München, Münchner Rundfunkorchester, Ivan Repusic – Nachfolger von Ulf Schirmer, IOCO Aktuell, 29.04.2017

Münchner Rundfunkorchester ©   BR / Johannes Rodach

Münchner Rundfunkorchester ©   BR / Johannes Rodach

Münchner Rundfunkorchester

Münchner Rundfunkorchester und Ivan Repusic

„Wir spielen unter die Haut“ – Das Motto von Ivan Pepusic

Ivan Repusic, geboren 1978 in Kroatien, ist bereits seit 2011 auf Deutschen Bühnen zu Hause. Noch Generalmusikdirektor in Hannover löst Ivan Repusic mit Beginn der kommenden Spielsaison 2017/18 Ulf Schirmer als Leiter des Münchner Rundfunkorchesters ab. Ulf Schirmer leitete das Münchner Rundfunkorchester  dann elf Jahre.

 Ivan Repusic - Leiter des Münchner Rundfunkorchesters © BR / Julia Müller

Ivan Repusic – Leiter des Münchner Rundfunkorchesters © BR / Julia Müller

Der junge kroatische Dirigent, der sich u.a. als GMD der Staatsoper Hannover, als Erster Ständiger Gastdirigent der Deutschen Oper Berlin und als gesuchter Gastdirigent an den renommierten Häusern Europas einen Namen machen konnte, hat das Münchner Rundfunkorchester bereits vor seinem Amtsantritt sehr erfolgreich in drei Konzerten dirigiert.

Ivan Repusic möchte neue Akzente setzen, das bisherige jedoch nicht vernachlässigen, neue unbekannte Werke von Verdi in die Öffentlichkeit bringen, verschiedene Chöre aus anderen Ländern einladen, und wie bereits heute schon fest steht wird das ungarische Rundfunkorchester in München zu Gast sein, das  Orchester eine Gelegenheit haben in Budapest zu spielen. Tourneen nach Baden-Baden, Luzern und Wien sind geplant. Repusic harmoniert bereits hervorragend mit dem Orchester, sie werden also in Zukunft wie angekündigt „unter die Haut spielen“, alle BR-Fans werden sich auf die kommende Saison freuen können.

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, hatte schon anlässlich der Vertragsunterzeichnung im Juni 2016 betont: „Mit der Berufung einer so herausragenden Künstlerpersönlichkeit zum neuen Chefdirigenten des Münchner Rundfunkorchesters unterstreicht der Bayerische Rundfunk aufs Neue den hohen Stellenwert, den er seinen Klangkörpern im Allgemeinen und dem Münchner Rundfunkorchester im Besonderen beimisst.“
Auch der Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, Martin Wagner, ist mit der Wahl des kroatischen Dirigenten (Jahrgang 1978) sehr zufrieden: Wir sind stolz, dass wir mit Ivan Repušic einen so renommierten Künstler für das Amt des Chefdirigenten beim Münchner Rundfunkorchester gefunden haben – sein jugendlicher Elan korrespondiert auf das Beste mit dem jung gebliebenen Münchner Rundfunkorchester!“

Die Begeisterung über den neuen Chefdirigenten ist auch bei den Mitgliedern des Münchner Rundfunkorchesters groß: „Im Zeitalter der Digitalisierung und Internationalisierung haben wir in Ivan Repušic einen hochsensiblen, ernsthaften und begeisternden Chefdirigenten gefunden, der die gute Arbeit der letzten Jahre in höchster Qualität weiter entwickeln wird. Wir freuen uns auf die kommenden Jahre mit ihm!“ so Orchestervorstand Ralf Klepper.
Ivan Repušic selbst sieht der neuen Aufgabe mit großer Freude entgegen: „Bereits in unserer ersten Zusammenarbeit habe ich erfahren können, was für ein wunderbares Orchester das Rundfunkorchester des BR ist: brillante Musikerinnen und Musiker, voller Musizierfreude, Enthusiasmus und Engagement – und mit großer und begeisterter Seele für die Musik!“  PM BR / Münchner Rundfunkorchester

Weimar, Deutsches Nationaltheater, Stefan Lano neuer 1. Kapellmeister, IOCO Aktuell, 20.03.2017

Deutsches Nationaltheater Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

  Stefan Lano – 1. Kapellmeister – Herbst 2017

 Stefan Lano © Adriano Biondo

Stefan Lano © Adriano Biondo

Der aus den USA stammende Dirigent und Komponist Stefan Lano (65) wird 1. Kapellmeister des Deutschen Nationaltheaters (DNT) und der Staatskapelle Weimar. Er übernimmt die Position, die seit dem unerwarteten Tod von Martin Hoff Ende August 2016 vakant war, zum Beginn der Spielzeit 2017/18 für zunächst 3 Jahre.

