Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, PREMIERE Jephtha von Händel, 04.02.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Jephtha von Georg Friedrich Händel (1685 – 1759)

Oratorium in drei Teilen, In englischer Sprache mit Übertiteln

Premiere 4. Februar 2018 19.30 Uhr, weitere  Vorstellungen: 7. & 10.2. 2018 19.30 Uhr

Achim Freyer, der weltweit für seine bildgewaltigen Inszenierungen gefeierte Regisseur, Bildende Künstler und Bühnenbildner – einst ein Meisterschüler Brechts – lässt in Wiesbaden seine Bühnenversion des Jephtha-Oratoriums von Georg Friedrich Händel entstehen. In einer spektakulären, von ihm selbst entworfenen und gemalten Ausstattung erzählt Freyer von den Gefahren des religiösen Fundamentalismus, denen der alttestamentarische Feldherr Jephtha ausgesetzt ist: Soll er für einen siegreich abgeschlossenen Feldzug seine eigene Tochter dem helfenden Gott zum Opfer darbringen? Wie in der Antigone Menschlichkeit gegen Staatsräson steht, so stehen sich in Jephtha Menschlichkeit und die Zumutungen einer sich autoritär gebärdenden Religion gegenüber.

Händels Oratorium, sein Alterswerk mit der eindringlichen, tief berührenden Musik mit großen Chören wird von Barock-Spezialist Konrad Junghänel am Pult des Hessischen Staatsorchesters geleitet. Mirko Roschkowski ist als Jephtha zu erleben. In Wiesbaden sang er bereits Belmonte in Die Entführung aus dem Serail sowie Boris in »Katja Kabanowa«. Die spanische Mezzosopranistin Anna Alàs i Jové und Countertenor Terry Wey stellen sich erstmals dem Wiesbadener Publikum in den Partien Storgè und Hamor vor. Gloria Rehm, die diesjährige Gewinnerin des FAUST-Theaterpreises, ist als Iphis zu erleben. In dieser Spielzeit singt sie außerdem die Partie der Fiakermilli (»Arabella«), Oscar (»Ein Maskenball«) und erneut Königin der Nacht (»Die Zauberflöte«). Wolf Matthias Friedrich, zuletzt in der Partie des Fürsten Gremin in »Eugen Onegin«, singt Zebul.

Inszenierung Achim Freyer Musikalische Leitung Konrad Junghänel Bühne, Kostüm Achim Freyer Chor Albert Horne Licht Andreas Frank Dramaturgie Klaus-Peter Kehr, Katja Leclerc

Jephtha Mirko Roschkowski Storgè Anna Alàs i Jové Iphis Gloria Rehm Hamor Terry Wey, Kangmin Justin Kim Zebul Wolf Matthias Friedrich

Chor und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, 08.12.2017

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Nach vielen Jahren – Hänsel und Gretel an der Lindenoper

8. Dezember 2017: Nach 54 Jahren gibt es erstmals wieder eine Neuproduktion von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden – in einer Inszenierung von Achim Freyer und unter der musikalischen Leitung von Sebastian Weigle

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Am 8. Dezember steht mit Engelbert Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern Hänsel und Gretel in der Regie von Achim Freyer die zweite Premiere der Spielzeit an der Staatsoper Unter den Linden auf dem Programm. Die musikalische Leitung der Staatskapelle Berlin übernimmt Sebastian Weigle. In den Titelpartien sind Katrin Wundsam und Elsa Dreisig zu erleben. Die letzte Neuproduktion von Hänsel und Gretel, eine Inszenierung von Erich-Alexander Winds, feierte am 23. November 1963 Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Die 234. und letzte Vorstellung fand 33 Jahre später am 23. Dezember 1996 statt – seitdem wurde das Stück an der Staatsoper nicht mehr aufgeführt.

