Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Das Rheingold von Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.11.2017

November 11, 2017 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

Das Rheingold von Richard Wagner

Bilder aus der Zerfallsgeschichte des Bürgertums

Von Hanns Butterhof

Ein roter Varieté-Vorhang und bunte Geisterbahn-Lämpchen um die Bühne signalisieren schon vor Beginn der Duisburger Aufführung von Richard Wagners Oper Das Rheingold, dem Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“, dass es von Halbseidenem, nicht ganz Ehrbarem und wichtig zu Nehmendem handeln wird. Regisseur Dietrich W. Hilsdorf  lässt darin den zwielichtigen Feuergott Loge die Strippen ziehen.

Bevor noch der erste Ton aus dem Orchestergraben ertönt, erscheint auf der Bühne ein in Rot gekleideter Herr, der sich erst genussvoll ein Glas Wein einschenkt, dann mit bedeutender Geste Heines Loreleylied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ deklamiert und schließlich prätentiös in jeder Hand ein Flämmchen aufflackern lässt.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Raymond Very als Loge © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Raymond Very als Loge © Hans Jörg Michel

Dieses für das Publikum vieldeutige Statement kann auf manches hinweisen: auf das unmittelbar darauf folgende Es der Rhein-Urgrunds-Musik ebenso wie mit dem Heine-Verweis auf Wagners Antisemitismus und die Kulminierung dieses Ungeistes im Feuer der KZs. Wäre ersteres nur ein bedeutungsloser Gag,  müsste letzteres konstitutiv für die Inszenierung sein. Das ist aber nicht der Fall. So könnte diese Geste des Rotgekleideten eine Selbstbeschreibung sein als das Freudsche Es, dem Lebenstrieb, der ist und wirkt, aber nichts von sich weiß. In dieser Rolle erscheint dann auch der zwielichtige Feuergott Loge. Er lenkt die Handlung, die nicht so ernst zu nehmen ist, wie die je Betroffenen meinen, und bewirkt, dass alles, was ist, vergeht.

Hilsdorf läßt Loge glänzen

Hilsdorf erzählt den Wagnerschen Mythos als Zerfallsgeschichte des Bürgertums. Dieter Richter hat dafür einen großbürgerlichen Salon gebaut, der als Foyer eines Bordells ebenso taugt wie als Wohnstube eines Herrenhauses. Eine Feuertreppe ermöglicht, zumindest im ersten Bild, muntere Bewegung hinauf und hinunter.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier die Rheintöchter © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier die Rheintöchter © Hans Jörg Michel

Auf ihr entziehen sich die stimmschönen Rheintöchter (Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller, Iryna Vakula), zunehmend ihre Reize offenbarende Kokotten in Cancan-Kleidern (Kostüme: Renate Schmitzer), dem gierigen Werben Alberichs.  Dieser alte, an Professor Unrat erinnernde Zausel entsagt darauf der Liebe, bemächtigt sich aus Enttäuschung, Wut und Kalkül des Rheingolds und widmet sich dann dem Gewinnmachen, schließlich der Herrschaft über die Welt und damit auch über die Liebesdienste der Frauen. Der Schmerz über die Entsagungszumutung hält sich beim nahe am Sprechgesang angesiedelten Stefan Heidemann in Grenzen, wohl überlagert von den goldenen Aussichten.

In denselben Salon schiebt dann die elegant gekleidete Fricka (Katarzyna Kuncio) ihren auch mit alberner Merkel-Raute von der Weltherrschaft träumenden Gatten Wotan (James Rutherford) im Rollstuhl herein. In Mantel und Hut folgen Frickas Brüder Froh (Bernhard Berchtold) und Donner (David Jerusalem), der später mit seinem Hammer ausgestattet einen Stuhl zerdeppert.

Offenbar hat sich der großbürgerliche Wotan finanziell übernommen, denn die Lohnstreitigkeiten mit den beiden Riesen Fasolt (Thorsten Grümbel) und Fafner (Lukasz Konieczny), die ihm Walhall gebaut haben, reißen ihn schnell aus seinen Träumen. Bei Walhall handelt es sich wohl um die Villa, in der sich der Salon befindet, vor dessen Fenster Wolken vorbeitreiben.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Wotan, Fasolt und Fafner_ James Rutherford, Thorsten Grümbel und Lukasz Konieczny © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Wotan, Fasolt und Fafner_ James Rutherford, Thorsten Grümbel und Lukasz Konieczny © Hans Jörg Michel

Die beiden Riesen in ihren zwischen traditioneller Zimmermanns- und Totengräber-Kluft changierenden Anzügen sind liebevoll gezeichnete Malocher, die in Verhandlungspausen ruhig ihre Stullen futtern. Sie glauben noch an die Gültigkeit von Abmachungen und bestehen auf nichts als ihrem verdienten Lohn, der Liebesgöttin Freia (Anna Princeva). Dabei ist der clevere Fafner nicht nur schnell bereit, den gerechten Warentausch von Arbeit gegen die Göttin auf Kapitalbasis umzustellen, sondern auch aus frisch erwachter Goldgier seinen Bruder umzubringen und den ganzen Lohn für sich zu behalten.

Wotan hatte sich auf den zwielichtigen Halbgott Loge (Raymond Very) verlassen, der ihm eine Umwegfinanzierung versprochen hatte. Als Loge gerade noch rechtzeitig vor Ablauf eines Riesen-Ultimatums in Begleitung der Rheintöchter die Feuertreppe herunterkommt, wird er als der Herr kenntlich, der anfangs nicht um die Bedeutung wusste. Er war es auch, der Alberich den Rheintöchtern zugeführt hatte. Seine Begründung für sein langes Fernbleiben, er habe unter ihnen nach einem gleichwertigen Ersatzobjekt für die Begierde der Riesen nach Freia gesucht, ist wenig glaubwürdig. Vielmehr scheint er aus eigenem Antrieb oder seinem Wesen entsprechend den Zusammenbruch des ganzen Systems zu initiieren. Er ist der Strippenzieher im ganzen „Rheingold“ und vielleicht darüber hinaus für den ganzen Hilsdorf-Ring. So, wie er mit den Rheintöchtern verkehrt und sich auch sinnlich der Freia zuwendet, ist er das Lebensprinzip, das ständigen Wandel bedeutet und befördert und so auch dafür sorgt, dass die großbürgerliche Götterwelt nicht das Ende der Geschichte bleibt.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Alberich und die Nibelungen © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Alberich und die Nibelungen © Hans Jörg Michel

So ist es Loge, der Wotan den Plan eingibt, das für die Bezahlung der Riesen notwendige Gold Alberich zu rauben und sich dabei in den Besitz des Rings aus dem Rheingold zu setzen, der die Weltherrschaft bedeutet.

