Wien, Theater an der Wien, Der Ring – In ungewohnter Gestaltung, IOCO Kritik, 09.01.2018

Januar 9, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Neuartige Ring-Trilogie:    Hagen – Siegfried –  Brünnhilde

Ohne Götter – Ohne Feuerzauber – Ohne Walkürenritt

Von Marcus Haimerl

Im Theater an der Wien wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, ein neuer Ring geschmiedet. Richard Wagners Ring des Nibelungen wurde auf drei aufeinander folgende Abende gekürzt, verbliebene Szenen völlig neu zusammengesetzt. Die Schöpfer dieser Ring Fassung – nach Richard Wagner – sind Tatjana Gürbaca (Inszenierung),  Constantin Trinks (musikalische Leitung)  und Bettina Auer (Dramaturgie.  Das Bühnenbild stammt von Henrik Ahr.

Die Idee: nachzuspüren wie es zur Ermordung Siegfrieds kam. Die Spurensuche erfolgt aus der Sicht der drei Beteiligten: Hagen dem Mörder, Siegfried dem Opfer und Brünnhilde der Initiatorin des Mordes.  Ausgehend vom Mord an Siegfried, welcher an jedem der drei Abende zu Beginn der Oper steht, kehrt man zurück in der Erinnerung dieser drei handelnden Personen und hört damit auch Musik aus jeweils zwei Werken des Rings. In Hagen ist dies Götterdämmerung und Rheingold, in Siegfried ist es die Walküre und Siegfried und in Brünnhilde Walküre und Götterdämmerung.

 Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier vl Mirella Hagen - Woglinde, Ann-Beth Solvang - Flosshilde, Raehann Bryce- Davis - Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier vl Mirella Hagen – Woglinde, Ann-Beth Solvang – Flosshilde, Raehann Bryce- Davis – Wellgunde, hinten Martin Winkler als Alberich, Niklas Schönhofer als Hagen © Herwig Prammer

Erster Abend –  Hagen

Ausgehend von Siegfrieds Ermordung kehrt die Handlung zurück an den Beginn von Rheingold. Der kleine Hagen (hier wurde seine Geburt wohl vorverlegt) wird Zeuge der Demütigungen Alberichs in einem Schlammbecken durch die Rheintöchter, in dieser Produktion Prostituierte. Alberich stiehlt das Rheingold. Da es auch kein Walhall, keine Götter oder Riesen gibt, tauchen auch gleich Wotan und Loge in Nibelheim auf. Mit dem Tarnhelm (zwei Kuhhörner) verwandelt er sich in einem Riesenwurm. Hier helfen die als Nibelungen verkleideten Rheintöchter und vollführen gemeinsam mit Alberich eine Stellung, die dem Kamasutra entnommen scheint. Bei der Verwandlung zur Kröte lässt Alberich einfach die Hosen runter und wackelt ein wenig mit dem Gesäß, ein Zusammenhang mit einer Kröte lässt sich hier nicht finden. Da Wotan in seinem Anzug und Auftreten einem Mafioso ähnelt, wird Alberich dann sogleich brutal gefoltert um an den Ring zu gelangen (hier handelt es sich um einen Schlagring) wird kurzerhand Alberichs Arm abgesägt. Schließlich geht es wieder zurück in die Götterdämmerung. Hagen bereitet den Mannen-Chor, offensichtlich Schuljungen in kurzen Hosen, die ständig dumm über die Bühne zappeln, auf die Rückkehr Gunters und Siegfrieds vor. Der erste Abend endet schließlich mit dem zweiten Akt der Götterdämmerung.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried erschlaegt Mime (Marcel Beekman) © Herwig Prammer