Humperdincks Werk überführt das bekannte Märchen in eine humorvolle Erzählung, die auch dank ihres kompositorischen Tiefgangs weit über die Ansprüche einer einfachen Kinderoper hinaus geht. Mit großer Poesie thematisiert sie die Ängste und Wünsche einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, deren jüngste Mitglieder den Verlockungen der bösen Hexe widerstehen. Ein Stoff, der für den großen Künstler Achim Freyer geradezu wie gemacht scheint: In seiner kunstvoll-bunten Inszenierung für alle Altersklassen zeichnet er phantasiereich und mit Humor die Charaktere nach – nicht ohne darin auch Querverweise für die Erwachsenen zu verstecken und u. a. die Verführung von Kindern zum Konsum durch weltumspannende Konzerne zu thematisieren.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Achim Freyer ist Maler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Als Schauspielregisseur arbeitete Achim Freyer u. a. am Berliner Schlossparktheater, am Schiller Theater, am Berliner Ensemble sowie am Wiener Burgtheater. 1988 gründete er das Freyer-Ensemble, mit dem er eine vollkommen eigenständige Theatersprache entwickelte und zahlreiche eigene Stücke realisierte. Darüber hinaus wurden ihm u. a. der Nestroy Theaterpreis, der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Mit seinem bildnerischen Werk ist er regelmäßig auf internationalen Ausstellungen vertreten, dazu zählten u. a. die documenta 6 und 8 in Kassel. An der Staatsoper Unter den Linden führte Achim Freyer u. a. 2008 Regie bei Peter Tschaikowskys Eugen Onegin sowie 2012 bei Rappresentatione di Anima et di Corpo von Emilio de’ Cavalieri. Bei der Inszenierung von »Il barbiere di Siviglia« von Ruth Berghaus, die 1968 Premiere an der Staatsoper feierte, bis heute auf dem Spielplan steht und im April 2018 wieder aufgenommen wird, zeichnete Achim Freyer für das genial-einfache Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich. Auch bei der Neuproduktion von »Hänsel und Gretel« ist Achim Freyer nicht nur als Regisseur, sondern auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich.

Sebastian Weigle studierte Horn, Klavier und Dirigieren an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 1982 wurde er zum 1. Solohornisten der Staatskapelle Berlin ernannt. Nach 15 Jahren als Orchestermitglied war er von 1997 bis 2002 Staatskapellmeister an der Berliner Staatsoper. Von 2004 bis 2009 war er als Chefdirigent am Gran Teatre del Liceu in Barcelona tätig.Nach mehreren erfolgreichen Produktionen an der Oper Frankfurt wurde Sebastian Weigle mit Beginn der Spielzeit 2008/09 dort zum Generalmusikdirektor berufen. An der Staatsoper Unter den Linden dirigierte Sebastian Weigle zuletzt 2015 die Premiere von Der Freischütz in der Regie von Michael Thalheimer.

Die Rolle des Hänsel übernimmt die österreichische Mezzosopranistin Katrin Wundsam, als Gretel ist Elsa Dreisig zu erleben, die seit dieser Spielzeit fest zum Ensemble der Staatsoper Unter den Linden gehört und in der Saisoneröffnungspremiere »Zum Augenblicke verweile doch! Szenen aus Goethes Faust« als Gretchen auf der Bühne stand. Zum weiteren Ensemble zählen in wechselnder Besetzung  Natalia Skrycka, Evelin Novak sowie Roman Trekel, Arttu Kataja, Marina Prudenskaya, Anna Samuil, Jürgen Sacher, Stephan Rügamer, Corinna Scheurle und Sarah Aristidou. Es singt darüber hinaus der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (Einstudierung: Vinzenz Weissenburger).

Zur Einstimmung auf die Premiere findet am Sonntag, den 26. November um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden ein Künstlergespräch statt – mit Achim Freyer, Sebastian Weigle und Elena Garcia Fernandez (Dramaturgie). Katrin Wundsam und Elsa Dreisig werden einen musikalischen Einblick in das Werk geben, begleitet von Pianist Markus Appelt. Die Matinee wird moderiert von der Dramaturgin Larissa Wieczorek. Der Eintritt ist frei.

Am 16. Dezember veranstaltet die Junge Staatsoper um 14 Uhr anlässlich der Premiere einen Familienworkshop, bei dem sich Kinder von 8 bis 14 Jahren und ihre Eltern (bzw. Großeltern oder Paten) gemeinsam auf den Besuch einer Vorstellung vorbereiten können. Am 23. und 29. Dezember finden jeweils um 15 Uhr zwei Familienvorstellungen von Hänsel und Gretel statt, bei denen Kinder und junge Erwachsene unter 18 Jahren auf allen Plätzen nur 10 Euro zahlen, für die Eltern gilt der Originalpreis. PMStUdL

Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden: Premiere 8.12.2017, weitere Vorstellungen 11.12.2017, 12.12.2017, 23.12.2017, 25.122.2017, 29.12.2017

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Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 7.12. – Geburtstagskonzert – 275 Jahre, Dezember 2017

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

275 Jahre Staatsoper Unter den Linden

7.12.2017 – Prächtiges Geburtstagskonzert – Zwei Opernpremieren

Im Dezember 2017 feiert die Staatsoper Unter den Linden ihren 275. Geburtstag – mit einem Konzert am Tag des Jubiläums (7. Dezember) und zwei Opernpremieren im Großen Saal. Anlässlich dieses besonderen Datums erscheint darüber hinaus Anfang Dezember im Carl Hanser Verlag München das Buch »Diese kostbaren Augenblicke. 275 Jahre Staatsoper Unter den Linden«, das einen Einblick in die lange und reichhaltige Geschichte der Staatsoper Unter den Linden gibt.

