Salzburg, Salzburger Festspiele, Ariodante – Cecilia Bartoli in Hosenrolle, IOCO Kritik, 05.09.2017

September 5, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Salzburger Festspiele

salzbuerger_festspiele.gif

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburg / Haus für Mozart © Salzburger Festspiele -Andreas Kolarik

Salzburger Festspiele

Ariodante von Georg Friedrich Händel

 Der Spannungsbogen des Barock – Cecilia Bartoli in erster Hosenrolle

Von Daniela Zimmermann

Die Oper Ariodante ist in Salzburg besonders populär: Durch Weltstar Cecilia Bartoli, welche die Salzburger Pfingstfestspiele seit 2012 erfolgreich leitet und dort mit  starker Bühnenpräsenz und großartigem Mezzosopran in großen Partien gefeiert wird. So auch 2017, als sie die 1734 uraufgeführte Barockoper  Ariodante von Georg Friedrich Händel bei ihren Salzburger Pfingstfestspielen auf den Spielplan setzte und darin die Partie der Ariodante übernahm; erstmals in ihrer großen Karriere, eine Hosenrolle. So erfolgreich war diese Inszenierung, daß sie auch in die Salzburger Sommerfestspiele 2017  übernommen wurde.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecialia Bartoli als Ariodante, noch in Ritterrüstung © Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecialia Bartoli als Ariodante, noch in Ritterrüstung © Monika Rittershaus

Cecilia Bartoli hatte den Salzburg-erfahrenen Christof Loy als Regisseur für diese Barockoper gewonnen. Der Facettenreichtum von Ariodante hatte Loy schon viele Jahre gereizt; das „shakesperianische“ der Atmosphäre, welcher zwischen den Akten so radikal wechselt, oder die verschiedenen Spielarten von Erotik, welche die Oper zeichnen. Doch besonders hatten Loy die klassischen Rollenmuster des Mittelalters angesprochen: Der stolze Ritter, die dekorative aber verleumdete Jungfrau und das auflösende Gottesurteil. In der Salzburger Loy – Inszenierung wandelt sich Ariodante vom harten Krieger zu einem fragilen, transparenten, angreifbaren, „fast femininen“  Menschen; und leitet, so Loy, mit Cecilia Bartoli in der Hosenrolle, „auf eine andere Erzählweise hin,…. als ein Countertenor“,  es in dieser Partie könnte.

Salzburger Festspiele / Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Salzburger Festspiele / Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Mit viel Feinsinn erfasst Loy die einzelnen Charaktere, choreographiert sie liebevoll, mit Humor und Ironie. Die Inszenierung spannt einen Bogen von der Barockzeit zum Jetzt, der Gegenwart. Das zeigt sich in den Kostümen, in der Ritterrüstung des Ariodante, den historischen Kleidern des Balletts, in Businesskleidung. Transformation, Neuorientierung, Identitätssuche sind der Fokus, welchen in Salzburgs Ariodante Inszenierung verspüren läßt, herausgestellt. So werden auch die Balletteinlagen zum wesentlichen Element dieser Inszenierung. Barock, Gegenwart und Träume verfließen in Gesang und Tanz elegant wie packend ineinander (Choreografie Andreas Heise). Johannes Leiacker gestaltete die relativ schlichte Bühne. Ein hoher Barocker Raum mit vielen Türen, der sich nach hinten öffnet. Mal steht das Ensemble  vor der Brandmauer oder im idyllischen Arkadenparadies.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecialia Bartoli als Ariodante, nun in bodenlangem Kleid und Kathryn Lewek als Ginevra © Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecialia Bartoli als Ariodante, nun in bodenlangem Kleid und Kathryn Lewek als Ginevra © Monika Rittershaus

Die Handlung handelt von großer Liebe, verschmähtem  Widersacher, Intrigen, von Konventionen. Ganz Barock, es siegt die Liebe. Das junge Paar Ariodante und Ginevra sind glücklich verliebt, mit Einwilligung des Königs von Schottland. Doch Polinesso, Herzog von Albany,  will Ginevra und auf den Königsthron. Da beides hoffnungslos ist, schmiedet er eine Intrige: Mit der ihm in Liebe verfallenen Kammerzofe Dalinda täuscht er Ariodante, indem er  Ginevras Untreue behauptet. Ariodante stürzt sich von Schottlands Klippen, wird aber gerettet; Ginevra verfällt darüber in tiefe Depression und Ungnade. Die getäuschte Dalinda gesteht den schändlichen Betrug, Polinesso wird im Duell getötet und das Fest der Freude nimmt mit Ariodante und Ginevra seinen glücklichen Lauf.