„Stefan Lano ist ein international anerkannter und erfahrener Künstler. Seine integrative Arbeitsweise und seine musikalische Versiertheit empfinde ich als großen Gewinn für unsere Staatskapelle, unser Opernensemble und unsere Arbeit in Weimar insgesamt.“ unterstreicht Generalintendant Hasko Weber diese personelle Entscheidung. „Mit GMD Kirill Karabits, Stefan Lano als 1. und Dominik Beykirch als 2. Kapellmeister verfügen wir damit über ein hervorragendes musikalisches Leitungsteam mit breit gefächerten Kompetenzen.“
 
Seit fast 30 Jahren überzeugt Stefan Lano weltweit sowohl im Konzertbereich als auch in der Oper mit ausdrucksstarken, leidenschaftlichen Interpretationen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Dabei hat er sich insbesondere als viel gefragter Dirigent von Werken des Fin-de-Siecle und zeitgenössischer Musik, darunter zahlreiche Ur- und Erstaufführungen, etabliert. Von 2005 bis 2008 war Lano Generalmusikdirektor des Teatro Colón in Buenos Aires, dem er seit der ersten Zusammenarbeit 1993 bis heute eng verbunden ist. Von 2012 bis 2015 leitete er als Chefdirigent das National Symphony Orchestra von Urugay. Gastengagements führten ihn an renommierte Opernhäuser wie die Metropolitan Opera New York, die San Francisco Opera, die Dresdner Semperoper, die Hamburger Staatsoper, die Göteborger Oper und die Litauische Nationaloper. Zudem arbeitete er mit zahlreichen Orchestern in Europa, den USA und Südamerika zusammen. Seit 1995 lebt er in Basel und hat seit 2010 die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Anfang des Jahres war Stefan Lano drei Wochen vor der Premiere am DNT als Musikalischer Leiter der Neuproduktion von Alban Bergs Oper „Lulu“ eingesprungen. Nach dieser erstmaligen Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Weimar und dem Ensemble des DNT hatte auch er sich als einer von insgesamt 160 Dirigenten, von denen 15 zum Vordirigat eingeladen wurden, auf die ausgeschriebene Stelle des 1. Kapellmeisters beworben:

 Goethe Schiller Denkmal vor dem DNT © Hartmut Gallée

Goethe Schiller Denkmal vor dem DNT © Hartmut Gallée

„Ausgerechnet ‚Lulu‘ zu dirigieren als erste Arbeit mit einem noch unvertrauten Orchester, ist keine leichte Unternehmung. Doch bereits während der ersten Probe wurde mir klar, vor was für einem außerordentlichen, hochkarätigen Orchester ich stand“, erinnert sich Stefan Lano an seine erste Begegnung mit der Staatskapelle Weimar. „Dazu spürte ich eine kollegiale Sympathie und Sinn für Humor, und mir kam der Gedanke, dass ich sehr gern mit diesem Orchester weiter arbeiten möchte. Gleichzeitig begegnete ich einem hervorragenden Sänger-Ensemble, unterstützt von sympathischen und begabten Repetitoren, und einem Theater-Team, von dem ich nur denken konnte: es lebe die gute deutsche Theater-Tradition! Daher freue ich mich sehr über meine Anstellung und die damit verbundenen Aufgaben der kommenden Jahre in Weimar.“

In der Spielzeit 2017/18 wird Stefan Lano am DNT Weimar die Uraufführung des Auftragswerks Das versunkene Schiff des Zauberers von Lin Wang (Premiere: 21.10.2017) und die Neuproduktion von Verdis Oper Ein Maskenball (Premiere: 2.6.2018) musikalisch leiten. Zudem übernimmt er aus dem laufenden Repertoire die Dirigate des Fidelio und der Zauberflöte. Bereits am 8./9. Oktober 2017 stellt er sich dem Publikum mit Werken von Maurice Ravel, Edouard Lalo und Arnold Schönberg auch im Sinfoniekonzert der Staatskapelle Weimar vor.