Am 7. Dezember 1742 wurde die Königliche Hofoper auf Befehl Friedrichs II. mit Carl Heinrich Grauns Festoper Cleopatra e Cesare, die eigens zu diesem Anlass komponiert wurde, festlich eröffnet. Zu jener Zeit war es das größte Opernhaus Europas, zudem auch das erste freistehende Gebäude seiner Art. Dieser Tag war gleichzeitig auch der Beginn der über 250-jährigen erfolgreichen Zusammenarbeit von Staatsoper und Staatskapelle, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. 275 Jahre später kann die Staatsoper Unter den Linden auf eine wechselvolle und überaus ereignisreiche Geschichte, geprägt von unterschiedlichen politischen und künstlerischen Phasen, zurückblicken. Mit dem Wiedereinzug der Staatsoper ins traditionsreiche Stammhaus Unter den Linden im Jubiläumsjahr, nach der sieben Jahre andauernden Sanierung, beginnt nun ein neues Kapitel dieser Historie.

Daniel Barenboim © IOCO

Daniel Barenboim © IOCO

Am 7. Dezember, an dem Tag, an dem sich die Eröffnung der Staatsoper Unter den Linden zum 275. Mal jährt, erklingt auf der großen Bühne ein besonderes Konzertprogramm, das einen Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart schlägt – gespielt von der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim. Mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Pierre Boulez und Richard Strauss stehen drei Komponisten auf dem Programm, die alle an der Staatsoper tätig waren als Generalmusikdirektoren, feste Dirigenten und Ehrendirigenten. Nach einer Begrüßung durch den Intendanten Prof. Jürgen Flimm, wird Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundestagspräsident a.D., gratulieren. Am gleichen Abend laden auch die Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden zu einer Jubiläumsfeier: Seit nunmehr 25 Jahren unterstützen sie die künstlerischen Prozesse des Hauses ideell und materiell.

Claudio Monteverdi Grab in Venedig © IOCO

Claudio Monteverdi Grab in Venedig © IOCO

An das Konzert anschließend feiern am 8. und 9. Dezember gleich zwei Neuproduktionen Premiere: zunächst mit Engelbert Humperdincks  Hänsel und Gretel (Achim Freyer, Sebastian Weigle) einer der Klassiker der Opernliteratur und nur einen Tag später mit Claudio Monteverdis L’incoronazione di Poppea (Eva-Maria Höckmayr, Diego Fasolis) eines der ältesten Opernwerke überhaupt.

Daran anschließend startet die Staatsoper den regulären Spielbetrieb mit Repertoirevorstellungen (u. a. Die Zauberflöte, Don Giovanni und La Bohème) sowie Konzerten.

Die Öffnung der Theaterkasse im Foyer der Staatsoper Unter den Linden ist für Ende November 2017 vorgesehen. Der Einzelkartenverkauf für die FESTTAGE 2018 beginnt am 25. November ab 10 Uhr. PMStUdL

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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.09.2017

September 26, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Parsifal von Richard Wagner

  Die Geschichte des „Reinen Toren“ in der komplexen Bildersprache  des Achim Freyer

 Von Patrik Klein

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Zur Saisoneröffnung 2017/18 bringt die Hamburgische Staatsoper medienwirksam mit „Liveübertragung“ für alle am Jungfernstieg Richard Wagners Spätwerk Parsifal heraus. Nach zahlreichen Aufführungen wird die viel beachtete Inszenierung des US- amerikanischen Starregisseurs Robert Wilson von 1991 abgelöst durch eine bilderreiche und symbolträchtige Produktion von einem der bekanntesten deutschen Künstler der Nachkriegszeit.

Achim Freyer, der gebürtige Berliner Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Maler war Meisterschüler von Bertolt Brecht. Der heute 83jährige Künstler ebnete in den 1980er Jahren dem amerikanischen Komponisten Philip Glass den Weg mit den Opern Satyagraha, Echnaton und Einstein on the Beach, die in Stuttgart zur Uraufführung kamen. Die Gandhi-Oper Satyagraha wurde auch von den Wuppertaler Bühnen übernommen und beeindruckte damals viele, meist junge Besucher mit ihrem ganz besonderen und extrem aufwändigen künstlerischen Stil. An der Hamburgischen Staatsoper brachte er 1982 seine erste Version der Zauberflöte und 1997 die viel beachtete Oper von Helmut Lachenmann Das Mädchen mit den Schwefelhölzern zur Aufführung. Am vergangenen Wochenende nun Richard Wagners Spät- und „pseudo-religiöses“ Werk Parsifal.