Loge ist es auch, der die Riesen überzeugt, Gold statt der Göttin anzunehmen. Und er führt Wotan nach Nibelheim, wo Alberich, inzwischen ein frühbürgerlicher Grubenbesitzer, die Nibelungen für sich schuften lässt, kohlegeschwärzte, verschwitzte Gestalten, die mächtige Kipploren über die Bühne schieben. Er malträtiert seinen Bruder Mime,  den Florian Simson gesanglich und darstellerisch beeindruckend zeichnet, und raubt ihm den unsichtbar machenden Tarnhelm. Es sind hübsche Szenen, wie Alberich sich unsichtbar macht oder, von Loge listig verlockt, erst als riesige Untierkralle aus der Zimmerdecke kracht oder sich dann, zur kleinen Kröte gewandelt, fangen und nach oben zu den wartenden Göttern verschleppen lässt.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Dort hackt Wotan, dem es vor allem um den Ring geht, Alberich gleich mit einem nicht unbedingt zwingend verfügbaren Schwert die ganze Hand ab, eine so unsinnige wie theatralisch abgeschmackte Szene, die zurecht die Lacher des Publikums hervorrief. Den Ring muss er dann aber doch den Riesen überlassen, die Loge, als erstem Schritt zu ihrem Untergang davon überzeugt hatte, es sei besser, den Schatz statt der Göttin als Lohn zu akzeptieren. Dass damit das Unheil auch über die Götterwelt hereinbricht, machen die Nibelungen deutlich. Sie sprengen mit gewaltigem Getöse die Wände des Salons, wenn sie die Loren mit Alberichs Schatz auffahren. Da braucht es kaum mehr dessen Fluch, dass dem Träger des Rings der Tod gewiss und alle Freude verloren ist wie auch dem Neider, der ihn nicht besitzt. Doch Wotan hört weder auf ihn noch auf die Warnung der aus dem Boden auftauchenden, viktorianisch kostümierten Erda (Ramona Zaharia), dass den Göttern durch den Ring Unheil droht. Bei ihrem Verschwinden zupft ihr Wotan etwas irritierend die rote Perücke vom Kopf , die an Loges Flämmchen erinnert, als hole er damit schon die Flamme ins Haus, die es vernichten wird.

Loge steuert den Untergang der Götter

Wenn die Götter hoffnungsfroh ihr Walhall in Besitz nehmen und Loge dazu den Glühlämpchen-Regenbogen um die Bühne aufglimmen lässt, weiß er schon, dass sie ihrem Untergang entgegengehen.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - hier Loge, Wotan und Fricka ( Raymond Very, James Rutherford und Katarzyna Kuncio © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – hier Loge, Wotan und Fricka ( Raymond Very, James Rutherford und Katarzyna Kuncio © Hans Jörg Michel

Das ist schlüssig inszeniert, mit einigen eindrucksvollen Theatereffekten und manchen Ungereimtheiten, die eine Aktualisierung kaum vermeiden kann. Die mythische Erzählung weicht der Reihung von Bildern aus der Zerfallsgeschichte der Bürgerlichen Gesellschaft. Es ist wenig fesselnd, wenn die Götter zu Bürgern werden und dem Geschehen die Fallhöhe fehlt. Auch die überlegene Loge-Perspektive hält das Mitfühlen mit den Protagonisten in engen Grenzen.

Musikalisch überzeugt dieses „Rheingold“ nicht auf allen Ebenen. Bei den Sängerinnen und Sängern scheint durchweg der Glaube an die Menschlichkeit der eigenen Figur zu fehlen und einer distanzierten Rollendarbietung gewichen zu sein; sie kommen einem trotz durchwegs ordentlicher gesanglicher Leistung vor allem von Florian Simson, Raymond Very, James Rutherford, Thorsten Gümbel, Lukasz Konieczny und Katarzyna Kuncio nicht wirklich nahe.

Axel Kober am Pult der Duisburger Philharmoniker dirigiert zügig, aber noch sängerfreundlich nicht zu flott. Der etwas trockene Orchesterklang ist fernab von schwelgerischem Pathos, wird aber an bedeutenden Stellen sehr laut.  Nach zweieinhalb Stunden gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums, der allen Beteiligten einschließlich des Regieteams galt, und einen Duisburger „Ring“-Auftakt, in dem Loge mehr glänzte als das Rheingold.

Das Rheingold im Theater Duisburg; die nächsten Termine 24.11.2017, 3.12.2017; 16.112.2017, 23.12.2017

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Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Das Rheingold, 04.11.2017

Oktober 3, 2017 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Auftakt für Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in Duisburg
„Das Rheingold“ – Premiere in neuer Besetzung

die Deutsche Oper am Rhein startet ihren neuen „Ring“ jetzt auch im Theater Duisburg: Am Samstag, 4. November, um 19.30 Uhr ist Premiere für „Das Rheingold“ in der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf.
Mit einer hochkarätigen neuen Sängerbesetzung und den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober wird der Auftakt zu Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ noch einmal ganz neu erlebbar. Mit dem Briten James Rutherford ist ein weltweit renommierter Wagner-Interpret in Duisburg als Wotan zu Gast. Raymond Very (Loge) kehrt nach eindrucksvollen Auftritten in „Billy Budd“, „Death in Venice“ und „Der Zwerg“ erneut an die Deutsche Oper am Rhein zurück. Ensemblemitglied Stefan Heidemann gibt sein Debüt als Alberich.