Zweiter Abend –  Siegfried

Nach der Szene von Siegfrieds Ermordung setzt die Handlung beim ersten Akt Siegfried ein. Wenn Siegfried nach seiner Herkunft fragt, wechselt die Szene zum ersten Akt der Walküre. Hundings Hütte sieht ein wenig nach Neubauwohnung aus, eine Esche sucht man hier vergebens. Vermutlich deshalb, weil Sieglinde erst bei ihrer Erzählung Notung das Brotmesser in das Sofa stößt. Schließlich muss der Zuseher Siegfried noch mitansehen, wie sein Vater Siegmund im Kampf Brotmesser gegen Hundings Holzkeule schließlich von Wotans Speer gefällt wird. Nun kehrt man zurück zur Handlung von Siegfried. Dieser klebt das Brotmesser mit Klebeband zusammen und gemeinsam mit Mime macht er sich zu Fafners Höhle auf, wo auch schon der Waldvogel, eine Obdachlose mit Plastiksäcken auf beide wartet. Fafner, er sieht ebenfalls wie ein betrunkener Obdachloser mit Kuhhörnern am Kopf aus, wird schließlich von Siegfried getötet. Nachdem er sich auch Mimes entledigt hat, trifft sich Siegfried mit Wotan am Picknicktisch, wo ein Modell des Bühnenbilds verbrannt wird, bevor sich Siegfried aufmacht Brünnhilde zu erwecken. Mit dem Finale Siegfried endet auch der zweite Abend.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie nach Richard Wagner - hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie nach Richard Wagner – hier Daniel Brenna als Siegfried und Brünnhilde © Herwig Prammer

Dritter Abend – Brünnhilde

Der dritte Abend beginnt, nach Siegfrieds Ermordung, mit Wotans Abschied von seiner Lieblingstochter Brünnhilde. Auf den Feuerzauber muss man jedoch hier verzichten. Als Übergang zurück zur Götterdämmerung hört man das Vor- und Zwischenspiel. Nachdem Waltraute ihre Schwester warnen konnte, ist auch schon Gunter/Siegfried zur Stelle um Brünnhilde abzuholen. Schließlich erlebt man erneut die Ankunft Gunters und Brünnhildens in der Gibichungenhalle. Der dritte Abend endet schließlich mit dem kompletten dritten Akt der Götterdämmerung. Das vorherrschende Bühnenbild an allen drei Abenden war ein trapezförmiger Kubus in der Mitte der Bühne. Hier wird der erschlagene Siegfried auf einem Seziertisch aufgebahrt, Wotan wird im Rollstuhl hineingeschoben und Gutrune, die Rheintöchter und Brünnhilde versammeln sich. Anstatt des finalen Weltenbrandes dreht sich der Kubus schließlich in die Bühnentiefe und der kleine Hagen und das Mädchen Brünnhilde reichen einander in einem Goldregen die Hand.

Die Idee und das Konzept zu diesem gekürzten und neugestaltetem Ring des Nibelungen auch im Hinblick auf kleinere Theater kann man durchaus als gelungen bezeichnen. Allerdings, wer den Ring nicht kennt, wird Schwierigkeiten haben der Handlung zu folgen und dem Kenner wird sich hier auch nichts Neues erschließen.

Die Regie von Tatjana Gürbaca bedient sich in der Klamottenkiste des Regietheaters. Es finden sich hier immer wieder Zitate aus anderen Regiearbeiten. Dafür wurde bei der Entwicklung der Personen gespart. Vor allem Siegfried bleibt bis zu seinem Tod ein dummer, naiver Junge. Wenn sich aber Brünnhilde während ihres Schlussgesanges, kurz vor dem nicht stattfindenden Weltenbrand, berührend von Wotan verabschiedet, einer Umkehr von Wotans Abschied aus Brünnhilde also, werden auch intensive und berührende Momente dieser Regiearbeit sichtbar.

Theater an der Wien / Ring - Trilogie - hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Theater an der Wien / Ring – Trilogie – hier Brünnhilde nach Richard Wagner © Herwig Prammer

Auch für die Sänger ist diese Produktion kein leichtes Unterfangen. Ingela Brimberg steht als Brünnhilde an allen drei aufeinanderfolgenden Abenden auf der Bühne und Daniel Brenna hat innerhalb von 24 Stunden sowohl Jung-Siegfried als auch den Götterdämmerungs-Siegfried zu singen. Trotz dieser Herausforderungen meistern beide ihre Partien tadellos. Ingela Brimberg kann mit ihrem kraftvollen, höhensicheren Sopran als Brünnhilde überzeugen.