Das Sängerensemble ist in seiner Gesamtheit blendend disponiert; stimmlich wie darstellerisch. Doch Cecilia Bartoli als Ariodante dominiert. Mit hinreißender Bühnenpräsenz, zunächst in Ritterrüstung später mit Bart in bodenlangem Kleid, beherrscht sie die Bühne; mit wohltimbriertem und koloraturen-sicherem Mezzosopran überwältigt sie die Besucher. In ihrer anspruchsvollen, mit  Koloraturen gespickten Arie „Con l’ali di costanza“  zeigt Cecilia Bartoli den lyrischen Glanz und die bruchlose Größe ihrer Stimme. Einer kleine Slapstick zum Ende rundet ihre Partie amüsant ab. Ihre Verwandlungen im Verlauf der Oper, vom  Ritter, der voller Freude seine Verlobung bejubelt, zum herzzerreißenden Lamento über verlorene Liebe, Eifersucht, Rache-gedanken, dann die Verwandlung vom Ritter zum bärtigen Mann in Frauenkleidung, eine Art „Concita Wurst – Look“, um so zurück in die Arme seiner Ginevras zu finden: Der changierende Regieansatz von Christof Loy, Ariodante als Hosenrolle zu inszenieren, wird von Cecilia Bartoli überwältigend umgesetzt.

Die junge amerikanische Sängerin Kathryn Lewek besetzt ihre Partie als Ginevra  mit  wunderbarem Sopran und starker darstellerischer Ausstrahlungskraft.  Lewek gibt jeder Szene sicht- wie hörbaren Ausdruck: Glücklich strahlt sie, sanft singt sie als verliebte Prinzessin, mitfühlend begleitet sie ihren Vater umgeht, ihre Unschuldsbeteuerung, ihre Verlorenheit, all das ist so gefühlvoll gesungen,gespielt. Es berührt. Lewek spielt mit ihrer Stimme und führt sie in die höchsten Höhen des Soprans. Verzaubert haben aber  auch ihre Piani, gesungen mit wunderbarer Zartheit. Sandrine Piau, als Dalinda, vom Polinesso zum Betrug verführt, spielt diese Charakterrolle  glaubwürdig gut und  interpretiert sie mit einer reichen, ausdrucksvollen Sopranstimme. Countertenor Christoph Dumaux ist ein überzeugender Polinesso, der leibhafte Bösewicht. Er  beherrscht seine Partie als intriganter Verführer, sowohl schauspielerisch als auch gesanglich mit kraftvollem Timbre. Nathan Berg sang mit schöner Bassstimme den König. Rolando Villazon als Lurcanio füllte seine Partie wie oft darstellerisch gut aus. Seine Höhen ließen allerdings zu wünschen übrig; doch das Publikum liebt Villazon und feierte ihn. Der Salzburger Bachchor ergänzte gesanglich als auch als Darsteller diesen Opernabend.

Salzburger Festspiele / Ariodante - Cecilia Bartoli und Ensemble © Marco Borrelli

Salzburger Festspiele / Ariodante – Cecilia Bartoli und Ensemble © Marco Borrelli

Les Musiciens du prince, ein Barockensemble aus Monaco, schufen auf historischen Instrumenten unter Gianluca Capuano, der auch das Cembalo spielte einen ergreifend barocken Klang der Händelschen Zeit. Das Orchester wurde im Frühjahr 2016 in Monaco, mit der Unterstützung der Fürstenfamilie und auf Initiative von Cecilia Bartoli gegründet. In diesem Orchester vereint Bartoli die besten auf alten Instrumenten spielenden Musiker, die sie  kennt.

Händel, seine Ariodante, der Barock wurden im Salzburger Festspielsommer 2017 mit starken Stimmen, einer überragenden Cecilia Bartoli lebhaft bejubelt und gefeiert.