„Das Rheingold“ von Richard Wagner
Premiere am Samstag, 4. November 2017, 19.30 Uhr, im Theater Duisburg
Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ – Text vom Komponisten
In deutscher Sprache mit Übertiteln
Dauer: ca. 2 ½ Stunden, keine Pause – empfohlen ab 12 Jahren

Musikalische Leitung: Axel Kober Kostüme: Renate Schmitzer
Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf Licht: Volker Weinhart
Bühne: Dieter Richter Dramaturgie: Bernhard F. Loges
Wotan: James Rutherford Alberich: Stefan Heidemann
Donner: David Jerusalem Mime: Florian Simson
Froh: Bernhard Berchtold Fasolt: Thorsten Grümbel
Loge: Raymond Very Fafner: Lukasz Konieczny
Fricka: Katarzyna Kuncio Woglinde: Heidi Elisabeth Meier
Freia: Anna Princeva Wellgunde: Kimberley Boettger-Soller
Erda: Ramona Zaharia Floßhilde: Iryna Vakula
Orchester: Duisburger Philharmoniker


„Das Rheingold“ im Theater Duisburg: Sa 4. November – 19.30 Uhr (Premiere) / Do 9. November – 19.30 Uhr / Fr 24. November – 19.30 Uhr / So 3. Dezember – 15.00 Uhr / Sa 16. Dezember – 19.30 Uhr / Do 21. Dezember – 19.30 Uhr

DER RING DES NIBELUNGEN – die weiteren Premieren:
DIE WALKÜRE: So 28. Januar 2018 – Opernhaus Düsseldorf / Do 31. Mai 2018 – Theater Duisburg
SIEGFRIED: Sa 7. April 2018 – Opernhaus Düsseldorf / Sa 26. Januar 2019 – Theater Duisburg
GÖTTERDÄMMERUNG: Sa 27. Oktober 2018 – Opernhaus Düsseldorf / So 5. Mai 2019 – Theater Duisburg

Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein

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Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Der Ring des Nibelungen – Castorf Ring, IOCO Kritik, 19.08.2017

August 18, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

In Castorfs Kopf : Grandioses Scheitern einer humanistischen Hoffnung

Von Hanns Butterhof

Im nun fünften und letzten Jahr des von Frank Castorf inszenierten Ring des Nibelungen Bühnenfestspiels von Richard Wagner weiß das Publikum, worauf es sich einlässt. Es bleibt aber skeptisch, ob sich durch Heutiges ebenso schlüssig vom Ewigen erzählen lässt, wie es umgekehrt gängig ist.

DAS RHEINGOLD

Das „Rheingold“ führt also in das Amerika der 60er Jahre. Auf der Drehbühne des Festspielhauses hat Aleksandar Denic das heruntergekommene „Golden Motel“ an der Rückseite einer schmuddeligen Tankstelle an der Route 66 gebaut. So wenig Anfang war nie, hier ist alles schon kaputt. Im Hinterhof mit einem Swimmingpool als Rhein-Zitat hängen die etwas nuttigen Rheintöchter (Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl, Alexandra Steiner) ihre Unterwäsche zum Trocknen auf, lassen aber den schmierigen Betreiber der Tankstelle, Alberich (Albert Dohmen), nicht ran. Der entsagt daraufhin der Liebe ganz und wendet sich, wenn auch erst im Rahmen seines Gewerbes, ganz dem Gewinn der finanziellen Weltherrschaft zu.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der pomadige Obergangster Wotan (Iain Paterson) betreibt das Motel. Für die Drecksarbeit hat er seine Leute wie den listigen Strategen Loge (Roberto Saccá) oder die energischen Handwerker Fasolt (Günther Groissböck) und Fafner (Karl-Heinz Lehner). Als Wotan sie um ihren Lohn, seine Schwägerin Freia (Caroline Wenborne), prellen will, schlagen sie ihm so lange die Fenster ein, bis er sie widerwillig herausrückt. Loge überredet nicht nur die beiden, statt Freias mit dem Gold Alberichs Vorlieb zu nehmen. Er führt auch Wotan in die Tanke Alberichs, der stellvertretend für alle geknechtet schuftenden Nibelungen seinen Bruder Mime (Andreas Conrad) und den Barkeeper (Patric Seibert) malträtiert. Ihm zwingt Wotan alles Gold, das nun holzscheitartig im Pool treibt, mitsamt einer Tarnkappe und einem aus dem Rheingold geschmiedeten, die Weltherrschaft ermöglichenden Ring ab, den Alberich daraufhin voll Wut und Leid verflucht.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Wirkung des Fluchs zeigt sich gleich nach dem in Wildwestmanier mit gezogenem Colt vollzogenen Tausch Freias gegen das Alberich-Gold samt Tarnkappe und Ring: Der gefühlsarme Fafner erschlägt seinen eher der Freia zugeneigten Bruder Fasolt, und von da an gilt Wotans Sorge nur noch dem Rückgewinn des Rings, der ihm die Weltherrschaft sichern soll.

Das kann man so erzählen. Aber es verträgt sich nicht wirklich mit einem Text, der von Göttern, Riesen und Zwergen und dem Bau der Götterburg Walhall handelt. Allerdings hat die Textverständlichkeit in diesem „Rheingold“ schlechte Karten. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird permanent von der Handlungs- und Gesangsebene fortgerissen auf Nebenhandlungen, die als bunte Videos aus dem Motel- oder Tankstelleninneren oder als Szene aus Castorfs privatem Film-Gedächtnis auf einer Leinwand auf dem Moteldach eingespielt werden. Einzig Nadine Weissmann als Erda, deren Quicky mit Wotan die hysterisch auffahrende Eifersucht seiner Frau Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) nur kurz erregt, vermag sich gegen die Assoziations- und Bilderflut Castorfs und seiner Video-Künstler Andreas Deinert und Jens Crull souverän wortverständlich durchzusetzen. Dass das Ensemble engagiert und überaus handlungsreich spielt, fesselt die Aufmerksamkeit und zieht sie mehr und mehr in Castorfs Kopf.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Musikalisch ist das „Rheingold“ gelungen. Schönklang bei den Rheintöchtern, der leichte Bass von Wotan Iain Paterson passt zur Rolle des Gangsterbosses, Albert Dohmens Alberich ist ein Bass von beeindruckend variantenreicher Tiefe. Von den Figuren neben ihnen gefallen vor allem der lockere Roberto Saccá, Andreas Conrad und Günther Groissböck, dem ein gesteigerter Schlussbeifall gilt.