Die Neufassung dieses Rings, die weitgehend auf Götter und Riesen verzichtet, macht Wotan leider nur zu einer Randfigur. Umso beeindruckender, was der griechische Bariton Aris Argiris aus dieser Rolle herausholt. Vor allem in seiner großen Abschiedsszene mit Brünnhilde  singt er mit großem, kräftigen Bariton einen intensiven und unglaublich berührenden, sehr eindrucksvollen Göttervater mit sehr schöner Diktion. Eine phänomenale Leistung auch der Alberich Martin Winklers. Er gibt alles und geht an  stimmliche Grenzen um den Alben glaubhaft zu verkörpern.

Samuel Youn ist ein durchaus beeindruckender Wagner-Bass und singt einen dämonischen Hagen, wie man ihn eher selten zu hören bekommt. Marcel Beekman singt Mime beinahe zu schön und Michael J. Scott als quirliger, hinterhältiger Loge ist eine Klasse für sich. Der junge isländische Bariton Kristján Jóhannesson verfügt über einen starken, durchsetzungsfähigen Bariton und ist ein beeindruckender Gunter. Daniel Johansson singt einen erstklassigen Siegmund ohne Mühe, Liene Kinca war sowohl als Gutrune als auch als Sieglinde zu erleben und meisterte die beiden Partien nahezu problemlos. Als Hunding war Stefan Kocan zu erleben. Krankheitsbedingt stellte der slowakische Bass die Partie auf der Bühne dar, den Gesang übernahm Samuel Youn bravourös, der diese Partie am selben Tag noch einstudiert hatte. Als Rheintöchter agierten Mirella Hagen, Raehann Bryce-Davis und Ann-Beth Solvang. Mirella Hagen war auch als Waldvogel und Ann-Beth Solvang als Waltraute zu erleben. Constantin Trinks trieb, als erfahrener Wagner-Dirigent, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien zu  Höchstleistungen an.

Am Ende jedes Abends standen ungeteilter Jubel seitens des Publikums für das Ensemble. Die Umformung von Richard Wagners gewohnt bekanntem Ring des Nibelungen in die andersartige Wiener Ring-Trilogie „nach Richard Wagner“ ist ein in vielen Facetten unerwartetes wie forderndes Abenteuer, auf welche sich der Besucher einstellen muß.

München, Bayerische Staatsoper, Cosi fan tutte – Pures Mozart-Glück, IOCO Kritik, 06.10.2017

Oktober 6, 2017 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Pures Mozart-Glück

Così fan tutte  an der Bayerischen Staatsoper

Von Hans Günter Melchior

 Mozart Überall - Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart Überall – Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart: Er ist von allen Komponisten der Schwierigste und Leichteste zugleich. Seine Musik ist ein anwehender musikalischer Gedanke, der sofort zu Herzen geht. Man bekommt diese Musik so wenig aus dem Kopf wie man seine Psychologie aus der Seele verbannen kann. Eine intellektuelle, immaterielle Droge, der man sich nicht entziehen kann.