 

Bregenz, Festspielhaus, Moses in Ägypten von Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 29.07.2017

bregenzer_festspiele_logo

Bregenzer Festspiele

Festspielhaus Bregenz / Plakatmotiv Moses in Aegypten © Moodley

Festspielhaus Bregenz / Plakatmotiv Moses in Aegypten © Moodley

Der Auszug aus Ägypten – Und das Meer teilte sich…

Moses in Ägypten von Gioacchino Rossini

Von Daniela Zimmermann

1818 wurde Gioacchino Rossinis Oper  Mosè in Egitto (Moses in Ägypten)  im Teatro San Carlo in Neapel, dem berühmtesten Theater der Zeit, uraufgeführt; während des Fastenmonats. Da Vergnügliches in der Fastenzeit verboten war bezeichnete Rossini sein Werk als Oratorium; Stücke mit biblischem Inhalt waren erlaubt. Mosè in Egitto wurde damals nur selten  aufgeführt. Die Schwierigkeiten, sieben Plagen und die Teilung des Roten Meeres auf der Bühne darzustellen, machten die Oper für Regisseure wenig attraktiv. Schon Rossini war von den Bühneneffekten der Uraufführung enttäuscht. Die Bregenzer Festspiele brachten nun in Kooperation mit der Oper Köln mit technisch filigraner Innovation besonderes auf die Bühne des Festspielhaus Bregenz.

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Der Auszug der Israeliten aus Ägypten wird im 2. Buch Mose des Alten Testament der Bibel ausführlich beschrieben: Die zehn Plagen, die Teilung des Roten Meeres, durch welche den Hebräern die Flucht aus Ägypten gelingt während die folgende Flutung des Meeres den verfolgenden Ägyptern den Tod bringt. Rossinis Librettist Andrea L.Tottola hat dieses Oratorium mit einem Liebeskonflikt bereichert: Osiride, Sohn des Faraone, liebt Elcia, eine Hebräerin. So beschwört Osiride seinen Vater Faraone die Hebräer nicht fortziehen zu lassen….

Festspiele Bregenz / Moses in Aegypten mit spannenden Projektionen von HOTEL MODERN © Karl Forster

Festspiele Bregenz / Moses in Aegypten mit spannenden Projektionen von HOTEL MODERN © Karl Forster

Regisseurin Lotte de Beer inszeniert Rossinis Moses in Ägypten in Zusammenarbeit in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Theaterkollektiv  Hotel Modern. Lotte de Beer grübelte: “Wie teile ich das Rote Meer? Wie behandle ich die Gottesvorstellung? Nehme ich sie ernst und akzeptiere die göttlichen Elemente..?“ In Zusammenarbeit Hotel Modern, bekannt durch für die Bühne gefilmte und projizierter winzige Puppen und Objekte, entwickelt Lotte de Beer ihr Szenarium: Mehrere hundert winziger Puppen werden erstellt. Die Skelette meist aus Kupferdraht, Kleidung aus Papier, Haare aus Wolle oder Federn; dazu werden Waffen, Fahrzeuge, Instrumente, Gebäude, Strassen nachgebildet; „Niemals perfekt, sondern stets in universeller Einfachheit“, so Lotte de Beer. Gemeinsam mit den Solist/innen und Chor wird dann im Festspielhaus Bregenz eine faszinierendste Geschichte des Alten Testaments nachgestellt, das damalige Schicksal Tausender plastisch sichtbar erzählt. Hunderte kleinster Puppen bewegen sich  simultan auf kleinen Tischen der Bühne und groß auf die hintere Bühne projiziert; man erlebt die Plagen emotional ergreifend: Riesige Insekten, die Verdunklung, die Zerstörung der Städte durch Feuer und Blitz und, höchst  spannend, die Teilung des Roten Meeres, der Exodus der Hebräer  und die anschließende Flut, tödlich für die verfolgenden Ägypter.

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Das Team Hotel Modern ist in das Bühnengeschehen stets aktiv einbezogen. Sänger und Sängerinnen, in auffallend schlicht gehalten Kostümen, werden auch des Öfteren zurecht gerückt oder gestellt, wie Puppen. Hotel Modern arrangiert, betrachtet und ist beständig mit der Choreographie ihrer Kunstfiguren beschäftigt.  Dabei beherrscht eine riesige Kugel mit ägyptischer Wüstenlandschaft die Bühne. Gleichzeitig dient diese Kugel als Projektionsfläche für das grandiose Puppenspiel.