Den größten Beifall erhält deutlich Dirigent Marek Janowski und sein gut aufgelegtes Festspielorchester. Er schafft es, der Musik gegen die grellen Bilder zu ihrem Recht zu verhelfen. Sein flottes, die Artikulationsfähigkeit des Ensembles bis an die Grenze forderndes Dirigat ist flüssig, reitet nicht ostentativ auf den Leitmotiven herum und bietet soliden Wagnerklang.

Dieses „Rheingold“ hat etwas von der Feuerlohe um Brünnhildes Felsen. Wer ohne Zagen hindurch gegangen ist, der kann von den folgenden Abenden nur positiv überrascht werden.

DIE WALKÜRE

Ist es so, oder erscheint es dem „Rheingold“-Geschmiedeten nur so: Ganz anders, ruhiger auf die Szene gerichtet und weniger bildlastig ist „Die Walküre“. Zeit und Ort, auch die Figuren haben sich geändert. Jetzt füllt eine gewaltige Holzkonstruktion die Bühne, die plausibel Hundings Hütte als Wehrburg zeigt, gedreht deren Scheune sichtbar macht und am Ende einen Ölförderturm abgibt. Dass dieser in Aserbeidschans Baku stehen soll, erfährt man allerdings nur aus externen Quellen wie Feuilletons oder dem durch die Gesellschaft der Freunde Bayreuths e.V. ermöglichten Einführungsvortrag Sven Friedrichs, des Direktors des Richard-Wagner-Museums.

 Bayreuther Festspiele/ Walküre - Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele/ Walküre – Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ruhige, eher statische Szenen prägen „Die Walküre“, und in den ausgedehnten symphonischen Passagen tritt die orchestrale Seite wohltuend hervor.

In einer nicht näher definierten Vorzeit, in die nur ein Fahrrad als Zeichen ihres Gegenwartsbezuges hinüberweist, verfallen sich gestisch fesselnd, kaum videogestört, aber auffällig unsinnlich, der auf der Flucht befindliche Wotan-Sohn Siegmund (Christopher Ventris) und seine Schwester Sieglinde (Camilla Nylund), die in Zwangsehe mit dem finsteren Biedermann Hunding (Georg Zeppenfeld) lebt. Die Dreiecksituation mit dem von der Verfolgung Siegmunds nach Hause kommenden Hunding, der im Hochzeitsanzug (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) mit einem auf die Spitze seines Speers gespießten Kopf auftritt, ist fein inszeniert. Etwa wenn die verängstigte, doch neugierige Sieglinde von der hohen Terrasse aus dem Bericht Siegmunds lauscht und dann vor dem kurzen, argwöhnischen Blick Hundings kuscht.

Bayreuther Festspiele / Walküre - Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wo die Videotechnik, jetzt in expressionistischer schwarz-weiß-Manier, eingesetzt wird, überlagert das meist die Szene. So sieht man während Siegmunds Lebenssbeichte den von Sieglindes Schlaftrunk betäubten Hunding, wie er zuckend auf Siegmunds Worte reagiert. Für Wonnemond-Seligkeit ist da so wenig Platz wie für die Esche, in der das rettende Schwert Nothung stecken soll. Bis er es in der Scheune aus einem Baumstumpf zieht, erscheint es nur als Video wie auch Wotan (John Lundgren), der als langbärtiger Russe die Entwicklung mit Wohlgefallen sieht und sich am Telefon stummfilmmäßig mit einer Frau verabredet.

Etwas mehr Schwung bringt dann Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) auf die Bühne. Die hysterische Herrin, die ihre Peitsche auf das Personal wie auch ihren Gatten Wotan sausen lässt, macht ihm im Namen von Recht und Sitte eine demütigende Szene. Obwohl das seine Pläne zur Wiedergewinnung des Rings scheitern lässt, muss Wotan, ergreifend in seiner Zerrissenheit, zustimmen, Siegmund nicht mehr zu schützen. In einer wunderbar intimen, vom Orchester sanft getragenen Szene widerruft Wotan den Auftrag, den er der Walküre Brünnhilde (Catherine Foster) gegeben hatte; nun soll Siegmund fallen. Obwohl sich Brünnhilde dem widersetzt, geschieht es. Hunding tötet Siegfried, der entgeistert nur auf das an Wotans Spaten zerbrochene Schwert Nothung schaut.

Noch einmal ändern sich Zeit und Szene. Jetzt wird zum Ende des 19. Jahrhunderts der nun zentrale, mit rotem Stern gezierte Ölförderturm von fahneschwingenden Revolutionären gestürmt, viele Heldenleichen fallen für die phantasievoll gewappneten Walküren an, die stimmschön, aber recht zahm, in ihr Hojotoho ausbrechen. Die mit der schwangeren Sieglinde zu ihnen geeilte Brünnhilde können sie nicht vor Wotans Strafe wegen ihrer Widersetzlichkeit schützen. Eigenartig unberührt verbannt sie der inzwischen Bartlose; seine Trauer malt nur das Orchester aus. Während Brünnhilde auf Video einschläft, wird der von Flammen umloderte Felsen enttäuschend läppisch nur als Flämmchenkranz um ein Ölfass angedeutet.

Bayreuther Festspiele / Walküre - John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In der „Walküre“ setzt sich die musikalische Seite deutlich gegenüber der szenischen durch. Wenn Marek Janowski das Tempo drosselt und das Forte zurücknimmt, kommt es zu beglückenden Momenten. Das Wälsungenpaar überzeugt auch darstellerisch, Camilla Nylund mit klarer Höhe als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund mit ausdrucksstarkem, warm timbriertem Tenor.