Man fährt zum Beispiel in diesen Tagen in der U-Bahn durchs wies´n-geschüttelte München, inmitten der braven Dirndlträgerinnen und Lederbehosten, die nach ein paar Stunden Gesichter wie von innen nach außen gekehrte Masken tragen. Und man dirigiert in Erwartung einer Mozart-Oper, etwa Così fan tutte,  ein Orchester, das im eigenen Kopf spielt, während einen die Wies´n-Besucher, die sich sehr bald selbst nicht mehr kennen werden, für verrückt halten. Und dann hört man die Oper im Nationaltheater und dirigiert heimlich, sozusagen im Schutze der Dunkelheit, wieder mit, und wenn man nach Hause fährt, dirigieren in der U-Bahn andere, grölend den bayerischen bayrischen Defiliermarsch oder was Moderneres, man selbst aber ist immer noch in der Oper und bei Mozart, der sich immer noch in einem aussingt. In der Nacht findet man kaum Ruhe. Morgens weiß man nicht, ob man in der Oper geschlafen hat oder immer noch dort ist, musikgesättigt und voller Glücksgefühle.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Dabei hat die Oper Così fan tutte durchaus ihre Tücken. Gedacht ist es vom Librettisten Lorenzo Da Ponte ja wohl so: da können sich zwei junge Männer Guglielmo und Ferrando gar nicht genug tun im Lob auf die Treue und Liebe ihrer Verlobten Fiordiligi und Dorabella. Bis es dem Philosophen Don Alfonso (ein Misanthrop oder ein Menschenkenner?) zu bunt wird. Nur mal langsam, Jungs, sagt er etwa, das mit der Treue der Frauen ist nichts als eine Illusion. Macht doch die Probe aufs Exempel, meldet euch zum Schein in den Krieg ab, weil der König zu den Fahnen ruft. Und dann kommt ihr, gleichsam durch die Hintertür, als verkleidete Albaner, also als Fremde, wieder und verführt mit allerlei Tricks euere angeblich so treuen Verlobten. Ich wette, sie erliegen bald euren Verführungskünsten.

Die beiden jungen Männer gehen siegesgewiss auf die Wette ein, verabschieden sich in den Krieg, die beiden Frauen sind untröstlich. Die angeblichen Soldaten kommen als Albaner verkleidet zurück und machen sich an die beiden jungen Damen heran. Don Alfonso zieht unter der Assistenz der lebens- und männererfahrenen Kammerzofe Despina im Hintergrund die Fäden. Die beiden unverbrüchlich treuen jungen Frauen werden ziemlich bald weich, als sich die Albaner zum Schein vergiften, weil sie – zunächst – abgewiesen werden. Die Damen signalisieren Entgegenkommen, die Albaner werden gerettet, zuerst erliegt Dorabella, die Verlobte Ferrandos, ausgerechnet dem Werben von dessen Freund Guglielmo, wenig später und nach inneren Kämpfen gibt auch Fiordiligi nach und lässt sich ungeachtet ihrer Verlobung mit Guglielmo mit Ferrando ein. Don Alfonso hat die Wette gewonnen. Die sich – gleichsam über Kreuz – verständigenden Paare heiraten.

Und jetzt kommen die ursprünglich Verlobten zurück. Die Bestürzung ist groß, aber man beruhigt sich schnell. Die Ehekontrakte werden zerrissen und die alten Zustände wiederhergestellt. Die konventionelle Ordnung siegt, die Opernbesucher und die Gesellschaft findet ihre Ruhe wieder. Die Oberfläche des Sees der Emotionen hat sich nur vorübergehend gekräuselt.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte - Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte – Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

So ist es eben wohl gedacht. Die Frauen sind die Schwachen und Untreuen (s. den noch 1900 erschienenen Essay des Neurologen und Psychiaters Paul Julius Möbius über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“, dessen Kehrseite die emotionale Unbeständigkeit der Frau sein soll), die Männer haben recht…

In der inzwischen entschlackten und sehr vorteilhaft entrümpelten Inszenierung von Dieter Dorn aus dem Jahr 1993 ist auf geradezu tiefschürfende Weise alles anders. Schon beim ersten Erscheinen der sogenannten Albaner sieht man bei Dorabella ein Augenzwinkern hin zu Fiordiligi: merkst du nichts?

Mit anderen Worten: die Frauen durchschauen das fiese Spiel der Männer von Anfang an. Da braucht es nicht einmal der Belehrungen über die die Beliebigkeit der Liebe, die Nichtsnutzigkeit der Männer und die Freiheit der Frauen durch Despina, die von den beiden herrschaftlichen Damen übrigens sehr allürenhaft (meisterhaft wie Dorn das mit schnippisch-herrischen Gesten zeichnet), wie eben ein Dienstbote, der ihnen nichts zu sagen hat, behandelt wird.