Die großartigen Wiener Symphoniker unter Enrique Mazzola, spielen Gioacchino Rossini wie immer  wie er meist ist, direkt, fröhlich. Selbst größtes Unheil kann Rossinis immer lebensfroher Lebenseinstellung wie seinen Kompositionen nichts anhaben: Lebendig, positiv, italienisch. So ist den Moses in Ägypten nicht wirklich ein Oratorium sondern eine Semi-Oper. Leidenschaftlich lieben sich Orsiride, Sunnyboy Dladla  und Elcia, Clarissa Constanzo. Dlada singt mit höhensicheren lyrischen Tenor und Clarissa Constanzo mit gefühlvoll ausdrucksstarkem Sopran, auch ihre Koloraturen sind sanft geformt. Die großen Gegenspieler sind  der Faraone, Andrew Forster Williams und Moses Goran Juric, beide stark in der Darstellung und mit wunderbaren Stimmen. Moses, eine wuchtige Erscheinung  mit seiner kräftigen Bassstimme mal drohend, dann wieder wütend und auch sanft, kämpft er gegen den Faraone, der sich sehr souverän gut zu behaupten weiß. Gesanglich und spielerisch sehr gut auch seine Gemahlin Amaltea, von  Mandy Fredrich überzeugend dargestellt.

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Festspiele Bregenz / Moses in Ägypten © Karl Forster

Lotte de Beer und HOTEL MODERN  bringen in Bregenz Moses in Ägypten ungewöhnlich, weil tiefgründig und technisch höchst komplex.. Die emotional ergreifende Darstellung des Auszugs der Hebräer aus Ägypten mit zahllosen Kunstfiguren, packenden Projektionen und einem starkem Ensemble im Festspielhaus Bregenz war technisch filigran hat wohl kaum einen Besucher unberührt gelassen.

Ein Wermutstropfen: Die auffällige Produktion Moses in Ägypten ist 2017 in Bregenz nicht mehr zu sehen. Ab 13. April 2018 wird diese Moses in Ägypten – Inszenierung  durch die Oper Köln im StaatenHaus Köln gespielt.

Oper Köln – Bregenzer Festspiele:  Karten Hier :
Karten Kaufen

Bregenz, Festspiele 2017, Carmen – Im Bann von Karten und Symbolen, IOCO Kritik, 01.08.2017

August 1, 2017 by  
Filed under Bregenzer Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

bregenzer_festspiele_logo

Bregenzer Festspiele

Bregenzer Festspiele / Carmen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bregenzer Festspiele / Carmen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bregenz: Im Bann von Karten und Symbolen

Carmen von George Bizet

Von Daniela Zimmermann

Der prüfende Blick zum Himmel gehört dazu. Ausgerechnet an diesem Tag musste das Wetter nach all der vorangegangenen Hitze umschlagen; graue Wolken und Kühle. Aber wir, all die 7000 Zuschauer auf der ausverkauften Festspieltribüne am See, hatten Glück. Es blieb bei Wolken, es regnete nicht, das Event nahm seinen Lauf.

Der aus Dänemark stammende Regisseur Casper Holten bringt seine Carmen Inszenierung  in zwei  Stunden, ohne Pause. Holten und seine englische Bühnenbildnerin Es Devlin sind eingespielt. Das spektakuläres Bühnenbild von Es Devlin dominiert das Geschehen auf die Seebühne: Zwei riesige, 21 Meter hohe Hände links und rechts der Bühne, eine Hand mit glimmender Zigarette. Die Hände sind wirken etwas ungepflegt, der Nagellack blättert leicht ab. Überdimensionierte Spielkarten schweben zwischen den Händen in der Luft, verteilen sich auf dem Boden, bewegen sich beständig zur Komposition passend. Diesen Karten haucht Luke Halls mit faszinierenden, in Ausdruck und Farben beständig wechselnden Videoprojektionen die in Bizets´ Komposition gegebene Symbolik ein. Diese Karten, sich drehend, als beständig changierende Projektionsfläche wie als Lauffläche dienend und letztlich auch teilweise  im Bodensee versinkend, werden zum zentralen wie auffälligen  Element der  Carmen – Inszenierung der Bregenzer Festspiele 2017.

