeren Raum schwebender Vision und bigott düsterer Verschwörung mit kräftigen Farben aus; die kurze, stille Liebe lässt er im Kriegslärm schrecklich hoffnungslos untergehen.

Nach der fünfstündigen, französisch gesungenen, deutsch und englisch übertitelten Aufführung gab es viel Beifall für Ido Arad und das Orchester der Deutschen Oper, den von Raymond Hughes gut eingestimmten, vielseitig geforderten Chor und das ausgewogen besetzte Ensemble. Er galt vor allem Ante Jerkunica, der koloraturfreudigen Siobhan Stagg und Irene Roberts in der Hosenrolle des Pagen Urbain, sowie Olesya Golovnena und Yosep Kang. Besuchte Vorstellung 4.2.2017.


Am 5.2.2017 stand Richard Wagners Oper „Lohengrin“ auf dem Spielplan. Die Aufführung mit dem begeisternd jugendlich strahl-hellen Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin überzeugte musikalisch unter der Leitung von Donald Runnicles, ließ aber in der Regie Kasper Holtens viele Fragen offen.

Deutsche Oper Berlin /Lohengrin © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin /Lohengrin © Marcus Lieberenz

Sein Lohengrin ist ein machtgieriger Populist, der die an seine Gottgesandtheit glaubenden Brabanter wagnerwidrig in den Krieg führt. Im Rückblick auf „Die Hugenotten“ wächst dagegen  der Figur des Raul de Nagis mehr Lohengrin-Charakter zu. Er setzt übermenschlich viel Vertrauen in den Friedenswillen der verfeindeten Religionen. Weil er sich zu sehr der Liebe verschreibt, sieht er nicht die drohende Gefahr und scheitert, weltfremd. Zwischen den Positionen des Holtens’schen Lohengrin und Meyerbeers de Nagis möchte man nicht wählen müssen. Gegenwärtig ist zu befürchten, dass es das Weltkind in der Mitte ist, dem die Stunde schlägt.

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