Und so nimmt das köstliche Spiel seinen Lauf. Ergötzlich zu sehen, wie die beiden Typen als betrogene Betrüger vorgeführt werden. Sich furchtbar schlau vorkommen, in Wirklichkeit aber längst durchschaut sind. Und im Grunde genommen sich ziemlich mies benehmen. Vernascht doch einer die Verlobte des anderen, danach bedauern sie sich dabei noch selbst. Während die Verlobten am Ende der Werbebemühungen der Männer sich recht gern mit dem jeweiligen Verlobten der Schwester vergnügen (variatio delectat). Ganz unverhohlen, schwelgerisch. Und wie gesagt nach wie vor im Wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ferrando reißt sich sogar noch den künstlichen Schnurrbart ab, bevor er endlich die noch etwas zögerliche, dann aber von ihm begeisterte Fiordiligi herumkriegt.

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte - Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte – Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Das alles wird auf hohem künstlerischen Niveau und unter der hochpsychologischen und klugen Regie Dieter Dorns in Szene gesetzt. Dorn kann sich dabei durchaus auf Mozart berufen, der musikalisch leugnet, was der Text behauptet. Als die beiden Damen ihre Verlobten tränenreich verabschieden, wird genial-musikalisch bereits der Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Damen gesät: die Arie „Soave sia il vento…“, (Weht sanfter ihr Winde, seid ruhig ihr Wellen…) endet in der Wiederholung auf einem Halbton; die chromatische Wende verweigert sich demgemäß der Harmonie, der Zuhörer merkt: irgendwas stimmt da nicht. Und so geht es eigentlich immer weiter. Mozarts vielgerühmte heitere Melancholie überdeckt die Komödie mit einem Schleier des inneren Vorbehalts, wer genau hinhört, merkt, dass nicht alles gemeint ist, wie es gesagt wird. Selbst in der grandiosen Arie der Fiordiligi, in der sie den Verlobten um Mitleid und Verzeihung wegen ihrer seelischen Verwirrung bittet… „Per pietà, ben mio, perdona…“ , schwingt im Pathos die Heuchelei mit.

Alles wird nicht zuletzt in dieser wohldurchdachten Inszenierung auf das menschliche Maß heruntergebracht und entlastet den Zuhörer angenehm (bei der Arie Ferrandos „un´aura amorosa…, erinnert man sich freilich ein wenig wehmütig an die denkwürdige Ponnelle-Inszenierung, in der Ferrando auf einer Wiese im Garten liegend das Haus der Geliebten ansingt; hier sitzt er – zeitgemäßer –  am Tisch der Damen).

Die Besetzung in München ist höchst bemerkenswert. Ganz hervorragend die Fiordiligi von Anett Fritsch. Ein allen Schwierigkeiten gewachsener, berückend schöner Sopran. Sie ist auf dem Sprung zur Weltberühmtheit. Nicht minder brillant die dunkler gefärbte, zuweilen an einen Mezzosopran heranreichende Stimme von Angela Browser. Faszinierend die Darbietung der Despina durch die quirlige und kapriziöse Hyesang Park, die es dem Publikum offenbar angetan hat. Pietro Spagnoli hat einen biegsamen Bariton, man muss sich, an einen Bass gewöhnt, ein erst wenig damit vertraut machen.

Wunderbar auch die schauspielerische Leistung der Akteure. Da ist ein Blickewerfen und Austauschen von Gesten, das mitreißt und reinen Genuss beschert. Man ist jederzeit mittendrin im Geschehen, lebt mit – und vergisst die Zeit.

Das Staatsorchester spielt unter der Leitung von Constantin Trinks mit gewohnter Virtuosität. Trinks ist offenbar kein Liebhaber eines „knackigen“ Mozart a la Colin Davis. Die Tempi sind eher ruhig und gelassen. Dafür hat dieser Dirigent sehr viel Sinn für die lyrisch-psychologischen Passagen des Werks, die er mit viel Innigkeit ausstattet, eine berührende Interpretation.