Georg Zeppenfeld als Hunding agiert eher unauffällig, aber mit beeindruckend fundiertem Bass. Zunehmend gewinnt Wotan John Lundgren stimmlich an Statur, Tanja Ariane Baumgartner als Fricka ist ihm eine gleichwertig gute Partnerin.

Mit großer Bühnenpräsenz und gesanglich ist Catherine Foster als Brünnhilde der Star des Abends. Unangestrengt und doch kraftvoll bezaubert sie mit reinem Sopran, fesselt als widerspenstige Wotanstochter und berührt tief bei ihrem Sturz.

SIEGFRIED

Schon nicht mehr überraschend ändern sich auch im „Siegfried“ wieder Ort, Zeit und Charaktere. Die Drehbühne wechselt häufig zwischen zwei Schauplätzen. Der eine ist ein bühnenraumfüllendes Felsmassiv, aus dem, wie im amerikanischen Mount Rushmore die Köpfe der Präsidenten, die der kommunistischen Leitfiguren Marx, Lenin, Stalin und Mao blicken. Der andere ist der Ostberliner Alexanderplatz der Wendezeit mit Weltzeituhr, S- und U-Bahn-Zugang, Centrum-Warenhaus, Post und Restaurant.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Vor dem Felsen betreibt Mime (Andreas Conrad) seine Schmiede in einem silbrigen Wohnwagen. Mime ist die Karikatur eines weinerlichen Kleinbürger-Intellektuellen. Vergeblich sucht er in seinen Büchern nach einer Anleitung dafür, ein Schwert zu schmieden, das sein unbändig starker Ziehsohn Siegfried nicht kaputtkriegt; dem Wanderer Wotan (Thomas J. Mayer) gegenüber weiß er die ganze Weltgeschichte zu erzählen, kennt aber nicht das, was ihm einzig nützlich wäre.

Nach dem Tod seiner Mutter Sieglinde ist Siegfried (Stefan Vinke) bei Mime zu einem impulsiven Halbstarken herangewachsen. Weder von Sitten- noch von Handwerksregeln ist er angekränkelt. So kann er mit neuer Technik Nothung zu einem Schwert von der Durchschlagskraft einer Kalaschnikow neu schmieden; mit einer solchen mäht er dann, das Publikum aufschreckend, bedenkenlos Fafner (Karl-Heinz Lehner) nieder, den zuhälterartigen Hüter des Nibelungenschatzes, den er aus dem U-Bahn-Zugang am Alexanderplatz hervorgerufen hat. Er raubt ihm den Schatz samt Tarnkappe und Ring, bevor er seinen ungeliebten Ziehvater mit dem Messer ersticht und verächtlich mit Müll überhäuft. Da zeigt ihm ein in das aufwendige Federkostüm einer Varieté-Tänzerin gekleidetes Waldvögelchen (Ana Durlovski) nicht nur den Unterschied von Mann und Frau, sondern auch den Weg zu Brünnhilde. Als ihm auf den Kommunistenköpfen Wotan entgegentritt, zerbricht er dessen Speer und beendet damit das herrschende Regel-System der Götter. Von da an geht die Macht vom Menschen aus.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nur das Orchester malt die Flammenwand, die Siegfried durchschreitet, bevor er schließlich Brünnhilde (Catherine Foster) erfolgreich aus ihrem riesigen Schlafsack wickelt. Für einen großen Moment scheinen sich in Siegfried und Brünnhilde seine reine Natur und ihre Weisheit zu voller Menschlichkeit vereinigen zu können, so viel Hoffnung war nie. Doch als sie sich beim Verlobungsmahl mit Pizza im Restaurant am Alex getrennt gegenübersitzen, bekommt diese Hoffnung einen großen Dämpfer. Während Brünnhilde eines der überall herumwackelnden Krokodile mit einem Sonnenschirm füttert, zieht Siegfried aus dem Rachen eines anderen das schon halb verspeiste Waldvögelchen. Bevor sich zwischen beiden aber wieder etwas abspielt, tritt Brünnhilde dazwischen und fordert jetzt erst den ersten Kuss, nach dem schnell der Vorhang fällt.

Das alles ist gegen jedes Mitfühlen voll trauriger, grimmiger Lustigkeit inszeniert. Die kulminiert in den von Castorf erfundenen stummen Figuren, die leitmotivisch immer wieder von Patric Seibert gespielt werden. Schon im „Rheingold“ wurde er von Alberich malträtiert, in der „Walküre“ flüchtete er als Revolutionär in einen Geflügelstall, und in der „Götterdämmerung“ wird er erst als Bedienung in einer Dönerbude slapstickmäßig mit Lebensmitteln beworfen und schließlich überfahren werden. Im „Siegfried“ ist Seibert erst der Bär, den der wilde Knabe am Halsband herbeischleppt, um damit Mime zu schrecken. Dann schafft er ölbeschmiert und unermüdlich wuselnd für ihn, ohne das Seil um den Hals je loszuwerden. Doch wenn er auf Siegfried als Befreier gehofft hatte, wird er böse enttäuscht; auch der „neue Mensch“ gibt ihm nur einen Tritt. An Seibert zeigt Castorf ohne Worte, dass er im „Ring“ eigentlich die Geschichte der enttäuschten Hoffnung auf Menschlichkeit und des Niedergangs der Arbeiterklasse erzählt.

Marek Janowski malt mit dem Festspielorchester von allem Klamauk unberührt die emotionalen Höhepunkte kräftig aus, unterstützt von einem ausgezeichneten Ensemble. Stefan Vinke ist mit seinem jungenhaft hellem Tenor ein kraftvoller, aus voller Kehle schmetternder, trotzdem nie unangenehm brüllender Siegfried. Catherine Foster glänzt auch hier als Brünnhilde, deren Sonnengruß tief berührt. Überzeugend sind auch Thomas J. Mayer als Wanderer, Albert Dohmen als Alberich und wieder die prächtige Nadine Weismmann als Erda. Viel Beifall bekam neben dem sehr verständlich singenden, auch darstellerisch beeindruckenden Andreas Conrad als Mime dieses eine Mal auch Patric Seibert. Für Marek Janowski wuchs der Beifalls-Sturm zum Orkan.