In der aktuellen Saison gibt es unter seiner Leitung noch vier weitere Vorstellungen der „Lulu“, die nächste bereits diesen Sonntag,  19. März, danach wieder am 6.4., 21.4. und zum letzten Mal am 12.5.2017. Und auch im Familienkonzert Ali Baba und die 40 Streicher am 2. April, 16 Uhr im Großen Haus kann man Stefan Lano am Pult der Staatskapelle Weimar erleben. PMDNT

Graz, Oper Graz, Oksana Lyniv – Chefdirigentin ab Saison 2017/18, Februar 2017

Februar 6, 2017 by  
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Oper Graz

Oper Graz © Oper Graz

Oper Graz © Oper Graz

Oksana Lyniv – Neue Chefdirigentin in Graz

Die aus der Ukraine stammende Dirigentin Oksana Lyniv wird ab der Spielzeit 2017/18 Chefdirigentin des Grazer Philharmonischen Orchesters und der Oper Graz. Sie folgt Dirk Kaftan nach, der zur kommenden Saison als Generalmusikdirektor des Beethoven-Orchesters nach Bonn wechselt. Die vakante Position stieß international auf großes Interesse. Ihr Vertrag läuft bis einschließlich der Saison 2019/20, analog zum Vertrag der geschäftsführenden Intendantin Nora Schmid.

Oper Graz / Oksana Lyniv, ab 2017/18 Chefdirigentin des Grazer Philharmonischen Orchesters und der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Oper Graz / Oksana Lyniv, ab 2017/18 Chefdirigentin des Grazer Philharmonischen Orchesters und der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Seit 2013 ist Oksana Lyniv als Dirigentin und musikalische Assistentin von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko an der Bayerischen Staatsoper München engagiert, wo sie mehrere Vorstellungsserien von Wiederaufnahmen (u.a. Mozarts La clemenza di Tito, Donizettis Lucia di Lammermoor, Verdis La traviata) und Vorstellungen im Rahmen der Münchner Opernfestspiele leitete. Bei den Festspielen 2016 dirigierte sie die Uraufführung der Oper Mauerschau von Hauke Berheide. Im März folgt unter ihrer Leitung die Wiederaufnahme von Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos in der Regie von Robert Carsen. Im April wird sie am Gran Teatro del Liceu in Barcelona Wagners Der fliegende Holländer dirigieren. Eine rege Konzerttätigkeit, u.a. mit den Prager Philharmonikern, den Hamburger und Münchner Symphonikern komplettiert ihre musikalische Arbeit.

Ihre musikalische Laufbahn begann Oksana Lyniv an der Lemberger Musikakademie in der Ukraine. Sie setzte ihre Ausbildung in Deutschland fort und schloss ein Aufbau- und Meisterklassenstudium in Dresden ab. Von 2008 bis 2013 war sie als Dirigentin und Stellvertreterin des Chefdirigenten an der Nationaloper Odessa engagiert, wo sie sich ein breites Repertoire erarbeitete.

 Mit Oksana Lyniv wird erstmals eine Frau die musikalischen Geschicke des Grazer Philharmonischen Orchesters lenken. Für ihre musikalische Arbeit erhielt sie bereits international viel Anerkennung.

Die geschäftsführende Intendantin der Oper Graz, Nora Schmid, freut sich auf die zukünftige Zusammenarbeit mit Oksana Lyniv:Ich bin mir sicher, dass ich mit Oksana Lyniv eine hochkarätige Musikerin für die Oper Graz gewinnen konnte und ich freue mich sehr, mit ihr gemeinsam das Programm des Hauses weiterzuentwickeln.“

 Oper Graz / Oksana Lyniv, ab 2017/18 Chefdirigentin in Graz und Intendantin Nora Schmid © Werner Kmetitsch

Oper Graz / Oksana Lyniv, ab 2017/18 Chefdirigentin in Graz und Intendantin Nora Schmid © Werner Kmetitsch

Oksana Lyniv, die in Graz erstmals in ihrer Laufbahn eine Chefposition bekleiden wird, ist bereits voller Tatendrang: „Nach vier spannenden, intensiven und erfolgreichen Jahren an der Bayerischen Staatsoper in München an der Seite von Kirill Petrenko fühle ich mich besonders glücklich und geehrt, dass meine erste Position als Chefdirigentin in Graz sein wird – an einem Haus mit so renommierten Künstlern und einem so hohen künstlerischen Niveau auf allen Ebenen.

Aufgrund meiner Herkunft bin ich der österreichischen Kultur und Tradition sehr verbunden, da Galizien bis 1918 zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Die Stadt Lemberg (Lwiw) und meine Heimatstadt Brody, die auch die Heimatstadt des Schriftstellers Joseph Roth ist, haben sehr viele historische und kulturelle Bezüge zur österreichischen Geschichte sowie im Speziellen zur Stadt Graz. Schon immer zählten insbesondere österreichische Komponisten wie z.B. Mozart und Mahler zu meinen Lieblingskomponisten.