Insgesamt ein wunderbarer Abend. Die Wies´n-Heimkehrer bevölkern die U-Bahn. Kein Problem. Man muss sich nur vorstellen, dass sie von Mozarts Musik betrunken sind. Vorschlag an künftige Besucher: gehen Sie statt ins Parkett in die Galerie, wo die Musik klingt wie ein guter Wein, der an die Luft gekommen ist.

Cosi fan tutte an der Bayerischen Staatsoper, im Nationaltheater: 6.10.,  24.10., 26.10 ,29.10.2017

München, Bayerische Staatsoper, Wiederaufnahme: LES CONTES D’HOFFMANN von Offenbach, 28.03.2015

März 9, 2015 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Wiederaufnahme: LES CONTES D’HOFFMANN

Opéra fantastique in fünf Akten
Komponist Jacques Offenbach
Libretto von Jules Barbier nach dem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Vorstellungen: 28.03., 19:00 Uhr; 31.03., 19:00 Uhr; 04.04., 19:00 Uhr. NATIONALTHEATER

Ende März kehrt Rolando Villazón in der Titelpartie von Jacques Offenbachs Les Contes d’Hoffmann auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper zurück. Wie schon in der Premierenserie dieser Inszenierung von Richard Jones singt an seiner Seite Ensemblemitglied Angela Brower Muse/Niklausse. Hoffmanns Frauen werden diesmal von Jane Archibald (Olympia), Brenda Rae (Giulietta) und Serena Farnocchia (Antonia) interpretiert, am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Constantin Trinks.

Musikalische Leitung Constantin Trinks
Inszenierung Richard Jones
Bühne Giles Cadle
Kostüme Buki Shiff
Choreographie Lucy Burge
Licht Mimi Jordan Sherin
Dramaturgie Rainer Karlitschek
Chor Sören Eckhoff

BESETZUNG:
Olympia: Jane Archibald
Giulietta: Brenda Rae
Cochenille: Kevin Conners
Pitichinaccio: Kevin Conners
Frantz: Kevin Conners
Lindorf: Christian Van Horn
Coppélius: Christian Van Horn
Dapertutto: Christian Van Horn
Miracle: Christian Van Horn
Nicklausse/Muse: Angela Brower
Stimme aus dem Grab: Qiu Lin Zhang
Hoffmann: Rolando Villazón
Spalanzani: Ulrich Reß
Nathanaël: Dean Power
Hermann: Andrea Borghini
Schlémil: Christian Rieger
Wilhelm: Petr Nekoranec
Crespel: Peter Lobert
Luther: Peter Lobert
Chor: Chor der Bayerischen Staatsoper
Orchester: Bayerisches Staatsorchester
Antonia: Serena Farnocchia
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper

Pressemeldung Bayerische Staatsoper München

Graz, Musikverrein Graz, 2. LIEDERABEND mit DIANA DAMRAU, 27.11.2014

November 20, 2014 by  
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Musikverrein Graz
Stephaniensaal © Robert Illemann

2. LIEDERABEND

Do., 27. November, 19.30 Uhr, Stephaniensaal (Congress Graz)

Freuen Sie sich auf einen ganz besonderen Liederabend mit Diana Damrau, begleitet von Xavier de Maistre an der Harfe.

Diana Damrau (Sopran)
Xavier de Maistre (Harfe)

„Schöner, intelligenter, intensiver kann man das nicht singen“, lobte Manuel Brug die Sopranistin Diana Damrau im Magazin FonoForum, die neben Anna Netrebko und Jonas Kaufmann zu den diesjährigen Preisträgern des Echo Klassik Awards 2014 zählt. So gewinnt sie für ihr neuestes Album Forever den Preis „Klassik ohne Grenzen”. Der Musikverein freut sich auf einen ganz besonderen Liederabend, bei dem Diana Damrau und Xavier de Maistre Werke von Richard Strauss, Franz Liszt, Antonín Dvorák und Bedrich Smetana vortragen werden.

Pressemeldung Musikverrein Graz

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