GÖTTERDÄMMERUNG

Vor einem hohen Treppenhaus, an dem in schreiendem Rot „Buna Plaste und Elaste aus Schkopau“ steht, beklagen die in Schwarz, Rot und Gold gekleideten Nornen (Wiebke Lehmkuhl, Stephanie Houzeel und Christiane Kohl) voodooartig die Schändung der Natur und den kommenden Untergang der Götterburg Walhall. Wotan schichte dort schon die Scheite der von ihm gefällten Weltesche für den großen Brand auf.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried - Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried – Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Auf der Rückseite dieses Treppenhauses gelangt Siegfried (Stefan Vinke) auf seiner Weltfahrt zu den Gibichungen. Deren Burg liegt nicht am Rhein, sondern ist eine Döner-Bude im abgewrackten Ost-Berlin der 80er Jahre. Sie wird von Gunther (Markus Eiche) betrieben, einem eitlen, bedenkenlosen Aufschneider. Leitender Kopf seines Geschäfts ist der finstere Hagen (Stephen Milling), ein Sohn Alberichs und ebenfalls auf den Gewinn des Rings erpicht. Er überredet Gunther mühelos, seine sinnenfrohe Schwester Gutrune (Allison Oakes) mit Siegfried zu verheiraten. Der soll im Gegenzug Brünnhilde als Frau für Gunther werben.

Ein Zaubertrank Gutrunes und ihre sexuelle Verfügbarkeit lassen Siegfried seine Vergangenheit sofort vergessen. Eindringlich und propagandistisch wirkungsvoll auf Video übertragen, werden er und Gunther Blutsbrüder; Hagen hält sich zurück.

Derweil wartet Brünnhilde im silbernen Wohnwagen auf die Wiederkehr Siegfrieds. Die Bitte der silberglänzenden, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Walküre Waltraute (Marina Prudenskaya), den ihr von Siegfried als Unterpfand seiner Treue geschenkten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben, schlägt sie aus. Ihn entreißt ihr Siegfried, als er sie, unter der Tarnkappe wie Gunther aussehend, überwindet und so zu dessen Braut gewinnt. Die Tarnkappe trägt ihn dann schnell zu Hagen zurück, um die Doppelhochzeit zu arrangieren. Gunther kommt mit der betrogenen Brünnhilde langsam nach.

Es ist eine tolle Szene, als Hagen die Bevölkerung zusammenruft, um die Ankunft des Paares zu feiern. Er veranstaltett ein Volksfest mit Fähnchenschwenken und Freibier, Schlägerei und Protest gegen Krise und Hunger – mit Sicherheit als Mahnung an alle gedacht, die froh im Festsaal sich freun -, wobei der Herrenchor angsteinflößend gesangliche Wucht entfaltet. Hagen, den Alberich (Stephen Milling) noch einmal auf das gemeinsame Ziel der Weltherrschaft verpflichtet hat, braucht die Menge als Zeugen für den Betrug an Brünnhilde. Der soll ihm die Rechtfertigung dafür verschaffen, Siegfried zu töten und so in den Besitz des Rings zu gelangen.

Der Plan geht auf, Brünnhilde erkennt an Siegfrieds Finger den Ring und bezichtigt ihn und Gunther öffentlich des Betruges, sie sei nicht Gunthers, sondern Siegfrieds Gemahlin; der beschwört das Gegenteil. Hagen, der sich als ihren loyaler Rächer aufspielt, entlockt ihr das Geheimnis von Siegfrieds Verwundbarkeit, und mit dem bloßgestellten Gunther besiegeln sie Siegfrieds Tod, den sie als Jagdunfall hinstellen wollen.

Im offenen Cabrio erwarten die Rheintöchter (Stephanie Houzeel, Wiebke Lehmkuhl und Alexandra Steiner) verführerisch den jagenden Siegfried. Der kennt den Wert des Ringes nicht und hätte ihn fast hergegeben, hätten sie ihm nicht mit der Prophezeiung seines Endes Angst einflößen wollen. So bedient er sich ohne Gegenleistung sexuell an ihnen, bevor er von Hagen brutal erschlagen wird wie kurz darauf auch der reuige Gunther. Aber bevor Hagen den Ring an sich nehmen kann, kommt voller trauernder Würde Brünnhilde, der Siegfrieds letzter Gruß im Sterben galt, die Treppen herunter. Sie nimmt vor der aufgescheuchten Gutrune den Ring an sich und gibt ihn schließlich den Rheintöchtern zurück. Aber der Weltenbrand bleibt aus. Zu Siegfrieds Trauermarsch sieht man als Video Hagens Leiche auf einem Floß im Wasser treiben. Die Jagd nach der Weltherrschaft um Öl, die sich als leitender Gedanke durch den ganzen „Ring“ zog, ist zu Ende. Aber er wird sich auf ein anderes Ziel richten; ein bis dahin wie von Christo verhangenes Gebäude enthüllt sich als Börse von New York, es regiert nun das Finanzkapital. Somit wieder beim Geld angekommen, fragt sich schon, ob der aufwendige Umweg über die Öl-Erzählung wirklich aktuell erhellender war.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Szenisch wie musikalisch ist diese „Götterdämmerung“ der Höhepunkt des „Rings“. Das vollblütige Theater und die breit strömende Musik kommen sich kaum mehr in die Quere, große Irritationen bleiben aus.

Die gesanglichen Leistungen sind enorm. Wieder begeistert Catherine Foster als Brünnhilde, wieder bleibt Stefan Vinke als Siegfried kraftvoll bis zum Ende, und Stephen Milling ist ein ungemein stimmgewaltiger Hagen von abgrundtiefer Bosheit. Markus Eiche ist mit variablem Bariton und ausgelassener Spielfreude ein beeindruckender Gunther.

Die Waltraute Marina Prudenskaya, die stimmschönen Nornen und Rheintöchter sowie der von Eberhard Friedrich prächtig einstudierte Chor vervollkommnen das gelungene Bild. Ihnen allen galt der orkanartige, lang andauernde Schlussapplaus, der sich für das ausgezeichnete Bayreuther Festspielorchester und besonders seinen Dirigenten Marek Janowski noch einmal steigerte. Es waren keine Buhs zu hören; das Publikum hat im Verlauf des „Rings“ gelernt, die Regie-Einfälle Castorfs hinzunehmen und sich an ihnen zu erfreuen, ohne großen Drang, sie alle zu verstehen. Man kann das als „Versöhnung“ bezeichnen.