Ich freue mich daher sehr, all meine Erfahrung der letzten Jahre als Dirigentin mit nach Graz bringen zu können und bin für das große Vertrauen, das mir hier entgegen gebracht wird, außerordentlich dankbar. Die Gelegenheiten, die ich bisher bekommen habe, um das Grazer Philharmonische Orchester sowie die Oper Graz und das dazugehörige Ensemble, den Chor und das Ballett kennenzulernen, haben mich sehr beeindruckt und von der Leistung und dem hohen Potential überzeugt. Ich fühle mich dem Grazer Philharmonischen Orchester und der Oper Graz sehr verpflichtet und schaue voller Vorfreude auf die kommende Zeit, in der ich meine gesamte Energie und Leidenschaft in die Arbeit und das anstehende Programm meiner neuen Position in Graz investieren werde.“        Pressemeldung Oper Graz

Wien, Wiener Symphoniker, Georges Prêtre: Eine Würdigung des Orchesters, IOCO Aktuell, 12.1.2016

Konzerthaus Wien / Stammhaus der Wiener Symphoniker © IOCO

Konzerthaus Wien / Stammhaus der Wiener Symphoniker © IOCO

Die Wiener Symphoniker würdigen Georges Prêtre 

  54 Jahre gemeinsame Orchestergeschichte

Von Dr. Ernst Kobau, ehem. Oboist der Wiener Symphoniker

Georges Prêtre und die Wiener Symphoniker: Der Maître selbst bezeichnete diese Verbindung als „Liebesbeziehung“. Wohl aus diesem Grund wollte er sich niemals institutionell abgesichert binden (nur als Erster Gastdirigent, nicht als Chefdirigent wollte er in den 80er-Jahren mit dem Orchester arbeiten), denn durch fixe Bindungen entstehen Ehen, und Ehen drohen das zu werden, was Prêtre am meisten verabscheute: Repertoire. Es ist daher doppelt unstatthaft zu sagen, er hätte ein riesiges Repertoire dirigiert, denn er lehnte es auch ab, sich als Dirigent, gar als Kapellmeister bezeichnen zu lassen. Als Interpret verstand er sich in der Rolle des Geburtshelfers, der dem jeweils neu entstehenden Text ein niemals alterndes, weil aus dem Augenblick stammendes und in ihm aufgehendes Leben schenkte.

Wiener Symphoniker / Georges Prêtre © Wiener Symphoniker

Wiener Symphoniker / Georges Prêtre © Wiener Symphoniker

Georges Prêtre zu würdigen heißt ihm jenen Rang zu geben, der all den zwischen den Kontinenten pendelnden Jet-Set-Supershootingstars mit ihren Drei- und Vierfach-Chefdirigentenpositionen unablässig mit höchst zweifelhaftem Recht zugesprochen wird und längst Promotion-Repertoire geworden ist: er nämlich war in der Tat eine Ausnahmeerscheinung. Seine längst legendäre Kunst der Improvisation, die einem höchst riskanten Drahtseilakt mit beständiger Absturzgefahr glich, hatte ihr Fundament in einem minutiösen Partiturstudium, dem er in Phasen der Zurückgezogenheit vom Konzertbetrieb konzentrierte Muße widmete; und die Bereitschaft, letztere zuzulassen, war wohl auch das Geheimnis der bis ins hohe Alter ungebrochenen Spannkraft seines Gedächtnisses und seiner emotionalen Beteiligung, die es ihm gestattete, jeder Routine bloßer Emotionsdarstellung zu entgehen. Dies verlieh jeder seiner Interpretationen das Sigel von Authentizität, so sehr auch jede einzelne von ihnen Gegenstand kontroverser Diskussionen werden konnte.