Bregenzer Festspiele / Carmen - Carmen, Solisten und Ensemble © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bregenzer Festspiele / Carmen – Carmen, Solisten und Ensemble © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Die Videoprojektionen Luke Halls beschreiben das Schicksal der  Protagonisten auf der Bühne: Die Herzdame leuchtet für die kartengläubige Zigeunerin und Schmugglerin  Carmen auf, der Karo Bube für Don José, das schwarze Pik As für Escamillo. Rote aufgedeckte Karten unterstreichen die quirlige Atmosphäre in der Schmugglerkneipe. Bei den Schmugglern verfließt das Schwarz der Karten in letztendlich trübe werdende Andalusische Postkarten. Gelegentlich werden auch Carmen  oder Micaela singend in Großaufnahme auf eine der Karte projiziert. Auf der optisch ohnehin so ansprechenden Seebühne Bregenz mag man Augenschmaus, mitreißende Optik: Die vielfältigen Videoprojektionen auf übergroße Spielkarten sind das höchst gelungenes Medium dieser Inszenierung.

Auch leidet die Seebühne nicht unter den räumlichen Beschränkungen eines Opernhauses, es können zusätzliche Register gezogen werden: Der Bodensee, das Element Wasser, wird in die Inszenierung einbezogen. Spielkarten versinken letztlich auch im Wasser, Escamillo entsteigt einem Boot, Carmen – auf der Flucht – springt ins Wasser und schwimmt von dannen, Schmugglerware wird leise per Boot verfrachtet, wunderbar choreographierte Ballettszenen in knöcheltiefem Wasser werden bei eindrucksvoller Beleuchtung (Bruno Poet) und pinkfarbenen Karten getanzt.

Bregenzer Festspiele / Carmen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bregenzer Festspiele / Carmen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Carmen ist eine selbstbewusste, starke Frau, freiheitsliebend und im jetzt lebend. Für konventionelles Leben nicht geschaffen. Deshalb war die Uraufführung 1875, wo konventionelles Gedankengut noch vorherrschend war, nicht gerade der große Erfolg. Heute garantiert Carmen, eine der weltweit am häufigsten aufgeführten Opern, hohes Zuschauerinteresse. Der Inhalt handelt, wie bei so vielen Opern, von leidenschaftlicher Liebe und Tod bringende Eifersucht: Carmen verliebt sich in Sergeant Don José, der, ihr verfallen, seine Karriere opfert, in seinen Untergang steuert. Die Don José liebende liebende Micaela kann dessen Herz nicht mehr erreichen, während Carmen, ihre Freiheit lebend, sich in den Torero Escamillo verliebt. Der emotional überforderte und verzweifelte Don José tötet die spottende Carmen. In diesen Bregenzer Festspielen ertränkt er Carmen im Bodensee.

Alle Carmen Rollen der Bregenzer Festspiele sind bis zu dreifach besetzt. Zur von IOCO besuchten Vorstellung füllte die ukrainische Sängerin Lena Belkina in ihrem  Debut die große Partie der Carmen mit warm vollen Mezzo mühelos aus. Ebenso stark stellt Melissa Petit die Partie der Micaela, dem einfachen Mädchen vom Dorf, dar. Ihre Partie singt sie mit wunderbar lyrischem Timbre, klar, innig, sanft. Hinreißend ihr Gebet aus 20 Metern luftiger Höhe, auf der Spitze des Spielkarten-Schmugglergebirges.  Gegen diese starken Sängerfrauen Carmen und Micaela behauptet sich Martin Muchle  in seiner zwiespältigen Partie des Don José, rechtschaffend als Sergeant – unberechenbar als der Carmen verfallener, nur schwer. Der Escamillio-erfahrene Litauer Kostas Smoriginas gibt der zentralen Partie mit stattlicher Erscheinung und breitem, rundem Bassbariton den tragenden zentralen Charakter. Auch die weiteren Partien des Abends waren hervorragend besetzt.

Bregenzer Festspiele / Carmen - Carmen und die Arbeiterinnen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Bregenzer Festspiele / Carmen – Carmen und die Arbeiterinnen © Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Die Wiener Symphoniker unter Paolo Carignani spielen mit hoher musikalischer Transparenz und Präzision; Ebenso der Prager Festspielchor und der Bregenzer Festspielchor und der Kinderchor der  Mittelschule Bregenz–Stadt runden das Klangvergnügen am Bodensee ab.