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Bayreuther Festspiele 2018:  Entgegen aller Festspieltradition wird es 2018 noch drei Aufführungen der Castorf – „Walküre“ geben, deren musikalische Leitung Placido Domingo übernehmen soll. Damit wird erstmals in Bayreuth ein einzelner Abend aus dem „Ring“ herausgebrochen.

 

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Rheingold – Gieriges Gauner Gezücht, IOCO Kritik, 06.07.2017

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

RHEINGOLD von Richard Wagner

 „Gieriges Gauner Gezücht“

Götter, Riesen und Zwerge verschulden das Drama vom Ring des Nibelungen

Von Albrecht Schneider

 O je, o je, was ist unsere Erde doch für ein Jammertal. Immer aufs Neue müssen wir das erfahren, und dabei piesackt uns das Gedächtnis, in dem sie als ein leidlich vergnüglicher Aufenthaltsort archiviert wurde. Und eine erhebliche Zahl von den solchermaßen Gepiesackten schreit deswegen, die Politik oder gar die Theologie hafte für ein schleuniges Comeback der vergangenen guten Tage. Die identische Klage über die derzeit elenden Zustände zieht sich freilich durch die Jahrhunderte, sehnte sich doch bereits die Antike zurück in das Goldene Zeitalter, in dem unter anderem Niemand Niemanden abgemurkst oder ihm den Goldschatz gestohlen haben sollte.

Rheinoper Duesseldorf / Rheingold_VORNE Norbert Ernst als Loge_Sylvia Hamvasi als Freia_ Simon Neal als Wotan © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Rheingold- VORNE Norbert Ernst als Loge, Sylvia Hamvasi als Freia, Simon Neal als Wotan © Hans Jörg Michel

Allerdings scheint es sich bei dem Goldenen Zeitalter und bei unserer Erinnerung gleichermaßen um einen Betrug zu handeln. Denn wie uns Wagners RHEINGOLD klarmacht, ist beinahe vom Weltanfang an bereits ein reichlich schamloses Personal auf Himmelshöhe, unter Wasser und tief in der Erde zugange. Häufig beträgt es sich keineswegs standesgemäß, bricht vielmehr Regeln und Verträge, es stiehlt, betrügt, hurt und mordet. Auch hieraus lässt sich letzten Endes schließen, dass die guten alten Zeiten nicht anders zu betrachten sind als eine Verklärung von ehemals genauso schlechten, und Ähnliches dürfte denen von heute und wahrscheinlich von morgen passieren.

Diejenigen, denen dergleichen Anschauung der Welt zu pessimistisch zu sein dünkt, werden alsbald eines besseren belehrt sollten sie im Düsseldorfer Opernhaus den ersten Abend der Tetralogie, das RHEINGOLD als die Exposition des Geschehens um den ominösen Ring, mit einem Besuch beehren.

Rheinoper Duesseldorf / Rheingold_Die Rheintoechter mit Ramona Zaharia als Floßhilde_ Maria Kataeva als Wellgunde_ Anke Krabbe als Woglinde © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Rheingold – Die Rheintoechter mit Ramona Zaharia als Floßhilde, Maria Kataeva als Wellgunde, Anke Krabbe als Woglinde © Hans Jörg Michel

Der erstreckt sich über zweieinhalb Stunden, während derer die Regie keine neue Deutung dieses vielschichtigen musikalischen Epos’ intendiert. Es geht ihr lediglich um eine neue Bebilderung. Die Antihelden des fatalen Stückes sind diesmal im Fin des siécle unterwegs. Sie konspirieren in einem billigbunt illuminierten Tingeltangel, wohinein, flankiert von den Bodyguards Froh und Donner, Herr Wotan von Gattin Fricka im Rollstuhl geschoben wird, und wo die drei Rheintöchter in Cancantänzerinnenroben im Dienst des Goldes wie zudem der Liebe stehen.

Um ihnen möglichst nahe zu kommen, hatte Alberich zuvor keine Verrenkung gescheut. Vergeblich. Nach dieser peinlichen Abfuhr besann er sich auf die Verheißung der drei Kokotten, dass derjenige das Metall zum Schmieden des die Weltmacht garantierenden Reifs gewönne, der den Liebesfreuden und der Liebe überhaupt abschwöre. Kurzerhand verfluchte der geile Fürst der Tiefe entsprechende Gefühle wie Triebe, schnappte sich das Aufsichtsgut und tauchte ein in den Hintergrund.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - Michael Kraus als Alberich, Statisterie © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – Michael Kraus als Alberich, Statisterie © Hans Jörg Michel

Der ihn ablösende Götterclan steckt in abgetragener Konfektion genauso wie in Schwierigkeiten. Die Zahlung für den von den zwei Riesen Fasolt und Fafner erstellten Neubau Walhall steht an, wobei Wotan und das Riesenpaar die Göttin Freia als Honorar vereinbart hatten. Die ist aber als Obstgärtnerin der lebenspendenden Äpfel für den Clan unverzichtbar. Wenn jetzt mit Hilfe des listenreichen Feuerhalbgottes Loge der Clanchef unter Missachtung der von ihm gegebenen Gesetze und mittels Vertragsbrüchen den beiden Bauarbeitern, in zünftiger schwarzer Zimmermannskluft sich zeigend, den ausbedungenen Lohn vorenthält, deshalb hernach selber zum Räuber an dem Räuber Alberich wird, ihn entführt und die Hand abhackt, um das die Weltherrschaft verbürgende Schmuckstück zu kriegen, worauf der Ausgeraubte dem jeweiligen Träger gewissermaßen die Pest an den Hals wünscht, Wotan wiederum, um Freia freizukaufen, den ganzen Schatz samt Reif, womit er die Macht sofort wieder loswird, den Riesen überlassen muss, und von denen einer aus Raffgier den anderen postwendend totschlägt, dann ist das Drama in Gang gesetzt und nimmt seinen Lauf. Das Ende des Götterregiments ist unabwendbar.