 Wien / Georges Prêtre und die Wiener Symphoniker © Wiener Symphoniker

Wien / Georges Prêtre und die Wiener Symphoniker © Wiener Symphoniker

Für uns Musiker bedeutete die Konfrontation mit Prêtres Musizierpraxis eine extreme Herausforderung, sowohl was das Verständnis der mitunter aberwitzigen Zeichengebung als auch die Transformation seiner pointillistischen, am französischen Impressionismus geschulten Interpretationsweise auf die Werke der Wiener Klassik anbelangte. Dass kein Takt wie der andere sei, das metrische Gerüst gemeinsam mit den Taktstrichen zum verachteten Repertoire-Gerümpel zählte – daran musste man sich erst in einer Weise „gewöhnen“, die zugleich jede „Gewohnheit“ untersagte.
Georges Prêtre war insofern ein „Moderner“, als er das von Walter Benjamin als Signatur sensuell-nervöser Rezeptionsweise definierte, von Baudelaire erstmals beschriebene „Chock-Erlebnis“ zur Grundlage seiner Interpretation machte. Nicht den großen Bögen, sondern dem absolut Unvorhersehbaren, Überraschenden, in ungewohnter Beleuchtung Farbigen, der Priorität des Details in seiner unverwechselbaren Individualität galt sein Interesse. Wo der extreme Sensualist auf Texte traf, die zumindest von ihrer Anlage her diese Sichtweise unterstützten oder sogar erforderten, wurden daraus jene außergewöhnlichen Konzertereignisse, die man mit dem Repertoirewort „Sternstunden“ bezeichnet, die aber weit eher aufglühenden Kometenbahnen glichen.

Hector Berlioz Grabmal © IOCO

Hector Berlioz Grabmal © IOCO

Mit Prêtre Debussys La mer gespielt zu haben oder Berlioz’ Symphonie fantastique (gar beides in einem Programm, wie 1983 bei den Bregenzer Festspielen), wird jedem Musiker ebenso unvergesslich bleiben wie seine Fähigkeit, aus dem gefährdeten Bolero ein Höchstmaß aus Intensität und Obsession herauszuholen, das die ostinate Gleichförmigkeit dieses Stücks völlig vergessen lässt. Wo andererseits extreme Temporückungen nicht aus dem musikalischen Text begründbar waren, provozierte er unablässig die Frage nach dem Stellenwert des Interpreten im Hinblick auf zumindest teilweise objektivierbare, auf den Komponistenwillen verweisende Parameter. Wer jemals Strauss’ eigene nüchterne Interpretation des Rosenkavalier-Beginns gehört hatte und sie mit Prêtres Sichtweise der Rosenkavalier-Suite – einem seiner „Leibstücke“, das er mit den Wiener Symphonikern allein in neun Produktionen spielte – verglich, glaubte sich auf einem anderen musikalischen Planeten. Doch selbst jene Kritiker, die den „Dienst am Werk“ als vorrangige oder alleinige Aufgabe des Interpreten erachten, müssten im Falle Georges Prêtres einräumen, dass auch ein leidenschaftlich-individualistischer Zugang abseits jeder Routine vor allem jenen Werken einen unschätzbaren Dienst erweist, die als „Dauerbrenner“ Gefahr laufen, in den unablässigen Reproduktionen des Konzertbetriebs erstickt zu werden.

Wiener Symphoniker / Georges Prêtre © Wiener Symphoniker

Wiener Symphoniker / Georges Prêtre © Wiener Symphoniker

Es ist kaum zu glauben – aber mehr als ein halbes Jahrhundert währte die Zusammenarbeit der Wiener Symphoniker mit Georges Prêtre bereits. Als er im Juni 1962 erstmals im Konzerthaus auftrat und ein durchaus unkonventionelles Programm (mit Werken von Berg und Strawinski) dirigierte, konnte niemand ahnen, dass daraus die längste Beziehung in der Orchestergeschichte (mit mehr als 320 Auftritten in 110 verschiedenen Produktionen) entstehen würde. Zunächst waren die Begegnungen eher sporadisch, doch auf Grund höchst erfolgreicher Konzerte im Verlauf der späten 70er-Jahre lag es nahe, nach dem unerwartet frühen Ende der Chefdirigentenzeit Gennadij Roshdestwenskijs eine Form engerer Kooperation mit Prêtre zu suchen. Die 80er-Jahre bildeten so auch quantitativ deren Zentrum, doch auch danach bekannte sich der Maître stets zu den Wiener Symphonikern und leitete sie alljährlich, sei es beim Fernsehkonzert „Frühling in Wien“ (2004), auf Europa-Tourneen (1996 und 1997), auf der Österreich-Reise (2005) und in den großen Wiener Zyklus-Konzerten. Wir können ohne Übertreibung sagen, dass Georges Prêtre zumindest zwei Musikergenerationen geprägt hat. Als er anlässlich seines 80. Geburtstages erklärte, er sei in Wahrheit 4 x 20 Jahre alt, empfanden wir dies als höchst zutreffende Beschreibung seines physisch und geistig überaus vitalen Zustands.

 

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