Carmen auf der einmaligen Seebühne Bregenz mit weitem Blick über den Bodensee ist ein großes Event, dominiert von einem spektakulären wie technisch facettenreichem Bühnenbild, packenden Video-Projektionen und faszinierenden Ballettszenen. Wenn auch die riesig dominante Bühnenbildoptik mit ihren technisch ausgeklügelten Facetten  den emotionalen Zugang des Besuchers zum sensiblen Charakter der Handlung wie zur Komposition ein wenig zu behindern scheint: Der Beifall der 7.000 Besucher auf der Seebühne Bregenz war eindeutig. Große Begeisterung für dies Carmen – Event!

Bregenzer Festspiele / Carmen - Bodensee und Carmen Bühnenbild bei Tag und ohne Projektionen © IOCO / Zimmermann

Bregenzer Festspiele / Carmen – Bodensee und Carmen Bühnenbild bei Tag und ohne Projektionen © IOCO / Zimmermann

Bregenzer Festspiele – Carmen von George Bizet wird auf der Seebühne Bregenz  bis zum 20. August 2017 aufgeführt.

Bregenzer Festspiele – Alle Karten Hier :
Karten Kaufen

 

München, Gasteig, Das Jalisco Philharmonic Orchester – Mexiko, IOCO Kritik, 23.05.2017

Mai 23, 2017 by  
Filed under Konzert, Kritiken, Philharmonie im Gasteig

München / Jalisco Philharmonic Orchestra © Marco Ayala

München / Jalisco Philharmonic Orchestra © Marco Ayala

Philharmonie im Gasteig

Das Jalisco Philharmonic Orchester  in München

Von Daniela Zimmermann

Zur Feier des deutsch-mexikanischen Jahres 2017 gastierte das als lebendigste und bedeutendste Orchester Lateinamerikas im Münchner Gasteig. Das 120 Musiker umfassende Jalisco Philharmonic Orchester feierte 2015 sein 100 jähriges Bestehen; das Orchester ist bedeutendes Kulturgut im Westen Mexikos, des am Pazifik gelegenen Bundesstaates Jalisco mit der Hauptstadt Guadalajara. Mehrfach wurde das Jalisco Philharmonic Orchester für den Grammy nominiert. Marco Parisotto, Chefdirigent des Jalisco Philharmonic Orchester hatte für das Münchner Publikum den Schwerpunkt des Abends auf große Kompositionen Mexikos gelegt.

Muenchen / Marco Parisotto © Marco Ayala

Muenchen / Marco Parisotto © Marco Ayala

In Berlin, am Konzerthaus am Gendarmenmarkt, war auf einem großen Plakat zu lesen: „Es ist ein Privileg des Dirigenten, die Musik wach zu küssen.“ Dirigent Marco Parisotto und seinem Jalisco Philharmonic Orchester ist dies wunderbar gelungen. Es war ein besonderes und hinreißendes Konzert. Bedauerlich, dass es nicht entsprechend besucht war. Ein dem Münchner Publikum weitgehend unbekanntes Orchester hat es eben sehr schwer, sich inmitten des großen Münchner Kulturangebots „Gehör zu verschaffen“.

Der europäischen Welt gewidmet, eröffnete zwar die ernst, tragische 1. Sinfonie in C-Moll von Johannes Brahms den Abend, doch gefolgt von bekannten, lebensfrohen  Werken mexikanischer Komponisten des 20 Jahrhunderts: Silvestre Revuelta (1899 – 1940) mit Redes Suite und Arturo Marquez (*1950) mit Danzon Nr. 2. In Marquez´ Komposition Danzon werden kubanischen Rhythmen und spanischen Tanzformen mit europäischem Orchesterklang verbunden. Arturo Marquez gelangte durch seine Danzon Kompositionen  zu Weltruhm.

Weiterer Höhepunkt des Abends war das Spiel des weltweit erfolgreichen mexikanischen Percussion Quartett Tambuco. Sie glänzten mit der Erstaufführung von Javier Alvarez, „Metal de Treboles“ für Schlagzeugquartett und Orchester. Javier Alvarez ist einer der bekanntesten mexikanischen Komponisten der Gegenwart; bekannt dafür, neueartige, von lateinamerikanischen Klängen beeinflusste Musik zu komponieren..

Das Publikum war begeistert von dem lateinamerikanischen Flair des Abends. Packende Zugaben mitreißend temperamentvoller mexikanischer Musik lösten im Saal Begeisterung wie Frohsinn aus. Marco Parisotto und das Jalisco Philharmonic Orchester wurden entsprechend gefeiert.

« Vorherige SeiteNächste Seite »