Mit derart zwielichtigen Gestalten hingegen und in einem solch zwielichtigen Milieu verliert die Inszenierung an Glaubwürdigkeit. Waltet doch zunächst im Rheingold eine halbwegs intakte Götterschar von Reputation – will heißen: eine gewissermaßen mythologisierte Großbourgeoisie des 19. Jahrhunderts –, die allerdings infolge unsauberer Geschäfte ihr Ansehen einzubüßen sich anschickt. Kaum anders als heute korrumpieren Geld, Macht und Sex. Und einstmals wie heute lässt der Blick nach oben staunen, wo eine gern moralisierende, herrschaftshungrige Elite nach einer Potenzierung dieser Trias lechzt und sich hiermit selbst demontiert.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan © Hans Jörg Michel

Dass aber auf hiesiger Szene keine anfangs auftrumpfende Götterwelt, deren Herrlichkeit nach und nach ausbleicht, erscheint, dass vielmehr eher deren Parodien, nämlich lauter abgewirtschaftete Götter- Riesen- und Gnomenfiguren, „Dinger drehen“ wollen, ja sogar müssen, um heil davonzukommen und ein bisschen Spaß zu haben, das bekunden deren Umgebung, deren Äußeres und ihr Gehabe. Diese Ganovenfraktion demoliert sich nicht durch Verrat und Gesetzesbrüche, sondern weil sie längst demoliert ist, sieht sie sich zwecks Existenzrettung zu derlei kriminellen Taten genötigt.

Das Orchester der Rheinoper hingegen weist niemals ein Defizit an Logik auf, es schert sich nicht um Profile und Prospekte, dafür reflektiert es die Gefühle und Absichten, alle Nöte und Zwänge seiner Protagonisten oben auf der Bühne. GMD Axel Kober flicht mit seinen Musikern grandios das Netzwerk der Motive und melodischen Elemente, das ständig dichter und wissender werdend sich über die ganze Tetralogie legt und das vielgestaltige epische Gedicht zusammenbindet. Die neue Prächtigkeit Walhalls zelebrieren die Bläser mit Pathos, martialisch dröhnend beschwören sie die Gefahren der Höllenfahrt Wotans und Loges ins Erdinnere zu Alberichs und seines Bruders Mime Proletarierbergwerk, wie auf den flimmernden und flirrenden Streicherstimmen der Feuergeist Loge herbeiflattert. Furiose und milde, raunende und schneidende Klänge leisten eine genuine Rheingoldmusik, ein musikalisches Fest, zu dem die Sänger ausnahmslos beitragen: der Wotan Simon Neals, Michael KrausAlberich, Norbert Ernst als Loge, die Damen Renée Morlock und Sylvia Hamvasi maulen und jammern als Fricka und Freia, und nicht zuletzt geizen die drei lasziven Rheintöchter, Anke Krabbe, Maria Kataeva und Ramona Zaharia, weder mit wohlklingenden noch weiblichen Reizen.

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold - Cornel Frey als Mime, Michael Kraus als Alberich © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Das Rheingold – Cornel Frey als Mime, Michael Kraus als Alberich © Hans Jörg Michel

Noch einmal sind die Götter alias Ganoven davongekommen, ihre welkenden Leiber scheinen aufzublühen, da ihnen dank des Schlaumeiers Loge die Vitalquelle Freia erhalten bleibt. Ohne sie und mit dem Schmuckstück am Finger schiebt der Brudermörder Fafner seine Kipplore voller Gold zur Tür hinaus, die Burg Walhall wird wohl besenrein übergeben werden. Vor dem zum Einmarsch bereiten Clan steigt jählings die allwissende Urmutter Erda aus der Tiefe des Bühnenbodens und warnt vor dem Besitz des fluchbehafteten, unheilvollen Kleinods. Aber Wotan, der an diesem Abend nicht traurige, eher schäbige Gott, bedankt sich, indem er der weisen Frau die Perücke wegnimmt und behält. Ein eigentümliches Souvenir. Alles Mögliche wird er tun, um den Ring zurückzugewinnen, obschon er eigentlich sich eher um die eigene armselige Existenz und die seiner Entourage sorgen sollte. Wie auch immer, das Drama lässt sich nicht mehr aufhalten, und wenn Erda singt: „Alles was ist, endet“, stellt sich die Frage: „Wie wird es enden?“ Eine Antwort liefert im Januar 2018 der zweite Abend: Die Walküre.

Dem außerordentlichem Beifall ließ sich entnehmen, dass dem Publikum die Aufführung zugesagt hatte. Kein Buh ließ sich hören. Unser lautes Bravo galt den Musikanten insgesamt, ein lautlos leichtes Kopfschütteln galt der der Inszenierung Dietrich W. Hilsdorfs und der Bühne Dieter Richters.

Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, dass mit dem Beginn des Rheingolds um 19.30 Uhr, dem Verlöschen der Lampen in des Opernhauses Halbrund und vor dem ersten Orchesterton, Halbgott Loge in kariertem, dunkelrotem (Feuer!) Beinkleid auf die von kirmesbunten Lichtern eingerahmte offene Bühne tritt, ein Gläschen, vermutlich Rheinwein, zwitschert und: >Ich weiß nicht, was soll es bedeuten< ins Publikum raunt. Ob letzteres deswegen in tiefes Nachsinnen versinken soll, oder sich andererseits vergackeiert fühlen muss, weil öfters bei zeitgeistgetränkten Inszenierungen nicht zu ergründen ist, was das Ganze bedeutet, diese Frage bleibt offen.

Eine in der Landeshauptstadt gewichtige rezensierende Feder indessen deutet die kleine Szene höchst frappant: da Loge beim Deklamieren der der berühmten Gedichtzeile das Wörtchen ES besonders akzentuiert habe, sei damit auf die Note Es, die das Vorspiel intoniere, Bezug genommen worden. Hut ab vor einen dermaßen scharfsinnigen musikalischen Kopf.

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