Nach Wagners Willen sollte sein letztes Werk eigentlich nur noch im Festspielhaus in Bayreuth zur Aufführung gelangen. Bereits nach wenigen Jahren wurde diese Verfügung jedoch gebrochen. Parsifal nimmt nicht als Opern- oder Musikdrama, sondern als „Bühnenweihfestspiel“ eine außergewöhnliche Stellung ein. Im Parsifal werden alle Elemente seines die Opernwelt revolutionierenden Komponierens noch einmal zusammengetragen. Mystische, literaturhistorische und philosophische Aspekte verweisen in Parsifal rückblickend auf etliche Figuren seiner früheren Opern.

 Hamburgische Staatsoper / Parsifal_ Parsifal - Andreas Schager, Kundry - Claudia Mahnke © Hans Jörg Michel

Hamburgische Staatsoper / Parsifal – Parsifal Andreas Schager, Kundry Claudia Mahnke © Hans Jörg Michel

In dieser Gemengelage schreitet nun zur Spielzeiteröffnung 2017/18 an der Hamburgischen Staatsoper Regisseur Achim Freyer mit seinem Team aus zahlreichen Bühnen-, Video- und Kostümmitarbeitern im Auftrag vom Intendant George Delnon und unter dem Dirigat von Kent Nagano in Wagners vieldeutiges Werk ein. Freyer betrachtet das Werk Parsifal nicht als Weihfestspiel, sondern als ein großes, facettenreiches Gesamtkunstwerk.

Freyers zentrales Ausstattungselement ist eine riesige, die ganze Bühne ausfüllende Spirale, die mit Spiegeln am Boden und an der Decke das Universum der Handlung vorgibt. Die Spirale kann als Synonym für eine militante Welt betrachtet werden, in der sich alles weiterentwickelt, aber auch immer wieder an die gleichen Stellen stößt. Raum und Zeit wirken hierin als Erfindung unserer Gesellschaft, die von Liebe, Aggression und Machtausübung dominiert wird. Alle sind an der Spirale beteiligt mit ihren Werkzeugen. Kundry, die rastlose Verführerin, kommt nicht klar in dieser Gesellschaft und steht zwischen allen. Die Blumenmädchen fungieren als Symbol für Verführung und Sehnsüchte. Der „Reine Tor“ Parsifal tritt in diese Welt und lernt, nicht zu töten, den sexuellen Umgang mit den Blumenmädchen, seine Vergangenheit mit Leid und Sehnsucht und im reifen Alter wie die Gesellschaft besser funktionieren kann. Schließlich kommen Parsifal und Kundry liebend zusammen, um eine neue, erlöste Welt zu begründen.

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Blumenmädchen und Parsifal Andreas Schager © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Blumenmädchen und Parsifal Andreas Schager © Hans Jörg Michel

Diese Konzeption ist nun nicht unbedingt besonders aufregend oder neu, sie konzentriert sich stattdessen auf das Erzählen der Geschichte Parsifals mit den bekannten und oft benutzten stilistischen Mitteln des Regisseurs.

Die meist in schwarz gehaltene Bühne wird aufwändig mit Videotechnik bebildert, die dem Zuschauer durch Einblendung von Stichworten wie Anfang, Nacht, Quell, Mitleid, Schrei, Traum, Schmerz, Schlaf u.v.m. die Vielfalt der menschlichen Existenz vor Augen führen soll. Die handelnden Figuren und etliche Ausstattungselemente hingegen kommen in kräftigen, pastellfarbenen Tönen daher.  Gurnemanz  in schwarz mit riesiger Spirale und doppeltem Kopf weist den schwantötenden Parsifal mit sparsamen Gesten zurecht (großartig, textverständlich und mit äußerster Sicherheit wohlklingend dargestellt durch den südkoreanischen, bayreutherfahrenen Bass Kwangchul Yuon). Amfortas  gleicht Christus und wird von zwei Gralshütern am Kreuz getragen und gestützt. Der verwundete König wirkt willenlos, ist den „höheren“ Mächten ausgeliefert (hervorragend gesungen von einem der wichtigsten Bass Baritone unserer Zeit Wolfgang Koch, der hier in Hamburg schon häufig u.a. als Kurwenal und Don Giovanni zu erleben war). Kundry rollt wie ein Wollknäuel mit körperlangen Zöpfen in die Szenen (Claudia Mahnke gestaltet die Rolle meisterhaft mit ihrem wunderschön timbrierten Mezzo, glasklaren Höhen und feinster Stimmführung. Bereits in der letzten Saison wusste sie als Judith in Herzog Blaubarts Burg das Hamburger Publikum zu begeistern).

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

 Titurel  kurvt  in einem Rollstuhl mit bekrontem Haupt auf den oberen Ebenen der Spirale (etwas unsicher gesungen von Tigran Martirossian). Klingsor macht auf Ba(d)tman mit knallbunter meterlangen Krawatte sein Gemächt verhüllend, heraushängender blutroten Zunge, schrillem Aussehen und Habitus (Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper Vladimir Baykov gibt den überdrehten, vor Gier wilden Klingsor mit großem Engament solide, mit etwas wenig Legato behaftet und wacklig in der Höhe). Parsifal in weiß wie ein Harlekin gekleidet mit den dynamischsten Bewegungen der Protagonisten. Von sparsamer, Robert Wilson-ähnlicher Gestik bis zu akrobatischen Läufen besonders in den Szenen mit Kundry (atemberaubend gesungen von mittlerweile „dem“ Parsifal unserer Zeit Andreas Schager(l). Der Österreicher trumpft auf mit lupenreinem, absolut sicherem Tenor.  Er gestaltet die Partie kraftvoll mit feinster Stimmführung und hoher Textverständlichkeit). Die sehr gut intonierenden Blumenmädchen agieren  halbnackt, mit übergroßen Brüsten und wenig erotischem Erscheinungsbild (alle Darstellerinnen sind aus dem Ensemble oder Opernstudio). Die Gralsgesellschaft  wird in meist dunklen Kostümen mit hellen Masken und verzerrten Gesichtern gezeigt (der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter dem Dirigat von Eberhard Friedrich, der gerade frisch wieder von Bayreuth zurück an der Elbe ist, hat die Routine und Klasse aus dem Frankenland mit an die Elbe gebracht: präzise und wunderbar geführt kommen die Damen und Herren wieder an ihre Bestleistungen vergangener Tage heran). Klingsors Speer befindet sich in einem vom Schnürboden herabfahrbaren Gestell, das an eine unsymmetrische Geometrie aus der Schulzeit erinnert. Etliche Symbole, wie beispielsweise der getötete Schwan (hier ein riesiger blutroter Lappen) sind in knallbunte Farben getaucht. In dieses rote Tuch wickelt sich Parsifal bei der Gralsenthüllung am Ende des ersten Aktes ein. In der Verwandlungsmusik, in der die Zeit zum Raum wird, erscheinen alle aus der Gesellschaft auf den Ebenen der Spirale, die sich mit Videotechnik untermalt in sich dreht. Zum Ende des ersten Aktes werden viele Lampen im Hintergrund der Bühne erleuchtet, über die ein (wohl den Gral darstellender) kleiner Junge mit überdimensionalem Kopf in Lampenoutfit mit einem Hasen im Arm schreitet (vielleicht ein Symbol für Ostern und die Fruchtbarkeit?). Die Lampen füllen sich mit Blut und leiten das Ritual ein. Mit dieser Bildersprache und Einheitsbühnenbild geht es auch in den folgenden Akten weiter bis am Schluss die Spiegel unter dem Schnürboden völlig kippen und nur noch Kundry mit Parsifal in Erlösung darstellender Pose verbleiben.

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Die vielen zum Teil kafkaesk anmutenden Bilder, die der Zuschauer sehen konnte, bestechen durch Farbenvielfalt, aufregende Kostüme, mannigfaltige Videoeinspielungen und ungewöhnlichste Gesten, die dem Betrachter Abwechslung präsentieren, ihn in die Bilderwelt des Achim Freyer hinein tauchen und quasi zu einem Teil des Gemäldes machen. Dennoch stellt man sich viele Verständnisfragen.

Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg in 3 Stunden und 50 Minuten im ersten Akt zunächst recht getragen, im Folgenden dann ziemlich flott durch die Partie. Alles klingt auf hohem musikalischen Niveau, allerdings mit kaum spannenden, gewagten oder dynamischen Einfällen.

Das Publikum reagierte sehr unterschiedlich auf die Inszenierung. Während mancher Besucher die Vorstellung vorzeitig verließ feierte das verbliebene Publikum Ensemble, Dirigent und Chor mit lauten Bravos und großem Applaus.

Parsifal an der Staatsoper Hamburg: Weitere Aufführungen 27.9., 30.9., 3.10 2017

 

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